Evangelische Volksbibliothek

 

Band 1269

Gottfried Daniel Krummacher

Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan

 

herausgegeben von

 

Andreas Janssen

 

2015

 

Vorwort

 

Wir nähern uns dem 500. Jahrestag der Reformation in Deutschland. Anders als in den vergangenen Jahrhunderten scheint es so, als ob dieser Tag für uns keine Bedeutung mehr hat. Sicher, die Namen einiger Reformatoren sind noch immer bekannt - Luther, Calvin, Zwingli, eventuell auch Melanchthon oder - vor allem in Süddeutschland - Brenz und Bucer. Aber ihre Leistung, ihr Werk, ihr Leben ist zumeist vergessen oder in Verruf gebracht worden.

 

An andere Reformatoren denkt man gar nicht - dabei wäre ohne sie das Werk der Reformation nie zustande gebracht worden.

 

Die Glaubensstimme bietet seit einigen Jahren kostenlos allen interessierten Lesern Texte auch dieser Reformatoren an. In Vorbereitung auf das Gedenkjahr 2017 wird jetzt in der Lesekammer die Reihe "Evangelische Volksbibliothek" herausgegeben. Die Titelseite dieser Reihe ist der gleichnamigen Buchreihe von Dr. Klaiber aus dem 19ten Jahrhundert entnommen.

 

Darüber hinaus bietet die "Evangelische Volksbibliothek" eine Reihe weiterer Bücher anderer christlicher Autoren aus den letzten 2000 Jahren, sowie verschiedene Themenbände. Die Reihe wird permanent erweitert.

 

Alle Bücher können kostenlos aus der Bibliothek der Glaubensstimme heruntergeladen werden.

 

Leimen, 01.07.2015

 

Andreas Janssen

 

 

Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan (1).

Erste Predigt.

Eingang.

 

Alle Schrift von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit; sagt der Apostel 2. Tim. 3,16. Er erklärt also die ganze heilige Schrift für eingegeben von Gott und für nützlich. Die Nützlichkeit der Schrift leuchtet fast aus allen Theilen derselben hervor. Aber der Ausspruch des Apostels lautet so allgemein, daß gar nichts von der Nützlichkeit ausgenommen ist, wenn uns dies auch nicht immer und überall einleuchtet. Und ist es etwa uns nicht nützlich, so ist es das Andern, ist’s jetzt nicht mehr, so war’s ehemals. – Paulus selbst erscheint of als ein seltsamer Schriftausleger. So führt er z.B. 1. Tim. 5,18. die göttliche Anordnung an, den Ochsen, die man ehemals zum Dreschen brauchte, das Maul nicht zu verbinden; und zwar als einen Beweis, daß die Gemeinen schuldig sind, für den Unterhalt ihrer Prediger zu sorgen. 1. Kor. 9,9. führet er denselben Beweisgrund an und setzt noch wohl seltsamer Weise hinzu: Sorget Gott für die Ochsen? Oder sagt re’s nicht allerdings um unsert willen? – denn es ist ja um unsert willen geschehen. Dasselbe sagt er auch Röm. 4. von Abraham, von welchem die Schrift sagt: er hat Gott geglaubet, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. Dasselbe ist aber geschrieben nicht allein um seinetwillen, sondern auch um unsertwillen, welchen es soll zugerechnet werden, so wir glauben an den, der unsern Herrn Jesum auferweckt hat von den Todten. Bei Letzterm leuchtet es aber eher ein, als bei dem, was Gott von den Ochsen sagt. – Welche merkwürdige Deutung gibt der Apostel Gal. 4., der Geschichte mit Isamel und Isaac, sagt ausdrücklich, die Worte bedeuten etwas und zwar die beiden Testamente, wovon eins zur Knechtschaft, das Andere zur Freiheit gebiert, und führt dabei die Bedeutung des Namens Hagar im Arabischen an, welche die Mutter Ismael’s war. Bekannt ist es auch, welche wichtige Lehren er im Hebräerbrief aus der Bedeutung des Wortes Melchisedek herleitet, und sogar aus dem sowohl herleitet, was von ihm gesagt, als verschwiegen wird.

 

Die Geschichte der Kinder Israel, sonderlich in der Wüste, betrachtet er so, daß er 1. Kor. 10,6. sagt: „Das ist uns zum Vorbild geschehen.“ Er führt das rothe Meer, das Manna, den Felsen, so wie Christus die kupferne Schlange an. – Ueberhaupt ist die Geschichte der vierzigjährigen Reise der Kinder Israel durch die Wüste, zu allen Zeiten höchst bemerkenswerth. Gott selbst giebt 5. Buch Mose 8. verschiedene wichtige Zwecke derselben an, z.B. 1) daß alles kund würde, was in ihren Herzen wäre; 2) daß er sie demüthige, damit er ihnen hernach wohlthäte; 3) daß sie nicht sagten: mein Vermögen und meiner Hände Stärke haben mir dies ausgerichtet; 4) nicht meinten, als kämen sie um ihrer Gerechtigkeit und ihres aufrichtigen Herzens willen, in Canaan u.a.m. Die Reisegeschichte des alten Volkes Gottes ist auch diejenige des jetzigen, und wird die Reisegeschichte bleiben, einzelne Ausnahmen abgerechnet, bis es in Canaan kommt.

 

Laßt mich jetzt meinen Zweck, warum ich das bisher Angeführte gesagt habe, näher treten und euch denselben mittheilen.

 

Schon lange war mir das Register der Lagerstätten merkwürdig. Ich wußte wohl, daß die Namen derselben alle ihre Bedeutung hätten und es sich damit nicht verhielte, wie mit manchen unserer Oerter, deren Namen weiter keine Bedeutung haben (als Berlin, Weimar u. dgl.). Auch glaubte ich, daß diese bedeutende Namen ihr Wichtiges und Lehrreiches enthielten: deshalb suchte ich ihre Bedeutung zu wissen, was mir so ziemlich gelang, und wenn es schwer war, die eigentliche Bedeutung zu bestimmen, und das Wort mehr als Eine zuließ, so schien mir auch das lehrreich, weil der Christ auch wohl Wege geführt wird, die er nicht recht zu benennen weiß. Als ich so weit war, wollte ich auch gern darüber predigen, scheute mich aber doch aus manchen Gründen, es zu thun. Ich dachte an diejenigen, welche etwa, wenn sie die seltsamen Texte hörten, mit Recht denken würden: findet er denn nun keine deutliche Texte genug, daß er solche seltsame wählt? Was soll das vorstellen? Und wirklich, sollte mir kund werden, daß mehrere unter euch so denken, so will ich von meinem Vorhaben abstehen, dessen Zweck kein anderer als unsere Erbauung ist, und also wegfallen muß, wenn dieser Zweck verfehlt wird. Auch behalte ich mir selbst meine Freiheit vor, abzubrechen, wenn’s mir selbst nicht mehr zusagte, fortzufahren. Besonders und am meisten begehre ich und ohne Zweifel ihr mit mir, daß der Herr aus und in Gnaden sich das Gespräch unserer Lippen wohlgefallen laße und seinen Segen dazu verleihe, daß unsere Betrachtungen uns zur Erbauung gereichen mögen. Gefallen euch aber die Texte nicht, so äußert euch so darüber, daß ich’s wieder erfahre, so will ich sehr bereitwillig andere deutliche suchen, deren Sinn jeder vernimmt, der deutsch kann, ohne in alten Büchern nachschlagen zu müßen, die er nicht haben kann.

 

Betet denn mit mir:

 

(Gebet.)

 

Text: 4. Buch Mose 33,1-5.

 

Dies wäre demnach unser Text, und wenn ihr das Uebrige dieses Kapitels zu Hause durchsehen wolltet, so würdet ihr da bis zum 49. Vers, ein Verzeichniß der Texte finden, worüber ich, unter Voraussetzung dessen, was dabei vorausgesetzt werden muß, eine Zeitlang zu predigen gesonnen wäre, wenn’s euch nicht zuwider ist.

 

Moses beschrieb die Reise des Zuges Israel in diesem Kapitel. Er that das nicht, weil er gerade selbst eine Neigung dazu gehabt hätte, sondern er that’s auf ausdrücklichen Befehl des Herrn. Ist das nicht geeignet, in uns die Fragen aufzuregen: was war die Absicht dieses Befehls? Und da er blos Namen betrifft, was mag hinter diesen Namen stecken? Liegt etwa auch für uns etwas Nützliches zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, darin? Finden wir hier etwa Fußtritte der Schaafe? wie es zur Brraut im Hohenliede Kap. 1,8. heißt: Kennest du dich nicht, du Schönste unter den Weibern, so gehe hinauf auf die Fußtritte der Schaafe. Sollten die innerlichen Führungen der Seelen nicht manches Aehnliche haben mit den äußerlichen des alten Volkes Gottes, und wäre es nicht auch angenehm, wenn man bemerkte, man wäre etwa auch da, wo die Kinder Israel sich befanden, als sie zu Suchot, Elim oder Horgidgad sich lagerten? Durften sie sich doch nicht lagern, wo sie wollten, sondern wo die Wolken- und Feuersäule sie hinführte, und mußten auch so lange da bleiben, bis sie das Signal zum Aufbruch gab. Nirgends als hier sind Frühpredigten; warum sollte es denn nicht erlaubt seyn, in denselben, auch mit zur Belustigung, Texte zu nehmen, die sonst nicht vorzukommen pflegen? Alles kommt dabei auf des Herrn Segen an.

 

Der Aufenthalt der Kinder Israel in Egypten mag als ein Bild des Naturstandes gelten. Pharao ist ein Bild des Teufels sowohl als des Gesetzes, so wie Egypten der Welt mit ihren Gütern. Zwar sind hauptsächlich nur stinkendes Knoblauch und Thränen erregende Zwiebeln, welche das Egypten dieser Welt auftischt, auch Fleisch und Fische, aber der verdorbene Geschmack des natürlichen Menschen, der nichts anders kennt wie dies, zieht’s jeglichem andern, sonderlich dem Manna, dieser Engelspeise vor, und hungert nur darnach. Denn ist’s nicht wahr, trachtet nicht der fleischlich gesinnte Mensch nur ausschließlich nach irdischem Gut und zeitlichem Wohlleben? Wie werden seine Begierden darnach entzündet, während die Vorstellung anderer himmlischen Güter nicht vermögend ist, auf sein Begehrungs- Vermögen Eindruck zu machen! Israel ließ sich’s in seinem Gosen vollkommen wohl seyn, ohne nach Canaan zu verlangen; - und ach! steht’s nicht von Natur um uns Alle so? Nach der Natur ging’s ihnen auch besser in Egypten als in der Wüste, und warum wollten wir’s läugnen, daß der Christenstand wirklich ein solcher durchgängig sey, wie Paulus es vermuthen läßt, wenn er sagt: Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christum, so sind wie die Elendesten unter allen Menschen. Wir sind wohl selig, aber in der Hoffnung. Christus läßt uns darüber auch gar nicht in Zweifel, wenn er erklärt, wer sein Jünger seyn wollte, der müsse sein Kreuz auf sich nehmen und ihm nachfolgen. Christen heißen Streiter Jesu Christi, und man weiß wohl, wie es im Kriege hergeht, zumal da wir nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen haben, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsterniß dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Die Welt erlaubt sich Alles, und erschrickt wohl, wie Hiob sagt, kaum einen Augenblick vor der Hölle – während ein frommer Assaph klagt, jeder Morgen bringe ihm seine Plage. Sich Augen auszureißen, Hände und Füße abzuhauen, ist kein leichtes Werk, und das Wirken und Schaffen seiner Seligkeit ist allerdings oft mit Furcht und Zittern verbunden. Die Welt mit ihren Gütern und Ergötzlichkeiten ist ein gefährlicher Feind und hält die Meisten gefangen. Wir dürfen uns aber derselben nicht gleichstellen, sondern ausgehen sollen wir und nichts Unreines anrühren, und nach dem trachten, was droben ist. Pharao, sag’ ich, ist ein Bild des Teufels, denn derselbe hält die Menschen gefangen, die deswegen erweckt werden müssen, nüchtern zu werden aus des Teufels Strick, sich zu bekehren von der Gewalt des Satans zu Gott. Er heißt ein Gott dieser Welt, der sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens; ein stark Gewapneter, der seinen Pallast bewahret. – Als eine listige Schlange versteht er zu täuschen und zu verführen, und kann sich sogar als ein Engel des Lichts verstellen, der allen Glauben zu verdienen scheint. Als ein starker Löwe weiß er seine Beute mächtiglich festzuhalten. Wie Pharao Israel, so sucht er das Volk Gottes von der Erde zu vertilgen, und alle Wahrheit und Gottseligkeit aus derselben, aus Aller Verstand und Herz zu verdrängen. Schreckt er Etliche durch sein Gebrüll, so weiß er Andere einzuschläfern und geht umher, suchend, welche er verschlinge. Pharao ist auch ein Bild des Gesetzes. Das Gesetz, die Gebote können Niemand selig machen. Niemand wird dadurch zur Liebe Gottes und des Nächsten tüchtig, daß ihm Beides hart geboten wird, dann käme die Gerechtigkeit aus dem Gesetz. Aber obschon das Gestz nicht selig machen kann, so kann es doch wegen der Seligkeit bekümmert, darnach begierig und für’s Evangelium empfänglich machen, indem es ihn in Angst und Noth setzt. So lange es Israel in Egypten wohl ging, würde Moses mit seiner Predigt: er wolle sie nach Canaan führen, wohl wenig ausgerichtet haben. Was fehlt uns denn hier? würden sie ihm erwiedert und wenig Neigung gehabt haben, in ein fremdes Land zu reisen, wohin sie den Weg nicht einmal wußten. Geht’s nicht eben so mit der Predigt des Evangeliums? Wie will man Jemand bewegen, nach der Seligkeit zu streben, der auch ohne dasselbe wohl zufrieden ist, ja wird er’s nicht als etwas ansehen, daß ihm eine Noth seinen gegenwärtigen Genuß durch Vorspiegelung eines ganz andern, stören wolle, zumal da ihm die im Evangelio verkündigte, von Jesu ausgehende Seligkeit als ein Hirngespinst vorkommt? Was für Annehmlichkeiten wird die Botschaft von der Vergebung der Sünden in dem Blute Jesu Christi für solche haben, die wegen ihrer Sünden ohne Kummer sind, oder sich selbst für so fromm halten, daß sie’s als eine Art von Beleidigung ansehen, wenn man ihnen die Sündenvergebung als ein so großes Gut vorhält? Wie will man Menschen bewegen, auf die Sendung Jesu in die Welt, um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, einen hohen Werth zu setzen, - wie sie bewegen, allen Ernstes ihre Zuflucht zu ihm zu nehmen und ihn dringendst anzuflehen: mache mich auch selig? die sich entweder nicht für Sünder oder doch nicht für so elend halten, daß sie sich selbst nicht sollten durchbringen können, oder denen die Sünde keine Last und Plage ist, kein Druck, von welchem sie vor allen Dingen befreit zu werden begehren! Die Verkündigung des Evangeliums ist bei ihnen eben so vergeblich, als die Empfehlung eines Arzneimittels bei Gesunden. Da muß vorher Noth, Trauer, Angst und Kummer, und zwar nicht natürlicher, sondern geistlichere Art, entstehen, dann giebt man schon gerne acht, wenn von einem Retter die Rede ist. War Jemand krank, so wandte er sich schon zu Jesu, mochten die Andern ihn halten, wofür sie wollten. Mit Noth, Kummer und Elend beginnt das Erlösungswerk, und das Gesetz ist sehr geeignet, diese zu bewirken. Das bildet uns Pharao ab. Er zerstörte das Glück, was die Kinder Israel bisher so genüglich in seinem Lande und in der angenehmen Provinz Gosen genossen hatten, und machte sie zu sehr elenden Leuten, und erzeugte eben dadurch in ihnen ein sehnendes Verlangen nach Erlösung von seiner Bothmäßigkeit. Und wie ging das zu? 1) Beschwerte er sie mit schweren Forderungen, da sie täglich eine bestimmte Zahl Ziegel streichen und liefern mußten. An der bestimmten Zahl durfte nichts fehlen, oder sie wurden von den über sie gesetzten Frohnvögten gar arg mitgenommen. Endlich wurde es ihnen aber gar zu arg gemacht, so daß es ihnen unmöglich wurde, ihr Quantum zu liefern, da man ihnen kein Material mehr dazu hergab, und doch von dem Quantum nichts nachließ. Ihre Beschwerführung bei’m Pharao wurde sehr ungnädig aufgenommen, und sie gar noch für faule Leute ausgescholten. Müßig seyd ihr, ihr seyd müßig! das war der Bescheid, den sie bekamen, und so stieg denn ihre Verlegenheit und Angst auf den höchsten Gipfel.

 

Wir Menschen wollen alle durch Thun selig werden und wissen auch keinen andern Weg. Der ganz natürliche Mensch aber, meint sehr bald fertig damit zu seyn. Begeht er keine grobe Laster, thut er nur nicht ausgezeichnet Böses, so scheint ihm das genug, gerade als wäre es hinreichend, nur nicht viel Böses zu thun. Thut er Böses, so hat er gleich eine Menge von Entschuldigungen bei der Hand. Oft sollen andere menschen, oft seine Verhältnisse Schuld daran seyn, oder es ist damit abgemacht, daß wir Alle fehlerhafte Menschen sind. So gar genau kann, darf und wird es nicht halten, und sie lassen sich gar nicht darauf ein, daß dem Gesetz ein durchaus vollkommener Gehorsam geleistet werden müsse. Diejenigen nun, die noch einige Schritte weiter gehen, wirklich ein tugendhaftes Leben führen, wirklich manches Gute üben und manche löbliche Eigenschaften an sich haben, die meinen nun vollends, es könne ihnen gar nicht fehlen. Also setzt das Gesetz sie keineswegs in Verlegenheit oder Angst, sondern es geht ihnen, wie den Kindern Israel, so lange noch keine Frohnvögte über sie gesetzt waren. Da lebten sie vergnügt und sehnten sich nicht nach dem verheißenen Lande. Paulus aber sagt von einer Periode seines innern Lebens: das Gesetz kam und es kommt zu jedem Erweckten als ein Frohnvogt und Zuchtmeister. Die Frage: was muß ich thun, daß ich selig werde? ist ihm wichtig und Hauptsache geworden. Er schickt sich auch wirklich zum thun an, und nimmt sich vor, sich zu bekehren und sein Leben zu bessern, sucht dies auch in eine thärige Ausübung zu bringen. Er fängt seine Besserung an mit ernstlichem Vorsatz nicht nur, sondern auch mit Gebet um den göttlichen Beistand und in der zutrauenden Erwartung, der Herr werde ihm auf diesem guten Wege gewiß Gedeihen geben. Er läßt sich auch gar nicht übel dazu an und es macht ihm guten Muth, daß der Herr Kraft und Stärke geben will, ja, daß Alles durch ihn möglich ist. Ist er noch jung, so freuet er sich schon im Voraus darauf, wie weit er’s nicht noch werde bringen können, wenigstens will er’s an aufrichtigem Ernste nicht fehlen lassen. Allen sonst gewöhnlichen Entschuldigungen giebt er kein Gehör mehr, weil die ihn ja nur lähmen und in seinem Laufe aufhalten würde. Aber es geht ihm wie Leuten, die ein altes Haus repariren; sie meinten, mit einer kleinen Hülfe auszureichen, aber je mehr sie repariren, desto mehr Baufälliges werden sie gewahr und sehen ein, es sei am besten, von Grund aus neu zu bauen. Der weite Umfang der Gebote und die geistliche Beschaffenheit derselben, werden ihnen immer deutlicher. Sie sehen mit Paulo ein, daß selbst die Lust Sünde sey, und machen die betrübende Entdeckung, welche unser Lied in den Worten ausdrückt: die Sünd’ hat mich besessen. Mit der Zeit geht’s der Seele auch so, wie den Kindern Israel, da ihnen das Stroh zu ihren Ziegeln nicht mehr gereicht wurde, wie bisher geschehen war, d.h. sie können je länger je weniger, und sollen je länger je mehr. Wollen sie klagen, so heißt es: Müßig seyd ihr, ihr seyd müßig, es fehlt euch am Ernst, an Aufrichtigkeit, am Gebet, am Glauben. Alles sollen sie selbst thun, und wollen sie sich auf die Genugthuung Christi berufen oder auf Gnade trauen, so wird ihnen das als lauter Faulheit und als ein Ruhekissen für den alten Menschen vorgerückt, und es heißt: Fort an eure Arbeit. Lassen sie’s irgendwo fehlen, so werden sie bitterlich geschlagen. Ihr Gewissen ängstet sie, die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes schreckt sie, die Drohungen beklemmen sie, so daß sie oft nicht wissen, wo aus noch ein, zumal da ihren besten Vorsätzen die Kraft ermangelt, ihrem Herzen die standhafte Richtung zum Guten zu geben. Jetzt werden sie den Kindern Israel auch wohl darin ähnlich, daß sie vor Angst und Seufzen ihres Herzens, die gute Botschaft von ihrer Erlösung nicht einmal hörten, weil ja nur das Uebel ärger bei ihnen wurde. So wurden sie, so wird man noch für’s Evangelium vorbereitet.

 

2) Ja, Pharao ging mit nichts geringerm um, als Israel gänzlich auszurotten. Das Gesetz richtet nur Zorn an. Es predigt die Verdammniß. Es verkündigt den Fluch. Es tödtet. Es ist die Kraft der Sünde und erreget allerlei Lus. Es ängstigt und schreckt. Auch ist ihm kein Genüge zu leisten, sondern es dehnt seine Forderungen in’s Unendlich aus, so daß es ganz geeignet ist, die Gemüthsgestalt zu bewirken, welche in dem Liede also ausgedrückt wird:

 

Die Angst mich zum Verzweifeln trieb,
Daß nichts als Sterben bei mir blieb,
Zur Hölle mußt’ ich sinken.

 

So ward Israel, so wird der Erweckte in Noth gesetzt und eben dadurch zur Erlösung bereitet. In Egypten konnten sie’s nicht mehr aushalten, aber wußten auch nicht herauszukommen. Egyptens Annehmlichkeiten wurden ihnen gänzlich verleidet, aber die Drangsale, die sie erlitten, machten ihnen die Erlösung so viel herrlicher, welche sie erlangten.

 

Sie wurden aber erlöset und zwar durch eine hohe Hand Gottes. Sie zogen aus Egypten vor den Augen der Egypter, welche damit beschäftigt waren, ihre todte Erstgeburt zu begraben, so daß Niemand sie hinderte. Der erste Ort, wo sie ankamen, hieß Raemses. Merkwürdiger Name. Er heißt auf Deutsch: Auflösung des Uebels und Freuden-Donner, oder laut jubelnde Freude. Ist das nicht merkwürdig? Ist das nicht der Erfahrung gemäß? Entspringt nicht eins aus dem Andern, die jubelnde Freude aus der Aufhebung des Uebels? Und freilich, wie groß mußte die Freude, wie groß und weit umher hörbar die Freude der Kinder Israel seyn, als sie sich nun wirklich, was sie oft gar nicht hatten hoffen dürfen, aus der Hand Pharao’s und aller seiner Tyrannei erlöset sahen! War ihnen einst bei der Erlösung aus Babel wie den Träumenden, so mußte ihnen jetzt auch also zu Muthe seyn, und sie die Wirklichkeit nicht ohne große Freude glauben und sehen. Was wird’s einst seyn; wenn die müden Streiter von dem mühseligen Kampfplatz dieser Erde erlöset, auf immer und vollkommen erlöset, eingeführet werden in die ewige Ruhe! Wird da nicht auch der erste Ort, wo sie ankommen, Raemses, Freuden-Donner, heißen, weil nun die vollkommene Erlösung von allem Uebel für sie angebrochen ist? Aber etwas Aehnliches ereignet sich hienieden schon, sonderlich alsdann, wenn die geängstete Seele, sie, die kein Durchkommen mehr sah und ihre Errettung fast für ein Stück der Unmöglichkeit hielt, sie, die sich nicht vorstellen konnte, daß sie je eine fröhliche Stunde auf Erden mehr würde haben, will geschweigen, zu einer wahren Freude und zu der gewissen Versicherung ihrer Begnadigung, ihrer Kindschaft und ihres unzweifelhaften Antheils am ewigen Leben, gelangen könne, sie, die es nur niederschlug, wenn man ihr Muth zusprechen und sie zum Glauben ermuntern wollte, weil Alles gewiß noch einmal ganz gut gehen werde, und die vollends zaghaft wurde, wenn sie Andere getrost und freudig sah, - wenn eine solche Seele nun oft ganz unerwartet und schnell von der Finsterniß zu des Herrn wunderbarem Lichte berufen und tüchtig gemacht wird, seine herrlichen Tugenden zu verkündigen, wenn der Vater den verlornen Sohn, da er noch ferne ist, schon erblickt, ihm entgegen eilt, umarmt, küßt, auf’s Schönste schmückt und köstlich bewirthet, da entsteht ein Raemses und man hört den Gesang und Reigen. Oft weiß sich die nun getröstete Seele gar vor Freude, Dank und Liebe nicht zu lassen. Sie vergißt jetzt nicht nur alles ausgestandenen Leides, sondern wollte wohl gern zehnmal mehr und länger ausgestanden haben. Ihre feurige Dankbarkeit und die Liebe Christi dringt sie, sich gänzlich Christo und seinem Dienste unwiderruflich aufzuopfern, möge es ihr auch dabei ergehen, wie es will. Alles will sie leiden, meiden, thun. In solcher Seelenverfassung sagt man: ich schwöre und will es halten, daß ich die Rechte deiner Gerechtigkeit halten will. Da ruft man: Kommt her, die ihr den Herrn fürchtet, ich will erzählen, was er an meiner Seele gethan hat. Dann sagt man: Da vergabst du mir die Missethat meiner Sünde, Sela! und kann es festiglich und mit Anwendung auf sich selbst glauben: wenn die Sünde blutroth ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gleich ist, wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden; ruft mit dem Propheten verwundernd aus: Wo ist ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergiebt, und erläßet die Missethat den Uebrigen seines Erbtheils; und spricht: Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat! Der dir alle diene Sünde vergiebt, und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit! Danksaget nun dem Vater, der uns errettet hat von der Obrigkeit der Finsterniß, und hat uns versetzet in das Reich seines lieben Sohnes. Der nach seiner großen Barmherzigkeit uns wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung, durch die Auferstehung Jesu Christi von den Todten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das behalten wird im Himmel. Nein, nicht um der Werke willen der Gerechtigkeit, die wir gethan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit, machte er uns selig, durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des heil. Geistes. Jetzt heißt die Seele: meine Lust an ihr, und wunderbarer Weise steht die schöne Frucht des Geistes wie durch einen Zauberschlag auf einmal in ihrer lieblichen Anmuth und der neue Mensch da, voll Liebe, Friede, Gerechtigkeit und Freude im heiligen Geist, wie wenn im Frühling ein warmer Regen der Erde in kurzer Zeit ihr Winderkleid auszieht und den festlichen Schmuck anlegt. Die Sünde, das böse Gewissen, Furcht und Zweifel, sind wie verschwunden und an deren statt blühet das Reich Gottes in der Seele, Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist. – Dies alles ist der vorhin so geängsteten Seele etwas ganz neues, das sie nie gekannt hat, es ist dasjenige, was nie in eines Menschen Herz gekommen ist, und das Gott bereitet hat, denen, die ihn lieben. Kein Wunder, wenn sie darüber in ein Freudengeschrei ausbricht, das sie oft nicht blos für sich behalten kann, sondern es auch andern mittheilt, möchte es auch heißen: diese sind voll süßen Weins; wenn sie mit jener Sünderin an Jesu Füßen liegt und sich über denselben ausweinet. Kein Wunder auch, wenn sie jetzt die größten Dinge verspricht und sie halten zu können glaubt. Kein Leiden soll ihr zu schwer seyn, sondern ihr Herr, der sie geliebet und sich selbst für sie dargegeben hat, mag ihr nur getrost auferlegen, was er gut findet; keine Verläugnung, kein Opfer, keine Pflicht soll ihr zu hart seyn, denn ihre dankbare Liebe weiß keine Gränzen. Insbesondere will sie nun auch stets in einem unendlichen Vertrauen zu Jesu beharren, wozu sie auch jedes Blatt in der heiligen Schrift auffordert, welche ihr jetzt so ausnehmend klar ist, daß ihr gleichsam jener Stern vorleuchtet, welcher vor dem Weisen herging und sie zu Jesu weiß, ohne daß sie einer andern Anleitung bedurften. – Doch wer je zu Raemses gewesen ist, der weiß auch, wie es da so herrlich zugeht. Alle Weltfreude ist dagegen nicht nennenswerth, sondern billig ginge Jeder hin, verkaufte Alles, was er hat, um diese Perle zu kaufen, die reicher macht, als alle sonstigen Schätze, prächtiger ziert, als jeder andere Schmuck. Du erfreuest mein Herz, ob jene gleich viel Wein und Korn haben. Wenn du mich tröstest, so laufe ich den Weg deiner Gebote.

 

Dies war der erste Lagerplatz. Und gewöhnlich pflegt der bußfertigen Seele ein köstlicher Willkomm im Reiche Jesu Christi zu Theil zu werden, abgebildet durch das Freudenmahl und die andern Fest- und Feierlichkeiten wegen der Rückkehr des verlornen Sohnes; durch die Freude über das wiedergefundene Schaaf, das der Hirte auf seine Achseln nimmt und nach Hause trägt; über den wiedergefundenen Groschen, wo die Nachbarinnen zur Mitfreude zusammengerufen werden, wovon Jesus Luc. 15. redet. Freilich ist dies nicht bei allen Seelen gleich groß, wie es auch die Arbeit der Buße nicht ist, und das Eine richtet sich gewöhnlich nach dem Andern. Aber jede Seele empfängt doch einige liebliche Gnadenbröcklein, welche ihr lebenslänglich unvergeßlich bleiben.

 

Nun ist es denn auch nicht zu verwundern, wenn der zweite Lagerplatz Suchot, d.h. Hütten, genannt wird; denn so findet’s sich auch in der geistlichen Reiseroute des Volkes Gottes. Dieser Name erinnert uns theils an die Erwartungen, die Begierden und Hoffnungen der also erquickten und getrösteten Seelen, diese Freude werde nun an einem fortdauern. Ja, ihre Glaubensgründe leuchten ihr mit einer solchen Klarheit und Gewißheit ein, daß sie schwerlich begreift, wie es ihr je wieder sollte anders werden können. Nimmt sie nur den Einen Spruch: Es ist je gewißlich wahr und ein theures, aller Annehmung werthes Wort, daß Jesus Christus in die Welt gekommen ist, Sünder selig zu machen; - so hat ja an demselben allein, der Glaube Stütze und Fundament genug. Mag’s denn aussehen bei ihr, wie es will, so kommt doch ein Sünder heraus. Und die will Jesus gewiß selig machen. Was kann also zugleich klarer und zuverläßiger seyn; dies allein ist schon genug. Es steht ja unerschütterlich fest. Was braucht man mehr? Sein ganzes Lebenlang glaubt man damit auszukommen, und es ist ja so fest versiegelt. So denkt die Seele und scheint ganz richtig zu schließen. Sie spricht demnach mit David: Nimmermehr werde ich danieder liegen, denn durch dein Erbarmen hast du mein Herz fest gemacht; - sagt mit Petrus auf dem Berge: Herr, hie ist gut seyn, hie laß uns Hütten bauen! – um sobald noch nicht, oder auch gar nicht von hinnen zu gehen. Ist das nicht auch sehr wünschenswerth? O! rief Hiob, Kap. 29., daß ich wäre wie in den vorigen Tagen, in den Tagen, da mich Gott behütete, da seine Leuchte über meinem Haupte schien und ich bei seinem Lichte in Finsterniß wandelte, wie ich war in meiner Jugend, da Gottes Geheimniß über meiner Hütte war!

 

Aber das Wort Suchot, Hütten, deutet auch auf etwas Unbeständiges, Wankelbares. Hütten sind keine Häuser, die für eine lange Zeit berechnet sind, sondern bedürfen nur, wie Zelte, einiger Stangen, Seile und Teppiche, so sind sie fertig, können also leicht aufgeschlagen, abgenommen und anders wohin versetzt werden.

 

Hienieden sind nicht nur die irdischen Dinge sehr veränderlich, sondern auch die Mittheilungen der Gnade. Auch in geistlicher Beziehung redet die Schrift von Abend und Morgen, von grünen Augen, und dunkeln Thälern. Man wohnt in Suchot, in Hütten, und darf’s sich in christlicher Beziehung nicht befremden lassen, wenn’s auf manche Weise abwechselt. Genug, daß die Gnade des Herrn ewiglich währet und seine Barmherzigkeit für immer dar.

 

Dies ist’s denn, was auf diesmal meine Hand euch zu schreiben gefunden hat. Wohl dem, der aus Egypten erlöset, sich auf der Wallfahrt nach Canaan befindet; mag er denn auch nicht mehr in Raemses, sondern in Suchot seyn.

 

Moses heißt Zieher, Aaron die Höhe. Der Herr ziehe uns aufwärts und segne uns durch Christum, und führe uns glücklich durch die Wüste heim. Amen.

 

Zweite Predigt.

Eingang.

 

Merkwürdig ist die Beschreibung, welche der Herr Jesus Joh. 10,27.28. von den Eigenschaften und Vortheilen derer giebt, welche er seine Schafe nennt, und als deren Hirte er sich darstellt. Schafe nennt er sie vornehmlich wegen ihrer Hülf- und Wehrlosigkeit, deren ganzes Glück davon abhängt, einen guten Hirten zu haben. Sein nennt er sie, im Gegensatz gegen diejenigen, von denen er im vorhergehenden Verse sagt: ihr seyd meine Schafe nicht. Es giebt also nur zweierlei Menschen auf Erden, solche, die Schafe Christi sind, und solche, die es nicht sind. Er nennt sie so, weil er sie sich selbst zum Eigenthum erlöset und erkauft hat. Sodann, weil er sie gemacht hat, und nicht sie selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide, Ps. 100,3. Denn von Natur ist nicht nur Niemand ein Schaf Jesu Christi, sondern kann es auch durch natürliche Kräfte nicht werden. Sie sind sein Werk, geschaffen in Christo Jesu.

 

Jesus schreibt ihnen zwei Eigenschaften zu. Die erste ist: sie hören meine Stimme; diese gewalthabende Stimme, welche, wenn sie von denen gehört wird, die in den Gräbern sind, bewirkt, daß sie hervorgehen. Sie hören sie nicht durch einen Schall in den Ohren, sondern durch eine Kraft im Herzen, die daselbst wunderbarlich schafft. Von der Lockstimme der Welt wenden sie ihr Ohr weg, sowohl wenn sie sie zu ihren Grundsätzen, als wenn sie dieselbe zu ihrem Verhalten leiten will. Darum ist auch ihre zweite Eigenschaft: sie folgen mir. Auch im Natürlichen ist ein Schaf ein, gegen seinen Hirten, sehr folgssames Geschöpf. Es liegt in seiner Natur, und obschon es sich nicht gut an einem Stricke leiten läßt, sondern dem Zwange widerstrebt, so bedarf’s dieses Zwanges auch bei ihm nicht, da ihre Art sie dazu treibt, zumal, wenn ihrer Mehrere bei einander sind, denn es ist ein geselliges Geschöpf. Sie folgen aber dem Hirten nach, wohin er geht, und würden ihm durch Wasser und Feuer folgen und eher ertrinken und verbrennen, als zurückbleiben. Sehet die Sulamith, wie sie ihm nacheilt und nachschreiet, mögen die Töchter Jerusalems sie deswegen auch für närrisch achten und die Wächter sie schlagen. Höret den Assaph sagen: dennoch bleib ich stets an Dir, wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet. Sehet das kananäische Weib ihm unabweißlich nachsetzen, und Petrus kann das Folgen auch nicht laßen, obschon Er sagt: diesmal geht’s nicht.

 

Der Vortheile sind vier. 1 ) Ich kenne sie. Das ist die Sache, darauf kommt’s an. Kennt er uns nur, so geht Alles gut, möchte es auch noch so wunderlich gehen. 2) Ich gebe ihnen ewiges Leben. Welch ein Geschenk! Ich gebe es. Welch eine Person! Nicht sie, Er hat’s verdient und giebt’s, wem er will, und Niemand erlangt’s, als dem er’s giebt, und dem giebt er’s umsonst. 3) Und sie werden nimmermehr umkommen. Das scheint doch wohl so, geschieht aber nimmermehr und auf keinen Fall, wie gefährlich es auch wohl aussieht und wie ängstlich sie schreien: wir verderben! 4) Und Niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen. Es reißet genug daran, nicht allein Fleisch und Blut, und Unglaube und böse Begierden, sondern noch was Aergeres: Fürsten und Gewaltige nämlich. Aber Niemand, sagt Jesus, wer es auch sey; - Seine Hand ist stärker, als Alles. So weiset’s sich auch in der Geschichte des Volkes Gottes aus, in deren Betrachtung wir heute fortfahren.

 

Text: 4. Buch Mose 33,6.

 

Dies ist also der zweite seltsame Text und die dritte Lagerstätte. Suchot heißt Hütten, Zelte, und wenn deren eine Menge bei einander ist, so nennt man’s ein Lager. Das alte Volk Gottes bildete hier also ein Lager, und das thut die Kirche Gottes noch. Sie liegt zu Felde, zum Streit gerüstet. Schon zu Suchot hob die wunderbare Führung des Herrn an, sich zu offenbaren; denn indem sie dahin zogen, wichen sie schon rechts ab von der geraden und gebahnten Straße, welche sie durch der Philister Land innerhalb 12 bis 14 Tagen bis nach Canaan geführt haben würde. Auf diesem nächsten Wege würden sie keine Berge zu erklimmen, keine heulende Wüste zu durchwandeln gehabt haben und kein Meer wäre ihnen im Wege gewesen, - aber auch kein Meer, was auf einmal alle ihre Feinde verschlungen hätte, keine Gelegenheit, sich selbst in ihrer Unart, Gott in seiner Treue und Güte so kennen zu lernen, und so viele merkwürdige Erfahrungen von beiden zu machen. Freilich, hätten sie selbst die Wahl gehabt, sie würden die gebahnte Straße eingeschlagen haben, aber der Herr führte sie, und so ging’s über und oft wider die Vernunft.

 

Ihr werdet hierbei manche lehrreiche Anmerkung machen. Ihr wißt, daß es zwei Wege zur Ewigkeit giebt, wovon der Eine breit und von Vielen betreten wird, aber zur Verdammniß führt; der andere, der schmal ist, auf welchen man durch eine enge Pforte gelangt, führt zum Leben und wird von Wenigen gefunden.

 

Der Weg, den Christen geführt werden, ist mehrentheils ein ganz anderer, als sie sich theils vorstellen, theils wünschen. Hätten sie ihn zu bestimmen, so würde er für ihre Natur nicht so demüthigend, aber auch nicht so verherrlichend für die Gnade seyn. Sie würden in Kurzem so stark, gerecht und weise in sich selbst werden, daß sie keinen Christum, weder als Thür noch als Weg, bedürften. Sie thäten dem Himmelreich Gewalt und rissen es an sich. Des Herrn Weg aber geht gar anders. Er macht zu nichte, was etwas ist, damit er Alles und in Allem sey. Man verliert nach und nach sogar sein eigen Leben, mit demselben also auch alle eigene Kraft, und es heißet sodann: an deiner Gnad’ allein ich kleb. Wie groß wollten nicht die Jünger werden, wie klein wurden sie aber.

 

Ueberhaupt ist der Weg nach Canaan ein ganz anderer, als die Vernunft weiß und vermuthet. Es geht aber nach Ps. 32.: Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du wandeln sollst. Wenn ein Verständiger die Kinder Israel von Raemses nach Suchot, von da nach Etham und von da sogar nach Hahirot ziehen sah, um so nach Canaan zu kommen, der mußte sie für unsinnig halten; - denn es ging immer weiter von der Heerstraße ab. Und gelten nicht wahre Christen, gilt nicht die evangelische Lehre für Narrheit bei den Weisen dieser Erde? Aber o! daß alle Christen sich auch in ihrem ganzen Thun und Treiben als solche erwiesen, die nicht von dieser Welt sind und nicht nach den Satzungen derselben wandeln. Eine Lehre, die den Beifall, die Genehmigung der Welt und ihrer Weisen hat, ist gewiß die rechte nicht, sondern je christlicher sie ist, desto weniger Beifall erlangt sie, möchte auch die Art, wie sie vorgetragen wird, gefallen.

 

Zu Suchot bucken sie den Teig, den sie aus Egypten mitgenommen hatten, so wie sie auch sonstige Nahrungsmittel bei sich hatten. Sie brauchten noch nicht so lediglich im Glauben zu leben. Aber dieser Vorrath war bald aufgezehrt und wo denn nun hin? Im Anfange des Christenthums kann man gewöhnlich noch viel, wie man wenigstens glaubt. Petrus gürtete sich, so lange er jung war, selbst, und ging, wohin er wollte; später aber mußte er seine Hände ausstrecken, und ein Anderer gürtete ihn und führte ihn, wohin er nicht wollte. Er wollte mit Jesu sterben und hielt sich für stark genug, sein Versprechen zu halten. Wir hören aber in der Folge nicht mehr, daß er viel anzugeloben sich erkühnt hätte, wohl aber sagt er: Haltet fest an der Demuth! Und: Der Gott aller Gnaden, der uns berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christo Jesu, derselbige wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, vollbereiten, stärken, kräftigen, gründen. Das eigene Können verliert und verzehrt sich, wie Israels egyptischer Vorrath, je länger, je mehr. Und wo alsdann hin, wenn Christi Wort hervortritt: Gleichwie der Rebe kann keine Frucht bringen von ihm selber, er bleibe denn am Weinstock; also auch ihr nicht, ihr bleibet denn in mir. Ich bin der Weinstock, ihr seyd die Reben. Wer in mir bleibet, und ich in ihm, der bringet viele Frucht; denn ohne mich könnet ihr nichts thun. Ach Israel, wie wirst du im Glauben leben müssen, wenn du erst in die Wüste kommst, wo nicht einmal Wasser ist. Doch der Herr ist mit dir, und das ist genug. So wirst du endlich auf die Frage: Habt ihr je Mangel gehabt? – antworten: Herr! nie keinen.

 

Als sie von Suchot auszogen, wollte der Herr selbst von nun an ihr augenscheinlicher Führer seyn. Sie traten schon jetzt in eine erschreckliche Sandwüste, die an beiden Seiten mit hohen Bergen umgeben war. Da zog der Herr in der Wolken- und Feuersäule vor ihnen her und weiß ihnen den Weg, weiß sie auch an, ob sie sich lagern oder aufbrechen sollten. Es war wie eine hohe Säule. Des Tages breitete sie sich wie ein starkes Gewölk über sie aus, und schützte sie so gegen die unleidliche Hitze. Sollten sie bei Nacht weiter ziehen, so warf sie ein helles Licht von sich. Dieses Geleite war den Kindern Israel höchst nöthig in der so erschrecklichen Wüste, worin man gar keinen Weg fand, und wenn diselbe auch sehr oft wäre betreten worden, so warf doch der Wind den Sand so durcheinander, daß die Nachfolgenden die Fußtritte der Vorgehenden gar nicht bemerken konnten, weil sie gleich wieder verweht wurden. Sollten sie an einem Orte still liegen, so stand auch des Tages die Wolken- und des Nachts die Feuersäule still; sollten sie aufbrechen, so hob sie sich und zog dann vor ihnen her. So wurden sie die ganze Zeit hindurch vom Herrn geleitet und geführet.

 

Diese Säule ist ein Vorbild Christi. Er schützt durch seine stellvertretende Gerechtigkeit den bußfertigen Sündern gegen das verzehrende Feuer der göttlichen Heiligkeit und Gerechtigkeit, indem er uns versöhnet hat durch sein Blut. Unter seinem Schatten saß die Braut im Hohenliede, - unter dem Schatten seiner Flügel traute David. Was ist bei großer Sonnenhitze lieblicher und erquicklicher als ein kühler Schatten! Den gewähren Jesu Wunden, zu welcher Laube das geängstete Gewissen flieht. Deshalb sagt auch Jesaias 25,4: Du, Herr, bist der Geringen Stärke, der Armen Stärke in Trübsal, eine Zuflucht vor dem Ungewitter, ein Schatten vor der Hitze, wenn die Tyrannen wützen, wie ein Ungewitter wider eine Wand. Sie bildet ihn auch ab in seinem Lehr- und königlichen Amte, denn so wie er sie lehrt, so leitet er sie auch, und schützet sie gegen die sie umgebende Gefahren, denn der Herr behütet dich, der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, daß dich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts; - daß dir weder die wirkliche noch die eingebildete Gefahren schaden. Du leitest mich, sagt Assaph, nach deinem Rath, und obschon derselbe wunderbar ist, so führt er’s doch herrlich hinaus. Gleichwie wir nun ohne ihn nicht thun können, was wir sollen, so sollen wir auch ohne ihn nicht thun wollen, was wir können. Unser Wille soll sterben, damit der Seinige in uns lebe. Bald zogen, bald ruheten die Kinder Israel, bald reiseten sie mehrere Tagereisen hinter einander, bald nur wenige Stunden, jetzt zogen sie bei Tage, dann bei der Nacht, nun blieben sie sehr lange an einem Ort, dann eine kurze Zeit, aber alles nach Anordnung der Wolkensäule. Wenn sie zogen, so sagte Moses: Herr, stehe auf! Laß deine Feinde vor dir zerstreuet und flüchtig werden, die dich hassen. Und wenn sie ruhete, sprach er: Komm wieder, Herr, zur Menge der Tausende in Israel. Unter des Herrn Leitung geht es gut, aber auch unter keiner andern. Unter derselben geht es bald leichter, bald schwerer her, bald so, bald anders, bis man dem Herrn sein Herz gibt und sich seine Wege wohlgefallen läßt. – Uebrigens hatte die nämliche Wolkensäule sowohl die Eigenschaft einer Wolke als des Feuers. Dies bezeichnet die zwo Naturen in Christo, seine göttliche und menschliche Natur, so wie den Stand seiner Erniedrigung und Herrlichkeit. Sie hatten sie stets vor Augen, und laßt uns aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Sie wußten außer ihr nicht Weg noch Steg. Und wie wüßten wir, außer Christo, einen Weg oder Mittel, um mit Gott versöhnt zu werden, um die Gerechtigkeit zu erlangen, die vor ihm gilt, um von aller Ungerechtigkeit erlöset und tüchtig zu werden, ihm zu dienen ohne Furcht unser Lebenlang; ja, um nur einen Augenblick getrost zu seyn, da unsere abgesagten Feinde, der Teufel, die Welt und unser eigen Fleisch und Blut, nicht aufhören uns anzufechten. Wie wollten wir zurecht kommen, erschiene er nicht denen, die da sitzen in Finsterniß und Schatten des Todes, daß er Erkenntniß des Heils gebe seinem Volk, die da ist in Vergebung ihrer Sünden; und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Wir bedürfen des Gegenbildes der Wolkensäule eben so sehr als jene des Vorbildes. Ohne ihn können, sind, und wissen, und haben wir ja nichts. Herr, bleibe deßhalb bei uns und leite uns mit deinem Rath, weil wir den Weg nicht wissen.

 

Diese Wolkensäule weiß sie denn von Suchot nach Etham. Hier begann die gräuliche Wüste, an deren Eingang es lag. Hätten sie von da, nach menschlichen Einsichten, weiter ziehen dürfen, so wäre es am Klügsten gewesen, sich links zu wenden, weil sie da nichts mit dem rothen Meer zu thun gehabt hätten, Moses auch diese Gegend, während er Schäfer bei Jethro war, genau mochte kennen gelernt haben. Aber sie mußten rechts auf’s rothe Meer zu. Wie wunderbar! Sollte denn menschliches Wissen und Können so gar nichts gelten und ihnen nichts als der Herr und der Glaube an ihn übrig gelaßen werden? Ach, es sollte noch ärger, ihre Armuth wenigstens noch größer werden, denn noch hatten sie Mundvorrath. Wie aber, wenn nun auch der aufgezehrt war? Dann wußte ja niemand Rath, als Gott allein. Und wer kommt wohl gern in solche Umstände?

 

Die Bedeutung des Namens Etham ist bemerkenswerth, denn er heißt vollkommen und aufrichtig. Wir mögen dieses theils als eine Forderung, theils als eine Gabe und Eigenschaft anmerken. Etham die Vollkommenheit und Aufrichtigkeit, als eine Forderung betrachtet, ist etwas schweres; wollten wir auch der Vollkommenheit gar nicht erwähnen, so ist’s doch um die Aufrichtigkeit eine große und schwere Sache. Sie ist aber durchaus nothwendig, denn Gott siehet das Herz an und Aufrichtigkeit ist ihm angenehm. Zwar meint der natürliche Mensch, es habe mit der Aufrichtigkeit nicht viel zu sagen und rühmt sich derselben leicht in allen seinen Werken, da er doch ganz davon entblößt ist. Desto mehr macht aber die Aufrichtigkeit heilsbegierigen Seelen zu schaffen, und es ist ihnen oft sehr bedenklich, sich diese kostbare und wichtige Eigenschaft zuzutrauen; und mit Recht, - denn arglistig und betrieglich ist des Menschen Herz, wer kann’s ergründen? – So beschreibt die heilige Schrift das menschliche Herz, woraus, wie Jesus sagt, List, Schalkheit und Schalksauge hervorgeht. Er braucht drei Wörter, um die nämliche Sache zu bezeichnen, und deutet damit an, wie groß und tief diese Untugend sey, weßwegen er auch von einem krummen und verdrehten Geschlecht redet. Den Aufrichtigen aber läßt er’s gelingen. Und so kommt es z.B. nicht auf das Maaß der Traurigkeit, nicht so sehr auf die Stärke und Zuversicht des Glaubens, auf die Größe der Verläugnung oder die Inbrunst der Liebe, sondern ihre Echtheit an. Wenn es nur echtes Gold ist, das mit Feuer durchläutert ist und das Feuer vertragen kann, darauf kommt’s an, nicht auf die Größe des Haufens. Zween Pfennige gelten da mehr als hundert Groschen. Dies kann Seelen, denen das Gewicht ihrer Seelenangelegenheit einleuchtet, oft in nicht geringe Bedrängniß setzen, wenn ihnen gerade das Zeugniß des Geistes mangelt, welcher bezeugt, daß Geist Wahrheit ist. Sie denken alsdann, ja wohl, ich betraure meine Sünden, ich habe auch mehrmals mit Freuden glauben können, daß sie mir vergeben seyen; ich habe es mehrmals glauben können, daß Christus auch mir zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung gemacht sey; es sind mir oft Verheißungen in’s Gemüth eingedrückt worden mit besonderer Lieblichkeit und Kraft, worüber ich große Freude empfunden und mich in Lob und Danksagung ergossen habe; ich streite und bete wider die Sünde, die in mir ist; ich bestrebe mich, mich von der Welt unbefleckt zu bewahren, und begehre, im Guten zuzunehmen. Ja, ich muß es bekennen, ich bin arm am Geiste, ich trage Leid, ich hungere und durste nach der Gerechtigkeit. Aber ob dies Alles nun rechter Art sey, ob’s so sey, wie es in Gottes Augen seyn soll, das ist’s, was mir anliegt und Sorge macht. Ist mein Verlangen, selig zu werden, rechter Art? Ist es da, so wird mir’s freilich nicht fehlen, aber mir ist vor Selbstbetrug bange, ob nicht noch ein verborgener Tück in mir stecken möchte. – David rühmt sich manchmal seiner Aufrichtigkeit und wohl in starken Ausdrücken, weil er das Zeugniß des Geistes in sich spürete. Er hatte aber auch Zeiten, wo er beten mußte: wende von mir den falschen Weg. Vergieb mir die verborgenen Fehler. Es kann wohl so wunderlich in der Seele durcheinander gehen, Fleisch und Geist so seltsam mit einander streiten, daß man aus sich selbst nicht klug werden kann, und es giebt auch in Geistlichen Zeiten, wie im Frühling, wo es schneiet und tobt, als ob’s im Wintermonat wäre, bis die Sonne wieder durchbricht. – Die grobe Heuchelei, wo Jemand absichtlich einen frommen Schein annimmt, ist wohl selten, desto häufiger aber ist die subtile Heuchelei, bei welcher der Mensch mehr sich selbst als Andere betrügt. Sie meinen, sie wären gute Christen und sind’s nicht, haben den Namen und den Schein, daß sie leben, und sind doch todt; sie sprechen: wir sind reich, und wissen nicht, daß sie sind arm, elend, jämmerlich, blind und blos. Es ist also allerdings nöthig, daß man sich vor Selbstbetrug fürchte und hüte, und wisse, daß, wie Gott den Menschen, welcher jetzt viel Künste sucht, aufrichtig gemacht hat, er’s auch noch immer allein ist, der die wahre Aufrichtigkeit in uns wirken kann und muß, ohne welches nie Jemand zu derselben gelangt. Israel wurde unter andern auch eben deßhalb so lange herumgeführt, daß es sollte erkennen lernen, es komme nicht um seines natürlich aufrichtigen Herzens willen, in Canaan. In diesen Theil der Selbsterkenntniß werden sich alle Christen einführen lassen müssen, - und seine Unaufrichtigkeit erkennen, ist ein Stück der Aufrichtigkeit, so wie es ein verdächtig Ding ist, sich so schnell und unbedachtsam seiner Aufrichtigkeit zu rühmen: denn haben wir sie wirklich, so haben wir sie nicht aus uns selbst. Das Wort Etham bedeutet auch eine Pflugschaar. Mit derselben wird der Acker umgestürzt. Die geistliche Pflugschaar ist das lebendige Wort Gottes, welches durchschneidet Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinnen des Herzens, - dadurch wird auch unser Herz herumgeworfen, und das Verborgene desselben hervorgetrieben. Und wo das geschieht, da wird man auch mancherlei Tücke, Ausflüchte, Entschuldigungen entdecken, und einsehen, daß man sich seiner selbsterworbenen Aufrichtigkeit nicht zu rühmen habe, sondern bitten müsse: dein Geist führe mich auf ebener Bahn. Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mri einen neuen gewissen Geist, - denn die wahre Aufrichtigkeit macht, daß wir uns vor Gott darstellen, wie wir sind, mit aller unserer Nacktheit, Unart und Blöße, ohne uns selbst zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Ich habe gesündigt, rief Hiob, was soll ich dir thun, du Menschenhüter? – David sprach nur: ich will dem Herrn meine Uebertretungen bekennen, - und augenblicklich vergab sie ihm der Herr. Jacob hatte es vor dem Herrn keine Hehl, daß er sich fürchtete, und sprach betend: ich fürchte mich vor meinem Bruder Esau. Jonas war zornig. Als aber der Herr sagte: Zürnest du, Jona? hatte er’s auch keine Hehl und sagte: ich zürne bis in den Tod. Und schreibt nicht Johannes: So wir ihm unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünde vergiebt und reiniget uns von aller Untugend. – Aber war’s von den Jüngern aufrichtig gehandelt, als sie auf dem Wege, hinter dem Herrn Jesu her, sich darüber zankten, wer von ihnen der Größeste seyn würde im Himmelreich, und als sich nun Jesus umwandte und fragte: Was hat ihr da unter euch? – stillschwiegen? War’s aufrichtig, wenn Petrus in Antiochia erst mit den Gläubigen aus den Heiden auß, hernach aber, als einige Juden ankamen, es unterließ? O! nicht um deines aufrichtigen Hezens willen kommst du in Canaan, denn du hast weiter keine Aufrichtigkeit, als in sofern du wiedergeboren bist. Selig aber ist, in deß Geist kein Falsch ist.

 

Israel lagert in Etham, hat seine Wurzel in der Aufrichtigkeit, und so geht alles gut.

 

Tham, Etham heißt auch vollkommen. Das Gesetz erfordert einen vollkommenen Gehorsam, und soll unser Gewissen durch Werke seine Beruhigung finden, so müssen sie durchaus vollkommen und dem göttlichen Gesetz gleichförmig seyn. Dies läßt der natürliche Mensch nicht gelten, sondern wenn er einigermaßen seine Pflicht erfüllt hat, so genügt ihm das. Aber der erweckte Mensch sieht, je weiter er unter der Leitung der Wolken- und Feuersäule auf dem Wege fortschreitet, auch desto deutlicher ein, daß durch des Gesetzes Werk kein Fleisch vor Gott gerecht wird. Wohl erweiset sich da Etham als eine Pflugschaar. Das giebt Mühe und Anstrengung, und je mehr Mühe er sich giebt, desto tiefer leuchtet ihm sein Verderben und die Unmöglichkeit ein, auf dem Wege, den die Gebote vorschreiben, zum Ziel zu gelangen oder die Vollkommenheit aufzubringen, die sie fordern, weil nicht das Geringste daran fehlen darf.

 

Das Evangelium bietet die Vollkommenheit an und zwar in Christo Jesu. Denn ihr seyd vollkommen in ihm, also daß ihr keinen Mangel habt. Dieser Blick setzt die Seele, die ihn erlangt, in Erstaunen und Bestürzung, daß sie ausrufen muß: Solches ist nie in eines Menschen Herz gekommen, was Gott bereitet hat, denen, die ihn lieben. Uns hat es Gott geoffenbaret durch seinen Geist und nicht allein in seinem Wort. Es ist nicht blos Vergebung aller Sünden, sondern noch vielmehr. Es ist eine übermäßige Vollkommenheit, so daß Luther nicht mit Unrecht sagt: ich weiß nicht, wo ich mit aller der Gerechtigkeit hin soll, die ich habe in Christo Jesu. Die Seele kann sich so in ihrer Vollkommenheit in Christo Jesu erblicken, daß sie nicht nur rühmen kann: mir sind meine Sünden vergeben; sondern sagen kann: was fehlet mir noch? ich habe nie irgend eine Sünde begangen noch gehabt. Ich habe einen Gehorsam geleistet, wogegen die Unschuld Adams im Paradies nichts, und die Heiligkeit der Engel ein Schatten ist. Nichts habe ich mehr zu thun. Ich bin schon längst gestorben und wieder auferstanden, ja, ich bin schon längst im Himmel, wenn gleich jetzt nur noch im Glauben auf Hoffnung, wo, wenn ich mich ansehe, nichts zu hoffen ist. Ich habe nichts mehr weder zu streiten noch zu überwinden, sondern schon längst überwunden durch des Lammes Blut, obschon ich lieg’ im Streit und widerstreb’, drum hilf, o Herr! dem Schwachen. So kann eine Seele reden, die in Etham, in der Vollkommenheit, wohnt.

 

Der wahre Christ besitzt aber auch eine Vollkommenheit in Hinsicht seiner Erneuerung. Hierüber drückte man sich von Alters her sehr wohl und deutlich aus, wenn man sagte: es ist eine Vollkommenheit der Theile, jedoch nicht der Staffeln oder des maaßes. Es heißt ein neuer Mensch. Diesem neuen Menschen werden auch in einem bildlichen Sinne Glieder zugeschrieben, z.B. Augen, um zu sehen, Ohren zum Hören, Füße zum Gehen u.s.w. Gleichwie nun bei einem neugebornen, wohlgestalteten Kinde alle menschlichen Gliedmaßen angetroffen werden, obschon dieselben noch nicht ausgebildet sind, so leidet das auch Anwendung auf das Werk der Erneuerung, wodurch eine neue Kreatur hervorgebracht wird, der kein Theil mangelt, welcher dazu gehört, wenn gleich diese Theile noch nicht ihre vollständige Größe haben. Daher ist es ganz recht, wenn der Apostel sagt: wie viel unser vollkommen sind, die laßt uns also gesinnet seyn, daß wir nämlich nicht glauben, wir seyen vollkommen und hätten es schon ergriffen, sondern ihm nachjagen, ob wir’s ergreifen möchten. Bei allen erneuerten Menschen ist Licht im Verstande, ist Liebe im Willen, sind die Gemüthsbewegungen geordnet, werden die Glieder des Leibes zu Waffen der Gerechtigkeit gebraucht. Aber dies Alles kann noch gar schwach seyn wie ein Kindlein. Was kann es mit seinen Händchen greifen oder mit seinen Füßchen ausrichten? Seine Aeuglein wendet es im Allgemeinen nach dem Lichte zu, ohne noch einen Gegenstand von dem andern unterscheiden zu können, dennoch ist es den Theilen nach ein vollkommener Mensch, und entwickelt sich auch, was die Staffeln anbetrifft, mehr und mehr. Der erneuerte Mensch hat wahres Licht im Verstande, aber es mag noch gar gering seyn, so daß Jesus auch einmal zu seinen Jüngern sagte: vernehmt ihr denn noch nichts? Es können noch mancherlei schiefe Vorstellungen, unrichtige Begriffe, Irrthümer, bei ihm statt finden. Er ist noch, wie Paulus sagt, klug wie ein Kind, redet wie ein Kind, und hat kindische Anschläge, daß es sich z.B. größer dünkt, wie es vermag. So hören wir die Jünger sich zanken, wer von ihnen der Größte sey, hören sie herzhaft antworten: ja, wir können es wohl, wenn Jesus fragt: könnet ihr den Kelch trinken, den ich trinke? Er muß aber zu ihnen sagen: ich hätte euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt’s noch nicht tragen. Es ist Liebe in ihrem Willen und Ordnung in ihrer Gemüthsbewegung. Sie fragen, sie weinen und schreien nach dem Herrn, wie ein Kind nach der Mutterbrust, sie wollen Alles für ihn hingeben, sie lieben die Brüder. Aber sagt nicht der Apostel zu den nämlichen Korinthern: ihr seyd abgewaschen, ihr seyd geheiligt, ihr seyd gerecht gesprochen durch den Namen des Herrn Jesu und durch den Geist unseres Gottes, - ihr seyd noch junge Kinder in Christo und fleischlich, denn es ist noch Zorn, Zank, Zwietracht, Afterreden und Aufblähen unter euch; und wenn er in der ersten Epistel an dieselben schreibt: ihr seyd reich und habet keinen Mangel, - so sagt er ihnen in der Zweiten: seyd vollkommen. Es giebt Kinder in Christo, welche Milch bedürfen und starke Speisen von sich weisen, auch nicht vertragen können, so daß nicht alle Warheiten gerade auch für Alle sind. Es giebt Jünglinge, die stark sind und den Bösewicht überwunden haben, so wie Väter, die den kennen, der von Anfang ist. Dies muß uns bescheiden machen nicht nur im Urtheil über Andere, so daß wir tragsam sind, sondern auch im Urtheil über uns selbst; vornehmlich zwar, daß wir uns ja nicht zu hoch setzen, welches beweisen würde, daß wir gar schlecht ständen, denn wer da meint, er sey etwas, da er doch nichts ist, der betrügt sich selbst; - sodann auch, daß wir der Vollkommenheit nachjagen, damit Christus eine rechte Gestalt in uns gewinne. Aber die ängstlichen Seelen sollten doch auch nicht deshalb das Daseyn der neuen Kreatur in ihrem Herzen bezweifeln, weil sie noch schwach ist, und zwischen der Vollkommenheit der Theile und des Maaßes einen gehörigen Unterschied machen lernen und bedenken, daß man Frucht bringe in Geduld.

 

Sie zogen nach Etham, der Aufrichtigkeit und Vollkommenheit. Der Herr siehet das Herz an, und Aufrichtigkeit ist ihm angenehm. Den Aufrichtigen läßt er’s gelingen. O! selig der Mann, in des Geist kein Falsch ist. Den wird Er unterweisen und ihn führen den besten Weg. Amen.

 

Dritte Predigt.

Text: 4. Buch Mose 33,7.

 

Wir haben Israel neulich in Etham gesehen, gesehen, wie es in der Aufrichtigkeit und Vollkommenheit gelagert ist. Vollkommenheit? möchte man seufzend fragen, Vollkommenheit? Ach! wie viel fehlt an der Vollkommenheit! Wie viel Unarten regen sich noch, wie viel Mühe und Streit ist zu übernehmen, welche Bedrängnisse können einen Christen treffen. O! Vllkommenheit, Vollkommenheit, vergebens erwarten wir dich in diesem Mesechslande und hungern deswegen hinaus ins Vaterland, das droben ist. – Allerdings eine wahre Klage und Sae. Aber wir leben im Glauben, und der Glaube ist eine gewisse Zuversicht deß, so man hoffet, und nicht zweifelt an dem, so man nicht siehet. Und so ist der Christ durch den Glauben dennoch vollkommen in der Unvollkommenheit, wie er stark ist in der Schwachheit und gerecht, obschon noch zu allem Bösen geneigt. Der Glaube rechnet nach andern Grundsätzen wie die Vernunft.

 

Israel kam auch von Etham in ein ungeheures Gedränge und unaussprechliche Noth. Die Wolkensäule erhub sich. So erhuben sie sich auch und folgten ihr. Denn der Herr ist es, der in die Hölle führt und heraus. Der Herr war es, der seine eilf Jünger an den Oelberg und die drei in Gethsemane führte. Am liebsten ist man freilich in Raemses, wo man vor Freude jubelt, läßt’s sich auch noch wohl in Etham gefallen, wo man seine Vollkommenheit in Christo verstehen lernt, oder in allerlei verkehrten Regungen seine Aufrichtigkeit in Widerspruch gegen dieselbe spürt. Man denkt’s auch nicht, durch was für Ströme und Feuerflammen man hindurch müsse, obschon man die Verheissung hat: so du durch’s Wasser gehest, sollen dich die Ströme nicht ersäufen, und so du durch’s Feuer gehest, soll dich die Flamme nicht anzünden; was für Oefen des Elendes es giebt, worin man geläutert wird, und was für scharfe Ostwinde, die betrüben, die den Altar und seine Steine zerstoßen, und dessen Nutzen ist, ddaß die Sünden Jacobs weggenommen werden (Jes. 27.). Hätte Israel Alles vorher gewußt, was ihm begegnen sollte, es würde nicht so fröhlich aus Egypten gezogen seyn: und so wird’s sich auch bei manchen Christen ausweisen, denn durch viel Trübsal soll man zum Himmelreich eingehen.

 

Von Etham zogen sie also nach Pi-Hahiroth gegen Baal-Zephon. Dies ging auf’s rothe Meer zu, recht, als sollten sie unausweichlich dem Untergange zugeführt werden, da sie auch auf einem geradern Wege, indem sie das Meer rechts liegen ließen, nach dem Berge Sinai hätten gelangen können. Moses, der diese Wüste ohne Zweifel genau kennen gelernt hatte während der 40 Jahre, da er in Midian die Schafe hütete, scheint auch gesonnen gewesen zu seyn, den ihm bekannten Weg einzuschlagen. Die Vernunft konnte auch nicht anders rathen, denn wie dort Petrus sagte: nur nicht nach Jerusalem, so hieß es hier: nur nicht zum rothen Meere hin, denn dann sind wir verloren, da wir keine Schiffe haben hinüber zu kommen. Aber es geht im Christenthum nicht nach vernünftigen Reden menschlicher Weisheit. In diesem Falle hätte der Klugheit Mosis die Ehre gebührt. Aber der Herr behält alle Ehre für sich, und am Ende wird’s sich ausweisen, daß wir weder durch eigene Weisheit, noch durch eigene Kraft das Allergeringste ausgerichtet haben. Moses mußte auf seine eigene Einsicht Verzicht thun, weil ihm der Herr einen andern Weg befahl. Der Herr gab ihm auch den Grund seines Befehls an, denn, sprach er, Pharao wird sagen: sie sind verirrt. – Und was konnte er, als ein vernünftiger Mann, anders von dem seltsamen Zuge der Kinder Israel denken? Es war ja ordentlich der Zug eines Wahnsinnigen. Und wie oft und lange ist und wird das Evangelium für einen Irrthum, wohl auch für eine schädliche Lehre gehalten? Ja, geschieht’s nicht manchmal, daß die fleischliche Vernunft in dem Christen auch fragt: wo bin ich wohl? denkt, unmöglich ist das der Weg nach Canaan, sondern zum Untergang, aber nur des alten Menschen, und nicht blos in seinem allgemein anerkannten Sündlichen, sondern auch in aller seiner Weisheit, Gerechtigkeit und Kraft, abgesehen ist. Gott setzte noch hinzu: ich will das Herz Pharao’s verstocken, daß er ihnen nachjage und will an ihm und an aller seiner Macht Ehre einlegen und die Egyptier sollen inne werden, daß ich der Herr sey. Von dem Nachjagen sagte der Herr blos dem Mose, denn die Andern würden’s nicht haben ertragen können, weil ihr Gaube noch so schwach war. So sagte auch Christus zu seinen Jüngern: ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt’s noch nicht tragen, - und Paulus zu den Korinthern: Milch habe ich euch zu trinken gegeben, und nicht Speise; denn ihr konntet noch nicht, auch könnet ihr noch jetzt nicht. Die christlichen Warheiten haben auch ein gewisses Alter und Zeit. Je stärker der Glaube, desto schwieriger die Proben. Moses begriff nur, daß der Herr Ehre einlegen wolle, - wie er’s thun würde, wußte er nicht, wenigstens begriff er gar nicht, warum denn ein Zug nach dem rothen Meere hin dazu nöthig sey. Er fragte aber auch nicht, sonden glaubte und wartete dem Namen gemäß, den sich der Herr beigelegt hatte: Aejeh, ich werde seyn.

 

Wir wissen auch oft nicht, wozu dies oder das dienen soll, wie Petrus nicht wußte, was das Fußwaschen bedeuten sollte. Und wie Vielen wird mit ihm gesagt: was ich jetzt thue, weißt du nicht, du wirst es aber hernach erfahren. O! wie köstlich wäre es, wenn man mit Mose glaubte und gehorchte, sich selbst verläugnete, dem Herrn vertrauete und sich ihm ergäbe, als demjenigen, der doch noch seyn wird, wenn unsere Weisheit und Kraft nicht mehr ist. Wie schön ist’s, daß das Volk aus Etham, das aufrichtige Volk getrost nach Pi-Hahiroth zieht, weil der Herr und Moses es so führt, ohne zu fragen und zu klagen. Aber ach! werden die Unarten, die jetzt unterdrückt sind, nie wieder hervorbersten? Wir wollen sehen. O! ihr lieben Kinder Israel, wer sollte nicht Mitleiden mit euch haben, daß ihr da so in der Wüste umherirren mußtet, da ihr Canaan schon um ein Bedeutendes näher würdet gerückt seyn, hättet ihr die gebahnte Straße einschlagen dürfen? Welch ein Exempel der Geduld seyd ihr lieben Leute uns!

 

Die Lage von Pi-Hahiroth war mißlich. Es lag im Thal; vor ihnen das rothe Meer, an beiden Seiten hohe, unübersteigliche Berge. Nun denke man an einen Ueberfall in dieser Lage! Sollten einem nicht vor Entsetzen die Haare zu Berge stehen? Pi, die erste Silbe des Namens dieser Lagerstätte, heißt Mund, Maul. Aber stecken sie hier nicht gleichsam dem Löwen im Rachen? Ist’s möglich, daß Gott so mit einigen seiner Kinder umgehen kann? Und wenn er’s thut, ist das Beides ihm herrlich und ihnen selig? Werden sie denn wohl so geführt, daß ihnen wirklich keine andere Hülfe übrig bleibt, als der Herr allein? daß alles Sonstige schwindet? – Laßt das eure Erfahrung beantworten.

 

Pi also heißet Mund. Es giebt bei Manchen eine Zeit, wo das Meiste ihres Christenthums eben im Munde und im Reden besteht, obschon allerdings auch die Wurzel im Herzen wohnt. Sie können auf eine schrift- und erfahrungsmäßige einnehmende Weise vom Christenthum und den Führungen des Herrn reden. Es ist eine Lust, sie zu hören von der Vollkommenheit des Heils in Christo Jesu, und von dem schrecklichen Verderben der menschlichen Natur. Es ist lieblich anzuhören, wie sie im Gebete mit dem Herrn umzugehen und ihm alles zu erzählen und ihr Herz auf eine kindliche Weise vor ihm auszuschütten wissen. Es ist was wohlthuendes, zu vernehmen, wie kindlich, gläubig und zuversichtlich sie sind, und wie schön sie auch Andern zu rathen und sie aufzumuntern wissen. Dem Anhören nach, werden sie sich auch so leicht nicht irre machen lassen, sondern ihre Kunst auch da beweisen, wo es gilt. Diesem Reden wird auch im Ganzen ein großer Werth beigelegt, und derjenige auch mehrentheils für den besten Christen gehalten, der am Besten sprechen kann. Aber das Sprechen ist doch noch das Leichteste vom Christenthum, wiewohl David einmal sagt: ich bin so ohnmächtig, daß ich nicht reden kann. Geht’s zur wirklichen Uebung, so findet sich vieles anders, als man sich’s vorgestellt und davon geredet hatte. In der großen Noth verging Mose selbst das Sprechen, und sein Schreien zum Herrn war nur ein gewaltiges Seufzen, das sich aus seiner gepreßten Brust loswand, vor Gott aber als ein starkes Rufen galt.

 

Jedoch ist das Reden auch etwas köstliches. Wie köstlich ist’s, wenn sich der Mund im freimüthigen Bekenntniß der Wahrheit öffnen kann, oder sich in laute Lobpreisungen des Herrn ergießt. So etwas wird hier in dem Worte Pi-Hahiroth angedeutet, denn es kann durch Mund der Freiheit übersetzt werden. Bis jetzt waren die Kinder Israel als Sklaven gehalten worden und besonders hatten sie zuletzt unter einem harten Joch seufzen müssen, da Werke von ihnen gefordert wurden, welche alle ihre Kräfte überstiegen. Wie hart aber auch ihr Sklavenstand war, so unmöglich war’s ihnen, sich selbst daraus zu retten, oder auch nur eine Milderung zu erwirken. – Ihr wißt, daß es nicht nur in einem unserer Lieder heißt: Ich Gefangner armer, ich, wer reißt mir das Nezt in Stücken? Fels des Heils, erbarme dich, reiß mich aus der Höllen Stricken; - sondern daß auch in der Schrift von Gefangenen und Gebundenen die Rede ist, denen derjenige, über welchem der Geist des Herrn ist, Erledigung und Oeffnung predigt. Ihr wißt, daß Paulus Röm. 7. von einem verkauft seyn unter die Sünde, einem gefangen genommen werden in derselben, redet, welches ihm die betrübte Klage auspreßte: wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes. Wir wollen jetzt nicht von der jämmerlichen Gefangenschaft der natürlichen Menschen reden, welche um so kläglicher ist, weil sie sie nicht empfinden, und um so sträflicher, weil sie sie lieben und damit einverstanden sind. Ja, die sind recht in Pi-Hahiroth gelagert, und ihr Mund redet von Freiheit, da sie doch Knechte der Sünde sind. Diese loben die natürlichen Kräfte des freien Willens und sind weit entfernt, zuzugeben, daß der natürliche Mensch zu einigem wahren Guten untüchtig sey, und die Nothwendigkeit der Wiedergeburt anzuerkennen, bevor der Mensch wahrhaft Gutes thun kann. Sie sind in Pi-Hahiroth: denn sie erlauben sich gar Vieles, ohne sich darum zu bekümmern, ob das Wort Gottes es ihnen zugesteht, gerade, als verstünde es sich von selbst. Bei wie Vielen stößt man an, wenn man Tanz, Schauspiel u. dgl. nicht als erlaubte Vergnügungen will gelten laßen, und sie laßen’s sich nicht wehren. Wie viele Meinungen hegen die Menschen nicht in Betreff der Seele und Seligkeit, die bei ihnen für unwidersprechliche Wahrheiten gelten, ohne sich je zu bequemen, sie am Worte Gottes zu prüfen, und nehmen sich die Freiheit, ganz anders zu denken, wie es vorschreibt, so wie ganz anders zu handeln, wie es gebeut. Dabei verlachen sie diejenigen, welche es genau nehmen, und nichts für wahr halten, als was aus der Schrift nachgewiesen werden kann, und so leben wollen, wie es derselben gemäß ist, bezeichnen sie mit spöttischen Namen oder drücken sie sogar. Dabei nehmen sie sich die Freiheit, über solche recht scharf zu urtheilen. Jetzt soll es auch nirgends fehlen und dabei ist’s ihnen schwer, zu treffen. Sind die Frommen ernsthaft, so sind’s finstere Leute; sind sie munter, so scheint ihnen das ihrer Frömmigkeit nicht angemessen; sind sie andächtig, so ist’s überspannt oder Frömmelei. Kurz, sie haben einen recht freien Mund und einen recht breiten Weg, den sie sich weder durch Lehren noch durch die Gebote der Schrift umzäunen laßen, sondern gegen diese anleben und gegen jene anglaubgen. In dieses Pi-Hahiroth hat die Wolken- und Feuersäule sie nicht geleitet, sondern ihr fleischlicher Sinn, der dem Gesetz Gottes nicht unterthan ist, ihr Fleisch, das wider den Geist gelüstet. Prüft euch, ob das nicht eure Lagerstätte sey, und laßt das Pochen. Wie glücklich würdet ihr seyn, wenn euch der Herr, wie es Ezech. 2037. heißt, unter die Ruthe brächte, und also in die Bande des Bundes zwänge, daß ihr euch demüthigtet unter seine gewaltige Hand, damit er euch erhöhete zu seiner Zeit, dann würdet ihr schon still werden, lieber hören als reden, lieber lernen als richten.

 

Denn dann fühlt sich der Mensch als gefangen und gebunden, und dieses Gefühl des Gebundenseyns ist schon ein Anfang des Freiwerdens, wie schon eine einzelne Schwalbe die Verkündigerin des Sommers. Er will jetzt gern evangelisch glauben und christlich leben, und Beides in seinem gehörigen Umfang. Dieser Sinn ist gleichsam das Israel in Egypten, das gewaltig gedrückt wird. – Was wird für leichter gehalten, als zu glauben, und was wird schwerer befunden, als eben das? Man meint manchmal, nur warnen zu müssen, man möge bei’m Glauben ja beherzigen, daß er durch die Liebe thätig seyn müsse, aber hier heißt es: so du glauben könntest, würdest du die Herrlichkeit Gottes sehen. O! von welcher Macht des Unglaubens fühlt sich die arme Seele zusammen gepreßt und muß seufzen: Heile des Glaubens dürre Hand. Paulus sagt auch, das Gesetz errege allerlei Lust. Denn ohne das Gesetz sey die Sünde todt. Kurz, da geht’s wie ein Dichter sagt:

 

Wenn man wider Willen noch
In sich selbst gefangen bleibet,
Und bald die, bald jene Lust,
In uns herrschet, und uns treibet:

 

O! das ist ein harter Dienst,
Voller Unruh’, Müh’ und Schmerz:
O! wie klagt und jammert man,
O! wie ächzet da das Herz.

 

Und wie unglaublich kommt’s dieser Seele vor, was hinzu gesetzt wird:

 

Sey getrost, bedrückte Seel’!
So sollst du nicht immer leben;
Gott wird dir, zu seiner Zeit,
Wahre Seelenruhe geben.

 

Er, der Herr, kommt selbst in dich,
Dann verlachst du deine Feind’!
Treiber, Welt und Sündenlust,
Dann in dir gebunden seynd.

 

Harre nur, bedrückte Seel’!
Die du in dir selbst gefangen,
Deren Geist zur Freiheit nicht,
Wie er wollte, kann gelangen;

 

Höre: dein Erlöser lebt!
Nach viel tausend ach und o,
Wirst du endlich seyn erlös’t,
Wirst du endlich werden froh.

 

Dann wird sich dein muntrer Geist,
Frei in seinen Ursprung kehren,
Und mit Jauchzen deinen Gott,
In ihm selbst, in Zion ehren.

 

Süße Wonne krönt dein Haupt,
Freud’ und Leben ohne End’,
Schmerz und Seufzen weichen weg,
Von dem stillen Element.

 

War der Lagerplatz der Kinder Israel in Pi-Hahiroth sehr erbärmlich, wie dies Wort denn auch Höhlen bedeutet, so geht’s der armen Seele auch sehr übel, die dem Adler des 103. Psalms gleicht, der sich gerne hoch erhübe, aber sitzen bleiben muß, weil ihm seine Federn ausgefallen sind. Wenn David sagt: das wäre meine Freude, wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben könnte; so giebt er zu erkennen, daß er jetzt so glücklich nicht sey. Meine Seele liegt im Staube, ruft er auch einmal aus, und ich bin wie eine Haut im Rauche. Aber deine Zeugnisse vergesse ich nicht. O! daß du mich tröstetest: so liefe ich den Weg deiner Gebote. Dann findet man sich, wie Israel, als in einem mit unübersteiglichen Bergen umgebenen Thal eingeschlossen.

 

Warum aber führt die Wolkensäule denn wohl an solche Oerter? Sein Volk zu demüthigen. Da lernen sie recht, wie so gar nichts alle Menschen sind; sie zum Verzagen an sich selbst und aller Kreaturen Hülfe zu bringen, und allein an den Herrn zu verweisen, daß man mit Josaphat sagt: wirst du es nicht thun?`In uns ist keine Kraft! – Ihnen die Gnadenwirkungen desto köstlicher zu machen, wenn uns allerlei seiner göttlichen Kraft dargereicht wird; sie desto inniger an Jesu zu knüpfen, weil man gewahr wird, daß Niemand sich etwas nehmen kann, es werde ihm denn vom Himmel gegeben, - und daß Alles aus ihm fließen, auch zu ihm zurückkehren muß; ihnen die Schrift auszulegen, daß wir wirklich ohne ihn nichts thun, wirklich kein Haar schwarz oder weiß machen können, wirklich nicht zu ihm kommen können, es sey denn, daß uns ziehe der Vater, der ihn gesandt hat; sie von dem Selbsterheben zu heilen, daß sie sich, auch bei dem reichsten Gnadenfluß, über Niemand, auch über den Aermsten und Schwächsten nicht, erheben, weil Gott den wohl stark machen und ihnen die geliehenen Gnaden wieder entziehen kann; um Davids Seelengestalt zu bewirken, welcher sich mit Zittern freuete, und wenn er sich fürchtete, auf den Herrn hoffte; um sie mit ihrem Elende und ihrer Unwürdigkeit gründlicher Hülfe vorzubreiten, wie Israel eben deßwegen nach Pi-Hahiroth mußte. Ich danke dir, sagt David, daß du mich treulich gedemüthiget hast. Deine Gerichte sind recht!

 

Die Lagerstätte im Munde der Freiheit ist der entgegengesetzte heitere Stand, wovon David sagt: Du führest mich in weiten Raum, und Jesaia: Du hast das Joch ihrer Last und die Ruthe ihrer Schulter und den Stecken des Treibers zerbrochen, wie am Tage Midians. Es entsteht ein freimüthiger Durchbruch: 1) von innen und 2) nach außen. Von innen entsteht derselbe, wenn der inenre Druck und die Unfreimüthigkeit gegen Gott durch die kräftige Wirkung des heiligen Geistes weggenommen und es an dessen statt verliehen wird, „um das Kleid der ewigen Gerechtigkeit freimüthig anzuziehen, daß ich fröhlich darf erscheinen, und in deinen offnen Wunden hab’ ich freien Zutritt funden.“ Dies giebt eine kindliche Freimüthigkeit, ein Hinzunahen zu Gott, als dem versöhnten Vater in Christo, und ein weites, zutrauliches Herz gegen ihn. Die innere Weite giebt denn auch Muth, mit dem Apostel zu sagen: der mich geliebet und sich selbst für mich dahingegeben hat, - ja mit ihm zu rühmen: wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen, Gott ist hie, der gerecht spricht, wer will verdammen? Christus ist hie, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferwecket ist, welcher sitzet zur Rechten Gottes und vertritt uns. Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen; Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat; der dir alle deine Sünde vergiebt, und heilet alle deine Gebrechen; der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit. Dann heißt unsere Lagerstätte Pi-Hahiroth, Mund der Freimüthigkeit. Möchte man alsdann auch wie die Kinder Israel, in einer verzweifelten Lage stecken, - man fragt doch: wer will uns scheiden von der Liebe Gottes, die da ist in Christo Jesu unserm Herrn? Daraus erwächst denn auch ein freimüthiges Bekenntniß der Wahrheit nicht nur überhaupt, sondern auch solcher Wahrheiten insbesondere, gegen welche der natürliche mensch das Meiste einzubringen hat, weil sie seiner Eigenheit am meisten zu nahe treten. Die Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, das Rücksichtnehmen auf menschliches Urtheil, Lob oder Tadel, fällt weg. Es setzt der Gedanke nicht mehr in Verlegenheit, was werden die Menschen dazu sagen? sondern man tritt frei und entschieden ans Licht, und schämt sich seines Heilandes nicht, geht aus dem Lager und trägt seine Schmach. – Dazu gesellet sich die Freimüthigkeit im Handeln, auszugehen von der Welt, und sich von ihr abzusondern; dagegen aber sich dem verachteten Häuflein anzuschließen. Mögen sie ihren Kram von Lustbarkeiten noch so schön zu entschuldigen wissen, sie verschmähen sie, um sich selbst zu verläugnen, ihr Kreuz auf sich zu nehmen und dem Herrn Jesu nachzufolgen.

 

Von dieser Freimüthigkeit im Bekennen und Benehmen, haben wir in der heiligen Schrift und außer derselben sehr herrliche Exempel. Was war das für ein Muth, womit jene drei Männer, im Angesichte des Feuerofens und vor dem erzürnten, großmächtigen König Nebucadnezar bekannten: Gott könne sie wohl erretten aus dem glühenden Ofen, dazu auch von seiner Hand, - und wenn er das auch nicht wolle, so solle er dennoch wissen, daß sie seine Götter nicht ehren, noch das goldene bild, das er habe setzen laßen, anbeten wollten. – Welch ein Muth, daß Daniel bei offenen Fenstern betete, obschon derjenige den Löwen vorgeworfen werden sollte, der in drei Tagen von jemand anders als vom Könige etwas erbitten würde. Welche Freimüthigkeit besaß der eine Mörder am Kreuz, daß er, so weit seine Umstände es ihm gestatteten, Jesus für den König Israels bekannte, während seine Jünger flohen, und ihn in seinem tiefsten Elende für den einigen und vollkommenen Seligmacher erkannte. Welch eine Freimüthigkeit, wenn ein Joseph von Arimathia und Nicodemus, Jesum, dem sie bisher, aus Furcht vor den Juden, nur heimlich angehangen hatten, in seinem schmerzvollen Tode, da Alles mit ihm aus zu seyn schien, öffentlich und mit Daranwagung ihres Lebens, ihrer Güter und Würden, den von ihren Amtsgenossen hingerichteten Jesus, für den Messias bekennen, dadurch, daß sie ihn mit allem Pomp begraben, der ihnen bei der Eile möglich war. Welche Freimüthigkeit beweiset Stephanus und nach ihm die große Schaar der Blutzeugen, auch aus unserer ehrwürdigen Kirche, denen brennende Scheiterhaufen und alle marter den Mund nicht stopfen oder sie bewegen konnten, auch nur um ein Haar von der Wahrheit abzuweichen. – Welche bewundernswürdige Freimüthigkeit in Abweisung des Irrthums offenbaret sich in den Schriften des heil. Paulus. Wie kann man schärfer gegen alle eigene Gerechtigkeit angehen, als er thut, wenn er erklärt, die, so des Gesetzes Werken umgehen, sind unter dem Fluch, - wie schärfer sich gegen alles eigene Können erklären, als er thut, wenn er sagt: es liege nicht an Jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen, wir seyen nicht tüchtig, etwas zu denken aus uns selbst, als aus uns selbst, sondern daß wir tüchtig seyen, sey von Gott, - wie nachdrücklicher gegen alle eigene Würdigkeit, als er thut, wenn er sagt: wer meint, er sey etwas so er doch nichts ist, der betrügt sich selbst, - oder gar: „ehe die Kinder geboren waren“ u.s.w.; wer kann kräftiger alles eigene Wissen bestreiten, als er thut, wenn er sagt, der natürliche Mensch vernimmt nichts von den Dingen, die des Geistes Gottes sind, es ist ihm eine Thorheit, und kann sie nicht erkennen. Wer da meint, er wisse etwas, der weiß noch nichts, wie er es wissen soll, - und überhaupt Alles, was nicht Christus ist, wenn er sagt: es gilt nichts, als eine neue Kreatur in Christo Jesu.

 

Welche Freimüthigkeit beweiset er auch in Darstellung der Wahrheit. Was kann herrlicher von der Rechtfertigung gesagt werden, als wenn er sagt nicht nur: er hat uns geschenket alle Sünde, - sonder sogar: es ist nichts verdammliches mehr an denen, die in Christo Jesu sind, ja wir sind Gerechtigkeit Gottes in ihm? Wie herrlich preiset er die Kraft der Christen, wenn er in ihrer aller Namen sagt: ich vermag Alles durch den, der mich mächtig macht, Christus; - und wiederum: in dem allen überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebet hat; - wie herrlich die beständige Bewahrung der Gläubigen, wenn er nicht nur seine gute Zuversicht bezeugt, daß, der in ihnen angefangen habe das gute Werk, derselbe es auch vollenden werde bis auf den Tag unsers Herrn Jesu Christi, sondern sie sogar als solche betrachtet, welche sammt Christo in das himmlische Wesen versetzt sind; wie getrost ist er in allen Drangsalen, so daß er auch sagt: wir rühme uns der Trübsal.

 

So vermag der heilige Geist ein armes, zaghaftes, ungläubiges Menschenherz zu bewirken, daß es sich selbst ein Wudner wird in seiner Freimüthigkeit, wie auch David, sich selbst verwundernd, sagt, 2 Sam. 7,27.: dein Knecht hat sein Herz funden, daß er ein solches Gebet zu dir thät, des Inhalts, mit der unnennbaren Zuversicht. So mögen denn die ängstlichen, engen Herzen daraus Muth gewinnen, daß auch ihr Herz, oft ehe sie’s gedenken, in eine wudnersame Weite des Glaubens durch die Kraft des heiligen Geistes versetzt wird. Wir müssen auch erst in die Enge der buße und nochmals wohl traurig seyn in mancherlei Anfechtungen. Und wohl dem, der in die Enge getrieben wird, daß er aus aller Macht zu Christo eilen muß, der wird auch zu seiner Zeit in die Weite nach Pi-Hahiroth kommen, wo er rühmen kann:

 

Endlich, endlich muß es doch
Mit der Noth ein Ende nehmen,
Endlich bricht das harte Joch,
Endlich schwinden Angst und Thränen,
Endlich muß der Kummerstein,
Auch in Gold verwandelt seyn.

 

Amen.

 

Vierte Predigt.

Eingang.

 

Wollen wir das oft dunkle Räthsel der Führung der meisten Kinder Gottes richtig fassen und verstehen, so müssen wir uns die Auflösung desselben merken, welche Gott selbst davon giebt. Zwar giebt er diese Auflösung in besonderer Beziehung auf die räthselhafte Führung der Kinder Israel durch die Wüste; sie gilt aber auch als eine allgemeine Regel, denn alle haben den nämlichen Zweck: die Demüthigung und die darauf erfolgende Herrlichmachung. Demüthigen heißt in der heiligen Sprache arm, klein, schwach machen. Dies Demüthigen erweiset sich hauptsächlich in vier Stücken. 1) Wird dem Menschen die selbstgefällige Meinung benommen, die er von sich selbst hat, und das geschiehet dadurch, daß ihm Alles kund wird, was im Herzen ist. - Was in seinem Herzen steckt, glaubt er nicht eher recht, als bis es durch irgend eine Veranlassung aus seinem Schlupfwinkel hervorgelockt wird, wie die Schnecke bei’m Regen. Der Glückwunsch Baledans brachte Hiskia’s Hochmuth, die schöne, nackte Bathseba, Davids Fleischeslust, der Thürhüterin Frage, Petri Wankelmuth, zum Vorschein. – Alles kund werden, das ist viel; doch muß das Alles nicht gerade streng genommen werden. Es kann auch ein Hauptstück des Verderbens eine einzige Sünde seyn, wie bei den genannten Heiligen. 2) Wird dem Christen seine eigene Kraft nach und nach dermaßen benommen, daß er, wie Christus es will, sein eigen Leben verliert. Was das sey, kann uns die Erfahrung am Besten lehren. Es wird dafür gesorgt, daß Niemand sagt: meiner Hände Kraft hat das zuwege gebracht. Paulus selbst gerieth, da er schon eine Zeitlang Apostel gewesen, in solche Umstände, da er über die Maße und über Macht beschwert wurde, damit er nicht auf sich selbst vertrauete. 2. Kor. 1. Eigene Weisheit ist der dritte Gegenstand der Demüthigung. Es ergehet ihr auch gar übel. Wer ihrer zu besitzen meint, soll ein Narr werden. Assaph wollte Manches mit seiner Vernunft fassen, ward aber so herunter gebracht, daß er sagen mußte: ich bin ein großes Thier vor dir. Hiob, der sich auch noch klung dünkte, wurde gewaltig hergenommen und in ein scharfes Examen geführt, wo Gott zu ihm sprach: sage mir’s, bist du so klug? er aber bekennen mußte: ich habe unweißlich geredet, das mir zu hoch ist und nicht nicht verstehe. – Es wird dafür gesorgt, daß Niemand sagen kann: durch meine Weisheit ist’s mir gelungen, denn ich bin klug, was gott dem heidnischen Sanherib so übel nahm, daß er ihn deswegen verdarb. Sollte er dies an seinen Kindern dulden? Mit nichten. Das Vierte ist die eigene Vortrefflichkeit und Gerechtigkeit, die freilich auch in dem einen begriffen ist: denn wenn Alles kund wird, was im Herzen ist, so fällt dieses von selbst hinweg. Nicht um deiner Gerechtigkeit und deines aufrichtigen Herzens willen kommst du in Canaan, hieß es im alten wie im neuen Bunde. Gott zürnet über Tyrus, Ezech. 28, daß es sich so schön dünke. Sollte er das an seinen Kindern dulden?

 

Das Demüthigen geht nicht bequem her. Hagar lief von ihrer Frau weg, als diese sie demüthigen wollte, das thäten wir auch, könnten wir, oder bestimmten doch die Art der Demüthigungen.

 

Halten wir jenes fest, so können wir manches Räthsel lösen, und es wird uns auch die Geschichte der Führung Israels klar, welche auch diesmal der Gegenstand unserer Betrachtung seyn soll.

 

Text: 4. Buch Mose 33,7.8.

 

Bei der Lagerstätte zu Hahiroth giebt’s noch einiges Bemerkenswerthe; es wird von demselben gesagt: es liege im Grunde gegen Baal-Zephon und Migdol.

 

Daß der Christ überhaupt im Grunde, in der Tiefe gelagert sey, ist zu allen Zeiten wahr. Für seine Person liegt er in einem tiefen Elende, dessen unergründliche Tiefe er je länger, je mehr einsieht, und dadurch immer deutlicher erkennt, daß er wirklich einen solchen Erlöser, wirklich eine solche Gnade, wirklich eine solche Gerechtigkeit bedarf, wie es das Evangelium verkündigt. Wie wird’s in ihm, sobald sich das Licht ein wenig verbirgt? so schwebt wieder Finsterniß auf der Tiefe, und es regen sich alle wilden Thiere. Psalm 104. – Wie manches Kopfschütteln muß er über sich selbst machen, welches Mißfallen an sich selbst haben! Nein, in ihm wohnet nichts Gutes.

 

Es ist also sehr natürlich, daß er in dem Grunde der Demuth gelagert ist, einer Demuth, die er nicht als eine Art von Tugend betrachten kann, sondern die sich von selbst macht und ihn Paulo nachsagen läßt: ich bin nichts. – Die hohen Gedanken fallen je mehr und mehr dahin, mochten die Jünger sie auch bis unter das Kreuz mitschleppen, da fielen sie in einander, und sie wurden die Kleinen, zu denen der Herr seine Hand kehrt.

 

Sie sind aber auch in der Tiefe gelagert und gewurzelt in Absicht ihres Heils. Es hat seine Wurzel in der Liebe Gottes, welche sie zuvor bestimmt und sie erwählet hat vor Grundlegung der Welt, und hat sie verordnet zur Kindschaft gegen ihn selbst, durch Jesum Christ, nach dem Wohlgefallen seines Willens, zu Lobe seiner herrlichen Gnade, durch welche er uns hat angenehm gemacht in dem Geliebten. – Sie haben zwar keine eigene Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz ist, und die sich durch eigenen Fleiß zuwege gebracht; dagegen aber haben sie eine Gerechtigkeit, die ihnen zugerechnet wird, die die strengste Prüfung aushält und nie wankt; sie schwebt über ihnen, wie verderbt sie sich auch fühlen, wie die Wolkensäule über den Kindern Israel, und sichert sie gegen die brennenden Sonnenstrahlen der Heiligkeit des den Sünder verdammenden Gesetzes. Ihre Gerechtigkeit wurzelt in den blutigen Verdiensten des Sohnes Gottes. Nicht weniger fest ist ihre Erneuerung nach dem Ebenbilde Gottes. – So wenig etwas daraus werden würde, wäre sie ihrer eigenen Sorge, ihrem eigenen Fleiß, anheim gegeben, so gewiß kommt sie, aller Unwahrscheinlichkeit ungeachtet, doch deswegen zu Stande, weil der Herr es ist, der sie heiligt. – So ist auch für ihr glückliches Durchkommen durch diese arge und versuchungsvolle Welt hinlänglich gesorgt, weil sie aus Gottes Macht durch den Glauben bewahret werden zur Seligkeit und Niemand sie aus seiner Hand reißen kann. – Es sind keine ungewisse, sondern gewisse Gnaden Davids, mag auch unser Herz manchmal zappeln und zagen. – Es ist ein Salzbund, der wohlgeordnet und beständig ist, so daß wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber des Herrn Gnade nicht von uns weichen noch der Bund seines Friedens hinfallen wird. In uns kann es wunderbarlich abwechseln und auch wohl zu der Klage und Frage kommen: ist es denn ganz und gar aus mit seiner Güte? (Ps. 77,9). Gott aber gedenkt seines Eides, und seine Gaben und Berufung mögen ihn nicht gereuen. – Mit einem Worte, Christus, der ganze Christus, wie er uns von Gott gemacht ist, ist der Grund, wo Israel gelagert ist. Er ist der Fels, auf welchen seine Gemeine gegründet ist, und die Pforten der Hölle überwältigen sie nicht. Da kann wohl von außen die Welt gegen anrennen, und wie sie oft gethan, mit Feuer und Schwert dagegen wützen; innerlich kann wohl das Verderben toben und Satan wüthen, die Jünger auch wohl schreien: wir verderben, weil die Wellen schon über das Schifflein gehen, und der Sturm noch mehr darüber herzuwerfen droht; - es hat doch so wenig zu bedeuten, daß Jesus fragt: warum seyd ihr so furchtsam? als wäre auch unter solchen Umständen kein Grund dazu vorhanden. Hier muß aber auch ein Jeder gelagert seyn. Ist es deine eigene Kraft, sind’s deine gute Gesinnungen, ist es deine Tugend, worauf du dich verlässest, sind’s deine eigene Einsichten, denen du folgst, so wohnst du in einem Hause, das kein Fundament hat, und bei’m ersten Sturm über die zusammen fallen wird. Von der Unzulänglichkeit jener überzeugt werden, überzeugt werden von den heiligen und hohen Forderungen des Gesetzes, überzeugt wreden von der unermeßlichen Heiligkeit Gottes, und von unserer Unheiligkeit, Blindheit, Verkehrtheit, und dann überzeugt werden von der Bereitwilligkeit Jesu Christi, sich solcher Verlornen treulich und seligmachend anzunehmen, das leitet zu dem wahren Grunde, wo es dann wohl heißt:

 

Der Grund, wo ich mich gründe,
Ist Christus und sein Blut;
An mir und meinem Leben
Ist nichts auf dieser Erd’.
Was Christus mir gegeben,
Das ist des Lobens werth;
In ihm kann ich mich freuen,
Hat’s meine Seele gut,
Darf kein Gerichte scheuen,
Wie sonst ein Sünder thut.
Kein Unfall mich erschrecket,
Kein Unfalal mich betrübt,
Weil mich mit Flügeln decket
Mein Heiland, der mich liebt.

 

Wohl ist’s der Mühe werth, von Zeit zu Zeit sich über den Grund zu prüfen, worauf man seine Hoffnung stützt. In uns keinen, in Christo der Genugsame. Das ist die Regel. Ist denn dieser Grund auch bei dir dadurch gelegt worden, daß du angefangen hast zu erkennen, wie groß deine Sünde und Elend sey, und sodann wie du von allen deinen Sünden erlöset werdest? Wird dein eigener Grund immer völliger umgerissen, so daß du wirklich dein eigen Leben verlierest und Christus dein Leben wird, ohne welchen du nichts thun kannst noch willst?

 

Es kommen hier noch einige Wörter vor, deren Bedeutung wir bemerken. Baal ist ein bekanntes wort, und wir wissen, daß die Juden einem Götzen dienten, den sie also nannten, dessen Dienst Elias und Jehu zerstörten. Baal heißt so viel, als einer, der da hat, besitzt und deswegen auch Herr. So könnte die bekannte Stelle Jesaia 54,5.: der dich gemacht hat, ist dein Mann, so gegeben werden: der dich gemacht hat, hat dich, - du hast nicht bloß ihn, er hat auch dich und wird dich nicht lassen, welches ja sehr tröstlich ist, weil daraus erhellet, daß die Seele den Herrn nicht nur mit ihren oft so schwachen Glaubensarmen, sondern der Herr auch sie mit den ewigen Armen seiner Liebe gefaßt hat und sie nicht fahren läßt. Eine solche zwiefache Schnur hält. Es bedarf ihrer aber auch. Dieser Name hatte offenbar etwas sehr ermunterndes für das arme Israel. Bisher war Pharao ihr Baal, wenigstens maßte er sich’s an, ihr Besitzer zu seyn, und betrachtete sie als Leibeigene, und wollte sie auch nicht aus seinem Lande laßen, weil sie ihm allzu nützliche Leute waren. Aber ihr eigentlicher Baal und Besitzer war nicht Pharao, sondern der Herr, der wollte sie nicht laßen. Er wird sie inn keiner Noth stecken laßen, ihnen nie seinen Beistand versagen, sondern sie herausreißen und zu Ehren machen, mochte es auch oft gar seltsam hergehen. Und diesen Trost haben alle wahre Christen. Es ist wahr, sie waren Knechte der Sünde. Es ist wahr, sie waren in der schrecklichen Gewalt des Satans und der Obrigkeit der Finsterniß. Es ist auch wahr, daß biede ihr ehemaliges Besitzthum ungern drangaben und noch manche Versuche machen, um sie wieder zu erobern, welches ihnen auch nicht selten zu gelingen scheint, und das wohl auf eine Furcht und Zagen erregende Weise. Aber da ist’s ermuthigend zu hören: der dich gemacht hat, hat dich. Sagte die Braut: Ich halte ihn und will ihn nicht laßen, wie vielmehr wird das der Bräutigam sagen und thun.

 

Ein treuer Unterthan
Betrübet sich von Herzen,
Wenn er gefangen sitzt
In fremder Herren Macht:
Mein rechter Herr und Gott,
Du kennest meine Schmerzen,
Die andre Herren oft
Mir haben zugebracht.
Wenn Sünd’ und Satans Macht,
In Angst und Noth mich treiben:
So denkt mein armes Herz
Alleine doch an dich.
Es gehe wie es geh’,
Ich will der Deine bleiben;
Mein Wille bleibet fest,
Du bleibst es ewiglich.

 

Herr, unser Herrscher, es haben wohl andere Herren über uns geherrschet, denn Du. Aber wir gedenken doch allein dein und deines Namens. Jes. 26.

 

Das Wort Zephon hat mehr als eine Bedeutung. Es bezeichnet verbergen. Und wohl war ihnen Gott hier ein verborgener Gott. Es war ihnen noch verborgen, warum er sie einen so seltsamen, widersinnigen Weg führte, daß auch der vernünftige Pharao ausrief: sie sind verirrt; verborgen, warum es gerade mit ihnen auf’s rothe Meer losging; verborgen, was es doch da mit ihnen geben werde. Wehe dem, welchem Gott überhaupt ein Verborgener ist, der ihn weder als einen heiligen und gerechten Gott, noch auch als einen gnädigen Vater in Christo kennt. Gott ist in seiner Regierung oft ein verborgener Gott, und ist es zuweilen in sehr hohem Grade. Denkt nur an die Geschichte des Lazarus. Wie unerklärbar mußte seinen Schwestern sein tod seyn, obschon Jesus ihnen hatte sagen laßen, die Krankheit sey nicht zum Tode, sondern nur daß der Sohn Gottes dadurch geehret werde. Denkt an den Tod Christi selber. Was für Gedanken, oder vielmehr was für eine Bestürzung mußte derselbe bei den Jüngern erregen, die eher alles als dies erwartet hatten. Wie sehr schien dies dem Worte Gottes, so weit sie’s wenigstens verstanden, zuwider, das doch gerade auf diese Weise erfüllt wurde. – David sagt aber auch Ps. 31,21.: Du verbirgest sie heimlich bei dir vor Jedermanns Trotz; du verdeckest sie in der Hütte vor den zänkischen Zungen, d.h. du beschützest sie. Und die christliche Kirche hat diesen Schutz zu allen Zeiten eben so sehr bedurft, als damals Israel, wenn es sich gleich nicht zu allen Zeiten gleich merkbar gezeigt hat. Es ist bekannt, welche erschreckliche Verfolgungen dieselbe bei ihrer Entstehung von Juden und Heiden und späte rin ihrer Reinigung von den Anhängern des Papstthums hat erdulden müssen und erduldet hat, ohne zu Grunde gerichtet werden zu können. Wer hätte es für möglich halten sollen, daß heute noch ein ansehnliches Häuflein Waldenser, mitten unter lauter bittern Katholiken und im Gebiete eines katholischen Fürsten, übrig seyn könnte, da ihre gänzliche Ausrottung beschlossen und aus allen Kräften versucht ward, und dies nicht zehn, nicht zwanzig, sondern viele hundert Jahre hindurch. Und findet derjenige es anders, der in seine eigene Geschichte sieht? Wie wenig ließ sich bei den Meisten die Sinnesänderung erwarten, die dennoch durch die Gnade Gottes in ihnen bewirkt und sie lebendig gemacht wurden, da sie todt waren in Sünden. Wie viele Fesseln waren zu lösen, wie viele Vorurtheile zu beseitigen, wie viele Irrthümer wegzuschaffen, wozu freilich eine so durchgreifende und unwiderstehliche Gnade erforderlich war, wie sie wirklich ist. So mag’s von jedem wahren Christen heißen: er ist ein Wunder. Sach. 3. – Aber wenn nun auch das gute Werk wirklich begonnen ist, welchen Gefahren ist dasselbe nicht ausgesetzt, so daß man, nach der Vernunft gesprochen, nichts für leichter halten kann, als einen Rückfall aus der Gnade, wie denn nichts leichter und gewöhnlicher ist, als das Fallen von derselben, nach Gal. 5,4. Die Versuchungen der Welt sind vielleicht noch die unbedeutendsten. Aber als hätten wir an unserm eigenen, nur allzu sehr zu allem Bösen geneigten Herzen noch nicht Feindes genug, steht usn sogar der Satan entgegen, dessen schmerzhafteste Anfälle mehrentheils noch die am wenigsten gefährlichen seyn mögen. Wer darf aber erwarten, von ihm ungeneckt zu bleiben, da er Christum selbst anfiel, - wer darf hoffen, ihn zu überwinden, da Adam ihm erlag? Was steht nicht von seiner Macht, verbunden mit List und Bosheit, zu besorgen, und mußte Paulus seine Faustschläge ins Angesicht erdulden, was kann uns widerfahren? Bedürfen wir da nicht des Baal-Zephon, des Herrn, der verbirgt und bewahret? Mehr als sich sagen läßt. Sehen wir doch einen David fallen, einen Salomon so irren, daß er vor Götzen knieet, einen Moses sogar die Ehre Gottes verwahrlosen. Wie demüthig mögen wir derhalben wohl seyn, und wachen und beten, daß wir nicht in Anfechtung fallen.

 

Zephon bezeichnet aber auch etwas, worauf man mit Verlangen sieht, und das Wort Migdol bedeutet einen Thurm, so wie etwas Vortreffliches. Es wird hier also ein Volk bezeichnet, was etwas Vortreffliches mit Verlangen begehrt und darnach aussieht, und diese Gesinnung treffen wir nur bei wahren Christen an. Die Andern begehren mit großem Verlangen Dinge, die nur in einem sehr eingeschränkten Sinne vortreffliche genannt zu werden verdienen. Sie sind blos irdischer Art. Gute Tage, Gesundheit, langes Leben, Glück, Vermögen. Ueber dieses gehen ihre Begierden nicht hinaus. Wahre Christen haben einen andern Sinn. Zwar verschmähen sie die genannten Dinge keineswegs. Sie bleiben aber auch nicht daran hangen. Das neue Herz und der gewisse Geist, um welche David betet, die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, und der Friede Gottes, der daraus entspringt, und den Paulus für höher erklärt, als alle Vernunft, der heilige Geist und das ewige Leben, die Gemeinschaft mit Gott und die genaue Vereinigung mit Christo, sind die Vortrefflichkeiten des Migdol, das sie begehren. Sie wählen das beste Theil und sehen nach demselben verlangend aus. Verlangend sehen sie der Erfüllung der, das Allgemeine angehenden herrlichen Verheißungen entgegen, wornach die Erde noch voll werden wird der Erkenntniß des Herrn, wo die Fülle der Heiden wird eingehen, und schauen begierig zu, was sich unter Juden und Heiden etwa Erfreuliches regt. Eben so harren sie sehnsuchtsvoll für ihre eigene Personen entgegen der völligen Unterjochung, Kreuzigung und Tödtung ihres, ihnen so mißfälligen, alten Menschen, der mehrern Ausbreitung ihres Herzens in Glauben und Liebe, der innigern Gemeinschaft mit Christo und ihrer endlichen Aufnahme in die ewige Herrlichkeit. Unsere Augen sehen nach den Bergen, von welchen uns Hülfe kommt. Ach! daß doch die Hülfe aus Zion erschiene, und der Herr sein gefangen Volk erlösete. Ist hier doch so mannigfaltiger Streit und vielfache Mühe. Auf einige Sonnenblicke folgen oft Tage voll Nebel und Regen. Und wie viele ächzen unter mannigfaltigem Kreuz und gleichen einem Simon, der ermüdet vom Felde eilt, um sich zu Hause zu erquicken, sich an dessen statt aber das Kreuz muß aufbürden laßen. So sehen wir’s auch in der Reise Israels. Bald fehlt’s hie, bald mangelt es dort, und immer ist’s eine Wüste, nicht Canaan, das Land, worin sie wohnen sollten. Und werden ihnen köstliche Früchte aus dem Segenslande gezeigt, so sagt der Unglaube: nie könnt ihr dazu gelangen, - und Josua hat genug zu schreien: es entfalle Keinem das Herz um deßwillen. Alles hebt doch seine Stimme auf und weint.

 

Endlich bezeichnet Zephon auch Mitternacht, nämlich die Himmelsgegend, die man also oder auch Norden nennt. Mitternacht und Mittag hast du geschaffen, sagt Ethan Ps. 89,13. Fürchte dich nicht, Jacob, heißt’s Jes. 43,6., denn ich bin mit dir. Ich will vom Morgen deinen Saamen bringen und vom Abend dich sammeln; und will sagen gegen Mitternacht: gieb her, und gegen Mittag: wehre nicht. Nach Norden hin finden sich einige Sterne, die ihre Stellen am Himmel das ganze Jahr durch sehr wenig ändern, und einer unter ihnen, der Polarstern genannt, der sie fast gar nicht verändert, sondern wie unbeweglich dasteht. Dieser Stern diente besonders ehemals, da man den Kompaß, der stets nach Norden weiset, noch nicht kannte, vornehmlich den Seefahrern als ein Wegweiser, wonach sie ihre Fahrt richten konnten, weil sie die andern Himmelsgegenden auch bestimmen konnten, wenn sie erst wußten, wo Norden war. Auch bei Landreisen kam dies Gestirn gut zu statten. – Um den Weg auszumitteln, bedurften die Kinder Israel des Zephon, des Polarsterns, freilich nicht, aber sie bedurften für alles übrige eines festen Punktes, worauf sich das Auge ihres Vertrauens heften mochte. Und den konnten sie besonders in ihrer dermaligen Lage auf Erden nicht finden, mußten ihn also in der Höhe suchen, wohin sie gleichsam auch der hohe Thurm verwieß. Denn womit waren sie denn wohl für ihre Reise versehen? Nicht einmal mit Waffen, geschweige mit sonst was. Doch nicht nur sie, sondern bedürfen nicht wir Alle eines Polarsterns, eines festen Punktes, woran sich unsere Seele hange? wo finden wir denselben aber? Nicht in der Welt; nicht in ihrer Weisheit, die Thorheit vor Gott und alle fünf Jahre eine andere ist, also kein Polarstern. Nicht in ihrer Gunst und in ihren Gütern, die der Veränderung ebenso unterworfen sind, wie alles Uebrige. Eben so wenig finden wir den Stützpunkt unseres Vertrauens in uns selbst. Worauf wollten wir uns wohl stützen, da die Schrift den für einen Narren erklärt, der sich auf sein Herz verläßt; auf unsern eigenen Verstand? da das was gilt, nur Unmündigen geoffenbaret wird; - auf unsere Macht? womit wir nicht einmal ein Haar schwarz oder weiß machen können; - auf unsere Vorsätze? die schon als halbtodte Kinder geboren werden; - auf unsern Muth? der uns so leicht entfallen; auf unser Licht? das so leicht verdunkelt; auf unsere Gewißheit? die so schnell erschüttert; auf unsern Glauben? der so bald an’s Wanken gebracht werden kann; auf unsere Erfahrungen? die wir so schnell vergessen, oder worauf wollen wir uns sonst stützen, zumal wenn es einem ginge, wie David Ps. 31,13. von sich sagt: ich bin wie ein zerbrochen Gefäß, - und da Menschen, die von sich selber halten, in der Schrift so übel angeschrieben stehen, 2. Tim. 3. Wer ist denn der feste Stützpunkt? Ist es Gott? Aber sind wir nicht Sünder, und ist er nicht ein Feind derselben? Aber es ist ein Stern in Jaedh aufgegangen und ein Held aus dem Stamm Juda, dem werden die Völker anhangen. In ihm ist das Leben und alle Fülle. Laßt uns denn aufsehen auf Jesum. Wir bedürfen Weisheit, große Weisheit, wir müssen eine Tugend haben, die von Gott selbst gültig befunden wird, ohne Heiligung können wir ihn nicht sehen, und bei so mächtigen Uebeln, als uns drängen, thut eine große Erlösung noth. Aber seht, dies Alles ist in dem Einen. Wie nun einst im israelitischen Lager fast Aller Augen auf sein Vorbild, die kupferne Schlange, gerichtet waren, so sollen wir immer nichts wissen wollen, als Jesum Christum den Gekreuzigten. Er ist der einige Stein, auf den, nach Sach. 3., sieben, d.h. alle Augen gerichtet sind. Haben wir denn sonst nichts, gar nichts, deß wir uns rühmen mögen und getrösten dürfen: so haben wir doch ihn, und mag auch unser Glaube leider nur schwächlich seyn, so kann er ihn leicht stärken, und glauben wir auch nicht, so bleibt er doch getreu. Dies ist der rechte Polarstern für uns arme Pilger. Sein Wort ist der Thurm Migdol, der uns an ihn weiset, und dies Wort sollen wir festhalten.

 

Die Kinder Israel kamen auch gar bald in solche Verhältnisse, wo sie dieses festen Punktes außerhalb der sichtbaren Welt ungemein sehr bedurften. Wir meinen auch wohl einmal, uns in einer sehr bedrängten und verwickelten Lage zu finden. Vielleicht ist das auch so. Wenn es uns aber vorkommen will, als sey außer uns wohl Niemand in gleichen oder gar noch bedrängteren Umständen gewesen, und möchten wir mit Jeremias ausrufen: wo ist ein Schmerz, wie mein Schmerz! – so irren wir. Laßt uns nur einmal die Lage der Kinder Israel zu Pi-Hahiroth ein wenig vergegenwärtigen. Sie waren in einem tiefen Thale gelagert, von hohen Bergen eingeschlossen, wo man weder rechts noch links ausweichen konnte. Zu diesem Thale gab es nur einen Eingang. Der Ausgang am entgegengesetzten Ende war durch den arabischen Meerbusen oder das rothe Meer geschlossen. Und in diese Kluft hinein hatten die Kinder Israel gemußt, weil die Wolkensäule sie dahin leitete, ohne welches sie einen weniger ängstlichen Weg würden eingeschlagen haben, wie sie gekonnt hätten. Pharao erfuhr ihre Lage. Er fing an es zu bereuen, daß er sie hatte ziehen laßen, welches ja dem Lande zu einem unersetzlichen Schaden gereichte, da sie sich dadurch ihrer Knechte beraubt sahen, welche die Arbeiten verrichten mußten, wozu sie selbst keine Lust hatten. Seine Räthe stimmten vollkommen mit ihm überein, und sehr bald war ein Entschluß gefaßt. Er befahl augenblicklich, sein Heer aufbrechen zu laßen, an dessen Spitze er sich selber stellte und den Oberbefehl führte. Die Rüstung geschah so rasch und ihr Aufbruch so schleunig, daß sie die Kinder Israel sehr bald eingeholt hatten. Diese lieben Leute dachten an keine Gefahr, sondern glaubten, mit dem glücklichen Ausgang aus Egypten aller Noth auf einmal entgangen zu seyn. Sie hatten keine Waffen, womit sie sich zur Wehre setzen konnten, und an Muth fehlte es ihnen nicht weniger. Ihr aus Egypten mitgenommener Mundvorrath war auch sehr auf die Neige gegangen und sie finden an, Mangel zu leiden. Nun shen sie mit einmal das große egyptische Heer mit seinen blitzenden Waffen und rasselnden Wagen und stampfenden Rossen. Wer schildert ihr Entsetzen! Pharao – so schien es – konnte mit ihnen machen, was er wollte, sie Alle oder doch ihre Häupter todtschlagen, sie aushungern, sie in’s Meer jagen, oder sie in eine ärgere Knechtschaft zurückführen, als je zuvor. Israel sah kein Rettungsmittel vor sich. Es konnte nicht einmal fliehen, nicht zur Seite – das litten die schroffen Felsen nicht, nicht vorwärts – da war das Meer, nicht zurück – da war eine gerüstete Armee. Erschreckliche Lage! Sie waren ohne Rettung verloren, oder wenn ihnen noch etwas übrig blieb, so war dies das Einzige, sich auf Discretion, auf Gnade und Ungnade, zu ergeben, und wie würde es ihnen dann gehen! Ihre Angst war namenlos. Sie fingen jämmerlich an zu schreien. Nichts blieb ihnen übrig, als der Baal-Zephon, als der Polarstern am Gnadenhimmel, der auch in der finstersten Nacht am klarsten funkelt, nichts als Migdol, der Hohe und Erhabene, nichts als der Herr, den schrieen sie an. Jedoch nicht auf eine freudig gläubige und zuversichtliche Weise, sondern mehr fürchtend als hoffend, auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen war. Sie hatten Alles vergessen, was der Herr bis jetzt schon Großes und Erstaunliches an ihnen gethan, und waren unfähig, daraus den Schluß zu machen: er werde sie auch jetzt nicht stecken laßen. Selbst Moses, dem doch nichts unerwartet kam, da ihn der Herr schon früher unterrichtet hatte, selbst Moses stand eine Weile stumm und bestürzt da. Ja, wie weit kann das Mißtrauen nicht gehen! Die beängstigten Kinder Israel schöpften auch gegen Mose selbst einen gräulichen Verdacht, ob er’s nicht vielleicht mit Pharao so verabredet hätte, wenigstens betrachteten sie ihn als den Urheber all ihres Unglücks, der sie durch seine Unbesonnenheit in diese verzweifelte Lage gebracht, die sie wohl vorausgesehen und ihm mehr als einmal gesagt: höre auf und laß uns den Egyptern dienen. Denn welch ein Elend das auch ist, so wäre es doch besser, als so elendiglich in der Wüste zu sterben. – Wirklich ist Moses noch immer ein gar schlimmer Mann, der uns mit seinen Forderungen und Drohungen in großes Gedränge und Ungemach führt, indem er nur vom Thun wissen will, ohne die erforderliche Kraft dazu mitzutheilen, so wenig als Jemand den Kindern Israel an der bestimmten Zahl Ziegel half, indem er nur Fluch und Tod predigt. Er treibt seine Forderungen bis in’s Unendliche, wo man auch wohl sagen möchte: höre auf! Aber er hört nicht auf, so lange noch das Allermindeste zurückbleibt. Es ist wirklich nicht zu sagen, in was für Jammer und Noth das Gesetz eine Seele bringen kann, an welcher es sein Amt thut, wie schon an Paulo zu sehen ist, welcher auszurufen sich gedrungen fand: Ach! ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes. Die Seele weiß dann auch wohl nicht rück- noch vorwärts, und sieht kein Durchkommen. Unter solchen Umständen hat wohl schon Mnacher gedacht, was die Kinder Israel sagten: Wären wir doch nur in Egypten, - wären wir doch nur in unserer vormaligen Sicherheit geblieben, wo wir uns um Gott und sein Wort, um unsere Sünden und unsern Seelenzustand nicht bekümmerten, sondern sorglos dahin lebten, wie andere Leute noch thun. Was hilft uns jetzt unser Sorgen und Grämen, womit wir uns nur plagen, ohne etwas auszurichten. Kurz, die armen Kinder Israel glaubten nicht anders, als Alles habe sich zu ihrem Untergange zusammen verschworen. Moses und Pharao, das Thal und das Meer. Freilich hatten sie so Vieles, was sie zum Glauben ermuntern sollte, namentlich das sichtbare Zeichen der gnädigen Gegenwart Gottes in der Wolken- und Feuersäule, wie wir die heiligen Sakramente haben, - aber was hilft das Alles in jener Zeit der Drangsal! – O! ihr lieben Kinder Israel, wie ging es euch hier so ganz anders als zu Raemses, wo ihr vor Freuden jubeltet und ein Freudengeschrei erhubet. Wie müßt ihr jetzt so ängstlich seufzen! Es ist Nacht geworden, wo euch nur der Polarstern schimmert. Nichts ist euch übrig geblieben, als derjenige, der da gesagt: Ichw erde seyn. Aber er wird auch seyn. Fürchtet euch nur nicht. Der Herr wird Ehre einlegen. Er wird für euch streiten, und ihr sollt stille seyn. Es kommt noch ein Elim.

 

Laßt uns hier wieder abbrechen, und, so der Herr will, nächstens sehen, wie herrlich er sie aus der Noth errettete.

 

Du aber, o Herr! mache uns nur elend, hilf uns Elenden aber auch herrlich. Amen.

 

Fünfte Predigt.

Text: 4. Buch Mose 33,8.

 

Wir verließen die Kinder Israel in der allerbedrängtesten Lage. Drei Feinde umlagerten sie zu gleicher Zeit, und es war schwer zu sagen, welcher unter diesen der grausamste war: Pharao, das Meer oder die Berge. Hatten sie in Hahirot den Mund ziemlich weit aufgethan, so öffnete er sich jetzt nur, um dem Seufzen ihres Herzens Luft zu machen. Selbst Moses verstummte, wiewohl sein Herz desto lauter und durchdringender zu Gott schrie. Doch, laßt uns die Geschichte selbst, nebst ihrer Bedeutung, in nähere Erwägung ziehen.

 

Moses war eine kurze Zeit auch wie erstarrt und verstummt, aber nur um ohne Worte zu beten und sodann seinen Mund zu desto herrlicheren Reden zu öffnen. Fürchtet euch nicht, sagt er, und stehet fest und sehet, welch ein Heil der Herr heute an euch thun wird; der Herr will für euch streiten und ihr sollt stille sein. Ein merkwürdiges Wort. Es ging in seine volle Erfüllung auf Golgatha, aber es geht auch noch immer so. Und wie stille kann der sein, der das Wort fasset: Der Herr will für euch streiten und hat für euch gestritten. Es war aber in der That große Kunst, hier fest zu stehen. Ihre äußerliche Lage zu behaupten, war nichts sonderliches, denn dazu zwang sie die harte Nothwendigkeit und die Unmöglichkeit, die Flucht zu ergreifen. Denn wohin sollten sie flüchten? Blos aufwärts gen Himmel stand der Weg ihnen offen, sonst war er von allen Seiten zu. Und so muß man freilich eingeeng und eingepreßt werden, um allein auf Gott zu hoffen. Denn so lange die Natur noch ein Loch offen sieht, sucht sie sich da hindurch zu machen. So lange sie noch einige Gerechtigkeit, noch einige Stärke übrig zu haben meint, nimmt sie nicht Christum allein und ganz an. Daher kommts auch, daß wir dann so jämmerlich zu zagen pflegen, wenn uns nichts übrig bleibt, als Gott allein. Das Feststehen der Kinder Israel bestand in einem unwandelbaren Vertrauen blos und lauterlich auf Gott, ohne alle sichtbare Stützen, ohne welches ihre Herzen würden gebebet haben, wie die Bäume im Walde.

 

Der Herr trat nun sehr majestätisch drein, indem er zu Mose sagte: Was schreiest du zu mir? sage ihnen, daß sie ziehen. – Was schreiest du zu mir? Es brauchts nicht. Sei auch du selbst ganz stille und laß mich nur machen. Es bedarf des Flehens nicht, um mich zum Helfen bereit zu machen. Ich bin bereit. Sage ihnen, daß sie ziehen! Welch ein Gebot! Wohin denn? Aufs rothe Meer zu. Wie? um die ganze Größe ihrer Noth und den ganzen Umfang ihrer Hülfslosigkeit recht genau in Augenschein zu nehmen? Auch das. Dem weichen wir gern aus und begnügen uns gern, unsere Noth nur so halb und halb, unser Elend nur so einigermaßen einzusehen, nicht aber in seiner ganzen Größe, - wie der Anblick des rothen Meeres für Israel auch etwas Lähmendes und Entmuthigendes haben mußte. Sage ihnen, daß sie ziehen. Wenn’s so heißt, dann müssen wir aber schon heran, um zu sehen, wie wir Gottlose wie ein ungestüm Meer sind, das nicht still sein kann. Sage ihnen, daß sie ziehen. An nichts sollten sie sich kehren, sondern im Glauben sagen: In dem Allen überwinden wir weit. Was meinst du, Pharao, mit deinen Rossen und Wagen? was meinst du, Meer, mit deinen grausigen Wogen? Wollt ihr uns verschlingen? Jawohl! Sage ihnen, daß sie ziehen. Laßt diese gehen, sagte Christus, und man mußte sie gehen lassen bis auf den heutigen Tag. Es liegt an diesem: Sage ihnen, daß sie ziehen, etwas Majestätisches, etwas Unaussprechliches. Gott thut gerade, als wäre kein Hinderniß da, und ihm ist auch keins da, also auch im Grunde betrachtet, seinem Volke nicht. Im Glauben vorwärts. Es hat Alles nichts zu sagen. Aber auch immer weiter. Sage ihnen, daß sie ziehen.

 

Zu Mose aber hieß es: Du aber hebe deinen Stab auf und recke deine Hand über das Meer und theile es von einander, daß die Kinder Israel hineingehen mitten hindurch auf dem Trockenen. Welch ein Befehl: Theile du das Meer! und welch ein Mann, der nicht sagt: Herr, das kann ich nicht; sondern denkt: ich kann das wohl, weil mir’s der Herr gebeut. Es steht auch den Gläubigen weit schöner an und geziemet sich weit mehr zu sagen: ich kann das wohl, als: ich kann es nicht. Doch gehört Beides zusammen. Als die nichts können und Alles können. Ja, wir können es wohl, antworteten die lieben Jünger, als der Herr fragte: Könnet ihr den Kelch trinken, den ich trinke, und euch taufen lassen mit der Taufe, da ich mit getauft werde? – und Jesus tadelt sie wegen ihres Sagens nicht, mochte auch allenfalls manches noch daran zu tadeln sein und sie noch mehr und auch noch weniger können, wie sie noch selber wußten, wie sie ja auch mehr erkannten, wie sie dachten, nach Joh. 14., wo Jesus zu ihnen sagte: Ihr wisset den Weg und kennet den Vater und habt ihn gesehen; mag auch Thomas antworten: Wir wissen’s nicht und wie können wir den Weg wissen; Philippus aber sagen: Herr, zeige uns den Vater. - Theile du das Meer. Was für große Thaten können doch die armen Christen ausrichten, wenn der Herr sie dazu beruft. Solch Zutrauen sollten sie daher auch billig zu Gott haben, denn auf eigenes Vermögen kommt’s gar nicht an. Wäre es beim Mose darauf angekommen, so wäre das Meer ungetheilt geblieben. Aber er brachte sein eigenes Können auch gar nicht in Rechnung; denn was konnte das Stabaufheben und Handausrecken irgend zur Theilung des Meeres beitragen? Er that’s Alles im Glauben, welcher ein ausdrückliches Wort Gottes für sich hatte. – Wie verkehrt ist es daher, wenn wir gegen irgend ein Gebot, möchte es auch noch so Großes fordern, das Mindeste einwenden, da es blos darauf ankommt, wie wir es auffassen, ob im Sinne des Werk- oder des Gnadenbundes, - wie verkehrt, wenn wir ihm unsere Ohnmacht entgegen halten, oder gar in der Forderung eine Beeinträchtigung der Rechtfertigung wittern. Die Forderungen und Ermahnungen sind eben so geeignet, unsern Geist zu erquicken, als die eigentlichen Verheißungen. Es kommt dabei nur auf das hörende Ohr und sehende Auge an, welche beide der Herr gemacht hat. Moses würde freilich ein großer Narr gewesen sein, wenn er den Befehl: Theile du das Meer! auf seine eigene Achseln und nicht im Glauben aufgefaßt hätte. David zweifelte auch nicht daran, er werde den Goliath erlegen, obschon Saul es nicht glaubte, und obschon er diesem ungläubigen Könige es nicht sagte, wie er’s angreifen wollte, und es dabei bewenden ließ, ihn zu bemerken: Dein Knecht hat einen Löwen und Bären todtgeschlagen, wo er rathen mochte, woher er die Kraft dazu genommen. Vor dem Volke aber rief er: Ich komme im Namen des Herrn. Petrus zweifelte auch nicht daran, er werde mit Jesu in’s Gefängniß und in den Tod gehen können, und floh und verleugnete ihn dreimal. – Der Weg ist hier schmal und zart, und Niemand ist, der ihn findet, als den der Herr unterweiset und ihm den Weg zeiget, den er wandeln soll. Also getrost Gebote her, und wenn es hieße: Ihr sollt vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist; oder: Theile du das Meer! Mögen spitzfindige Leute es denn erläutern, wie der Herr dem Menschen das zuschreibt, was er doch selber thut, oder was für einen Antheil der Mensch an dem Werke hat oder nicht hat, das Gott durch ihn ausrichtet: wir wollen indeß glauben lernen und im Glauben darreichen die Tugend.

 

Wie und wodurch sollte Moses das bewerkstelligen, daß die Kinder Israel trockenen Fußes mitten durch’s Meer gingen? Das würde er nimmer errathen haben. Sollte man einen Damm durch das Meer aufwerfen? Gesetzt dies wäre möglich gewesen, was es doch nicht ist, so würde ihnen die Nähe Pharaos keine Zeit dazu gelassen haben. Ist es bisher unmöglich gewesen, die Landenge zu durchgraben, die das rothe Meer von dem mittelländischen trennt und Asien mit Afrika verbindet, wie hätte man einen Damm mitten durchs Meer zu Stande bringen wollen? Aber gott, der Mose befahl, das Meer zu theilen, nannte ihm auch die Art und Weise, wie er’s machen sollte. Seinen Stab sollte er aufheben und seine Hand über’s Meer recken. Verachte nun noch Jemand die Mittel, sobald sie eine göttliche Einsetzung für sich haben! Das Aufheben des Stabes und das Ausrecken der Hand trug zur Theilung des Meeres nichts bei und war doch so durchaus nothwendig, daß es sich ohne dieses nicht würde getheilt haben. Gott brauchte diese armseligen Mittel eines hölzernen Stabes und einer schwachen Hand eines 80jährigen Mannes nicht, und doch wollte er ohne diese nichts thun. Er hätte auch andere Mittel gebrauchen können, wählte aber dieses, und Moses würde nicht fromm sondern gottlos, nicht gläubig sondern widerspenstig gehandelt haben, nicht demüthig sondern eigenweise gewesen sein, hätte er gesagt: Ich will meinen Stab nicht aufheben, weil der Herr es alles allein und selber thut. Gott hat im Natürlichen kein Brod und keinen Wein nöthig, um unser Leben zu erhalten, so lange es ihm gefällt; er braucht nicht regnen zu lassen, damit ein Land fruchtbar sei, wie es denn in Egypten nie regnet; er braucht im Geistlichen keine Kirchen und keine Prediger, ja keine Bibel und keine Sakramente, um Menschen zu bekehren und zu belehren, zu stärken und zu erfreuen. Aber wie verkehrt wäre derjenige, der das Eine oder das Andere verachten wollte, da Gott beides angeordnet hat. Nein, Mosis Hand und Stab, gerade dies und kein anderes Mittel, war nothwendig, das Meer zu theilen, und Kirchen und Prediger, Bibeln und Sakramente sind nothwendig, Menschen zu bekehren und zu belehren, zu stärken und zu erfreuen, wie wahr es übrigens ist, daß viele Tausend selig werden, die nie etwas von Adams Fall und Christi Blut, die nie eine Predigt gehört haben, welches von solchen Menschen gilt, die als unmündige Kindlein schon den armseligen Schauplatz dieser Erde wieder verlassen, nachdem man sie kaum auf demselben gesehen hat. War nicht Johannes schon im Mutterleibe erfüllet mit dem heiligen Geist? – Gern und gehorsamlich bedienen wir uns daher der Mittel, ohne bei ihnen stehen zu bleiben und ohne dasjenige von ihnen zu erwarten, was blos vom Herrn kommt, was er aber durch Mittel geben will, sollten diese Mittel auch schwach sein und viel zu wünschen übrig lassen. Wir verlassen nicht die Versammlungen, wie Etliche pflegen, sondern ermahnen uns unter einander. Wir lesen, hören, kommen zum Tische des Herrn, das eine Mal belebter, das andre Mal trockner, und begehren, daß der Herr uns da segne, wo er seines Namens Gedächtniß gestiftet hat.

 

Der Herr sprach weiter zu Mose: Ich will das Herz der Egypter verstocken, daß sie euch nachfolgen, und will Ehre einlegen an Pharao und an aller seiner Macht, an seinen Wagen und Reutern, und sie sollen inne werden, daß ich der Herr sei. (2. Mos. 14,17.) Gehorsamlich und gläubig, ohne auf Vernunft und ihre Frage zu hören: wie mag solches zugehen? reckte Moses Hand und Stab über das gewaltige Meer. Ein gewisser persischer König ließ einst eine Brücke über einen Arm des Meeres schlagen, um über derselben mit einer ungeheuern Macht Griechenland zu überfallen, die aber bald von den Wellen zerstört wurde. Der übermüthige König ließ darauf das Meer für seinen Ungehorsam, lächerlicher Weise, mit Ruthen peitschen, und bewieß damit, daß seine Narrheit eben so groß war, als sein Stolz. Mosis Hand und seinem Stabe war das Meer gehorsamer, als der Brücke des übermüthigen Xerxes. Es wich ehrfurchtsvoll und theilte sich von einander, jedoch nicht auf einmal, sondern nach und nach, die ganze Nacht hindurch. Gott der Herr kam auch durch einen starken Ostwind zu Hülfe, wovon nachher Moses, ohne seines Handausreckens und seines Stabes zu gedenken, sang: Durch dein Blasen thaten sich die Wasser auf und die Fluthen standen auf Haufen. – Wie ist es doch dem Herrn so ein Leichtes zu helfen, und durch welche geringe, unscheinbare Mittel kann er helfen, so er sich anders der Mittel bedienen will. Eben noch in dem erschrecklichen Gedränge, von allen Seiten eingeschlossen, - ohne einige Aussicht zur Rettung, und so bald ein weiter offener Weg! Der Herr ist der rechte Kriegsmann. Herr ist sein Name! singt Mose. (2. Mos. 15,3.)

 

Es geschah aber noch etwas Besonderes. Gott wollte nicht blos die Kinder Israel retten, sondern auch den Pharao und sein Heer vertilgen. Er verstockte also sein Herz, daß er beschloß, Israel nachzusetzen; denn eben darum, sagte Gott von ihm, habe ich dich erweckt, daß ich an dir meine Macht erzeige, und daß mein Name verkündiget werde auf der ganzen Erde. Er sollte ihnen aber nicht zu früh nachsetzen, sondern ihnen Zeit lassen, daß sie einen großen Vorsprung vor ihm gewönnen. Da erhub sich also der Engel Gottes, der vor Israel herzog, und machte sich hinter sie (2. Mos. 14,19.) und die Wolkensäule machte sich auch von ihrem Angesichte und trat hinter sie. Des Engels Gottes, dessen heir als eines solchen gedacht wird, der vor Israel herzog, wird mehrmals im ersten Buch Mosis erwähnt. Es ist kein geschaffener Engel, d.i. Gesandter, sondern eine der göttlichen Personen; deshalb heißt es auch gleich im 24. Vers: Der Herr schauete aus der Wolken- und Feuersäule auf die Egypter. Dieser Engel erschien Mosi in dem brennenden Busch und nennt sich den Gott Abrahams, Isaacs und Jacobs. Er war’s, der mit dem Erzvater Jacob rang, und er nennt ihn den Engel und Gott. Hosea ebenfalls. Er hat, sagt er Cap. 12,4., aus allen Kräften mit Gott gerungen. Er kämpfte mit dem Engel, denn er weinte und hat ihn. Die Hagar ward auch seiner Anrede gewürdiget (1. Mos. 16.), und Moses sagt, sie habe den Namen des Herrn, der mit ihr redete, atta El roi, d.i. du Gott siehest mich, genannt. Dies ist der Engel des Angesichts, der Bundesengel, der Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Sohn Gottes, welcher in der Fülle der Zeit Mensch wurde und Jesus Christus heißt. Er war es, der das Gesetz auf Sinai gab, wie uns Stephanus in seiner letzten Rede Apostelg. 7,38. berichtet, den er ausdrücklich Gott nennet und auch wieder von Gott unterscheidet, wenn er V. 35 sagt: Gott sandte Mosen durch die Hand des Engels, der ihm im Busch erschienen war, - woraus erhellet, daß die Lehre von der Dreieinigkeit eben sowohl im alten als im neuen Testamente enthalten ist. Pharao und Alles, was sich gegen die Gemeine Jesu Christi im Ganzen oder in ihren einzelnen Gliedern setzt, hat es demnach nicht blos mit ihnen zu thun, wie sie meinen, sondern mit dem Sohne Gottes selbst, der sie schon schützen wird, mag es der Teufel, mag es die Welt oder der alte Mensch sein, der sie verfolgt.

 

Die Kinder Israel hätten in Verlegenheit gerathen können, als sie die Wolken- und Feuersäule nicht mehr sahen. Aber zu ihrem Vortheil wich sie von ihrem Angesicht und trat hinter sie, weil sie ihnen da nöthiger war. Zwar erschrickt auch das Herz der Gläubigen, wenn Christus sich vor ihnen verbirgt. Aber wenn das geschieht, so ist’s ihnen nützlich, nützlicher, als wenn’s nicht geschähe. Ob wir das aber immer einsehen, ist eine andere Frage. Unsere Armseligkeit kommt dann wieder oben, denn

 

wenn du entzeuchst das Deine,
bleibt Sünd’ und Schwachheit meine.

 

Aber auch das war heilsam.

 

Die Wolken- und Feuersäule verhinderte es, daß Pharao die ganze Nacht nicht zu Israel kommen konnte, welches die Zeit benutzte und in und durch’s Meer ging. Es war eine finstere Wolke, heißt es, und erleuchtete die Nacht; nach der egyptischen Seite nämlich machte sie die Finsterniß der Nacht noch finsterer, nach israelitischer Seite aber leuchtete sie helle, daß sie sehen konnten, was sie zu sehen hatten. So ist’s. Es gibt ein Reich des Lichts und ein Reich der Finsterniß, ein Reich der Wahrheit und ein Reich des Irrthums und der Lüge; es gibt Kinder des Lichts und Kinder der Welt und Finsterniß. Gott erbarmet sich, welcher er will, und verstocket, welche er will. Indem er den neuen Menschen erleuchtet, wird der alte Mensch desto mehr verfinstert oder tritt doch als solcher hervor. Das nämliche Evangelium, das Einigen als ein helles Licht erscheint, kommt Andern als Finsterniß und Thorheit vor, und wie es Einigen ein Geruch des Lebens zum Leben, so ist es Andern ein Geruch des Todes zum Tode. Christus ist zum Gericht in diese Welt gekommen, daß, die da sehen, blind, und die Blinden sehend werden. Er ist gesetzt zum Fall und Auferstehen Vieler in Israel. Die Wege des Herrn sind richtig; die Gerechten wandeln darinnen, aber die Uebertreter fallen darinnen. Die heilige Schrift leuchtet Einigen schon wegen der Hoheit und Heiligkeit ihres Inhalts als eine göttliche Offenbarung ein, Andere stoßen und ärgern sich daran. Während sich Einer aus einer Familie bekehrt, werden Andere noch verstockter und erboßter wie vorhin.

 

Indessen hatte sich ein Weg mitten durch’s Meer geöffnet. Es stand an beiden Seiten wie crystallene Mauern, welche von dem Wiederschein der Feuersäule wunderbar glänzten. Der Ostwind, der mitten hindurch wehete, trocknete den Weg in der Geschwindigkeit so aus, daß keiner auch nur einen nassen Fuß bekam. Wer muß aber nicht den Muth derer bewundern, welche es wagten, zuerst hineinzutreten? Paulus bewundert ihn, wenn er Hebr. 11,29. sagt: Durch den Glauben gingen sie durch’s rothe Meer, als durch trocken Land; rechnet es also mit zu den Großthaten, welche er da anführt. Der Unglaube hätte denken mögen: wie? wenn diese seltsamen Mauern, diese flüssigen Wände, zusammen fielen! Ich sehe ja keinen Damm, der diese unermeßlichen Massen bändigt! Der Glaube aber sah weder Mosis Hand an, noch die unermeßliche Masse, noch ihre widernatürliche Stellung, sondern sah an die allmächtige Hand des Gotes, der dies Meer aus nichts erschuf und damit machte, was er wollte. Es gehorchte ihm das Nichts, wie er gebot: Es werde Licht! wie sollte ihm das Etwas, das Meer nicht gehorchen, wenn er ihm gebeut: Bis hieher sollt du kommen und nicht weiter. Und ist nicht der Glaube im Ganzen ein Wagestück? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Petrus wagte noch mehr. Er wandelte nicht durch, sondern auf dem Meere. Moses hielt sich an dem, welchen er nicht sah, V. 27. Freilich eigene Gerechtigkeit, eigene Kraft und Weisheit zu besitzen, stände uns wohl besser an und schien uns sicherer, als nichts inne und doch alles zu haben, als mitten im Tode zu liegen und sein Leben außerhalb sich, in Christo zu suchen. Es gefällt uns weit besser, innerlich so überfüllet und überströmet zu werden, daß wir wohl so kühn wie David werden und sagen möchten: Nimmermehr werde ich danieder liegen, denn durch dein Erbarmen hast du meinen Berg stark gemacht; - als es uns gefällt, uns unserer Schwäche zu rühmen, damit die Kraft Christi in uns wohne. Wer zieht nicht den Reichthum der Armuth, die Selbstständigkeit der Abhänglichkeit vor, und wer sammelte sich nicht gern Manna für längere Zeit, statt es jeden Morgen zu suchen? Aber des Glaubens Art ist die, seine Gerechtigkeit und Stärke im Herrn zu suchen, und zu haben in sich selbst so viel, als Gottes Lämmlein will in unser irdenes Gefäß strömen lassen.

 

Die Egypter wagten es auch und betraten diesen wunderbaren Weg, in welchen sie geleitet wurden, um sie daselbst alle und auf einmal zu vertilgen. Sie gingen nicht im Glauben, den sie nicht kannten, sondern aus Verwegenheit. Die Kinder Israel gingen etwa Abends 6 Uhr Sonnenuntergang in das Meer und kamen gegen 4 Uhr Morgens an dem entgegengesetzten Ufer ans Land, so daß sie etwa zehn Stunden zu dem Durchgang brauchten, wo sie ohne Zweifel nicht säumten, sondern möglichst eilten. Gegen die Morgenzeit bemerkte Pharao wol die Bewegung im israelitischen Lager. Er brach eiligst mit seinem Heer auf, ihnen nachzusetzen und sie einzuholen. In der dichten Finsterniß, welche die Wolkensäule über ihn verbreitete, sah er weder Himmel noch Erde, und richtete sich in seinem Zuge nach dem Geräusch des israelitischen Lagers. So kam er, ehe er’s sich versah, auch mitten in das Meer, das noch wie Mauern stand. Jetzt schauete der Herr aus der Wolken- und Feuersäule auf die Egypter, verbreitete einen Schrecken im Heer und stieß die Räder von den Wagen. Jetzt begriffen sie, daß der Herr für Israel streite und wollten wieder zurück. Aber nun befahl Gott dem Mose, seine Hand noch einmal über’s Meer zu recken, Er that’s. Und wie diese Handlung vorhin die Wasser getheilt hatte, so vereinigte sie sie nun wieder. Die crystallenen Mauern stürzten zusammen und das ganze egyptische Heer ertrank, so daß kein Einziger entrann, der’s hätte verkündigen können, wie’s ihnen gegangen und wo sie geblieben. Dennoch breitete sich das Gerücht davon über ganz Canaan aus, welche sich dieser merkwürdigen Begebenheit noch 40 Jahre nachher erinnerten und deshalb im Voraus vor dem Anzuge der Kinder Israel in Schrecken waren, wie Rahab den Kundschaftern erzählte, nach Jos. 2. Selbst alte, heidnische Schriftsteller erzählen von einer Sage, daß das rothe Meer sich einst in zwei Theile gespalten und der trockne Boden sichtbar geworden sei.

 

So hat der Herr hier recht im Großen ein Exempel gegeben und aufgestellt, wie er seine Kirche, wie er seine Kinder aus den größten Nöthen durch die wunderbarsten kleinsten und größten Mittel zu retten, seine und ihre Feinde aber zu dämpfen weiß, so daß sie in keiner Noth zu verzagen Ursache haben, sondern es fortwährend heißt: Werfet euer Vertrauen nicht weg. Es kommt nicht selten wirklich auf die Spitze, daß man kein natürliches Durchkommen mehr sieht und alle natürliche Mittel als unzulänglich erscheinen, wo nur Gott allein durchhelfen kann. Wie ungern nun auch die Natur es bis zu dieser Spitze gebracht sieht, so wenig hat die Gnade es zu scheuen, denn es gehet ein Durchbrecher vor ihnen her. Und wie gewiß es ist, daß der wahre Christ endlich aus allen Nöthen vollkommen erlöset wird, so gewiß ist es auch, daß alle Gottlosen endlich umkommen, und ständen sie fest wie ein Pallast, und wären schön wie eine Aue. Das Volk des Herrn ist seliger in der äußersten Noth, als die Gottlosen im höchsten Glücke, denn mit Beiden ändert’s sich gewiß.

 

Jetzt sollten wir denn auch die Bedeutung des Durchgangs der Kinder Israel in Erwägung ziehen; laßt mich aber diesmal mit folgender Anmerkung schließen:

 

Bei den Kindern Israel wurden nicht auf einmal alle Schwierigkeiten hintereinander beseitigt, sondern sie geriethen von einer Noth wohl in eine noch größere, erfuhren aber auch eine Durchhülfe nach der andern. Als sie glücklich aus Egypten entronnen waren, also daß sie auch kein Hund anbellen durfte, schienen sie berechtigt zu glauben, daß es nun ferner ohne Anstoß bis ins gelobte Land hineingehen würde, und die Erscheinung der Wolken- und Feuersäule zu Etham schien diese Erwartung vollends zu befestigen. Aber etliche Tage später lagerte sich das rothe Meer wie ein grimmiger Löwe über ihren Weg. Auf eine ähnliche Weise verhält es sich noch mit den Christen, daß sie wohl Anlaß zu der Frage Gideons bekommen: Ist der Herr mit uns, warum widerfähret uns das? – oder gar zu dem Mißtrauen Israels, da sie zu Mose sagten: Du hast uns nur in diese Wüste geführt, um uns zu tödten. Der Weg führte sie einmal eine Zeitlang nah an Canaan, und da mußten sie zurück, als sollten sie wieder in Egypten, zurück an’s rothe Meer, wohl quer wieder über den Weg, den sie schon gemacht hatten. – Ist’s nicht wahr, daß der Christ auf seiner Pilgerreise auch wohl mehrmals ein Triumphgeschrei erhob und mit Simson ausgerufen hat: Da liegen sie mit Haufen, - geglaubt hat, von nun an werde es auf gerader und ebener Bahn fortgehen, und es doch anders befand? Wie sonderlich, daß sie bald bei Tage, bald bei Nacht aufbrechen und ziehen müssen, bald eine weite, dann eine kleine Strecke, daß sie bald eine lange, bald eine kurze Zeit an Einer Stätte verweilen. Aber Alles muß im Glauben geschehen. Sie haben nichts, was zur Reise erforderlich ist, wissen nicht einmal den Weg, dürfen nicht selbst wählen, sondern müssen sich leiten lassen.

 

Doch wohl dem Volke, deß der Herr ein Gott ist. Geht’s auch wunderlich, so geht’s doch herrlich.

 

Durchs Gedränge
zum Gepränge,
durch’s Verläugnen
zum Genuß.

 

Amen.

 

 

 

Sechste Predigt.

 

Text: 4. Buch Mose 33,8.

 

Neulich haben wir das Geschichtliche des Durchgangs der Kinder Israel durch’s rothe Meer betrachtet. Laßt uns jetzt noch die Bedeutung desselben erwägen.

 

Daß es aber eine geistliche und höhere Bedeutung habe, erhellet sich aus 1. Cor. 10,1., wo der Apostel sagt: Ich will euch nicht verhalten, lieben Brüder! daß unsere Väter sind alle unter der Wolke gewesen und sind alle durch’s rothe Meer gegangen, und sind alle auf Mose getauft mit der Wolke und mit dem Meer. Jener Durchgang war also gleichsam eine Taufe und bildete die Taufe des neuen Testaments ab, so wie beide alles dasjenige theils bezeichnen, theils versiegeln, was zur Abwaschung der Sünde gehört, sie bewirkt und befördert.

 

Zuvörderst laßt uns noch einen Blick auf das durchziehende Israel werfen. Es wandelt da wie in einem schauerlichen Grabe. Man denke an die gräuliche Tiefe des Meeres und stelle sich demnach die ungeheuere Höhe der Wassermauern an beiden Seiten vor, die sturzdrohend und dennoch fest da standen. Ich stelle mir auch nicht vor, daß das Meer sich gleich von einem Ende bis an’s andere gespalten habe. Sondern weil es heißt, das Wasser habe sich verlaufen die ganze Nacht hindurch, so schließe ich daraus, daß es auch noch vor ihnen wie Mauern oder Wälle gestanden, welche sie stets imGlauben theilten, so daß sie an beiden Seiten wichen, so wie sie denselben näher rückten. Oben über ihnen war eine weit ausgebreitete Wolke. Und so waren sie von allen Seiten wie von Wasser eingeschlossen. Dies konnte mit Recht eine Taufe genannt werden, welche auch ehemals durch eine gänzliche Eintauchung in’s Wasser geschah. Die Juden waren also alle schon in ihren Vätern getauft, und wenn Jesus befahl, sie sowohl wie die Heidne zu taufen, so bewieß das die Unzulänglichkeit der ersten Taufe wie der ersten Geburt, so wie auch Johannes seine Taufe für unzulänglich und es für nothwendig erklärte, von demjenigen, der nach ihm komme, obschon er vor ihm gewesen, mit Feuer und mit dem heiligen Geist getauft zu werden.

 

Es wird vom Taufen gesagt, man werde in Christum und besonders in seinen Tod hineingetaucht und wir mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, so wie gewaschen mit seinem Blut und Geist von unsern Sünden. Ist’s denn nicht schon merkwürdig, daß das Meer roth heißt von seiner rothen Farbe am Ufer, und sing das 85. Lied nicht mit Recht:

 

Durch dein unschuldig Blut,
die schöne rothe Fluth,
wasch ab all’ meine Sünde,
mit Trost mein Herz verbinde,
und ihr nicht mehr gedenke,
in’s Meer sie tief versenke.

 

Ist’s nicht bemerkenswerth, daß das Meer wie der Vorhang im Tempel, in zwei Theile gerissen und dadurch ein Weg gebahnt wurde, wo früher keiner gewesen: denn ist nicht die Menschheit Christi durch den Tod auch in zwei Theile gerissen, da Leib und Seele von einander getrennt wurden, wodurch uns der, sonst für uns verschlossene Weg zum Gnadenthron zu einem neuen und lebendigen Weg ist geöffnet worden? Alle Egypter wurden in dem nämlichen Meer ersäuft, durch welches Israel gerettet wurde. So wie durch Christi Leiden und Sterben allen Gläubigen das Leben, so ist allen ihren Feinden der Untergang bereitet.

 

Der Durchgang Israels durch’s rothe Meer ist demnach eine Abbildung desjenigen, was zur Reinigung von Sünden gehört. Hier finden wir nun allerlei zu bemerken.

 

Als 1) Israel das Egyptenland verläßt und nach Canaan dem verheißenen Lande will. – Ein Bild erweckter und zu Gott gezogener Seelen, welche den edelmüthigen und festen Vorsatz gefaßt haben, aller Sünde zu entsagen und Gott zu dienen, die da am ersten trachten nach dem Reiche gottes und nach dessen Gerechtigkeit.

 

2) Die Wolken- und Feuersäule ist der geheime aber kräftige Zug des Vaters zum Sohne, welchem die Seele folgt und wovon sie treulich und genau geleitet wird. Denn du führest mich nach deinem Rath und leitest mich bei meiner rechten Hand. Es werden ihr die ihr heilsamen Gnadenmittel oder sie denselben zugeführt, so daß sie wol hernach bekennen muß, daß wenn ein einziger, oft wenig bedeutender Umstand in ihrem Leben anders gewesen, so würde sich auch ihr ganzer Gang anders gestaltet haben.

 

3) Der nachsetzende Pharao ist theils Bild des Gesetzes, das der Seele mit seinen, in’s Weite gehenden, strengen, mit Fluch und Verdammniß verpönten Forderungen, die das Todesurtheil schon über den aussprechen, der nur an Einem fehlt, wenn er auch sonst alles hielte, dermaßen zusetzt und in die Enge treibt, daß sie keinen Rath mehr weiß, daß sie sich nach einem andern Heilswege umsehen, daß sie fragen muß: wer wird mich erlösen? Die bestimmte Zahl Ziegelsteine wird ohne Nachsicht mit Strenge beigetrieben, ohne nur einiges Stroh dazu zu verleihen, ohne einige Ruhe zu lassen, noch mit dem Vorwurf: ihr seid müßig, müßig seid ihr, fort an eure Arbeit. Dann kommt die Seele in Jammer und Noth, und sie sehnt sich unbeschreiblich nach Erlösung und Freiheit. Theils ist Pharao ein Bild des, die erweckte, nun dem Bessern nacheilende Seele, verfolgenden und heftiglich zusetzenden Satans und der Macht der Sünde und Finsterniß. Der Satan muß es bald merken, wenn ihm eine Seele entrinnen will, weil er sich ihr bald aufs heftigste widersetzt. Den Einen quält er mit lästerlichen, den Andern mit zweifelmüthigen Gedanken, als wolle er etwas beginnen, das er nie zu Stande bringen werde, weil es entweder schon zu spät, oder er ein gar zu großer Sünder sei, wo er ihm denn besonders diese oder jene Sünde vorrückt oder gar bereden will, er habe die unvergebliche Sünde begangen. Andere quält er mit Zweifeln an der Wahrheit des göttlichen Worts, ja sogar ob wohl ein Gott, ein Christus, ein Teufel und ein ewiges Leben sei, so daß sich der Mensch als unbeschreiblich verwerflich, ja als rettungslos vorkommt. Andere plagt er mit allerlei unnützen Grübeleien und schwierigen Spekulationen und Fragen, warum dies, wozu das, wie ist dies zu verstehen, wie jenes zu reimen, welches die Seele durchaus ergrübeln soll und nicht kann. Er gibt auch wol einen Prediger des Gesetzes ab und thut ungeheure Forderungen. Man soll seine Gebete bis zu einer entsetzlichen Länge ausdehnen, da man doch sich außer Stande sieht, nur fünf Minuten zu beten. Das kleinste Versehen ist gleich ein Verbrechen. Oder er treibt die Kennzeichen, wonach man seinen Gnadenstand beurtheilen soll, ins Unermeßliche. Wollte man sich des Gnadenstandes getrösten, so müßte auch nicht die geringste sündliche Regung mehr vorhanden sein, denn wer im Geiste lebet, der soll durch den Geist des Fleisches Geschäfte tödten. Wären die genossenen Tröstungen rechter Art gewesen, so würden sie nicht so bald verschwunden sein. Wäre man wirklich ein Kind Gottes, so würde man nicht so dürr sein, sich das nicht ereignen, sich jenes nicht zeigen. Da kann sich der erweckte Mensch in einem ähnlichen Gedränge befinden, wie Israel zu Pihahiroth, oder wie Jeremias sagt: als zwischen zwei Reihen Steinen liegen und weiß nicht herauszukommen, daß er wohl mit dem 143. Psalm klagt: Der Feind verfolgt meine Seele und schlägt mein Leben zu Boden. Er hat auch andere Künste und kann dem Menschen lähmende Vorstellungen thun, als: ob er sich denn so frühzeitig ein so elendes Leben anthun und auf alle Freuden Verzicht thun wolle? Er sollte doch noch damit warten; es werde ja auch künftig noch früh genug sein. Er solle einmal bedenken, ob er’s wohl ausführen könne, bedenken, was für Schwierigkeiten ihm im Wege stehen und ob’s nicht besser sei, es gar nicht anzufangen, als es nicht zu Stande zu bringen. Und diese Einblasungen geschehen mit einer Kraft, die der sengenden Sonnenhitze gleicht, die da macht, daß alle Pflanzen welk werden, daß die Seele glaubt, sie werde unterliegen. Dazu gesellt sich die Macht des sündlichen Verderbens, das die Seele nie in dem Maaße empfunden hat, wie eben jetzt, da sie eine gänzliche Befreiung davon sucht. Herzens-Jesu, sagt sie wohl,

 

mein Verderben
ist ganz unergründlich tief,
lange war ich nicht so böse,
ehe mich die Gnade rief,
als ich mich jetzund erkenne,
da ich nach dem Kleinod renne.
ach! wer bin ich, mein Erlöser,
täglich böser,
find’ ich meiner Seele Stand.

 

Oder starrer Unglaube, eine unbiegsame Herzenshärtigkeit machen das Herz hart wie ein gefrornes Land. Allerhand Käfer, Geschmeiß und Raupen lagern im Herzen, das Koth und Unflath ausschäumet. O welch ein Jammer! wie Hiskia schreit: Ich werde unterdrückt! Herr, sie mein Bürge! und David Psalm 65,4.: Unsere Missethat drücket uns hart; du wollest unsere Sünde vergeben.

 

4) Die Rath- und Hülflosigkeit Israels bildet ab die drückende Ohnmacht, worin sich der Erweckte erblickt. Zurück nach Egypten, in den Sündendienst, will er nicht, vorwärts kann er nicht. Es geht ihm, wie Hiskia sagt: Die Kinder sind bis zur Geburt gekommen, und ist keine Kraft da zu gebären. Wollen – ja, das hat er, aber Vollbringen findet er nicht. O! er entschuldigt sich nicht mehr mit seiner Ohnmacht, sondern betrachtet sie als ein großes Elend, wie sie’s auch ist.

 

Glauben sollen und dadurch gerecht und ein Erbe des ewigen Lebens werden; sich nicht fürchten, sondern mit Freunde hinzutreten sollen und nicht können, ist das nicht ein großer Jammer! Speise und Trank der herrlichsten Art in Menge vor sich sehen, Schüsseln voll Vergebung der Sünden, zwölf Körbe voll Kraft, Friede und Freude und nicht zugreifen, nicht essen können, obschon man soll und darf; trinken dürfen von dem herrlichen Wein aus Eskol, daß man ganz erquickt würde, - und dies alles nicht können: sollte das nicht Jammer und Elend sein, sollte das nicht ein zerschlagenes Gemüth machen? Diese Elenden suchen Wasser und ist keins; ihre Seele verschmachtet vor Durst. Dann möchte die Seele wohl aus Jes. 64. beten: Wo ist denn nun, der sie aus dem Meer führete? Warum lässest du uns, Herr! irren von dem Weg und unser Herz verstocken, daß wir dich nicht fürchten. Herr! wir sind Thon, du bist unser Töpfer. Ach Herr! zürne nicht zu sehr und denke nicht ewig der Sünde. Gebt diesem Geplagten keine Erwähnung, wie der stolze Bildad dem gedemüthigten Hiob gab, als er Kap. 8,5.6. zu ihm sagte: So du dich bei Zeiten zu Gott thust und dem Allmächtigen flehest, so du rein und fromm wirst, so wird er aufwachen zu dir und dich aufrichten um deiner Gerechtigkeit willen, - sondern gebt ihm lieber, wenn ihr könnt, Anweisung, wie er sie ausführen möge, denn darum geht’s ihm eben.

 

5) Aber gerade das rothe Meer, was Israel so verderblich schien, brachte ihm den größten Vortheil. Und gerade dies schmerzhafte Gefühl der Sünde, des Elends und Unvermögens, welches den Erweckten in eine so große Verlegenheit setzt, wendet sich zu seinem größten Vortheil. Denn es dient dazu, wozu einst die Blindheit jenes Blindgebornen, wozu der Tod Lazari diente, nämlich zur Ehre Gottes, daß der Sohn Gottes dadurch geehret werde. Jenes Elendsgefühl schlägt die Hoffnung nieder, ist aber gerade das, was dazu berechtigt, daß man solchem „du Sohn Davids, erbarme dich mein!“ schreienden Bartimeus mit Recht sagen kann: Sei getrost, er rufet dich.

 

6) Der Weg, wodurch Israel gerettet wurde, war ein durch ein großes Wunder gebahnter, der Natur gefährlich scheinender, fürchterlicher Weg, der den Egyptern verborgen war. Das gilt auch von dem Wege, auf welchem der Herr die Seinigen zum Leben führt. Durch ein sehr großes Wunder, ja durch eine Reihe von Wundern ist er bereitet; denn was ist die Geburt, das Leiden, der Tod und die Auferstehung Christi anders als ein großes Wunder? Sind nicht des Herrn Führungen von der Art, daß sie der Vernunft nicht selten als sehr gefährlich vorkommen, wie dann auch wirklich die eigene Weisheit, Kraft und Schönheit immer völliger zu Grunde und es nach der Regel geht: er muß wachsen, ich aber muß abnehmen. Was weiß und begreift aber der natürliche Mensch davon? Nichts! es ist ihm eine Thorheit und kann es nicht erkennen. Was dünkt ihm zu der Trauer der Buße und der Freude wegen der erlangten Kindschaft? Er achtet’s für Schwärmerei, Einbildung und Thorheit. Ja ist nicht das Leben der Gläubigen verborgen mit Christo in Gott? und sind sie nicht sich selbst ein Wunder? Begreifen sie selbst den Weg des Seligwerdens aus Gnaden und können sie das Licht anders sehen als in seinem Licht? Wir haben den Geist aus Gott empfangen, sagt Paulus 1. Cor. 2., daß wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist. Mochte der Weg Israels auch fürchterlich scheinen, so war es ihnen doch eine besondere Ermunterung, von den Lebenden, Mose und Aaron, und von den Verstorbenen die Gebeine Josephs bei sich zu haben, welcher ausdrücklich befohlen hatte, man sollte dieselben mitnehmen, um sie in Kanaan zu begraben. So kann es auch den Christen in ihren Trübsalen sehr erwecklich sein, aus den Psalmen zu sehen, wie die Heiligen ehemals eben so geübt worden sind, vorzüglich aber, daß Jesus Christus selbst gelitten und uns ddarin ein Exempel gegeben hat, daß wir nachfolgen seinen Fußstapfen. Und das nicht nur, sondern daß er alle Tage bei den Seinigen ist, sonderlich in der Noth, um sie herauszureißen und zu Ehren zu machen; zwar als ein solcher Herr, der todt war, aber auch als ein solcher, der nun lebet von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

Sollten wir nicht auch ferner 7) den ausgestreckten Arm Mosis und den starken Ostwind bemerken, den Gott wehen ließ. Was war’s, das einst eine Menge von Tausenden zu Jerusalem umwandelte und aus bittern Feinden Christi zu seinen innigsten Verehrern machte, die bereit waren, jegliche Todesart um seinetwillen zu erleiden? War es Petri Wort? Waren es Pauli Predigten, welche Schaaren von bisherigen Heiden unter das Kreuz Christi sammelten? War es der Ton der geblasenen Hörner, welche Jerichos Mauern umwarf? Ach nein; der Arm des Herrn war’s. Wem aber ist derselbe offenbar? Seine lebendigmachende Kraft ist es, welche sich in der Bekehrung jeglichen Sünders erweiset, die durch nichts Geringeres bewirkt werden kann, so wie die Macht Gottes es ist, aus welcher der Bekehrte bewahrt wird zur Seligkeit. Ist es nicht, nach Eph. 1., die überschwängliche Größe der Kraft, welche sich an denen erweiset, die da glauben nach der Wirkung seiner mächtigen Stärke? Ist’s nicht Gott, der kräftig in uns wirkt, beide das Wollen und Vollbringen? Diese Kraft will also mächtig sein in den Schwachen, daß sie alles vermögen durch den, der sie mächtig macht und in ihnen schafft, was vor ihm wohlgefällig ist, ohne welchen sie aber nichts können. – Ein starker Ostwind erhub sich, und trocknete das Meer aus, - und ein starkes Brausen, wie eines gewaltigen Windes, war das Zeichen des sich den heiligen Aposteln nahenden heiligen Geistes. Wenn der drein bläset, so wird alles Fleisch wie Heu und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume. Er ist es, der lebendig macht. Er ist die hell leuchtende Wolke, welche Israel den rechten Weg zeiget, der sie mit Muth und Freudigkeit erfüllt, ob sie schon wandern in einem dunkeln Thal. Er ist es, der Jesum Christum verkläret, daß wir an ihn glauben, wie er uns von Gott gemacht ist zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung, und welche dieser Geist treibt, die sind Gottes Kinder. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Dieser Wind wehete von Osten, und Jesaias redet auch von einem scharfen Ostwinde, womit Gott sein Volk betrübe, woraus aber der Nutzen erwächst, daß ihre Sünden aufhören. Und kommt nicht unser Elend wie unser Heil von Osten? Da war das Paradies und die Schlange, und der Eine Ungehorsame, durch welchen die Sünde und mit derselben der Tod ist in die Welt gekommen und zu allen Menschen durchgedrungen; da war aber auch das Bethlehem und Golgatha und der Eine Gehorsame, durch welchen viele gerecht werden. Da ist die Sonne der Gerechtigkeit aufgegangen, die ihre belebenden Strahlen bis zu uns und herüber sendet und von wo uns ein ewiger Morgen ohne Wolken entgegen winkt, so wir anders Kinder des Lichts und des Tages sind und im Licht wandeln, wie ER im Licht ist.

 

8) Die Wolke, welche von oben das Volk Israel überschattete, sie vor den sie verfolgenden Egyptern schützte, sich als ein kühlender Thau auf sie herabsenkte und mit dem von ihr ausstrahlenden milden Schimmer ihnen statt einer Leuchte diente, ist als ein Bild anzusehen des blutigen Gehorsams des heiligen Lammes Gottes und seiner vollgültigen Gerechtigkeit, mit Einem Wort: seiner gesegneten Vermittelung zwischen Gott und uns. Aus derselben trieft ein erquickender Friedensthau in das bekümmerte Herz und ein heilender Balsam für ein verwundetes Gewissen, ja ein Gottesfriede, welcher höher ist als alle Vernunft. Hier findet die gejagte Seele eine Zuflucht gegen die Hitze und alles was ihr Gefahr droht, weil der Name des Herrn ein festes Schloß ist, wohin der Gerechte läuft und beschirmet wird. Hier zeigen sich alle göttliche Eigenschaften in dem mildesten Lichte, und selbst die, außer dem Mittler, dem sündigen und seine Sündigkeit erkennenden Menschen so erschreckliche Gerechtigkeit der göttlichen Majestät, als eine solche, welche uns, die wir unsere Sünden bekennen, dieselbe vergibt und reinigt uns von aller Untugend. Hier öffnet sich der unversiegbare Born der Freuden des Christenthums, woran dasselbe einen so herrlichen Ueberfluß hat, während die ganze Welt mit aller ihrer Herrlichkeit nicht vermögend ist, wahre Befriedigung zu geben. Der Herr wird schaffen über alle Wohnung Zions, und wo sie versammelt ist, Wolken und Rauch des Tages, und Feuerglanz, der da leuchtet des Nachts. Denn es wird ein Schirm sein über alles, was herrlich ist, und wird eine Hütte sein zum Schatten des Tages vor der Hitze und eine Zuflucht und Verbergung vor dem Wetter und Regen. Jes. 4.

 

9) Endlich ist das getheilte rothe Meer ein Bild der Taufe, und folglich alles desjenigen, was zur Reinigung der Seelen von Sünden nothwendig und förderlich ist. Nothwendig ist das wunderbare Mittel, wovon die Vernunft nicht weiß, nichts wissen kann, und wovon sie leider so häufig nichts wissen will, nämlich das Blut Jesu Christi des Sohnes Gottes, das uns rein macht von aller Sünde. Dies rothe Meer ist die Tiefe, worin die Sünden der Gläubigen also versenkt sind, daß sie etwa gesucht aber nicht gefunden werden können. Das Meer, was den Satan zusammt seinem Heer und dem alten Menschen in uns lebendig macht, der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit. Dies ist das kostbare Blut Jesu Christi, der sich selbst Gott geopfert hat durch den heiligen Geist, das unsere Gewissen durch seine Wunderkraft allein und vollkommen reinigt von den todten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott. Dies Blut komme über uns und unsere Kinder.

 

Zwar nicht durchaus nothwendig, wie dies Blut und der damit unzertrennbar vereinigte, lebendig machende Geist, aber doch zur Reinigung von Sünden, zur Tödtung des alten Menschen förderlich, sind allerlei Leiden und Anfechtungen von außen und innen, woran es deßhalb wahren Christen auch nicht zu mangeln pflegt. War nicht Moses der geplagteste Mann auf Erden, und rief nicht schon Jakob vor ihm aus: es geht Alles über mich. .David glaubte, zu Leiden gemacht zu sein, Assaphs Plage war alle Morgen da, und Paulus sagt: wir leiden allenthalben Trübsal. Aber er stellt sie auch als sehr heilsam dar, wenn er sagt: sie wirke Geduld, Bewährung und Hoffnung; der Vater der Geister züchtige einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt, ihm selbst zu Nutz, daß er seine Heiligung erlange. Er gibt sie als ein Merkmal der Kindschaft an, so daß er lehrt, Gott erbiete sich dadurch gegen uns als Kinder. Wer derhalben ohne Züchtigung, der sei auch kein Kind. Jakobus will daher, Gläubige sollen es für lauter Freude achten, wenn sie in mancherlei Anfechtung fallen, und Petrus behauptet: obschon sie in denselben traurig seien, werde doch ihr Glaube dadurch bewährt und viel köstlicher befunden als Gold, das durch Feuer bewährt wird. Und wer wollte wohl Leiden und Züchtigen fliehen, möchten sie auch noch so empfindlich sein, wenn sie nur dazu beitragen, ihn tüchtig zu machen zu dem Erbtheil der Heiligen im Lichte, so er anders jenes Erbtheil einigermaßen so schätzt, wie es verdient. Wechselt doch auch die Züchtigung mit den lieblichsten Tröstungen ab, die eben das Christenthum in der reinsten Beschaffenheit und oft in überschwänglichem Maße ausspendet.

 

Wollten wir schließlich noch die Periode bestimmen, wo sich bei dem wahren Christen etwas Aehnliches ereignet, als mit Israel, da es durch’s rothe Meer ging: so tritt dieselbe alsdann ein, wenn er nach langem Streit nun die dem Bußfertigen in Christo Jesu eröffnete Fülle des Heils mit gläubiger Zueignung im Licht des heiligen Geistes erblickt. – Wir sehen die wandernden Kinder Israel auch mit einigen Pauken versehen, und sollten dies wohl für unnöthiges, beschwerendes Gepäck achten, das sie lieber zurückgelassen hätten. Vielleicht wollten sie sie auch schon einigemal wegwerfen; doch nein! Seht die Mirjam und ein Chor von Weibern am jensetigen Ufer des Meeres, ihre musikalischen Instrumente ergreifen; höret, sie singen zum Reigen. O herrliche Musik, die Gottes Ehre verkündet! O köstlicher Reigen! Möchte sich Jeder darauf verstehen, so zu singen und so zu tanzen! Das wirkt Christi Blut, und wer desselben hier nach durchwandertem Thal der Buße theilhaftig wird, der stimmt hienieden schon Psalmen an und empfängt einst eine Harfe Gottes, (und was muß das für eine Harfe sein!) greift in ihre von des Herrn Odem bewegte Saiten und singt das Lied Mosis und des Lammes. Amen.

 

 

 

Siebente Predigt.

 

Text: 2. Buch Mose 15,22-26.

 

Sollen wir nicht lieber unsere Betrachtungen der weitern Reise der Kinder Israel sammt der Reise selbst einstellen, als dieselbe weiter fortsetzen? Ist es doch am Ende und im Grunde betrachtet, ein sehr elendiges Werk und wenig Vergnügen dabei zu holen. Bisher hat’s knapp genug herum gegangen durch allerlei Angst und Noth. Dieselbe hatte am rothen Meer den höchsten Gipfel erreicht, so daß kein Durchkommen zu sein schien. Sie sind glücklich gerettet. Alle ihre Feinde sind ersäuft, kein Einziger ist entronnen, der hätte ansagen können, was aus den Uebrigen geworden. Israel steht da, singt, spielt und tanzt. Damit müßte nun auch die Geschichte am Ende sein und sie am Singen, Spielen und Tanzen bleiben. Kanaan müßte gleich am Meer liegen und ihnen von allen Seiten die Granatäpfel, Trauben und Feigen entgegen winken. Dann ließe ich’s noch gelten. Aber was ist’s nun? Israel steht da und singt und spielt. Ihr hüpfet in fröhlichen Reigen. Wie Blei sind eure Widersacher im Wasser versunken. Allein was thue ich mit dem Allen. Die Unwissenheit hat einen großen Antheil an eurer Freude, und wenn ihr wüßtet, was wir wissen und was ihr auch selber nur zu früh erfahren werdet, ihr gebehrdetet euch so fröhlich nicht, ihr dämpftet eure Trommeln und Pauken wohl und ließet den Reigen anstehen, der auch nicht dazu gehört. Ihr scheint doch die Kosten nicht zu überschlagen. Ihr habt noch einen sehr weiten und wunderlichen Weg vor euch und scheint zu glauben, nur noch ein Paar Schritte bis Kanaan zu haben oder schon drinnen zu sein. Es ist ein Pöbelvolk mit euch an’s Land getreten, das noch manches Getümmel anregen und euch manche scharfe Züchtigung zuziehen wird, weil ihr euch von demselben verleiten laßt, egyptisches Gesindel, was eigentlich nicht zu euch gehört, das ihr aber so mitziehen laßt. Und daran thut ihr sehr übel. Eure Reise geht nach Sinai, und wer je in der Gegend gewesen, (und sind nicht unser mehrere schon da gewesen?) die wissen, wie übel es da hergeht. Euer Werk hebt erst an, da ihr es schon für beendigt anseht. – Es ist also nicht viel Vergnügen in der weitern Reise zu holen und in der Betrachtung derselben auch nicht. Sollen wir denn nicht diese einstellen und uns nicht weiter darum bekümmern? Geht es doch aus einer Noth in eine andere, was ja am Ende verdrießlich zu hören fällt, will geschweigen, zu erleiden? – Da sind wir nun wohl durch’s rothe Meer und haben mit den Egyptern nichts mehr zu thun. Aber was ist’s nun mehr? Nun müssen wir drei Tagereisen in der Wüste machen. Und was ist das für eine Wüste? Ihr Name Etham zeigts an. Das Wort hat allerlei Bedeutungen, wie ihr euch noch erinnert, als aufrichtig, vollkommen, die Pflugschaar. Es heißt aber auch Kiesgrund. Wie übel geht sich aber auf solchem Boden. Jeder Tritt hat sein Beschwer, und je länger man darauf wandelt, desto mühseliger wird es. Und darauf sollen wir drei Tage wandeln, zwar nicht länger, aber auch nicht kürzer. Statt der Egypter stellt sich ein zwar nicht so scheinbarer, aber doch nicht weniger gefährlicher Feind ein, nämlich der Durst. Die Wüste ist wasserleer und das drei Tagereisen im Umkreise. Sind sie denn nur deßwegen dem Schwert der Egypter entronnen, um einem noch fürchterlicheren anheimzufallen? Denn was kann schrecklicher sein, als zu verdursten? Das rothe Meer hat wohl Wasser genug, aber kein trinkbares, kein Durst löschendes, sondern erregendes Wasser, das ihrer gleichsam in ihrem Durste noch obendrein spottet. Endlich kommen sie nach Mara, d.h., bitter, da finden sie Wasser. Wie sie darüber werden hergefallen sein, um sich nun einmal satt zu trinken. Aber siehe, es ist bitter und eben so untrinkbar als das Meerwasser. Wie ist es doch möglich, möchte man sagen. Ist es denn nun gar auf’s Quälen und Necken angelegt? Oder was soll das bedeuten? Die armen Leute werden mürrisch gegen Mose und fragen ihn drohend: was sollen wir trinken? Er hat ja so wenig zu trinken wie ihr. Wie murret ihr denn wider ihn? Hat er sich denn aus eigenem Antriebe an eure Spitze gestellt und Gott nicht vielmehr Mühe genug gehabt, ihn dazu zu bewegen? Habt ihr so wenig Verstand an dem großen Wunder eures Durchgangs erlernt, daß ihr jetzt thut, als wäre kein Gott? Es heißt wohl von euch 2. Buch Mose 14,31.: ihr hättet an Gott und seinen Knecht Mose geglaubt, als ihr glücklich am diesseitgen Ufer angelangt waret. Aber wie lange hielt dieser Glaube Stand? Keine drei Tage! Heißt das beharren? heißt das treu sein? heißt das aus Glauben in Glauben gehen? So große Wunder erlebt und nicht einmal so viel daraus erlernt haben, um Gott zuzutrauen, er werde euch nicht durchgeführt haben, um euch verdursten zu lassen? Das ist ja sehr erbärmlich und schimpflich. Seid ihr dieselbigen, die dort so singen und pauken? Habt ihr da vielleicht auch gesungen: Nimmermehr werde ich danieder liegen? – gesagt: Mit Gott wollen wir Thaten thun, - nie wollen wir wieder zweifeln, und wenn es noch so kraus durch einander ginge? So sei denn alles schnöde Zagen auf ewig in die Flucht gesandt. Doch freilich, so lange zu dursten, und dann wol Wasser, aber bitteres Wasser? Das ist ja seltsam. Nun, das Wasser wird süß und trinkbar. Von da geht’s nun zwei Meilen weiter nach Elim, da finden sie 12 schöne Wasserbrunnen und 70 Palmbäume. Nun wird’s denn immer so prächtig fortgehen, daß es eine wahre Lust ist, zu erfahren, wie sich alles so herrlich macht. Ja, ich meine es. Sie müssen von da weg. Und hatten sie vor etlichen Tagen mit dem Durst zu kämpfen gehabt, so waren sie nun in Gefahr, von einem nicht weniger fürchterlichen Feinde aufgerieben zu werden, und das war der Hunger. Der aus Egypten mitgenommene Proviant war aufgezehrt und kein Mittel vorhanden, sich neuen anzuschaffen. Neues Murren, neuer Unglaube, neue Hülfe. Und so geht das fort.

 

Habt ihr denn gleich geschienen, die Reisebetrachtungen nicht ungern zu hören und haben Manche zur Fortsetzung derselben ermuntert, so werdet ihr derselben doch bei so bewandten Umständen müde und überdrüssig sein, was man euch nicht übel nehmen darf. Dem sei aber wie ihm wolle, so liegt doch in dem Allen eine genaue göttliche Regierung zum Grunde, und ein wichtiger, weisheitsvoller Zweck. Ich denke also, wir fahren wenigstens heute noch in unsern einmal begonnenen Betrachtungen fort.

 

Sie zogen also in der Wüste Etham fort. Erstlich die Aufrichtigkeit des Herzens wohnt den Christen stets bei und geht wie eine gerade Linie durch ihr ganzes Leben und die mancherlei Abwechselungen desselben. Im Grunde des Herzens ist stets ein ernstlicher Widerwille und Gegensatz gegen alles Sündliche, so wie eine Neigung zu Gott und allem Guten, ein Trauern, ein Dursten nach Gott und seiner Gemeinschaft, und ein Bestreiten desjenigen, was daran hindert. Dies findet sich bei allen wahren Christen und dies ist gleichsam ihre Seele. Wo dies aber nicht ist, da ist auch keine Gottseligkeit. Zwar kann dies wohl eine Zeitlang niedergehalten werden; es kommt aber doch immer wieder empor; es kann einer Seele verdeckt werden, offenbart sich aber immer wieder. Etham heißt auch ein Kiesgrund, wo eine Menge kleiner Kieselsteine über und neben einander liegt, so daß es dem Wanderer schwer wird, fortzukommen. Ich denke, dies ist ein nicht unpassendes Bild von dem menschlichen Leben und seinen Beschwerlichkeiten überhaupt. Moses hat wohl nicht Unrecht, wenn er sagt, das Köstliche desselben sei Mühe und Arbeit. Wer die übernehmen kann, hat’s nicht nur am beßten stehen, weil es ein Beweis von Gesundheit ist und ihm die Arbeit und Beschäftigung selbst ein Vergnügen gewährt, sondern im Grunde betrachtet, ist auch selbst das Köstlichste auf Erden voll Mühe und Eitelkeit. Sammelt Jemand irdische Güter, er weiß nicht, wer sie kriegen wird, weiß nicht, ob seine Erben sie so verwalten werden, wie er’s wünscht, und muß sie ihnen oft eher überlassen, als er’s gerne thut, oder besorgen, sie einzubüßen, oder Habsucht und Geiz machen ihn gar arm mitten im Reichthum. Lebt jemand in einer vergnügten Verbindung, umgeben von liebenswürdigen Kindern, so weiß er nicht, ob der unerbittliche Tod nicht die zärtlichsten Bande mit rauher Hand zerreißt, ehe er’s vermuthet, weiß nicht, was aus seinen Kindern noch werden kann, mit denen die Sorgen wachsen, und die ihm eben so viel Kummer machen können, als er früher Freude an ihnen gehabt. Baut Jemand Häuser, legt Jemand Gärten an, er weiß nicht, wer sie noch benutzen wird. Bald ist’s ja dies, was Jemand drückt, bald was anders, so daß Salomo endlich ausruft: es ist alles ganz eitel. Und ginge auch alles nach Wunsch, so ist’s doch nur eine kurze Zeit, daß man’s besitzt und eh’ man’s denkt, hat man ein Alter erreicht, das uns daran mahnt, es gehe wacker auf’s Ende zu. Und was das Bedenklichste ist, man begeht indessen allerhand Sünden mit Gedanken, Worten und Werken, und zieht sich dadurch eine höchst wichtige Verantwortlichkeit zu, muß sich zu einer Rechenschaft anschicken, welche die allerbedeutendsten Folgen hat, und zu welcher ein Jeder jeglichen Augenblick gerufen werden kann. Diese Betrachtungen bewogen Salomo in seinem Predigerbuche, die Todten für glücklicher zu achten als die Lebendigen, und den, der gar nicht ist, als sie alle beide, weil er des Bösen nicht inne wird, was unter der Sonne geschieht. Das ist blos nach der Vernunft geredet. Nach dem Geist aber sagt er: ein vergnügtes Herz, diese Gabe Gottes, sei das edelste Kleinod, denn es denke nicht viel an das elende Leben. Der Christ wandelt auch mehrentheils auf einem Kiesboden. Er hat seine eigenthümliche Leiden und andere hat er mit allen Christen gemein. Wir singen davon: Man wandelt nicht auf weichen Rosen. Die Verläugnung seiner selbst, das Kreuzigen des Fleisches sammt allen Lüsten und Begierden, die tägliche Aufnahme seines Kreuzes, der Kampf des Fleisches wider den Geist, die zu erduldende Züchtigungen, die Regungen des alten Menschen und was man sonst nach seiner Persönlichkeit und Verhältnissen zu leiden hat, bilden den Kiesboden, worauf man auch wohl seine 3 Tagreisen machen muß.

 

Aber welch ein wichtiger Mangel stellte sich bei den Kindern Israel bald nach ihrem Durchgang durch’s rothe Meer ein! Kaum waren sie ihrer Rettung froh geworden, so stellte sich eine eben so große Noth ein, als Pharao nur immer hätte über sie bringen können. Aengstete sie so eben die Menge des Wassers, so thut es nun der gänzliche Mangel an demselben, - besorgten sie vorhin zu ersäufen, so besorgten sie jetzt zu verdursten. Freilich, sie hätten denken sollen, der Gott, der uns aus dem Wasser erlöset hat, wird uns auch aus der Dürre erretten. Aber dann setzen wir etwas bei ihnen voraus, was sie für die Zeit nicht hatten, Glauben. Hiobs Freunde hatten gut sagen: der dich aus sechs Trübsalen errettet hat, wird dich in der siebenten nicht stecken lassen; denn sie steckten in keiner. Hiob mochte aber auch wohl zu ihnen sagen: wollte Gott, ihr wäret an meiner statt, ich wollte euch auch trösten mit Worten. Vielleicht meint mancher, er würde es in diesen, jenen Umständen besser machen, wie derjenige, der wirklich drin steckt. Allein es käme auf die Probe an. Es ist freilich ein sehr jämmerliches Ding, daß wir in der ganzen Reisegeschichte der Kinder Israel, meines Wissens, kein einziges Exempel finden, Mose ausgenommen, daß sie mitten in der Noth fest im Glauben standen und getrost eine Hülfe erwarteten, die sie nicht sahen. Es ist ein sehr jämmerliches Ding, daß solcher Exempel überhaupt so wenig vorkommen, jedoch kommen ihrer vor. Abraham glaubt, er werde noch von seiner 90jährigen Frau einen Sohn haben; dennoch besorgte er nachher, man möchte ihn um derselben willen tödten, da er doch den verheißenen Sohn noch nicht hatte, und um sich zu schützen, log er zwar nicht, sagte aber auch nicht die Wahrheit. Wo war nun sein Vertrauen zu dem Worte: ich bin dir Schild? Bei der Aufopferung dieses Sohnes aber, bewieß er eine Majestät des Glaubens, die durch nichts übertroffen wird. – Josaphat bewieß auch einen herrlichen Glauben in einer großen Noth und zog im Glauben, des Sieges im voraus gewiß, nicht mit Waffen, sondern mit Singen und Jauchzen, dem ihm unendlich überlegenen Feinde entgegen, der auch geschlagen wurde. Sonst sind nur Exempel der Zaghaftigkeit und des Unglaubens nur gar zu viel und beweisen, wie es um den Glauben gewiß keine leichte Sache sei.

 

Es ist doch aber in der That zu verwundern, wie der Herr sein Volk sobald wieder in eine neue Noth gerathen ließ und das in eine so große. Es scheint, er wollte sie gewöhnen, ohne ihn keinen Schritt zu thun, so wie auch mit ihm nirgends zu verzagen. Nie sollten sie meinen, nun sei alle Noth für immer beseitigt, aber auch überzeugt sein, es gebe keine einzige, aus welcher der Herr nicht retten könne, wolle und werde. Und aus diesem allen sollte sich ein Leben in einer gänzlichen Abhänglichkeit von Gott und Uebergabe an ihn, entwickeln, so wie ein wunderbares Vertrauen zu ihm, welches ja lauter wesentliche Stücke der Gottseligkeit sind. Jeremias setzt es als etwas ausgemachtes fest: Gott plage die Menschen nicht von Herzen, nicht, um sie zu plagen, sondern ihnen zu nützen. Man soll ihn also machen lassen, sich beugen und der Hoffnung warten. Wirklich, wirklich muß bei uns Mangel entstehen, wie bei Israel, damit unser Vertrauen zu uns selbst vergehe; damit wir gründlich gewahr werden, wie sehr wir seiner bedürfen, und damit wir auf ihn, seine Macht und Treue hoffen lernen. Wir dürfen es uns gar nicht befremden lassen, wenn es bei uns, wie bei Israel, meistens knapp herumgeht und wir uns gedrungen sehen, Christo anzukleben, wie eine Klette am Kleide, damit uns von Stunde zu Stunde dargereicht werde, was wir zum Leben und göttlichen Wandel bedürffen. Uebrigens gingen außer Mose und einigen andern, nicht alle Kinder Israel durch alle diese Gedränge, da der eine hier, der andere dort starb, und nicht alle Gläubigen werden auf gleiche Weise oder Maße in Leiden geübt, wiewohl der Becher stets herumgeht und jeder seinen Zug daraus thun muß.

 

Die Kinder Israel mögen die drei Tage hindurch genug von Durst in dem heißen Lande gelitten haben. Ohne Zweifel haben sie auch Versuche gemacht, ob sie nicht durch Nachgraben Wasser fänden. Aber vergeblich. Sie mußten erkennen, daß auch das Wasser eine theure Gabe Gottes sei, und daß unsere Bemühungen an sich umsonst sind. So arbeiteten die Jünger auch eine ganze Nacht mit Fischen und fingen nichts, bis sie auf Befehl des Herrn das Netz rechts auswarfen und eine große Menge beschlossen. Ach! was muß uns nicht alles gegeben werden, und mit vieler Wahrheit singen wir: Gutes denken, Gutes dichten, mußt du selbst in uns verrichten. Wie oft dienen unsere eigenen Bemühungen hauptsächlich nur dazu, uns von ihrer Unzulänglichkeit zu überführen.

 

Sie wandten sich an Mose mit der Frage: was sollen wir trinken? Das war recht gehandelt; denn Moses war der Mittler des alten Bundes und Israel mußte des Herrn Hülfe durch seine Hand erwarten. An ihn hatten sie sich zu wenden, so wie wir an den Mittler des neuen Bundes, Jesum Christum, durch welchen alle Segnungen von Gott auf uns herabfließen müssen. Und wie viel geschickter ist er, als Moses es war und sein konnte, allen unsern Bedürfnissen abzuhelfen, mögen sie auch noch so groß und dringend sein, wir selbst auch so wenig Rath wissen, als Israel in der Wüste Etham.

 

Endlich fanden sie Wasser. Was konnte ihnen lieber sein? Noch nie war ihnen Wasser so lieb gewesen, wie jetzt, da sie’s so lange hatten entbehren müssen. Wie begierig werden sie darüber hergefallen sein, um sich nun recht satt zu trinken. Und sieh, es war ganz und gar bitter. Alles schrie: Mara, Mara, bitter, bitter. Zugleich aber wurden sie selbst bitter gegen Mose und sagten murrend: Was sollen wir trinken? Wie ungerecht! Hatte denn Mose was anders, wie sie? So ist der sündige Mensch. Er will haben, es soll nach seinem Wunsch und Willen gehen. Thut’s das nicht, so murret er. Er sollte sich beugen unter Gottes Willen. Er sollte sich demüthigen. Er sollte erkennen, daß er wegen seiner Sünde gar kein Recht an die geringste der göttlichen Gaben hat. Dagegen aber wird er mürrisch und aufgebracht gegen Gott und gegen Menschen. Nun regnet’s, dann trocknet’s uns zu lange. Jetzt sind die Erndten zu ergiebig, dann zu sparsam, und was wir nicht alles zu tadeln und auszusetzen haben und wohl verlangen, Gott solle alles nach unserm Sinn einrichten, ohne es ihm sonderlich Dank zu wissen. Wo ist da das Absagen des eigenen Willens? Wo gehorcht man seinem allein guten Willen ohne alles Widerstreben? ja, wo sucht man nur diese Gesinnung?

 

Geht’s aber den Menschen nicht noch oft so im Natürlichen und Geistlichen, wie den Kindern Israel in Mara? Mancher meint, wenn er erst aus dieser Sache herauswäre, wenn er erst das erlangt hätte, wenn die Verhältnisse erst anders wären, meint, wenn er etwa ein hinreichendes Verdienst oder seine Kinder versorgt hätte u. dergl. m.; dann würde er sich nichts mehr wünschen und ganz vergnügt sein. Macht’s sich so nicht, so hält er sich für sehr berechtigt zu klagen; macht’s sich so, so findet sich wieder was anders, das sein Wasser verbittert. Warum aber? Weil der Mensch lernen soll, sein Glück in Gott und dessen Willen, nicht aber außer demselben zu suchen. Werde selbst anders, mögen dann auch deine Verhältnisse, dein Kreuz das Nämliche bleiben, so wirst du sehr gewinnen.

 

Im Geistlichen findet’s sich auch so. Da wollen Seelen manchmal alle Sündenerkenntniß, alle Reue, Zerknirschung und Versicherung, sammt der Heiligung, auf einmal haben und das Reich Gottes wie im Sturm erobern. Aber sie müssen zurückstehen und harren. Sie versprechen sich eine ungemeine Erbauung und gehen leer aus, während andere gelabt und gesättigt werden. Sie empfangen einen kräftigen Trost, eine süße Versicherung, daß sie sind, wie im Himmel, und sich vornehmen, sich dies nun auch nicht wieder rauben zu lassen, und mit einmal wird’s wieder anders, vom rothen Meer in die Wüste. Und ach! giebt’s nicht Zustände, wo der Seele selbst dasjenige bitter wird, was ihr doch Trost und Erquickung gewähren könnte und sonst wirklich gewähret hat, als Hören, Lesen, Betrachten, Unterredungen, Abendmahl, das Gebet, die Erinnerung an das ehemals genossene Licht und Trost! wie Hiob zu Gott sagt: Du schreibest bittere Dinge gegen mich und bist mir verwandelt in einen Grausamen. Drei Tage reisen die Kinder Israel, ohne sich zu lagern und auch da geht’s ihnen so? - -

 

Wozu denn das wohl? Ohne Zweifel, den Menschen auch in der Verläugnung seines liebsten Willens zu üben, damit er lerne, alles ganz und gar in den Willen Gottes zu stellen, er mag geben oder nehmen, er mag uns mit Kreuz oder Trost heimsuchen, uns in der Dürre lassen oder erquicken, - uns darin zu üben, daß wir keine Sache, sie mag auch so gut sein wie sie will, allzu lebhaft begehren, sondern in Unterwürfigkeit unter Gott mit stillem und sanftem Geiste, welcher köstlich vor ihm ist. In der Freude der Kinder Israel am rothen Meer hatte sich ohne Zweifel manches Sinnliche mit hineingemischt und sie war übertrieben,. So kam denn jetzt ein Dämpfer drauf. Maria stürzte mit dem Ausruf: Rabbuni! zu Jesu Füßen, und wollte sie umarmen oder küssen. Er aber dämpfte ihre Empfindungen, indem er sagte: rühre mich nicht an, sondern gehe hin. David sagt Psalm 131: meine Seele ist wie ein gespent Kind. Zwar ist es einem Kinde sehr betrügend, wenn es von der Mutterbrust, die sonst alle seine Lust war, entwöhnt wird, aber wenn es entwöhnt ist, so vergißt es sie und nimmt andere Speisen. Kurz, es ist auf eine gänzliche und unbedingte Verläugnung alles eigenen Willens abgesehen, und jemehr sie zu Stande kommt, desto gelaßener ist man. Brauch mich als ein Faß deiner Ehren, wozu, wie, wenn und wo du willst.

 

Mara bildet aber auch überhaupt alles Bittere ab, wofür der Herr ein Mittel weiß, es zu versüßen, angenehm und nützlich zu machen. Er zeigte dem Moses einen Baum, welchen er abhieb und in’s Wasser warf, dadurch wurde es genießbar. Der bittern Wasser giebt es in der Gegend des rothen Meeres, wie Reisende bezeugen, noch immer viele, es ist aber kein Mittel und namentlich kein Holz bekannt, was diese bittern Wasser trinkbar machte. Wir können also nicht sagen, ob der Baum die natürliche Kraft, zu versüßen, hatte und dieselbe noch immer beweisen würde, wenn man ihn nur kennte, oder ob Gott hier ein verstecktes Wunder that. Genug aber, im Evangelium wird uns ein Baum angewiesen, welcher alles Bittere süß macht. Dieser Baum ist das Kreuz Jesu Christi, dies Wunderholz, welches der Welt das Leben gibt und an welchem das größte, heilbringendste Wunder geschehen ist, das auch seine, unser Bitteres versüßende Kraft, stets in gleichem Maße behält. An diesem Kreuz ist unsere Versöhnung gestiftet und dadurch die Bitterkeit des Zornes Gottes versüßet; an demselben ist der Fluch des Gesetzes getragen und weggenommen, und der süße und alles versüßende Segen erworben; die Handschrift unserer Sünden ist daran genagelt und diese Bitterkeit weggeschafft und aus dem Mittel gethan und uns dagegen die Rechtfertigung des Lebens erworben. – Sogar ist der Tod getödtet worden. Sein Stachel ist ihm genommen, und indem er über die Gläubigen ergeht, muß er ihnen nur als ein Mittel dienen, sie von allen Bitterkeiten zu befreien und sie zu aller Süßigkeit überzuführen; durch dieses große Wunder ist das bittere Meer unserer Sünden und der damit verdienten Strafen versüßt worden, daß es uns nicht schaden kann, so wir anders glauben an den Sohn Gottes.

 

Hier ist aber auch das Mittel, alle Bitterkeiten zu versüßen. Da ist die Bitterkeit der Buße, die dadurch versüßt wird, daß sie, als eine Traurigkeit nach Gott, wirket eine Reue zur Seligkeit, welche niemand gereuet. Da ist die Bitterkeit der Welt- und Selbstverläugnung, welche dadurch versüßt wird, daß, wer etwas um seinetwillen verläugnet, es hundertfältig wieder erhält. Da ist die Bitterkeit des geistlichen Streites, die dadurch gemildert wird, daß es ein guter Kampf des Glaubens ist, dem der Sieg und die Krone der Ehren gewiß ist. Da ist die Bitterkeit von allerlei Leiden, die aber nicht werth sind der Herrlichkeit, die an uns soll geoffenbaret werden; von allerlei Anfechtungen, von welchen es heißt: selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben. Kurz, dieser Wunderbaum kann alles Leid versüßen, was sonst wohl unerträglich wäre.

 

Freilich aber ist’s nöthig, daß er uns vom heiligen Geist gezeigt und verklärt werde, weil es uns sonst wohl gehen könnte, wie den Jüngern auf dem Meer. Denn als sie Noth litten von Wind und Wellen, und ihnen nun Jesus auf dem Meer erschien, schrien sie gar vor Furcht, meinend, es sei ein Gespenst und nun gar alles mit ihnen aus, bis der Herr ihnen gebot und sprach: Ich bin’s, fürchtet euch nicht.

 

Nun, so geht’s her auf dem Wege nach Canaan. Wer will mit? Wir lassen uns nicht abschrecken, mag’s auch drei Tagereisen durch die Wüste nach Mara gehen. Gott wird machen, daß die Sachen gehen, wie es heilsam ist. Folgt doch ein Elim drauf. Mag’s denn auch nach Sinai und es kreuz und quer gehen. Wir reisen. Wer will mit? Bringt’s Ein Tag doch wieder ein. Zeuch uns dir nach, so laufen wir. Amen.

 

 

 

Achte Predigt

 

Eingang.

 

Um die Vortrefflichkeit ihres Seelenbräutigams zu schildern, bedient sich die Braut im Hohenliede unter andern auch Kap. 2, V. 3 eines Bildes, indem sie sagt: Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Söhnen, und setzt hinzu: Ich sitze unter dem Schatten, deß ich begehre, und seine Frucht ist meiner Kehle süße. Ein Apfelbaum übertrifft die wilden Bäume zwar nicht in seiner äußern Gestalt, aber doch in seiner Frucht. Haben auch jene ihre Frucht, so ist sie doch nicht für Menschen, sondern nur für’s Vieh, das daran sein Futter und Mastung findet. Haben jene eine ansehnliche Gestalt, so hat dieser desto mehr Erquickendes und Liebliches. Wir gestehen, Christus selbst und die wahren Christen bieten hienieden eine weniger glänzende Gestalt dar, als die Welt, von welcher, wie Christus selbst gesteht, sein Reich nicht ist. Dasselbe ist sogar ein Kreuzreich und das Kreuz auf mannigfaltige Weise damit verwebt. Aber wie viel kommt im Natürlichen und Geistlichen auf den Geschmack an. Was des einen Eßlust reizt, ekelt oft einen andern an. Und wie der neue Mensch ein ganz anderes Gesicht und Gehör, so hat er auch einen ganz andern Geschmack wie der alte. Auch hier sind sie wider einander. Dem alten Menschen ekelt die Einfalt des Evangeliums an, die dem neuen so willkommen ist. Jener wird desselben bald überdrüssig, ja es lehnt sich alles wider dasselbe auf, und dieser wird sein nie satt, sondern es ist ihm wie das Salz, das fast an keiner Speise fehlen darf, wenigstens an derjenigen nicht, woran einigermaßen Erwachsene sich sättigen sollen. Darüber ist nun nicht zu streiten. Wer keinen neuen Menschen hat, wie soll der desselben Geschmack besitzen? Die Braut hatte denselben und redet demselben gemäß. Außer Christo, dem Apfelbaum, erschien ihr alles wie wild, herb und ungenießbar. Hat, genießt sie ihn, kann sie alles entbehren, - hat, genießt sie ihn nicht, so kann nichts sie befriedigen. Sie muß ihn wieder haben, oder sie ist, wie es V. 5. heißt, krank vor Liebe. Seine Frucht ist ihrer Kehle süße. Und welche schmackhafte Frucht ist der Friede mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christum, ist die Freude und Ruhe in Gott als dem freundlichen Vater, ist das Lossein vom bösen Gewissen, ist das wahrhaftige Herz und der völlige Glaube und die völlige Liebe, welche die Furcht austreibt, und der vertrauliche Umgang mit Gott, wo Geist mit Geist umgehet. Hier saß sie. Sie hatte auch wohl gesessen in Finsterniß und Schatten des Todes. Es hatte wohl nach Kap. 4,8. zu ihr heißen müssen: Tritt hervor von den Wohnungen der Löwen und den Bergen der Leoparden. Aber wie lieblich ist’s hier! So schenkt der Herr den Seinen auch von Zeit zu Zeit ihre Pniels und lieblichen Lagerstätten, wie Israel zu Elim.

 

Text: 2. Buch Mose 15,27.

 

Einen Monat hindurch ohngefähr sind die Kinder Israel nun auf ihrer Reise gewesen; den 15ten des ersten Monats zogen sie aus Egypten und gegen den nämlichen Tag des zweiten Monats kamen sie an diese lustige Lagerstätte. Es ist ihnen den Monat hindurch seltsam genug gegangen, so seltsam, daß wir uns neulich beinahe entschlossen hätten, die ganze Reisebetrachtung aufzugeben, wie sie denn auch selbst anfangen, des Reisens überdrüssig zu werden. Von Raemses aus ging’s immer rechts vom nächsten Wege ab, bis an’s rothe Meer. Von da an bessert’s sich leider noch immer nicht. Es geht auch diesseits dem rothen Meer noch immer rechts ab. Erst bei der 9ten Lagerstätte giebt’s eine Schwenkung links auf Canaan los. Das ist ja erfreulich zu hören. Hoffentlich wird nun wohl nichts dazwischen kommen. Zar geht’s auf die Schrecken Sinai’s los. Indessen auch die gehen vorüber und hinter demselben geht’s doch wieder gerade fort nach Canaan. Doch wir wandeln im Glauben. Wir haben uns einmal entschlossen, mit nach Canaan zu reisen. Also vorwärts, mag’s denn auch gehen, wie es geht – vorwärts. Wir haben uns überreden lassen, weil Er uns überredet und übermocht hat, und ihm unser Herz übergeben. So wollen wir uns denn nicht weigern, unsern Augen seine Wege wohlgefallen zu lassen, wie sauer es uns auch werden möchte. Sein Angesicht ziehe nur mit uns und vor uns her. Er leite uns nur nach seinem Rath und nehme uns endlich mit Ehren an, so wollen wir’s nicht achten, sollte uns auch Leib und Seele verschmachten. Geht’s das einemal kümmerlich, so geht’s doch das anderemal wieder leidlich oder gar lieblich und fröhlich her. Beides aber hat keinen Bestand. Die Güte Gottes aber ist alle Morgen neu und seine Barmherzigkeit währet für und für.

 

Die lieben Kinder Israel mögen sich nach den Vorgängen zu Mara wohl nicht viel Gutes versprochen haben. Und sehet, es geht ihnen über Erwarten gut. Da mögen sie wohl das Vertrauen gefaßt haben, nun werde es nächstens noch besser gehen und immer besser. Sie haben ja nun Gott kennen gelernt. Er hilft aus den äußersten Nöthen. Er weiß Rath, wo sonst kein Rath ist. Was braucht sich nun das Nämlich immer wieder zu erneuern? Und es geht ihnen darauf wieder über Erwarten schlecht! Wie? sollen sie denn so baar nichts erwarten, den Herrn ganz machen lassen, sich ihm ganz unbedingt übergeben, und weder in guten noch in bösen Tagen denken: es ändert sich nicht? – Es hat dazu ganz das Ansehen.

 

Sie kommen also zur 5ten Lagerstätte und die hieß Elim. Das Wort deutet auf eine Mehrzahl und heißt: die Starken, die Helden, die Beherzten. Daher ist El auch einer von den göttlichen Namen, und namentlich einer von den Namen, welche Jes. 9. dem Wunderkind beigelet werden, wo es El gibbor heißt: starker Gott, wiewohl Luther übersetzt: Kraft, Held, welches jedoch auf eins hinauskommt. Das wort Elim erinnert auch an Widder, welche eine Bild der Stärke sind, welche sie besonders im Kopf haben, und an Hirsche, welche sich wohl gern an diesem schattigen lustigen und wasserreichen Ort einfinden und aufhalten mochten. Dieser Ort wird von den alten und neuen Schriftstellern als ungemein anmuthig beschrieben. Seine Anmuth wird auch gewiß dadurch ungemein erhöht, daß er mitten in einer ungeheueren und unfruchtbaren Wüste liegt, als wäre er durch ein Wunder dahin verlegt, als ein Beweis der göttlichen Allmacht, welche mitten in einer solchen Einöde einen Lustgarten anlegt. In neuern Zeiten hat ein englischer Reisender daselbst noch 9 klare Wasserbrunnen angetroffen, die 3 andern aber waren versandet. Der Palmbäume aber waren etliche tausend. So hatte sich entweder ihre Anzahl vermehrt, oder Moses erwähnt nur der 70 Vorzüglichsten, ohne damit sagen zu wollen, daß keine mehr da gewesen seien. Palmbäume gehören zu den merkwürdigsten Erzeugnissen des Pflanzenreichs im Morgenland, und ihrer wird bekanntlich oft in der Schrift gedacht. Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum, heißt’s Psalm 92. Auch vergleicht der Bräutigam Hohel. 7. die Sulamith mit demselben. Er ist ein Baum, welcher sehr wohlschmäckende und erfrischende Früchte bringt, namentlich die Datteln. Diese Frucht bringt er zu jeder Jahreszeit reif, wie man auch stets unreife an ihm findet, welches er mit verschiedenen andern Obstbäumen gemein hat. Wie wurden sich die Kinder Israel an dieser erquicken. Er wirft sein Laub nie ab, wie andere Bäume, sondern ist zu jeder Zeit eben so grün als fruchtbar. Auch haben seine Blätter eine ansehnliche Größe und Gestalt, - eine angenehme Augenweide für die Kinder Israel, die lange nichts als nackte Felse, Sand und Kies gesehen hatten. Sie wachsen sehr hoch und grade in die Höhe, sind aber doch bequem zu ersteigen, da ihre äußere Rinde eine Art von Leiter bildet. Sie erreichen ein sehr hohes Alter und wenn man sie auch abhauet, so schlagen doch die Wurzeln wieder aus. Noch bemerkt man von dem Palmbaum, daß er um so mehr empor strebt, wenn man ihn mit einer schweren Last belegt, und sich immer in die Höhe arbeitet, wenn er wieder gehalten wird. Seine Zweige dienen als Freuden- und Siegeszeichen, daher wird uns auch Offenb. 7. die triumphirende Gemeine im Himmel, als mit Palmen in den Händen geschildert. Im Tempel selbst war eins um’s andere ein Palmbaum und ein Cherub abgebildet. Und dieser schönen Bäume waren zu Elim eine ganze Menge. Hier war gut sein, hier hätte man Hütten bauen mögen.

 

Die Aehnlichkeit zwischen den Palmbäumen und Christen, wird eurer Andacht nicht entgehen.

 

Diese Lagerstätte dient zum Beweise, daß das wahre Christenthum nicht blos Leiden, sondern auch Freuden mit sich führe, daß es nicht blos zur Verläugnung, zur Geduld und Aufnahme des Kreuzes auffordere, sondern auch Annehmlichkeiten gewähre, welche in dem Maße und der Lauterkeit außerhalb dem Christenthume nicht gefunden werden. Schmerz und Seufzen müssen von Zeit zu Zeit weg und Freud’ und Wonne ergreift die Gläubigen. Wird der Palmbaum eine Zeit lang niedergehalten, - der Druck läßt nach und der Baum schnellt seiner Natur nach wieder in die Höhe. Daher ermuntern die Gläubigen sich auch oft in ihren Leiden mit der gewiß und bald darauf folgenden Freude. Was betrübest du dich, so redet David seine Seele an, was betrübest du dich, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, daß er mir hilft mit seinem Angesicht. Freue dich nicht, meine Feindin, daß ich danieder liege, ich werde wieder aufkommen, sagt die Kirche Micha 7., und Petrus versichert: ihr werdet euch freuen mit einer unaussprechlichen und herrlichen Freude; welches ja nicht allein von dem zukünftigen Leben zu verstehen ist. In dem Leben Jesu heißt es wenigstens einmal: Zu der Stunde freuete sich Jesus im Geist. Auch bei den Christen ist es mit der Freude sehr unterschiedlich. Zwar ist es ihre Pflicht, sich zu freuen, ja sich allewege zu freuen. In der That eine sehr angenehme Pflicht, zu deren wirklichen Ausübung aber gar mancherlei erfordert und die von den Gläubigen in sehr unterschiedlichem Maße geübt wird. Es gibt allerdings unter ihnen solche, welche als auf ebener Bahn geführt werden, deren äußere und innere Stellung, deren Temperament und körperliche Constituition, so wie die Gnade, die in ihnen lebt, sammt ihren Verhältnissen, zusammen wirken, um sie in einer gleichförmigen Heiterkeit fortwandern zu lassen. Sie sind eben so entfernt von besondern Leiden als auch von ausgezeichneten Freudenbewegungen und halten sich auf einer gewünschten Mittelstraße. Wiederum gibt es solche, die selten und nur für kurze Zeit recht froh werden und bei denen alles eben so ungünstig zusammenwirkt, wie bei jenen günstig. Wie seht ihr so traurig? Dies ist mehrentheils ihre Lage, und Seufzen oder auch Klagen ihr meistes Geschäft. Sie sind, wie der 102te Psalm sagt, wie ein Käuzlein, dessen Stimme rauh und ächzend ist, und wie ein einsamer Vogel auf dem Dache. Und Heman klagt Psalm 88., von Jugend auf sei er elend. Sie gleichen nicht den aufrecht stehenden, immer grünenden und fruchttragenden Palmen, sondern sie grünen nur wie das Gras oder gleichen einem zerstoßenen Rohr und glimmenden Tocht. Dies sind die verzagten Herzen, denen mit Nachdruck geboten werden muß, getrost zu sein. Jedes harte, strenge Wort, bringt sie an’s Zittern, und selbst der Trost muß ihnen auf eine sehr milde Weise dargereicht und zugedient werden, wenn er ihre Bekümmerniß nicht vergrößern soll. Sie gleichen den Personen von schwachem Gesicht, die nur ein sehr gemildertes Licht vertragen können, wenn sie nicht gar geblendet werden sollen. – Auch gibt es ängstliche, engherzige Seelen, die oft andern eben so sehr zur Plage sind wie sich selbst, und mit denen man viel Geduld haben muß, weil sie auch oft über andere kritisiren, und eigensinnig sind. Kleinigkeiten gelten bei ihnen häufig für Sachen von großem Gewicht, und sie gleichen jenen Leuten, die da sagten: rühre das nicht an, koste das nicht, während sie in wichtigern Dingen nicht selten allzu nachgiebig sind und in einen seltsamen Widerspruch mit sich selbst gerathen. Sie sind nicht nur so ängstlich für ihre eigenen Personen, sondern verlangen auch von andern, daß sie eben so unfrei und eng sein sollen wie sie. – Sollten diese weniger ängstlich, so sollten andere mehr gebunden und eingeschränkter sein, denn sie fallen in den entgegengesetzen Fehler und müssen vorsichtiger werden. Ihr Benehmen, ihre Reden und ihre Handlungsweise, hat zwar nichts ängstliches, aber etwas leichtsinniges, welches dem Christenthum eben so wenig oder noch weniger angemessen ist, wie jene Aengstlichkeit, zumal wenn sie auf eine dünkelhafte Weise auf jene herabblicket. Stellet euch der Welt nicht gleich, ist eine feststehende Regel des Christenthums, und man darf die christliche Freiheit nicht in einen Deckmantel des Bösen ausarten lassen, oder sie dazu mißbrauchen, dem Fleisch Raum zu geben. Es steht ohne Zweifel sehr bedenklich und mißlich um solche, welche sich ohne Beruf in jede Gesellschaft mengen, die weltliche Belustigungen, mögen sie auch nicht geradezu Sünde genannt und geradezu aus dem Worte Gottes als verboten, nachgewiesen, mögen sie auch auf eine scheinbare Weise entschuldigt werden können – mitmachen und es für gar nicht nöthig achten, sich auch im äußern Benehmen der Welt nicht gleich zu stellen. Dies alles verräth eine leichtsinnige Gemüthsart und stimmt nicht mit dem Ernst der Gottseligkeit. Sie soll nichts finsteres haben aber auch nichts leichtfertiges, und wenn ja eins von beidne sein soll, so ist das erstere noch besser als das andere. Evangelische Freiheit ist eine köstliche Sache, aber sie ist nicht ohne Gesetz, sondern im Gesetze Christi und von seinem Geiste geleitet. – Es gibt christliche Seelen, welche sehr starke Abwechselungen von Freud’ und Leid haben, wie wenn sie plötzlich aus dem strengen Winter in einen angenehmen Frühling und wieder aus dem lachendsten Frühling in die rauhste Jahreszeit übersprängen. Jetzt leuchtet ihnen das Kreuz Jesu Christi in der vollen Verklärung des heiligen Geistes. Sie trinken sich satt aus dem krystallenen Strom, der von demselben ausgeht. Sie erblicken ihre Gnadenwahl in seiner heiligen Nägelmaal. Daß da die Missethat versöhnet, daß da die Sünde des ganzen Landes auf einmal weggethan, daß mit diesem Einen Opfer alles vollendet sei, liegt so klar vor ihnen, wie Kanaan vor Mose auf Nebo. Kein Zweifelslüftchen regt auch nur ein einzelnes Blatt, kein Luftzug kräuselt die spiegelglatte Oberfläche des Sees des Gemüths, in welchen sich die Gnadensonne in ihrer Prracht abmahlt, - kein unreines Gelüste trübt das klare Wasser und es steigt ein balsamischer Duft himmlischer Andacht, sanft empor. Aber es dauert nicht lange, so erneuert sich die Geschichte auf dem See Genezareth. Der Meister legt sich schlagen. Feindliche Winde erregen das Meer. Es füllt mit seinen wüthenden Wellen das schwankende Schiff und dem Anschein nach – ist der Glaube das erste, was sie mit wegspülen, wenigstens hört man nur das Angstgeschrei: Meister, Meister! wir verderben! welches eher dem Gekreisch der Verzweiflung als dem Angst- und Hülferuf des ringenden, zufluchtnehmenden Glaubens gleicht, so daß der Meister selber fragt: wo ist euer Glaube? – Wundersam nahe gränzt bei diesen Seelen Sommer und Winter an einander und sie befinden sich in dem einen oder andern, ohne daß man immer die Uebergänge und Staffeln nachweisen könnte. – Wie selten aber sind solche Seelen, welche, wie Jakobus sagt, also in das Gesetz der Freiheit durchschauen, daß sie in demselben beharren, - bei denen ein festgesetztes und einträchtiges Wesen begründet ist. Da ist’s freilich nur Gott, der uns im Christenthum befestigt. Es ist aber doch nichts unmögliches, sondern kann wohl von der Gnade verliehen werden, daß sie wirklich Paulo auf eine bleibende Weise nachsagen können: ich bin gutes Muthes in Schwachheit, in Schmach, Nöthen, Aengsten und Verfolgungen, denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark. 2. Kor. 12,10. Ich bin gewiß. Es bedarf nur des Gebots: Schöpfet nun, so wird Jes. 12. erfüllet: jauchze und rühme, du Einwohnerin zu Zion, denn der Herr ist groß bei dir.

 

Die Freuden des wahren Christen haben einerlei Ursache, nämlich das Verdienst Christi und namentlich seine Traurigkeit und Thränen, seine Angst und Verlassenheit von Gott, dadurch hat er’s seinem Volke erworben, daß es sich freuen kann mit unaussprechlicher und herrlicher Freude. Wie er die Gnade hatte arm zu werden, wiewohl er reich ist, damit wir durch seine Armuth reich würden, so hat er, da er wohl hätte Freude können haben, sich der größten Trauer überlassen, damit wir durch seine Traurigkeit fröhlich würden. Er hat eine vollkommene Versöhnung gestiftet. Und so darf sich niemand wundern, wenn Sünder täglich und herzlich darüber fröhlich sind. Die Freude der Christen hat einerlei Ursprung. Nicht weltliche, irdische oder gar sündliche Dinge, nicht, was man erlaubte Vergnügen nennt, sind es, welche ihre Freude ausmachen, oder woraus sie entspringt. Es ist der heilige Geist, der sie fröhlich macht. Sei Fröhlichmachen ist daher von äußern Dingen ganz unabhängig. Körperliche Beschwerden, die fest verschlossenen Thüren der Kerker, Martern – die ihnen angethan werden, können den heiligen Geist nicht wehren, daß er das Herz der Christen heimsuche, so daß der Gerechte auch mitten im Tode getrost ist, und in Banden Loblieder anstimmen kann. Daher ist’s eine Freude, die niemand von ihnen nehmen kann und die Christus seine Freude in ihnen nennt. Daher begreift aber auch die Welt ihr Vergnügtsein nicht, weil sie den heiligen Geist nicht kennt und nicht hat. Daher geschieht’s auch, daß Seelen, die so tief in’s Trauren und Zagen hineingerathen sind, daß sie nicht anders denken, als sie würden sich wohl nie wieder freuen können, doch oft, eh sie’s sich versehen, wieder mit Freuden gegürtet werden und ausrufen können: ich freue mich in dem Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils, und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet; wie einen Bräutigam, mit priesterlichem Schmuck gezieret, und wie eine Braut in ihrem Geschmeide sich geberdet. Uebrigens wirkt der heilige Geist die Freude in einer heiligen Ordnung so nämlich, daß die Traurigkeit de Buße im Anfang, und allerlei Anfechtungen im Fortgang vorhergehen. Die Gedemüthigten und Erniedrigten werden erhöht und Christus ist nur die Traurigen zu trösten gekommen. Die Freude der Christen hat mehrere Veranlassungen. Jetzt breitet sie sich so weit aus, daß auch die Schönheit der Natur, der Segen in Gärten und Feldern, die Vorzüge der Lage, worin man lebt, die Befreiung von einer zeitlichen Plage u. dergl. das Herz zu einer heiligen Freude stimmt. Ein andermal ist es ein Buch, eine Predigt, ein Liedervers, ein Schriftspruch, ein Gespräch, welches solche liebliche Ausschlüsse gewährt, daß die Seele wieder in die Saiten ihrer Harfe greift, die sie an die Weiden gehangen hatte. Das heilige Abendmahl, die Vergegenwärtigung der Liebe Gottes, der Genugthuung Christi, die Betrachtungen der wunderbaren Wege des Herrn, können oft das Gemüth ungemein erheitern, weil der Freund durch diese Ritzen sieht. Zur andern Zeit bleibt es bei diesem allen dürr und trocken, zum Beweise, daß sie’s allein nicht thun, sondern der Geist es ist, der lebendig macht. Diese Freude der Christen hat auch bei ihen allen, einerlei Wirkung. Die Freude am Herrn ist euere Stärke, sagt Nehemia. Wenn du mich tröstest, laufe ich den Weg deiner Gebote, spricht David, und wünscht: ach! daß ich dich mit fröhlichem Munde loben könnte. Wie er sagen konnte: Der dir alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen, da sprach er auch: Lobe den Herrn, meine Seele, und alles was in mir ist, seinen heiligen Namen. Als die Galater sich so selig fühlten, hätten sie sogar die Augen aus ihrem Haupte wegschenken können, und die Hebräer erduldeten mit Freuden den Raub ihrer Güter und fröhlich gingen die gegeißelten Apostel von des hohen Raths Angesicht, weil sie würdig gewesen waren, um des Namens Jesu willen Schmach zu leiden. Mit Recht betet daher David: Dein freudiger Geist enthalte mich. Das ist zugleich ein williger Geist, der alles, auch das Schwerste leicht macht.

 

Wie erwünscht ist es denn, daß es doch von Zeit zu Zeit solche Elim’s gibt, und wer gönnt’s den Kindern Israel nicht, daß sie sich einmal ausruhen können, nachdem sie drei Tage lang auf einem beschwerlichen Kiesboden hatten wandeln müssen, ohne auch nur es Nachts eine ordentliche Ruhe genießen zu können. Doch dürfen sie sich hier nicht lange aufhalten, dann geht’s weiter.

 

Elim hat die angegebene Bedeutung der Starken. Aber wem wird denn dieser Name gegeben? Der Lagerstätte oder den Lagernden? Warum nicht vorzüglich den Letztern? Denn gewiß ist Israel stark. Hat es doch seinen Namen eben daher, daß es mit Gott und Menschen gerungen hat. Wie sollte es nicht stark sein, da es seine Stärke im Hernn hat, auf den es harret und so immer eine neue Kraft empfängt. Wer will es überwinden, da der Herr für es streitet, - wie sollte es nicht siegen, da der Herr selbst sein Schwerdt ist? Alle Dinge sind ja möglich, dem, der da glaubt. Und wie wollte es ihm auch gehen, wenn sie nicht so stark wären, da der Teufel, die Welt und ihr eigen Fleisch und Blut nicht aufhören, sie anzufechten? Ist zu irgend einer Sache, ist zu irgend einem Unternehmen, Stärke und Muth erforderlich, so ist es vorab zum Christenthum. Mögen alle Unternehmungen scheitern, mit dem Christenthum darf es uns nur nicht mißlingen, denn davon hängt ja alles ab, unser ganzes und ewiges Heil. Mögen Kriege mißlingen, Schlachten verloren werden, Flotten untergehen, Länder versinken und Städte verbrennen, - das sind zeitliche Dinge. Aber wenn Israel auch eine einzelne Schlacht verliert, so darf ihm doch sein Krieg nicht mißlingen, und sein Schiff muß, alles Ungestüms ungeachtet, den Hafen erreichen. Es hat also Kraft nöthig, und zwar eine alles überwindende und selbst unbesiegbare, sich stets erneuernde Kraft. Und die hat’s auch wirklich. Allem Zeuge, der wider dich zubereitet wird, soll’s nicht gelngen, und alle Zunge, so sich wider dich setzt, sollst du im Gericht verdammen; das ist das Erbe der Knechte des Herrn und ihre Gerechtigkeit von mir, spricht der Herr. In allem überwinden wir weit, - das ist ihr Heldenruhm. Elim, die Starken.

 

Was will uns nun der Teufel tun, wie grausam er sich stelle?

 

Rüstet euch ihr Völker und gebet doch die Flucht, beschließet einen Rath und es werde nichts daraus, denn hie ist Immanuel! – Ja, wäre Israel nicht in Elim gelagert, es wäre schon längst mit demselben aus gewesen, dermaßen, daß man vielleicht nicht einmal wissen würde, daß je ein Christus und Christen in der Welt gewesen. Jawohl, - wo der Herr nicht bei uns wäre, so sage Israel: wo der Herr nicht bei uns wäre, wenn die Menschen sich wider uns setzen, so verschlängen sie uns lebendig, so ersäufte uns das Wasser, Ströme gingen über unsere Seele. Psalm 124. Aber nun wird die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, denn Gott ist bei ihr darinnen. Psalm 46,5.6. Christen sind Starke, die was ausrichten.

 

Aber wiederum kann man auch vom Christenthume, wunderbarer Weise, sagen, daß zu keiner Sache weniger Muth, Kraft und Klugheit erforderlich sei, als zu dieser. Die Kundschafter, welche das Land Canaan verkundtschaftet hatten, sagten: wir sind wie Ameisen gegen diese Einwohner, und nachgehends sagt Gott selbst, es verhalte sich wirklich so. Josua widersprach dem auch nicht, behauptet aber, dessen ungeachtet wollten sie sie wie Brod fressen. In geistlicher Beziehung sagte der nämliche theure Mann nachher: ihr könnt dem Herrn nicht dienen, wiewohl er von sich und seinem Hause sagt: wir wollen dem Herrn dienen. Es mußte also keine Kraft dazu erforderlich sein, wie wäre es auch sonst wohl dem Paulus gegangen, der nicht tüchtig war, etwas zu denken, - dem David, der so ohnmächtig war, daß er nicht reden konnte, - dem Agur, der nicht wußte, was heilig ist, - den Römern, die nicht wußten, was sie beten sollten. Aber wenn wir sagen, zu keinem Unternehmen sei weniger Kraft erforderlich, so verstehen wir darunter eine solche Kraft, Herzhaftigkeit und Klugheit, welche man schon vorab besitzen und wie ein Kapital mit in den Handel einlegen müßte, also sie nicht bei Jesu zu suchen oder ihn dazu anzunehmen brauchte. Mein Rath und Kraft muß vielmehr ganz verschwinden, dann stehet mir die Allmacht bei. Seid stark, sagt Paulus, setzt aber hinzu: in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Der Herr ist mit dir, sagte der Engel zu Maria. Und das macht’s eben aus, da sagt der Apostel: ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus.

 

Der Wasserbrunnen waren 12, der Palmbäume aber 70; die Zahl der Wasserbrunnen stimmt mit der Zahl der 12 Apostel, und die Zahl der Palmbäume mit derjenigen der 70 Jünger überein, welche Jesus nach Lukas 10., neben jenen aussandte. Gleichwie nun den Kindern Israel alles zum Vorbilde geschah, also auch dieses. Ihre fünfte Lagerstätte bildet also das Evangelium ab, das zuerst von den 12 Aposteln und den 70 Jüngern gepredigt wurde und durch die Barmherzigkeit Gottes noch unter uns erschallet, daß es nämlich je gewißlich wahr und ein theueres aller Annehmung werthes Wort ist, daß Jesus Christus in die Welt gekommen ist, Sünder selig zu machen. Dies Evangelium bildet den wasserreichen, schattigen und lustigen Hain für die mühseligen und beladenen Seelen, die sich auf dem Kiesboden Etham’s abgearbeitet und an allem Mangel gelitten haben. Hier heißt’s zu ihnen: Eßt und trinkt euch satt. Hier fällt die Sommerhitze nicht auf sie. Das Gesetz mit seinen Forderungen und Drohungen ängstet sie nicht mehr, daß es zu ihnen hieße: Thue das, so wirst du leben, - verflucht aber sei, wer nicht alles hält, was geschrieben stehet in dem Buche des Gesetzes, daß er’s thue. Die Herrlichkeit der göttlichen Majestät blitzet ihnen nicht mehr als eine verzehrende Glut entgegen, die sie ausrufen macht: wehe mir, ich vergehe! – denn es zeigt sich der Brandopfers-Altar, worauf das Opfer der Versöhnung lodert und der Engel mit der Kohle, welcher sagt: Deine Missethat ist von dir genommen und deine Sünde versöhnt. Wie der Palmhain, ein Bild des Sieges und des Friedens, lieblich säuselt und die rieselnden Brunnen durch ihr geschwätziges Gemurmel angenehm ergötzen und stillen, und hie und da ein schlankes Reh oder ein prächtiger Hirsch trinkt und graset, so senkt sich unter der Siegespalme des Gekreuzigten und wieder Auferstandenen, ein balsamischer Frieden in die Seele, das schüchterne Reh wird herbei gelockt, der Hirsch, der so lange nach frischem Wasser lechzte, trinkt und allles was die Seele erblickt, erquickt sie zugleich. – Kurz, alles, was dieser Palmenwald entzückendes für Israel, nach einer so mühvollen Reise, haben mochte, das findet sich ungleich wesentlicher in dem Evangelium, sobald eine gedemüthigte Seele dasselbe im Lichte des heiligen Geistes verstehen lernt.

 

Doch dies alles ist Canaan noch nicht, mag es auch ein geringer Vorschmack und ein matter Abglanz desselben sein. Was muß es um Canaan selbst sein, wo der krystallene Strom an beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt ist, welche zwölferlei Früchte tragen, wo keine andere Abwechselung statt findet, als nur eine solche, die den seligen Genuß erhöhet. Ja, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehöret hat, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieb haben.

 

Ja, wir reisen, wir reisen. Wir verlassen Egypten mit all seinem Gepränge und eilen Canaan zu. Zeuch uns nur, damit wir laufen.

 

Amen.

 

 

 

Neunte Predigt

 

Sechste Lagerstätte: das Schilfmeer.

 

4. Buch Mose 33,10

 

Ich denke, wir setzen unsere Reise fort, indem wir mit unsern Gedanken die Kinder Israel begleiten und zugleich die Aehnlichkeiten bemerken, welche zwischen dieser sichtbaren Reise nach Canaan und den Gängen und Abwechselungen des inneren Lebens statt finden. Wir haben uns nun lange genug in dem lieblichen Elim aufgehalten, von seinen köstlichen Palmbäumen genossen, in ihrem Schatten uns erquickt, und aus seinen Brunnen getrunken. Wir möchten wohl gern stets durch angenehme Empfindungen ergötzt werden und das Kreuz und die Anfechtung andern überlassen. Aber der heilige Geist hat usn noch mehr zu bezeugen, als daß wir Gottes Kinder sind, noch mehr und was anderes zu sagen, als daß wir durch das Blut Christi gerecht worden sind – und daß Gott die Liebe sey in Christo Jesu. Er kann – und will nicht immer trösten, sondern auch betrüben, nicht blos heilen, sondern auch verwunden, nicht blos beruhigen, sondern auch ängstigen, nicht blos sich als ein erqickender Thau, sondern auch als ein Feuer und einen Geist des Gerichts und Ausbrennens an denjenigen erweisen, die er seiner Bearbeitung würdigt. Er braucht nicht allezeit den Stab sanft, sondern auch den Stab wehe, nicht blos das Evangelium, sondern auch das Gesetz, nicht nur die Verheißungen, sondern auch die Forderungen, und redet nicht blos von Trost, sondern auch von Pflicht. Er erhöhet, demüthigt aber auch; er versetzt in den dritten Himmel und führt auch in die Hölle; tröstet reichlich, läßt aber auch erfahren viel und große Angst, tödtet sogar und machet wieder lebendig. So wird dann das Ebenbild Christi in der Seele abgemalt. Gold wird wohl siebenmal geläutert. Es giebt auch Oefen des Elends, wo jemand aufs lauterste gefegt wird. Er hat dir zu sagen, daß Gott allein gut – aber auch, daß das Dichten deines Herzens böse ist von Jugend auf und immerdar; dir zu sagen, daß er zwar treu ist, du aber nicht. Will er dich lehren, daß Christus der Weg sey, so wird er dir auch jeden andern Weg vermauern; daß er das Leben sey, so wirst du überall sonst nichts als Tod finden u.s.w. Die Saat des Feldes würde wohl nicht gedeihen, wenn kein Winter über ihr herginge, weßhalb sie auch im Herbst gesäet wird. Ohne Zweifel ist es den Bäumen nützlich, daß sie einmal im Jahre ihrer Blätter und Früchte und sogar ihres Saftes beraubt werden, und das edelste unter allen Gewächsen – der Weinstock – wird auch am meisten beschnitten. Die Aehnlichkeit finden wir auch bei den Ereignissen des innern Lebens: durch welche Geburtswehen und Angst, durch wie mannigfachen Tod muß es hindurch!

 

Elim ist nicht Canaan, die Kinder Israel müssen also von da aufbrechen und weiter! Laßt uns sie begleiten. Laßt uns sehen, wie der Herr von der Welt her gerichtet hat, damit wir getröstet, belehrt, gezüchtigt und unterrichtet werden in der Gerechtigkeit.

 

Von Elim mußten sie aufbrechen und reisen aufs Schilfmeer zu, und weil die Wolkensäule hier Halt machte, so mußten sie auch Halt machen, ihre Zelte aufschlagen und sich lagern. Diesseits Elim hatten sie’s also gemächlicher, als sie’s jenseits gehabt hatten, wo sie sich gar nicht hatten lagern dürfen, sondern drei Tage an einem fort ziehen und ihre nächtliche Ruhe, so gut es gehen wollte, auf harter Erde und unter dem blauen Himmel nehmen mußten. So geht’s im Christenthum auch bald leichter, bald schwerer her. Jetzt ist gleichsam Waffenstillstand, hernach ein desto heißerer und langwierigerer Kampf und dann wieder eine liebliche Erquickung. –

 

Das Schilfmeer ist das rothe Meer, welches diesen Namen von seiner Farbe, jenen von dem Rohr oder Schilf führte, der in Menge an seinen Ufern wuchs. Die Absicht, warum die Wolkensäule sie an das Meer führte, durch welches sie wenige Tage vorher gezogen, ist leicht zu errathen. Sie sollten des Weges gedenken, den sie der Herr bisher geführt hatte. Sie sollten sich lebhaft die große Wohlthat und Errettung vergegenwärtigen, die ihnen über, ja wider alles Erwarten zu Theil geworden war. Sie sollten die große Wirkung des Zorns und der Liebe Gottes, seines Ernstes und seiner Güte reiflich erwägen; des Zorns und Ernstes an den Gottlosen, wie es sich auf eine erscheckliche Weise an den Egyptern gezeigt, seiner Liebe und Güte an seinem Volke, an denen die an seiner Liebe und Güte bleiben. Beides sollte sie zur Buße dahin leiten, daß sie immer mehr noch Gott gesinnet würden. Dies Meer ermunterte sie zur Liebe gegen einen so gütigen, zur Furcht gegen eine so heiligen, zum Vertrauen gegen einen so mächtigen und zur Uebergabe an einen so wunderbaren und treuen Gott. Mit Paulo sollten sie sagen lernen: „er hat uns erlöset von solchem Tode, erlöset uns noch täglich, und wir trauen ihm, er werde uns auch hinfort erlösen.“ – Wer hatte sie denn bis hieher gebracht? Wars ihre Kraft, wars ihre Klugheit oder war Er es? Zu welchem Vertrauen auf die Zukunft sollte und konnte sie dies erwecken. Mit wie ganz andern Augen konnten sie jetzt das nehmliche Meer ansehen, als vor wenigen Tagen! Wie ganz natürlich war es, eine Vergleichung zwischen damals und jetzt anzustellen, und in wie frischem Andenken hatten sie es noch? Wahrscheinlich lagen noch todte Leichname von den Egyptern am Meere samt allerlei Waffen, sie aber standen alle wohlbehalten da und es war keiner, der sie bedrängte. Welchen Muth konnten sie daraus für die Zukunft schöpfen – wie beschämt konnten sie wegen ihres Unglaubnes und Mißtrauens werden und sich angespornt fühlen, fortan auf den lebendigen Gott zu hoffen und ihn von ganzem Herzen zu lieben, zu fürchten und zu ehren. Wohl mochte es hier heißen: o! daß du auf meine Gebote merktest, so würde dein Friede seyn wie ein Wasserstrom, und deine Gerechtigkeit wie Meereswellen. Ach, daß sie ein Herz hätten, das nur mich fürchtet: denn welch ein unartiges Volk war es? Sie hatten kein Auge, das da sähe, kein Ohr, das da hörete und kein Herz, das verständig wäre. Ein Ochs kennet seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn, obschon beide für die dümmsten Thiere gehalten werden, sie erinnern sich, wo sie gefüttert worden sind. Aber dieses Volk lagert sich da am Schilfmeer, beinahe als wenn es selbst Schilf gewesen wäre, ohne Verstand und Nachdenken, ja bald hören wir sie murren und mißtrauen. Denken wir aber nur nicht, wir wären besser, sondern laßt uns vielmehr in ihrem Exempel die Ungestalt unseres eigenen Herzens und die Nothwendigkeit dessen abnehmen, was uns das rothe Meer abbildet, die Nothwendigkeit der Reinigung desselben durch das Blut und den Geist Jesu Christi, und dieselbe suchen.

 

David sagt auch einmal zu seiner Seele: „Vergiß nicht, was dir der Herr Gutes gethan hat.“ Wir sehen auch an dem Exempel der Jünger, daß sie oft nichts verständiger wurden über den Wundergeschichten, welche sie erlebten, und so geht’s noch. Wie Paulus sagt, wir haben auch ein Osterlamm, so möchten wir auch sagen: wir haben auch ein Schilfmeer, das wir betrachten sollen, um darin die Herrlichkeit des Herrn und dasjenige zu erblicken, was sich für uns ziemet. Und für dies unser Schilfmeer sollen wir alles achten, was uns den Ernst und die Güte Gottes, was uns unsere Verdorbenheit und Elend, so wie seine Macht und Gnade vorhält. Das Wort Gottes, die Geschichte, unsere Feiertage, namentlich das heilige Abendmahl und unsere eigene Erfahrung bilden gleichsam das weitläuftige Schilfmeer, das wir mit verständigen Augen betrachten, und daraus Weisheit lernen sollten. An diesem Meere sind wir auch gleichsam gelagert, und die Predigt des göttlichen Wortes giebt uns fortwährend Anleitung zu seiner Betrachtung, wer nur Ohren hat, um zu hören und Augen, um zu sehen, sonst geht’s wie mit jenem Meere, das mancher vor lauter Schilf nicht gewahr wurde. – Ich maße mir freilich nicht an, das genannte unübersehbare Meer des göttlichen Worts, der Geschichte u.s.w. übersehbar machen und mich in eine spezielle Darlegung der Einzelheiten einlassen zu wollen, denn zum Uebersehen dieses Meer’s, bedürfen wir des hohen Standpunktes der Ewigkeit, nebst ihren Augen und ihrem Lichte; denn hienieden ist selbst eines Apostels Wissen nur Stückwerk und ein Schauen als durch einen Spiegel in ein dunkeles Wort. Jesus Christus ist denn doch der Mittelpunkt, in welchem sich die zerstreute Strahlen als in ihrem Brennpunkt vereinigen und in dessen Angesicht die Herrlichkeit Gottes sich spiegelt, dessen Betrachtung daher auch das Nöthigste und Heilsamste ist. Sünde und Gnade recht kennen lernen, ist unsere Aufgabe, und beides wird am besten in ihm gelernet, der zur Sünde und zur Gerechtigkeit gemacht ist. Wollen wir recht anschauen, was die Sünde sey: so haben wir nicht so sehr unsere Augen zu richten auf jene erste gottlose Welt, die sammt und sonders mit Alten und Kindern in den Wasserfluthen ersäuft wurde – nicht bloß auf Sodom, auf das das Feuer vom Himmel fällt, da der Herr Schwefel und Feuer regnen ließ von dem Herrn aus dem Himmel – nicht blos auf die Rotte Korah, die so lebendig von der Erde verschlungen wird und in die Hölle fährt, oder den erschrecklichen Judas, der, nachdem er gesündigt hat, selbst das verdiente Todesurtheil an sich vollzieht – sondern wenn wir sehen, wie Gott selbst seines eigenen Sohnes, nachdem er ihn zur Sünde gemacht – so gar nicht schont, weder dem Leibe noch der Seele nach und ihn ohne Barmherzigkeit in des Todes Stand legt: so sehen wir erst vollständig, was die Sünde in Gottes Augen seyn müsse, da er einer solchen Rache darüber nimmt und ein solches Opfer fordert. Wie tief werden wir dadurch gedemüthigt, zu welcher Buße und Selbstverläugnung aufgefordert! – Aber wo erblicken wir auch einen solchen Gnadenglanz, wie in dem Angesichte Jesu Christi? Allerdings ist es rührend, wenn wir in den Propheten mitten durch ein finsteres Gewölke zorniger Rede und schrecklicher Drohungen, oft mit einem mal die Sonne in den zärtlichsten Verheissungen durchbrechens ehen und in den Wolken den farbigen Regenbogen der unveränderlichen Treue erblicken, daß es z.B. heißt: „wenn man den Himmel oben kann messen, und den Grund der Erden erforschen, so will ich auch verwerfen den ganzen Saamen Israel, um Alles, das sie thun, spricht der Herr. Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer!“ und dergleichen, wo Gott wie ein Vater erscheint, der mit seinen Kindern zürnt und schilt, plötzlich sie aber wieder aufs freundlichste umarmt, als könnte er ihr Zutrauen und Liebe durchaus nicht msisen; - rührend ist es allerdings, wenn Jesus uns das liebende Herz Gottes schildert in dem Bilde eines geschäftigen Weibes, welche, das Licht in der einen, den Besen in der andern Hand, das ganze Haus um eines Groschen willen durchsucht; eines Hirten, der voller Freuden, sein wiedergefundenes Schaf auf den Achseln, heimträget; eines Vaters, der seinem ungerathenen Sohne entgegeneilt, ihn küsset und schmücket; - rührend ist es, wenn er da einen gefallenen Petrus grüßen läßt, dort einen bekümmerten Sünder seinen Sohn nennt, ihm getrost zu seyn befiehlt und ihn versichert: deine Sünden sind dir vergeben, und hier einem Zachäus zuruft: steig eilend hernieder, denn ich muß heute zu deinem Hause einkehren; - rührend ist es, wenn er ruft: her zu mir, die ihr mühselig und beladen seyd, ich will euch erquicken; wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst! und dergleichen mehr. Lieblich ist es, wenn eine Seele die erquickenden Zuflüsse der Gnade also schmecket, daß sie mit dem Propheten vor Freuden aufspringt in dem Gott ihres Heils und mit David rühmt. der Herr ist mein Hirte! Aber dies Alles sind doch gleichsam nur lieblich funkelnde Thautropfen, nicht die Sonne der Gerechtigkeit selbst. Welch ein Schilfmeer derselben bietet die Sendung und Dahingabe Jesu Christi selber dar? Welch ein unergründliches Meer an Tiefe und unübersehbar an Umfang bietet die Gnade aller Gnaden dar, daß Gott die Welt also liebete, daß er seinen eingebornen Sohn gab; daß der Sohn sie also liebete, daß er sein Leben für sie in den Tod gab. O! daß wir recht an diesem Meer gelagert wären und würden, und der heilige Geist über diesen Wassern schwebete, die durch das Wunderholz des Kreuzes so süß und genesend geworden sind, damit wir erkenneten die Höhe und Tiefe, die Länge und Breite der Gnade Gottes in Christo Jesu; daß uns der Schilf der Unbußfertigkeit und des Unglaubens nicht hinderte: zu sehen, was sonst nicht zu sehen, wenn wir in seinem Lichte nicht stehen. Wahrlich, wie in jenem Meer Israels Feinde umkamen, so mag man hier sagen: Da verschwinden meine Sünden, wie ein Strohhalm in der Gluht! Ein Abgrund von Barmherzigkeit verschlingt ein Meer voll Herzeleid, Du, Herr, vergiebst die Sünden! – Wohl ist hier das Wasser, das dem Ezechiel erst bis an die Knöchel, dann bis an die Kniee, Lenden und endlich so weit ging, daß er hindurch schwimmen mußte, und es nicht mehr gründen konnte. Welche Herrlichkeit wird es seyn um das krystallene Meer mit Feuer gemenget, wovon Offenb. 15. die Rede ist, woran diejenigen stehen, die den Sieg behalten haben, und auf Harfen Gottes das Lied Mosis und des Lammes singen.

 

Das ist nun freilich die Hauptsache. Ach! mit dem, die freie Aussicht hemmenden Schilf und dem Nebel, der nicht selten aus dem Herzen aufsteigt und das Meer verbirgt, daß man’s nicht recht sehen kann! Ich meine den Schilf von allerhand Zweifeln und Einreden, und den Nebel von allerhand sündlichen und ungläubigen Gedanken. Welch ein majestätisches Meer! Steige Zion auf einen hohen Berg, um seine gewaltigen Wogen zu sehen, welche deine Feinde verschlingen und alle Gewaltigen zerbrechen sollen; die finstern Wolken theile der Zweifelung, und heile des Glaubnes dürre Hand.

 

Die Erfahrungen, die der Christ gemacht hat, sind auch so ein Jam Suf, ein Schilfmeer, an welches er von Zeit zu Zeit gelagert wird, zu gedenken all des Weges, den ihn der Herr, sein Gott, geführt hat. Sie sind vornehmlich zwiefacher Art, theils niederschlagender, theils erfreulicher Art. Wer ist, der nicht seine Beistimmung geben müßte, wenn jenes Lied sagt: Hat nicht die Erfahrung mich meine Thorheit oft gelehret? – Wer kann merken, wie oft er fehlet, und wie groß ist die Menge der verborgenen Fehler?! Wie wenig Selbsterkenntniß gehört dazu, um einzusehen, daß wir des Ruhms mangeln, den wir an Gott haben sollen, und wie groß muß die Blindheit derer seyn, die das nicht an sich kommen lassen wollen! Beurtheilen wir aber vollends unser Herz der Beschreibung gemäß, welche uns das untrügliche Wort Gottes von demselben giebt, so haben wir ein Meer vor uns, dessen Wellen Koth und Unflath auswerfen, das sich aber mit allerhand Schilf von Beschönigungen umgiebt, um nur nicht in seiner wahren, d.i. abscheulichen Gestalt gesehen zu werden. Auch an dies Meer müssen wir uns lagern lassen, unsere Noth und Elend recht gründlich erkennen zu lernen. Es ist wohl unangenehm aber nützlich, beschwerlich aber heilsam. – Wo ist sodann auch der Christ, der im Rückblick auf seinen Weg bis hieher, nicht auf manches ängstliche Gedränge, auf manche große, innere Noth geführt würde, welche er hat durchwandern müssen, wo seine Seele bei ihm verzagte und er nicht anders dachte, als es sey aus mit ihm. Aber auch welche liebliche Erfahrungen hat er gemacht, welche ihm billig eben so unvergeßlich blieben, wie jene, weshalb auch David zu seiner Seele spricht: Vergiß es nicht, was der Herr dir Gutes gethan hat. Welche herrliche Einsichten sind ihm von Zeit zu Zeit verliehen worden, und mit welcher göttlichen Klarheit hat ihm die Wahrheit geleuchtet. In welcher Fülle hat er oft Jesum Christum erblickt, so daß ihm um all seinen Mangel und um all sein Elend nicht bange war, sondern die Ruhmsprache Pauli in seinem Maße mitführen konnte: Wer will verdammen? Christus ist hie, der gestorben ist; ja vielmehr, der auch auferwecket ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns. Welche heilige Gesinnungen haben oft sein Gemüth durchströmt, daß es ihm ging, wie Israel am Meere, wo es alle seine Feinde todt sah, und er nicht anders dachte, als der alte Mensch sey nun hinweggethan, wenn er sich gleich nachgehends zu seinem großen Befremden und Bedauern wieder nur allzu lebendig erzeiget, und er sich wieder zum Streit gürten mußte. Welche ihm selbst bewundernswürdige Gewißheit des Glaubens und Inbrunst, der Liebe, der Kraft und der Hoffnung hat ihn oft belebt, daß er sagen konnte: der Strick ist zerrissen, der Vogel ist frei. Wie leicht wurde ihm oft eine Sache, die ihm fast als unmöglich vorkommen wollte, und wenn er keine Schwierigkeiten erwartete, häuften sie sich nicht selten von allen Seiten. Wie oft verlor er wieder, was er festiglich gefaßt zu haben glaubte, und fand oft schnell, woran er nohc lange suchen zu müssen besorgte. Kurz, es giebt eine nützliche Betrachtung ab, von Zeit zu Zeit seine mancherlei gemachten Erfahrungen zu überschauen, besonders aber bleibt die erstmalige Ausgießung der Liebe Gottes ins Herz fürs ganze Leben unvergeßlich, und wie Mnache haben sich, wie billig, Tag und Stunde bemerkt, wo sie dieses Glückes theilhaftig worden sind. Das Andenken an diese Erfahrung ist nicht selten ein gesegnetes Mittel, die Seele auch in der Wüste zu ermuntern. Man wird den Seefahrern ähnlich, welche, an die Auftritte des Meeres gewöhnt, durch einen Stirm nicht so sehr in Schrecken gesetzt werden, weil sie schon manchen überstanden haben. Jedoch ists auch wahr, daß, wie die Kinder Israel des Nachts das Schilfmeer nicht sahen, was ihnen doch so nahe lag, und wie es an Speise mangelte, eben so ungläubig waren, wie sonst, so vergißt man auch wohl aller erfahrnen Durchhülfe, kann sich damit nicht trösten, oder die Umstände kommen einem so neu, so unerwartet und schwer vor, daß man Steuer und Ruder verliert und sich über nichts besinnen kann.

 

Ach, mit welchen erbärmlichen Augen sahen die dummen Israeliten das Schilfmeer an. Mich däucht, es ist ordentlich eine Absicht dabei, warum es das Schilfmeer genannt wird, da es vorher schlechthin das Meer heißt. Sie sahen nur eine Menge Wasser, nicht aber dasjenige, was sie wenig Tage vorher zu einem so freudigen Lobgesang veranlaßt hatte, und waren viel aufmerksamer auf den Schilf als auf die Wunder Gottes, und der Schilf, ein Bild ihres Gemüthes, worin sowenig Festigkeit war, wie ein Rohr, das von jedem Winde beweget und in eine andere Richtung gebracht wird. Aber heißt es nicht auch einmal Marc. 6,52. von den Jüngern, sie seyen über dem Wunder Jesu, da er mit wenig Broden eine ganze Menge Menschen speisete, nichts verständiger geworden, sondern ihre Herzen seyen in ihnen erstarret? Und was will das anders sagen, als sie zogen aus diesem merkwürdigen Vorgang gar den Nutzen und die Belehrung nicht, die man doch billigerweise daraus hätte ziehen sollen. – Findet sich dies Elend nicht noch sehr häufig? Das Meer der göttlichen Wunder in der heiligen Schrift breitet sich vor den Augen der Menschen aus, der Wunder, die in der That fast ganz unglaublich sind, nämlich, daß Gott seinen Sohn gesandt hat in die Welt, nicht, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn selig werde. Aber wie verhält sie sich im Ganzen dagegen? Der Haufe der Unbekehrten und geistlich Todten bleibt ganz gleichgültig und ungerührt. Weltliebe, irdische, sinnliche Annehmlichkeiten und Neuigkeiten setzen sie in große Bewegung, aber die Liebe Gottes, das Vermahnen an Christi statt: lasset euch versöhnen mit Gott, läßt sie eben so unbeweglich und bringt in ihren Gesinnungen und Verhalten eben so wenig eine Veränderung zum Guten zuwege, als der Anblick des Meeres bei Israel, es wäre denn, daß noch eine besonders göttliche Wirkung hinzukäme. Einige zweifeln und gleichen denjenigen Israeliten, welche so klein von Natur waren, daß sie nichts vom Meere erblickten, weil sie nicht über den Schilf hinwegsehen konnten, während größere Personen oder solche, die auf einer Anhöhe standen, das weite Meer vor sich sahen und des Schilfs über diesem großen Anblick gar nicht gewahr wurden. Einige spotten sogar und gleichen den stolzen Kurzsichtigen, die so von ihrer Vorzüglichkeit eingenommen sind, daß sie meinen, was sie nicht sehen könnten, sähe auch ein Anderer nicht. Kurz, ihre Herzen sind verstarret, und mögen sie auch durch die großen, christlichen Feste wegen der Geburt, des Leidens, der Auferstehung und Himmelfahrt gleichsam an das Schilfmeer geführt werden, das alle unsere Feinde verschlungen hat; mag es ihren Augen durch die heilige Taufe und das Nachtmahl noch näher gebrach werden – sie beharren in ihrem alten Wahne, sie besinnen sich nicht, sie schlagen nicht in sich, um zu sagen: ich will mich aufmachen und zum Vater gehen.

 

Zu welchen heiligen, angenehmen und ermunternden Gedanken aber mußten sich ein Moses, ein Aaron und die Mirjam, mußten sich Josua, Caleb und die andern Gläubigen und Verständigen im Volk, durch den Anblick dieses Meeres geweckt fühlen, so daß sie diesen ohne Zweifel bei weitem dem lieblichen Aufenthalte zu Elim vorzogen. Welche Predigt hielt ihnen dies Meer, und wie ganz anders sah es sich von dieser Seite an, als von jener, da sie noch davor standen und Pharao hinter sich hatten. Wie ganz anders urtheilt man überhaupt von vielen Dingen, wenn man hindurch ist, als wenn man sie noch vor sich hat! Wie klagte David in seinen Leiden, obschon er hernach sagte: ich danke dir, daß du mich treulich gedemüthiget hast.

 

Aber macht denn der Anblick des Schilfmeers, macht das Evangelium von der Gnade Gottes, so wie es geprediget, geschrieben ist und durch die christlichen Feste vergegenwärtiget wird, macht es den Eindruck, den es doch billig machen sollte und der ihm angemessen wäre, auf diejenigen, bei denen wirklich geistliches Leben ist, bringt es die Frucht, die es haben sollte? Wo ist die Freudigkeit im Glauben, die Zuversicht der Hoffnung, die Inbrusnt der Liebe, die Standhaftigkeit der Geduld, der Sieg über die Welt, die Gottseligkeit des gesammelten Wandels, der himmlische Sinn, die zarte Bruderliebe, die freundliche Tragsamkeit? Wo? Wie gebrechlich geht’s durchgängig damit zu! Wie viel Zweifelmuth, Kleinglaube, Ungeduld, Hoffart und dergleichen ist noch da, wie viel Weltsinn, Leichtsinn und Sünde! Lauter Beweise, wie viel Ursache wir haben, mit David zu beten: öffne mir die Augen, daß ich sehe die Wudner an deinem Gesetz. Wie viele sind noch zu Zion, denen man zurufen muß: es schwebt euch euer Leid nur vor, ihr hebet euch nicht genug empor zum süßen Heiland eurer Schmerzen.

 

Das ist ja sehr zu beklagen. Wachset deswegen in der Gnade und Erkenntniß unseres Herrn Jesu Christi: denn wo solches bei euch wohnt, wird es euch nicht faul noch unfruchtbar seyn lassen, und euch reichlich dargereicht werden der Eingang zu dem ewigen Reiche unseres Herrn Jesu Christi.

 

Er schenke uns Augen, die da sehen, Ohren, die da hören und ein verständiges Herz, das auf seine Gebote merket, damit unser Friede sey wie ein Wasserstrom und unsere Gerechtigkeit wie Meereswellen. Amen!

 

 

 

Zehnte Predigt.

 

Siebente Lagerstätte: Sin.

 

4. Buch Mose 33,11.

 

Dies ist die siebente Lagerstätte und zwar in einer Wüste Namens Sin. Eine Wüste ist eine von Menschen unbewohnte und unbewohnbare Gegend, weil sich in derselben weder Wasser noch Gewächse befinden, es wären denn Stacheldornen. Nur Schlangen, Scorpionen und dergleichen schädliche und giftige Thiere halten sich darin auf; die Reisen durch solche Gegenden sind also etwas grausenhaftes. Gott sagt bei dem Propheten Hosea: „ich will sie in die Wüste führen,“ und zwar sagt er das nicht als eine Drohung, sondern als eine väterliche Zucht, weshalb auch gleich hinzugesetzt wird „und dann freundlich mit ihnen reden.“ Dies ist also eine geistliche Wüste. Sie besteht in einer Beraubung aller Stützen, worauf der Mensch außer Gott sein Vertrauen setzen möchte, wodurch er dann genöthigt wird, seine Hoffnung allein auf den lebendigen Gott zu setzen, welches er nicht thut, so lange er sonst noch was hat, womit er Abgötterei treiben kann, welches ihm deswegen genommen werden muß. Und wenn das geschieht, so wird er geistlicher Weise in eine Wüste geführt. Diese Beraubung aller Stützen ist theils äußerlich, theils innerlich und zuweilen sind beide zusammen. Wie oft war David aller äußern Stützen beraubt, nie aber in solchem Maße, als da er nach 1. B. Sam. 23. vor Saul in die Wüste Raon geflüchtet und nun ganz eingeschlossen war und den Händen Saul’s nicht mehr entrinnen konnte. Hier war menschliche Hülfe und Rath aus und er mußte Gott walten lassen, der ihn auch ganz unerwartet dadurch rettete, daß ein Bote dem Könige ansagte, die Philister seien ins Land gefellan, wodurch er veranlaßt wurde, von der Verfolgung David’s abzustehen, den er übrigens so gut wie in Händen hatte. In einer ähnlichen, doch nicht ganz in dem Maße verlassenen Lage, befand er sich, als er vor seinem aigenen Sohn Absalom flüchten mußte, und hätte Gott es nicht so gelenkt, daß Absalom dem Rath Husai mehr Gehör gab als dem klügern Ahitophel, so wäre es mit David allem Ansehen nach ausgewesen. Abraham hatte für seinen Glauben an eine folgende Nachkommenschaft auch durchaus keine sichtbare Stütze, vielmehr viel niederschlagendes und Muth benehmendes, da sein Weib nicht nur unfruchtbar war, sondern auch ein so hohes Alter hatte, daß sie nur noch durch ein Wunder gebähren konnte. Sehen wir den frommen König Josaphat an, gegen den ein unzählbares Heer von Feinden heranzog, so sagt er selbst: „in uns ist nicht Kraft gegen diesen großen Haufen, der wider uns kommt. Wir wissen nicht, was wir thun sollen“ und setzt hinzu: „aber unsere Augen sehen nach dir.“ Es blieb ihm nichts als Gott übrig. Der Apostel Paulus kam auch in Asien einmal in ein solches erstaunliches Gedränge, daß er nichts als den Tod und kein Mittel vor sich sah, demselben zu entgehen, sagt aber selbst, wozu dies geschehen sei, nehmlich daß sie ihr Vertrauen nicht auf sich selbst setzten, sondern auf den Gott, der die Todten lebendig macht, 2. Cor. 1. Und wie gieng’s dem Petrus nicht so sonderlich! Als er Jesum auf dem Meer wandeln sah, fühlte er sich – wie soll ich sagen – geleitet oder verleitet – Jesum zu bitten, er möge ihn heißen zu ihm kommen. Als Jesus dies gethan, stieg er aus seinem Schifflein aufs Wasser und wandelte auch darauf, als ob’s festes Land gewesen wäre. Aber was geschah nun? Als er eine Strecke gewandelt und weit genug vom Schfife war, erhub sich plötzlich ein Wind, der das Meer unter seinen Füßen bewegte und ihn an die unsichere Beschaffenheit desselben lebhaft erinnerte. Erschrecken – und wirklich Sinken war eins. Jesus war seine einzige Zuflucht, an den er sich auch mit großem Geschrei wandte und freilich erhalten wurde. Und wie oft hat’s sich mit den Gläubigen zugetragen, daß sie im Aeußern kein Durchkommen mehr wußten und auch sagen mußten: „wirst du es nicht thun, Herr?“ – Diese äußern Beraubungen greifen allerdings die Sinnlichkeit nicht wenig an und können Kummer genug verursachen, wie manche unter uns aus eigener Erfahrung werden bezeugen können. Allein es giebt auch innere Beraubungen, die zwar nicht sichtbar, aber noch wohl weit schmerzlicher und weit schwerer zu ertragen sind, wie jene. Durch diese inneren Beraubungen wird der Seele der Trost, die Freude, Muth und Licht entzogen, welches die Schrift mit jenen Redensarten meint, wo es heißt: „wer im Finstern wandelt und scheinet ihm nicht; der Herr hat mich verlassen; ich sitze im Finsterniß“ und dergleichen Redensarten mehr, wo von Angst, Verbergung des Angesichtes Gottes geredet wird, welches die Heiligen oft erfahren haben, wie man reichlich aus den Psalmen sehen kann. Da vergeht dem Menschen sein Vertrauen zu sich selbst und es bleibt ihm nichts als Gott und sein freies Erbarmen übrig, von dem er alles erwarten muß, weil er nichts von sich selbst erwarten kann. – Beim Hiob traf nun Beides zusammen, die innere und äußere Beraubung. Er ward erst plötzlich aller seiner Habe und sodann auch seiner innern Freude und Kraft beraubt, er litt die Schrecknisse Gottes, daß er fast verzagte. Befanden sich die lieben Jünger nicht in einer ähnlichen Lage, als sie Jesum todt am Kreuz hangen sahen und mit ihm auf einmal Alles verlohren hatten? Ja, was erfuhr er selbst am Kreuze, da er körperlich jeder Erquickung beraubt und sogar der Seele nach von Gott verlassen war. Der Christ darf sich daher nicht wundern, wenn er Beraubungen erfährt, die Jesus Christus selbst sich hat gefallen lassen. Manchmal geschehen sie plötzlich und hören eben so plötzlich auf, indem ein herrlicher Reichthum an ihre Stelle tritt; mehrentheils aber treten sie nach und nach ein, daß man selbst je mehr und mehr abnimmt, und es wie mit Petro geht: „da du jung warst, gürtetest du dich selbst und wandeltest wo du hin wolltest, wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst; die Knaben werden müde und matt, und die Jünglinge fallen: aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.“ - Sie haben auch unterschiedliche Staffeln, so daß dem einen doch noch eins und anderes gelassen wird, woran er einen Halt hat, sei es eine Verheißung, oder die Erinnerung an frühere Erfahrungen und dergleichen. Andern wird Alles genommen, so daß es ordentlich schrecklich ist und sie mit Heman Psalm 83. sagen möchten: „ich bin wie ein Mann, der keine Hülfe hat und liege unter den Todten, derer du nicht mehr gedenkest.“ –

 

So führt der Herr in die Wüste, wo sie keine sinnliche, fühlbare Stütze haben, wie die Kinder Israel; aber er thuts nur, um freundlich mit ihnen zu reden, um sie von allem Selbstvertrauen auszuleeren und sie zu einem nackten Vertrauen auf ihn anzuleiten, wie Paulus auch sagt: „es geschah aber darum, daß wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten.“ Dies enthält eine starke Aufforderung zur Demuth und sich vor Selbsterhebung zu hüten; denn es ist alles nur geliehenes Gut, das niemand so fest besitzt, daß es ihm nicht in dem Maße sollte entzogen werden können, daß er keinen Gebrauch davon machen kann und ihm gewiß also entzogen werden wird, wenn er anfängt, sich etwas mit seinen Gaben zu dünken. Was hast du, o Mensch! das du nicht empfangen hast? So du es aber empfangen hast, was rühmest du dich denn, als der es nicht empfangen hätte? Wurde doch Paulo ein Pfahl ins Fleisch, nehlich des Satans Engel, der ihn mit Fäusten schlug, gegeben, auf daß er sich nicht überhübe. – Selbsterhebung, wo ein Mensch sich vermisset fromm zu sein, ist ein verdächtiges Zeichen und macht es zweifelhaft, ob auch nur ein Funke echter Gnade in ihm sei. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich, und wer meint zu stehen, der sehe wohl zu, damit er nicht falle. Wenn einer zu Grunde gehen soll, Spr. Sal. 18,12., wird sein Herz zuvor stolz. – Auf der andern Seite liegt aber für die Armen und Beraubten auch ein süßer Trost darin. Gott kann dich wohl wieder aufrichten, und in dem andern Vers sagt Salomo auch: „wer zu Ehren kommen will, muß zuvor leiden.“ Ja, ist es nicht des Herrn Weise, die Vollen leer zu lassen und die Hungrigen mit seinen Gütern zu füllen. – Auch war diese Wüste nicht überall gleich wüste, denn etliche Tagereisen weiter liegt Raphidim, wo heut zu Tage viele angenehme Gärten sind, woraus die daselbst wohnende Mönche ihren Unterhalt ziehen. Israel mußte hinein, weil Gott sie ganz an sich gewöhnen wollte. –

 

Die Kirche ist auch wohl im Ganzen für eine Zeitlang in der Wüste, wenn nehmlich allerhand Irrlehren die Oberhand gewinnen und das reine Wort selten wird, wenn sich die Versuchungen zum Leichtsinn und Weltsinn häufen, wenn schwere Verfolgungen eintreten, wenn die Zeit des Abfalls hereinbricht, wenn die klugen sammt den thörichten Jungfrauen schlafen, und der Ernst in der Gottseligkeit zu erlöschen droht. Und so mag unsere Zeit wohl eine vorzüglich unfruchtbare sein, bei allem Geräusch, das sie mit Missions- und Bibelvereinen macht. Wer aber versteht unsere Zeit und ihre Zeichen, die wir alles zu hoffen und alles zu fürchten haben. – Uebrigens kommt’s mir merkwürdig vor, daß das Wort Wüste im Hebräischen von einem Worte herkommt, was führen und auch leiten bedeutet, so daß in der Wüste und unter der Leitung sein, im Hebräischen so ziemlich auf eins hinausliefe. Wer nichts mehr hat als Christus, der ist recht dran, mögen denn andere noch außerdem viel haben, worauf sie bauen und trauen. Er will doch seine Gemeine auf diesen Felsen bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältign. „Die Blinden,“ heißt es Jesaias 42, „will ich auf dem Wege leiten, den sie nicht wissen, und auf den Steigen führen, die sie nicht kennen. Ich will die Finsterniß vor ihnen her zum Licht machen und das Höckerischte zur Ebene! Solches will ich ihnen thun und sie nicht verlassen.“ –

 

Die Wüste nun, wo Israel sich lagern mußte, hatte den Namen Sin, wo auch der Berg Sinai lag und davon den Namen führte. Es bedeutet einen Dorn und Stachel, auch Feindschaft. Vermuthlich wachsen in dieser Wüste viele Dornbüsche, wie ja auch Mose einen brennenden gesehen hatte, als er zur Erlösung Israels berufen wurde. Und dies erschwerte ihre Reise. So singen und reden wir ja auch: „Ich muß mich oft in Dornen stoßen.“ – Paulus redet von einem Pfahl, einem spitzigen Holz im Fleisch, der ihm viel Schmerzen machen mußte. – Es wäre aber gut gewesen, wenn nur die Wüste und nicht auch diejenigen, die darin wandelten, von Dornen einen Namen verdient hätte. Aber wie oft zeigten sie sich als stechende Dornen, voll Zorn wider Mosen und so auch gegen Gott selber. Paulus schildert das Leben des natürlichen Menschen als in Bosheit und Neid, sich untereinander hassend und hassenswerth, und möchte die Erfahrung ihn widerlegen statt zu bestötigen, daß die Menschen noch sind, wie sie waren. Die Klagen über den Mangel der Liebe in der Welt und selbst unter den Christen, sind wohl nur allzu gegründet, indessen mögen diejenigen, welche sie führen, zusehen, ob sie nicht selbst auch ihren Anlaß dazu geben. Die Liebe aber ist, von der größten Wichtigkeit, denn wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm. Sie ist aber von Gott, und nicht von uns selber und nur wer aus Gott geboren ist, hat wahre Liebe. Paulus giebt ihr selbst vor dem Glauben und der Hoffnung wenigstens den Vorzug, daß diese aufhören, jene aber bleibet. Sie macht das eigentliche Ebenbild Gottes aus, denn er ist die Liebe. Dies Ebenbild haben wir aber verlohren und sind stachelichte Dornen geworden, wie sich auch bei Gelegenheit zeigt, dürfen es aber nicht bleiben, sondern müssen ein Süßteig werden und uns unter einander herzlich lieben lernen. – Dornen sind auch ein Bild von allerlei Versuchungen, und der Herr Jesus gebraucht sie als ein Bild der Sorgen dieser Welt, des betrüglichen Reichthums und mancher Lüste, welche den Saamen des göttlichen Worts ersticken. Daher ermahnt auch Petrus, die Lenden des Gemüth’s zu begürten, wie jemand seine Kleider umgürtet, damit sie nicht an den Dornsträuchen hängen bleiben und reißen. Auch bilden Dornen allerlei Leiden ab und diejenigen ins besondere, die einem jeden ins besondere auferlegt sind, weswegen Jesus nicht nur im Allgemeinen von der nothwendigen Aufnahme des Kreuzes redet, sondern auch von dem Einzelnen sagt: er sollte sein Kreuz auf sich nehmen täglich, welches einem schmerzhaften Dorn gleichet, jedoch dem Christen heilsam ist. – Ja erinnern Dornen nicht auch an den Fluch, den die Sünde erzeugt hat, welcher halber Gott den Acker verflucht hat, daß er Dornen und Disteln trägt und unter welchem die menschliche Natur auch liegt; aber erinnern sie nicht auch zugleich an denjenigen, welcher mit Dornen gekrönt war, weil er für uns ein Fluch ward, um uns von demselben zu erlösen? So erinnerten auch die Dornbüsche, unter denen die Kinder Israel beschwerlich genug wandelten, an des Herrn Gnade, denn ein solcher Dornbusch war’s, in welchem der Herr dme Mose in dieser nehmlichen Wüste und Gegend erschienen war, und Erlösung verheißen hatte. Mosi selbst war er wenigstens stets im Andenken, so daß er noch 40 Jahre nachher, dessen in seinem Abschiedssegen gedenkt, wenn er 5 B. Mos. 33,16. spricht: die Gnade deß, der im Dornbusch wohnte, komme auf dein Haupt. – Möchten bußfertige Seelen, durch ihr Sündengefühl nicht nur gedemüthigt, sondern auch an den erinnert werden, der sie büßte, um sich desto fester an den Arzt zu klammern, je mehr sie sein bedürfen. – Endlich gehört es auch zu den Verheißungen, wenn Hos. 1. gesagt wird: „ich will deinen Weg mit Dornen vermachen und eine Mauer davor ziehen,“ um ihn nehmlich zu dem Entschluß zu bringen: „ich will wieder zum Herrn, von dem ich mich gewendet habe.“ Und welche nützliche Dornhecke ist das; denn was kann einem Menschen heilsameres begegnen, als wenn er verhindert wird, seinen bösen Weg fortzusetzen und sich genöthigt sieht, den guten einzuschlagen, möchten die Dornen, die ihn dazu bringen, auch noch so stachelicht sein und es auch zu ihm heißen: „es wird dir schwer werden, wider den Stachel hintenauszuschlagen.“ Wie nützlich war es dem Schächer, ans Kreuz zu kommen, dem Blinden, also geboren zu sein, dem Jona, vom Fisch verschlungen zu werden, dem König Manasse, in Ketten und Banden zu kommen; darum mag es wohl heißen: „welche ich lieb habe, die züchtige ich.“ Es ist kein gutes Zeichen, wenn es den Menschen im Aeußern ganz nach Wunsch geht und sie innerlich auch nicht angefochten werden, und David erblickt mit Recht dankbar die Treue Gottes in den erfahrnen Demüthigungen, wodurch er weise wurde. Zu einer stechenden Dornhecke müssen dem Menschen seine Sünden werden, daß er sich gern davon wegwendet, muß ihm das Gesetz werden, ihn als ein scharfer Zuchtmeister zu Christo zu treiben, müssen ihm innerer Druck und Trauer werden, um ihn für den Trost bedürftig und empfänglich zu machen, den ihm das Evangelium darreicht. Gott kann dem Menschen auch Dornhecken genug pflanzen, die so scharf und dich sind, daß er sich genöthigt sieht, nach dem Herrn zu fragen, und wohl dem, dem es also geht. – Ist er auf den rechten Weg getreten – wie nützlich sind dann selbst Dornhecken, wenn sie nur dazu dienen, ihn darauf zu erhalten, mögen sie auch empfindlich stechen. Dazu dient bei diesem ein schwächlicher Körper, bei jenem ein Hauskreuz, bei andern was anders, das sie immer nöthigt auf den Herrn zu sehen, wozu entweder die Noth oder die Liebe dringen muß. Es ist immer etwas da, was den Christen klein erhält und ihn vor dme Hoch-Klimmen und Steigen bewahrt, sei es ein Pfahl im Fleisch – seien es Faustschläge Satans. Mögen uns immerhin alle Wege mit Dornhecken verzäunt werden, wenn uns nur der Eine sich öffnet. Uhren, welche richtig gehen sollen, bedürfen nicht nur aufgezogen zu werden, sondern auch eines Druckes und Gewichtes, und Kinder, die gerathen sollen, der Zucht. Paulus trug allezeit mit sich um das Sterben Jesu Christi und war beschwert, so lang er in der Hütte wohnte. Assaph will es niccht achten, wenn ihm auch Leib und Seele verschmachten, so nur der Herr seines Herzens Trost und sein Theil bleibt.

 

In diesem Capitel wird nur ein Namensregister der Lagerstätten, nicht aber dasjenige angegeben, was sich daselbst zugetragen. Was hier geschehen sei, meldet uns das 16te Capitel des 2ten Buches. Sie waren jetzt einen Monat auf der Reise, denn am 15ten des ersten Monats waren sie ausgezogen, und am 15ten des andern, d.i. des Aprils, kamen sie hier an. Die Juden hatten nehmlich – wenn euch etwas dran gelegen ist, dies zu wissen, - ein zwiefaches Neujahr, das Kirchenjahr nehmlich, welches mit Ostern anhub, und das bürgerliche im September. In der christlichen Kirche ist etwas ähnliches, wiewohl sich die unsrige, der christlichen Freiheit gemäß, nicht daran bindet, denn das christliche Kirchenjahr beginnt mit dem ersten Advents-Sonntage, wie das bürgerliche mit dem ersten Januar. Jenes hatte eine göttliche Einsetzung, war also allgemein verbindlich, dieses nicht, ist aber doch eine ganz löbliche Sitte, so wie überhaupt alle christliche Feste kein göttlicher Befehl sind, dessen ungeachtet aber aus Liebe gefeiert werden. Die neutestamentliche Kirche ist die Sarah, die freie, welche sich kein Gewissen soll machen lassen über bestimmte Sabbather, Neumonde und Feiertage, welches ist der Schatten von dem, das zukünftig war, aber der Körper selbst ist in Christo, Col. 2,17.; daran soll sie auch unverrückt festhalten, indem sie aber dies thut und überhaupt eigentlich keinem Gesetz unterworfen ist, unterwirft sie sich durch die Liebe und Kraft der göttlichen Natur, der sie theilhaftig geworden ist, allen, nicht nur göttlichen Geboten, sondern auch menschlichen Einrichtungen, wenn sie christlich und löblich sind. Unter dem alten Testamente war aber alles Gesetz, bis zur Kleidung hin. –

 

Es war sehr billig, daß das Kirchenjahr mit dem Erlösungsfeste anhub; beides war aber nur Vorbild der Erlösung durch Christum und des neutestamentlichen Ostern: die Erlösung aus Egypten sowohl als die Gedächtnißfeier derselben am Ostern. –

 

In diesem Monat nun war der, aus Egypten mitgenommene Mundvorrath aufgezehrt. Daß er aufgezehrt, war nicht so sehr zu verwundern, als daß er bisher angehalten hatte. Dies läßt sich ohne einen verborgenen Segen Gottes nicht begreifen, obschon sich dieser verborgene Segen auch nicht erklären und begreiflich machen läßt. Aber was läßt sich auch am Ende erklären und begreiflich machen? Ist man im Stande, nachzuweisen, wie es zugeht, daß sich endlich die Aehren mit Körnern füllen, oder wie aus einem gepflanzten Erdapfel so viele werden? Und sollte uns dies Naturereigniß nicht billig in ein eben so großes Erstaunen setzen, als wenn wir dem Wunder zugeschaut hätten, wie sich unter den segnenden Händen Jesu wenig Brodte also vermehrten, daß sie zur Sättigung eiher sehr großen Menge Menschen dienten? Haben wir aber kein verständiges Herz, so wird uns weder dies Wunder, noch dies Naturereigniß rühren. Lesen wir, wie sich das Wasser durch Christi Wort in Cana in Wein verwandelte, so wundert uns das. Aber ist es uns denn begreiflicher, wie es zugeht, daß sich das Wasser, indem es die Canäle des Weinstocks durchrinnt, in Trauben, und in diesen zu Wein bildet? Mag sich jemand so klug dünken wie er will, er kann das Eine so wenig erklären wie das andere, mag er auch seine Blindheit damit beweisen, daß er beides nicht achtet. Wenn das Mehl im Cad jener Wittwe und das Oehl in ihrem Kruge nicht abnahm, obschon sie täglich davon brauchen mußte, weil es ihr einziges Nahrungsmittel war: so wundert uns das, und wir möchten fragen: wie mag solches zugehn? zumal da es nie wieder geschehen ist. Aber Gott kann ähnliches thun und thut Aehnliches, wenn gleich auf unmerkliche Weise. Haben wir nicht ein Jahr erlebt, wo die Nahrungsmittel nicht nur schlecht gerathen waren, sondern auch wenig nährende Kraft enthielten, so daß das Wort des Propheten Haggai 1,6. erfüllt wurde, wo er sagt: „ihr esset und werdet doch nicht satt,“ – wo er auch noch sagt: „ihr kleidet euch und könnt euch doch nicht erwärmen, und welcher Geld verdient, der legt’s in einen löcherichten Beutel.“ – Wir haben aber auch Zeiten erlebt, wo wir durch starke Heerzüge, so viele Mitesser an Menschen und Vieh bekamen, daß eine Theuerung unausbleiblich schien. Sie stellte sich dennoch nicht ein und viele wußten nicht, was sie sagen sollten, als sie im Frühjahr noch Ueberfluß an allem hatten; die Verständigen aber erblickten darin den gütigen Finger Gottes. Diese wunderliche Güte offenbarte sich bei den Kindern Israel auch in ihrem aus Egypten mitgenommenen Proviant. Es ist unglaublich, daß sie so viel sollten haben mitnehmen können, als zur Beköstigung einer solchen ungeheuern Menschenmenge für einen ganzen Monat hinreichte: dennoch reichte er hin. Nun, bei Gott ist ja kein Ding unmöglich. Kann er thiere, den ganzen Winter durch ohne Nahrung erhalten, warum sollte er das nicht auch bei Menschen können, wenn er wollte? Dies war auch das einzige Wunderwerk nicht, sondern wie merkwürdig ist es, daß nicht nur ihre Kleider überhaupt nicht verschlissen; sondern auch ins besondere der Theil derselben, den sie am meisten brauchen mußten, nehmlich ihre Schuhe, und sollte ich hiebei nicht bemerken dürfen, wie ja noch immer bei gleicher Sorgfalt, der eine weniger an Kleidungsstücken verbraucht und an Nahrung bedarf als ein anderer. O! gewiß waren die Kinder Israel in der Wüste nicht allein mit Wundern umgeben, sondenr wir sind’s nicht weniger, hätten wir nur Augen und Ohren dafür. – Das Bedürfniß macht die Menschen klug, geschliffen und geschickt. Da sollte man ja gedacht haben, die Kinder Israel würden in einem so langen Zeitraume, wo sie keine Kunst und Gewerbe bedurften, wohl Halbwilde geworden sein und alles Geschick verlohren haben, aber nein. Sie verfertigten die kostbarsten und feinsten Goldsachen und die künstlichsten Teppiche und Kleider, wenn gleich nicht zu ihrem eigenen Gebrauch, doch für’s Heiligthum. Und wie kamen sie an diese Kunstkenntnisse? Ich habe sie, spricht der Herr 2. B. Mos. 31, mit dem Geiste Gottes erfüllet und ihnen allerlei Weisheit in’s Herz gegeben, - sogar daß Moses verstand, Gold in Pulver aufzulösen – eine Wissenschaft, welche man in langer Zeit nachher so gar nicht verstand, daß man sie für unmöglich hielt. O Herr! ruft David aus, wie sind deine Werke so groß und viel, wer ihrer achtet, hat lauter Lust daran, der findet die Erde voll seiner Güte. Ist er’s doch auch, der nach Jesaias 45. das Licht machet und schaffet die Finsterniß, der Frieden giebt und schaffet das Uebel, und der da versichert: außer mir ist nichts. –

 

Mochte aber der Mundvorrath der Kinder Israel denn auch über Erwarten lange hingereicht haben, so war er doch nun rein aufgezehrt und das, nicht in Elim, wo die Früchte der Palmbäume ihnen noch einigen Ersatz dargeboten hätten, sondern in der Wüste, wo nichts als Dornen wuchsen, wenn da noch was wuchs, und mochtens meinetwegen denn auch Brombeeren sein, was geben für die Nahrung. Drum welche Noth! Nichts zu essen und dabei durchaus kein Mittel zu haben, sich etwas zu verschaffen – das mag eine Noth heißen. Wie sehr bedurften sie gegen eine solche Noth, eines solchen Gottes, wie sie an Jehovah wirklich hatten, obschon sie’s nicht immer erkannten. Hätten sie’s erkannt, wie getrost würden sie gewesen sein. Wie verhielten sie sich aber und wie verhielt sich Gott?

 

Doch laßt uns hier abbrechen, um, so der Herr will, nächstens den Faden wieder aufzunehmen und der wunderbaren Geschichte weiter nachzudenken.

 

Was ist doch der Mensch, fragt Hiob Cap. 7., daß du ihn groß achtest und bekümmerst dich mit ihm? Du suchest ihn täglich heim und versuchst ihn alle Stunde. Was bewegt ihn dazu, als seine große Liebe? Diese Liebe des Vaters und die Gnade des Sohnes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes, sei mit uns allen. Mag’s dann auch durch eine Wüste geh’n, und alle sinnliche Stützen brechen und schwinden, so geht’s doch nach Canaan. Dein guter Geist führe uns auf ebener Bahn, und nimm uns endlich mit Ehren an.

 

Amen.

 

 

 

Eilfte Predigt.

 

Die Wüste Sin. Fortsetzung.

 

4. B. Mos. 33,11. – 2 B. Mos. 16,1.

 

Noch verweilen wir mit den Kindern Israel in der Wüste Sin, wo wir uns noch lange aufhalten müssen, denn sie ist groß. Es ist eine abscheuliche Wüste, voll Dornen, und biethet nichts von demjenigen dar, was zum Lebensunterhalt erforderlich ist. Wahrlich meine Theuern, die ganze Erde ist mit Bezug auf den Geist, nichts als eine große dürre Wüste. Wir wollen euch dies nicht zu beweisen suchen, die ihr keinen Geist habt, wie der heilige Judas redet. Es mag sein, daß ihr in den Dingen dieser Erde dermaßen euer Genüge findet, daß ihr gerne Gott und seinen Heiligen den Himmel überlasset, wenn er euch nur die Erde überließe, daß ihr stets drin bleiben könntet. Es mag sein, daß ihr im Getümmel dieser Welt, ihren Geschäften, ihren Abwechselungen und Neuigkeiten, ihren Vergnügungen und Reizen, eure Lieblingsspeise findet, weil ihr von der Welt seid. Es mag sein, daß ihr in solcher Zerstreuung und Entfernung von euch selbst lebet, daß ihr von euerm innern Zustande nichts gewahr werdet und nicht entdecke, wie leer ihr bei dem allen bleibet, welcher Ueberdruß und Verdruß sich eurer noch oft bemeistert und euch nöthigt, zu anden Zerstreuungen eure Zuflucht zu nehmen, wenn ihr sie haben könnt, oder euch der peinlichsten Langeweile preißgegeben seht. Aber vorsätzlich unbekannt mit dem einigen und wahren Trost, begehrt ihr nichts Höheres und glaubt nicht einmal, daß es ein Höheres gebe, wegen der Blindheit, die in euch ist. – Es ist aber gewiß, daß die Erde mit all ihren Kostbarkeiten für den Geist eine Wüste ist, die ihm die sättigende Speise nicht giebt, die er ersehnt. Was ist es im Grunde betrachtet mit de rWelt und allem was drin ist, es mag Namen haben wie es will? Eitelkeit der Eitelkeiten, sagt Salomo. Er sagts, von eigener Erfahrung belehrt, er sagt’s, im Besitz des Höchsten, was die Welt an Herrlichkeit darbietet, und was er sagt, gilt noch stets. Er sagt auch sonst: Gut hilft nicht am Tage der Noth, und der Psalmist lehrt mit Recht: einem Könige hilft nicht seine große Macht und die Riesen werden nicht errettet durch ihre große Stärke (sonst würden sie nicht sterben), viele Rosse helfen auch nicht. Es vergeht alles mit einander und es kommt die Zeit, wo es gar nichts gilt, mag jemand reich oder arm sein, oder was er sonst will und kann, sondern wo ganz andere Dinge gelten, die die Erde nicht hat und nicht giebt. Wohl dem, in dessen Sinn und Urtheil diese Welt auch nicht anders als eine Wüste gilt und der sich so gut durch dieselbe windet, als es angeht. Wohl dem, der dabei ein anderes Vaterland kennet und sucht und weiß, wie die heiligen Erzväter. – Nein, der Christ ist hier nicht zu Hause und findet hier nicht, was seine Seele sättigt. –

 

Jedoch, wir wollen ja den Faden da wieder aufnehmen, wo wir ihn neulich fallen ließen. Wir wollen sehen, wie sich das Volk benahm und was Gott that, welches wir 2. B. Mos. 16. lesen. –

 

Das Volk benahmsich sehr übel. Es ist wahr, die Noth war äußerst groß. Hungersnoth hatte sich bei ihnen eingestellt und sie hatten keine Mittel, sich Nahrung zu verschaffen. Sie sahen also nichts als den fürchterlichsten Tod vor sich, es wäre den, daß Gott selbst hier durchhülfe. Laßt uns Mitleid mit ihnen haben, aber auch bedenken, daß wir unsere Noth auch als so groß erkennen müssen, daß wir gewahr werden, wie die gewöhnlichen Mittel nicht hinreichen, und wirklich Gott selbst sich dazwischen legen muß. Er muß mich ziehen – sonst komme ich nicht, er mich lehren, sonst verstehe ich’s nicht, er muß mir Glauben schenken, sonst weiß ich nicht zu glauben, er für mich streiten, sonst siege ich nicht. – Sodann müssen wir auch einen Hunger nach Christo haben, der sich durch nichts sättigen läßt, als durch seinen Besitz und Genuß. Und wohl dem Lande, in welches der Herr einen solchen Hunger sendet. –

 

Den Kindern Israel fiel hier Egypten ein, und zwar nicht dessen Plagen, sondern dessen Annehmlichkeiten, seine Fleischtöpfe und sein Brodt, dessen sie die Fülle hatten, wie sie sagten. So kam auch dem Assaph in seiner Anfechtung, der Zustand der Gottlosen glückseliger vor, als der der Gottseligen, und der Gedanke fuhr ihm durch die Seele, ob’s denn umsonst sein sollte, daß sein Herz unsträflich lebe? Gideon sagte auch einst: „ist der Herr mit uns, warum ist uns denn solches alles wiederfahren,“ und wußte es nicht zu reimen, wie es ihnen also ergehen könnte, wenn der Herr wirklich mit ihnen wäre. Wie hat’s den Christen schon im Ganzen gegangen und wie viel Ursache hatten sie, mehrmals mit Paulo zu sagen: „wir werden für Schlachtschaafe geachtet.“ Die abscheulichen Tyrannen sprangen ganz nach ihrer grausamen Willkühr mit ihnen um, wie wenn Wölfe in den Schaafstall brechen. Die grausamste Martern und fürchterlichste Todesarten wurden für sie ersonnen, so daß der Herzog Alba in den Niederlanden es als eine große Wohlthat wollte angesehen wissen, daß er die sogenannten Ketzer, wenn sie ihre Ketzerei abschwuren, nur wollte enthaupten lassen, und glaubte eben dadurch den Himmel verdient zu haben, daß er 80000 auf diese Weise hatte hinrichten lassen. Wie lange mußten sie oft in den Kerkern schmachten, ehe man sie ums Leben brachte, und wie viel Anlaß hatten sie also nicht zu Gideons Frage! Ihre Wiedersacher schwammen indessen oben und herrschten. Darf man sich da verwundern, wenn einige weich wurden, wenn sie abfielen und wenigstens eine Zeitlang nach Egypten umkehrten? – Einzelne Christen erleben auch wohl so harte Schicksale, daß sie sich versucht fühlen, die Gottlosen für glücklicher zu preisen als sich selbst. Es kann ihnen alles so verdunkelt werden, daß sie sich der empfangenen Gnade, nicht nur nicht erinnern, sondern auch keinen Weg sehen, dazu zu gelangen. Gieng’s nicht mit Hiob so weit, daß er wünschte lieber nicht geboren zu sein? Freilich hat ein Christ alle Ursache, sich die Hitze nicht befremden zu lassen, die ihnen wiederfährt, daß sie versucht werden, als wiederführe ihnen etwas Seltsames; aber es kommt ihnen doch oft seltsam und befremdend genug vor. Müssen denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, so liegt darin allerdings eine ausnehmende, aber auch zugleich gar keine Sicherheit vor irgend etwas, eben weil ihnen alles dienen muß. Oder geben wir dadurch dem Wörtlein „alle Dinge“ eine zu weite Bedeutung? –

 

Die Kinder Israel wünschten, wenn es ja nicht anders sei daß sie sterben müßten, daß sie denn doch auf eine andere Weise und schon in Egypten gestorben sein möchten. Hatten sie denn wohl unrecht? Ist der Hungerstodt nicht die schrecklichste Art zu sterben? Freilich sollen wir unserm eigenen Willen absagen und Gott schalten lassen. Aber das ist leichter gesagt als geübt. Man komme nur in Fälle, wo wir unsern lieben Isaac, unsern lieben Eigenwillen schlachten und opfern sollen, so werden wir gewahr werden, wie leicht oder schwer das ist. Fieng doch Jesus selbst an, darüber Blut zu schwitzen. Wollten die Kinder Israel allenfalls wohl sterben, nur so nicht – so liegt’s uns ja auch sehr nahe, daß wir wenigstens die Art von Leiden nicht gerne übernehmen möchten, wenn wir gleich nicht ganz prätendiren, von allen Leiden befreit zu bleiben. Aber wäre es nur das nicht. Paulus möchte vielleicht auch lieber zehn andere Kreuze erduldet haben, als den Pfahl im Fleisch. Aber es ist die Wahl nicht uns überlassen. Ein Wundarzt weiß besser als sein Patient, wo und wie tief er ihn schneiden soll. Und das Kreuz ist dennoch gut, obgleich es wehe thut; das soll es auch und eben dadurch seinen Zweck erreichen. – Es braucht auch gerade nicht so etwas sonderliches zu sein, was wehe thun soll. Oft kann etwas wirklich Großes, mit vieler Leichtigkeit, und etwas Geringfügiges mit großem Beschwer getragen werden, je nachdem eine Seele es aufnimmt und unterstützt wird. Hiob empfängt die entsetzlichsten Schläge mit bewundernswürdiger Gelassenheit, nachher verläßt ihn diese auf eine ausnehmende Weise, woraus man ja schließen kann, daß ihm noch etwas schmerzhafteres begegnet sein müsse, als jenes sichtbare war. – Wir sind auch nicht immer im Stande, einzusehen, wozu gerade dieß und jenes dienen müsse und solle, haben dann aber auch eine desto schönere Gelegenheit, mit Hiob zu sagen: ich will meine Hand auf meinen Mund legen, und nach Lämmer Art und dem Vorbilde Christi, zu verstummen und unsern Mund nicht aufzuthun.

 

Die Kinder Israel äußern auch das ärgste Mißtrauaen gegen Mosen und seinen Bruder Aaron. Sie beschuldigen sie des bösesten Vorsatzes, als ob sie sie nur in der Absicht hergeführt hätten, sie durch Hunger zu tödten. Konnten sie etwas Unsinnigeres äußern? Hatten die denn etwas zu essen, und würden sie nicht eben so gut haben umkommen müssen, wie alle Uebrige? Aber sagt nicht Jesus ausdrücklich, Unvernunft sei auch eins von den bösen Stücken, die aus dem menschlichen Herzen gehen? Diesen Namen verdient aber auch jeder Gedanke und jede Aeußerung, die dem Wort Gottes nicht gemäß ist. Und wie voll Unvernunft ist dann die Welt, sind die meisten Bücher, sehr viele Predigten und unser Herz! Wir wollen das nicht ausführlich darthun, wann würden wir fertig werden? Nur das wollen wir bemerken: 1) daß Christus allein die Wahrheit ist und alle Wahrheit aus ihm in uns übergehen muß. 2) daß sich in den meisten Einwendungen heilsbegieriger Seelen, sehr viel Unvernunft hervorthut. Dieser geht krumm und gebückt, weil er sein Sündenelend so lebhaft fühlt, und sagt doch zugleich, es sei höchst nöthig dies zu fühlen; jener seufzt und jammert, daß er so in der Dürre wandeln müsse, und sagt doch, Jesus müsse uns unentbehrlich werden u.s.f. – Das Mißtrauen, was die Leute äußern, ist sehr tadelnswerth und unbillig. Es war weder die erste, noch die größte Noth, worin sie gesteckt hatten und woraus sie erlöset waren. Dasjenige, was sie am rothen Meer erlebt hatten, war viel bedeutender. Da hatten sie Gott als einen solchen kennen gelernt, an dem nicht zu Schanden werden, die auf ihn hoffen, und der Wunder thut. Warum denn nicht auf ihn vertraut? Warum ihm denn nicht alles gelassentlich übergeben? Er hat ihnen versprochen, sie nach Canaan zu führen. Er wird dasd auch Wort halten. Wissen sie nicht, wo sie Speise hernehmen sollten, so wußten sie auch nicht, wie sie durchs rothe Meer kommen sollten – und kamen doch hindurch. Gottes Wissen ist eben so unbegränzt als seine Macht. Und es ist den Kindern Israel nicht zu viel zugemuthet, wenn man von ihnen verlangt, sie sollten dies beherzigen. Freuen hätten sie sich billig sollen über ihren Mangel, über ihre Rathlosigkeit, weil beides dem Herrn Gelegenheit gab, zu beweisen, daß sein Beides ist, Rath und That. Aber nichts von dem allen. Sie thun als ob kein Gott wäre, oder als ob er nicht helfen könnte. – So ist die menschliche Natur voll Mißtrauen. Wo die natürlichen Augen nicht mehr sehen, und die Hände nicht greifen, da tritt dasselbe hervor; das ist sehr jämmerlich und sträflich zugleich. –

 

Aber machen wir’s denn von Natur besser? Dem natürlichen Menschen gilt Vertrauen auf Gott, als eine Art von Aberglauben, was er dadurch noch wohl rechtfertigen will, daß er sagt: Gott thue keine Wunder mehr. – David hatte schon so manche Errettung aus Saul’s Händen erfahren, hatte die Verheissung, er solle König werden, und sprach doch in seinem Zagen: ich werde noch eines Tages in die Hände Saul’s fallen. Abraham gerieth in Sorgen, er möchte getötdet werden, da er doch den verheißenen Sohn noch erst haben sollte. Niemand drückt aber das natürliche Mißtrauen des Menschen kräftiger aus als Hiob, wenn er Cap. 9,16. sagt: wenn ich ihn schon anrufe und er mich erhört, so glaube ich doch nicht, daß er meine Stimme höret, als wollte er sagen: wenn ich auch um etwas bitte und bekomme es, so glaube ich doch noch eher, daß es zufällig geschehe, und sich auch ohne mein Gebet so zugetragen haben würde, als daß ich darin eine göttliche Gebetserhörung erkennen sollte. Dies geht weit; aber so ist unsere Natur. Kein äußerliches Mittel ist auch im Stande, dieß Mißtrauen auszurotten, sonst würden die Juden ja, um der vielen unleugbaren Wunder willen, die Jesus that, haben glauben müssen. Aber dann muß unser Herz selbst geändert und erneuert werden, damit an diesem guten Baum, auch die gute Frucht des Vertrauens wachse. Man hat ja auch nicht selten gesehen, daß Seelen, welche die kräftigste Versicherung ihres Gnadenstandes gehabt haben, nachher auf’s heftigste darüber sind angefochten worden, und ihnen alles wieder verdächtig gemacht wurde, was ihnen doch so nachdrücklich war versiegelt worden. In deinem Lichte sehen wir das Licht, sagt David. Mag es am Tage noch so helle scheinen, so kann doch die Nacht, eine solche Dunkelheit haben, als wäre gar kein Licht da. Wer nun eine unwandelbare Sicherheit begehrt, muß sie in dem Gott Amen suchen; denn es ruht der Muth in Christi Blut, und nicht in unsern eigenen Ständen. –

 

So benahm sich das Volk, das sich dadurch strafwürdig machte. Allein obschon Moses auf sie ihr sündliches Betragen aufmerksam machte, so ließ der Herr es sie doch nicht entgelten. Er hatte sie in diese Noth geführt, um die Herrlichkeit seiner Macht im Helfen zu offenbaren. Denn Gott sagte, er wollte ihnen Brodt’s die Fülle regnen lassen und ihnen Fleisch dazu geben. Letzteres bekamen sie auch am selbigen Abend, da eine unsägliche Menge von Wachteln sich unter dem Heere niederließ, die sich schlachten und essen konnten. Brodt fanden sie am andern Morgen, welches von ihrer Frage: manhu, was ist das? den Namen Manna bekam. Man hat noch Manna, und trifft es insbesondere in jenen Gegenden an, wo damals die Kinder Israel reiseten. Allein dies Manna ist kein Nahrungsmittel, sondern ein Arzneimittel, welches eine abführende Eigenschaft hat, sonstiger merkwürdigen Unterschiede jetzt nicht zu gedenken. Die Israeliten fanden das Manna des Morgens früh um das Lager her, sobald der Thau weg war. Es hatte sich gegen die Morgenzeit still und ohne Geräusch herabgesenkt, und bildete kleine, perlenweiße Körnlein. Es fiel die sechs Wochentage vom Himmel, aber am Sabath fiel es nicht. In den Werktagen hielt es sich nicht bis zum folgenden Tage, was aber am Freitag gesammelt wurde, hielt sich auch den Sabath über. Wollen wir dem Buch der Weisheit glauben, so schmeckte das Manna so, wie jemand wünschte, daß es schmecken möchte. Gewiß ist’s nach der Schrift, daß zwar der eine viel, der andre wenig sammelte, wenn man’s aber maß, fand der nicht drüber, der viel gesammelt hatte und der nicht drunter, der wenig gesammelt hatte, sondern ein jeder hatte gesammelt, so viel er für sich essen mochte. Dieß zu erklären, müßte man entweder ein neues Wunder anerkennen, das jedem sein Maß gab, so daß dem Habsüchtigen seine Habsucht nicht nutzte, dem Unfleißigen sein Unfleiß nicht schadete. Richtiger ist’s aber ohne Zweifel, wenn wir annehmen, die ganze Masse des eingesammelten Manna’s, sei zu gewissen Personen gebracht worden, die dann einem jeden ein Gomor zumaßen, so daß alle gleich viel bekommen. So faßt es auch Paulus 2. Kor. 8. auf, worauf er die Bemerkung gründet, daß des Einen Ueberfluß, des Andern Mangel abhelfen solle. Für jeden, er mochte jung oder alt sein, ward ein Gomor gemessen, welches mehr war, als die meisten zu ihrem Unterhalt bedurften. Es war zwar nur die einzige Speise, welche die Kinder Israel hatten; aber sie war nicht nur für alle genugsam, sondern auch für alle angemessen und gesund. Sie eignete sich so gut für kleine Kinder als für Erwachsene, so wohl für Kranke als Gesunde. – Aber auch in Absicht dieses Manna, versündigten sich verschiedene bald. Dies thaten theils diejenigen, welche es auch am Sabbath suchten, jedoch freilich nicht fanden; theils thaten’s diejenigen, welche sich was für den folgenden Tag aufbewahren wollten. Dazu konnte sie nichts bewegen als Habsucht, welche immer mehr haben, und sich an dem heutigen täglichen Brodt nicht begnügen will, und Unglaube. Es schien klug, sich auch mit einigem Vorrath für die Zukunft zu versehen, weil man von der göttlichen Verheißung abgesehen, nicht wußte, was es morgen und übermorgen geben konnte, ob der seltsame und gar nicht natürliche Regen nicht ausbleiben würde. dann waren sie gedeckt. Beides entspringt aus der Abneigung, ein von dem Herrn abhängiges Leben zu führen, sondern für sich und von sich bestehen zu können, welches ja auch die Absicht der ersten Sünde war, woraus alle übrige entstanden ist. Gott gewöhnt und befähigt sein Volk nach und nach zu einer ganz entgegengesetzten, das heißt, zu einer von dem Herrn ganz abhängigen Lebensweise. Er hätte es mit dem Manna wohl anders einrichten können, daß es sich für längere Zeit hielt. Er wollte es aber ausdrücklich so und nicht anders haben. Es sollte sich blos am Sabbath aufbewahren lassen, und sonst an keinem andern Tage. Ja das Manna, welches in einem goldenen Kruge in’s Allerheiligste gesetzt wurde, hielt sich mehrere Jahrhunderte hindurch. Was konnte die göttliche Absicht, bei dieser Einrichtung wohl anders sein, als sein Volk zu einem nackten Vertrauen auf ihn selbst, seine Macht, Güte und Treue anzuleiten? Jeden Abend waren sie alle eben so arm, wie sie’s Tages vorher gewesen waren, und eben so rathlos. Sie sahen sich dadurch genöthigt, auf Gott zu hoffen, und es auf ihn zu wagen. Verstanden sie dies, so waren sie überaus glücklich. Sie hatten keine sonderliche Mühe mit dem Sammeln, - und mit dem Aufbewahren und Fortschaffen gar keine; der Sorge waren sie ganz entledigt, denn Gott sorgte auf die augenscheinlichste Weise für sie. Ihre fortwährende Armuth konnte ihnen ein Vergnügen machen, weil der Herr dadurch Gelegenheit hatte, seinen Reichthum an ihnen zu erweisen.

 

Doch diese Seelengestalt forderte Gott nicht blos von seinem Volke Israel, sondern fordert sie noch. Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr. Mit diesen Worten fängt Christus seine Bergpredigt an, und im Fortgange derselben sieht man deutlich, daß er sie hervorbringen will. Er thut die erstaunlichsten Forderungen, als z.B.: wenn man auf den einen Backen geschlagen würde, solle man den andern auch darbieten; wer zween Röcke habe, der gebe dem, der keinen hat; wenn jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel; wenn man gebe, so soll man die Linke nicht wissen lassen, was die Rechte thue; wer jemanden nur ansehe, sein zu begehren, der hat schon mit ihm die Ehe gebrochen in seinem Herzen – und sagt dann zuletzt: wer diese meine Rede hört und thut sie, den vergleiche ich einem klugen Manne, der sein Haus auf einem Felsen bauete. Da nun ein Platzregen fiel, und ein Gewässer kam und weheten die Winde und stießen an das Haus, fiel es doch nicht, denn es war auf einem Felsen gegründet. Und wer diese meine Rede hört und thut sie nicht, der ist einem thörichten Manne gleich, der sein Haus auf den Sand bauete. Da nun ein Platzregen fiel, und kam ein Gewässer und weheten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und thät einen großen Fall. – Geht’s uns dabei nicht wie denjenigen, die ein geringes, oder auch gar kein Vermögen besitzen, nun aber mit Schuldforderungen, die sich in die Tausende belaufen, überfallen, und eben dadurch von ihrer Unzulänglichkeit, auf’s nachdrücklichste überzeugt werden? Das ist auch die nächste Absicht Jesu, bei seiner Predigt, und es ist wohl nicht ohne Absicht, daß gleich in dem auf die Bergpredigt folgenden Capitel, die Geschichte mit dem Aussätzigen erzählt wird, der sich mit der Bitte an Jesum wandte: „Herr, so du willst, kannst du mich wohl reinigen“ – als sollte uns dadurch der Weg gewiesen werden, welches durch die darauf folgende Geschichte, von der Heilung des Knechts des Hauptmannes, noch mehr bestätigt wird. –

 

Arm also muß man werden, damit man den unausforschlichen Reichthum Christi erfahre. – Aber es geht doch auch im Fortgange nicht so, wie man’s sich wohl im Anfange dachte. Denn was stellt man sich, besonders nach dem ersten Genuß der Friedensgaben anders vor, als man werde nun immer stärker werden, und meint wohl, wen Herrn Jesum künftig immer weniger zu brauchen, ihm immer weniger beschwerlich werden zu dürfen. Man gedenkt aus einem schwachen Kinde, mit der Zeit zu einem starken Manne heranzuwachsen, und freut sich im voraus darauf, was man noch alles ausrichten werde, wenn man nur erst ein wenig festern Fuß werde gefaßt haben. –

 

Man findet es aber nachgehend’s viel anders: daß es nicht vom Wandeln zum Laufen, vom Laufen zum Auffahren mit Flügeln, wie der Adler kommt, sondern sich ganz umgekehrt gestaltet. Arm, ärmer, am ärmsten. Stets gleich arm, auf einen stets gleichreichen Jesum geschaut. Nicht auf etwas eigenes, sondern auf ihn gestützt. Jeden Morgen mit einem leeren Kruge hinaus vor das Lager, neues Manna zu sammeln.

 

Um dieses Manna hat es auch nocht eine geheimnißvolle, vorbildende Bedeutung, wovon wir Joh. 6. lesen. –

 

 

 

Zwölfte Predigt.

 

Achte Lagerstätte: Daphka.

 

4. Buch Mose 33,12.

 

Ihr gebt, wie ich mich versichert halten darf, eure Einwilligung dazu, daß wir unsere, im vorigen Jahr begonnene Betrachtung, der Reisen der Kinder Israel, unter den anfangs festgesetzten Bedingungen, in den diesjährigen Frühpredigten fortsetzen.

 

Allerdings sind es seltsame Texte, welche uns da vorkommen. Aber was geht das andere Leute an, so lange es uns beiderseits recht ist und bleibt, und wir daraus eine Erbauung empfangen, oder eine Lust daran haben. Es ist mehrentheils etwa nur ein einzelnes Wort, und dazu aus einer fremden, euch unbekannten Sprache, das thut aber nichts zur Sache. Das Wort Jesus ist auch aus einer fremden Sprache. Und dies einzige Wort – was enthält es nicht alles, und wie gelehrt und weise ist der, der’s versteht! – In der Sprache der heiligen Schrift, haben alle Namen ihre Bedeutung, welches in unserer Sprache nicht immer der Fall ist, wenn gleich zuweilen. So kann unsere Stadt ihren Namen von den Erdbeeren haben, die ehemals hier wuchsen, da es noch Feld war. Aber wer vermöchte es anzugeben, was der Name bedeute, den das Flüßchen führt, das unser Thal durchströmt. In der hebräischen Sprache verhält sich das anders. Und oft wurden auch Oertern und Personen, absichtlich solche Namen, um ihrer Bedeutung willen beigelegt. Laßt mich davon einiges anführen. Eva z.B. heißt die Lebendige, und Adam nannte sie selbst deswegen so, weil sie die Mutter aller Lebendigen und absonderlich des Weibessaamens sein sollte, welcher der Ursprung alles Leben ist. Sie nannte in fröhlicher Erwartung der gewissen Erfüllung der göttlichen Verheissung, ihren ersten Sohn Cain, von einem Worte, das bekommen heißt, und rief aus: ich habe – bekommen. Als er durch seine Gottlosigkeit bewies, daß er weder der Weibessaame selbst, noch dessen Stammvater sei, der fromme Abel aber von ihm erschlagen war, beurkundeten unsre Eltern ihren Glauben dadurch, daß sie ihren dritten Sohn Seth, das ist gesetzt, nannten; weil der an die Stelle seiner beiden Brüder gesetzt war. Zwar finden wir nicht, daß dem Methusalah dieser Name, welcher eine Aussendung des Todes bedeutet, absichtlich gegeben worden sey. Dennoch scheint er diesen Namen nicht durch bloße Willkühr bekommen zu haben, da er in dem nehmlichen Jahre starb, wo die Sündfluth als eine Aussendung des Todes losbrach. Noah bekam diesen Namen absichtlich. Er heißt: Trost und Ruhe, denn, sagten seine Eltern bei seiner Geburt, der wird uns trösten in unsrer Mühe und Arbeit auf Erden, die der Herr verflucht hat, - und gaben ihm deswegen diesen Namen. Gott selbst veränderte Abram’s und der Sara Namen, ohne daß jedoch ihre Bedeutung dadurch verändert wurde. Er verwebte aber Einen Buchstaben seines göttlichen Namens, Jehovah mit dem ihrigen, welches eine große, ehrenvolle Auszeichnugn war. So befahl Gott dem Moses, seinen Nachfolger statt Josua, Jehosua zu nennen, gab ihm also Eine Silbe seines hochwürdigen Namens. Daß Melchisedech diesen Namen nicht von ungefähr führte, und daß der Ort, wo er regierte, nicht zufällig Salem hieß, erhellt aus den merkwürdigen Schlüssen, welche der Verfasser des Hebräerbriefes, aus der Bedeutung dieser Namen herleitet. Sarah nannte ihren Sohn Isaac, welches Lachen bedeutet, weil sowohl sie als Abraham seinethalben einmal in verschiedener Weise – sie im Unglauben, er im Glauben – gelacht hatten. Seine Kinder bekamen ihre Namen wegen einer natürlichen Ursache; den einen nannten sie Esau, weil er rauh und behaart war; den andern Fersenhalter, weil er seinen Zwillingsbruder bei der Geburt an der Ferse gefaßt hielt. Gott selbst nannte letztern Israel, ein Fürst gottes, denn er hatte mit Gott und mit Menschen gekämpft, und war obgelegen. Er selbst nannte einen Ort, Bethel, das ist Gottes Haus, wo er den Traum von der Himmelsleiter gehabt; einen andern Mahanaim, weil ihm daselbst 2 Heere Engel begegnet waren, und einen dritten, Pniel, Antlitz Gottes, denn, sagte er: ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen. Wie merkwürdig war dem Apostel Paulus der Name Hagar, in seiner arabischen Bedeutung, und was für Tiefen fand er darin, nach Gal. 4. – Daß den 12 Söhnen Jacob’s absichtlich diese und keine andere Namen gegeben wurden, lesen wir, sammt der Ursache, warum ihre Mütter sie so nannten, 1. B. Mos. 29 und 30. Rahel nannte ihren jüngsten Sohn, über dessen Geburt sie sterben mußte, Benoni, Schmerzenssohn; Jacob aber veränderte seinen Namen in Benjamin, das ist, den rechten oder liebsten Sohn. Und Pharao nannte den Joseph, Zaphanat Paneah, d.i., Vater des Vaterlandes, weil Egypten durch seine Weisheit vom Untergange war errettet worden. Warum nannte seine Tochter das Kindlein, das sie aus dem Wasser zog, Moses, als eben um dieser Ursache willen, die sie auch selber als den Grund dieser Benennung angab. Moses hatte auch edle Gründe, warum er den einen seiner Söhne Gerson, d.i., Fremdling, den andern Elieser, Hülfe Gottes nannte; und sagt selbst, er habe den ersten so genannt, weil er Gast sein mußte in einem fremden Lande – und ihr wißt, wie hoch der Apostel es den Erzvätern anrechnet, daß sie sich Fremdlinge nannten, und damit ihren Glauben bewiesen, daß sie ein Vaterland im Himmel suchten, eine Stadt, die den Grund hat, welcher Baumeister und Schöpfer Gott ist, weshalb Gott sich auch nicht schämte, ihr Gott zu heißen; - den andern nannte er so als ein lebendiges Denkmal der göttlichen Errettung, besonders aus den Händen Pharao’s, um sich ihrer stets dankbar zu erinnern. Setzte nicht Samuel aus ähnlicher Absicht einen Stein, und nannte ihn Eben-Ezer, Helfenstein, denn, sagte er: bis hieher hat uns der Herr geholfen. Die kluge Abigail spielte auch auf die Bedeutung des Namens ihres Mannes an, wenn sie sagte, er heißet mit Recht Nabal, d.i. Narr, denn er ist was er heißet, und Narrheit ist in ihm. Nathan nannte den Salomo Jedid-Ja, d.h. Liebling des Herrn, und sein eigentlicher Name, der so viel als Friedefürst heißt, paßt sich sehr für ein Vorbild des wahrhaftigen Friedensfürsten.

 

Da nun, wie diese lange Deduction beweiset, die hebräische Namen, ihre besondere Bedeutung haben, und diese Bedeutung häufig sehr bemerkenswerth ist, weil nicht nur die Heiligen, sondern auch Gott selbst oft Namen um dieser Bedeutung willen giebt: so ist es schon deswegen für einen Verehrer der heiligen Schrift sehr natürlich, wenn er dazu im Stande ist, den Bedeutungen und somit den Absichten dieser Benennungen nachzuspüren und sich das zu merken, was darin zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit etwa liegen möchte. – Und so haben wir im vorigen Jahre angefangn, die merkwürdige 40jährige Reise der Kinder Israel durch die Wüste und die Bedeutung der Namen ihrer Lagerstätten so wie, was sich daselbst merkwürdiges zutrug, zu erwägen. Ihr habt dies euch gern gefallen lassen. Mir gefällt’s auch noch. Unsere Vorträge haben auch die Ehre gehabt, von der Welt angefochten zu werden. Sie müssen also gut und christlich sein. In Gottes Namen fahren wir also in der Betrachtung der Lagerstätten der Kinder Israel fort, zumal da uns ein Apostel versichert, was ihnen wiederfahren, sei uns zum Vorbilde geschehen. Der Herr gebiete nur seinen Segen über den Redenden, wie die Hörenden.

 

Wir betrachten die 8te Lagerstätte der Kinder Israel. Nach langwierigen Mühen und einem drei Tage hintereinander fortgesetzten Zug, bekamen sie ein angenehmes Lager zu Elim, wo sie 12 Wasserbrunnen und 70 Palmbäume fanden. Hier nahmen wir in unsrer letzten vorigjährigen Frühpredigt, gleichsam Abschied von ihnen. Diesen Winter zogen wir einmal mit ihnen von da aus, wieder an’s rothe Meer, um es mit ganz andern Augen, als einen Monat früher zu betrachten, gerieten aber in eine grausame Hungersnoth, worin wir elendiglich alle hätten umkommen müssen, wenn uns Gott nicht durch den wunderbaren Mannaregen, hinlänglich mit Brodt versorgt hätte, und zwar so, daß wir daran nie keinen Mangel zu befürchten haben. Einen Vorrath können wir uns freilich nicht sammeln, sondern müssen uns ganz Gott anvertrauen und überlassen, für jeden Tag, deren wir keinen einzigen ohn ihn umzubringen wissen. Können wir aber nur vertrauen, so haben wir denn auch sein sehr vorzügliches Leben, indem wir auf den hoffen, der alles in Händen hat. –

 

Sie schlugen nun ihr Lager auf zu Daphka. Merkwürdiges fiel hier nichts vor, sondern es blieb eben alles so in seinem Geleise. Sie thaten da sonderlich nichts Böses und nichts Gutes, auch that der Herr daselbst nichts besonderes merkwürdiges. So treten ja auch in Absicht der Kirche überhaupt, wohl längere und kürzere Zeiten ein, wo sich nichts sonderliches ereignet, und das nehmliche gilt auch von einzelnen Unternehmungen und Seelen. Der Christ hat Zeiten, wo er eben so wohl keine sonderliche Gnadenmittheilungen, Belebung, Erleuchtung, kräftige Eindrücke bekommt, als er von nahmhaften Anfechtungen und Leiden frei ist. Es geht so natürlich bei ihm herum. Sein Verderben regt sich nicht sonderlich und die Gnade eben auch nicht; die Wahrheiten des Evangelii sind ihm nicht gleichgültig, aber auch nicht aufregend. Er liest, betet, hört, aber nicht mit der Lebhaftigkeit, wie zu andern Zeiten, und wenn er sich also findet, so bekümmert’s ihn zwar, aber er muß harren. – So scheinen auch etliche Unternehmungen wohl in eine Art von Stocken zu gerathen; das Evangelium wird wohl gepredigt, aber die Wirkungen zeigen sich wenig und sparsam. Neue Erweckungen sind selten, und mit den Erweckten selbst will es nicht recht fort. Außer dem Kreise der christlichen Kirche, will’s auch so nichts rechtes geben. Die Berichte derer, welche an Juden und Heiden arbeiten, fallen ziemlich karg aus. Die gefaßte Hoffnung bestätigt sich eben nicht, und man sieht sich genöthigt, hoffend in die Zukunft zu blicken, und von derselben zu erwarten, was die Gegenwart versagt. Da ist denn wohl großes Geräusch, wenn man’s aber näher besieht, doch wenig Frucht und Wesen. Sie sind in Daphka gelagert, und das ist fast alles, was man mit Grunde sagen kann, wie gern man auch rühmte.

 

Diese Lagerstätte ging noch immer weiter rechts vom geraden Wege nach Canaan ab, und entfernte sich noch mehr davon, so daß es schien, sie würden überall hinkommen, nur nach Canaan nicht. – Das nehmliche wiederholt sich oft in den Führungen der Kinder Gottes. Es geht ihnen ganz contrair, und wenn sie’s anzuordnen hätten, ginge es ganz anders. – Sehr kläglich ist es, wenn die Menschen sich wirklich immer weiter von der Wahrheit und Gottseligkeit, und somit von Gott selbst und dem himmlischen Canaan entfernen. So geschah es ehemals, da die Lehre je länger je mehr in Aberglauben ausartete, an dessen Stelle nach und nach der noch schlimmere Unglaube getreten ist, wozu in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, die vielen Schriften eines witzigen Franzosen ungemein viel beitrugen, und eine Bahn eröffneten, worauf die Mehrzahl desto lieber wandelt, je mehr sie mit ihren Gesinnungen übereinstimmt. – Und von wie vielen einzelnen Menschen gilt die Strope: „mit Jahren ward die Sünde groß, brauch aus gleich Wasserfluthen.“ Wie manche schienen, in jüngern Jahren, nicht ferne vom Reiche Gottes zu seyn, hatten manche gute Weckung und Ueberzeugung, Vorsätze und Bestrebungen, denen doch das Gegentheil gefolgt ist. Sind solche vielleicht in dieser Versammlung, so rufen wir ihnen zu: o! gedenket, wovon ihr gefallen seyd, und thuet Buße. – Aber es kann auch solchen, welche allen Ernstes ihre Seligkeit zu schaffen suchen, also vorkommen, daß sie rück- statt vorwärts kämen, und sich vom Ziel entfernten, statt sich ihm zu nähern, und daß alle ihre Bemühungen nur vergeblich wären. Das ist ihnen sehr schmerzhaft. Allein im Reiche Christi kann ein scheinbares Rückschreiten, wirkliches Voranrücken, und Abnahme Wachsthum seyn. Denn auch Abnahme im Vertrauen zu sich selbst, ist ein Wachsthum, wenigstens ein Beförderungsmittel desselben, indem es dazu dient, uns von unserm natürlichen Boden abzubringen und auf das einige Fundament zu gründen. Und dies Gründen ist eben so nöthig als das Vollbereiten. –

 

Weil uns denn sonst nichts merkwürdiges gemeldet wird, was sich zu Daphka von Seiten Gottes, oder seines Volkes zugetragen hätte; so müssen wir bei der wörtlichen Bedeutung dieser Lagerstätte stehen blieben. Daphka heißt aber schlagen, klopfen, werfen. Dies läßt uns an allerlei, läßt uns an leiden und thun denken. Entweder wurden sie geschlagen und geklopft, mürbe gemacht, oder sie schlugen und klopften, wurden geworfen oder warfen, und dies erinnert uns an manches aus dem innern christlichen Leben. Laßt es uns erst in leidender Beziehung auffassen; dann deutet der Name dieser Lagerstätte darauf hin, daß sie geschlagen und mürbe gemacht wurden. Wir brauchen hier nicht an Waffen und feindliche Völker zu denken, die sie geschlagen hätte, denn davor hatten sie jetzt noch Ruhe. Allein geschlagen werden, ist doch auf jeden Fall etwas schmerzhaftes und demüthigendes, mag es geistig oder körperlich seyn. – Da sollte einem ja nun ordentlich Mitleiden ankommen, wenn wir hören, daß sie sich hier lagern mußten, um geschlagen, gezüchtigt zu werden. Wie waren sie in Elim so lieblich gelagert, daß sie Canaan ordentlich darüber vergessen haben sollten. Sie brauchten da sonderlich keinen Glauben zu beweisen, denn sie litten an nichts Mangel. Noch waren sie mit einigem Speisevorrath aus Egypten versehen und das angenehme Elim bot ihnen den erquickendsten Schatten, das labendste Wasser und köstliche Baumfrucht. Und nun so? Aber Mitleid hin, Mitleid her. Es bliebt einmal dabei, daß wir durch manche Abwechselungen und viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen müssen. Sei in Elim nicht zu sicher, denn es folgt ohne Zweifel ein Daphka darauf. Sei aber auch in Daphka nicht zu zaghaft, denn von da geht’s nach Raphidim, das heißt Ruhebette und dann weiter. Wer so ohne Züchtigung dahinläuft, und macht was er will, der gehört nicht zum Volke Gottes, denn das hat auch seine Daphka’s wo es gezüchtigt wird. Freilich setzt dies Unarten voraus, welche eben durch die Zucht des Vaters der Geister weggebannet werden sollen, auf daß wir seine Heiligung erlangen. Die Kinder Israel hatten dazu ohne Zweifel Anlaß genug gegeben. Wie wenig mochten sie auf die bisherigen großen, mannigfachen und wunderbaren göttlichen Wohlthaten, Errettungen und Aushülfen geachtet, wie wenig dafür gedankt haben! So kriegten sie denn wohl verdiente Schläge. Und wir werden wohl nicht uns einbilden, sie weniger zu verdienen. Freilich hat sich uns kein rothes Meer gespaltet, und es regnet uns kein Manna! Aber ist uns denn nicht Christus in seinem Leiden und in seinem Triumph vor die Augen gemalt, und die große Liebe Gottes vorgehalten? Was hat das aber sonderlich gewirkt? Im Ganzen wohl nicht mehr, als der Anblick des so merkwürdigen rothen Meers, an dessen Gestade sie noch die Gerippe ihrer, in demselben ersäuften Feinde, erblickten bei den Kindern Israel. Billig aber schmerzt uns das, daß die Schmerzen, die wir Christo gemacht, uns so wenig rühren. Und wie viel Unarten hat man sonst noch an sich, die noch abgelegt werden müssen, und wozu uns die Züchtigungen erwecken sollen. Ja, in der That, es ist auch Daphka eine nöthige und nützliche Lagerstätte, mag uns Canaan daselbst auch sehr weit dünken und die Schläge, die da ausgetheilt werden, wehe thun. Der alte Mensch kann und darf nicht anders behandelt, sondern muß, wie der Weinstock, stets unter dem Messer gehalten werden. Gott hat Ruthen genug. Er kann uns mit körperlichen Leiden heimsuchen, uns einen zeitlichen Schaden erleiden lassen; er kann andern Menschen und selbst den Satan wider uns erregen; er kann uns Stellen und Sprüche aus seinem Worte, zu einem Stachel machen, gegen den es uns schwer wird hintenauszuschlagen; er kann uns auch sein Miißfallen also in unserm Gewissen fühlen lassen, daß es wie giftige Pfeile drinnen schmerzt. Ja unsere eigene Gedanken, Wünsche und Besorgenisse, können uns zu peinigenden Ruthen werden. – Ist man so zu Daphka gelagert, so müssen diese Schläge auch ausgehalten werden, und man kann und soll sich ihnen nicht entziehen. Hat nicht auch Jesus selbst, seine Jünger manchmal derb geschlagen, ohne körperliche Ruthen zu gebrauchen und seiner eigenen Mutter nicht geschont? Denn wurde Cana nicht für sie ein Daphka, als ihr Sohn zu ihr sagte: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? meine Stunde ist noch nicht kommen“ – welche Anfertigung sie kaum verdient zu haben scheint, und wie scharf nahm er sie in seinem 12ten Lebensjahre durch die Schläge her, die er ihr durch sein Zurückbleiben in Jerusalem gab? Waren das nicht tüchtige Schläge, die er unter seine Jünger austheilte, als er sie fragte: wie lange soll ich euch dulden? Wie? daß ihr so unverständig seyd; als er ihnen, bei einem Zanke, wer unter ihnen der größte sei, erklärte: wenn sie sich nicht bekehrten, und würden wie die Kinder, so würden sie nicht in das Himmelreich kommen; wenn er den Petrus einen Satan nannte, und es eine zeitlang unentschieden ließ, wer der Eine unter ihnen sei, der ihn verrathen würde und sie dadurch alle in Verlegenheit setzte; wenn er sie selbst nach seiner Aufersthung, Thoren und träges Herzens nannte, und schalt ihren Unglauben. Wie wurde nicht Paulus geschlagen, und das selbst von einem Satansengel, aller der sonstigen innern und äußern Mühseligkeiten nicht zu gedenken. Wer dürfte sich denn ungebährdig stellen, wenn ihm seine Lagerstätte in Daphka angewiesen wird, und es nicht auch über sich gelten lassen, wenn es heißt: es ist deiner Bosheit schuld, daß du so gestäupet wirst, und deines Ungehorsams, daß du so gestrafet wirst. –

 

Daphka heißt auch klopfen und dies wird angewandt, um gewisse harte Sachen mürbe zu machen. Unser Herz wird steinern genannt, und also als etwas hartes und widerstrebendes vorgestellt. Es muß aber wächsern, bieg- und bildsam werden, das geschiehet durch Gnade. Aber sie braucht, sowohl im Anfange als im Fortgange, verschiedene Mittel dazu. Die beiden Hauptmittel sind, Gesetz und Evangelium. Das Gesetz macht das Herz wohl eigentlich nicht mürbe, es deckt ihm aber seine Härtigkeit und seine Sünden auf, und nöthigt es dadurch, von seinem Trotz und von der Einbildung einer eigenen Kraft und Gerechtigkeit abzustehen. So ging’s dem Paulus. Wie gebeugt machte das Gesetz diesen stolzen Pharisäer, daß er auch fragte: wer wird mich erlösen, von dem Leibe dieses Todes? – Je deutlicher jemand die Erhabenheit der Heiligkeit erkennt, welche das Gesetz fordert, desto wenige findet er davon in sich selbst, und desto mehr findet er sich genöthigt, sie in Christo zu suchen. Doch bringt das Gesetz mehr Rathlosigkeit, Angst, Entsetzen, Mühseligkeit und Beladenheit, als ein mürbes Herz zu wege. Es bringt aber den bisher sorglosen, in Sünden und Weltsinn, in eigener Kraft und Gerechtigkeit versunkenen Sünder dahin, daß er begierig hinhorcht, wenn von Christo die Rede ist, der ihm bis jetzt so gleichgültig war. – Wird aber der armen Seele das Evangelium vom heiligen Geiste gepredigt, gepredigt wie Gott in Christo ein Gott aller Gnaden, wie bei ihm viel Vergebung sey, wie Christus unsere Gerechtigkeit, und wir in ihm vollkommen seyen, so daß er dies auf seine eigene Person anwenden kann, dann wird er mürbe und sein Herz zerfließt wie Wachs, und die Liebe Christi fängt an, ihn zu dringen. Aber bei der Bosheit des menschlichen Herzens, dauert es gemeinlich nicht lange: so meint der arme Mensch, er wäre es nun; da muß er denn wieder nach Daphka, wo er geklopft wird, und sich genöthiget sieht, sich herunterzuhalten zu den Niedrigen. Er fing an, überall nicht nur mit- sondern auch abzusprechen, andere zu beurtheilen und sich vorne an zu stellen; muß sich aber nun zurückziehen –und wird wohl wie ein einsamer Vogel auf dem Dache, wie ein Käuzlein und Rohrdommel in der Wüste. –

 

Heißt Daphka auch werfen, schmeissen, so singt ja auch ein Dichter: „ich wird’ geworfen hin und wieder,“ und von den Kindern Israel heißt es einmal: sie wurden in einer Schlacht geworfen, d.i. zurückgeschlagen. So kann es auch gehen, was sehr beschwerlich fällt. Es giebt Zeiten, wo eine Seele nicht in’s Klare kommen kann, und ihre Wirksamkeit in einem zerreissen und zunähen, bauen und abbrechen besteht, worüber sie nicht weiter kommt. Als die Jünger im Sieb und in ihr Eigenes zerstreut waren, da wurden sie auch hin und her geowrfen und

 

wankten auf gelähmten Füßen,
bald strauchelnd hie, bald fallend dort. –

 

Wir haben bis jetzt das Wort Daphka in seiner leidenden Bedeutung aufgefaßt, laßt uns jetzt noch einiges in seiner thätigen Beziehung anmerken.

 

Erstlich erinnert es an das Wort Christi, wo er sagt: Siehe, ich stehe vor der Thür und klopfe an. Dieses Anklopfen ist zwar noch keine bekehrende Gnade, aber doch etwas, das der wirklichen Bekehrung oft lange vorhergeht, jedoch freilich, nicht immer sie zur Folge hat. Diese Anklopfungen sind etwas allgemeines, und dienen wenigstens dazu, dem Sünder alle Entschuldigung zu benehmen, daß es mit Recht von ihm heißen kann: du hast nicht gewollt. Sie bestehen darin, daß es dem Menschen nahe gelegt wird, er könne bei seiner jetzigen Lebensweise und Gesinnung wohl nicht selig werden, sondern müsse ein anderes Leben anfangen. Er fühlt sich wohl zum Gehör des göttlichen Worts, zum Bibellesen, zum Gebet, zum Abendmahl aufgefordert, wird unruhig, geräth wohl in Angst, empfindet auch wohl einige Freude, und es dünkt ihm was Schönes, ein Christ zu seyn, Vergebung der Sünden zu haben und zu wissen, daß man sie hat. Und gewiß werden die meisten von denjenigen, welche in Gegenden wie diese wohnen, wo ein solcher Reichthum und Mannigfaltigkeit von Gnadenmitteln ist, dergleichen Anklopfungen erfahren. Ist es nicht schon in der Katechisation, oder bei einer Confirmation, so ist es doch wohl in einer Predigt, bei fröhlichen oder betrübten Ereignisse, Krankheiten, Sterbfällen und dergleichen, wo ein Mensch Eindrücke bekommt, die ihn ernsthaft und nachdenkend machen.

 

Da sollte der Mensch achtgeben, und in dieser seiner Zeit bedenken, was zu seinem Frieden diene. Er sollte das ja nicht in den Wind schlagen, oder diese Eindrücke gar – durch allerhand weltliche Zerstreuungen verwischen, sondern sich in die Stille und ins Gebet begeben und bedenken, daß Jesus selbst vor der Thür steht und begehrt in’s Herz gelassen, aufgenommen zu werden; sollte sich Mühe geben, ihm die Thür aufzuthun, wo er dann ein köstliches Abendmahl mit ihm halten würde, sollte bedenken, daß, wenn er diese seine Zeit versäumt, er seinem Heil neue Hindernisse in den Weg legt, den heiligen Geist betrübt, ja dämpft, und den Teufel so viel mehr bei sich einnisten läßt. Da ist’s Zeit seine Seligkeit zu schaffen, mit Furcht und Zittern; dem Himmelreich Gewalt anzuthun, darnach zu ringen, um durch die enge Pforte einzugehen.

 

Wohl dem, der’s also beachtet; der macht’s so, der klopft wieder an, daß, und bis ihm aufgethan werde; der spart kein Bitten und Flehen, kein Geschrei und Thränen, sondern will hindurch, und muß hindurch, durch die enge Pforte auf den schmalen Weg, es koste was, und gehe ihm darüber wie es wolle. Jesus erhört ja Gebet und Flehen – und so will er den Herrn so lange anlaufen und anschreien, bis er sich seiner Seele herzlich annimmt, und alle seine Sünde hinter sich zurückwirft.

 

So ist’s recht. Und da dauerts dann auch gemeiniglich nicht lange, so heißt es zu der also anklopfenden Seele: sieh, ich gebe vor dir eine offene Thür, welche dir niemand zuschließen soll. – Gehört denn auch diese Art des Anklopfens, hauptsächlich zu dem Anfang der Bekehrung, so ist doch im Fortgange derselben jedes Gebet, jeder Seufzer, ein wiederholtes Anpochen, welches bald heftiger, bald leiser, jetzt mit Ungestüm, dann mit Geduld fortgesetzt wird, bis sich endlich alle Thüren öffnen, um sich nie wieder zu schließen, und alle Riegel springen, um nie wieder vorgeschlagen zu werden.

 

Daphka heißt schlagen. Und das Volk Gottes schlägt auch am Ende alle seine Widersacher, mit dem Schwerde des Geistes zu Boden. So sagt David: im Namen des Herrn, will ich sie zerhauen; und ein’s unserer Lieder spricht:

 

Und wenn des Satans Heer,
Mir ganz entgegen wär,
Darf ich doch nicht verzagen,
Mit Dir kann ich sie schlagen:
Dein Blut darf ich nur zeigen,
So muß ihr Trotz bald schweigen.

 

Die Seele kann sich des Worts der Verheißung und der Gnade Jesu Christi, wohl so und dergestalt bemeistern, daß sie mit Paulo sagt: wir überwinden weit in Allem. Den Unglauben schlägt sie mit einem: „es ist ja gewißlich wahr, und ein theuer werthes Wort, daß Jesus Christus in die Welt kommen ist, Sünder selig zu machen,“ dermaßen auf’s Haupt, daß er sich in langer Zeit nicht wieder im Felde blicken lassen darf; die Sünde schüttelt sie von sich, wie der Adler den Staub von seinen Fittigen. Ein Muth, wie eines jungen Löwen, wohnt in ihrer Brust und mit einem: Christus ist hie! – bricht sie durch alles durch, bricht hervor wie die Morgenröthe, welcher die nächtliche Schatten weichen, schön wie der Mond, auserwählt wie die Sonne, schrecklich wie Heeresspitzen.

 

Daphka heißt werfen. Sie werden nicht immer geworfen, sondern werfen wieder, und thun wohl daran. Sie werfen alle ihre Sorgen auf den Herrn, in der fröhlichen Gewißheit, daß er für sie sorgt. Will ihnen das Gesetz ihre Sünden – so werfen sie ihm die überschwengliche Bezahlung Christi entgegen. Will die Vernunft ihnen allerlei Schwierigkeiten – so werfen sie ihr die wahrhaftigen Verheißungen vor. Stark in dem Herrn, werfen sie von sich alle ihre Uebertretung, womit sie übertreten haben, und machen sie ein neu Herz und einen neuen Geist.

 

So wendet sich oft das Blatt, weshalb auch die Kirche sagt: Freue dich nicht, meine Feindinn, daß ich daniederliege. Ich werde wieder aufkommen, und so ich im Finstern sitze, so ist doch der Herr mein Licht. Und mag es denn auch gehen, wie es geht, wenn’s nur also geht, wie wir singen:

 

Laß mich bei einem jeden Schritt,
Nur deinem Heil stets näher kommen.

 

Wohl euch, die ihr durch eine wahrhafte Buße, von Egypten ausgegangen seid. Seid ihr denn auch nicht immer in dem angenehmen Elim gelagert, sondern auch zu Daphka – es geht doch auf Canaan zu. Und da wird’ ich meinen Gott stets loben. Ein Durchbrecher wird vor uns her auffahren, und wir werden durchbrechen. Ihm sei Ehre und Preis! Amen.

 

 

 

Dreizehnte Predigt.

 

Neunte Lagerstätte: Alus.

 

4 Buch Mose 33,13.

 

„Ich will euch wohl unter die Ruthe bringen und euch in die Bande des Bundes zwingen,“ spricht der Herr, Ezechiel 20,37. – In diesen Worten, drückt der Herr einen heiligen Unwillen und Eifer wider sein Volk aus, das ihn verlassen hat, der aber, wie aus dem Verfolg erhellet, von gesegneter Wirkung ist, welche Vers 41 also angegeben wird: Ihr werdet mir angenehm seyn mit dem süßen Geruch, wenn ich euch aus den Völkern bringen, und aus den Ländern sammeln werde, dahin ihr zerstreuet seyd, und werde in euch geheiliget werden vor den Heiden. – Gott weiß halsstarrige Menschen schon kirre zu machen, nicht nur in seinem Zorn, sondern auch in Gnaden. Er weiß diejenigen, die hoch herfahren, schon so zu bearbeiten, daß sie ganz andere Saiten aufziehn und in einem ganz andern Ton singen, und die, so im Staube gebückt, und trostlos daniederliegen, also daß ein Seufzer den andern verdrängt, und eine Thräne die andere auffängt, so aufzurichten, daß beide sich selbst nicht kennen.

 

Ersteres weiß Gott, - dem übrigens beides eine Kleinigkeit ist, - schon dadurch zu bewirken, daß er ihnen nur einmal eben das Gesetz auf den Hals schickt. Da verdorret ihre Gerechtigkeit, wie Gras auf dem Dache. Kommen nun noch die feurigen Pfeile des Bösewichts hinzu, verbirgt Gott sein Angesicht, zürnt er nicht nur über ihre Sünden, sondern selbst über ihrem Gebet, umgibt er sich mit einer Wolke, daß kein Gebet hindurch kann – so geräth in Jammer und Noth, wer es auch sei, und hätte er mit David gesagt: nimmermehr werde ich darniederliegen. –

 

Aber auch das andere, ist ihm ein Geringes. Schnell und leicht kann er den Seelen den Sack ausziehen, daß ihnen Schmuck für Asche, und Freudenöl für Traurigkeit und schöne Kleider für einen betrübten Geist gegeben werden, daß sie genennet werden: Bäume der Gerechtigkeit, Pflanzen, dem Herrn zum Preise.

 

Gott führt die Seinigen bald so bald anders, und gebeut bald dem Süd- bald dem Nordwinde, durch seinen Garten zu wehen, damit seine Würze triefen. Hohel. 4,16.

 

Das zeigt sich auch besonders bei den Lagerstätten der Kinder Israel, mit deren Betrachtugn wir, im Aufsehen auf den Herrn, fortzufahren gedenken. Der Herr erquicke uns durch sein Wort.

 

„Von Daphka zogen sie aus, und lagerten sich in Alus.“ So fährt Moses fort, auf ausdrücklichen Befehl des Herrn, den Ausgang der Kinder Israel zu beschreiben, wie sie zogen, wie es Vers. 2. heißt. Dies ist denn die neunte Lagerstätte. Sie heißt Alus, und lag nicht weit, etwa 3 Meilen von Daphka. Laßt uns erst einiges, als eine Art von Einleitung bemerken, und dann dieser Lagerstätte selbst unsre Aufmerksamkeit widmen.

 

Daphka – wie wir wissen – heißt schlagen, klopfen, werfen, und in so fern dies in leidendem Sinne genommen wird, daß man nehmlich geschlagen – wird, deutet es auf etwas Schmerzhaftes. Wir wissen noch nicht, was Alus auf deutsch heißt. Wenn wir uns dann ans Rathen und Vermuthen geben, so werden wir uns ja wohl gewissermaaßen für berechtigt halten, zu glauben, dieser Name müsse was angenehmes und fröhliches bedeuten; denn der Herr verwundet wohl, er heilt aber auch, züchtigt – tröstet aber auch wieder. Wir wollen hören! Elias sagte einmal: es ist genug, Herr. Und so möchte manche Seele auch wohl sagen, ich bin nun lange und oft genug in Daphka gewesen. Nun wirds denn wohl anders gehen, und es genug seyn. – Nun, wir wollen gleich vernehmen, was uns die neunte Lagerstätte, die Alus heißt, bringt! Genug, die vor uns herziehende Wolken- und Feuersäule gebeut uns, daselbst zu lagern und zu verharren, so lange es ihr gefällt.

 

Dieser Lagerstätte wird sonst nicht gedacht. Es wird sich daselbst also auch wohl, entweder nichts besonders Auffallendes zugetragen haben, oder doch nichts, was sich für die Mittheilung eignete. So eignet sich auch nicht alles aus den Erfahrungen, welche die Christen machen, um bekannnt gemacht zu werden; das eine wäre zu tief, das andere zu hoch, um von andern, welche nicht die nehmlichen Erfahrungen gemacht haben, recht verstanden und angewandt zu werden. Wie vorsichtig und weise drückt sich daher nicht Paulus über ein gewisses Leiden aus, was er erdulden mußte – und welches er einen Pfahl im Fleisch und Faustschläge des Satans Engels nennt. Auch leitet unser himmlischer Bischof einige Seelen so, als ob er ihnen geböte, gehe hin und verkündige es in den zehn Städten; andern aber, sage es niemand. Einige Personen haben eine liebenswürdige, andern erbauliche Offenheit, ihr Gutes und Böses, ihre Leiden und ihren Trost, zu erzählen, während andere zurückhaltender sind. Es kann aber auch einer Seele gehen, wie Gott zum Ezechiel Cap. 3. sagt: ich will deine Zunge an deinem Gaumen kleben lassen, und wie Assaph Psalmm 77,5. klagt: ich bin so ohnmächtig, daß ich nicht reden kann. Auch kann es geschehen, daß man aus sich selbst nicht recht klug werden kann, und mans machen muß, wie jener sagt: Kann ich mich selbst nicht verstehn, Laß ichs dich, den Nahen sehn.

 

Es kann eine Art von Dämmerung seyn, wo die Gestalten zu sehr in einander fließen, um sie genau unterscheiden zu können. Jener Blinde war zwar nicht mehr blind, sah aber doch Menschen wie Bäume wandeln. Uebrigens darf man sich bei den Führungen des Herrn nicht immer die Frage erlauben: warum so?

 

Noch bemerken wir vorläufig, daß diese Lagerstätte zwar noch mehr wie die vorige, von der graden Heerstraße nach Canaan, rechts abwich, so daß, wenn sie den graden Weg hätten einschlagen dürfen, sie jetzt schon recht gut im verheissenen Lande konnten angekommen seyn. Zugleich müssen wir aber bemerken, daß es nun nicht noch weiter abweicht, sondern von da an, über Raphidim, Sinai u.s.w. wie aus einem Winkel quer in den entgegenstehenden, auf Canaan losgeht. Das ist ja erfreulich zu vernehmen. O! wohl dem, mit welchem es nicht bis an sein unseliges Ende, vom rechten Wege immer abwärts geht. Wohl dem, bei welchem auch ein Wendepunkt eintritt, wo er sich von seinen Irrthümern, wo er sich von der Welt, Sünde und Eitelkeit, weg- und zu Gott, und Jesu Christo hinwendet. Möchte er sich denn auch weit vom Ziel entfernt haben und sich aus einem fernen Winkel aufmachen müssen – ach wenn es denn nur geschieht, so können auch aus Letzten, Erste werden, und wer sich um die eilfte Stunde in den Weinberg miethen läßt, noch mit den andern vollen Lohn empfangen. Nothwendig aber muß in eines jeden Menschen Leben einmal ein solcher Wendepunkt eintreten, wenns gut mit ihm gehen soll – und je frühzeitiger derselbe eintritt, desto besser. Ach! wie manches verirrte Schaf, wie mancher verlorne Groschen ist nicht in der Christenheit, und mag auch in dieser Versammlung seyn! O! daß deren auch viele wären, über welche im Himmel Freude wäre, als über Sünder, die da Buße thun. – Alle Glaubige kommen nach Alus. Mags auch zuweilen noch so dunkel und bedrängt um sie aussehen und dies lange währen – endlich wendet sichs doch wieder herrlich. Joseph kam wohl herunter bis ins Gefängniß, Jonas sogar bis in den Bauch des Fisches, Hiob bis auf den Misthaufen, Christus der Herr bis ans Fluchholz, und Israel bis Alus, bis in die babylonische Gefangenschaft, - aber endlich wandte es sich doch wunderbarlich herum. Wohl dem, der Grund hat, auch für seine Person, einen herrlichen Wechsel zu hoffen. –

 

Tröstliche Aussicht, daß es nun von Alus aus, wenn gleich in schiefer Richtung auf Canaan losgeht! Aber, aber, rechnet auf nichts, oder ihr verrechnet euch. Denkt doch einmal: die einunddreißigste Lagerstätte liegt gar nicht weit von dieser neunten, wo sie nach Verlauf mehrerer Jahre hinkommen, also eben so weit wieder zurück, als sie vorwärts gekommen waren. Und all dieses Weges führte sie der Herr, damit alles kund würde, was in ihrem Herzen sei, damit er sie demüthigte, um ihnen hernach wohlzuthun? Wer kanns reimen! Die Jünger zanken sich schon um die ersten Stellen im Himmelreich, und müssen sich dahin zurück weisen lassen, daß sie gar nicht hinein kommen würden, wofern sie sich nicht bekehrten und würden wie die Kinder; dahin zurückweisen lassen, daß derjenige, welcher der Oberste zu seyn wünsche, aller Knecht werden müsse. Die zwei Söhne Zebedäi erbitten sich zur Rechten und Linken Christi sitzen zu dürfen, müssen aber, sollen sie dazu gelangen, mit einer Taufe getauft werden, und einen Kelch trinken, den, und die sie noch nicht kennen. Was dünken sich nicht manchmal junge Christen, und was erwarten sie noch durch und für sich selbst zu werden! Wie thun sie den Mund der Freiheit zu Pi-Hahiroth so weit auf, als ob sie Meister in Israel wären, und die Weisheit mit ihnen sterben würde. Ich schreibe euch Jünglingen, sagt Johannes – daß ihr stark seid und das Wort bei euch bleibet und den Bösewicht überwunden habt. Vielleicht kommt ihr auch noch nach Alus, wo es sich wendet und ihr eben so zirpet und winselt, als ihr nun pochet. Das Wachsthum der Christen ist christlicher Art, und also seltsam. Wenn ich schwach bin, so bin ich stark. – Er muß wachsen, ich aber abnehmen – wer meint, er wisse was, der weiß noch nichts, wie er es wissen müßte – wer meint, er sey etwas, so er doch nichts ist, der betrüget sich selbst – wer meint, er stehe, mag wohl zusehen, daß er nicht falle – was etwas ist, macht er zu nichte und zerstreuet, die hoffärtig sind, in ihres Herzens Sinn. Aber die Hungrigen füllt er mit seinen Gütern, und erhebet die Elenden aus dem Staube. – Sehen wir die Reise der Kinder Israel an, so finden wir, daß sie einmal sogar, quer wieder über den nemlichen Weg müssen, den sie schon vorher gemacht hatten und zwar bei der zweiundzwanzigsten Lagerstätte, deren im Ganzen vierzig sind. – Was ist doch der Mensch, ruft Hiob Cap. 7. aus, daß du dich mit ihm bekümmerst, und suchest ihn täglich heim und versuchest ihn alle Stunde! In der That, der Christ muß zu was großem bestimmt seyn, da eine so lange und seltsame Zubereitung vorhergeht, wenns gleich nicht mit allen gleich kraus herumgeht.

 

Endlich bemerken wir, daß das Volk noch immer in der Wüste Sin wandert. Vorher wars die Wüste Etham. d.i. harter Kiesboden, nun die Wüste Sin, d.i. das Dorngesträuch. Kann man sich wundern, wenn hie und da eins ritzt und sticht? O! wohl dem, der sich bei den Dornen, die er etwa auf seinem Pfade antrifft, erstlich seiner Sünden bußfertig erinnert und sich dadurch beugen und demüthigen läßt, der zweitens der Dornen gedenkt, womit unser Herr gekrönt und für uns ein Fluch ward, damit wir durch ihn erlöset werden von dem Fluche des Gesetzes; der dankbar jedes Gute als als Sein Verdienst annimmt, und der sich wirklich diese Welt, zu einer Wüste Sin machen läßt, wo man begürtet die Lenden seines Gemüth, damit die Dornen nicht unsere Kleider fassen, sie zerreißen, oder uns aufhalten – und der seine Hoffnung ganz fest auf die Gnade, die uns dargeboten wird durch die Offenbarung Jesu Christi. Wir sind, als die da hinwegeilen und ein besser Vaterland suchen. –

 

Laßt uns nach diesen vorläufigen Bemerkungen, der neunten Lagerstätte selbst unsere Aufmerksamkeit widmen.

 

Wir überließen uns der Hoffnung, das Wort Alus werde etwas angenehmes, liebliches bedeuten, und glaubten uns zu dieser Vermuthung gewissermaßen berechtigt, weil ein Daphka vorhergeht. Was heißt Alus denn auf deutsch? Es heißt kneten, durchsäuern. In Daphka werden sie geschlagen, in Alus geknetet. Ob das was angenehmes sey, überlasse ich eurer Verständigkeit zu entscheiden. Etwas nothwendiges und nützliches ist das Kneten allerdings, wie diejenigen unter uns bezeugen werden, deren Beruf es zu verrichten mit sich bringt. Das Kneten dient dazu, die ganze Masse genau miteinander zu verbinden, sie recht handelbar und bildsam zu machen, zu bewirken, daß sie fest aneinander hängt, und daß der Sauerteig sich in gleichem Maaße durch die ganze Masse verbreitet. Ungeknetet würde ein Theil zu feucht, ein anderer zu trocken seyn, das eine zu viel, das andere zu wenig aufgehen und gesäuert wreden. – Das Wort wird auch durch „Menge Leute“ gegeben.

 

Wir handeln hier nicht vom eigentlichen natürlichen Kneten, dessen Wissenschaft und Arbeit nur zu dem Geschäft einiger unter uns gehört. Das Volk wird hier selbst als ein Teig betrachtet, in welchem ein Sauerteig, ein anderswo her in es gelegtes Lebensprinzip liegt, das die ganze Masse durchdringen soll, die deswegen geknetet wird, um durch diese Bearbitung genau mit sich selbst, und mit dem Lebensprinzip verbunden und bequem zu werden, die Form und Gestalt anzunehmen, die es haben soll, ohne auseinander zu bröckeln. –

 

Wir wissen, daß die Schrift das Wort Sauerteig in doppelter Beziehung braucht. Theils nemlich in einer bösen Bedeutung, wo es denn heißt: feget den alten Sauerteig aus. Dieser alte Sauerteig ist besonders die Erbsünde, die angeborene Verdorbenheit, dieser innere Trieb und Brunn all des Bösen, was sich in den Blüthen böser Gedanken, Neigungen und Begierden, in den Blättern böser Worte und Gebährden, und in den Früchten dieser Handlungen offenbart. Wohl ist dieser Sauerteig durch die ganze Masse des menschlichen Wesens also verknetet, daß Paulus sagt: es wohnt nichts Gutes in meinem Fleische, und Jeremias: dein Schade ist verzweifelt böse und deine Wunden sind unheilbar. – Diesen Sauerteig wieder aus uns wegzuschaffen – das ist die Kunst, das die Arbeit. Dies ist aber auch die Sache, die geschehen muß. Christus sagt: setzet einen guten Baum – das muß vorab gehen – so wird die Frucht gut. Paulus aber sagt: werdet ein Süßteig der Lauterkeit und Wahrheit. Mit einem äusserlich ehrbaren Wandel, wie rühmlich und achtenswerth er auch übrigens ist, ist doch die Sache nicht abgemacht. Das Alte muß vergehen, es muß alles neu werden. –

 

Wie und wodurch aber, wird dies böse Prinzip aus der menschlichen Natur weggeschafft? Das ist es eben. Menschliche Kräfte reichen dazu nicht hin. Dies geschieht aber durch die Wiedergeburt. Gleichwie jenes Böse durch die natürliche Geburt in uns gekommen ist, also muß das entgegengesetzte Gute auch durch eine Geburt aus Gott in uns kommen. Das, was dadurch in das Herz gelegt wird, heißt Geist, wie jenes Fleisch genannt wird. – Wir können es aber noch höher tellen und sagen: Christus selbst müsse als das neue Lebensprinzip in uns geboren werden, sodann aber auch, wie Paulus zu den Galatern sagt, eine Gestalt in uns gewinnen, wir gleichsam recht mit ihm durchknetet und verbunden werden, so daß er unser Ganzes immer völliger durchdringt, durchleuchtet, durchwirket, durchlebet, und seiner Verheissung und Gebet nach, Er mit uns und wir mit Ihm Eins werden, auf daß sie vollkommen seien in Eins, Joh. 17,23.

 

Es gibt mehrerlei Zusammenknetungen und Verbindungen in bösem, in bedenklichem, mittlerm oder in gutem Sinne. Die böseste Art haben wir schon erwähnt, und das ist dies, daß unsere Natur und die Sünde so zusammengeknetet sind, daß beide nur Einen Kuchen ausmachen. Dies geht ja auch nach der Bekehrung der Schrift so weit, daß Sünde und Mensch gleich viel bedeutet; denn heißt nicht die Sünde alter Mensch? Wie schrecklich ist es dabei, daß der Teufel sein Werk in den Kindern des Unglaubens hat, welches von Natur alle Menschen sind. Ueber das, wie leicht sammelt sich nicht ein Haufe, eine Menge Leute, um der Eitelkeit und Sünde das Wort zu reden! – Die christliche Kirche lagerte sich auch in einem übeln Sinne zu Alus, als sich allerlei Leute mit Haufen zu derselben gesellten, durch die zeitlichen Vortheile bewogen, welche sie dadurch zu erreichen meinten, und bei ihrem unveränderten Herzen, ihre heidnischen Laster mit in die Christenheit herüberschleppten. An dieser Krankheit leiden wir noch stets. Was für einen rohen, von den Heiden sich in ihren Sitten wohl wenig, oder gar nicht zu ihrem Vortheil unterscheidenden, unschlachtigen, unwissenden, ungläubigen und ungehorsamen Haufen, bildet die sogenannte Christenheit im Ganzen – und was wäre außer der großen Abgötterei und dem, was damit verknüpft ist, für ein heidnisches Laster, das nicht von Christen verübt würde? So sollte es aber nicht seyn, sondern jeglicher, der den Namen Christi nennt, auch abtreten von aller Ungerechtigkeit. – Die Lehre gerieht eben so sehr in Verfall, da man Menschenwitz und menschliche Satzungen damit verknetete, bis es so weit gekommen ist, daß die Gemeinen sammt ihren Predigern, die gesunde Lehre nicht mehr leiden wollen, sondern sich unverholen und entschieden im Ganzen dagegen auflehnen. –

 

So sind auch einzelne Seelen, welche Gottes- und Weltdienst in einander kneten und diesen beiden unverträglichen Herren zugleich dienen wollen, nicht aber nach dem wahren Spruch verfahren: Sagst du hiemit der Welt und was dem Fleisch gefällt, rein ab und Christo an: so ist die Sach gethan. Sie hinken auf beiden Seiten, nehmen vom Christenthum so viel an, als ihnen davon ansteht – und von der Welt, als ihnen davon beliebt. Die eine Lehre lassen sie gelten, die andere nicht, diese Gebote, jene aber nicht. Das sind böse Verknetungen und ein Alus, wo sich wahre Christen nicht aufhalten.

 

Bedenklich sind die Verknetungen von solcher Art, wenn die Menschen ihre Weisheit, oder vielmehr ihre Thorheit und Gottes Weisheit zusammenkuppeln, und ihre Spreu unter den reinen Waizen des göttlichen Wortes mischen; die Lauigkeit, welche Christus dem Engel von Laodicäa so nachdrücklich vorwirft, wo man nicht kalt und nicht warm, sondern lau, ein Gemenge von kalt und warm ist. Da wird Gesetz und Evangelium durcheinander gemengt, der freie Wille und die Gnade; die sogenannte und so gepriesene Toleranz und Duldung, wo man jeden glauben läßt, was er will, indem man sich selbst diese Freiheit auch vorbehält, doch aber das ächte Christenthum von dieser Duldung ausschließt. Wer wird nicht eine wirkliche Vereinigung der verschiedenen Religions-Partheien, namentlich der beiden Zweige der protestantischen Kirche zu Einer, im Geist und Wahrheit Evangelischen als höchst wünschenswerth betrachten und sie nach seinem Maße befördern? Aber wie mancher Vereinigungs-Versuch stellt sich als ein solcher heraus, der seine Wurzel in einem ganz anderen Element hat, als in dem des Geistes und der Wahrheit und einen ganz andern Namen verdient als den: evangelisch. Freilich wirft man ziemlich damit um sich. Wie aber jener gefragt wurde: Verstehst du auch, was du liesest? so möchte man manchen in Absicht dessen, was er sagt und wie er sich genannt wissen will, also fragen. Hüte sich ein jeder, daß es nicht von ihm heiße: Du hast den Namen, daß du lebest und bist doch todt; und möchte uns doch nicht im Ganzen vorgeworfen werden können: Du hast wenig Namen, die ihre Kleider nicht besudelt haben. War es dem alten Volke untersagt, wollen und leinen zugleich zu tragen, mit einem Ochsen und Esel zugleich zu ackern, oder mit mancherlei Saamen einen Weinberg zu besäen: wie viel weniger ziemt sich die geistliche Mengerei, für das neutestamentliche Volk. – Aber unsere Zeiten sind so. Wer sich nun von solchen Leuten reinigt, der wird ein geheiligt Faß seyn, zu den Ehren dem Hausherrn bräuchlich zu allen guten Werken bereitet.

 

Es beweisen aber auch manche gute Seelen, daß sie noch nicht zu Alus gewesen, und noch nicht gehörig geknetet worden sind. Bei manchen zeigt sich ein unreifer, fleischlicher Eifer, andere mit Gewalt zu bekehren und zu belehren. So wollen die Jünger, Feuer vom Himmel auf die Saramriter fallen lassen, die Jesum nicht aufnehmen wollten. Bei manchen tritt einiges zu grell, zu vereinzelt hervor, und bildet etwas Unförmliches. So wollen einige nur von der Heiligung, andere nur von der Rechtfertigung, diese nur von Pflichten, wie jene nur vom menschlichen Unvermögen hören, die einen sind zu geistlich, so daß sie bis zur Verachtung der Predigt des göttlichen Wortes und der heiligen Sakramente verfallen – jene zu buchstäblich. Viele haben eine so strenge selbsterwählte Form, daß sie alles verwerfen, was nicht in dieselbe hineinpaßt, eine bestimmte Art sich auszudrücken, und einen Widerwillen gegen jegliche andere Redensart, wenn sie auch dasselbe sagt, wobei sie unabläßig diesen oder jenen Lehrsatz aufs Tapet bringen, sollte es auch nur zum Zank seyn. Einigen ists nicht recht, wenn nicht jedesmal von dem Verhalten des Christen die Rede ist, und andere sind so schwach, daß sies nicht vertragen können, wenn nur eines pflichtmäßigen Verhaltens gedacht, und nicht mit aller Umständlichkeit dabei auseinandergesetzt wird, daß der Mensch dies aus sich selbst nicht zu leisten vermag, seine Rechtfertigung auch auf einem ganz andern Wege suchen müsse. Kurz, oft werden Wahrheiten auseinander gezerrt, die doch beisammen gehören, auf die Eine ein zu großer, auf die Andere ein zu geringer Nachdruck und Gewicht gelegt, was doch nicht in der Ordnung ist. Sie gleichen einer Masse, die noch nicht geknetet, und also hier zu feucht, und da zu trocken, hier zu viel, dort zu wenig gesäuert ist, da zu stark oder nicht stark genug gährt und aufgeht. Sie müssen nach Alus, um daselbst geknetet zu werden, wo sich vieles anders machen wird. –

 

Laßt uns davon noch einiges im guten und nothwendigen Sinne bemerken.

 

Zuerst bemerken wir denn, daß sich kein echter Christ mit den ersten Anfängen des Christenthums begnügt, noch begnügen darf. Er meint nicht schon am Ziel zu seyn, und alles erkannt und erfahren zu haben, wenn er einige Einsichten in sein Verderben und in das Evangelium empfangen hat. Er wird nicht satt und denkt nicht, ich bins nun. Freilich kommt eine anfangende Seele, besonders wenn ihr Bußkampf scharf, und die darauf erfolgte Tröstung und Versicherung von der Vergebung der Sünden, recht kräftig und durchdringend war, wohl auf die Gedanken: nun sei sie fertig, welches auch wohl wahr ist. Allein diesen Zustand möchte man nur mit Raemses, d.i. dem Freuden-Donner vergleichen – und das war doch nur die erste Lagerstätte, wo noch neun und dreißig andere und dann noch vollends der Jordan – der Strom des Gerichts übrig ist. Halte dich herunter zu den Niedrigen. Willst du eine nützliche Meinung von dir selbst haben, so glaube von Herzen, du seist weniger oder gar nichts, deine Einsichten und Erfahrungen seien noch von gar geringer Bedeutung, und es müsse alles noch viel tiefer gehen, so irrest du dich gewiß icht. Wohl aber irrest du dich, wenn du meinst, du seiest etwas, es wäre denn, daß du mit Paulo hinzusetzen könntest: durch Gottes Gnade. Die Corinther waren satt worden, und der zur Laodicäa sagte: ich bin rreich. Aber diesen tadelt Jesus, jene sein Apostel. –

 

Wir sind gleichsam eine Masse Mehl, wie der Herr dieses Bild vom Reiche Gottes braucht. Soll dieses Mehl genießbara werden, so muß das Weib, d.i. der heilige Geist, diese Mutter aller Kinder, die Gott geboren werden, ein wenig Sauerteig hineinlegen, derselbe aber die ganze Masse durchsäuern, und sie deswegen mit demselben verknetet werden. Dieser Sauerteig ist Christus selbst, welcher uns von Gott gemacht ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung, welcher Licht, Leben, Wahrheit, welcher uns Alles ist. Zwischen ihm und unserer Seele, muß eine wahrhafte Vermählung und Vereinigung geschehen, welche in der Wiedergeburt beginnt, in der Heiligung fortgesetzt, und in der Verherrlichung vollendet wird. Ist eine Seele durch die Barmherzigkeit Gottes in Kraft des heiligen Geistes zu dieser Vereinigung mit Christo gelangt, so sagt Paulus mit Recht: wir haben einen Schatz in uns, wenn gleich in irdenen Gefäßen. Sie ist geborgen, die also beglückte Seele, die Christi theilhaftig geworden ist, sie ist vom Tode zum Leben durchgedrungen, sie ist reich, ja vollkommen in ihm. Luther nennts: „wir sind mit Christo ein Kuchen geworden;“ Paulus aber: „eine Pflanze mit ihm“ und zeigt dann die köstliche Gemeinschaft mit Christo in seinem Leiden, Tode, Begräbniß, Auferstehung und Himmelfahrt. Röm. 6.

 

Dennoch aber sagt dieser große Apostel: nicht daß ichs schon ergriffen habe, und begehrt zu erkennen, Ihn und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden, daß er seinem Tode ähnlich werde und hinankomme zur Auferstehung der Todten. Phil. 3. Mit Christo ist ein Licht in die Seele gekommen. Dies Licht soll sie aber mehr und mehr durchleuchten, bis daß sie ein Licht werde in dem Herrn; ein Leben ist in die Seele gekommen: dies Leben soll sie mehr und mehr durchdringen, daß sie auch sagen könne: ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebet in mir; die Weisheit ist in ihr, die soll sie mehr und mehr erfüllen, daß es von ihr heißen könne: ihr wisset alles, denn ihr habet die Salbung von dem, der heilig ist. Die Vollkommenheit ist in ihr, und alle sollen hinzu kommen zu einerlei Glauben und Erkenntniß des Sohnes Gottes und ein vollkommener Mann werden, nach dem Maße des vollkommenen Alters Christi, und zunehmen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus. Eph. 4. Der Herr redet von einem Essen seines Fleisches und Trinken seines Blutes, und deutet eben damit auf die allergenaueste Verbindung der Seele mit ihm, woraus nothwendig die allerseligsten Folgen entspringen müssen. –

 

Dies ist also das Ziel, der Zweck. Er zeigt uns etwas vortreffliches. Aber welcher Weg führt zu diesem Ziele? Der Begriff des Knetens, zeigt wohl für die Natur nichts angenehmes an, so wie die Sache selbst, eine nicht geringe Arbeit. Sie geschieht mit den Händen, aber auch, wenn der Teig groß ist, mit den Füßen. So hatten die Kinder Israel auch einst den Leimen treten und kneten müssen, als sie genöthigt waren, Ziegelsteine zu verfertigen. Nun aber mußten sie selbst gleichsam der Leimen seyn und sich treten und kneten lassen. Wie mochte ihnen dabei zu Muthe sein! Nun müssen sie ihr Lager, ihre Zelte aufschlagen; kaum sind sie im Begriff, sich zur Ruhe zu begeben, so erhebt sich die Wolkensäule wieder, und nöthigt sie, wieder aufzubrechen, vielleicht mitten in der Nacht, um etliche Meilen weiter sich wieder niederzulassen; dann mangelts an Brod, dann wieder am Wasser. Heißt das nicht kneten? Gott sagt durch den Propheten Jesaias Cap. 41.: ich erwecke einen Gerechten, der soll ihnen meinen Namen predigen, und über die Gewaltigen gehen, wie über Leimen, und wie ein Töpfer den Ton tritt. Was heißt das anders als: er wird sie demüthigen, ihnen anzeigen, daß sie nichts sind, und ihr Thun aus nichts, wie es gleich vorher heißt. Noch nachdrücklicher spricht Ezechiel Ccap. 21.: wer sich erhöhet hat, soll erniedrigt werden, und wer sich erniedrigt hat, soll erhöhet wreden. Ich will die Krone zu nichte, zu nichte, zu nichte machen, bis der komme, der sie haben soll, dem will ich sie geben.

 

Durch Kneten wird bewirkt, daß die ganze Masse genau mit sich selbt, und dem Sauerteig verbunden, an einander hängt, und Ein Ganzes ausmacht, indem sie ihre natürliche Beschaffenheit verliert, und eine andere annimmt. So sind alle wahre Christen Ein Leib, dessen Haupt Christus ist. Ein Geist lebt in ihnen allen, der von Christo in sie übergeht. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch alle und durch euch alle, und in euch allen. Das Eigene muß mehr und mehr aufhören, um Christo Raum zu geben, daß es heißen könne: nicht ich, sondern Christus in mir. Die Liebe soll alle als ein festes Band umschließen, und alle Getheiltheit je länger, je mehr wegfallen, daß es wieder werde, wie es zu Jerusalem war, Ein Herz und Eine Seele. Besonders aber soll die Seele immer inniger mit Christo vereinigt werden, und in ihm Glauben anhangen. Wer aber dem Herrn anhängt, ist Ein Geist mit Ihm.

 

Da wird freilich noch ein tüchtiges Kneten erforderlich seyn, wodurch das Eigene unter die Füße getreten werde, und die Liebe emporkomme. Doch wird sie ja auch jetzt unter wahren Christen sichtbar, wie gebrechlich auch.

 

Wehe aber denen, welche endlich als beharrlich Unbußfertige, unter die erschrecklichen Füße Gottes gerathen, daß er über ihnen hergeht, wie über Leinen und wie Feinde, die gelegt werden zum Schemel seiner Füße. Wohl aber allen, die mit dem Süßteig der Lauterkeit und Wahrheit, also verknetet werden, daß sie ein neuer Teig und auf eine unzertrennliche Weise mit Christo und seiner Gemeine zu Einem Ganzen verbunden worden. Geht’s denn auch wunderlich, so geht’s doch herrlich. Endlich werden doch Schmerz und Seufzen weg müssen. Freude und Wonne werden sie ergreifen und ewige Freude über ihrem Haupte seyn. Amen.

 

 

 

Vierzehnte Predigt.

 

Zehnte Lagerstätte: Raphidim.

 

4. Buch Mose 33,14.

 

Es ist eine kleine, aber liebliche Geschichte aus der Zeit der Sündfluth, welche uns 1. B. Mos. 8,9 erzählt wird. Die Arche hatte sich endlich auf dem Gebürge Ararat gesetzt, und die Spitzen der Berge ragten wieder aus dem Wasser hervor, das sich nach und nach wieder verlief. Jetzt wollte Noah gern wissen, wie es auf der Erde aussah und ließ einen Raben fliegen. Dies unreine Thier, froh dem Kasten entkommen zu sein, kam nicht wieder, da es hinreichend eine, seiner Natur angemessene Nahrung fand; ein Bild aller unreinen Menschen, deren Begierden eben außerhalb dem Christenthume ihre Befriedigung suchen und keine Anhänglichkeit an den himmlischen Noah haben. Jetzt ließ er eine Taube heraus. Sie flog weit umher, fand aber nicht, wo ihr Fuß ruhen konnte. Sie kehrte zur Arche zurück und umflatterte dieselbe. Mitleidig streckte Noah seine Hand aus und nahm sie zu sich in den Kasten.

 

Nahm sie zu sich in den Kasten. Das thut der himmlische Noah in vollem Maße alsdann, wenn er die gläubige Seele durch den Tod zu sich in den Himmel nimmt, wo sie ruht von aller ihrer Arbeit. Aber auch hienieden beweiset er sich von Zeit zu Zeit so holdselig gegen die Seinen. Wohl müssen sie zuweilen aus dem Kasten, aber ihr Hang und Sehnen ist doch nach demselben, und sie finden nicht, wo sie außer demselben ruhen möchten. Die Flügel, die sie brauchen, sind ihre Begierden, ihr Verlangen, und dem kommt Jesus zu Hülfe, streckt seine Hand aus und nimmt sie zu sich in den Kasten.

 

So giebts in der Wüste dieses Lebens auch angenehme Ruhepunkte, und von der Art war auch einigermaßen die 10te Lagerstätte der Kinder Israel, von welcher wir heute einiges zu bemerken gedenken.

 

Von Alus zogen sie aus und lagerten sich in Raphidim, daselbst hatte das Volk kein Wasser zu trinken. – Dies ist die 10te Lagerstätte und somit der vierte Theil von der ganzen Summe. Boten die beiden vorigen Lagerstätten wenig Merkwürdiges dar, so daß wir uns blos an die Bedeutung der Namen halten mußten, um daraus einige Lehren und erbauliche Anmerkungen zu schöpfen: so enthält diese desto mehr Bemerkenswerthes, mit dessen Erzählung sich im 2ten Buche das ganze 17te Kapitel beschäftigt; auch gedenkt die heilige Schrift mehrmals der Vorgänge in Raphidim, z.B. Psalm 78. 95. 105., 1. Cor. 10., Hebr. 3. – Diese Lagerstätte hat drei Namen, denn sie heißt auch Massa und Meriba. Laßt uns denn erst einiges von dieser Lagerstätte und dann von den Vorgängen daselbst bemerken. –

 

Wir wissen schon – was die Lage dieser 10ten Lagerstätte betrifft – daß sie sich nach Canaan hinneigt, und daß sich das Abweichen von der geraden Heerstraße bei Alus schloß. Die Beschaffenheit derselben war auch nicht übel, den 1stens war’s doch schon was Angenehmes, daß sie nun die Wüste Sin, die Dornenwüste, hinter sich hatten. Es giebt im Christenthume einzelne, besondere Anfechtungen, welche den Christen, wie auf den Tod quälen können, und deren er sich doch durch alle Anstalten, die er trifft, nicht entledigen, sich auch nicht darein ergeben kann, als in ein Verhängniß Gottes über ihn. Da sieht er kein Durchkommen, denkt wohl, er werde sein Lebenlang nicht aus dieser Dornenwüste herauskommen und glaubt, wenn er nur einmal da heraus wäre, so wollte er alles nicht mehr achten! Und siehe, er kommt endlich heraus, kann sich jedoch wohl nicht ohne Grauven daran erinnern, wie es ihm in Daphka und Alus ging. – Es war 2tens ein Thal, von Bergen umgeben. Freilich haben auch Thäler ihr Beschwerliches, sowol wie das bergab- und angehen – und der alte Lodenstein hat wohl Recht, wenn er singt:

 

Aug’ empor! mein Herz nach oben!
Hier auf Erden ist es nicht.
Das rechte Leben, Lieben, Loben
Ist nur, wo man Jesum sieht.

 

Die Schrift sammt der Erfahrung reden auch von einem Thränen- von einem Jammerthal – ja von einem Thal der Todesschatten – lauter Furcht erregende Namen. Es giebt auch ein Thal der Demuth, und wer darin zu wandeln versteht, der thut ziemlich gleichförmige Schritte! In dies Thal muß ein Jeder und kommt ein Jeder, der nach Canaan reiset. Er wird demüthig und immer demüthiger. Und den Demüthigen giebt Gott Gnade. Die wahre Demuth entsteht aus der innigen Ueberzeugung seiner Nichtigkeit und Sündigkeit. Sie ist durchaus nichts Gemachtes oder Aeußerliches, sondern etwas Wahrhaftes, so daß ein wahrhaft Demüthiger sich nicht für demüthig hält, sondern nicht wüßte, wie er anders von sich denken sollte, als sehr gering und schlecht, wie er auch thut. Ja, der wirklich Demüthige hält sich für gar nichts, wie wir ja auch wirklich nichts sind, als was der Herr aus Gnaden aus uns machen will – und ist damit wohl zufrieden. Demüthig thun aber und demüthig reden, macht’s gar nicht aus, und solche heuchlerisch Demüthige würden sich vermuthlich nicht wenig entrüsten, wenn man ihnen erklärte: man sei überzeugt, daß sie nicht Ursache haben, anders als sehr gering von sich zu halten. – So lange wir’s Christo nicht ganz und gar können gelten lassen, wenn er z.B. sagt: ihr vermögt das Geringste nicht; ohne mich könnt ihr nichts thun; so lange wir Paulo nicht nachsagen können: ich bin der größte unter den Sündern, ich bin eine unzeitige Geburt, ein Narr, nichts – werden wir keine Ursache haben, uns für demüthig zu halten. Schwerlich wird auch Jemand demüthig sein, der nicht zu Daphka geschlagen und zu Alas geknetet und getreten wurde. Herunter muß der Mensch von den Bergen des eigenen Wissens, Könnens und Seins, in’s Armenhaus, wo er seine ganze Substistenz vom Geben haben muß und bald spärlich, bald reichlich empfängt, zuweilen auch mit Brod und Wasser vorlieb nehmen, oder gar ein wenig hungern und dursten, auch wohl eine schnöde Behandlung erfahren muß, wie es dem weisen Pfleger der himmlischen Güter beliebt. Laßet uns allesammt noch geringer werden denn also. Laßet uns uns für noch größere, abscheulichere, nichtswürdigere Sünder halten, wie bisher, wozu wir ja gar große Ursache haben; laßt uns unsere Versehen fernerhin nicht mehr für so geringe halten und so leicht darüber hinhüpfen, wie Viele zu thun geneigt sind; laßt uns noch gründlicher lernen und gluaben, daß wir außer Christo nichts verstehen und nichts können, noch gründlicher glauben lernen, daß sein Opfer allein uns angenehm macht. –

 

Raphidim war 3tens ein sehr angenehmes Thal, ist es wenigstens heut zu Tage. Personen, welche jene Gegend bereiset haben, bezeugen, es gäbe daselbst ein Kloster, dessen einsame Bewohner sehr schöne Garten haben; besonders sei die Dattelpalme daselbst häufig, deren liebliche Frucht mitten in der grauenerregenden Wüste desto willkommener sein muß, je weniger man sie da erwartet. Welche angenehme Ueberraschung mußte dies den Kindern Israel gewähren, hier ein zweites Elim zu finden? David rühmt: Du bereitest mir einen Tisch gegen meine Feinde. In den Wegen des Herrn geht’s nicht immer gleich reichlich und auch nicht immer gleich knapp herum. Die lieben Jünger hatten wol einmal Hunger, mußten auf die Frage: Kinder, habt ihr nichts zu essen? mit Nein antworten und Aehren ausraufen, um sich an den ausgeriebenen Körnern zu erquicken. Zuweilen hatten sie aber auch Wein und Braten auf ihrer Tafel, und einen schönen Saal und eine Menge von Fischen, daß sie nicht damit zu bleiben wußten. So gehts noch im Geistlichen. Leset die Psalmen, von wie verschiedenem Inhalt sind sie. Da weint und jammert der eine Psalm und geht wie aus dem tiefsten Baßton, daß man zweifeln sollte, ob der wol je wieder heiter aussehen werde; da ringt er mit Gott und spricht sich selbst Muth zu, fleht und bettelt und ermahnt Gott zum Erwachen, als wäre er eingeschlafen, zum Aufstehen, als sitze er da müßig. Ein andrer Psalm rühmt und jauchzt, als ob alles überstanden sei, rühmt sich seiner Unschuld, Frömmigkeit und Gerechtigkeit, als wäre kein Fehl daran, daß man denken sollte – nie würde der darnieder liegen, so fest ist sein Berg gesetzt, durch des Herrn Wohlgefallen. Und dies ist die Geschichte des einzelnen Christen. Oft eh’ wir’s uns versehn, läßt er uns viel Guts gescheh’n. Oft findet ein zerschlagenes Herz gleichsam mitten in der Einöde ein Raphidim, einen Lustgarten, und erquickende Datteln, wird auf die angenehmste Weise mit einem Trost überrascht, den solches noch fern glaubte. –

 

Dies Thal bekam mehr als einen Namen. Zuerst hieß es Raphidim; dieses Wort wird auf mehr als eine Weise übersetzt. Erstlich heißt es Ruhebette. Eine erwünschte Sache für einen Müden, wenn anders das Lager, worauf er ruht, nur rechter Art ist. Jesus bietet den Ermüdeten und Arbeitenden das rechte Ruhelager an, wenn er ruft: her zu mir, ich will euch erquicken; nehmet auf euch mein Joch, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Ihm ist aufgetragen, ihm ist es allein vorbehalten, uns das große Gut der wahren Seelenruhe zu verleihen, welche aus der vollkommenen Befriedigung aller Begierden entspringt und allein in seiner Gemeinschaft zu finden ist. Vergeblich sucht sie der verblendete Mensch in irdischem Besitz und sinnlichem Genuß. Es bestätigt sich noch immer, was Salomo sagt: das Auge sieht sich nimmer satt und das Ohr hört sich nimmer satt. Die Begierden des Menschen sind viel zu weitläufig, als daß sie durch ein endliches Gut gestillt werden könnten, denn Gott, sagt der nemliche Weise, hat den Menschen die Ewigkeit in’s Herz gegeben. Setzt daher Jemand seine Glückseligkeit in Reichthum, bildet er sich vielleicht ein, er werde nichts mehr begehren, wenn er nur erst ein solches Vermögen besitze, glaubt er, er werde dann nach nichts mehrerem streben, sondern ganz vergnügt sein, wenn er nur dies Ziel erreicht habe, so irrt er sich und gleicht einem Menschen, welcher einem Schatten nacheilt und wenn er ihn greift, doch nichts hat. Es ist gewiß, daß ein Armer sehr vergnügt und ein Reicher sehr mißvergnügt sein kann. Das Nemliche gilt von allen andern geschaffenen, sichtbaren und sinnlichen Dingen. Wer des Wassers trinket, den wird wieder dürsten. – Dieses bezieht sich nun blos auf die Zeit des Aufenthalts des Menschen in dieser armen Welt. Aber was die zukünftige betrifft, so täuscht sich der Mensch, welcher seine Hoffnung für diese auf dasjenige gründet, was er selbst ist, weiß, kann und hat, welches nichts als Sand ist, der zum Fundament nicht taugt. Es ist nichts als Verwegenheit, wenn ein Mensch meint, er dürfe sich auf seine eigenen Werke, Verstand und Kräfte verlassen, und es ist eine große Barmherzigkeit, wenn ihm in der Buße die Unzulänglichkeit von diesem allen also aufgedeckt wird, daß er sich nach einem andern Grunde seiner Ruhe umsehen muß. So will es die Schrift. Was gilt vor dem Richterstuhle derselben alle Weisheit, da sie erklärt: die Weisheit der Weisen will ich zu nichte machen, und den Verstand der Verständigen verwerfen? was weise ist bei den Menschen, das ist thöricht bei Gott. Was wird aus unsern besten Werken, wenn ein genaues Licht uns zeigt, wie befleckt sie sind, wenn Gott sich selbst dahinter her macht, und sie als solche anzeigt, die kein nütze sind; und wenn im Ganzen festgesetzt wird, daß durch des Gesetzes Werk kein Fleisch gerecht wird? Ach! gewiß ist der angestrengteste Fleiß und die soglichste Genauigkeit im Wandel nicht genugsam, auch nur des Menschen eigenes Gewissen zu beruhigen, wenn es anders sein Amt gehörig versieht, wie sollte es daraus sogar eine Freudigkeit auf den Tag des Gerichts schöpfen können? – Will sich Jemand auf sein Herz verlassen, so erklärt ihn die Schrift für einen Narren und für blidn zugleich, als der nicht weiß, daß er arm ist und elend, jämmerlich, blind und bloß. Will Jemand sich mit der Barmherzigkeit Gottes beruhigen, so ist dies allerdings ein wichtiger Grund. Allein wird er nicht auch dadurch wankend gemacht, daß Gott doch eben so unleugbar gerecht und heilig, als barmherzig und gütig ist und eben so wol droht, als freundlich redet. Empfangene Versicherungen von der wirklich erlangten göttlichen Gnade und Vergebung der Sünden sind etwas ungemein Köstliches. Aber sei geben so wenig einen fortwährenden Beruhigungsgrund, als die sonstigen Tröstungen und Süßigkeiten, obschon es allerdings heißt: Vergiß nicht, was Er dir Gutes gethan hat. Wer ist aber, der ihrer aus Gnaden theilhaftig geworden wäre und nicht wüßte, daß die nachdrücklichsten Versicherungen doch wieder so bestritten und verdunkelt wreden können, daß sie der Seele wie ein Traum, wie eine Täuschung erscheinen, wenigstens unvermögend sind, sie völlig zu beruhigen, mag sie auch aus der Erinnerung daran einen gewissen Muth schöpfen, im Wege der Gerichte auf den Herrn zu harren. – Die wahre Ruhe ist lediglich in dem theuern Namen Jesu anzutreffen, in demjenigen was er ist, was er uns ist, was er gethan hat und noch thut, uns Elenden zu gut. Insbesondere ist es sein ewig gültiges Opfer am Kreuz, wodurch er in Ewigkeit vollendet hat, alle die geheiligt werden, was einen vollkommenen Beruhigungsgrund, auch für den ärmsten Sünder darbietet. In ihm, dem Geliebten, sind wir angenehm gemacht auf einmal, durch das Opfer seines heiligen Leibes, und das gilt auch immerhin. Wir sind vollkommen in ihm, so daß nichts mehr hinzugethan zu werden braucht, noch hinzugethan werden kann noch darf. Dazu gesellt sich nun alles übrige, was wir an ihm haben, so daß er das Eine ist, was noth thut und hinreicht, denn er ist uns ja von Gott gemacht zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung. Und ist darin denn nicht alles zusammengefaßt, was uns nöthig und heilsam ist? und ist’s nicht etwas Köstliches dabei, daß Alles in dem Einen ist, wir also nicht nöthig haben, das eine in diesem, das andere in jenem Winkel nachzusuchen, sondern alles in Einem antreffen?

 

Sobald nun der heilige Geist der Blinden Augen öffnet, dies zu sehen, und der Tauben Ohr, das zu hören, so bereitet sich ein lustiges Thal um sie her, so bereitet sich ihr ein köstliches Ruhebette, worauf sie sich niederlegen, ihre müden Glieder erquicken und ganz mit Frieden schlafen kann, wenn sie nach dem 3ten Psalm auch viel hundert Tausende umher wider sie legten. Dies ist ein Schlaf, wobei das Herz wachet, und woraus der Freund die Seele nicht geweckt wissen will. Da werden alle Seelenkräfte in eine anmuthgie Stille eingewiegt. Das Herz ist nicht mehr wie ein ungestümes Meer, sondern wie ein stiller Spiegel, worin sich der Himmel abmalt. Die nagenden Sorgen haben weggemuß und sind auf den geworfen, der so treulich, so hirtenmäßig sorgt. Die Seele braucht nicht mehr ängstlich auf sich selbst zu sehen, sondern hat sich selbst über dem Aufschauen auf Jesum, den Anfänger und vollender, seliglich aus den Augen verloren und braucht sich um sich selbst nicht mehr zu bekümmern, wie sie bisher mußte, ohne etwas dadurch auszurichten, als daß sie sich in der Menge ihrer Wege zerarbeitete und immer müder wurde. Sie braucht nicht selbst zu wirken, sondern genießt nur die Früchte dessen, was er ausgemacht, da er uns in dem Gerichte längst mit Ehren durchgebracht. Seine Gebote sind ihr jetzt nicht schwer, und indem sie von Ihm lernet, findet sie ihn sanftmüthig und von Herzen demüthig, sein Joch aber sanft und seine Last leicht. Wohl heißt’s davon im 108ten Liede: wenn diese steht, kann nichts entsteh’n, was meinen Geist betrübe. Da sind denn die 6 langen Werktage einmal herum und der Sabbath bricht an, wovon es heißt: da werdet ihr keine Arbeit thun, sondern erfahren, daß ich der Herr bin, der euch heiligt. Da gürtet sich der Herr und erweiset sich als ein solcher, der nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu dienen; als ein Hirte, bei welchem die Schafe volle Genüge haben.

 

Ach, wer sollte den armen Kindern Israel dies Raphidim nicht von Herzen gönnen. Die schauerliche Wüste Sin war nicht Schuld daran, daß ihnen nicht Schuhe und Kleider zerrissen und Hände und Füße zerfetzt waren. So ruht denn hier ein wenig aus. Esset, meine Lieben, und trinket, meine Freunde, und werdet trunken. So hat man Ruhe, so erquickt man die Müden, so wird man stille. Ergötzt euch mit daran, ihr müden, keuchenden Pilger. Geht noch ein wenig berg hinan, bald ist’s gethan. Auf die Werktage folgt doch ein Sabbath, auf die Arbeit Ruhe, die um so erquicklicher ist, je sauerer und länger jene war. Werfet euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Jesus ist der rechte Noah und Ruhegeber, und er wird doch endlich seine Hand ausstrecken und die flatternde Taube, welche nicht fand, wo ihr Fuß ruhen konnte, zu sich in den Kasten nehmen.

 

Raphidim wird aber auch übersetzt: lasse Hände und derselben Heilung. Lasse Hände sind solche, welche, des Werk’s überdrüßig, dasselbe liegen lassen und aufgeben wollen. So war Israel hier des Reisens auch überdrüßig und verdrießlich, daß es sich aus Egypten hatte führen lassen. Wenn die Schrift ermahnt, aufzurichten die lassen Hände und die müden Kniee, so setzt dies voraus, daß sich diese Versuchung bei Christen einstellen kann. Es kann sich ihrer eine Muthlosigkeit bemeistern wollen, als ob sie nur alles d’rangeben sollten, weil es doch vergeblich sei. Es kann jemanden bedünken, als möge er das Beten nur einstellen, weil es doch ganz fruchtlos bleibe, und des Kampfes müde, kann er die Waffen wegwerfen wollen. Diese Muthlosigkeit ist eine üble Sache und es wird daher ausdrücklich geboten, den verzagten Herzen zuzurufen: seid getrost! – Geduld aber ist euch noth, auf daß ihr den Willen Gottes thut und die Verheißung empfahet. Man muß lernen, auf eine unermüdliche Art auf den Herrn und seine Hülfe zu harren, und wenn er verzeucht, so heißt es doch fortwährend: harre sein, denn der Herr wird gewißlich kommen und nicht verziehen. – Immer auf’s neue muß man sich zum Kampf rüsten und mit dem Widerstand seinen Muth verdoppeln. Es ist aber schön, daß Raphidim nicht bloß auf lasse Hände, sondern auch auf die Heilung derselben bezogen werden kann. Geheilt werden sie aber, wenn der heilige Geist die Seele seiner kräftigen Einwirkung würdigt und sie tröstet, wo sie alsdann läuft den Weg seiner Gebote. Denen, die auf den Herrn harren, ist ja auch eine neue Kraft zugesagt, und er wird uns als ein solcher vorgestellt, der den Müden Stärke und Kraft genug dem Unvermögenden gibt. Wenn der Geist wieder all’ das Gute zu Gesichte bekommt, was wir in Christo haben, so wird der Glaube wieder kräftig. – Es ist sehr schade, aber nicht selten, wenn es von Christen gilt, was Paulus den Galatern vorrückt: ihr liefet fein, wer hat euch aufgehalten? und Jesus klagen muß: du verläßt die erste Liebe, auch hinzugesetzt: gedenke, wovon du gefallen bist und thue Buße, und thue die ersten Werke. Wo aber nicht, so werde ich dir bald kommen, und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wo du nicht Buße thust. – Es ist betrübt, wenn Christen nach und nach also in weltliche Händel, Geschäfte, und Umtriebe zerstreuet und verstrickt werden, daß man sie kaum mehr erkennt und zwischen ihnen und ganzen Weltmenschen keinen bedeutenden Unterschied gewahr werden kann. So eifrig sie früher waren, so nachlässig sind sie jetzt, als ob sie jetzt was Dringenderes unter Händen hätten, als sich nahe zum Herrn zu halten. Reden sie etwa noch vom Christenthum, so betrifft es nur Dinge, die sich schon vorlängst mit ihnen zugetragen haben, und die mehr ihren Sitz in der Erinnerung und im Gedächtniß, als in jetziger Erfahrung und im Herzen haben. Vielleicht tragen solche nicht einmal sonderlich Leide über ihren geistlichen Verfall, mögen sich daran nicht mahnen lassen oder sprechen gar: ich bin reich und habe gar satt, und darf nichts. So darf’s aber nicht bleiben. So ist’s gar dem echten Christenthum nicht gemäß, und solche Seelen haben alle Ursache, stark daran zu zweifeln, ob wol jemals ein echtes Gnadenwerk in ihnen begonnen, und ob es nicht viel rathsamer für sie wäre, die Gnade der ersten Buße ernstlich zu suchen, als sich mit der beständigen Bewahrung der Gläubigen zu beruhigen, und ernstlich zu wirken, statt sich einzubilden, Jesus habe es ihnen durch sein Werk erworben, so leblos dahin zu gehen, was ein grober Mißbrauch und Mißverstand ist. Unsere Verstandsbegriffe mögen wol sehr richtig sein. Ist es aber eine Erkenntniß, wie sie sein soll, so wird sie uns gewiß nicht unfruchtbar sein lassen: sondern sich als eine solche in uns und an uns weisen, die da kräftig wirkt. – Seelen, die über ihre Unfruchtbarkeit und Trockenheit Leide tragen, sie beweinen, sich dadurch zum Herrn und den Gnadenmitteln treiben lassen, sind von anderer Art, und mit jenen nicht zu verwechseln. Diese mögen an Mosen denken, der einen Aaron und Hur hatte, welche seine lassen Hände, wenn sie sanken, wieder aufrichteten. Ich will Wasser gießen auf die Durstigen und Ströme auf die Dürre.

 

Das Verhalten der Kinder Israel machte, daß dies Raphidim auch ein Paar böse Namen bekam, nemlich Massa und Meriba, auf deutsch: Versuchung und Zank. Die Geschichte war diese: Die armen Leute zogen wohl aus der Dornenwüste und mochten darüber wol sehr froh sein. Aber ach! nun fehlte es ihnen – und woran? an etwas, das man durchaus nicht entbehren kann – an Wasser. Raphidim muß also damals der lustige Ort nicht gewesen sein, wie neuere Reisende ihn beschrieben haben, oder ward es erst, durch das Schlagen des Felsen. Ich erstaune. An Wasser fehlte es ihnen? Und ihre Führung war doch ganz unbezweifelt nicht ihre eigene Wahl, sondern des Herrn ausdrückliche Anordnung? Und dabei geht’s ihnen also! – Wenn sie sich später beschweren, daß sie keine Fische, kein Knoblauch, Zwiebel und Melonen haben – das schlage ich nicht an, das sind Dinge, die lassen sich entbehren – aber Wasser! – Hat’s euch auch wohl je daran gefehlt, wie durstig ihr auch waret? Ich meine aber nicht natürliches Wasser, in welchen Fall wir wohl so leicht nicht kommen – sondern geistliches Wasser? Oder ist euch das ein noch fremderes Ding, als es der Samariterin war? David durstete einst nach Gott und schrie so nach ihm, wie die Hirsche nach Wasser. Seine Seele war einmal geistlicher Weise vertrocknet, daß sie einem Lande glich, wenn es im Sommer dürre wird. Bei den Propheten wird einmal von Elenden geredet, die Wasser suchen und finden keins, und deren Zunge verdorret vor Durst. Aber, spricht der Herr, ich will sie erhören, ich, der Gott Israel, will sie nicht verlassen.

 

Doch die Kinder Israel hatten hier kein natürliches Wasser, dessen man doch für dies leibliche Leben so wenig entbehren kann, als des Wassers des heiligen Geistes für das geistliche und ewige Leben. Warum ließ gott es ihnen denn wohl daran mangeln und sie diesen Mangel auf eine nachdrückliche Weise fühlen? – Weil er ein wunderbarer Gott ist, der die Seinen bald so, bald anders führt; weil sie sich selbst sollten kennen lernen, weil sie gründlich auf’s neue überzeugt werden sollten, wie unbeschreiblich nöthig sie Ihn hätten und wie abhängig sie von ihm waren; weil sie an sich selbst und aller Creatur desto tiefer verzagen und ihre Hoffnung desto ausschließlicher auf ihn setzen sollten; weil sie erweckt werden sollten, aus einer tiefen Tiefe der Noth zu Gott zu schreien, weil sie es einsehen sollten, wie Gott es mit ihnen machen könnte, wenn er wollte, also lernen, sich vor ihm zu fürchten; aber er ließ sie auch deßwegen in diese Noth kommen, um Gelegenheit zu haben, sie herrlich daraus zu erretten und sich selbst in seiner wundervollen Herrlichkeit zu zeigen. Dies waren ohne Zweifel einige von den Zwecken, welche diese Führung beabsichtigte. –

 

Wie benahm sich denn das Volk in dieser Noth? Sehr übel, und das böse menschliche Herz tritt bei ihnen recht in seiner unartigen Gestalt hervor, so daß wir an ihnen sehen können, wessen wir fähig sind, wenn uns nicht der gute Geist Gottes auf rechter Bahn leitet. Sie zanken mit Mose. Sie machen ihm einen Vorwurf wegen der großen Wohlthat, die er ihnen als ein göttliches Werkzeug, durch die Erlösugn aus der egyptischen Sclaverei, erwiesen und sagen, er solle sie lieber dort gelassen haben, statt sie in ein solches Unglück zu führen, das größer sei, als alle egyptische Drangsale. Voll Zorn, fordern sie von ihm Unmögliches. Er soll ihnen zu trinken geben. Aber was kann Moses, was kann das Gesetz einer verschmachtenden Seele geben? Wie vergeblich wendet sie sich zu dem hin, der kein einziges Gebot hat, das lebendig mache. Und doch wendet man sich zuerst und immer wieder an ihn, der uns doch auf einen Propheten weiset, dem er nicht genugsam ist, sich vor ihm zu bücken und ihm seine Schuhriemen aufzulösen. – Dieser arme Mann, der mit den übrigen in gleicher Noth war, sollte helfen und konnte es nicht. Ach! wie leicht verlassen wir die lebendige Quelle, um uns zu löchrichten Brunnen zu wenden, die kein Wasser geben. Dabei forderten sie mit solchem Zorn und Ungestüm Wasser von ihm, daß sie Miene machten, ihn zu steinigen, wenn er’s nicht alsbald thäte. So wird der Mensch ordentlich einem wilden Thiere ähnlich, wenn seine Leidenschaften erwachen. –

 

Sie ließen es auch dabei nicht, nur wider Mosen zu murren, sondern sie vergriffen sich an Gott selbst, indem sie fragten: ist Gott unter uns oder nicht? Sie fragten dies nicht mit einem bekümmerten Herzen, etwa wie Gideon, als er sagte: ist der Herr mit uns, warum ist uns denn solches alles widerfahren? nicht, weil sie einen niederschlagenden Zweifel darüber empfunden hätten, ob er wohl mit ihnen sei, oder sie ihn nicht wohl durch ihre Sünden von sich gescheucht hätten. – Nein, daran war gar kein Gedanke. Vielmehr waren sie voll eigener Gerechtigkeit, und meinten, Gott sei verpflichtet, hier zu helfen, könne es aber vielleicht nur nicht. So forderten ihre Nachkommen von Jesu auch ein Zeichen vom Himmel. Nicht, als könnte er das, sondern vielmehr nur, um einen Beweis mehr für ihren Unglauben zu haben. Und so ist des Trotzens gegen Gott viel unter den menschen. Sie verlangen, er solle sich nach ihren Wünschen und Einsichten bequemen, thut er das nicht, so halten sie sich für berechtigt, sich um ihn nicht zu bekümmern, und das Gebet sammt dem Vertrauen auf ihn zu verlachen, als wäre kein Gott. Dagegen aber heißt es: demüthiget euch unter die gewaltige Hand Gottes. Erkennet erst eure Sünde und Unwürdigkeit, und lernet dann aus der Tiefe eurer Noth zu Gott schreien, so wird er sich als ein solcher zu seiner Zeit erweisen, der den Elenden herrlich hilft. –

 

So kläglich, so sündlich und strafbar benahm sich das Volk. So kläglich benimmt sich überhaupt der natürliche Mensch. Nur Moses benahm sich in dieser Noth so, wie es sich für einen Christen ziemt. Geduldig und sanftmüthig nahm er die Beleidigungen des Volks hin und erzürnte sich nicht. Er verzagte in dieser allerdings großen Noth, woraus er auch keine Rettung auf natürlichem Wege sah, doch nicht an Gott. Ihm traute er’s zu, daß er nach seiner großen Macht auch aus dieser großen Noth helfen könne, und nach seiner eben so großen Güte helfen werde, unangesehen das Volk dessen nicht werth war. Er erhob seinen Blick über das Sichtbare hinaus und hielt sich mit seiner ganzen Last zu dem Herrn nund bat ihn um Hilfe. Er schrie zum Herrn, heißt es, die Heftigkeit und Inbrunst seines Flehens anzudeuten.

 

So war es recht. Ist jemand in der Noth, so mache er’s auch so. Wo sind wir geistlicher Weise anders, als in einer Wüste, und was bedürfen wir mehr, als des Wassers, das aus dem Felsen Christo fließt, wodurch die Wüste in ein Raphidim, in einen Lustgarten umgewandelt wird, ohne welches sie aber nichts als ähnliche Dornen trägt, wie wir sie an dem jüdischen und am christlichen Volke und an uns selbst wahrnehmen. Um dies Wasser laßt uns mit Mose schreien.

 

Der Herr half. Wie? das laßt uns, so Er will, nächstens erwägen. Gott hilft seinem Volke und erbarmet sich seines Erbes. Dein Erbe, das dürre ist, erquickest du mit einem gnädigen Regen.

 

Wenn ich traurig sitze
In Versuchungs-Hitze,
Tröster, tröste mich.
Laß die Ströme fließen,
In mein Herz sich gießen
Stets und mildiglich,
Die das dürre Erdreich laben
Mit den reichsten Himmelsgaben!

 

Amen!

 

 

 

Fünfzehnte Predigt.

 

Raphidim. Fortsetzung.

 

4. B. Mos. 33,14. u. 2. B. Mos. 17,4-6.

 

Es ist eine liebliche Verheißung, wenn es Hosea 14,6 heißt: ich will Israel wie ein Thau sein, daß er soll blühen wie eine Rose.

 

Der Thau ist etwas köstliches in der Natur und ein Segen für die Pflanzenwelt, ja es liegt auch eine heilsame Kraft für den menschlichen Körper und namentlich für kranke Augen d’rinnen. Es ist ein liebliches Bild, wenn hier Gott verheißt, er selbst wolle seinem Volke ein heilsamer Thau sein. Wie wird es alsdann erquickt. Ja, wie kann es alsdann prangen! Denn wie schön wird die Natur geschmückt, wenn sich die aufgehende Sonne in dem Thau spiegelt, wo es sich ja nicht anders ansieht, als wäre alles mit funkelnden Rubinen und Edelsteinen besäet. So schön schmückt der Herr von Zeit zu Zeit seine Kirche. –

 

Dieser schöne Zustand wird in den Worten ausgedrückt: wird blühen wie eine Rose. Eigentlich heißt es wol: wie eine Lilie, doch macht dies weiter keinen sonderlichen Unterschied. Betrachten wir eine blühende Lilie oder Rose, so stehen sie freilich da in einer bewundernswürdigen Pracht. Wollen wir sie aber in ihrer Herrlichkeit sehen, so müssen wir uns nicht zur Winterszeit ihnen nahen. Alsdann sieht’s um die Lilie noch jämmerlicher aus, wie um den Rosenstock. Dieser steht denn doch noch da in seinem Wesen, wenn gleich aller Zierde beraubt. Die Lilie aber ist ganz unsichtbar geworden und hat sich ganz in den Schoos der Erde zurückgezogen, so daß man auch ihre Stätte nicht wahrnimmt.

 

Soll nun Israel blühen, so bedarf’s dazu des Thau’s, muß sich aber anschicken, zu blühen, wie eine Lilie oder Rose.

 

Den zu Raphidim entstandenen Mangel haben wir betrachtet. Er war dringend und groß. Er ließ sich durch nichts anderes ersetzen, sondern sie mußten die Sache selbst haben, woran es ihnen mangelte. Es mangelte ihnen aber an Wasser. Hier wird uns nun die Hülfe gemeldet, und die Art und Weise derselben.

 

Mit Recht wandten sich die Kinder Israel an Mosen, den Mittler des alten Bundes, durch dessen Hand ihnen, nach göttlicher Haushaltung, alle Hülfe geschah, wie uns durch den Mittler des neuen Bundes, Jesum Christum. Sie wandten sich aber in ungebührlicher Weise an ihn, mit Trotz und Murren, und versündigten sich dermaßen: daß Gott auch schwur in seinem Zorn, sie sollten zu seiner Ruhe nicht kommen.

 

Doch half der Herr und zwar folgendermaßen. Es war zu Raphidim ein Fels, Namens Horeb, auf teutsch: Dürre. Diesen dürren Felsen bezeichnete Gott dem Moses als das Mittel, dem Wassermangel abzuhelfen. Es gehörte nicht wenig Glauben dazu, von solchem Mittel eine solche Wirkung zu hoffen, welche der Name und die Beschaffenheit des Mittels gar nicht hoffen ließen. Zwei Stücke aber konnten seinen Glauben stärken. Erstlich, das Stehen des Herrn auf demselben. Ich will daselbst vor dir stehen auf einem Felsen in Horeb; dadurch wurde derselbe vor allen andern daselbst befindlichen Felsen ausgezeichnet. Dadurch setzte sich der Herr selbst in Verbindung mit diesem Felsen, und so ließen sich freilich Wunder von demselben erwarten, wozu er sonst nicht getaugt hätte. Das andere Stärkungsmittel war der Stab, womit er das Meer getheilt hatt, welchen er in die Hand nehmen sollte. Dieser Stab war ja sehr geeignet, ihn an die Macht Gottes zu erinnern, der kein Ding unmöglich ist. Uebrigens mußte er freilich seine Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens gefangen nehmen, mußte mit Abraham hoffen, wo nichts zu hoffen war, und auf Den vertrauen, der dem, das nicht, gebieten kann, daß es sei. Wie soll Wasser aus dürrem Felsen quillen! – Einige Aelteste mußten Mosen begleiten, um Zeugen dessen zu sein, was geschehen sollte. Er schlug sodann den Felsen mit seinem Stabe und es floß Wasser in Menge daraus. Er öffnete den Felsen – heißt es in Psalm 105 – da floß Wasser heraus, daß Bäche liefen in der dürren Wüste. So wurde Israels Durst durch ein großes Wunder gestillt. – Reisende bezeugen, daß die Dürre in diesem Thal sehr groß sei. Die Spuren des Wunders, von welchem wir reden, sind noch vorhanden. In der Mitte des Thals ist ein ungeheurer Klumpen von rothem Granit. Seine Höhe und Breite sind 12, sein ganzer Umfaang 50 Fuß. Nach dem Berg Horeb hin ist er breit, sonst rund. An demselben bemerkt man 24 Oeffnungen, jede 1 Fuß tief und 1 Zoll breit. 12 dieser Oeffnungen sind nah dem Berg Horeb, die übrigen auf der entgegengesetzten Seite. An denselben bemerkt man noch Moos, als ein Zeichen, daß ehemals Wasser herausfloß. – Dies Wasser war ohne Zweifel die Ursache, daß man heut zu Tage in diesem Thal angenehme Gärten und Fruchtbäume antrifft, wie wir neulich bemerkten.

 

Der Apostel Paulus redet 1. Cor. 10,4 auf eine sehr merkwürdige Weise von dieser Begebenheit, wenn er sagt: sie haben alle einerlei geistlichen Trunk getrunken. Sie tranken aber von dem geistlichen Fels, welcher mitfolgte, welches war Christus. Sie tranken doch offenbar natürliches, elementarisches Wasser, wie sie denn auch einen natürlichen, leiblichen Durst hatten. Doch nennt’s Paulus einen geistlichen Trank. Es war, wie noch heut zu Tage der Augenschein lehrt, ein natürlicher Felsen, ein ungeheurer rother Granitblock. Paulus nennt ihn aber einen geistlichen Felsen, und wenn er hinzusetzt: welcher mitfolgte, so sollte man ja daraus schließen, der Fels habe nicht fest an Einem Ort gestanden, sondern sich mit dem Heere fortbewegt, da wir doch aus den Psallmen sehen, daß nicht der Fels selber, sondern das aus demselben quillende Wasser sie überall hinbegleitete, wo sie sonst kein Wasser hatten.

 

Gott that hier ein großes Wunder, worin sich seine Macht und Güte gegen so undankbare Menschen verherrlichte. Die Bemerkung des Apostels aber leitet uns auf ein Geheimniß, das hier verborgen liegt. Es war allerdings ein natürlicher Fels, aber derselbe bildete Christum, als den geistlichen Felsen ab, und wenn der Apostel sagt: der Fels war – so ist das so viel, als wenn er gesagt hätte: bedeutet Christum. Es war ein natürlicher Trank. Paulus nennt ihn aber geistlich, weil er eine Abbildung der Güter und Verdienste Jesu Christi war. – Daß das Volk überhaupt noch mehr gesehen haben sollte, als einen natürlichen Felsen und natürliches Wasser, ist nicht glaublich, denn Moses sagte noch 39 Jahre hernach: bis auf den heutigen Tag hat dir der Herr noch nicht gegeben ein Herz, das verständig wäre, Augen, die da sehen, und Ohren, die da hörten. Wie sollten sie denn das, hinter dem Felsen liegende Geheimniß erkannt haben, sie, die so wenig oder auch gar keine Gottesfurcht bewiesen, und als Leute erschienen, die weder geistliches Leben noch Bedürfniß haben, und das Buch der Weisheit hat Recht, wenn es sagt: die Weisheit komme nicht in eine unreine Seele. – Was aber Mosen und andere Gläubige des alten Testaments anbetrifft, so wage ich freilich nicht, zu bestimmen, ob und in wie fern sie hier das Geheimniß entdeckt, was der Adlerauge Pauli d’rin fand. Dies kann uns freilich auch gleichgültig sein. Die Auslegung des Apostels aber dient auch im Ganzen zu einem deutlichen Beweise, daß hinter der Reise der Kinder Israel ein Geheimniß liege. Möchten wir im Stande sein, es recht zu fassen.

 

Christus war allerdings schon damals, wie früher, der Fels, worauf sich alles gründete, woraus das Leben floß, wenn er gleich damals nur noch auf eine dunkle Weise erkannt wurde, der alttestamentlichen Dunkelheit gemäß. Auch Moses zeugte von Christo. Laßt uns ihn denn in dem hier aufgestellten Bilde eines geschlagenen, Wasser strömenden Felsen, mitten in dürrer Wüste Leben und Erquickung gebend, betrachten.

 

Schon von Alters her ward ein Fels als ein Sinnbild der Gottheit betrachtet. Ein Fels ist Er, singt Moses 5,32. Ein Fels ist ein Bild der Ewigkeit. Sie sind da, ihren Anfang weiß Niemand. Sie sind ein Bild der Beständigkeit und Unveränderlichkeit, dieser Eigenschaften, welche zum Wesen Gottes gehören. Es heißt derhalben wol: Berge sollen weichen und Hügel hinfallen – nicht aber, Felsen sollen hinfallen. Wie unbeweglich steh’n sie da! Mögen sie sich auch mitten im Meere erheben, und dasselbe den ganzen Zorn seiner wüthenden Wellen über sie ergehen lassen, sie auch von Zeit zu Zeit ganz überdecken – sie steh’n doch unbeweglich da und zittern nicht einmal. Das Meer aber muß sich von selbst wieder zu ihren Füßen sammeln und senken. Wäre es nicht ein so flüssiges Element, so würde es sich um so gewaltiger zerschmettern, mit je größerem Ungestüm es sich dagegen anschleudert. Lauter Bilder, die sich sehr leicht auf das göttliche Wesen und dessen Eigenschaften anwenden lassen, insbesondere aber auf Christum. –

 

Felsen sind bequem zur Sicherung, Wohnung, Fundament und kühlenden Schatten. Sehet, wie dies alles geistlicher Weise in der Vollkommenheit in Christo angetroffen wird. Bedarf und begehrt jemand Sicherheit gegen den, mit seinen Sünden verdienten Zorn Gottes und den eben so schrecklichen Fluch des Gesetzes – Sicherung gegen die listigen Anläufe des Satans oder dessen feurige Pfeile; Sicherung gegen die bedenklichen Versuchungen des schlimmen Feindes, uns’res eigenen Herzens; Sicherung gegen die namen- und zahllosen Gefahren, die uns von allen Seiten bedrohen – dieser Fels bietet sie im vollkommensten Maße dar. Daher nennt David Gott seine Burg und seinen Felsen. Möchten die Zeitereignisse auch so Zagen erregend sein, daß die Menschen verschmachteten vor Furcht und vor Warten der Dinge, die kommen sollen auf Erden, daß des Himmels Kräfte sich bewegen und die Wasserwogen brausen: so gebeut doch Christus den Seinigen, ihre Häupter emporzuheben, weil sich ihre Erlösung nahe und versichert sie, kein Haar von ihrem Haupte solle umkommen. Er spricht: Siehe: ich sende euch wie Schaafe mitten unter die Wölfe – ohne etwas für sie zu fürchten. Er darf keins verlieren von denen, die ihm der Vater gegeben hat, soll’s auferwecken am jüngsten Tage. So ist’s des Vaters wille und so thut er’s auch. Daher war Paulus des auch in guter Zuversicht, daß, der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollführen, bis an den Tag Jesu Christi; deßwegen fragt er so muthig: was will uns scheiden? Trübsal, oder Angst, oder Verfolgung, oder Hunger, oder Blöße, oder Fährlichkeit, oder Schwerdt? Wie geschrieben stehet: um deinetwillen werden wir getödtet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie die Schlachtschafe. Aber in dem allen überwinden wir weit, um deswillen, der uns geliebet hat – und macht den Beschluß: ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstenthum, noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine and’re Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn. Außer diesem Felsen gibt’s aber auch keine Sicherung, keine Zuverläßigkeit. Die irdischen Dinge wollen wir gar nicht nennen, welche das Gepräge ihres Unbestandes ja nur allzu deutlich an ihrer Stirne tragen. Wo wollen wir aber die Sicherung vor wirklichen Uebeln, die Sicherung unseres Seelenheils finden und gründen? In unserer Klugheit? aber, für je klüger wir uns halten, desto mehr sind wir das Gegentheil. In unserer Kraft? womit wir kein Haar schwerz oder weiß machen können; - in unsern guten Vorsätzen? aber ist nicht der ein Narr, der sich auf sein Herz verläßt? In unserer Vorsichtigkeit? Aber gehen nicht die argen Gedanken von Innen heraus und können uns übertölpeln, ehe wir’s uns nur vermuthen? Können uns nicht unsere Einsichten verdunkelt werden, uns unsere gemachten Erfahrungen rathlos, unsere genossenen Erquickungen trostlos lassen? – Wir müssen uns aber doch auf irgend was verlassen. So verlasset euch denn auf den Herrn, unsern Gott. Er ist ein Fels ewiglich. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. Glaubet an Gott und glaubet an mich, sagt Christus. lernt aber auch eure Unsicherheit außer Christo gründlich erkennen, damit ihr eure Sicherung bei diesem Felsen suchen mögt. –

 

Felsen dienen, mit denen oft darin befindlichen Höhlen, wol zur Wohnung, nicht nur für wilde Thiere, sondern auch, wie das Hohelied sagt, für Tauben und Bienen. Und mußte nicht David, auf seiner Flucht vor Saul, mehrentheils seine Wohnung in Felsenhöhlen suchen? Paulus aber will in Christo erfunden sein. Dieser Fels hat bequeme Höhlen und Oeffnungen zur Wohnung für solche, die auch vor den Nachstellungen irgend eines feindseligen Sauls flüchten, der ihr Leben zu Boden treten will. An jenem Granit in Raphidim zählt man, wie gesagt, 24 Oeffnungen, für jeden der 12 Stämme also zwei. An dem geistlichen Felsen sind Wundenhöhlen, wodurch Verwundete heil werden, in genugsamer Anzahl, um für alle Stämme hinzureichen. Der Dichter des 108ten Liedes nennt die Liebe Gottes gar schön: mein Haus, darin ich wohne. Sein Haus kennt man, da hält man sich am meisten auf; von da geht man aus, dahin kehrt man immer wieder zurück – daselbst hat man seine Habseligkeit, das hat man lieb. Wohl der Seele, welche Jesum, als ihr wohl eingerichtetes, wohl versorgtes Haus, gefunden, sich durch die enge Thür, welche hineinführt, mit D’rangebung alles dessen, was am Durchgang hindert, mit gehörigem Schweigen und Bücken, Wegwerfen und Abhauen, durchgezwängt und durchgerungen hat, und im Hause aufgenommen ist, wäre es auch nur um der Thür zu hüten und zu dienen. Ja, ringet darnach, daß ihr durch die enge Pforte eingehet. Seid ihr erst im Hause, so werdet ihr, nachdem ihr mit Brosamen vorlieb genommen, auch wenigstens zuweilen zur Tafel gezogen werden und des Königs Angesicht sehen, der sich zuweilen als wunderbar oder selbst als wunderlich, doch auch als Friedefürst und Ewig-Vater zeigt.

 

Was taugt mehr zu einem Fundament, auch der größten Paläste, als ein Fels? Einen andern Grund aber kann Niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christ. Ein gewöhnliches Fundament theilt dem, was darauf gehörig gebaut und damit verbunden wird, weiter nichts als seine Festigkeit mit. Aber der Fels, welcher Christus heißt, theilt der Seele, die darauf erbauet, deren früheres Gebäu zusammengerissen, die durch wahren Glauben, durch den Geist Jesu Christi mit ihm vereiniget ist, nicht nur Beharrlichkeit, sondern noch viel mehreres mit. Dies Fundament heißt Weisheit, weil es weise, und Gerechtigkeit, weil es gerecht, und Heiligung, weil es heilig macht, und Erlösung, weil es von allen Uebeln befreit und alles Gute schenkt. Wie nun ein Gebäu sich mit seiner ganzen Wucht auf sein Fundament stützt, so die gläubige Seele mit all’ ihrem Bedarf, mit ihrem ganzen Hoffen und Trauen auf Christum. Auf Dich bin ich geworfen, an Dich mit allem meinem Anliegen verwiesen, auf Dich traue ich und muß auf Dich hoffen, auch wenn Du mich tödten wolltest. Außer Dir ist kein Heiland, ich weiß ja keinen. Und ach! wie bald, wie bald verschwindet, was sich nicht auf Jesum gründet. Seid erbauet und gewurzelt in Ihm, sagt Paulus. Und mag etwas scheinen, wie schön es will – hat es seine Wurzel nicht in Christo, so hat’s keinen Bestand, keinen Erfolg – es heiße Wissenschaft, Tugend, Friede, Christenthum, Erweckung oder Bekehrung. Sehe derhalben ein Jeglicher zu, wie er darauf baut, und ob er in der Wirklichkeit und Wahrheit auf Christum gegründet sei. Ist das, so hat’s keine Gefahr, sondern alles wird durch des Herrn Hand glücklich fortgehen.

 

Felsen gewähren auch eine erquickende Kühlung und Schatten, die bei drückender Hitze so angenehm sind. Es giebt eine Hitze der Leiden, es giebt ein Feuer der Versuchung, es giebt einen Brand des Gewissens. Aber der Name des Herrn ist wie ein kühlender Schatten.

 

Dieser Fels stand in der dürren Wüste. Wovon hätte man weniger Hülfe erwarten sollen, als von demselben? und doch gab er sie so reichlich. Christus wird auch einer Wurzel verglichen, welche in dürrem Erdreich hervorgrünet. Er stand da in der Mitte einer geistlichen Wüste, die durch ihn eine ganz andere Gestalt, Fruchtbarkeit und Leben gewinnen sollte. Von ihm sollte alles Heil ausgehen und geht aus ihm hervor. Aber hieß es nicht bei seinem Auftreten: wie soll uns Dieser weisen, was gut ist? und wird diese Sprache nicht noch von vielen fortgesetzt, die ihr Heil ihm nicht verdanken mögen? Und wird nicht mancher verlegen, wenn er glauben soll – dieser Fels werde gütig genug sein, eine solche Wüste zu befruchten, wie er in seinem eigenen Herzen erblickt. Wird nicht aber auch mancher ganz bestürzt und beschämt, wenn er an sich selbst die Kraft dieses Felsen erfährt, und in sich selbst gewahrt, welche Wunder er schafft. Genug aber, Er steht der Einzige da. In keinem andern ist Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden.

 

Jener Fels war röthlich von Farbe. Und rühmt nicht die Braut im Hohenliede ihren Seelenbräutigam als weiß und roth. Bei’m Jesaias wird gefragt: wer der sei, der von Edom kommt, so in röthlichen Kleidern von Bozra. Schon Jakob sagt: er wird sein Kleid in Wein waschen und seinen Mantel in Weinbeerblut. Dem jüdischen Volke ward er in einem rothen Purpurmantel zur Schau ausgestellt, und Johannes sieht ihn in der Offenbarung in einem mit Blut bespritzten Kleide. Die rothe Farbe ist theils die Farbe des Zorns, den er auch endlich an allen seinen Feinden erweisen wird. Küsset derhalben den Sohn, daß er nicht zürne und ihr umkommet auf dem Wege. Er wird einem Löwen verglichen. Und sein heiliger Zorn ist furchtbarer als Alles, so daß jene Gottlosen die Berge anrufen, daß sie über sie herfallen und die Hügel, daß sie sie bedecken mögen, wenn der Tag des Zorns des Lammes hereinbricht. Hier zu Raphidim zürnte er auch über das ungehorsame, ungläubige Volk, daß er in seinem Zorne schwur, sie sollten zu seiner Ruhe nicht kommen, so daß sie auch fast alle starben in der Wüste. Welchen – so fragt der Apostel Hebr. 4. – welchen schwur er aber, daß sie zu seiner Ruhe nicht kommen sollten, denn den Ungläubigen? Und wir sehen, daß sie nicht haben können hineinkommen, um ihres Unglaubens willen. So lasset uns nun fürchten, setzt er hinzu, daß wir die Verheißung, einzukommen zu seiner Ruhe, nicht versäumen, und daß unser keiner dahinten bleiben. Sehet zu, daß nicht jemand ein arges, ungläubiges Herz habe, das da abtrete von dem lebendigen Gott, sondern ermahnet euch selbst alle Tage, so lange es heute heißet, damit nicht jemand unter euch verstocket werde, durch Betrug der Sünde. – Erschrecklicher Zorn! Furchtbarer Schwur! der nichts als den ewigen Untergang nach sich zieht! Davor sollte man sich ja entsetzen, daß einem die Haut schauert und sich fürchten vor seinen gewaltigen Rechten, und eilen, damit man einer von denen sei, die da glauben und ihre Seele retten. – Solche, die das beabsichtigen, mögen sich auch erinnern und vorhalten, daß roth die Farbe der Versöhnung ist, und mit David schreien: entsündige mich mit Ysop, daß ich rein werde, wasche mich, daß ich schneeweiß werde. Das rothe Blut Christi, der sich selbst ohne Wandel Gott durch den ewigen Geist geopfert hat, ist geschickt, unser Gewissen zu reinigen von den todten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott. Flüchtet euch bußfertig und gläubig von jenem Scharlach des Zorns zu diesem Purpur des Bluts, welches bessere Dinge redet, als das des Abel’s. –

 

Jener Fels zu Raphidim, dies Bild Christi, ist von Granit, eine harte und kostbare Steinart. Wie hart machte er sich in seinen Leiden, da er sein Angesicht machte wie einen Kieselstein, nach Jesaias 50, und es nicht verbarg vor Schmach und Speichel. Wie sauer es ihm auch wurde, also daß er mit dem Tode rang, so betete er doch stets: Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Laßt uns aber nicht den Marmor an Härte gleichen, sondern vielmehr müssen unsere Herzen vor Ihm wie Wachs zerfließen. – Von seiner Kostbarkeit wollen wir nicht reden, denn welche Worte können die erreichen! Kostbar müsse er uns werden, durch das Gefühl unseres Elendes außer ihm, und durch Erfahrung all’ des Guten, was wir an ihm haben. Dann werden wir auch sagen können:

 

Süßer Jesu, Perl der Seelen,
O! wie köstlich bist du mir!
Dich will ich zum Schatz erwählen:
Was ich wünsch’, ist ganz in dir,
Gnade, Kraft und Heiligkeit,
Leben, Ruh’ und Seligkeit;
Dieser Name, dieser neue,
Ewig meine Seel’ erfreue.

 

Sollte aber dieser Fels Wasser geben, und eben dadurch den verschmachtenden Kindern Israel Erquickung, Errettung vom Tode und Leben bringen: so mußte er von Mose geschlagen werden. – Und mußte er nicht zerschlagen werden um unserer Sünden, und verwundet werden um unserer Missethat willen? Auf Ihm lag die Strafe, auf daß wir Friede hätten. Geschlagen wurde er von denen, die aus Mosis Stuhl saßen, im Beisein, nicht etlicher Aeltesten, sondern des ganzen hohen Rathes, mit nicht mehr Schonung, als ob er ein Fels ohne Gefühl gewesen wäre, und ein Sünder ohne gleichen, doch alles nach Gottes Rath. –

 

Der Herr stand auf dem Felsen und bezeichnete so, welchen er meinte. Christus ist von Gott zu unserm Hohenpriestern und Mittler verordnet. Er ist uns von Gott gemacht. Es ist das Wohlgefallen gewesen, daß in ihm alle Fülle wohnen, daß in ihm alles Heil sein, daß Niemand zum Vater kommen sollte, als nur durch ihn. Ihm hat er alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben. Ganz und mit allen unsern Angelegenheiten sind wir an ihn und an ihn allein verwiesen, weil der Vater ihm alles übergeben hat. Darum heißt es: glaubet an ihn, so werdet ihr selig. Auf ihn weiset alles hin, das alte wie das neue Testament, Gesetz und Evangelium, selbst das Manna und dieser Fels. Wendet euch deswegen zu mir, und werdet selig aller Welt Ende! Sprechet einmüthig: wir wollen zum Herrn, und nehmt diese Worte mit: vergib uns unsere Sünde und thue uns wohl, so wollen wir dir opfern die Farren unserer Lippen. Assur soll uns nicht heilfen, auf Rossen wollen wir nicht reiten, noch zu den Werken unserer Hände sagen: ihr seid unser Gott, sondern lass’ die Waisen bei dir Gnade finden. Hos. 14. Der Herr stand auf dem Felsen, und Gott war in Christo und versöhnete die Welt mit ihm selber.

 

Durch das Schlagen des Felsen wurde bewirkt, daß sich aus demselben das Wasser in Strömen ergoß, aus welchen Menschen und Vieh sich erquickten, und die dürre Einöde sich in einen Lustgarten umwandelte. Ein Bild der herrlichen Früchte des versöhnenden Leidens und Sterbens Jesu Christi. Dort und hier floß ein kristallhelles, reines und reinigendes Waser; denn das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde. Durch dasselbe wird ein Friede gegeben, welcher höher ist, denn alle Vernunft. War die Noth so groß, daß sie nicht größer werden konnte; war kein menschliches Mittel vorhanden, sie nur zu mildern, geschweige denn ihr abzuhelfen: so ist dies ein treffendes Bild nicht nur uns’res Elends, uns’res Jammers, uns’rer gänzlichen Hülflosigkeit, worein die Sünde uns versenkt hat, sondern auch ein Bild davon, wie sie in der Buße und nachher in den Anfechtungen, von der einzelnen Seele wirklich, und auf eine nicht weniger beklemmende Art empfunden wird, wie die Kinder Israel den Wassermangel in dieser dürren Einöde empfunden, nichts als den Untergang vor sich sahen und dadurch in die äußerste Noth, bis an die Gränzen der Verzweiflung getrieben wurden. Mochte denn aber das Elend noch so groß sein – wie vollkommen ward demselben doch durch einen Schlag an den Felsen abgeholfen. Schöpfet nun, hieß es da. Was wird es hoffentlich in dem Lager für ein Wehklagen über ihr Murren, über ihren Unglauben, über ihr trotziges Fragen: ist der Herr mit uns, oder nicht? herbeigeführt haben; was für Loblieder werden sich da haben hören lassen, was für feurige Entschließungen mögen da gefaßt worden sein, fortan, auch in den drückendsten Umständen, gänzlich auf den Herrn zu vertrauen, nie wieder den Muth aufzugeben, mit Geduld sich allen seinen Führungen zu unterwerfen, und dergleichen mehr. So war’s wenigstens ihre Pflicht und zugleich ihre Seligkeit. Wie süß mußte ihnen das Wasser schmecken, wenn sie’s mit den Thränen ihres Dankes und ihrer Reue vermengten. So geschieht’s wenigstens alsdann, wenn einer bekümmerten und bedrängten Seele von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst gegeben wird, wenn an ihr die Verheißung erfüllet wird: ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus dem Heilsbrunnen. Das bringt Frieden in’s Gewissen und Freude in’s Herz, das bringt die liebliche Frucht des Geistes hervor, das öffnet den Mund zum Lobe Gottes. Dann geht’s, wie es bei dem Propheten Hosea, Cap. 14. heißt: ich will Israel wie ein Thau sein, daß es soll blühen, wie eine Rose. Seine Zweige sollen sich ausbreiten, daß er sei schön wie ein Oelbaum, und lieblich rieche wie der Libanon. Ich will dir sein wie eine grünende Tanne, und an mir soll man deine Frucht finden. Wie David loben und danken Alle, die mit ihm aus ähnlichen Nöthen errettet, der Vergebung der Sünden und göttliche Gnade versichert werden; und seine Tröstungen genießen. Es wird an und in ihnen offenbar, in welch’ einen lieblichen Lustgarten der strömende Fels das dürre Raphidim verwandelt. –

 

Dieser Fels war der einzige Quell, der Wasser gab, er gab’s aber in genugsamer Menge. Doch strömt jetzt kein Wasser mehr aus ihm, und mit Bedauern sieht der schmachtende Wanderer nur die 24 Oeffnungen, als so viel Denkmäler seiner ehemaligen Wohlthaten, die jetzt versiegt ist. Das findet keine Anwendung auf Christum, der heute derselbe ist, wie gestern. Nein, wer da dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst. Wohlan, alle die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser. Es strömt aus so vielen Oeffnungen, und auch so genugsam, um deinen Durst zu stillen, um dich zu reinigen – und zu beleben. Und wie wird dir’s werden, durstende Seele, wenn’s auch zu dir heißt: schöpfe nun. – Die Bäche ergossen sich hin und wieder durch die Wüste – und sie strömen bis zu uns herab: Der Fels folgt mit.

 

O! so verstocket denn eure Herzen nicht, wie zu Massa und Meriba, wo Gott schwur in seinem Zorn, sie sollten zu seiner Ruhe nicht kommen; sondern heute höret seine Gnadenstimme. Erkennet die Gabe Gottes, und wer der ist, von welchem wir reden und bittet ihn, so wird Er euch Wasser zu trinken geben, daß euch nie mehr dürstet, ja, das in Euch ein Quell des Wassers wird, der in’s ewige Leben gließt. Amen.

 

 

 

Sechszehnte Predigt.

 

Eilfte Lagerstätte: die Wüste Sinai.

 

4. Buch Mose 33,15.

 

Es ist ein wichtiges Wort, wenn der Apostel Gal. 3,10 sagt: die mit des Gesetzes Werken umgehen, die sind unter dem Fluche. Paulus hatte eine besondere, sein Gemüth heftig und schmerzhaft bewegende Veranlassung, eigenhändig an die Galater zu schreiben, da er sonst seine Briefe diktirte; jetzt aber schrieb er, wegen der Wichtigkeit der Sache, selbst. Die Galater, an welche er schrieb, waren bekehrte, begnadigte, gläubige Christen, an welchen der Apostel große Freude erlebt hatte. Sie waren aber in einen Verfall gerathen, welcher ihren gänzlichen Abfall vom Christenthum zur Folge haben konnte. Und dieser Verfall bekümmerte den heiligen Apostel sehr. Worin bestand dieser Verfall? Nicht in einzelnen groben Sünden, auch nicht in einer Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit und Gottseligkeit, sondern eher in einem unrichtigen Ernst in derselben. Zwar sollte man es sich kaum vorstellen können, daß man nicht nur durch eigentliche Uebertretung der Gebote, sondern auch sogar durch einen unrichtigen Ernst in Erfüllung derselben fehlen könne. Man sollte sagen, ein solcher Ernst sei nie tadelnswerth, noch weniger bedenklich und gefährlich, sondern verdiene an sich schon Lob und Aufmunterung, und das etwa Unrichtige werde sich schon regeln. Paulus war aber ganz entgegengesetzter Meinung, und redete vom Verlieren Christi und Fallen von der Gnade. Denn Alles, was den Menschen von Christo ableitet und ihn zu etwas anderem hinzieht, ist seelenverderblich, heiße dies Ableitende auch, wie es wolle, Welt und Sünde, oder auch sogar Tugend und Besserung, wie ja einem Kranken alles nachtheilig ist, was seine Heilung hindert, wäre es auch der köstlichste Wein, oder die auserlesensten Früchte. – Genug, Paulus erklärt hier, daß nicht nur grobe Sünder, wie sich von selbst versteht, sondern sogar solche, welche mit des Gesetzes Werken umgehen, unter dem Fluche sind. Was werden das für Leute sein, die unter dem Fluche sind? Was für welche denn anders, als solche, welche durch ihr eigenes Werk und Thun sich die Seligkeit zu erwerben bemühen. Mögen sie ihrem Bemühen einen so viel größern Werth beilegen, je sauerer es ihnen wird, so verlieren sie Christum doch nur um so mehr aus den Augen und erreichen das Ziel so wenig, daß sie unter dem Fluche bleiben; denn es stehet geschrieben: verflucht sei Jedermann, der nicht bleibet in alle dem, das geschrieben stehet in dem Buche des Gesetzes, daß er’s thue.

 

In allem dem zu bleiben, was geschrieben stehet in dem Buch des Gesetzes, ist also die Aufgabe des Gesetzes, und nichts Geringeres, als das, ist die Bedingung, unter welcher auf diesem Wege das Heil zu erreichen ist.

 

Wer sich denn außer Stand sieht, diese Bedingung zu erfüllen, der sehe sich nach einem andern Wege um, und Ein Zweck des Gesetzes besteht ddarin, dies zu bewirken. Dazu lasse der Herr die anzustellende Betrachtung aus Gnaden gesegnet sein.

 

Im dritten Monat sind nun die Kinder Israel außer Egypten, oder nach Tagen gerechnet 50 Tage. Eine kurze Zeit. Aber was hat sich nicht alles in dieser kurzen Zeit zugetragen, so daß wir, so zu reden, längere Zeit nöthig gehabt haben, alle diese Ereignisse zu betrachten, als sie, sie zu erleben. Diese 50 Tage sind sehr merkwürdig, und deswegen hat Pfingsten, welches auf deutsch der 50ste Tag heißt, den Namen von dieser Zahl bis auf den heutigen Tag. – Ist’s nicht aber auch bemerkenswerth, daß von der 10ten Lagerstätte zu Rimon Parez an, bis zur 32ten, die Kades heißt, und einen Zeitraum von 38 Jahren umfaßt, gar nichts als der Name der 17 Lagerstätten gemeldet wird? Sind wir denn bisheran sehr weitläufig gewesen, so werden wir hernach, wann wir – so der Herr will und wir leben – bis zur Betrachtung jener Lagerstätte gelangen, desto kürzer sein können.

 

Von Raphidim brechen wir jetzt auf und nehmen, nach göttlicher Anweisung, unsern Aufenthalt in der Wüste Sinai, als der 11ten Lagerstätte, wo Israel fast ein ganzes Jahr verweilt. Wollten wir alles das ausführlich betrachten, was daselbst zu betrachten vorfällt, so würde dies viele Jahre erfordern. Wir lassen uns also darauf nicht ein, sondern befleißigen uns der Kürze. Denn, wo wollten wir ein Ende finden, wenn wir uns auf eine Erklärung aller Gesetze, aller Ceremonien und Vorbilder einlassen wollten, dieser Schattenbilder, deren Körper in Christo ist.

 

Wir brechen von Raphadim auf, weil die Wolken- und Feuersäule es gebeut, und zieh’n. Wohin denn? Wohin anders, als in eine Wüste, von einer Wüste also in eine andere. Aber was dünkt euch dazu, wenn ich bemerke, daß man’s auch, ganz der Sprache, worin das alte Testament geschrieben ist, gemäß, übersetzen könnte: von einer Schule in die andere; denn das Wort Wüste kann von einem Worte abgeleitet werden, das unterweisen bedeutet. Gewiß aber kommt der Christ aus einer Unterweisung in die andere. Ob er dabei hinauf oder herunter rückt, ohne den Meister immer besser, oder immer weniger zurecht kommen kann, wird sich schon von selbst ergeben. Eine Wüste nöthigt durch ihre Beschaffenheit der Unwegsamkeit, des Mangels und der Unsicherheit, zu einem unverwandten Aufsehen auf Gottes Macht, Güte und Treue.

 

Es geht noch immer schräg auf Canaan zu, und wenn kein Hinderniß eintritt, so haben wir nur noch drei Lagerstätten und etwa noch einmal so viel Stunden, so können wir ohne Weiteres in’s gelobte Land, und zwar in das Erbtheil Juda’s einziehen. Laßt uns demnach auf’s Sorgfältigste hüten, daß wir nicht versäumen, einzukommen zu der Ruhe.

 

Bei dieser 11ten Lagerstätte bemerken wir:

 

1stens ihren Namen und Beschaffenheit,

 

2tens das Hauptsächlichste von demjenigen, was sich daselbst zutrug.

 

Was nun den Namen Sinai betrifft, so ist derselbe mit dem Namen Sin gleichbedeutend und bezeichnet Dornen, namentlich Brombeeren. Mosi war diese Gegend nicht unbekannt, sondern als Hirte seines Schwiegervaters Jethro, hatte er noch vor kurzem dessen Heerde hier in der Umgegend gehütet, und daselbst das Gesicht von dem brennenden Senneh, d.i. Brombeerbusch, gehabt und den Befehl, Israel zu erlösen, bekommen. Wir sehen hieraus zugleich, daß die Wüste nicht so sehr Wüste war, daß nicht etwas Weide für’s Vieh darin anzutreffen gewesen wäre. – Sprachkundige übersetzen dies Wort auch durch Glanz und Nahrung. Glanz war hier genug – Nahrung wenig. Es ist daselbst ein sehr großes Gebirge, in welchem besonders Horeb und Sinai hoch emporragen. Unten bilden beide nur Einen Berg, theilen sich aber höher in zwei Spitzen; der Sinai ist aber um ein Drittel höher als der Horeb. Der Zugang zu dem Berge ist äußerst beschwerlich und, so zu reden, unmöglich und wird als eine harte Buße, für sehr schwere Sünden, von den dortigen Mönchen auferlegt. Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin des Großen, ließ eine Treppe anlegen, welche aber jetzt sehr verfallen ist, so daß sich an einigen Orten gar keine mehr befindet, obschon noch 7000 Stufen, wovon jede 1 auch 2 Schuh hoch ist, vorhanden und in den rothen Granit, woraus der Berg besteht, eingehauen sind. Jemand muß sehr hurtig steigen, wenn er in 8 Stunden auf dem Gipfel sein will, von welchem aus man eine weite Aussicht genießt, wie man das Berges selbst schon aus einer Entfernung von 6 Tagereisen ansichtig wird. Auf demselben giebt’s etliche sehr frische, stets fließende Quellen, welche das dort erbaute Kloster mit seinen griechischen Mönchen, so wie deren Gärten, worin gutes Gemüse und vortreffliches Obst gezogen wird, reichlich mit dem besten Wasser versehen. Hie und da ist es unmöglich, den Berg hinanzuklemmen, und man muß sich hinauf ziehen lassen. Die Spitze ist nicht eher sichtbar, als bis man den Berg schon größtentheils erstiegen hat. Dies von dem Berge selbst, wie neuere Reisende, die selbst da gewesen, ihn beschrieben haben. –

 

Noch bemerken wir, daß der Name dieses Berges sich mit einem I, dem kleinsten Buchstaben der hebräischen Sprache, endet, der als Zahlreichen auch 10 bedeutet, und eben so viel Gebote gab Gott von diesem Berge herab. Auf diesen Buchstaben macht auch Jesus aufmerksam, wenn er sagt: es werde kein I, oder Tüttelchen von dem Gesetz fallen. Es muß also ganz erfüllt werden. Doch gilt dies auch von den Verheißungen, was die Gläubigen, wie von den Drohungen, was die Ungläubigen angeht. Es wird an keinem fehlen. Wie genau redet auch Jakobus, da er denjenigen für des ganzen Gesetzes schuldig erklärt, der alles hielte und nur an Einem fehlte. Laßt uns aber auch nicht vergessen, zu bemerken, daß dieser Buchstabe derjenige ist, womit der Name anfängt, aus welchem all’ unser Heil entspringt und außer welchem es keinen Namen giebt, wodurch wir können selig werden. Und endigt sich das Wort Sinai mit diesem Buchstaben, so ist Jesus ja wirklich des Gesetzes Ende, und wer an ihn glaubet, ist gerecht. Er ist auch der Anfangsbuchstabe des Namens Jehova, welcher die Unveränderlichkeit Gottes bezeichnet. Gott hat sich aber schon 430 Jahr vorher durch die, dem Abraham gegebene Verheißung als einen Gott aller Gnaden geoffenbart, ja, dies schon im Paradiese gethan. Darauf macht Paulus aufmerksam, daß die Verheißung viel älter sei, als das Gesetz, also auch durch dieses nicht aufgehoben werde, als ob man hintennach noch verpflichtet sei, sich das Erbe durch Werke zu erwerben, was Gott doch schon durch Verheißung frei geschenkt. Mag’s also auf Sinai donnern und blitzen, die Verheißung tönt doch durch alles durch: Ich bin der Herr, dein Gott. –

 

Laßt uns aber jetzt zur Betrachtung dessen übergehen, was in der Wüste und sondelrich auf dem Berge Sinai geschah. Es geschah aber daselbst eine majestätische Offenbarung der Heiligkeit Gottes durch’s Gesetz, in der Hauptabsicht, die Nothwendigkeit eines Mittlers und der Gnade in das überzeugendste Licht zu setzen.

 

Bis dahin war eigentlich kein Gesetz, oder doch nur sehr wenige Gebote gegeben, welches man die göttliche Haushaltung unter der Verheißung nennt, welche von Adam bis auf Moses 3tehalb 1000 Jahr währte. Am reinsten war diese Haushaltung vor der Sündfluth, in welchem Zeitraume es weiter keine bürgerliche Verfassung, keine Obrigkeit gab, keine Stände, keine Rechte, keine Gesetze und keine Richter. Da galt die vollkommenste Freiheit und Gleichheit. Nichts war ausdrücklich verboten, nichts geboten. Keiner brauchte andern zu gehorchen, als etwa nur das Weib dem Manne, keiner durchte dem andern etwas befehlen. So kannte man weder menschliche, noch auch göttliche Gesetze, sondern jeder lebte, wie es ihm gefiel. Da hatte also jeder Gelegenheit, sich frei und ungehindert so zu zeigen, wie er wirklich gesinnet war, gut oder böse. Aber dies hatte auf die Dauer solche böse Folgen, daß alles Fleisch seinen Weg verdarb. Obschon die heiligen Väter dagegen predigten und Gott anfing, ihnen zu drohen, so half es doch nichts, und Gott sah sich genöthigt, seine Drohung in Vollzug zu setzen und die Menschen durch die Sündfluth von der Erde zu vertilgen.

 

Nach derselben gab Gott einige Gesetze und verbot namentlich den Todtschlag. Es entstanden Obrigkeiten und Unterthanen, und die Menschen mußten sich zu einer gewissen Ordnung bequemen. So stand es von Abraham herab bis auf Mosen. In aller dieser Zeit begriff man noch wenig von dem, was Sünde war – begriff aber auch in dem nemlichen Maße wenig, was für eine ausnehmende Gnade Gottes es war, daß er einen Saamen verheißen hatte, welcher der Schlange den Kopf zertreten sollte, einen Saamen, durch welchen alle Völker sollten gesegnet werden; denn, sagt Paulus Röm. 5., wo kein Gesetz ist, da achtet man der Sünde nicht, da achtet man aber auch der Gnade nicht, wenigstens nicht in ihrer Größe.

 

Jetzt war denn die Zeit gekommen, wo beides deutlicher geoffenbaret werden sollte. Gott wollte seine Heiligkeit auf eine majestätische Weise offenbaren; dadurch sollte auch die Sünde klarer erkannt und in Folge dieser Erkenntniß auch die Nothwendigkeit eines Mittlers und Versöhners desto deutlicher eingesehen werden. Das Gesetz, sagt der Apostel, ist neben eingekommen, nemlich zwischen der Verheißung und ihrer Erfüllung – damit die Sünde desto mächtiger, d.i. desto mehr in ihrer verdammenden und herrschenden, für alle Menschen unüberwindlichen Macht anerkannt, ebenso aber auch die Gnade, in ihrer noch viel größern Herrlichkeit begriffen würde. So lernte er selbst seine Sünde erst durch’s Gesetz kennen. So lange er ohne Gesetz gelebt, war sie gleichsam bei ihm todt, wurde weder erkannt noch empfunden, durch’s Gesetz wurde sie lebendig, aber auch überaus sündig und gereichte zu seinem Tode und Verdammung. Indem ihn dies dahin brachte, sich einen unseligen Menschen zu nennen, leitete es ihn dahin, seine Erlösung nicht als eine leichte und geringe Sache, sondern als ein sehr großes und wichtiges Werk zu betrachten und voll Bewegung auszurufen: wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes? – Die schon unsern Eltern gegebene und dem Abraham bestätigte Verheißung von dem Erlöser blieb fest. Nun aber kam durch die Gesetzgebung erst recht zum Vorschein, was derselbe werde übernehmen, thun und leiden müssen, um das Erlösungswerk zu Stande zu bringen.

 

Laßt uns denn diese Gesetzgebung – diese Offenbarung der Heiligkeit Gottes näher erwägen. Es gingen einige Vorkehrungen vorher, wie wir 2. B. Mose 19 lesen. Zuerst machte Gott einen Bund mit dem Volke, nach welchem sie vor allen andern Völkern sein Eigenthum, ihm ein priesterlich Königreich und ein heiliges Volk sein sollten, unter dem Bedinge jedoch, wenn sie des Herrn Stimme gehorchten und seinen Bund hielten, welches die Aeltesten im Namen des ganzen Volkes angelobten. Hierauf machte Moses bekannt, über drei Tage werde der Herr auf den Sinai herabfahren und das Volk sollte aus seinem eigenen Munde die Artikel des Bundes vernehmen. Während dieser 3 Tage ließ Moses rings um den Berg ein Gehäge machen, damit kein Mensch oder Thier denselben anrührte, unter Bedrohung des Todes, wenn es dennoch geschähe. Welch’ eine Heiligkeit, die die Gegenwart Gottes dem ganzen Berge mittheilte, so daß dessen Fuß nicht einmal angerührt werden durfte und selbst das Thier, das es unwissend that, gesteinigt oder erschossen werden mußte. Sodann heiligte er das Volk, welches seine Kleider waschen und eben damit seine Unreinlichkeit anerkennen mußte. Aber wie konntte sie durch solch’ Waschen weggenommen werden? Daher betet David, in Anerkennung seiner innerlichen Unreinigkeit: wasche du mich, o Gott! daß ich rein werde, entsündige mich, daß ich schneeweiß werde. Selbst die Priester, die doch als diejenigen angesehen waren, welcher unter allem Volk die Heiligsten waren und Gott am nächsten standen, wurden gewarnt, sich dem Berge nicht zu nahen, damit Gott sie nicht zerschmettere. So wurde alle ihre eigene Gerechtigkeit darnieder geworfen, aller Unterschied aufgehoben, so daß sie allzumal Sünder waren, der Herrlichkeit Gottes ermangelten, schuldig und strafwürdig dastanden. –

 

Ueber diesen Vorkehrungen brach der dritte Tag an. Des Morgens früh hub es an zu donnern und zu blitzen, eine dicke Wolke senkte sich auf den Berg, und man vernahm den schmetternden Schall einer sehr starken Posaune. Der ganze Berg Sinai fing an zu rauchen, wie der Rauch von einem gewaltigen Ofen mit Feuerflammen untermengt, auch zitterte und bebte der ganze ungeheure Berg, so daß man sein Wackeln und Wanken deutlich sah. Konnte aber ein solches Gebürge von festem Gestein die Nähe der göttlichen Heiligkeit nicht erleiden – wo will denn der Gottlose und Sünder erscheinen, wie müssen denn die Sünder zu Zion erschrecken, welch’ Zittern die Heuchler ankommen, wenn Gott sich als ein verzehrendes Feuer und ewige Glut offenbart! Schrie doch ein Jesaias: wehe mir, ich vergehe; fiel doch Petrus zittend zu Jesu Füßen und bat: gehe von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch. Wie demüthig betet David: gehe nicht in’s Gericht mit deinem Knechte, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht. – Das Feuer, wovon der Berg brannte, wird ein verzehrendes genannt. Es sah sich also furchtbar drohend an und als im Begriff, alles zu verschlingen, eine Flamme, der niemand entrinnen konnte. Wo soll ich hingehen vor deinem Geist, und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht? Wo soll ich hin, wer hilfet mir, wer führet mich zum Leben? –

 

Nachdem es lange getönet hatte, führte Moses das ganze Volk aus dem Lager, Gott entgegen, an den Berg. Welch’ ein Entgegenführen! Ihren Moses an der Spitze, wagten sie es und konnten auch nicht anders. Was wird das doch einst sein, wenn alle Menschen dem Herrn entgegengerückt werden in den Wolken und sie alle offenbar werden müssen vor dem Richterstuhle Christi, auf daß ein Jeglicher empfahe, nachdem er gehandelt hat bei Leibes Leben, es sei gut oder böse. Wie Noth, o! wie Noth thut’s, gläubig zu werden, damit man nicht in’s Gericht komme und sodann an ihm zu bleiben, damit man Freudigkeit habe und nicht zu Schanden werde am Tage des Gerichts. Wohl uns, wenn wir gekommen sind zu dem Mittler des neuen Bundes, dessen Blut bessere Dinge redet denn Abel’s. Darum habet Gnade, durch welche wir sollen gott dienen ihm zu gefallen, mit Zucht und Furcht. Denn unser Gott ist ein verzehrend Feuer, Hebr. 12. – Moses redete und Gott antwortete ihm laut. Wohl allen gedemüthigten Herzen, daß sie einen Fürsprecher bei dem Vater haben, Jesum Christum, welcher, nachdem er die Reinigung unserer Sünden gemacht hat durch sich selbst, nun sitzet zur Rechten Gottes und vertritt uns. Wo will aber derjenige bleiben, der diesen Fürsprecher nicht hat, und den hat keiner, der ihn nicht ernstlich suchte und bereitwillig alles um seinetwillen hingab? So suchet ihn denn, damit ihr lebet.

 

Moses bekam nun Befehl von dem Herrn, zu ihm auf die Spitze des furchtbaren Berges zu steigen. So sah man denn doch, daß dieser majestätische Gott nicht durchaus unzugänglich war, und wer Verstand hatte, konnte daraus schließen, daß es, seiner Herrlichkeit ungeachtet, doch einen Weg zu seiner Freundschaft und Gemeinschaft gebe. Und wie erwünscht ist das für gedemüthigte Sünder. Aber wie wunderbar! Kaum ist der 80jährige Mann auf der Spitze des so schwer zu erkletternden Berges angekommen, so bekommt er Befehl, wieder hinabzusteigen und dem Volke zu bezeugen, keiner von ihnen solle es wagen, zu dem Herrn durchzubrechen, daß sie ihn sähen und viele von ihnen fallen. Moses machte eine Einwendung dagegen und bemerkte, das Volk könne nicht auf den Berg, weil er nach göttlichem Befehl umzäunt sei; es sei also nichts zu besorgen. Aber der Befehl: steige herab, wurde wiederholt, und so stieg Moses den mühvollen Weg wieder hinab und sagte es dem Volk und den Priestern. So ganz sollte er alle eigene Wahl und allen eigenen Willen verleugnen und alle Mühen übernehmen, die ihm auferlegt wurden, so ganz alle seine eigene Einsich verleugnen. Und er that’s auch.

 

Als Moses wieder unten beim Volk war, fing Gott selbst an, die zehn Gebote zu geben, die er jedoch auf eine sehr freundliche Weise anhub, indem er sagte: Ich bin der Herr, dein Gott. Hierauf gab er die Gebote, indem er sagte: du sollst keine and’re Götter neben mir haben u.s.w. – Dies waren also die Bundesartikel, welche erfüllt werden mußten, dies die Heiligkeit, welche Gott von denen forderte, mit welchen er Freund- und Gemeinschaft haben wollte; dies ein Spiegel, worin sie ihre Gestalt betrachten und daranch beurtheilen sollten, in wiefern sie mit dem vorgehaltenen Exemplar, auch in den feinsten Zügen übereinstimmten, also, daß auch kein Gedanke oder Lust wider irgend ein Gebot Gottes je in ihr Herz gekommen sei; dies der Maßstab, woran sie ihre Gerechtigkeit messen, das Gewicht, womit sie sich wiegen sollten, die Regel ihrer beständigen innern Gesinnung und äußern Verhaltens, so wie die Richtschnur, wornach sie einst von dem majestätischen Gott gerichtet werden sollten, der sich ihnen hier im Feuer offenbarte. – Thue das, hieß es, so wirst du leben; verflucht aber sei, wer nicht bleibet in alle dem, das geschrieben steht im Buche des Gesetzes, daß er’s thue. Was sollten sie thun? Sich selbst diesem großen, vielsagenden Werk für gewachsen achten, oder durchschauen auf Den, der des Gesetzes Ende ist, und waren sie so zartsinnig, es zu fassen, daß es nicht blos gebietender Weise heißt: du sollst, sondern auch verheißender Weise: du wirst? nachdem du von dem Herrn dazu tüchtig gemacht worden, der dein Gott ist.

 

Diese Gesetzgebung geschah noch fortwährend unter den vorhin beschriebenen furchtbaren Umständen. Es machte auf das Volk einen um so gewaltigern Eindruck, da Moses selbst gestand: ich bin erschrocken und zittere. Zitterte ein so heiliger Mann, was sollten denn die andern nicht? Sie flohen und traten von ferne. So wenig war daran zu denken, daß sie hätten herzubrechen sollen. So war Ein Zweck der Gesetzgebung erreicht. Derjenige nemlich, wodurch ihnen ihre Sündhaftigkeit, ihre Entfremdung von Gott und irhe Untauglichkeit, so ohne weiteres zu ihm zu nahen, tief fühlbar wurde. Denn so soll bei einem Jeden aus dem Gesetz Erkenntniß der Sünden kommen und zwar eine solche, die da macht, daß er sich fürchtet vor seinem Wort und daß er ein geängstetes und zerschlagenes Herz bekommt. Dies gebrochene Gemüth ist, so zu reden, das einzige, was der Gott aller Gnade fordert, und das er anzusehen verheißen hat, verheißen, er wolle die zerstoßenen Herzen verbinden und die zerschlagenen heilen. Das hatten weder sie, noch auch sonst Jemand vor ihnen eingesehen, daß Gott ein so heiliges Wesen sei, daß er einen so weitläufigen und pünktlichen Gehorsam fordere und daß es mit der Sünde so viel auf sich habe. Und steht’s nicht mit Jeglichem eben also, so bald ihm der heilige Inhalt des Gesetzes und eben dadurch zugleich die Sündhaftigkeit seines ganzen Sinnes einleuchtet? Aber die Geestzgebung erreichte auch ihren andern Zweck, den nemlich, daß ihnen die Nothwendigkeit eines Mittlers zwischen dem heiligen Gott und dem sündigen Menschen einleuchtete. Sie wandten sich zu dem Ende an den Mann, welcher ihnen allein tauglich dazu erschien, an Mosen, mit der Bitte: rede du mit uns und lass’ Gott nicht mehr unmittelbar mit uns reden, wir möchten sonst sterben. Diesen Vorschlag billigte Gott der Herr und sagte: es ist alles gut, was sie gesagt haben. Ach! daß sie ein Herz hätten, mich zu fürchten und meine Gebote zu halten ihr Leben lang, auf daß es ihnen wohlginge und ihren Kindern nach ihnen. - Verthaten sie sich gewissermaßen in der Person des Mittlers, welches eigentlich nicht Moses, sondern ein anderer und viel höherer war, da Moses selbst ein Sünder und also eines Mittlers bedürftig war, was er auch sehr wohl erkannte und einen so hohen Werth auf diesen Mittler setzte, daß er die Schmach Christi für größeren Reichthum achtete, denn die Schätze Egypti. Er machte sie auch später auf diesen wahren und eigentlichen Mittler, der alle die, zu diesem hochwichtigen Geschäfte erforderlichen Eigenschaften besaß, aufmerksam, wenn er sagte: einen Propheten wie mich wird der Herr, euer Gott, euch erwecken aus euern Brüdern, und seine Schrift mit den Worten schloß: es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Moses. Da nun aber doch ein solcher aufstehen sollte: so sahen sich die Gläubigen mit ihren Hoffnungen und Erwartungen hinaus verwiesen, in die Zukunft, bis endlich der rechte Mann gefragt wurde: bist du, der da kommen soll? An diesen sind nun alle Menschen, als an denjenigen verwiesen, außer welchem kein Heil ist. Das Gesetz ist durch Moses gegeben; aber die Gnade und Wahrheit ist durch Christum worden.

 

Diesem von Gott genehmigten Vertrag gemäß, nach welchem Moses das Mittleramt zwischen Gott und dem Volk verwaltete, machte er sich hinzu in’s Dunkle, da Gott innen war. Wer muß sich nicht wundern über das herrliche Vertrauen und die Zuversicht Mosis, daß er unter solchen erschrecklichen Umständen ein so kindlich furchtloses Vertrauen zu Gott bewies, wer muß sich nicht freuen über die Macht, welche Gott Menschenkindern verleihen kann, also kindlich und vertraulich mit ihm umzugehen, wie ein Freund mit dem andern! Fand dies schon unter dem alten Testament statt, wo doch ein Geist zur Furcht herrrschte und der wahre Weg zur Heiligkeit noch nicht geöffnet war – was kann, was sollte nicht unter dem neuen Testament statt finden, welches einen kindlichen Geist verleihet, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater! und ermuntert werden, mit Freudigkeit hinzuzutreten zu dem Gnadenstuhl – da es dort immer hieß: das Volk nahe sich nicht, sondern stehe von ferne.

 

Auf dem Berge mit mehreren Geboten bekannt gemacht, welche er aufschrieb und die wir 2. B. Mos. 20 – 23 lesen, stieg Moses wieder vom Berge herab und theilte sie dem Volke mit, welches sich zu deren Haltung bereit erklärte. Jetzt errichtete er auf eine förmliche Weise einen Bund zwischen Gott und dem Volke. Er nahm Bocks- und Kälberblut mit Purpurwolle und Isop, und besprengte das Buch und alles volk, und sprach: dies ist das Testament, das euch Gott geboten hat. Hebr. 9,19. Es wird, setzt er hinzu, alles mit Blut gereinigt, und ohne Blutvergießen geschiehet keine Vergebung. Er leitet daraus noch andere wichtige und merkwürdige Schlüsse her, wenn er z.B. sagt: wenn der Ochsen und Kälber Blut heiliget die Unreinen zur äußerlichen Reinigkeit, wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst ohne allen Wandel, durch den ewigen Geist Gott geopfert hat, unser Gewissen reinigen von den todten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott: darum ist er auch ein Mittler des neuen Testamentes, auf daß durch den Tod, so geschehen ist zur Erlösung von den Uebertretungen, diejenigen, welche berufen sind, das verheißene ewige Erbe empfangen, und andere mehr, welche man selbst im angeführten Kapitel nachlese, welches der Apostel mit der Aufmunterung zum freimüthigen Hinzunahen zu Gott durch Christum beschließt. So mangelhaft und unvollkommen jener mosaische Bund war, wegen der zu erfüllenden Bedingungen, die das Volk zwar in einer – wie man’s nimmt – löblichen oder irrenden Bereitwilligkeit, zur selbsteigenen Erfüllung übernahm: eben so vollkommen und unsern Bedürfnissen entsprechend ist der herrliche Bund, welcher durch das Blut Christi gestiftet worden ist. Nachdem er selbst die Leistung aller jener Bedingungen übernommen und vollbracht hat, ist aus seinem Blut ein Gnadenbund erwachsen, der eigentlich keine Forderungen und Drohungen enthält und aus lauter Verheißungen besteht.

 

Laßt uns hier abbrechen. Betrachtet euch denn als mit Israel am Sinai stehend, und laßt euch durch dies feurige Gesetz aus eurem gefährlichen Traum und Schlummer wecken und euch zu Sündern machen, die mit Mosi aus dem Volke erschrecken und ernstlich fragen: welches ist der Weg zu Gott und seiner Gemeinschaft? – um denselben einzuschlagen. – Wohlan! – aber alle, die ihr durstig seid – kommt her zum Wasser, und die ihr nicht Geld habt, kommt her, kaufet und esset, kommt her und kaufet ohne Geld und umsonst, beides Wein und Milch! Amen.

 

 

 

Siebenzehnte Predigt.

Eilfte Lagerstätte: die Wüste Sinai. Fortsetzung.

 

Hebr. 12, 18-21.

 

Es ist ordentlich rührend, wenn Gott bei dem Propheten Jesaias Kap. 43,26 sagt: erinnere mich, lass’ uns mit einander rechten; sage an, wie du gerecht sein willt. In den beiden vorhergehenden Versen hält der Herr seinem Volke vor, theils, daß es ihn nicht gerufen und nicht um ihn gearbeitet, ihm nicht aus innerm Drang der Liebe Opfer und dergleichen dargebracht, sondern daß es ihm vielmehr Arbeit gemacht mit seinen Sünden, und Mühe mit seinen Missethaten; theils hält er ihm vor, daß Er dessen Missethat tilge um sein selbst willen und seiner Sünde nicht gedenke. – Wollte ihnen das zu gering und armselig dünken, daß sie so gar kein vorläufiges Verdienst sollten aufzuweisen haben: so fordert Gott sie denn auf, mit ihm zu rechten und einen andern Weg anzuweisen, wie sie gerechtfertigt zu werden gedächten, ob sie wol einen andern ausfindig machen, und nicht am Ende frei erklären müßten, ja, ihr ganzes Heil beruhe und stehe in der Vergebung der Sünden.

 

Jerem. 2,35 ist auch von einem Rechten, d.i. einem Prozeß oder Rechtsstreit zwischen Gott und den Menschen die Rede, das allerdings bei jedem vorgehen muß, der also steht, wie es da gesagt wird. Du sprichst, heißt es daselbst, ich bin unschuldig. Er wende seinen unverdienten Zorn von mir. Aber siehe! ich will mit dir rechten, daß du sprichst: ich habe nicht gesündigt. Das gibt mehrentheils einen langwierigen Prozeß, ehe und bevor eine Seele das vollständig, ohne Einschränkung, ohne Ausnahmen und Entschuldigungen einräumt, sie habe gesündigt und nichts anders als das vor Gott aufzuweisen, so daß jemand nicht mit Unrecht sagt: der ist fürwahr ein tief erfahr’ner Christ, der gründlich glaubt, daß er ein armer Sünder ist. –

 

Ist das aber erst in gehöriger Ordnung, erkennt der Mensch seinen Prozeß als verloren an: so tritt dann ein herrliches Recht ein, wovon es Jes. 1,18 heißt: so kommt denn und laßt uns mit einander rechten: wenn eure Sünde gleich blutroth ist, soll sie doch schneeweiß werden und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden.

 

Auf eine solche heilsame Weise rechte der Herr auch mit uns, indem wir in Betrachtung der Geschichte seines alten Volkes in der Wüste fortfahren.

 

Wir fahren fort in Betrachtung der Gesetzgebung vom Sinai herab. Wir haben lieber diese Worte des Apostels Hebr. 12, als einen andern Text vorlesen wollen, obschon wir nicht gesonnen sind, diesmal die großen Vortheile auseinander zu setzen, welche er durch die Verneinung zu erkennen giebt: ihr seid nicht gekommen zu dem Berge Sinai – dem er den Berg Zion entgegensetzt. Er bezeichnet damit zwei Haushaltungen oder Verfassungen, die gesetzliche nemlich und die evangelische, die er hier und an vielen andern Orten einander entgegenstellt, namentlich 2. Cor. 3, wo er jene als ein Amt schildert, das die Verdammniß, diese aber als ein Amt bezeichnet, das die Gerechtigkeit predigt, woraus der große Unterschied beider Verfassungen deutlich und scharf hervorleuchtet. – Es wäre sehr der Mühe werth, die Vergleichung zu verlängern, um die Verschiedenheit beider Verfassungen genau zu bezeichnen, woraus denn deutlich hervorgehen würde, daß, so wenig Moses bei aller seiner Herrlichkeit im Stande war, das Volk in Canaan einzuführen, auch das Gesetz nicht dazu taugt, einem sündigen Menschen zur Seligkeit zu verhelfen, daß, wie ein anderer als Moses nöthig war, sie in das verheißene Erbe einzuführen, so auch nur Jesus dazu im Stande ist, Sünder selig zu machen. Und, indem ein anderer Prophet wie Moses verheißen ward, werden wir auch zugleich an einen andern verwiesen, als an ihn, um bei diesem andern die Seligkeit zu suchen.

 

Wir sind jetzt im Begriff, unter des Herrn gnädigem Beistande, die weitern Vorgänge am Sinai zu betrachten, welche sich unter einem doppelten Gesichtspunkte fassen lassen. Nach dem ersten sehen wir, wie das Volk, allen Versprechungen des Gegentheils ungeachtet, dennoch den Gesetzbund zerreißt und damit den angedrohten Strafen anheimfällt, nach dem andern aber, wie es nun zur Erbarmung seine Zuflucht nehmen muß, wo Moses denn nicht eher ruht, bis er der vollkommensten Begnadigung gänzlich versichert ist. –

 

Der getroffenen Uebereinkunft gemäß, redete Gott, nachdem er die 10 Gebote gegeben hatte, nicht mehr selbst zu dem Volke. Der Berg stand aber noch immer mit dicken Gewölk umhüllet da. Moses stieg auf denselben und kam mit mancherlei zusätzlichen Gesetzen zurück, zu welchen allen das Volk seine bereitwilligste Zustimmung gab und sie zu halten versprach.

 

War Moses bisher jedesmal allein hinaufgestiegen, so bekam er jetzt Befehl, eine Begleitung mitzunehmen, welche aus 73 Personen bestand, nemlich Aaron und seine beiden Söhne und 70 Aeltesten. Jedoch wurde zwischen Mosen und seiner Begleitung ein großer Unterschied gemacht, denn diese sollten nur von ferne anbeten, Moses aber näher hinzutreten. Sie waren aber vorhin mit dem Bundesblut besprengt worden. Sie sahen hier den Gott Israels ohne Zweifel in der Gestalt eines Menschen, als ein Vorzeichen seiner bevorstehenden Menschwerdung. Doch wird von seiner Gestalt nichts gemeldet, sondern nur gesagt, unter seinen Füßen sei eiN Pflasterwerk von Saphir gewesen, welches ein kostbarer Edelstein von himmelblauer Farbe ist, weshalb auch hinzugesetzt wird: wie die Gestalt des Himmels, wenn’s klar ist. Der Hohepriester trug einen Mantel von dieser Farbe. Ob und was sie abbildet, weiß ich nicht, meine aber doch, daß blau die Farbe der Liebe ist – und da mögen wir eigentlich den Saphir als das geeignetste Pflaster ansehen für die Füße des Menschensohnes. Weiß Jemand es noch passender zu deuten, so ist das ja desto besser. Sie sahen Gott, und Gott ließ seine Hand nicht über die Obersten in Israel, heißt es, d.i. er tödtete sie nicht, obschon er gesagt hatte, niemand könne leben bleiben, der ihn sehe. Beides ist der Wahrheit gemäß. Kein sündiger Mensch würde es ertragen können, wenn er Gott, als Gott, ohne einen Mittler sähe. In dem Mittler aber bist Du gütig. Und so erwies er sich hier. – Blau entsteht durch eine Mischung der entgegengesetzten Farben, von schwarz und weiß, und ich dürfte wol behaupten, der schöne Saphir bilde die Vereinigung der zwei Naturen, der göttlichen und menschlichen, in dem Mittler ab, weshalb es auch wol eigentlich nicht weiß, wie die Gestalt, sondern wie der Leib des Himmels, wenn#s klar ist. – Dieser Anblick hatte für die Begleiter Mosis eine erquickende Wirkung, denn es heißt: da sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie. Sie waren also gesund und munter. Betet nicht auch David also: lass’ leuchten dein Antlitz, so genesen wir. Ps. 80,20.

 

Jetzt stieg Moses, dem göttlichen Befehl gemäß, höher auf den Berg, wo Gott ihm die steinernen Tafeln einhändigen wollte. Sechs Tage mußte er harren, ehe ihm etwas gesagt wurde. Denn die Herrlichkeit des Herrn wohnte auf dem Berge Sinai, und deckte ihn 6 Tage mit der Wolke. In dieser Zeit genoß Moses icht, wie auch in den folgenden 34 Tagen nicht, denn er brachte im Ganzen 40 Tage auf dem Berge zu. Jene 6 ersten Tage mußten ganz eigener Art sein, die Moses in einer gänzlichen Stille und Abgeschiedenheit von allen Creaturen zubrachte. Das müssen ganz eigene Tage einer gänzlichen Einkehr gewesen sein, wo seine Seele in eine außerordentliche Stille, Sammlung und Einfalt einging. Es wird sich da in besonderer Vollkommenheit die Seelengestalt ausgebildet haben, die Samuel in den Worten ausdrückt: rede Herr, denn dein Knecht höret. Habacuk drückt sie auch Kap. 2,1 besonders aus, wenn er sagt: ich stand auf der Wacht, um zu vernehmen, was Er in mir reden würde. Von Jesu selbst lesen wir, daß er ganze Nächte im Gebete Gottes zubrachte, welches ohne Zweifel ein ganz ausnehmendes Beten war, eine ganz erhabene Art zu beten, wie sie vielleicht wenige seiner Gläubigen empfangen, verstehen und üben. Doch wollen einige damit begnadigt worden sein, die auch Verschiedenes darüber geschrieben haben, wovon ich nur jenes, nicht ganz unbekannte Lied nenne, was mit den Worten anhebt: „Ach Gott! man kennet dich nicht recht,“ woraus ich nur den einen Vers anführen will, der also lautet:

 

Was eignes Wirken hat erweckt,
Nicht lange währt, nicht göttlich schmeckt,
Es läßt uns, wie wir waren:
Hier setzet mich Gott selbst zur Ruh’,
Ich stimme seinem Wirken zu,
Und mag nichts mehr erfahren.

 

Indeß werde jeglicher nur mehr und mehr arm am Geiste, leidetragend, sanftmüthig, hungrig und durstig nach der Gerechtigkeit, barmherzig, reines Herzens und friedfertig, so wird uns auf diesem Wege alles Uebrige zufallen. Es geht hieraus aber auch hervor, daß ein stetes Herumtreiben, möchte es auch einen löblichen Schein haben, mit einer wahren Gottseligkeit sich nicht wohl verträgt. Soll Jemand besonderer göttlicher Mittheilungen theilhaftig werden, so geht auch eine Sammlung, Einkehr, Abgeschiedenheit und Stille hervor. Das unaufhörliche Reden und Hören thut’s nicht. So ihr aber stille bliebet, so würde euch geholfen, durch stille sein und hoffen würdet ihr stark sein.

 

Am 7ten Tage rief Gott Mose’n zu sich und machte ihn mit manchen Geboten und Satzungen bekannt, welche im 2ten B. Mos. Kap. 25-31 angegeben werden. Wir heben das Merkwürdigste daraus hervor und das besteht darin, daß ihm Kap. 25,40 befohlen wurde: siehe zu, mache alles nach dem Bilde, das dir auf dem Berge gezeigt ist, welches Gebot in der Folge wiederholt wird. Diesen Umstand führt nicht nur Stephanus, sondern insbesondere der Apostel Hebr. 8,5 als sehr bemerkenswerth an und der Letzere leitet viele wichtige Folgerungen daraus her. Dies Gebot betrag die Stiftshütte und den gesammten Gottesdienst in derselben, wie er nachgehends im Tempel gepflogen wurde. Dies mußte genau so eingerichtet werden, wie es demjenigen gemäß war, was Mosi auf dem Berge gezeigt worden war. Was wurde ihm denn daselbst gezeigt? Nicht ein Bild desjenigen, was er auf Erden in der Wirklichkeit darstellen sollte, wie etwa ein Baumeister ein Bild, einen Plan des Gebäudes entwirft, das nach diesem Plan erbaut wreden soll. Vielmehr wurde ihm auf dem Berge des Eigentlche und Wirkliche, das Original gezeigt, welches er auf Erden durch die Bilder des levitischen Gottesdienstes abmalen und abschatten sollte. Jenes, was Moses sah, nennt der Apostel himmlische Dinge, also Wirklichkeit, dasjenige, was er in dem levitischen Gottesdienste darstellte: irdische Bilder und Schattenrisse jener wirklichen himmlischen Dinge. Es war demnach etwas äußerst Wichtiges, was Mosi gezeigt wurde, und wir werden nicht zu weit gehen, wenn wir sagen: daß er deutlich einsah, daß es noch einen ganz andern Priester gebe, als Aaron und seine Nachkommenschaft, noch ein ganz anderes Opfer und Rauchwerk, als derselbe darbringe, noch ein ganz anderes Blut, als er vergieße, noch eine ganz andere Versöhnung, als er stifte und eine andere Reinigung, als er bewirke und überhaupt eine ganz andere Verfassung, als jetzt bestehe. Dies war ohne Zweifel die heimliche Weisheit, wovon David rühmt, Gott lasse sie ihn wissen und den Grund, warum er sagen durfte: Opfer und Speisopfer gefallen dir nicht; warum Jesaias von einem Knecht des Herrn sagte: er werde sein Leben zum Schuldopfer geben, und Zacharias: Gott werde die Sünde des Landes auf einen Tag wegnehmen – warum Daniel es noch als etwas Zukünftiges betrachtete, wo die Missethat versöhnt, die Sünde zugesiegelt und die ewige Gerechtigkeit angebracht werden sollte. Es läßt sich aber auch zugleich wohl begreifen, warum den Gläubigen des alten Testaments, namentlich einem David, die öffentlichen Gottesdienste so angenehm waren, wenn gleich nicht an sich selbst, doch als lebendige Vergegenwärtigung des einen großen, zukünftigen Opfers durch einen Priester nach Melchisedecks Weise. Und dient nicht das heilige Abendmahl unter dem neuen Testament ebenfalls zu einer sinnlichen Veranschaulichung und Vergegenwärtigung des wirklich vollbrachten und durch alle Ewigkeit gültigen Opfers Jesu Christi, einmal am Kreuz geschehen? Werden dies nicht alle diejenigen mit desto größerer Freude halten, welche insbesondere die Nothwendigkeit dieses Opfers für ihre Personen anerkennen?

 

Beim Beschluß der diesmaligen Audienz Mosis bei Gott, empfing er zwo steinerne Tafeln; auf welche Gott selbst die 10 Gebote geschrieben hat. Der lange 40tägige Aufenthalt Mosis auf dem Berge, machte indeß einen sehr übeln Eindruck auf das unbändige Volk. Es bewies auf eine klägliche Weise mit der That, daß es ein steinernes Herz habe und daß es einer besondern Kraft Gottes bedürfe, wenn sein Gebot in demselben wohnen solle. Sie versammelten sich wider Aaron auf eine, ihn bedrohende Weise, und thaten die unvernünftige Forderung an ihn, ihnen Götter zu machen, die vor ihnen hergingen. Christus sagt, Unvernunft gehe aus dem menschlichen Herzen hervor. Hier sehen wir denn recht, wie weit es gehen kann. Ein Mensch soll Götter machen – giebt’s eine ärgere Unvernunft? Und das forderte ein Volk, welches noch vor kaum 6 Wochen die augenscheinlichsten, die erschütterndsten Beweise seines Daseins und seiner Herrlichkeit gehabt hatte! Giebt es einen stärkern Beweis von der Ohnmacht des Fleisches und von der Unverbesserlichkeit der menschlichen Natur, welches auch – außer der Dazwischenkunft der Gnade – die Mittel sein mögen, welche angewandt würden? Sollte man nicht glauben, wenn Gott selbst auf eine hörbare und wohl gar so erschreckliche, doch aber auch zugleich gnädige Weise zu Menschen redete, so würden sie sich alle bekehren? Und doch sehen wir hier das gerade Gegentheil, sehen, daß ihre Bereitwilligkeit, zu gehorchen, nicht Herzenssache war, sondern eine bloße Auswirkung einer knechtischen Furcht; sehen also auch, wie sehr auf unsere Bedürfnisse berechnet jene Verheißung ist, worin Gott selbst verspricht: Er wolle sein Gesetz in unsr Herz geben und in unsern Sinn schreiben – denn nichts geringeres wie das, ist zu unserer wirklichen Besserung erforderlich. – Welch’ ein Schwall von Sünden treten hier auf einen Klumpen hervor! welche Undankbarkeit und dergleichen. Sie wissen auch einen Grund anzugeben, wenn sie sagen: wir wissen nicht, was aus diesem Manne Mose geworden ist. Sie thun, als kennten sie Mose’n kaum, den sie so fremd einen Mann nennen. Ihm schreiben sie ihre Ausführung aus Egypten zu, die sie als einen schlechten Dienst betrachten. Und so schändlich benehmen sie sich 6 Wochen nach der Gesetzgebung? Rief sie denn ihre Verkehrtheit um so mehr in’s Leben, je kräftiger sie den Ausbrüchen derselben entgegentrat? Ist denn das Gesetz die Kraft der Sünde? wird sie durch dasselbe nicht getödtet, sondern lebendig? Nimmt sie denn Ursache am Gebot, um allerlei Lust in dem Menschen zu erregen? Ist’s so nöthig, dem Gesetz getödtet, und bei einem andern Manne zu sein?

 

Doch es wird ja alles noch zum Besten beikommen, da diese Unsinnige sich an Mosis Bruder, den Aaron, wenden. Dieser Mann, ein Hoherpriester, der die hohe Auszeichnung genossen, Gott selbst zu sehen, wird sich dieser tollen Zumuthung mit Nachdruck und Eifer widersetzen. Mag er auch merken, daß das Volk geneigt ist, sich an ihm zu vergreifen, so wird er, ein beinahe 90jähriger Greis, sein Leben nicht ehrenvoller zu beschließen wissen, als wenn er als ein Märtyrer die Wahrheit mit seinem Blute versiegeln und für dieselbe sterben darf, wenn er sie nicht aufrecht erhalten kann. Wie ein Fels wird er dastehen, an welchem alle Wogen brechen. Und gewiß erwarten wir nicht ohne Grund eine solches Verhalten von diesem Manne, in einem so wichtigen Augenblick, wo er’s in seinen Händen hat, das Volk von einer schweren Sünde abzuhalten. Ein Petrus würde wahrscheinlich vor seinem Falle erklärt haben, ihm für seine Person würde es unmöglich gewesen sein, sich anders, als pflichtmäßig zu benehmen. –

 

Aber pfui des Aaron! oder laßt uns lieber sagen, der sich selbst überlassenen menschlichen Natur. Aaron läßt sich ganz nicht darauf ein, das Volk vom Irrwege abzuhalten, vielmehr ist er ihnen behülflich dazu, ihn einzuschlagen; wenigstens scheint er ungemein klug verfahren zu wollen, um sich von allen Seiten zu sichern. Denn Christus sagt, daß neben der Unvernunft auch List, Schalkheit und Schalksauge aus dem menschlichen herzen hervorgehe. Besorgt für sein Leben, widersprach er ihnen nicht; hoffend, sie auf andere Gedanken zu bringen, fordert er ihnen ihren goldenen Schmuck ab, der ihnen aber doch zu diesem Zwecke nicht zu lieb ist, sondern den sie augenblicklich hergeben; er gießt ihnen jetzt ein goldenes Kalb, und wir wollen hoffen, er habe gedacht, ein Kalb, selbst von Gold, werde ihnen doch für einen Gott zu albern vorkommen, und sie über dem Anblick eines solchen Gebildes ihre eigene viehische Unvernunft erkennen, so wie ihre Gleichstellung mit den Egyptiern, welche abgöttischer Weise einen Ochsen als ihren Gott verehrten, mit Abscheu gewahr werden. – Aber nur die Wahrheit macht frei, nicht aber kann das Abweichen von derselben Nutzen schaffen. Das Volk war damit wohl zufrieden und schrie: siehe da! die Götter, die uns aus Egyptenland geführet haben. Jetzt wollte denn Aaron die äußerste Klugheit beweisen und suchte das Volk dahin zu leiten, daß sie das Kalb nicht als ihren eigentlichen Gott, sondern nur als ein Bild des wahren Gottes verehrten, hoffend, dies werde eine geringe, doer selbst gar keine Sünde sein, rief deswegen aus: morgen ist das Fest des Jehova. So führte er eine Vermengung ein, wodurch die beidne ersten Gebote: du sollst keine andere Götter neben mir haben, und: du sollst dir kein Bildniß, noch irgend ein gleichniß machen, zugleich übertreten wurden. Das Volk ließ sich diesen selbsterwählten Gottesdienst, der den Menschen immer besser ansteht, als der von Gott verordnete, ganz gut gefallen. Es wohnte des Morgens den Opfern bei, die Aaron verrichtete, des Nachmittags setzten sie sich nieder zum Essen und zum Trinken und standen sodann auf zu spielen. Das war denn ein, dem Flsich sehr anständiger Gottesdienst. Sie spielten – oder wie es eigentlich heißt: lachten und trieben allerhand Muthwillen – welcher ihnen Kurzweil’ machte.

 

Mag man denn aus der Verbindung, in welcher hier des Lachens, Spielens und Singetanzes gedacht wird, da es aus dem Abfall von Gott und aus einem falschen Gottesdienst entsprang – einen rechtskräftigen Schluß machen, von den Lustbarkeiten, welche auf eine ähnliche Art unter uns im Schwange geh’n, und daraus abnehmen, was wir, als sogenannte Christen, von dem Lachen und Spielen, von Schauspiel und Tanz zu halten haben, diesen Dingen, die bei den Vornehmen, wie bei den Geringen so eifrige Vertheidiger finden. Mögen sie das. Wir müssen sie aber als Dinge betrachten, welche zum Kälberdienst gehören und sich mit der wahren Gottseligkeit schlechterdings nicht vertragen. – Die Kinder Israel mußten ihr Spielen und Tanzen sehr bitter büßen und ihrer 3000 dafür das Leben lassen. Dies ist offenbar ein Lachen, welches sich, wenn es taugen soll, in Weinen, und eine Freude, die sich in eine Traurigkeit nach Gott verwandeln muß. Man besteht darauf, es solle mit dürren Worten aus der Schrift bewiesen werden, daß namentlich das bezeichnete Wesen ausdrücklich verboten sei. Wem dieß ausdrückliche Verbot nicht aus den Worten hervorleuchtet, wo von diesen Kälberdienern gesagt wird: sie standen auf zu spielen, und wovon Moses nachher sagt: ich höre das Getümmel eines Singetanzes, der beweiset damit nur seinen bösen Willen und sein ungehorsames, widerspenstiges Herz. Diese sollen aber auch wissen, daß sie von wahrer Gottseligkeit gar nichts besitzen und daß sie die Leute sind, von denen Jesus sagt. wehe euch, die ihr hier lachet, denn ihr werdet weinen und heulen.

 

So lustig gieng es in dem Lager zu. Man scherzte, man lachte, man tanzte und sang. Man dachte in seiner Fröhlichkeit weder an Gott, vor dem man sich so gefürchtet hatte, noch an Mose’n, der ihnen so nöthgi gewesen war, noch an die 10 Gebote, die der Herr selbst zu ihnen geredet und ihnen namentlich verboten hatte: du sollst keine andere Götter neben mir haben, du sollst dir kein Bildniß noch irgend ein Gleichniß machen. Sie waren heiter, munter und fröhlich. Aber ganz anders wurde auf dem Berge davon gedacht, geurtheilt und gesprochen. Das hätte ihnen Hauptsache sein sollen, nicht, wie sie es ansahen, sondenr wir es von oben herab angesehen wurde. Das würde eben so nützlich gewesen sein, als es nöthig war. Aber das Hauptsächlichste schlugen sie nicht an. Und so geht’s ja im Ganzen mit den leichtsinnigen Menschen. Sie machen voran. Sie bekümmern sich nicht d’rum, was and’re Menschen, oft nicht d’rum, was die Obrigkeit, bekümmern sich nicht d’rum, was ihr eigenes Gewissen und was Gott selbst dazu sagt. O! ein jämmerlicher Leichtsinn! wohin wird derselbe führen? Wie gänzlich muß sich derselbe verlieren, welche genau Rücksicht auf Gott werden sie lernen müssen, wenn es gut mit ihnen werden soll.

 

Gott, der Herr, redete mit Mose über diese Sache. Kaum hatte er die zwei Tafeln empfangen, so hieß es zu ihm: geh’, steig’ hinab, denn dein Volk, das du aus Egypten geführet hast, hat es verderbet. Gott thut ganz fremd und nennt es nicht mehr sein, sondern des Mosis Volk, das er, nicht Gott, aus Egypten geführt habe. Aber es lag in dieser Art zu reden, doch eine heimliche Gnade versteckt, wie eine Traube unter den Blättern. Denn es ward Mosi gleichsam an die Hand gegeben, dem Herrn zu widersprechen, und Ihm das dein und du zurückzuschieben, wie er auch alsbald that, da er sagte: warum will dein Zorn ergrimmen über Dein Volk, das Du mit großer Kraft aus Egypten geführet hast. Seltsames Warum? wo doch so viel Ursache zum Zürnen vorhanden war! – Der Herr machte dem Moses die Sünde des Volkes bekannt. Sie sind, sagt er, schnell von dem Wege abgetreten, den ich ihnen geboten hatte; sie haben sich ein gegossen Kalb gemacht und haben’s angebetet und ihm geopfert und gesagt: das sind deine Götter, Israel, die dich aus Egyptenland geführet haben. Dachten sie in ihrem Ungehorsam nicht an Gott, welches sie davon hätte zurückhalten können: so dachte doch Gott an sie, um es ihnen zu vergelten. Er setzte hinzu: ich sehe, daß es ein halsstarrig, unbiegsam Volk ist. Nun lass’ mich, daß mein Zorn über sie ergrimme und sie auffresse: so will ich dich zum großen Volk machen. Welche wunderbare Rede und welche versteckte Gnade. Allerdings hatte Gott das Recht, also zu handeln, als er zu handeln droht, wenn der Mittler des alten Bundes seine Einwiligung dazu giebt. Indem er ihn aber zu dieser Einwilligung auffordert, giebt er zugleich zu verstehn, daß er ohne diese nichts thun werde. Er faßt Mose’n von der Seite an, von welcher die meisten am leichtesten zu überwinden sind, der Ehrliebe nemlich, wenn er sagt: so will ich dich zum großen Volk machen. – Der Herr kannte seinen Knecht allzu genau, als daß er hätte besorgen dürfen, er willige in etwas ein, das in seinen Rathschluß nicht passe, deswegen wagte er ihn so dabei und durfte ihn also wagen. – Moses erkannte sehr wohl, daß Alles in seine Hand niedergelegt sei, wenn der Herr sagte: lass’ mich, und so hatte er’s für’s Volk gewonnen. Was die Ehre anbetraf, so gab er auch diese dem Herrn zurück und erinnerte ihn daran, was die Egyptier dazu sagen würden, wenn er also verführe, erinnerte ihn an seine Wahrheit, an seinen Eid, den er Abraham, Isaak und Israel gegeben, da er bei sich selbst geschworen, er wolle ihnen das Land geben, und zeigte so die Unmöglichkeit, anders als gnädig mit seinem Volke zu verfahren. – So hatte Moses Gelegenheit, sein Mittleramt für’s Volk bei Gott zu verwalten und betete und sprach: kehre dich von dem Grimm deines Zorns und sei gnädig über die Bosheit deines volkes, 2. Buch Mose 31,12. Und dies gefiel dem Herrn sehr wohl. Warum wollte er zürnen, da er Gnade beweisen konnte.

 

Also getröstet stieg Moses, die beiden von Gott selbst geschriebenen Tafeln in der Hand, den Berg hinab. Schon von ferne tönte ihm das Jauchzen im Lager entgegen. Als er nun nahe genug gekommen war, und des Kalbes und der Tänze ansichtig wurde, ergriff ihn selbst ein heiliger Eifer und Zorn, daß er auch die beiden Tafeln aus seinen Händen warf und sie am Fuße des Berges an dem Felsen zerschmiß – nicht aus Unwillen über die auf den Tafeln eingegrabenen Gebote, sondern über das ungehorsame Volk, als wollte er sagen: was sollen solche heilige Gebote solchem unartigen Volke! Wer will solchen garstigen Leuten von irgend einem Gebote reden, da sie’s nur hören, um es zu vergessen und zu übertreten. Moses That wird übrigens weder gelobt noch getadelt, wir dürfen uns also auch weder das eine noch das andere erlauben. Wohl hatte das Volk die Gesetztafeln zerschmettert und bedurfte andere Tafeln und einer andern Schrift. Und sind wir nicht in dem nemlichen Fall? – Das Kalb aber nahm Moses, zerbrach, verbrannte es zu Asche, streute sie in’s Wasser und gab’s ihnen zu trinken. Aaron bekam einen ernsten Verweis und nun rief Moses: her zu mir, wer den Herrn fürchtet. Der Stamm Levi sammelte sich zu ihm, dem er befahl, mit dem Schwerdte in der Hand das Lager zu durchziehen und alle Abgötter zu tödten, die ihnen vorkamen, was sie thaten, so daß 3000 fielen. Des andern Morgens sagte er zum Volke: ihr habt eine große Sünde gethan. Nun will ich hinauf steigen zu dem Herrn, ob ich vielleicht euere Sünde versöhnen möchte. Er ließ auch nicht eher nach, bis er alles wieder ins Gleiche gebracht hatte, wovon wir – so der Herr will – nächstens zu handeln gedenken.

 

Sehet denn hier einen kläglichen Beweis von der unaussprechlichen Verderbniß, nicht nur des jüdischen, sondern auch des menschlichen Herzens überhaupt, wozu auch Aaron einen bedauernswürdigen Beitrag giebt. Laßt usn ja nicht bei den Juden stehen bleiben und auf eine scheinheilige Weise fragen: wie war das möglich? Laßt uns vielmehr erkennen, daß wir nicht weniger verderbt, nicht weniger zum Bösen geneigt und – wenn Versuchung dazu schlägt – des Bösen nicht weniger fähig und also auch nicht weniger strafbar sind, wie sie waren. Laßt uns uns rechtschaffen demüthigen und rechtschaffen bekehren und allen Ernstes unsere Zuflucht zum Gnadenthron nehmen und nicht ablassen, bis auch uns unsere Sünde vergeben wird, die da groß ist. Bekehre Du uns, Herr, so werden wir bekehrt, heile Du uns, so werden wir heil. Amen.

 

 

Achtzehnte Predigt.

 

Eilfte Lagerstätte: die Wüste Sinai. Fortsetzung.

2. Buch Mosis 34,8.9.

 

Wenn Hiob Kap. 13,15 sagt: wenn er mich tödten wollte, sollte ich nicht auf ihn hoffen? so ist das gewiß eine bewundernswürdige Rede, wir mögen sie als die Sprache der Ergebung betrachten oder als die des Vertrauens.

 

Wenn der große Dulder sagt: wenn er mich tödten wollte – so drückt er damit eine Uebergebung ohne allen Vorbehalt aus in alles, was der Herr weiter über ihn zu verfügen für gut finden möchte. Und dies kann nur derjenige für etwas Leichtes achten, der’s nicht begreift. Armer Hiob, möchte man sagen, du redest wohl. Aber wo willst du die Kraft hernehmen, wenn es zur wirklichen Ausübung kommen sollte?

 

Doch er setzt hinzu: sollte ich nicht auf ihn hoffen? Er fragt: was sollte mich bewegen, meine Hoffnung auf ihn fahren zu lassen? Die Größe, die Heftigkeit, die Dauer meiner Leiden? Sie nöthigen mich ja um so mehr dazu, da sie mir jegliche sonstige Stütze wegreissen. Ein Schiffmann kann Anker und Mast kappen, und Gold und Silber über Bord werfen, um sich zu retten; aber den Compaß wird er nicht den Wellen preißgeben, sondenr ihn behaupten, so lange er kann. Und sollte das Wasser mir bis an die Seele dringen, und die Fluth über mein Haupt hergehen: sollte ich nicht hoffen auf Den, der alles stillen kann? Sollte es meine Sünde thun? Ach! er wolle ja nicht Acht haben auf meine Sünde, Kap. 14,6. Habe ich gesündiget, was soll ich dir thun, o du Menschenhüter? Kap. 7,20. Aber nöthigt sie mich nicht, um so mehr auf seine Barmherzigkeit zu hoffen, je weniger ich ein Verdienst habe, und mich um so fester an den zu klammern, der mir zur Gerechtigkeit gemacht ist, je weniger ich eine eigene an mir entdecke, und um so mehr auf sein vollgültiges Opfer zu kompromittiren, je weniger ich selbst was gut machen kann? Soll ich denn nicht seine Gnade für größer achten als meine Sünde, sollte es auch mit großem Kampf geschehen? Sollte ich nicht auf ihn hoffen? Soll meine Armuth mich dazu bewegen, die mich für seinen Reichthum nur um so bedürftiger macht, und mich nöthigt, seine königliche Mildthätigkeit so viel dringender in Anspruch zu nehmen? oder meine Krankheit? Nöthigt sie mich nicht um so mehr, zu dem Arzt zu flüchten, der mich einladet zu kommen – je tödtlicher und unheilbarer sie ist? Soll’s mein Unglaube thun? Aber wer soll mich glauben lehren, wenn er’s nicht thut? – oder meine Ohnmacht und weiteres Elend, da ich ihn eben deswegen um so mehr bedarf? Nein, ich hoffe, ich hoffe auf ihn. Worauf soll ich’s sonst?

 

So dringt er um so mehr auf den Herrn los, je mehr ihn davon zurückscheuchen will.

 

So machte es auch Moses, wie wir jetzt näher zu sehen mit des Herrn Hülfe gesonnen sind.

 

Wir haben die Ereignisse in der Wüste und am Berge Sinai, unter einem doppelten Gesichtspunkt gefaßt, - erst ihre Sünde, dann ihre Begnadigung durch die Vermittelung Mosis: Laßt uns denn jetzt die letztere in Erwägung zieh’n, nachdem wir über die erstere noch einige Anmerkungen gemacht haben.

 

Die Kinder Israel versündigen sich an Gott durch ein goldenes Kalb, mit welchem sie Abgötterei treiben. Es soll aber ein jeder anerkennen, welches dies Kalb – welches das Irdische, Sinnliche, Thierische oder gar Viehische sei, womit er seines Orts etwa Abgötterei treibt. Niemand meine so leicht, dies gehe ihn nicht an; denn mag es ihn etwa auch wirklich im groben Sinne nicht angehen: so mag er wohl zusehen, ob er nicht in einem subtilern Sinne desto tiefer und gefährlicher in der Abgötterei steckt. Was die grobe Abgötterei betrifft, wie sie bei den Heiden statt findet, so sind wir dazu freilich zu aufgeklärt, wie es die Muhamedaner und Juden auch sind, und unter den ehmaligen Götzendienern es auch mehrere waren. – Mag das auch etwas Seltenes sein, daß jemand den Unsinn behauptete: es sei gar kein Gott, da das Gegentheil der menschlichen Natur viel zu tief eingeprägt ist: so ist’s dagegen desto häufiger, daß viele Menschen sich also benehmen, als wäre kein Gott, kein Gericht, keine Ewigkeit. Wenn sie das einigermaßen für ausgemacht hielten, so würden sie auch anders leben; denn ein Glaube, ein Fürwahrhalten, ohne Einfluß auf das Gemüth des menschen, ist von keinem Werth und dem Leugnen gleich. Was kann es – um nur eins nahmhaft zu machen – helfen, wenn jemand mit dem Munde eine göttliche Vorsehung bekennt, aber so sorgt und sich so grämt und benimmt, als wäre alles Zufall, doer als hinge alles von ihm selbst und den Umständen ab? – Die Schrift redet aber auch von einer andern Abgötterei als der groben heidnischen! Sie spricht von Menschen, welche den Bauch zu ihrem Gott machen, dem sie dienen, und denen dasjenige für das Höchste gilt, was den Sinnen schmeichelt und ihre Lüste befriedigt. Ihre Kleidung, ihre Wohnung, ihre Tafel, ihr Hausrath, ihr Umgang, ist blos auf Sinnenlust berechnet; ihr Sinnen, Dichten und Trachten bezweckt dieses Ziel, sich gute Tage zu machen. Aber – sagt der Apostel – ihr Ende ist die Verdammniß. Schreckliches, nicht geglaubtes Ende! das haben sie also endlich davon, und bringen sich, wie der reiche Mann, endlich in die Hölle und in die Quaal. Sie sollten lieber in’s Trrauerhaus geh’n, als in’s Trinkhaus, lieber elend werden und weinen. Aber sie wollen sich nicht rathen lassen, und ihr Bauchdienst gefällt ihnen so gut, daß sie demselben Seele und Seligkeit aufopfern, wie die Kinder Israel ihr Gold. Jammervolle Gesinnung! – Die heilige Schrift nennt auch den Geiz Abgötterei. Wer also geizig, habsüchtig ist, der ist der Abgötterei schuldig. Und diese Art von Abgötterei wird ins besondere in der handelnden Welt getrieben, welche es schon ihrer Natur nach mit sich bringt, nach Gewinn zu haschen, da die andern Stände mehr auf ein Bestimmtes beschränkt sind, wogegen sich jenen die ganze Welt öffnet. Und sind nicht in unsern Tagen viele reiche Handlungshäuser eben durch ihre unermeßlichen Begierden gefallen, und haben über dem Streben, das zu erlangen, was sie nicht hatten, auch das eingebüßt, was sie besaßen? Und was für Kniffe und Schliche, was für Ränke und Täuschereien mögen nicht für erlaubte Mittel, für Klugheit gelten! Wohin werden sie aber manchen, entweder für seine eigene Person, oder für seine Nachkommen schon in dieser Welt bringen? Daß er sie durch seine Unredlichkeit an den Bettelstab lügt und täuscht, und hernach für seinen Götzendienst auch noch die Hölle zum Lohn empfängt. So lange übrigens du, der zween Röcke hat, dem nicht einen mitgeben kannst, der keinen hat, wirst du dich nicht für rein vom Götzendienst des Geizes halten dürfen, und wissen müssen, daß ein Geiziger so wenig das Reich Gottes erbt, als die Todtschläger, Lästerer, Hurer, Trunkenbolde und dergleichen. – Auch machen die Menschen sich selbst zu ihrem Gott, das heißt, sie lieben sich selbst über Alles und mehr als Gott, sie machen sich selbst, ihren eigenen Willen, ihr eignes Vergnügen, ihren eigenen Vortheil und eigene Ehre zu ihrem letzten Zweck, dem sie alles andere unterordnen, um deswillen sie, wenn es darauf ankommt, alles aufopfern, sogar gott und seine Gemeinschaft selbst, verhalten sich also in Absicht auf sich selbst so, wie es nur allein in Absicht auf Gott zu handeln erlaubt und Pflicht ist. Judas opferte Jesum seinem Privatvortheil; die königinn Athalia tödtet, nach 2 Könige 11, alle königlichen Kinder, um selbst zu herrschen; Herodes will Jesum gleich nach seiner Geburt umbringen, um seinen eigenen Thron zu befestigen, und tödtet später seine eigenen Söhne zu dem nemlichen Zweck. So macht der Mensch sich selbst statt Gottes zum letzten Endzweck seines Thuns, kehrt es also ganz um. Eben so vertraut er auch auf sich selbst. Ein Sanherib meint, er habe alle seine Kriegsthaten durch sich selbst ausgerichtet, und andere hielten ihn auch für einen großen Feldherrn, ohne höher hinauf zu schauen, wie man noch zu thun pflegt. Wie übel nimmt aber der Herr diesen Selbstruhm diesem Manne, obschon er ein Heide war. Kaum spricht Nebukadnezar. das ist das große Babel, das ich durch meine große Kraft zu meiner Herrlichkeit erbaut habe: so wird er wie ein Vieh; und als Herodes mit Wohlgefallen den Zuruf des Volks vernimmt, das ist die Stimme Gottes und nicht eines Menschen, kriegt er einen Schlag in den Leib, woran er bald elendiglich und unter unsäglichen Schmerzen seinen Geist aufgiebt; und in neuern Zeiten stirbt ein Engländer unter den mörderischen Händen der nemlichen Wilden, deren Einfalt er dazu mißbraucht hatte, sich von ihnen für einen Gott halten zu lassen. Tyrus wird eben darum durch göttliche Fügung zerstört, weil sich sein Herz erhebt und es spricht: ich bin klug. Jegliches Vertrauen, was der Mensch auf sich selbst setzt, ist nichts, als eine subtile Abgötterei, die nicht weniger strafbar ist, als die grobe. Und so ist auch ohne goldene Kälber und Götzenbilder, die Abgötterei in der Welt noch immer sehr groß und gemein. Selbst die gewöhnliche Redensart deutet dies an, dennsagt man nicht wol: der mache sich daraus einen Gott – das ist sein Götze, das heißt, er hängt sehr daran und setzt einen ungemeinen Werth darauf. Und was ist’s oft, das den Götzen eines Menschen ausmacht? Oft ist’s lächerlich, oft schändlich und immer sündlich. Augenlust ist es, Fleischeslust und hoffärtiges Wesen, was den dreiköpfigen Götzen der Menschen ausmacht; die Welt sit es, die sie umtanzen, wie die Kinder Israel ihr Kalb. –

 

Aber der Mensch will sich seine Sünde nicht aufdecken lassen, weil er sie lieb hat und sie nicht ablegen will. Er sucht allerlei Ausflüchte und Entschuldigungen. So sehen wir’s an Adam. Statt seine Sünde einzugesethen, wie Gott es ihm doch durch die Frage so nahe legte. hast du nicht gegessen von dem Baume, davon ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? wich er erst aus, als ob blos seine Nacktheit ihn bewogen habe, sich aus Schamhaftigkeit bei Seite zu machen, und als dies nicht genügen wollte, war er schamlos genug, die Schuld auf seinen Schöpfer selbst zurückzuschieben und zu sagen: das Weib ist an allem Schuld, das du mir zugesellet hast, und so wollte er schuldlos ausgehen, nicht aber seine Schuld bekennen. Wer aber seine Missethat leugnet, dem wird’s nicht gelingen. So wir nun unsere Sünde bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünde vergibt und reiniget uns von aller Untugend. – Welche Umschweife mußt Nathan machen, und wie klug mußte er’s einrichten, um dem König David seine begangenen schweren Sünden aufzudecken und ihn zur bußfertigen Anerkennung derselben zu leiten, wie er auch selber bekennt, er habe es wollen verschweigen, obschon seine Gebeine darüber verschmachtete seien, wie wenn es im Sommer dürre wird. Sobald aber sein Gemüth dahin gekommen, sagen zu können: ich will dem Herrn meine Uebertretung bekennen, da habe er ihm auch die Schuld seiner Uebertretung verziehen. – So sucht auch Aaron Ausflüchte, als Moses ihm Vorwürfe macht und ihn fragt: was hat dir denn das Volk gethan, daß du diese große Sünde über dasselbe gebracht hast? Statt sich vor Gott zu demüthigen, kriecht er vor seinem Bruder und nennt ihn seinen Herrn: mein Herr, spricht er, lasse seinen Zorn nicht ergrimmen, denn du weissest, daß das Volk böse ist. – Aber das ist ja so gut wie nichts gesagt. Weil das Volk böse ist: so mußte ich ihm in seiner Bosheit willfahren – was ist das für eine Art zu schließen? Auf die Weise müßten auch diejenigen, die das Böse hemmen können, ihm nur den Lauf lassen, weil die Menschen dazu geneigt sind. Sollte das gelten: so thäten Gott und die Obrigkeit nicht wohl daran, daß sie Mord und Diebstahl verbieten und strafen. Aber liegt nicht in allen Entschuldigungen lauter Unvernunft, da man sich nur von dem Ziel entfernt, das man erreichen will? Erkenne deine Missethat, ist die erste Forderung an uns, und die Zusicherung: ich bin barmherzig und will nicht ewiglich zürnen, eine kräftige Ermunterung zu diesem Verhalten. Statt aber diesen Weg einzuschlagen, spricht man: ich meine es doch so übel nicht, andere sind viel schlimmer, ich sage auch nicht, daß ich mich nicht noch einmal bessern und bekehren will, wenn es mir gleich jetzt noch nicht gelegen kommt, ich thue doch auch noch manches Gute, dessen ich mich jedoch nicht rühmen will, und Fehler wird wol jeder noch an sich haben und behalten, und was dergleichen Weigerungen mehr sind, die doch im Grunde betrachtet, nichts anders sagen, als: mein, meine Sünde erkennen und mich bekehren, mag ich nicht. Kann aber jemand wol eine unseligere Gesinnung haben, wie die? – Aaron thut auch ziemlich unschuldig. Ich forderte ihnen ihr Gold ab, sagt er, warf’s in’s Feuer, daraus ist das Kalb worden, da es doch vorher heißt: er entwarf’s mit einem Griffel und machte ein Kalb draus. – Ach, wol hat Gott Recht, dem Volke zu sagen: du kommst nicht hinein, das Land einzunehmen um deiner Gerechtigkeit und deines aufrichtigen Herzens willen. So wisse nun, daß der Herr, dein Gott, dir nicht um deiner Gerechtigkeit willen gibt das gute Land einzunehmen, sintemal du ein halsstarrig Volk bist. Wohl hat Jesus viel Ursache, die Menschen ein krummes und verdrehtes Geschlecht zu schelten – und David, zu beten: wende von mir den falschen Weg, und gönne mir dein Gesetz. Wer es begreift, wie viel ein reines, aufrichtiges Herz zu bedeuten hat, der wird Bedenken tragen, sich desselben so leichtlich zu rühmen, und sich erinnern, daß Salomo die menschliche Natur im Ganzen, als ränkvoll darstellt, und daß es Christen sind, welche Petrus auch zur Ablegung aller Heucheleien, wie sonstiger Unarten auffordert. Ein einfältiges Auge macht den ganzen Leib licht, ein Schalksauge aber finster. Etwas Großes, aber auch etwas Nothwendiges ist es, ohne Falsch und lauterlich auf Gott gerichtet zu sein; den Aufrichtigen läßt er’s gelingen. So wie aber Er es ist, der nach Psalm 99. Frömmigkeit giebt: so ist er’s auch, der Aufrichtigkeit, der Gerechtigkeit und Gericht in Jakob schafft. Davon war David so sehr überzeugt, daß er Psalm 139. mit großem Drange betet: erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz, prüfe mich und erfahre wie ich’s meine – denn, sagt Gott, beim Jeremias: arglistig und betrüglich ist des Menschen Herz mehr, denn ein einiges Ding. Schaffe du, o Gott, in mir ein reines Herz, und gieb mir einen neuen, gewissen Geist! –

 

Moses nun hatte es als Mittler des alten Bundes übernommen, den Versuch zu machen, ob er die Missethat des Volkes versöhnen möge. Dies fand große Schwierigkeit, aber er ließ nicht nach, bis er eine völlige Begnadigung ausgewirkt hatte. Zuerst fiel er auf sein Angesicht nieder und blieb unglaublicher Weise also 40 Tage und eben so viel Nächte vor dem Herrn liegen, ohne Nahrung zu sich zu nehmen. Eine lange und ernstliche Buße fürwahr, die er für die Sünde des Volks that; denn ich fürchtete mich, sagt er, 5 B. Mos. 9,19, vor dem Zorn und Grimm des Herrn, der über euch und über Aaron ergrimmt war, daß er euch vertilgen wollte. Moses that das aus Drang einer unaussprechlichen Liebe zu seinem Volke, die Gott in ihm entzündet hatte, und die so weit ging: daß er betete und sprach: Ach! das Volk hat eine große Sünde gethan und sich goldene Götter gemacht, nun vergib ihnen ihre Sünde, oder tilge lieber meinen Namen aus deinem Buche, das du geschrieben hast. Jesus sagte zu seinen Jüngern: freuet euchf, daß euere Namen im Himmel angeschrieben sind – und Moses glaubte mit Recht, daß er sich deß auch für seine Person freuen könne; dies war auch der Grund seiner Seligkeit. Und doch geht seine Liebe so weit, daß er um des Volkes willen sogar auf seine Seligkeit Verzicht thun will. Von einer solchen Liebe haben wir nur noch Ein Beispiel an einem bloßen Menschen, nemlich an Paulo, der auch nach Röm. 9,3. gewünscht hätte, von Christo verbannt zu sein, für seine Brüder nach dem Fleisch, nemlich die Juden. – Eine unglaubliche Liebe, die in ihrer Aufopferung so weit gehen kann, andere nicht nur zu lieben wie sich selbst, und das in einem solchen Maße, seine Seele und Seligkeit für andere zu wagen. Wir lassen uns auf die vernünftige oder fleischliche Auslegungen und Einschränkungen der Gelehrten und ihre Untersuchung, ob dies recht sei oder nicht, nicht ein. Genug, Moses unter dem alten, und Paulus unter dem neuen Testamente hatten eine solche ungemeine Liebe, eine Flamme des Herrn, welche viele Wasser nicht mochten auslöschen, noch die Ströme sie ersäufen. Thun wir zuviel, sagt Paulus 2 Kor. 5, oder eigentlich, sind wir unsinnig, so sind wir’s, Gott, sind wir aber mäßig, so sind wir’s euch. Wollten wir unsere armselige Liebe, wollten wir unser bisgen Glauben, unsere geringe Erfahrung zu der Gränze machen, über welche hinaus es auch bei andern nicht gehen könne oder dürfe, so würden wir ja sehr anmaßender scheinen. Doch wurde Beider Anerbieten zurückgewiesen und Mosi geantwortet: was? ich will den aus meinem Buche tilgen, der an mir sündigt. Das geltende Opfer zu bringen war einem andern vorbehalten. Wer denkt nicht an den 40tägigen Aufenthalt Christi in der Wüste, wer nicht an sein Niederfallen auf sein Angesicht, seine Thränen, sein starkes Geschrei, seine Angst, sein Zittern und Zagen; wer nicht an seine wundervolle Aufopferung während der dreistündigen Finsterniß und Verlassung am Kreuz, wo er sich ganz und gar, nach Leib und Seele, für Zeit und Ewigkeit, und fest entschlossen, lieber selbst aus dem Buche des Lebens getilgt zu werden, als Eins seiner Schafe umkommen zu lassen, an die Gerechtigkeit Gottes für sie hingab, und sich in des Todes Staub legen ließ, in wlchem Opfer vollendet sind alle, die geheiligt werden. Ja, er ließ sich zur Sünde machen, damit wir in ihm würden Gerechtigkeit Gottes.

 

Moses richtete durch seinen ersten Versöhnungsversuch wol etwas, aber doch nur wenig aus. Gott thut noch sehr fremd und ernst. Zwar gibt er zu erkennen, er werde, seines Eides eingedenk, ihnen das verheißene gute Land geben, redet aber von dem Volke als einem solchen, das nicht Er, sondern Moses aus Egypten geführt habe, läßt selbst meken, als wohne ihm ein innerlicher, verhaltener Grimm bei, der jeden Augenblick zum Verderben des halsstarrigen Volkes losbrechen könne; deßhalb wolle er ein weniger heiliges Wesen als er sei – einen erschaffenen Engel, ihnen zum Führer geben. Dieses Fremdthun, wobei keine innige Gemeinschaft stattfindet, ist ganz alttestamtnlichen Verfassung angemessen. Aber so steht auch eine jegliche Seele noch so fremd gegen Gott, zwischen Hoffnung und Furcht, die noch nicht zur völiigen Entsagung ihrer selbst und der Welt, noch nicht zu einem völligen Glauben und zu einem lichtvollen Durchschauen in die vollkommene Versöhnung gelangt ist, und wie sie das eine Mal sich der Barmherzigkeit getröstet: so erschreckt sie das andere Mal die Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes und besorgt, es möchte auch über sie früher oder später ein verhaltener Grimm losbrechen. Daraus entspringt ein ängstliches Christenthum, dem der Apostel ein freudiges Hinzutreten zum Gnadenthron entgegenstellt, welches aus der Erkenntniß der durch Christum gestifteten vollkommenen Versöhnung entspringt. Eine kostbare Erkenntniß, die uns aber nur der heilige Geist mittheilen kann, der es von dem, was Christi ist, nimmt, um es uns zu verkündigen, eine Erkenntniß, die denjenigen, der sie besetzt, nicht unfruchtbar sein läßt, wie sie ihm einen Frieden mittheilt, welcher höher ist als alle Vernunft, eine Erkenntniß, wornach ein jeder Heilsbegierige sich mit Recht innigst sehnt, und die nur den gründlich Gedemühtigten mitgetheilt wird. – Gott stellte sich auch so fremd, nicht in der Absicht, Mosen zurückzuschrecken, sondern vielmehr, theils diese Demüthigung zu bewirken; denn mochte er auch 40 Tage und 40 Nächte auf seinem Angesichte vor Gott gelegen haben, so galt das alles doch nichts zur Versöhnung des strafbaren Volkes, es mußte noch ganz was anderes sein und geschehen, wenn’s ganz gut werden sollte; theils sollte Moses diese Demüthigung auch auf’s Volk überführen, theils aber und insbesondere desto kräftiger an das Herz Gottes dringen. Dies Alles geschah denn auch. Moses mußte dem Volke im Namen Gottes sagen: du bist ein halsstarriges Volk. Ich werde einmal plötzlich über dich kommen und dich vertilgen. Und nun lege deinen Schmuck von dir, daß ich wisse, was ich dir thun soll. Das Volk gehorchte. Zugleich nahm Moses die Stiftshütte aus dem Lager weg, und richtete sie anderswo auf, als die nicht werth waren, daß Gott unter ihnen wohnte. Auch war die Wolken- und Feuersäule nicht übe rihnen, sondern draußen über der Stiftshütte. Dies werden ängstliche Tage der Buße und der Erwartung dessen, was da kommen sollte, gewesen sein; da wird kein Mnesch an Tanz und Spiel gedacht haben, sondern eher an Seufzen und Weinen. Da mögen sie wol kaum Lust gehabt haben, zu essen und zu trinken. Wie werden sie ihren Abfall von Gott, ihre Ruchlosigkeit, ihre Unvernunft, beseufzt, beweint, beklagt und die ernstlichsten Vorsätze gefaßt haben, Gott nie wieder zu beleidigen. Sehet da, die Aeußerungen der Buße! So muß das Herz zerknirscht und gedemüthigt werden, so muß es seine Unwürdigkeit und Strafbarkeit mit Schmerz erkennen. Wißt ihr aus Erfahrung um diese Buße? Ihr solltet es aber. – Ging Moses in die Stiftshütte, so sah ihm das Volk nach und die Wolkensäule in der Hütten-Thür stehen, wo der Herr mit Mose redete, wie ein Freund mit dem andern. Alsdann neigte sich ein jeder in seiner Hütten Thür und flehete um Gnade, deren sie an Mosi ein so erhabenes Exempel sahen. Und dies Gebet wird von den Bußfertigen eifrig geübt. Siehe, er betet, hieß es von Paulo, und der Herr nannte dies, als ein deutliches Merkmal seiner Sinnesänderung.

 

So zweifelhaft standen die Sachen eine Zeitlang, und das Volk wußte nicht, ob Gott nach dem Recht oder nach Gnade mit ihnen verfahren wollte. Ihr Mittler aber benutzte das innige Verhältniß, worin er zu Gott stand, zu ihren Gunsten, und beklagte sich darüber, daß er das Volk hinaufführen solle und nicht wisse, wen der Herr mit ihm senden wolle, da er doch gesagt: ich kenne dich mit Namen und du hast Gnade vor meinen Augen gefunden. habe ich denn Gnade funden, so laß mich deinen Weg wissen, daß ich dich kenne und Gnade finde vor deinen Augen, und siehe doch, daß dies volk dein Volk ist, 2 Buch Mos. 33. Man kann sich denken, mit welcher Inbrunst, mit welchem Drange des Gemüthes Moses also flehete, und vielleicht sein Gebet mit vielen Seufzern und Thränen begleitete. So klagt die Kirche Jes. 64.: deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen uns, wie es jenes kananäische Weiblein erfuhr, welche einen dreimaligen, gewaltigen Anlauf auf das Erbarmen Christi thun mußte, ehe sein Herz gegen sie brach; und Jakob mußte die ganze nacht hindurch mit Gebet und Thränen um den Segen ringen, ehe er ihn bekam. Es kann wol eine Zeitlang, es kann sogar wol eine lange Zeit also scheinen, als ob alles vergeblich wäre, und Gott seine Barmherzigkeit vor großem Zorn verschlossen. – Die nacht kann wol immer schwärzer und ängstlicher werden, bevor die freundliche Morgenröthe anbricht, wo der Ringer erst nach verrenkter Hüfte geliebkoset wird. So leicht und gemächlich geht’s wahrlich nicht her, sein eignes Leben zu verlieren, um Christi Leben zu finden.

 

Moses bekam eine angenehme Antwort, welche er augenblicklich zu seinem Vortheil deutete und ergriff. hatte Gott frühre erklärt, er wolle ihm einen bloßen Engel mitgeben, welches allen als eine schlimme Nachricht vorkam, so sagte Gott nun: mein Angesicht soll gehen, damit will ich dich leiten. Der Herr unterscheidet hier sein Angesicht von sich selbst, weil in dem göttlichen Wesen eine Mehrheit ist. Dies Angesicht Gottes ist sein Sohn, dieser Abglanz seiner Herrlichkeit und das ausgedrückte Ebenbild seines Wesens, den der Herr alle seine Güte und seine Herrlichkeit nennt. Dies ergriff Moses mit beiden Händen und sprach: wo nicht dein Angesicht gehet, so führe uns nicht von dannen hinauf; wie soll doch anders erkannt werden, daß ich und dein Volk Gnade vor dir gefunden haben, auf daß ich und dein Volk gerühmet werden vor allen andern Völkern auf Erden? Er bekam zur Antwort: was du jetzt redest, will ich auch thun, denn du hast Gnade vor meinen Augen funden und ich kenne dich mit Namen. Es ging Mosi jetzt wie geschrieben steht: so ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten was ihr wollet und es soll euch wiederfahren. Alles was ihr bittet in eurem Gebete, glaubet nur, so wird’s euch werden. Es ging hier nach dem erstaunlichen Worte, das wir vom Josua lesen: und Gott gehorchte der Stimme eines Mannes. Es kann Zeiten geben, wo der Glaube Gott gleichsam in seiner Gewalt hat, und gewiß ist, daß er alles empfangen wird, was er sich erbittet, wo Er thut, was die Gottesfürchtigen begehren und ihr Herz gewiß ist, daß sein Ohr darauf merket. Wie unglaublich herablaßend kann doch der Herr gegen eine gehörig vorbereitete Seele sein! Wie viel vermag des Gerechten Gebet, wenn es ernstlich, wenn es eingewirket ist. –

 

Moses Herz war weit wie Sand am Meer und seine geistliche Begierden ausgebreitet, wie dessen Wellen, dannenhero betete er weiter und sprach: so laß mich deine Herrlichkeit sehen. Wunderbare Bitte! Du kannst ja bei der jetzigen Beschaffenheit deiner Augen nicht einmal die Herrlichkeit der Sonne ansehen, wie wolltest du denn die Herrlichkeit des Schöpfers selbst anschauen können? Aber so ist die Beschaffenheit der neuen Creatur, die durch die Wiedergeburt in den Auserwählten gewirkt ist. Sie ist aus Gott und durstet und strebt nach Gott und kann nicht eher ruhn, bis sie ihn ganz und vollkommen besitzt und genießt. Alle Verbergungen und Mittheilungen, alles Nahen und Entfernen vom Herzen, alles Trösten und Betrüben, feuert die Sehnsucht nur noch mehr an: ach! wann werde ich dahin kommen, daß ich dein Angesicht schaue? Habt ihr den nicht gesehen, den meine Seele liebt? Sagt ihm, ich sei krank vor Liebe. Diese neue Creatur ist, nach Pauli Ausdruck, als in Geburtsschmerzen sich sehnend nach der Kindschaft und ihres Leibes Erlösung. So unersättlich die Natur nach Weltlichem, so strebt die neue Natur nach dem Göttlichen.

 

Merket ihr dies denn auch bei euch selbst, dies Sehnen, dies Dursten nach Gott und seiner völligen Gemeinschaft? Oder sind euch dies fremde und befremdende Dinge? Ist das auch euer Sehnen: wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes? euer Sehnen, daß Gott euch Kraft gebe nach dem Reichthum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen? Ist es das? sorgt dann nicht für’s satt werden, denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden laßen. – Denn selig sind, die da hungert und durstet nach der Gerechtigkeit, sie sollen satt werden. Du hast gesagt: ihr sollt mein Angesicht suchen; darum such ich, o Herr, dein Angesicht. Verbirg dein Antlitz nicht vor mir. Amen.

 

 

Neunzehnte Predigt.

 

Eilfte Lagerstätte: die Wüste Sinai. Fortsetzung.

2 Buch Mosis 34,1-9.

 

Laßt uns einen Rückblick werfen auf die Reise, die wir in Gesellschaft Israels in den diesjährigen Frühpredigten gemacht haben. Für eine kurze Zeit in Elim gelagert, wo 12 Wasserbrunnen uns mit ihrem crystallhellen Wasser erquickten und 70 Palmen uns den lieblichsten Schatten und die labendsten Früchte gewährten, mußten wir aufbrechen und uns ans rothe Meer lagern, dessen Wogen uns die heilsamen Wunder Gottes priesen und ganz anders sich ansahen, da wirs nun hinter uns, als da wir es noch vor uns und den Pharao mit seinem Heer hinter uns hatten. Nachdem wir uns dies Meer eine Weile angesehen, wurde uns unser Aufenthalt in der Wüste Sin d.i. Dorn angewiesen. Wer verlangt da nicht weg, aus solcher dornichten Schule, denn das Wort Wüste, heißt auch Unterweisung. Wir zogen und kamen – wohin denn? Nach Daphka, das heißt klopfen, schlagen leidender und thätlicher Weise, was uns auch nicht zum besten behagte. Nun gings drei Meilen weiter nach Alus, was auf durchsäuern und kneten deutet, was auch wohl nicht sehr angenehm sein mag. Doch auch von da gings nach einiger Zeit vier Stunden weiter nach Raphidim, d.h. Ruhebette und einige Ruhe that unsern, zum Theil wunden, Füßen wohl. Aber es heißt auch lasse Hände und wir wurden träge. Jedoch deutet es auch auf Heilung, denn das Wort rapha heißt auch heilen. Wir wurden durch Mangel aufgeregt und zwar durch Mangel an etwas, das sich gar nicht entbehren läßt, an Wasser nehmlich. Statt zu Gott, wandten wir uns an Mosen und statt zu beten murrten wir. Aber der barmherzige Gott ließ es uns nicht entgelten, sondern ließ den dürren Felsen schlagen, der gab uns Wasser’s die Fülle; der Fels war Christus. Auch Amalek kam uns auf den Hals und überfiel uns unversehens und meuchlings von hinten und da, wor wir am schwächsten waren. Die Noth war sehr groß; doch auch sie ging vorüber durch das Hände-Aufheben Mosis. Nun brachen wir von da auf, um uns in die Wüste Sinai zu lagern, wo wir ein ganzes Jahr zubringen müßen; daselbst empfangen wir das feurige Gesetz, daselbst wird unser sündliches Elend offenbar, aber auch die Gnade des Herrn, wovon wir denn jetzt zu handeln gedenken.

 

Es ist nun ongefähr ein Jahr, daß sich die Kinder Israel am Berge und in der Wüste Sinai aufgehalten haben. Es wird Zeit, daß sie weiter zieh’n. Sie haben sich aber unwürdig gemacht, daß der Herr sich an ihre Spitze stelle. Doch Moses läßt nicht nach, bis er ihm volle Begnadigung ausgewirkt hat, welche in den vorgelesenen Worten in ihrem höchsten Glanze hervorbricht wie die Morgenröthe, versiegelt durch die beiden neuen Gesetztafeln.

 

Neulich erwähnten wir der kühnen Bitte Mosis an Gott: laß mich deine Herrlichkeit sehen. Es lag bei ihm eine Begierde zum Grunde, wie sie schon vor ihm bei verschiedenen Gläubigen kräftig emporgelodert und hervorgetreten war. Unsere Mutter Eva vergaß augenblicklich ihre ausgestandenen Geburtsschmerzen, als sie das Söhnlein erblickte, das sie geboren hatte. Kaniti, schrie sie voll Freude, ich habe ihn, und nannte ihn Kain, den Erlangten. Mahnten die Wehen sie an die Sünde – dies Knäblein an die Verheissung. Abraham ward froh, daß er den Tag Christi sehen sollte, sah ihn und freute sich. Da war mehrmals ein Fragen nach seinem Namen. Jakob fragte: wie heißest du, Manoah desgleichen. Und Moses wird so in seiner Begierde entzündet, daß er bittet: laß mich deine Herrlichkeit sehen. Er wird auch erhört. Sein Begehren wurde mehrfach erfüllt; theils durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes, die er mit zu genießen hatte; theils durch seine Unterredung mit ihm auf dem Berge der Verklärung; theils und vornehmlich im Himmel und auch damals auf eine sonderliche Weise auf Erden.

 

Sein Begehren: laß mich deine Herrlichkeit sehen, ward ihm vorläufig bewilligt. Ich will, hieß es, vor deinem Angesichte her, alle meine Güte gehen laßen und will laßen predigen des Herrn Namen vor dir. Aber der Herr setzte hinzu: wem ich aber gnädig bin, dem bin ich gnädig und weß ich mich erbarme, deß erbarme ich mich. Wäre etwa in Mose der heimliche Gedanke aufgestiegen, mit seinem vielfältigen, beschwerlichen Steigen auf den hohen Berg, wozu wenigstens 8 Stunden erforderlich waren und dem vielleicht noch beschwerlicheren Heruntersteigen; mit seinem Eifer für Gott, mit seinem treuen Gehorsam – sich rechtliche Ansprüche an eine Belohnung erworben zu haben – was sich jedoch nicht behaupten läßt – so wurde diese selbst-gerechte Einbildung durch dies Wort niedergeschlagen: wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig und weß ich mich erbarme, deß erbarme ich mich. Es ist uvnerdiente Gnade, und nichts als Gnade und soll als solche anerkannt werden. Sodann aber liegt auch in diesem Wort ein Nachdruck, als wollte der Herr sagen: wenn ich Gnade beweise, so geschieht dies auf eine Weise, in einer Fülle, in einem Umfange, welcher von nicht geringer Bedeutung ist. Begehrt jemand viel, der Herr kann noch mehr; großes – er kann noch größeres geben. Gilt hier kein Verdienst: so hemmt auch kein Unverdienst. Es ist Gnade und zwar die Gnade Gottes. Und was kann die nicht?

 

Der Herr fügt eine Einschränkung bei. Moses soll ihn nur von hinten sehen, nicht sein Angesicht, sondern gleichsam seinen Rücken. Diese Worte mögen viel sagen sollen. Freilich müssen die Wege Gottes erst ihr Ziel erreicht haben, ehe man ihre Weisheit und Zweckmäßigkeit völlig einsehen kann. Den Jüngern leuchtete die Zweckmäßigkeit des Leidens und Todes Jesu, erst nach seiner Auferstehung ein. Vor derselben schien ihnen alles durchaus zweckwidrig. So Lazari Krankheit und Tod. So der Blindgeborene. So das kananäische Weib. So noch manchmal die Führungen einzelner Seelen! Es scheint ihnen ausgemacht, daß ihre Führungen ganz anders sein müßten, wenn sie auf ein gutes Ziel abzweckten und ganz anders sein würden, wenn Gott Gedanken des Friedens, wenn er Liebe und Gnade für sie hätte. Und hintennach freuen sie sich und danken wohl gerade für diese dunkeln Wege am allermeisten und erkennen den größten Segen eben da, wo sie früher nichts dergleichen, oder das gerade Gegentheil sahen; denn das Betrüben geht vor dem Trösten her und das Niederschlagen vor dem Aufrichten, das Ausleeren vor dem Füllen und das Tödten vor dem Lebendigmachen. Uebrigens sollte Moses ja auch den Sohn Gottes geringer als die Engel, ja geringer als die Menschenkinder, als einen Fluch am Kreuze sehen, wovon das Vorbild schon in der Wüste, in der kupfernen Schlange aufgestellt wurde. –

 

Gott bestimmte den Ort, wo er ihm die erbetene Gnade erweisen wollte – den Berg Sinai; die Zeit: des andern Morgens früh: die Weise: ich will alle meine Güte vor deinem Angesichte her gehen lassen und will lassen predigen des Herrn Namen vor dir. Alle meine Güte, meine Gutheit, denjenigen, in welchem alle meine Fülle wesentlich wohnt. Niemand, so erklärte Jesus, ist gut, als der einige Gott – und fragte den reichen Jüngling: warum nennest du mich gut? Nicht, als wollte er diese Benennung von sich weisen und als ihm nicht gebührend ablehnen, sondern vielmehr diesen, übrigens liebenswürdigen Jüngling darauf aufmerksam zu machen, er kenne ich noch nicht; denn dann würde er dies Prädikat mit größerem Bedacht und tieferem Sinne ihm beilegen, und nicht so flüchtig, obehin und unbesonnen. Jesus selbst legt es sich bei, wenn er sagt: ich bin der Hirt, der Gute. In ihm war das Leben. Sein Reichthum ist unausforschlich. Aus seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Alles was des Vaters ist, ist sein. Wer ihn siehet, siehet den Vater. Er ist alle Gutheit Gottes allein, die aus ihm als dem Born sich auf andere ergießt. Er ist das gesalbte Haupt, von welchem sich Heil auf alle seine Glieder verbreitet. – Derselbe sollte predigen den Namen des Herrn. Ich habe, spricht er, ihnen kund gemacht deinen Namen und will ihnen kund thun, auf daß die Liebe, damit du mich liebest, sei in ihnen und ich in ihnen. Er hat ihn offenbart als einen gnädigen Vater und uns befohlen, ihn also anzureden, ihn also anzusehen, so an ihn zu glauben, so gegen ihn gesinnet zu sein; hat ihn offenbart als einen Solchen, der in ihm war, die Welt mit ihm selber versöhnend. Moses hat eine schwere Sprache, die den Sünder weckt und schreckt, nicht aber ihm Freude bereitet, aber dieser ist ein Meister zu helfen und weiß mit den Müden ein Wort zur rechten Zeit zu redne. Und ihm hat der Vater alles übergeben.

 

Der gnadenvollen Offenbarung Gottes ging nun eine Vorbereitung von Seiten Mosis vorher. Dieselbe bestand darin, daß er zwei steinerne Tafeln hieb, welche Gott selbst beschreiben wollte, und welche sodann in die Bundeslade unter den Deckel derselben, welcher der Versöhndeckel oder der Gnadenstuhl hieß, gelegt werden sollte. – Der Tafeln waren zwo, deren die erste in vier Geboten lehrt, wie wir uns gegen Gott sollen halten; die andere in sechs Geboten, was wir unserm Nächsten schuldig sind. Sie umfassen die vornehmsten Pflichten des Menschen. Diese können sehr wohl unter zehn Hauptgebote zusammengefaßt sein, wenn wir erwägen, daß, wenn ein Laster verboten, die entgegengesetzte Tugend geboten, auch zugleich alles dasjenige untersagt ist, was mit dem Laster in Verbindung steht, es veranlassen und fördern kann; so wie alles dasjenige geboten wird, was mit der entgegengesetzten Tugend in Verbindung steht und sie fördert. Ueberdas ist das Gesetz geistlich, verbeut also nicht blos die That, sondern auch Gedanken, Lust und was den Menschen dazu reitzen mag. Wie sollten nicht auch alle Pflichten in zehn Geboten zusammengefaßt sein können, da Christus alles in den zweien, der Liebe Gottes über Alles und der Liebe des Nächsten als sich selbst zusammendrängt? – Die Tafeln waren von Stein, als ein Bild des menschlichen Herzens in seiner Härte, Unbiegsamkeit und Ungehorsam, so daß dies steinerne Herz weggenommen und an dessen Statt ein fleischernes gegeben werden muß. Zugleich war der Stein ein Bild der alten Verfassung, die nicht vollkommen machen konnte, dem Sünder nicht half und nicht helfen konnte, sondern von sich auf etwas anderes verwies, wiewohl die Kinder Israel nicht ansehen konnten das Ende des, der aufhört, weil Moses eine Decke vor sein Gesicht legte, 2 Cor. 2,13., welche in Christo aufhört. – Neu waren die Tafeln, statt der alten zerbrochenen, als ein Bild der neuen und bessern Verfassung; der Werkbund war einmal zerrissen und konnte nicht wieder zugenäht werden. Die Gebote vom Sinai machten das Uebel im Grunde nur ärger, indem dadurch die Sünde nur mächtiger und überaus sündig wurde durchs Gebot, welches neben einkam und Zorn anrichtete. Es wurde daher Raum zu einer bessern gesucht. Gott selbst wollte diese Tafeln beschreiben, wie er verheisset: ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben. – Diese neue Gesetztafeln waren von Mose selbst gehauen, und in dem neuen Bunde ist alles wohl eingerichtet und genau für die Bedürfnisse des Sünders berechnet. Man bedenke nur, daß er im eigentlichen Sinne kein einziges Gebot enthält, sondern aus lauter Verheissungen besteht. Es ist wahr, vieles lautet durchaus wie Forderungen und Gebote. Heißt es nicht: glaube an den Herrn Jesum – heißt es nicht: liebet euch unter einander – und so mehreres? Aber dies ist eigentlich nur Gestalt, Form, Einkleidung; das Wesen selbst ist Verheissung. Aber welche Weisheit ist erforderlich, dies zu verstehen, wie kann nur das Licht von oben dies erläutern? Es verhält sich aber so. Drohungen enthält dieser Gnadenbund vollends keine, weil Christus für alle, die in diesen Gnadenbund gehören, ein Fluch worden ist, auf daß er sie von dem Fluch erlösete und sie die Kindschaft und den Segen empfingen. – Der erste Bund konnte gebrochen werden und ist wirklich gebrochen worden. Der Bund der Gnade aber wird nicht wieder gebrochen, eben weil es Gnade ist, worauf er ruht, und weil in demselben alles von dem freien und gnädigen Wohlgefallen abhängt. Es ist ein Salzbund. Es sind feste Gnaden Davids. Gottes Gaben und Berufung mögen ihn nicht gereuen. Was würde auch aus allen werden, wenn dieser Gnadenbund auch wieder hinfallen könnte, da wir ja aus uns selbst auch die kleinste Bedingung nicht zu erfüllen vermögen. Wenn er hinfiele: so hätten wir fürder kein Opfer mehr für die Sünde, sondern ein schrecklich Warten des Gerichts und des Feuereifers Gottes, der die Widerwärtigen verzehren wird. Aber damit Gott den Erben der Verheissung überschwänglich erwiese, wie sein Rath nicht wankete, hat er einen Eid hinzugethan, auf daß wir einen starken Trost haben, der als ein Anker hineingeht bis in’s Inwendige des Vorhangs, wohin Jesus für uns eingegangen. Hebr. 6,18.

 

Nach diesen Vorbereitungen stieg Moses Morgens ganz früh auf den Berg, an den ihm angewiesenen Ort und wurde hier einer ungemein gnädigen Offenbarung der Herrlichkeit Gottes gewürdigt, wobei er jedoch mehr zu hören als zu sehen bekam, wie er uns solches treulich aufgezeichnet hat. Die Offenbarung selbst geschah also: der Herr kam in einer Wolke hernieder und trat zu Mose und rief den Namen des Herrn, indem er im Vorübergehen ausrief: Herr, Herr Gott! barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue. Der du beweisest Gnade in tausend Glied, und vergibest Missethat, Uebertretung und Sünde. Und vor welchem niemand unschuldig ist, der du die Missethat der Väter heimsuchst auf Kinder und Kindes Kinder, bis in’s dritte und vierte Glied. – Der Prediger war ein anderer als derjenige, von welchem gepredigt wurde, wiewohl der Eine sowohl der Herr war als der Andere. Wir bemerken bei den merkwürdigen Worten, welche Moses hier hörte, zuvörderst die Anrede: Jehova, Jehova, El. Wie der letztere Name seine Macht, so bezeichnet der andere seine Ewigkeit, Unveränderlichkeit, Gnade und Pünktlichkeit in Erfüllung alles dessen, wozu er sich durch seine Versprechungen anheischig gemacht hat, und wozu seine Macht ihn in Stand setzt. In der zweimaligen Wiederholung des glorwürdigsten Namens liegt ohne Zweifel ein besonderer Nachdruck. Wäre er nicht so unveränderlich und treu, so würden ihn seine Verheissungen gereuen. Nun aber bewahrt er Gnade für Tausende. – Der Inhalt der Predigt des Sohnes Gottes umfaßt den ganzen Gnadenbund, in welchem Gott alle seine Tugenden im höchsten Glanze und zwar auf eine dem Sünder trostvolle und erfreuliche Weise verherrlicht. Der Gegenstand desselben ist der Sünder. Niemand ist vor ihm unschuldig, heißt es, er hält keinen dafür, auch Mosen nicht, mochte auch das Volk in seiner Gottlosigkeit besonders herausgebrochen sein, woran er freilich keinen Theil hatte. Alle Welt ist Gott schuldig; da ist nicht der gerecht sei, da ist nicht der Gutes thue, auch nicht einer. Auch Moses, dieser Knecht, der im ganzen Hause treu war, versah es dreißig Jahre später noch so, daß er darüber seinen Eingang in Canaan verscherzte, und mit den übrigen Ungehorsamen in der Wüste sterben mußte. Je gründlicher, unumwundener, aufrichtiger und geradherziger dies jemand anerkennt und eingesteht, daß er nicht unschuldig, sondern schuldig sei, desto besser wird er mit Gott zurechte kommen. Je weniger Umstände und Weitläufigkeit jemand macht, seine Schuld anzuerkennen, desto weniger Umstände und Weitläufigkeit wird Gott machen, sie ihm zu erlassen; jemehr aber jemand sich Mühe gibt, seine Schuld abzulehnen, sie zu entschuldigen und zu beschönigen, desto zurückhaltende wird Gott sein, sie ihm zu schenken. Wir müssen erst in das Urtheil Gottes über uns selbst und alle Menschen einstimmen, so wird er’s auch uns gelten lassen, daß er in Christo war, die Welt mit ihm selber versöhnete, und rechte ihnen ihre Sünden nicht zu. Zum Glück ist der ganze Gnadenbund auf unsere Sünderschaft berechnet, wie ein Krankenhaus für Kranke. Gott kann, nachdem der Sündenfall einmal geschehen, mit den Menschen nicht anders als mit Sündern umgehen, und die sündigen Menschen auf keine andere Weise als durch den Weg des Gnadenbundes mit ihm zurecht kommen. Eine einzige Bedingung, von Seiten des Sünders aus eigenen Kräften leistbar, würde das Ganze ungenießbar für ihn machen und den Bund umstürzen, da ja auch der erste Bund keineswegs auf eine große Bedingung gegründet war. Moses selbst versah es nach 30 Jahren noch so, daß aller seiner frühern Gerechtigkeit nicht gedacht wurde. Petrus versieht es bei dem besten und ernstlichsten Vorsatz und Willen. Was sollte dann aus uns werden, bei der Macht und Mannichfaltigkeit der Versuchungen? Wie dürften wir hoffen, alles wohl auszurichten und das Feld zu behalten, wenn ein böses Stündlein kommt? Vertrauen wir dies unserer eigenen kraft zu, so verrechnen wir uns sehr und kennen uns selbst nicht. – Vor dem niemand unschuldig ist: dies sagt aber auch das Nehmliche, was die Worte ausdrücken; der die Missethat der Väter heimsuchte an ihren Kindern und Kindes Kindern, bis in’s dritte und vierte Glied. Er läßt das Böse nicht ungestraft, sei es an den Vätern, sei es an den Kindern, sei es an der strafbaren Person selber, oder an ihrem Stellvertreter und Bürgen. Die Sünde blieb, nach dem apostolischen Ausdruck, Röm. 3,25, unter göttlicher Geduld, bis Gott seinen Sohn zur Erweisung seiner Gerechtigkeit darstellte zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut. Er ließ nach Jes. 53. alle die bisher gehäufte Schuld auf ihn anlaufen, und da sie gefordert ward, wurde er unterdrückt, wurde er um unserer Missethat willen verwundet, und um unserer Sünde willen zerschlagen, die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilet. Dies ist die Grundlage des Gnadenbundes, welcher auf dem Opfer Christi als seinem Fundamente beruht. Ihn hat Gott zur Sünde gemacht, auf daß wir in ihm würden Gerechtigkeit Gottes. .Um unserer Sünde willen ward er dahin gegeben, und um unserer Gerechtigkeit willen auferwecket. Was er hier also sagt: niemand ist vor ihm unschuldig, oder er läßt niemand ungestraft, das hat er auch anderthalb Tausend Jahre später an seinem Sohne ausgeführt. Er bezahlte als Bürge, was er nicht geraubt hatte, und so gehen alle frei und ungestraft aus, die an seinen Namen glauben, wie strafwürdig sie auch sonst in sich selbst und nach dem Gesetz sein mögen. – In diesem Gnadenwerk nun hat Gott seine liebenswürdigsten Tugenden in dem allererfreulichsten Glanze geoffenbart, die sich hier wie Sonnenstrahlen in einem Brennpunkte vereinigen. Offenbart sich in der Schöpfung seine Weisheit und Allmacht und Güte – hier leuchten sie in noch höherm Glanze, da seine Weisheit nicht nur das Problem löset, wie ein Sünder zur Gemeinschaft Gottes gelangen soll, sondern seine Güte sich’s auch ihr Bestes, das ist, den eigenen Sohn kosten läßt, und seine Macht sich in seiner Auferweckung und in einer neuen Schöpfung verherrlicht. Offenbart sich in der Gesetzgebung seine Heiligkeit also, daß alles Volk zittert, bebt und fliehet, sie offenbart sich noch weit mehr in dem Gnadenwerk, wo ein Einziger – aber was für ein Einziger – zittert, bebt, doch nicht flieht, sondern mit willigem Herzen hinzunaht und in des Todes Staub gelegt wird, kraft dessen nun auch sein Volk geheiliget wird, durch den Glauben an ihn, welches jene Offenbarung durch alle ihre Schrecken nicht vermochte. Hier treten aber noch andere Sterne am Himmel hervor, hier schimmern noch andere göttliche Eigenschaften, wie sie in der Schöpfung und Gesetzgebung nicht gesehen werden. Der Herr ruft diese seine Bundestugenden selbst aus, wenn er den Herrn preiset als barmherzig, gnädig und geduldig, von großer Gnade und Treue, denn so scheint er in dem Gnadenbunde. Er sit barmherzig, innerlich liebhabend, dies gilt den Elenden, den Trostlosen, über die alle Wetter gehen. Sein Herz bricht ihm über dem Seufzen dieser, mit mannichfachem Elend ringenden Herzen, wo hier eine Tiefe und da eien Tiefe brausen, daß er sich ihrer erbarmen muß. Seine Barmherzigkeit, rühmet Maria, währet immer für und für, bei denen die ihn fürchten. Was ist köstlicher als wenn man sich gegen einen andern und besonders gegen einen solchen, welcher nach der Strenge mit uns verfahren, aber auch uns mächtiglich helfen kann, wenn man sich gegen ihn eines zarten Mitleids versehen darf, nach welchem unsere Noth und Kummer ihm nahe geht. und siehe, wir haben einen Hohenpriester, welcher Mitleiden haben kann mit denen, die da schwach sind und versucht werden, als der da selbst mit Schwachheiten umfangen gewesen, und allenthalben versuchet ist, gleich wie wir, doch ohne Sünde, auf daß er barmherzig und ein treuer Hoherpriester würde, die Angelegenheiten wahrzunehmen, welche bei Gott zub esorgen waren. Bist du denn elend, o Seele! schaue denn aus der Grube des Jammers hinauf zu dem am Gnadenfirmament flimmernden Stern, Barmherzigkeit genannt. Ein Abgrund von Barmherzigkeit verschlingt ein Meer voll Herzeleid. – Und gnädig, so fährt der Herr fort, sich selbst dem bekümmerten, heilsuchenden Sünder anzupreisen. Er räumt dadurch eine wichtige Bedenklichkeit weg, die, ihre Unwürdigkeit fühlend, nicht weiß, was den Herrn bewegen könnte, auf sie herab zu sehen und sich ihrer anzunehmen. Was ihn dazu bewegen könnte? Dies – daß er gnädig ist. Er ist zum Wohlthun geneigt und wartet mit dem Ausspenden nicht auf Würdige. Selbst Raben hört er. Spricht jener: ich bin nicht werth, daß du unter meinem Dache einkehrest; so ruft er aus: solchen Glauben habe ich in Israel nicht funden. Beugen soll dich deine Unwürdigkeit, den Muth benehmen soll sie dir nicht. Dieser Simson kann auch Eselskinnbacken brauchn, und reitet nicht auf stolzen Rossen, sondern auf dem Füllen einer lastbaren Eselinn; den unehrlichsten Gliedern wird wohl die meiste Ehre angethan. – Der Herr rühmt drittens die Langmuth des Herrn, die auch Petrus preiset und sagt: die Geduld des Herrn achtet für eure Seligkeit, und Paulus nennt ihn einen Gott der Geduld, wie des Trostes. Röm. 15,5. David rühmt seine Geduld, wenn er Psalm 103. sagt: er weiß, was für ein Gemächte wir sind, er denket daran, daß wir Staub sind. Er läßt sich nicht alsbald durch Fehler, bei welchen kein böser Vorsatz zum Grunde liegt, zu Zorn und Eifer reizen, sondern hat schonende Geduld und Nachsicht. Muthet er uns schwachen Menschen zu, unserm Nächsten siebenzigmal siebenmal zu verzeihen, wie vielmehr wird er sich also gegen solche benehmen, die ihn ungern beleidigen und sich darüber beugen und grämen und einen neuen Zulauf zu seiner Gnade thun. Er gibt Zeit und Raum zur Buße. Benutze die ein jeglicher allen Ernstes, damit die göttliche Geduld nicht ermüde und sein Zorn erwache. –

 

Und von großer Gnade und Treue oder Wahrheit. So redet auch Johannes: das Gesetz ist durch Mosen gegeben, aber die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum Christum worden. Mit Recht preiset der Herr seine Gnade als groß und viel. Groß ist sie schon deswegen, weil es die Gnade Gottes ist, die größer und kostbarer ist als Alles, und mehr von uns verdient begehrt zu werden, als irgend etwas Anderes; daher wünscht Paulus den Gemeinen die Gnade unsres Herrn Jesu Christi, als das vortrefflichste Gut. Groß heit sie, wegen des erstaunlichen Aufwandes, den ihre Erwerbung gekostet hat, welche nichts geringeres erforderte, als das Blut und Leben des Sohnes Gottes selbst. Wie groß muß doch eine Gnade sein, welche einen solchen Preis gekostet hat! Groß ist sie, weil sie eine so unzählbare Menge umfaßt, die niemand zählen kann, aus allen Heiden und Völkern und Sprachen; weil sie aus einem so tiefen Elend hilft, und in eine so unbeschreiblich große Glückseligkeit versetzt; groß und viel, weil sie allein allen Bedürfnissen abhilft und alles an dem Sünder thut, was an ihm geschehen muß, wenn er soll selig gemacht werden. Sie schenkt Wollen und Vollbringen, den Anfang, das Wachsthum, das Beharen und die Vollendung, sie heilt alle Krankheit und Gebrechen. Petrus redet daher von einem Allerlei seiner Gnade, was zum Leben und göttlichen Wandel dient; groß heißt sie, weil sie sich durch so viel Widerstand durcharbeitet zu einem so herrlichen Siege, wie besonders an einigen Exempeln kund wird, die hienieden und droben in des Vaters Reich, wie Sterne erster Größe leuchten immer und ewiglich. Und mit welchem Widerstand hat sie nicht in dem Menschen zu kämpfen, wo sie ihren gesegneten Wohnsitz nimmt! Wie schwer kann sich der Mensch überhaupt darin finden, aus Gnaden gerecht, heilig und selig zu werden; was ist das für ein hartnäckiger Unglaube, welcher, wenn er einmal versenkt zu sein scheint, immer wieder auftaucht, was ist das für eine Widerspenstigkeit des alten Menschen, der sich nicht will kreuzigen lassen; welche Unhandelbarkeit und Ungeduld im Kreuz, wie viel Eigenliebe, Eigensinn, eigene Wahl und eigenes Leben, so daß manche werden einstimmen, wenn jener singt: Wie viel harte Wege, wie viel tausend Schläge kostet dir mein Herz. Doch triumphirt zuletzt sein hoher Rath. Und die Gnade in der Seele knüpft und hängt sich an des Herrn Gnade seufzend und flehend: brich durch, es koste was es will. Mit der Gnade verknüpft der Herr den Preis der Treue und Wahrheit des Herrn. Abraham achtete denjenigen treu und wahrhaftig, der ihm einen Sohn verheißen hatte, und so ließ er sich in kein Spekuliren ein, sondern glaubte auf’s gewisseste, was Gott verheißen, werde er auch thun. O! ein treuer Gott, ruft Paulus 2 Cor. 1. aus. Er erfreut die Thessalonicher mit der Zusicherung: getreu ist der, der euch gerufen hat, der wird’s auch thun – und jene mit den Worten: Gott ist getreu, der euch nicht wird über Vermögen versucht werden lassen, sondern mit der Versuchung den Ausgang schafft, daß ihr’s ertragen könnt. Ja an den Timotheum schreibt er: glauben wir nicht, oder sind wir mißtrauisch, er bleibet treu; er kann sich selbst nicht verleugnen. 2 Tim. 2,13. Gott gibt wohl Verheißungen, aber sie werden nicht immer so geraden Weges, in der Geschwindigkeit und ohne Anstoß erfüllet. Nein, sondern es geht oft über – und häufig wider die Vernunft; es dauert oft lange und geht durch große Schwierigkeiten. Aber er ist von großer Treue, und was er zusagt, hält er gewiß, wenn er auch vorher alles in Trümmer gehen läßt, so kommt doch endlich seine Wahrheit triumphirend aus den Trümmern hervor.

 

Der Gnade bewahret viel Tausenden. Der da bewahret, heißt auf hebräisch: Nozer. Dies ist, wider den Gebrauch der hebräischen Sprache, mit einem großen N geschrieben, und am Rande wird auf diese Schreibart, als auf etwas Bemerkenswerthes, aufmerksam gemacht. Erinnert das Wort Nozer nicht an Nazarener, wie die Juden unsern Herrn Jesum spottweise nennen und es Nozri aussprechen? Wenn wir auch weiter keine Schlüsse daraus ziehen, so ist es doch merkwürdig, so ist es doch nicht von ohngefähr geschehen, so ist doch eben dieser Nazarener unser Heil, derjenige, in welchem und durch welchen uns Gnade bewahrt wird, wie sie uns durch ihn erworben ist. Sie sei mit uns allen und mit viel Tausend andern, aus Christen, Juden, Muhamedanern und Heiden.

 

Diese Gnade offenbart sich besonders darin, daß sie Missethat, Uebertretung und Sünde vergibt. Ein herrliches Wort, der begangenen schweren Sünde des Volks gegenüber. Ein vergebender Gott! welche Herrlichkeit! Was sollte aus uns werden, wenn’s nicht also wäre? Er vergibt Sünden von allen Arten, in aller Größe und in jeglicher Zahl, wenn sie anders bußfertig erkannt werden und zu dem Nozri treiben, den die selbstgerechten Juden und Judengenossen verachten, der aber den Berufenen Gottes Weisheit und Gottes Kraft ist. Der Herr, der von großer Gnade und Wahrheit ist, sagt und predigt das selbst, daß er vergebe. Es ist also ganz gewiß und keinem Zweifel unterworfen. O! es werde auch in den Herzen aller heilsbegierigen Seelen zu einer zweifelfreien Gewißheit, und eben dadurch zur Quelle einer Freudigkeit, die unsere Stärke ist, auch heilig zu leben.

 

So ließ Moses nicht nach und zog nicht eher vom Sinai weg, bis er der völligen Versöhnung, Begnadigung und Freundschaft gänzlich versichert war. Dies hatte er zur Bedingung gemacht – sonst führe uns nicht von dannen. Dies erlangte er auch. Nun zogen sie denn fröhlich weiter. So hatte durch die große Barmherzigkeit Jehova’s ihr Elend ihm eine Veranlassung und Gelegenheit müssen sein, sich an diesen Unwürdigen desto herrlicher zu offenbaren. Elend kann dich bald bewegen, Heil und Segen wirst du mir verleihen noch. Zwar hatten sie sich wol ein Jahr in den ängstlichen Regionen Sinai’s aufhalten müssen, aber gleich wie ein natürlicher Bach vortrefflichen Wassers vom Gipfel des Sinai’s herabfällt: so ein noch köstlicherer Gnadenbach in dieser, armen Sündern so angemessenen Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. So verdrieße es uns auch nicht, rechtschaffen gedemüthigt zu werden, damit wir auch erhöhet werden zu seiner Zeit. Ist jenes schmerzhaft; so ist dies desto lieblicher.

 

Da fiel Mose eilend zur Erde nieder und betete an. Unaussprechliche Empfindung durchströmte seine Seele; deswegen sagte er auch kein Wort, sondern schwieg. Aber desto bewegter war seine Seele, und desto voller von Dank und Lob und Liebe, bis er endlich in die Worte ausbrach: der Herr gehe mit uns, denn es ist ein halsstarrig Volk, daß du unsrer Missethat und Sünde gnädig seist und lässest uns dien Erbe sein.

 

Und was könnten wir besseres und schicklicheres thun, als mit Mose niederfallen, anbeten und begehren: der Herr gehe mit uns und erweise sich an uns als barmherzig, gnädig und geduldig. Er beweise Gnade an viel Tausenden. Er sei gnädig unserer Missethat und Sünde und lasse uns sein Erbe sein! – Amen.

 

 

Zwanzigste Predigt.

 

Zwölfte Lagerstätte: Einleitung.

4 Buch Mosis 10,10-12.

 

So kommen wir denn endlich zu der zwölften Lagerstätte, im zweiten Monate des zweiten jahres nach dem Auszug aus Egypten. Ich wollte vorab noch zwei Begebenheiten aus der Wüste Sinai melden.

 

Von dem langen Aufenthalt Mosis auf dem Berge Sinai und in der Nähe Gottes, war sein Angesicht, ohne daß er es wußte, glänzend geworden. Es leuchtete, Strahlen gingen von demselben aus, die zwar herrlich, doch mehr Furcht erregend als lieblich anzusehen waren. Als er daher vom Berge kam, fürchtete sich sowol Aaron als die übrigen Kinder Israel, sich ihm zu nahen. Moses sah sich also genöthigt, eine Decke oder Schleier über sein Angesicht zu hängen, und wenn er das that, so konnten sie’s aushalten und mit ihm reden. Ging er in die Stiftshütte, so legte er die Decke ab, und dann sahen sie sein Angesicht glänzen. Kam er heraus, so verdeckte er es wieder. War die Herrlichkeit Mosis Sündern unerträglich, was muß dann die Herrlichkeit Gottes selber sein? – Diese Begebenheit hat aber auch ihre Bedeutung, welche uns Paulus 2. Cor. 3. erklärt. Er vergleicht daselbst nemlich Gesetz und Evangelium miteinander, um den Vorzug des letztern vor dem erstern zu zeigen. Das Amt Mosis oder des Gesetzes war nur das Amt des Buchstabens, welcher nicht gerecht, nicht heilig, nicht lebendig, nicht fröhlich macht, sondern tödtet, wogegen das neue Testament das Amt des Geistes ist, welches gerecht, heilig und selig macht. Jenes predigt und verkündigt nur die Verdammniß, nachdem es alle menschen als Sünder dargestellt; dieses aber predigt die Versöhnung und die Gerechtigkeit. Jenes hört auf, welches sehr erwünscht ist; dieses aber geht bis ans Ende der Welt, und reicht in die Ewigkeit hinüber. Jenes hatte seine Herrlichkeit, die so groß war, daß die Kinder Israel das Gesicht Mosis nicht ansehen konnten; dieses hat eine überschwänglich größere Herrlichkeit, wogegen jene gar nicht einmal zu rechnen ist, und dabei eine Herrlichkeit, die nicht abschreckender, sondern einladender, nicht Furcht und Grauen erregender, sondern Muth und Vertrauen einflößender Art ist. Moses hing eine Decke vor sein Angesicht, daß die Kinder Israel nicht auf das Ziel und den eigentlichen Zweck des Ganzen sehen konnten, sondern bei dem Aeußern stehen blieben, das doch eigentlich nur auf etwas anderes hinwies, nehmlich Christum, welcher des Gesetzes Ende ist. Diese Decke hing nicht nur zu Pauli Zeiten, sondenr hängt leider auch noch heutzutage – nicht vor dem Angesichte Mosis, sondern vor ihren Herzen über dem alten Testament, so oft Mosis gelesen wird. In Christo hört sie auf; denn Ihn erkennen, ist das ewige Leben, und in ihm sind alle Verheißungen Ja und Amen. Wenn sich Israel oder sonst ein Mensch zu ihm bekehrt, so wird diese Decke weggethan. Ach! daß diese Decke, die von Natur vor aller Menschen Herzen hängt, von uns möge weggethan werden, damit sich des Herrn Herrlichkeit in uns, wie in einem Spiegel, abdrücke, und wir sie mit aufgedecktem Angesichte so sehen, daß wir von Gestalt verändert und verklärt werden in dasselbige Bild, von einer Klarheit zu der andern, als vom Herrn, der der Geist ist. – Dies ist einiges Wenige über das Geheimniß der Decke Mosis. Ein neuer Beweis, wie sehr alles im alten Testament überhaupt, und in der Geschichte der Kinder Israel insbesondere, seine Bedeutung habe, wenn wir’s gleich nicht überall so genau und mit solcher ungezweifelten Gewißheit anzugeben vermögen, wie hier. Mosis Angesicht und unsere Seelen werden glänzend von dem vertraulichen Umgang mit Gott. Laßt uns denselben fleißig üben. Wer dem Herrn anhängt, ist Ein Geist mit ihm.

 

In der Wüste Sinai hatte Aaron das Unglück, daß ihm seine beiden ältesten Söhne zugleich, und von der Hand des Herrn, getödtet, starben. Ihre Sünde bestand darin, daß sie mit fremdem Feuer im Heiligthum räucherten. Da fuhr ein Feuer aus von dem Herrn und verzehrte sie, daß sie starben vor dem Herrn. So genau hielt, so genau hält es im Dienste des Herrn. Es kommt nicht so sehr, oder nicht allein auf dasjenige an, was geschieht, als vielmehr auf die Art und Weise, wie etwas geschieht. Moses rechtfertigte Gottes That vollkommen, indem er sprach: das ist es, was der Herr gesagt hat: ich werde geheiliget werden an denen, die zu mir nahen, und vor allem Volke werde ich herrlich werden. Aaron aber schwieg; dachte er nicht vielleicht: das ist für dein goldenes Kalb! Gott offenbarte hier auf’s neue seine Heiligkeit. O! was hat es zu sagen, zu Gott zu nahen! und wie roh, wie leichtsinnig, mit welcher Präsumtion und Arroganz nahen sich die Menschen der Wahrheit, der Bibel, dem Gebet, dem Gehör des göttlichen Wortes, der Taufe, dem heiligen Abendmahl. Wollte Gott das häufig wiederholen, was er an Aarons Söhnen – als ein warnendes Exempel für alle Zeiten, einmal that, wie oft würde ein tödtendes Feuer von ihm ausfahren! Wir sollen seinen heiligen Namen anders nicht, denn mit Furcht und Ehrerbietung brauchen, auch wissen, daß Gott ein heiliger Gott ist, und ihn deswegen unsere Furcht und Schrecken sein lassen. Dem Aaron und seinen beiden übrig gebliebenen Söhnen wurde überdies befohlen, kein Zeichen der Trauer blicken zu lassen, sie möchten anders auch getödtet werden. Sie sollten von der Stiftshütte nicht weichen, wie wenn nichts vorgefallen, und es der Gemeine überlassen, über diesen Brand zu weinen, den der Herr gethan. Ueberhaupt erscheint Moses hier sehr streng und ohne Mitleiden; denn als Aarons Söhne beim Opferdienst unterlassen hatten, das Opferfleisch zu essen, ward er zornig, ließ sich aber doch von Aaron sagen, als dieser sprach: es ist mir so gegangen, wie du siehest, und ich sollte vom Opfer essen! – So ist aber das Gesetz – ohne alles Mitleiden, ohne alle Schonung fordert es das Allerhöchste. In den größten Trübsalen soll man sich auch nicht mucken, sondern alles über sich her lassen gehen. – Wer auf diesem Wege zum Ziel zu gelangen hofft, der irrt sich gewaltiglich. Wenn ihr’s wissen wollt, so bemerke ich noch, daß Misael und Elzaphan, die Söhne Usiels, die beiden Getödteten begruben. Misael aber heißt: er ist Gottes; Elzaphan: Gott hat sich verborgen; und Usiel: meine Stärke ist Gott. Von den übrig gebliebenen Söhnen Aarons hieß einer Eleazar: Gott hilft; der andere Ithamar: Palmeninsel. Diese ist dort; da sind keine Thränen, keine Verluste, sondern Palmen, als Zeichen des Sieges und der Freude. Er wird mich erlösen, sagt Paulus, von allem Uebel, und aushelfen zu seinem himmlischen Reiche.

 

Bei dieser Gelegenheit befahl Gott den Priestern, sie sollten kein stark Getränk zu sich nehmen, wenn sie in die Stiftshütte gingen. Aarons Söhne mochten des zu viel zu sich genommen und sich also mit dem Feuer vergriffen haben. Unmäßigkeit und Trunkenheit sind an sich Sünde und gereichen niemandem zur Entschuldigung anderer Sünden, die etwa im Trunk begangen werden möchten, sondern würdigen den Menschen zum besinnungslosen Vieh herab.

 

Gott gab in der Wüste Sinai auch die Ordnung an, in welcher sich die zwölf Stämme lagern oder ziehen sollten. Juda war in dieser Ordnung der erste, Naphtali der letzte. Sie bildeten ein Viereck, in dessen Mitte die Stiftshütte war, so daß immer drei Stämme nach einer Himmelsgegend gelagert waren. Ich kann mich nicht wohl enthalten, die Bedeutung vereschiedener Namen der Anführer, die ich nach dem Alphabet nennen will, anzugeben, weil diese Namen verschiedenes enthalten, was wirklich einem Jeden zu statten kommen muß, der seine Reise glücklich durch die Wüste dieser Welt, nach dem himmlischen Canaan machen will. Der erste Anführer hieß Amminades: mein williges Volk. Und gewiß ist Bereitwilligkeit, der Welt und Sünde zu entsagen und Gott zu gehorchen, eine Eigenschaft, ohne welche kein Mensch das himmlische Canaan erreicht. So lange es an dieser Willigkeit fehlt, mangelt ja auch aller Anfang des Guten. Nach deinem Siege aber wird dein Volk dir williglich dienen im heiligen Schmuck, Psalm 110. – Ein anderer Anführer hieß Ammi Hud: Herrlichkeit meines Volks. Und Mosi schien die Herrlichkeit des Volkes Gottes so vortrefflich, daß er lieber mit demselben Ungemach leiden, als die zeitliche Ergötzung der Sünde haben wollte, und die Schmach Christi achtete er für größern Reichthum, als die Schätze Egypti, denn er sahe an die Belohnung. Naemi gab sich alle Mühe, ihre Schwieger die Ruth zu bereden, zu ihrem Volke zurückzukehren; aber vergeblich. Dein Volk, erklärte sie, ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. David wollte lieber der Thür hüthen in seines Gottes Haus, als lange wohnen in den Pallästen der Gottlosen. Und gewiß muß jemand von den unnennbaren Vorzügen des Volkes Gottes, aller seiner Leiden ungeachtet, so überzeugt sein, daß er sie allem andern vorzieht, und lieber alles verließe, als daß er auf den Antheil daran Verzicht thäte, bereit, alles zu verläugnen: sonst kann er Christi Jünger nicht seyn. So lange jemand das Volk Gottes verachtet, einen Eckel und Widerwillen dagegen hat, sein lieber spottet als es ehrt, lieber Böses als Gutes von demselben sagt und hört, kann er nicht ins Reich Gottes kommen. Dieser Ammi Hud darf nicht fehlen! –

 

Ammi Sadai war ein dritter Anführer und heißt: des Allmächtigen und Allgenugsamen Volk. Darin besteht eben seine Herrlichkeit. Es sitzet unter dem Schirm des Allmächtigen und wohnt unter den Flügeln des Höcshten, nach Psalm 91. Aus Gottes Macht wird es bewahrt. Christus ist’s, der’s mächtig macht, durch ihn überwinden sie in allem weit. Wäre es nicht in einer so mächtigen Hand, so wäre es schon längst um dasselbe geschehen gewesen, da der Teufel, die Welt und unser eigen Fleisch nicht aufhören, uns anzufechten, wir aber in uns selbst also schwach sind, daß wir auch nicht einen Augenblick bestehen können.

 

Ein vierter Anführer hieß: Abidan: mein Vater ist mein Richter – theurer Führer. Wie nothwendig und wie köstlich ist für einen Pilger auf seiner beschwerlichen Wallfahrt, durch die lange und grauenvolle Wüste, die, aus dem Evangelio geschöpfte Ueberzeugung: nicht das Gesetz, nicht der Teufel, ja nicht sein eigen Gewissen, sondern Gott, als sein versöhnter Vater in Christo, sei sein Richter, und die Genugthuung Christi der Grund seines Urtheils. Sind die Beine mit dieser Ueberzeugung gestiefelt; so wandelt’s sich munter fort. An ihr ist ungemein viel gelegen, um gewisse Tritte zu thun mit unsern Füßen, um Muth zu behalten, um nicht zu ermüden. Nicht ein strenger Herr, sondern mein Vater ist mein Richter, das soll der Bußfertige dem Evangelio glauben lernen, so wird ihm sein Gang nicht sauer werden, nach Spr. 4,12.

 

Ahieser hieß ein fünfter Anführer: mein Bruder ist mein Helfer. So verhält es sich. Nach dem Bericht des neuen Testaments haben wir einen Blutsverwandten, haben wir einen Bruder und zwar den Erstgebornen, der unser Helfer ist, nehmlich Jesum, denn er schämet sich nicht, uns Brüder zu heißen. Hebr. 2. Liegt darin nicht eine Ermunterung zum Glauben? Einem Bruder traut man in der Regel doch noch wol vorzugsweise, und wer sollte nicht einem so guten vertrauen? Dies Vertrauen ist es nun, worauf es bei der Reise durch die Wüste ganz absonderlich ankommt, und woran es uns beileibe nicht fehlen darf. Je mehr Vertrauen, desto besser reisen, je weniger desto beschwerlicher; denn da wir, als blutarme Leute nicht auf unsern eigenen Beutel reisen können, so müssen wir’s auf Credit für Rechnung unsres erstgebornen Bruders thun, und je freimüthigeren Gebrauch wir von seiner unerschöpflichen Casse zu machen verstehn und uns unterstehn, desto weniger wird’s uns am Nothwendigen oder Bequemlichen fehlen.

 

Da ist noch ein sechster Anführer, der lieber nicht dabei sein sollte, weil er uns allerhand Brechspiel macht. Aber wir werden es uns schon gefallen lassen und damit so gut fertig zu werden suchen müssen, als es angehen will. Er heißt Ahira: mein böser Bruder. Darüber brauche ich nicht viel zu sagen, denn ihr werdet seine unberufene Einmischung wol gewahr werden. Sogar glaube ich, daß wir dies nicht einmal unsern bösen Bruder, sondern unser böses Selbst nennen dürften, da ein Bruder, wie nahe er uns auch, doch noch ein anderer ist, wie wir selbst. Doch nein. Sind wir wiedergeboren, so sind wir’s nicht selbst, sondern unser Bruder. So thue ich nun das Böse nicht, sondern die Sünde, die dieser Ahira ist, der alte Mensch, den wir ablegen, kreuzigen und tödten müssen; ist das Gesetz in den Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz im Gemüthe, ist das Fleisch, welches gelüstet wider den Geist, ist die Sünde, die uns immerdar anklebt, ist das, was uns, so lange wir in den Hütten wohnen, beschweret und seufzen macht. Wol ein böser Bruder. Wohl dem, der sich täglich mit ihm zankt und kämpft, wo doch endlich der Größere dienstbar wird dem Kleineren und der Ahira, der Führer sein will, unter die Füße getreten wird. Ach! daß dies bald geschähe. Dies war ein Sohn Enan, d.i. Groß-Auge, denn wol will er groß sein. –

 

Dies sind die Anführer, deren Namen mit einem A anfangen. Laßt uns jetzt einige anführen, die mit dem Buchstaben E anheben. Einer hatte den köstlichen Namen Eliab, das heißt: Gott ist mein Vater. Das ist ja etwas unaussprechlich Köstliches. Vater – deutet dies nicht das allertheuerste Verhältniß und die erwünschteste Aussicht an, auf Liebe, Pflege, Fürsorge, Erbschaft; wenn gleich auch das Recht der Regierung und Züchtigung mit darin liegt, so wie die Verpflichtung der Ehrerbietung, der Gegenliebe, des Vertrauens, des Gehorsams und der Unterwerfung. Aber wird nur erst Gott recht als Vater erkannt, lehrt der heilige Geist nur das i, was in dem Namen Eliab vorkommt, und auf teutsch mein heißt, recht deutlich aussprechen, schreit er erst das Abba recht im Herzen, so findet sich die Ehrerbietung, die Gegenliebe, das Vertrauen, der Gehorsam, die Unterwerfung, wie von selbst, mag auch der Ahira stets daran hindern wollen. Abraham ward stark im Vertrauen und durch dasselbe. Und dies Vertrauen, das dem Namen Eliab gemäß ist, macht stark zur getrosten Fortsetzung der Reise nach Canaan und hilft über tausend Schwierigkeiten hinüber. Werfet deßhalb euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Züchtiget er uns auch, so gibt es uns doch dem Tode nicht hin. Züchtigt er uns: so erweiset er sich dadurch gegen uns als gegen Kinder, und thut’s ihnen selbst zu Nutz, auf daß sie seine Heiligung erlangen.

 

Ein zweiter Anführer hieß Elizur: eine feste Burg ist unser Gott; der Name des Herrn ist ein festes Schloß. Wie oft nennt David Gott seine Burg. So lehrten ihn seine vielen Gefahren und Drangsale Ihn kennen; denn eine Burg dient dazu, etwas vor den Anfällen der Feinde zu bergen und sicher zu stellen. Als Luther keinen sonstigen Schutz mehr hatte, sang er, wie eben angeführt, und war getrost in seinem Sinn. Außer Gott ist kein Schutz, und neben ihm bedarf man keines sonstigen. Elizur. Er will eine feurige Maurer um die Seinigen her sein. Und wie sehr bedürfen sie’s bei den vielen Gefahren, welche sie, bald mehr, bald weniger merkbar, umringen, und denen sie selbst um so weniger gewachsen sind, je mehr sie dies meinen möchten.

 

Ein dritter Anführer hieß Eliasaph, ein Sohn Deguel. Der letztere Name bezeichnet die Erkenntniß Gottes, der erstere: Gott gibt Wachsthum und Gedeihen. Und ist nicht beides zum glücklichen Durchgang durch die Wüste und Eingang in Canaan unentbehrlich? Christus erklärt die Erkenntniß des einigen wahren Gottes und dessen, den er gesandt hat, für das ewige Leben. Es gibt keine höhre, nöthigere und heilsamere Erkenntniß, als die Erkenntniß Gottes, wir mögen sie in sich selbst oder in ihren Früchten betrachten. Ohne sie ist alles sonstige Wissen eitel und vergeblich. Sie ist nothwendig, um uns gebührlich gegen Gott zu verhalten, um ihn von ganzem Herzen zu lieben, zu fürchten und zu ehren, um auf ihn allein und ganz zu vertrauen, um von ihm in aller Demuth und Geduld alles Gute zu erwarten, und folglich ist sie auch nothwendig zu unserer Heiligung, Beruhigung und Trost. Es ist unmöglich, Gott recht zu erkennen, ohne daß die seligsten Früchte daraus erwachsen; wenn es daher einst nach der Verheißung dahin kommen wird, daß die Erkenntniß des Herrn die Erde erfüllt, wie das Wasser das Meer, so wird’s auch im Uebrigen an keiner Glückseligkeit mangeln. Doch sagt der Apostel, wir sehen hier nur wie durch einen Spiegel, unser Erkennen sei nur theilweise und Stückwerk. Und gilt das nicht auch von allem Uebrigen bei den Meisten unter den Heiligen, von ihrer Erneuerung, von ihrem Glauben und ihrer Liebe? Wie manchen Seufzer preßt ihnen dieses aus: wann werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Angesicht schaue! Wie manche Thräne kostet’s ihnen, wie manche Beschämung, und wie müssen sie nicht mit David sagen: all’ mein Heil und Thun ist, daß nichts wächst. Wie wohl reimt sich dazu das, was der Name Eliasaph ausdrückt: Gott gibt Wachsthum. Auch diesen suchen sie also bei dem nehmlichen, der auch die ersten Anfänge verleiht. Er gibt auch das Vollbringen. Sie sollen ja wachsen wie das Gras und wie die Weiden an den Wasserbächen. Ohne ihn kann aber freilich keiner seiner Länge eine Elle zusetzen, oder auch nur ein Haar schwarz oder weiß machen. – Er gibt das Gedeihen, so rühmt der Apostel, also daß er hinzusetzt: so sei nun weder der da pflanzt noch der da begeußt etwas. Zwar muß Beides im natürlichen und geistlichen geschehen, wie Paulus dies auch mit aller Treue wahrnahm. Doch läßt sich dies um so unverdrossener und fröhlicher üben, jemehr es bei uns ausgemacht ist: Eliasaph, Gott gibt das Gedeihen. Tröstlich ist dies und belehrend im Ganzen und Großen, wenn wir unsern Blick richten auf das Predigtamt, auf das Missionswesen unter Christen und Heiden. Ist Gott es, der das Gedeihen gib,t nun so pflanze und begieße man getrost. Macht auch die Beschaffenheit des Ackers wenig Muth, wird auch die Wirkung der Aussaat nicht alsbald, oder nicht in dem Maße sichtbar, als es die Menschenliebe, oder auch mitunter die Eigenliebe wünscht – geschieht es nur im Aufblick auf den Eliasaph, so wird man es eben so getrost und zuversichtlich abwarten, bis er das wirkliche Gedeihen zu der Arbeit gibt. Im Besonderen ist es nicht weniger ermunternd. Fahr’ du mit deiner Arbeit fort, brauch’ die Gnadenmittel, höre, lies und nimm betend deine Zuflucht zu Jesu. Wer weiß, wie, wo und wodurch er Gedeihen gibt, und deinen neuen Menschen wachsen macht, daß der Größere dienstbar werden muß dem Kleineren, und der kleine Benjamin ans Herrschen kommt.

 

Ein vierter Führer hieß Elisama. Eine köstliche Bezeichnung, etwas, das wir für unsre Pilgrimschaft höchlich bedürfen. Es heißt: mein Gott erhöret. O! du Erhörer des Gebets, so titulirt ihn David Ps. 65,3. Du erhörst Gebet, darum kommt alles Fleisch zu dir. Rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen. Wer bittet, der empfähet. So wollen wir denn nicht murren über unsere Armuth, unsere Schwachheit, unsere vielfachen Bedürfnisse, sondern daraus einen Sporn zum Gebet hernehmen und bei der Uebung desselben uns erinnern: Elisama, mein Gott erhöret; mögen wir ihm dabei auch weder Zeit noch Maaß und Weise vorschreiben dürfen, genug: so wir etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns. Und so wir wissen, daß er uns höret was wir bitten, so wissen wir, daß wir die Bitte haben, die wir von ihm gebeten haben. Kein Wunder aber, daß ihr nichts habt, weil ihr nicht bittet. Bittet aber, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei. Dies sind die Namen der Heerführer, die mit dem Buchstaben E anfangen.

 

Der Name eines Anführers fängt midem Buchstaben G an und heißt Gamliel: Gott ist mein Lohn! Das Wort El, starker Gott, kommt bei den meisten Namen vor, und mit Recht, denn von ihm und zu ihm sind alle Dinge. Er ist’s, von dem alle gute und vollkommene Gaben herab kommen, dem dafür auch alle Ehre gebührt. ich bin dein sehr großer Lohn, sagt Gott zum Abraham und seinem Saamen, und Christus verheißt demjenigen, der um seinetwillen verläugnet Häuser, Kinder, Aecker, oder was es sei, werde es hundertfach wiederbekommen im Reiche Gottes mit Verfolgungen und in der zukünftigen Welt das ewige Leben. Im Liede singen wir:

 

Doch alle Müh’ ist schon bezahlet,
Wenn ich die güld’ne Himmelsthür
Mir stell’ im Glauben und Hoffnung für.

 

Müssen wir denn auch durch viel Trübsal in’s Reich Gottes eingehen, so wirkt sie, die doch zeitlich und leicht ist, eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das, was sichtbar, sondern auf das, was unsichtbar und ewig ist. Was will doch nicht das Wort Gamliel sagen, was faßt es nicht in sich! Ich bin dein Lohn. Gott der Allgenugsame will also alles, was – wenn ich so reden darf – in seinen Kräften ist, aufbieten, um den Seelen das zu erstatten, was sie etwa um seinet- - doch wie darf man ssagen um seinetwillen? – das sie um ihres eigenen Heils willen verläugnen, was sie an Kampf, Ungemach und Mühe übernehmen. Er will’s ihnen hienieden schon erstatten, und sollte das etwa fehlen, doch dort desto gewisser und vollkommener. Petri Frage. was wird uns dafür? ist keineswegs verwerflich, vielmehr äußerst beherzigungswerth und wichtig. Was wird dir dafür, daß du der Welt und Sünde dienst, daß du allem dem so unersättlich nachjagst, was sie dir an Scheingenüssen anbeut – und was wird dir dafür, wenn du hiemit der Welt und was dem Fleisch gefällt, rein absagest und Christo an? Leg’ dies bedächtlich auf die Wagschale gegeneinander und bestimme darnach deine Wahl. Auf kurze Lust folgt schwere Last, auf kurze Müh’ ein wenig Glück. Wer das einigermaßen zu würdigen weiß, was es heißt: Gamliel, Gott ist mein Lohn, der wird sich nicht viel an die Beschwerden der Wüste kehren, sondern nachjagen dem vorgesteckten Ziel, dem Kleinod, welches vorhält die himmlische Berufung in Christo Jesu, bringt’s ein Tag doch wieder ein. Gamliel war ein Sohn Pedazur. Auch ein inhaltsreicher Name. Erlösende Burg, wodurch man sicher das glänzende Ziel erreicht. Gideoni war auch eines Heerführers Vater. Mein Zerstörer, ist die Bedeutung dieses Namens. Mit Recht können wir Christum so nennen, denn er ist gekommen, die Werke des Teufels zu zerstören. Wir bedürfen sein, als eines Zerstörers des Babels, das in uns ist. Sein Wort soll zerstören alle Festungen und Höhen, die sich erheben wider das Erkenntniß Christi.

 

Die Namen zweier Anführer fangen mit dem Buchstaben N an, nemlich: Nahesson und Nethanel. Der erste Name bezeichnet was schlangenartiges, und wir wissen, daß, wie wir uns hüten sollen, daß die Schlange unsere Sinne nicht verrücke, von der Einfalt des Evangeliums, so empfiehlt uns Christus doch auch bei der Taubeneinfalt, klug zu sein wie die Schlangen. An der Klugheit der Gerechten darf’s uns nicht fehlen. Die Klugheit lehrt gerade diejenigen Mittel in Anwendung bringen, welche am geeignetsten sind, zum Zweck zu führen. Wohl uns, wenn wir klüglich die Mittel zu ergreifen wissen, die am geschicktesten sind, unsern geistlichen Feinden Abbruch zu thun, und uns unsern Vortheil zu sichern, damit wir nicht überlistet werden, sondern alles wohl ausrichten und das Feld behalten. Wie klug wußte z.B. das kananäische Weib, Christum in seinen eigenen Worten also zu fangen, daß er ihr gleichsam helfen mußte. Wie sehr aber mangelt’s dem an Klugheit, der über dem Irdischen das Himmlische versäumt! so wie auch dem Bekümmerten, der sich so leicht vom Glauben abhalten läßt, und bei jeder trüben Wolke das Dasein der Sonne bezweifelt! Wie mag man aber auch wol vom ganzen Evangelio fragen: wer ist klug, der dies verstehe? Hos. 14,10.

 

Nethanael heißt: Gottes Gabe. Der Vater dieses Mannes hieß Zuar, d.i. klein. Und ist es nicht so, daß der Herr den Demüthigen Gnade gibt? Ist es nicht eine große Klugheit, lebendig zu erkennen, daß alles Gute Gottes Gabe sei, sowol ihm dafür zu danken, als auch in allen Bedürfnissen, sich an die rechte Quelle zu wenden. Und diese Gaben sind so wenig in eines Geizigen Händen, daß er die Juden fragt: habt ihr mich je befunden als einen Quell, der kein Wasser gibt? Und Christus versichert: so euere irdischen Väter, die doch arg sind, können euch gute Gaben geben, wie vielmehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben, denen, die ihn darum bitten. Wohl allen Armen, die viel bedürfen, und allen Demüthigen, die sich bereitwillig nicht nur eins und anderes, sondern alles schenken lassen. Wie wollten wir übrigens ohne den Nathanael, ohne Gottes unaufhörliches Geben, auch nur einen Schritt auf dem Lebenspfade weiter kommen, oder darauf beharren. – Noch zwei köstliche Namen sind uns übrig. Der erste ist Pagiel. Er besagt etwas äußerst liebliches, denn er heißt: mein Fürsprecher ist Gott. Ach, wie vortrefflich! An welcher Gabe wird’s uns denn fehlen, mit welcher stillen und festen Zuversicht werden wir jegliche – auch die größte – erwarten, wenn wir das Wort Pagiel fassen: Gott ist mein Fürsprecher. Wir ahben einen Fürsprecher bei dem Vater. Ist unser Beten schwach: diese Fürsprache ist desto durchgreifender. – Der letzte Name ist noch wol der köstlichste von allen: Salumiel, der Sohn Zuri Sadai: Gott ist mein Friede, der Allgenugsame meine Burg. –

 

O Israel, wer ist doch dir gleich? Du Volk, das solche Führer durch die Wüste hat! Wie könnte dir’s fehlen? Dir wird’s gelingen, deinen Feinden aber wird’s fehlen. Wer ist die, die hervorbricht wie die Morgenröthe, schön wie der Mond, auserwählt wie die Sonne, schrecklich wie Heeresspitzen? Herr, öffne unsere Augen, daß wir die Wunder sehen in deinem Wort, und richte unsere Füße auf die Wege des Friedens, du Unser Vater. – Amen.

 

 

Ein und zwanzigste Predigt.

 

Zwölfte Lagerstätte: die Lustgräber.

4 Buch Mosis 11,4-6.

 

Die Kinder Israel sind gelagert in Tabeera, der zwölften Lagerstätte, auf teutsch: Lustgräber. Daselbst fällt allerhand merkwürdiges vor, und wir machen den Anfang mit der Betrachtung der Verstimmtheit des Volks, deren Veranlassung, Aeußerung, Wirkung.

 

Das Volk ist verstimmt. Es murrt, es klagt, es weint. Es hat kein Belieben mehr an der ganzen Sache. Worüber ist es denn so unzufrieden? Was fehlt ihm? Es wurde ungeduldig, und seine ganze Führung schien ihm sehr beschwerlich und mühevoll. Und ach! was sollen wir sagen? Hatten sie denn so durchaus unrecht? Sie waren das Volk Gottes, es ist wahr. Sie waren der besonderste Gegenstand seiner genauesten Aufsicht und Pflege. Dies war ein ungemeines Vorrecht, und wenn Moses das betrachtete, rief er voll Entzücken aus: o Israel! wo ist ein Volk wie du? wer ist dir gleich? Aber sie mußten’s auch, wenn ich so reden darf, theuer genug entgelten, und ihr Alles dabei wagen. Wir werden geachtet wie die Schlachtschafe, sagt der Apostel Röm. 8, aus dem 44. Psalm, wo er die Vorrechte des Volkes Gottes gar sehr herausstreichet. Er setzt es als Regel fest, daß wir durch viel Trübsal ins Reich Gottes eingehen müssen, so wie der Herr selbst erklärt hat, wer sein Jünger sein wolle, müsse sein Kreuz auf sich nehmen täglich; und demnach sein Apostel: daß alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, Verfolgung leiden müssen. Der Gerechte muß viel leiden. Sich dazu zu bequemen, sich fortwährend selbst zu verleugnen, sein eigenes Leben zu verlieren, des Herrn Wege überall seinen Augen wohlgefallen zu lassen, stets ja zu sagen – das will was, das will oft sehr viel bedeuten. Ich bin müde von Seufzen, heißt es wol einmal. Ich bin geplaget täglich, und meine Plage ist alle Morgen da. Da bittet wol ein Elias: so nimm nun, Herr, meine Seele; ein Paulus hat Lust auszuscheiden; ein Hiob und Jeremias äußern sich sogar auf eine Weise, die man nicht wol nacherzählen darf. Ersterer sagt eben nicht mit Dankbarkeit und Wohlgefallen, Cap. 7.: was ist der Mensch, daß du ihn groß achtest und bekümmerst dich mit ihm, du suchest ihn täglich heim und versuchest ihn alle Stunden – denn er setzt hinzu: höre auf von mir. Warum thust du dich nicht von mir und läßest nicht so lange von mir ab, bis ich meinen Speichel schlinge. – Die erste Hälfte des 73. Psalm äußert sich auch recht verdrießlich. Die Gottlosen, sagt er, sind glückselig in der Welt und werden reich; ich aber, der ich unsträflich leben und wasche meine Hände in Unschuld, bin geplagt täglich und meine Strafe ist alle Morgen da. –

 

Plagende, unzeitige Gedanken kamen dazu. Die armen Leute waren in dürrer Wüste, wo es heulet. Zu essen fiel da nichts vor, als was vom Himmel sich täglich und nur für einen Tag auf sie herabsenkte, und Wasser hatten sie nur durch ein Wunder, aus dem Felsen welcher mitfolgte, der Fels aber war Christus. Das Auge sah sich matt und müde an der grauenhaften Einförmigkeit der unermeßlichen Einöde, die sich um sie her dehnte, und nur hie und da ein kümmerliches und meistens stachelichtes Gestrüpp hervortrieb. Keine Spur eines früheren Wanderers. Kein lieblicher Laut ergötzte das Ohr. Keine Turteltaube girrte ihre melancholische Töne, keine Lerche trug wirbelnd ihr Lied himmeln, als wollte sie vernünftigen Herzen ihre Bahn bezeichnen. Es heulte drinnen. Zuweilen ließ ein einsamer Rohrdommel sein ächzendes Gekrächz hören, oder das Gebrüll hungriger Löwen und das Gekreisch blutgieriger Tiger und Hyänen tönte aus der Ferne grauenerregend an ihr Ohr. Sie waren es anders gewohnt. In dem köstlichen Lande Gosen war es ganz anders; lauter Fruchtbarkeit und Anmuth, Aecker, Gärten und Wiesen, Flüsse und Teiche. Sie fingen unglücklicherweise Vergleichungen an. Durch Vergleichung wird ein Uebel oder ein Gut, größer oder kleiner. Vergleicht man ein großes Gut mit einem noch größeren, so wird es geringer in unserm Urtheil, und so geht es auch mit einem Uebel. Denkt man daran, wie viel schlimmer es sein könnte, so wird es leidlicher. Aber denkt man bei einem Uebel an das entgegengesetzte Gut, so wird es noch härter, wie schwarz gleichsam noch schwärzer erscheint, wenn man es auf weiß legt. In der Hölle dünkte dem reichen Schlemmer ein Tröpflein Wassers ein großes Gut, der früher wol den kostbarsten Wein nicht geachtet hatte. Trug der Anblick des elenden Lazari viel zu seiner Glückseligkeit bei, daß er sich in seiner Gesundheit und in seinem Ueberfluß desto besser gefiel: so vermehrte dessen Anblick später seine Quaal, da er ihn in seiner Herrlichkeit sehen mußte. Assaph wurde über dem Vergleichen seiner Umstände mit denen der Gottlosen so übel zu Muthe, daß er beinahe gedacht, es sei nichts mit der Gottseligkeit. Hiob stellte auch Vergleichungen an, und das Resultat war: wenn man mein Leiden möge und fassete es zusammen auf einer Wagschale, so würde es schwerer sein als Sand am Meer. Wiederum stellt Paulus eine Vergleichung zwischen den Leiden dieser Zeit und der zukünftigen Herrlichkeit an, mit dem Erfolg, daß er jene leicht nennt, die gar nicht anzuschlagen sind, diese aber über alle Maßen wichtig. Assaph desgleichen: ich frage nichts nach Himmel und Erde, wenn ich nur dich habe. Ob mir auch Leib und Seele verschmachtet, bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Theil, - und Hiob: und wenn er mich tödten wollte, sollte ich nicht auf ihn hoffen? – und David: du tröstest mein Herz, obgleich jene viel Wein und Korn haben.

 

Auch die Kinder Israel stellten eine Vergleichung an. Aber was für eine! In dieser Sandwüste erinnern sie sich der kühlenden Cukummern oder Gurken, ja sogar der saftvollen und ungemein wohlschmeckenden und lieblichen Pheben oder Wassermelonen. Nun, das muß man gestehen! in brennender Einöde kann der Gedanke an solche Gewächse den Mund wol wässern machen, denn was für ein ausnehmendes Labsal würden die gewähren, so daß es nicht zu verwundern ist, wenn ein König von Frankreich, der sich zur Zeit der Kreuzzüge in Palästina befand, und vielleicht mit Recht den Beinamen eines Heiligen führt, sich den Tod daran aß, weil er, durch Durst, Hitze und Erschöpfung verleitet, zu reichlich davon genoß. Wie mancher hat sich nicht schon todt geschwelgt, todt getanzt u.s.w. – Auch die egyptischen Fische kamen ihnen unglücklicherweise ins Gedächtniß, so wie die wohlschmeckenden, würzenden Johanneszwiebeln und andere Gartengewürze. Hatten sie die dort unentgeldlich gehabt: hier war nichts davon zu haben, und hätten sie sie mit Gold aufwiegen wollen.

 

Laßt uns nicht ungerecht gegen sie sein, sondern gestehen, daß es eine nicht gering Versuchung war, worin ihr Fleisch und Blut sie führte. An sich lag ja auch nichts Sündliches darin, daß sie jetzt gerne die Melonen aufgelesen hätten, die sie in Egypten vielleicht mit Füßen traten und die Fische als Leckerbissen betrachteten, die sie dort nicht achteten. Aber dies wurde ihnen zur Sünde, weil sie es auf eine ungemäßigte, heftige Weise und außer der göttlichen Ordnung, ja wider dieselbe begehrten, ungeneingt sich in die göttliche Ordnung zu fügen. Was setzten sie dabei nicht alles aus den Augen! War ihnen denn Canaan nicht verheißen, wo sie Melonen, Fische und Zwiebeln in Menge haben sollten? Wollten sie denn nicht noch ein wenig warten, da sie innerhalb weniger Tage oder Wochen da sein konnten, gerade darauf zu zogen und den größten Theil des Weges schon zurückgelegt hatten? nicht bedenken, daß sie das Volk waren, von welchem das Heil kommen und der Same entspringen sollte, durch den alle Völker auf Erden sollten gesegnet werden; nicht bedenken, daß das, was sie litten und entbehrten, ihnen selbst und der ganzen Welt zu gute kommen sollte? nicht erwägen, daß es ihnen doch am Nothwendigen durchaus nicht mangele? Galt ihnen denn Gott, seine Führung, seine Verheißung, sein Wille so wenig, und Melonen und Zwiebeln alles? War alles vergessen, was er an ihnen und für sie gethan? – Wie tritt ihr verdüsterter, irdischer und fleischlicher Sinn so fatal heraus! Sie dünken sich wie im äußersten Elend. Ach ja! wie erschrecklich wird und muß einst der Zustand aller ihnen gleich gesinnten Menschen werden, welche mit ihrer ganzen Seele am Irdischen und Sinnlichen hangen, nichts Höheres kennen noch begehren, wenn sie so in die Ewigkeit übergehen, wo sie nichts, durchaus nichts von dem antreffen, was allein ihr Sehnen ist, wo sie also in die bitterste Armuth versinken! – Aber auch die Heiligen begehrten wol saftvolle Melonen. Aber was für welche? Solche, die in dem himmlischen Canaan wachsen. Wol durstete ihre Seele. Aber wornach? Nach dem lebendigen Gott. Wann, seufzten sie, wann werde ich dahin kommen, daß ich dein Angesicht schaue, wann tröstest du mich? – Doch kann auch hier sich etwas ungeregeltes mit einmischen. Paulus wollte ja so ungemein gern des Pfahls im Fleisch überhoben sein. Er mußte sich aber drein fügen und sich bequemen, sich an der Gnade genügen zu lassen. – Wer wollte nicht gern stets Melonen essen? Wer wollte nicht gern stets eine fröhliche Versicherung von der Gnade Gottes mit sich herumtragen; wer wollte nicht gerne stets voll Liebe zu Gott und zu dem Herrn Jesu sein; wer nicht gern stets spüren, wie mächtig der Herr in seiner Schwachheit sei; wer nicht gern äußerlicher Leiden und innerer Anfechtungen, wo nicht überhoben, doch unter denselben also gehalten sein, daß er nicht nur geduldig in Trübsal wäre, sondern sich auch derselben rühmte, wer wünschte nicht, daß es ihm stets nach dem Spruch ginge: ehe sie rufen, will ich antworten; wer zöge nicht Thabor Gethsemane vor, und einen auferstandenen Christus einem am Kreuz hangenden? David sagt nichts besonderes, wenn er spricht: das wäre meines Herzens Freude, wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben könnte; es ist nichts besonders, wenn Thomas über dem Anblick der Wunden Jesu ausruft: mein Herr und mein Gott! Größeres ist es, daß, wie ein Jeremias sagt, Klagl. 3,29, ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfällt und seinen Mund in den Staub stecke und der Hoffnung warte und lasse sich auf die Backen schlagen und ihm viel Schmach anlegen. – Auch in dieser Beziehung gilt es, sich selbst verleugnen, und dies mag wol eine der größten, ohne besonderen Beistand des Herrn ganz unausführbare Verleugnung sein. Thut im Ganzen in der Wüste Verzicht auf das Melonenessen, denn blos sein Brod wird ihm gegeben, sein Wasser hat er gewiß. Bisweilen kommt ihr denn doch in einen Palmenhain, und endlich nach Canaan. –

 

Das war nun aber vollends erbärmlich, daß den unartigen Leuten sogar das theure Manna widerwärtig wurde, daß sie auch sagten: unsere Seele ist matt, denn wir sehen nichts als das Man. Abscheulicher Ausbruch der Verderbniß des menschlichen Herzens. Sie treten gleichsam Gottes Wohlthat mit Füßen, und werden sie ihm unwillig zurück. Verhielten sich nicht später ihre Nachkommen so gegen den, welchen das Manna abbildete, der sich ihnen als das lebendige Brod darstellte, das der Welt das Leben gibt? Und treten nicht auch wir wacker in ihre Fußstapfen, obschon wir uns Christen nennen? Hat man schon zeitig angefangen, wo nicht an seiner statt, doch neben ihm allerhand Heilande einzuschwärzen und die Mutter mehr anzulaufen als den Sohn; hat die Reformation den Unrath suchen wegzuschaffen und wieder gelehrt, daß außer diesem keinerlei Seligkeit weder zu suchen noch zu finden sei: so ist man darauf, eben von protestantischer Seite aus, so weit gegangen, eigene Weisheit und eigene Kraft wirklich an Christi statt aufzustellen, Christum selbst aber mehr und mehr zu verdrängen. Was ist länger im Ganzen von ihm noch übrig geblieben? Und wird der Religionsunterricht auch noch mit heuchlerischem Gepränge, als etwas Wichtiges gepreiset, so gleicht er doch im Ganzen in Kirchen und Schulen einem Leichnam ohne Haupt, und man muß mit Maria davon sagen: sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Es ist eine wunderliche Widrigkeit gegen Christum bei der Welt, die doch auch weise, gerecht und selig werden, aber es nur durch ihn nicht werden will, und das nennt man denn Aufklärung, vor welcher aber Gott alle diejenigen in Gnaden bewahrt, welche er lieb hat. Nur denen die verloren gehen, bleibt das Evangelium verdeckt. – Jedoch fand sich auch Paulus veranlaßt, sich gewissermaßen wegen seines evangelischen Einerlei zu entschuldigen, wenn er den Philippern, 3,1 sagt: daß ich euch immer einerlei schreibe, verdreußt mich nicht und macht euch desto gewisser – und wenn Johannes gleichsam scherzweise sagt: ein neu Gebot schreibe ich euch, so sagt er doch zugleich: es ist das alte Gebot, das ihr von Anfang gehabt habt. Die alten Sachen lassen sich wol mit neuen Worten, in neuen Verbindungen und Weisen vortragen, aber das ist doch nur Nebensache und es läuft alles auf das eine Ziel hinaus: Christus alles und der Mensch nichts. Daß die Welt deß endlich satt und überdrüßig wird und auch sagt: unsere Seele ermattet, wenn sie nichts aufgetischt bekommt, als das vom Himmel stammende Manna und anders nichts – das kann uns nicht wundern, und es brauchte noch lange kein Apostel zu sein, um vorhersagen zu können, die Leute würden sich mit der Zeit Lehrer aufladen, nachdem ihnen die Ohren jucken; nicht wundern, wenn ein reformirter Prediger eine lange Zeit über die Geschichte seines Zeitalters und dergleichen predigte, und großen Beifall erhielt; nicht wundern, wenn ein gewisser Prediger im Jahr 1812, am 2ten Christtage, darüber predigte: der Beruf des Weibes sei eben so reich an Verdienst um das menschliche Geschlecht als der Beruf des Mannes; so wie am 1ten vom Verdienst der niedern Stände, nicht zu wundern, wenn das von der Welt, die das Ihrige lieb hat, beifällig aufgenommen wird; und eben so wenig zu wundern, wenn sie ein Zetergeschrei erhebt: sobald das Evangelium irgendwo eigentlich und mit Kraft und Nachdruck gepredigt und geglaubt wird, und alles aufbietet, es wo möglich zu unterdrücken oder zu entkräften; denn diejenigen, die dem Kindlein nach dem Leben stehen, sind noch immer nicht gestorben. Hierüber, sage ich, hat man sich nicht zu verwundern, weil das sehr natürlich zugeht. Aber Paulus findet sich veranlaßt, auch wahre Christen zu warnen, daß sie ihre Sinnen nicht verrücken lassen von der Einfältigkeit in Christo, 2. Cor. 11,3. sich nicht umtreiben lassen von mancherlei Wind der Lehre. Immer und immer auf sein Elend und auf Christum hingewiesen werden, das möchte man ja wol endlich müde und satt werden und auf die Einbildung gerathen, es sei nun damit ziemlich genug, und man habe beides so ziemlich inne, gerade als wäre das eine wie das andere so mit der Zeit ausgelernt und etwas gewöhnliches, wo man denn wol etwas Ungewöhnliches und Besonderes, eine aparte Weisheit und Einsicht suchet und eben dadurch vom rechten Wege ab und auf allerhand Schwärmereien geräth, wie die Geschichte solches reichlich bezeugt; da müssen denn oft dunkele, unverständliche Redensarten statt großer Weisheit dienen, hinter welchen sie große Geheimnisse suchen, und andere verachten lernen. –

 

Mit dem Manna hatte es auch eine eigene Bewandniß, vorzüglich die, daß es sich ausschließlich nur vom Freitag auf den Sonnabend hielt, an allen andern Tagen aber sich auf den folgenden Morgen durchaus nicht aufbewahren ließ, sondern, wenn es geschah, wurmicht und stinkend befunden wurde. Es mußte also sechsmal die Woche frisch gesammelt werden, am sechsten Tage aber eine doppelte Portion, für den Sabbath mit, an welchem Tage keins fiel. War dies nun auch nicht sehr beschwerlich, so war’s doch sehr abhängig. Und ein abhängliches Leben gefällt unserer stolzen Natur nicht, die lieber unabhängig, selbstständig, selbstgenugsam sein möchte. So gestaltete es sich im Paradiese. Ihr werdet Gott gleich, also unabhängig von ihm, euere eigne Herren sein, nicht mehr nöthig haben, euch von ihm Befehle geben zu lassen, selbst von gut und böse hinlänglich unterrichtet sein. Dies war die Versuchung, dies der ausgeworfene Köder. Der Fisch biß an, und die Angel blieb kleben. So will’s nun unsere Natur. Ein untergeordnetes Verhältniß ist ihr zuwider. Sie gehorcht nur aus Noth. Sie will gerne obenan sitzen und räumt andern nur mit Mühe einen Vorzug ein. Selbst der Obrigkeit gehorcht man im Ganzen nur aus Noth, wollte aber doch viel lieber frei sein, ohne zu begreifen was für ein Unglück, wie unmöglich das bei der sündlichen Beschaffenheit der Menschen wäre, ohne zu ermessen, welche große Wohlthat die Obrigkeit ist, die Gott gesetzt hat. Wie leicht will man’s besser wissen wie sie, wie leicht und unbescheiden werden ihre Maßnehmungen getadelt! Aeußert sich nicht das nehmliche in den häuslichen Verhältnissen, und was für Mühe haben die meisten Eltern, ihre Kinder zum Gehorsam zu gewöhnen! Aeußert es sich nicht im sonstigen Zusammenleben? Wie leicht gerathen die Menschen einander in Zank und Streit. Und warum? Jeder will recht, keiner will gefehlt, geirrt haben. Hört ein Dritter beide besonders, so stellt jeder seine Sache so vor, daß die ganze Schuld auf den andern fällt; hört er sie beide zusammen; so findet er sie wol beide schuldig. Wie selten, wie selten gestehen das aber beide Partheien ein. –

 

Die göttlichen Gebote allein sind nun nicht im Stande, die menschliche Natur, die einen harten, widerstrebenden Stein verglichen wird, weich, biegsam und handelbar zu machen. Ja im Gegentheil bringen dieselben eben ihre Widerspenstigkeit zum Vorschein. So erkannten es sogar nachdenkende Heiden, und ihre Dichter sagten: nach dem Verbotenen streben wir, und was uns versagt wird, begehren wir am meisten; die Schrift aber sagt: die Gesinnung des Fleisches sei Feindschaft gegen Gott, dem Gesetz nicht unterthan, vermöge es auch nicht. Sie nennt das Gesetz die Kraft der Sünde, sagt: es sei neben der Verheißung eingekommen, damit die Sünde desto mächtiger würde, ja es errege allerlei Lust in uns und mache die Sünde lebendig, die zwar vorher schon, jedoch gleichsam wie todt in uns war. Etliche deuten auch die Worte hieher, wo es heißt: das Gestz richte nur Zorn an, bewirke nehmlich, daß die Natur ordentlich grimmig und aufgebracht werde, wegen der vielen und strengen Gebote, die sie nicht erfüllen kann noch mag, und doch bei Strafe des ewigen Todes halten soll. Alsdann regt sich das Gesetz in den Gliedern, um diejenigen gefangen zu halten, die da Lust haben am Gesetz Gottes, nach dem inwendigen Menschen.

 

Ueberhaupt kann das Christen-Leben, der Natur, schon wegen der beständigen und immer zunehmenden Abhänglichkeit von dem Herrn und seiner Gnade, nicht anstehn. Ohne Zweifel würde es den Kindern Israel besser gefallen haben, wenn sie nicht Jahr aus, Jahr ein, jeden Morgen gleich arm hätten sein dürfen. Aber Gott hatte es absichtlich so eingerichtet. Es lag nicht in der Natur des Manna, daß es sich nur einen Tag hielt, denn sonst würde man es ja nicht vom Freitag auf den Sonnabend haben aufbewahren können. Es war dies eine göttliche Anordnung. Sie war gewiß nicht ohne Zweck. Was konnte aber wol anders ihr Zweck sein, als der, die Kinder Israel in einer beständigen Abhängigkeit von dem Herrn zu erhalten, und darin zu üben, ihre Hoffnung ganz auf ihn zu setzen. Verbot Christus nicht aus dem nehmlichen Grunde seinen Jüngern, weder vorräthiges Geld, noch sonst was mit auf ihre apostolische Missionsreise zu nehmen, noch auch sich auf das, was sie reden sollten, vorzubereiten: es soll euch zur Stunde gegeben werden. Wer dies für eine leicht zu befolgende Verhaltungsregel hält, der muß sich selbst noch wenig kennen. Nicht blos zur Stunde wo man es bedarf, sondern im voraus hätte man es gern und zwar nicht im Glaubne, sondern in eigenthümlichem Besitz. Es wäre in der That etwas, der Natur sehr angenehmes, so viel Vortrefflichkeit in sich selbst zu haben, daß man davon bestehen und damit ausreichen könnte. Aßen unsere Eltern nicht eben deßhalb von dem Baume? Es ist uns nicht anständig in Christo – lieber wollten wir in uns selbst vollkommen sein. Aber das gibt nicht. Willst du ein Jünger Jesu sein: so sorge nur für ein leeres Gefäß und bequeme dich zur geistlichen Armuth. Erhebe dich zu einem mächtigen Vertrauen, daß eher junge, starke Löwen werden Hunger leiden, als daß die, so den Herrn fürchten, nicht sollten genug haben. Lerne die großen evangelischen Worte verstehen, wo es heißt: als die Armen, die doch viele reich machen, als die nichts haben und doch Alles haben. Es wird am nothwendigen Manna nicht fehlen, sollte es auch nicht im Ueberfluß fallen. Bist und bleibst du denn auch stets in Einer Armuth, weißt du diesmal so wenig durchzukommen, wie das andere mal, so sei seine Gnade dir genug, denn seine Kraft ist in den Schwachen mächtig. – Wie weit ging es denn mit dem Mißvergnügen der Kinder Israel? Sie saßen da und weinten, heißt es. Worüber weinten sie denn? Ueber ihre ganze Lage, über ihre Reise, ihre Beschwerden, über ihren Mangel an Melonen und Fleisch. Das war ja eine große Betrübniß, und das über irdische Dinge! Aber ist es nicht so bei den irdisch gesinnten Menschen? Was macht ihnen Freude? Irdische Dinge. Was macht ihre Trauer? Irdische Dinge. Was setzt sie in Thätigkeit und Betriebsamkeit? Das Nehmliche. Sind es ihre Sünden – über welche, ist es die Vergebung derselben, ist es die Reinigung ihres Herzens, ist es die Gnade Gottes, ist es etwa die Verderbung derselben, um welche sie weinen? Ach! wäre es das! Aber davon kommt bei ihnen nichts vor, und diejenigen, bei denen dergleichen vorkommt, die sind schon nicht mehr irdisch, sondern geistlich gesinnet. Es ist wahr, auch wahre Christen können und dürfen über irdische, zeitliche Gegenstände weinen, denn sie sind keine Steine. Jesus bestraft die am Grabe ihres Bruders weinenden Schwestern so wenig, daß er vielmehr, an ihrer Trauer theilnehmend, selbst weint; und Paulus gesteht, wenn ihm sein lieber Epaphroditus gestorben wäre, so würde er eine Trauer über der andern gehabt haben. Allein sie mäßigen diese Trauer und beugen sich unter den Willen Gottes. Sie haben andere und höhere Gegenstände ihrer Freude, wie ihrer Trauer; denn sie sind geistlich gesinnet.

 

Die Betrübniß Israels artete sogar in einen Widerwillen gegen Gott aus und in Trotz. Nach dem 78. Ps. fragten sie nicht nur: wer will uns Fleisch geben, sondern forderten ihn in ungläubigem Trotz heraus, sagend: ja, sollte Gott wol einen Tisch bereiten können in der Wüste? Siehe, er hat wol den Felsen geschlagen, daß Wasser flossen, aber wie kann er seinem Volke Fleisch geben? Das waren ja gottlose Gedanken und abscheuliche Aeußerungen, wodurch sie Gott verkleinerten; es war eine ungeheure Unvernunft, daß sie Ein Wunder zugeben und ein anderes für unmöglich halten, da es Gott doch, wie der Erfolg erwies, ein Leichtes war, ihnen, auch ohne ein eigentliches Wunder, Fleisch die Fülle zu geben. Wäre es nicht sehr natürlich gewesen zu denken: derjenige, der uns aus dürrem Felsen Wasser geben konnte, der kann uns auch in dieser Wüste Fleisch geben, wenn er nur will. Und was scheint leichter als ein solcher Schluß? Sollte der Mensch denn so gottlos und verfinstert sein, daß er sogar solcher Gedanken unfähig ist? Denn warum sollten wir diesen besonderen Fall nicht auf’s Allgemeine deuten, da uns der Apostel 1. Kor. 10. ausdrücklich sagt: es sei uns zum Exempel geschrieben. Machen wir’s besser? Christus sagt: wahrlich, wahrlich ich sage euch, es sei denn, daß jemand von neuem geboren werden, sonst kann er das Reich Gottes nicht sehen. Laßt ihr Menschenkinder das aber nicht so ganz auf sich beruhen, ohne irgend einen Beweggrund für euch selbst daraus herzuleiten? Thut Buße, heißt es. Aber wie oft und wie lange hat’s so geheißen, ohne daß ihr fragt: was mache ich doch? Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes, heißt es. Wer kehrt sich dran? Ihr habt kein Ohr, das da hörte, kein Auge, das da sähe, noch ein Herz, das verständig wäre, und bis auf den heutigen Tag hat Gott es euch noch nicht gegeben, sonst benähmet ihr euch ganz anders. – Aber ihr Andern, sind eure Herzen nicht auch noch in euch verstarret, wie Christus seinen Zwölfen sagt? Gott hat seines eigenen Sohnes nicht verschont, sondern ihn für euch dahin gegeben. Der Schluß, den ihr daraus herleiten sollt, ist dieser: wie sollte er uns mit ihm nicht Alles schenken! Macht ihr den? Es heißt: er sorgt für euch. Werft ihr denn nun alle eure Sorge auf ihn? Was für Kraft hat sein Wort bei euch? O Herr! mache mich lebendig durch dein Wort! Amen.

 

 

Zwei und zwanzigste Predigt.

 

Zwölfte Lagerstätte: die Lustgräber. Fortsetzung.

4 Buch Mosis 11,1-4. 10-15.

 

Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie andere Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner – so betete und dankte der Pharisäer Luk. 18,11. Mich dünkt, wäre der Sinn dieses Mannes den Worten ganz angemessen gewesen, die er sagte, so würde der Herr ihn nicht getadelt haben. Kein Räuber und dergleichen zu sein, ist ja gewiß etwas wünschenswerthes und gutes. Wie? möchtet ihr wol Räuber, Diebe, Trunkenbolde sein? Gewiß nicht. Wie geht’s diesen Leuten, wo nicht immer, doch meistens in dieser Welt. Hätte der nicht gestohlen, wäre jener nicht dem Trunk ergeben, der nicht so liederlich gewesen, würde es ihm wol so schlecht gegangen sein, wie es nun thut? Daß ihr nun solche Leute nicht seid, ist euch das nicht mit recht lieb? Seid ihr denn auch etwa arm, so seid ihr doch ehrlich und dürft euch vor jedem ordentlichen Manne sehen lassen. Und wenn ihr euch deß freut, sollte es sträflich sein? Gewiß nicht.

 

Hören wir den Mann weiter, so müssen wir ihn ja noch mehr achten, denn was sagt er? Sagt er: einen solchen tadellosen Mann habe ich selbst aus mir gemacht, ich habe mich von Jugend auf vor solchen Ab- und Unwegen gehütet und gewahrt? ich habe mich in Acht genommen? das sollten Andere auch thun, dann ging’s ihnen auch besser? Nein, kein Wort von der Art. Sondern, was sagt er? Ich danke dir, Gott. Wem schreibt er’s also zu? Seinen Worten nach, nicht sich selbst; vielmehr sollte man denken, seine Gedankenreihe sei etwa diese gewesen: wäre ich in solchen Verhältnissen geboren und erzogen, wie diejenigen, die jene Unthaten begangen haben, wäre ich in gleiche Versuchung gekommen, hätte ich ein eben so unglückliches Temperament, wie jene – o! so möchte ich noch wol weit ärger geworden sein, wie jene, o! so säße ich jetzt vielleicht im Kerker, statt daß ich hier im Tempel stehe, oder hinge gar schon am Kreuz. Wem soll ich, wem muß ich also den Ruhm davon geben, daß ich nicht bin wie viele andere Leute? Mir selbst? das sei ferne! Dir, dir o Gott, danke ich dafür. Du hast über mich gewacht, du hast mich bewahrt, du mich bis jetzt geführt. Dafür danke ich dir, bitte aber zugleich: thue doch ja nicht deine Hand von mir ab, Gott, mein Heil. – Findet ihr darin wol etwas, das dem Worte Gottes zuwider wäre? Gewiß nicht. Aber so meinte es dieser Mann nicht. Höchstens ging’s ihm, wie denen, die man etwa fragt, wie sie sich befänden, und die darauf antworten: Gottlob noch wohl! Er that’s nur so.

 

Dasjenige aber, was ich doch eigentlich hiermit nur sagen wollte, ist dies: daß die Sünden anderer Leute uns nicht dazu dienen sollen, uns unsrer eigenen Vortrefflichkeit mit Freuden bewußt zu werden, und uns zu erheben und sie zu verachten; sondern daß sie uns statt eines Spiegels dienen sollen, worin wir unsere eigene Gestalt erblicken und uns sagen: siehe, das bist du. So meint’s auch Salomo Spr. 27,19.: wie das Bild im Wasser gegen das Angesicht, also ist eines Menschen Herz gegen den andern. Wir rechtfertigen damit anderer Leute Gottlosigkeit nicht, verkleinern, entschuldigen sie nicht, sondern verurtheilen sie, aber auch uns selbst mit ihnen, etwa wie wir in Anderer Krankheiten ein Exempel sehen, wie es auch uns gehen könnte.

 

Dieser Gedanke muß uns auch leiten bei der Betrachtung des Verhaltens der Kinder Israel in Tabeera.

 

Neulich betrachteten wir die übele Stimmung des Volkes. Wir fahren nun fort, ihre Veranlaßung und Wirkung zu betrachten.

 

Wie ging es denn zu, daß Israel so unzufrieden wurde, und sich so freventlich äußerte? Ach! es war im rothen Meer nicht alles ersoffen, was wol darin hätte ersaufen mögen. Es war bei den Kindern Israel ein Volk, das den kuriosen Namen Haasaphsüph führte, welches Luther durch Pöbelvolk gibt; die holländische Uebersetzung hat: das gemeine Völklein, die französische: das zusammengeraffte Volk, so auch die griechische. Was das für ein Völkchen war, weiß ich nicht zu sagen. Sie werden von den eigentlichen Kindern Israel unterschieden, waren also keine Nachkommen Abrahams, auch das nicht, was man gewöhnlich unter dem Worte Pöbel versteht. Was waren es denn wol für Leute? Zuerst wird ihrer 2 Buch Mos. 12,38. gedacht, wo Luthers Uebersetzung sie viel Pöbelvolk nennt. Also, heißt es daselbst, zogen aus die Kinder Israel von Naemses nach Suchot, 600,000 Mann ohne die Kinder, und zog auch mit ihnen E ref raf, viel Pöbelvolk. Dies Wort kommt auch beim Nehemia Cap. 13,3. vor, und beim Jeremias Cap. 50. Es heißt eigentlich: ein gemischter Haufe, auch Geschmeiß und Ungeziefer; und bei der Weberei: Einschlag. Beim Nehemia werden unter diesem Namen die Ammoniter und Moabiter verstanden, welche nach einer göttlichen Anordnung nimmermehr in die Gemeine Gottes kommen sollten, darum daß sie den Bilam wider Israel dingeten, es zu verfluchen, welches Gott aber in Segen umwandelte. – Was mochten das denn für Leute sein, die sich dem Volke israel beigefügt hatten? Wir wissen es nicht. Es war aber schlimm, brachte Israel in Versuchung, in Sünde, und dadurch ins Unglück, und wenn es beim Jeremias heißt: Schwerdt soll über dasselbe kommen, so ist das für Israel sehr wünschenswerth, damit es allein wohne.

 

Und so wären wir diesem Räthsel von dem Haasaphsüph wol auf die Spur gekommen, und finden dasselbe noch heutzutage unter Israel, und zwar auf zweierlei Weise.

 

Erstlich. Anfänglich bestand die Christenheit aus lauter wahren Christen, Wiedergeborenen und Gläubigen. Die erschrecklichen Verfolgungen, die über sie ergingen, bewirkten, daß sich keine andere als Aufrichtige, wirklich vom Vater Gezogene und Gelehrte, zu ihnen gesellten, oder doch eben durch diese schrecklichen Verfolgungen, die niemand ohne wirkliche Gnade und Leben ertragen konnte, wieder von ihnen geschieden wurden. Die waren nicht von uns, sonst wären sie bei uns geblieben. Sie gehörten, auch bei dem etwa eine Zeitlang angemaßten Namen der Christen, doch fortwährend dem Heidenthum, oder Judenthum, der Welt und der Obrigkeit der Finsterniß an. Ihr Abfall war demnach sehr natürlich und kein Schaden, sondern Vortheil für das Wahre. Doch mengte sich schon frühzeitig allerhand Unkraut unter den Weizen, was sich nicht hindern ließ, aber doch zu beklagen war. Als aber vollends mit dem Christenthum äußerliche und weltliche Vortheile verbunden waren, als später Carl der Große, unsere heidnische Vorfahren, mit Feuer und Schwerdt zum Christenthum zwang, was doch auf die Weise unmöglich ist: da nahm zwar die Zahl der Heiden ab, und die der Namenchristen erstaunlich zu, aber die Wahrheit, die Gottseligkeit, das Reich Gottes gewann wenig dabei. Eine ungeheure Menge Pöbelvolk zog mit Israel, und des Einschlas, des Ungeziefers, des Haasaphsüphs wurde gar zu viel. Die christliche Kirche wurde einem Netze ähnlich, voll guter und böser Fische, einem Acker, wo Unkraut und Weizen durcheinander wächst, ja wo man vor lauter Unkraut kaum einigen Weizen gewahr wird, vor lauter Gottlosigkeit keine Gottseligkeit, vor lauter Aber oder auch Unglauben, keine Wahrheit mehr erblickt. Ja, das Pöbelvolk nahm dermaßen Oberhand, daß der Haasaphsüph die Israeliten, in den Personen der Albigenser, Waldenser und anderer Zeugen der Wahrheit, auf’s erschrecklichste, bis zur gänzlichen Ausrottung verfolgte. – Heutzutage zählt man die Christen nach Millionen, und unsere Gemeine allein zählt mehrere tausend Glieder. Jede Parthei findet sich durch die Menge der Köpfe, die sie zählt, geschmeichelt. Es thut ihr wohl, wenn unter denselben Königen, Fürsten, Gewaltige und Reiche sind, worauf sie vertraut. Aber wiegen thut man nicht. Man zählt blos. Hier aber treten die ernsten Worte Christi ein, wo er sagt: die Thür ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammniß führt, und sind ihrer viele, die darauf wandeln; sagt: es werden nicht alle, die zu mir Herr, Herr, sagen, ins Himmelreich kommen; ankündigt, Er werde Vielen sagen: ich kenne euch nicht, und weiß nicht, wo ihr her seid, mögen sie auch einwenden, was sie wollen. Und im Ganzen heißt es. Der Bund Gottes bestehet und hat dieses Siegel: der Herr kennet die Seinen, und es trete ab von der Ungerechtigkeit, wer den Namen Christi nennt. Mit dem großen Haufen ist Gott nicht gedient, und endlich geht es an ein Scheiden, wo die Körner aus der Spreu, diese für’s Feuer, jene für die Scheuer gesammelt werden. Die wahre Christenheit wird nicht vermehrt durch den Ehestand, nicht durch die Confirmation, sondern durch eine Geburt aus Gott. Die Menge von rohen Leuten, die man in der Christenheit hat, gehören eigentlich gar nicht zu derselben, sondern sind Haasaphsüph. – Es hat von Zeit zu Zeit Menschen gegeben, welche durch eine genaue Kirchenzucht diesem Jammer abhelfen, oder gar eine reine, aus lauter wahren Christen bestehende Gemeine sammeln wollten; aber beides mißlang. Die Strafen, welche die Kirche verhängt, sind von der Art, daß sie den Meisten keine Strafe, sondern eigene Wahl sind. Denn diese Strafen bestehen darin, daß die Kirche gottlose und ungläubige Menschen, von ihrer Gemeinschaft und vom Abendmahl ausschließt. Aber das thun diese von selbst, und würden es vielmehr für eine Strafe achten, wenn sie zum Gehör des göttlichen Wortes und zum Tisch des Herrn kommen sollten. Einige andere ehemalige kleine Zuchtmittel sind von selbst unbrauchbar geworden. Man muß also über die Brücke Zions und den Schaden Josephs sich heimlich betrüben, beten und wirken, was man kann. Der herr wird endlich solche senden, welche die Lücken verzäunen und die Wege bessern, wird wol mit schweren Gerichten, und zuletzt mit dem jüngsten Tage hereinbrechen, und die Schafe von den Böcken scheiden. Indessen wende jeder allen Fleiß daran, daß er nicht blos den Namen, sondern auch der That und Wahrheit nach, ein Christ, ein Gesalbter sein möge. – Der einmal von einem gewissen Prediger L’Abbadie im 17. Jahrhundert gemachte Versuch, eine ganz reine Gemeine zu sammeln, mußte natürlich mißlingen, und brachte hin und wieder nichts als Verwirrung zuwege, da die Prediger, welche jene Idee aufnahmen, nur die Kinder wiedergeborner Eltern taufen, und keinen andern als Wiedergebornen das Abendmahl reichen wollten, da doch Christus befohlen hat, das Unkraut neben dem Weizen stehen zu lassen, bis zur Erndte, weil sonst unkundige Gäter den Weizen sammt dem Unkraut ausreißen möchten, auch auf diesem Acker nicht alles Unkraut, Unkraut bleibt, sondern sich in Weizen umwandelt. Gehe nur ein jeglicher aus von ihnen, sondere sich ab und rühre nichts Unreines an; bedenke ein jeder, daß seine Gefahr wegen des Pöbelvolks desto größer ist, und sei deshalb desto mehr auf seiner Hut. –

 

Dies wäre denn die eine Art, wie das Pöbelvolk noch immer unter Israel ist. Es ist’s aber auch noch auf eine andere, noch bösere Art. Wir sagen bildlich, es ist leider nicht alles im rothen Meer ersäuft, was billig darin hätte umkommen sollen. Sind gleich die Egyptier alle umgekommen: so hat sich doch der Haasaphsüph mit durchgemacht. Daher diese Thränen! Ohne Bild: in der Rechtfertigung zum Leben hat die Sünde bei den wahrhaft Gläubigen allerdings auf einmal und für immer, sowol ihre verdammende, als ihre herrschende Kraft, durch das Blut und den Geist Jesu Christi verloren. Es ist eine sehr große, eine wesentliche Veränderung auf einmal in ihnen hervorgebracht, vom Bösen zum Guten. Ihr Verstand ist erleuchtet, ihr Wille geheiligt, ihre Gemühtsbewegungen in Ordnung gebracht, die Glieder des Leibes zu Waffen der Gerechtigkeit dargestellet. Die Schrift aber belehrt uns in Uebereinstimmung mit der Erfahrung, daß in den nehmlichen gläubigen Personen, neben dem Geist auch noch Fleisch vorhanden sei, die sich einander feindselig und streitend entgegenstehn; daß neben dem neuen auch noch ein alter Mensch da sei, welcher von dem erstern gekreuzigt und getödtet wird, wogegen er sich aber tapfer wehrt, und das wol einmal mit dem Erfolg, daß jemand von einem Fehl übereilt wird und sündigt, wie Paulus und Johannes reden. In der Ordnung aber trägt der neue Mensch jedesmal den Sieg davon. Der ebengenannte heilige Apostel sagt: wer Sünde thut, ist vom Teufel. Wer aber aus Gott geboren ist, der sündiget nicht und kann nicht sündigen, denn sein Same bleibt bei ihm. So gewiß nun dies ist, eben so gewiß ist es auch, was der Nehmliche schreibt: so wir sagen: Sünde haben wir nicht, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Das Herz des Gläubigen ist eben so beschaffen, wie das Herz anderer Menschen, nur mit dem wichtigen Unterschied, daß bei jenen ein göttlicher Same ist, der sich allem Sündlichen kräftig und nachdrücklich widersetzt, es mehr und mehr, und zuletzt ganz vollkommen verdrängt und überwindet. Dazu sind sie berufen. Ihr tägliches Geschäft ist es, nicht dem alten Menschen seinen Willen zu lassen, sondern ihn aus- und den neuen Menschen anzuziehen, und sich stets zu erneuen in dem Geist ihres Gemüthes. Nicht sollen sie, mit sich selbst vergnügt, unthätig und unwirksam sein, und sich einbilden, als wären sie schon am Ziel; sondern weil sie so theure Verheißungen haben, sollen sie fortfahren mit der Heiligung; nicht meinen, sie hätten’s schon ergriffen und seien vollkommen, sondern ihm nachjagen, ob sie’s ergreifen möchten, nachdem sie von Christo Jesu ergriffen worden sind. – Auf diesem Wege wird ihnen erst recht kund werden die tiefe Verderbniß ihres Herzens, die schreckliche Ohnmacht ihres Fleisches, die gräuliche Kraft der Sünde, die Unzulänglichkeit des Gesetzes und aller eigenen Bemühungen, die List des Teufels und die unaussprechliche Nothwendigkeit der Gnade unseres Herrn Jesu Christi, so wie namentlich seiner Bürggerechtigkeit und seines Geistes, und die siegende Macht seines Geistes.

 

Gewiß, Israel, wirst du diesen Haasaphsüph in deinem Lager mit Kummer gewahr! Du weißt selbst manchmal nicht was es ist, fühlst aber seine Regung wol, und hast oft Ringens genug nöthig, daß er dir nicht über den Kopf wachse, dich aus dem Lager verdränge und es selbst einnehme. Wol ist’s ein vermengter Haufe, ein gemeines, ungesittetes, halsstarriges, zusammengerafftes Völkchen, dessen Ursprung man nicht recht weiß, nicht recht weiß, wo es herkommt und wo es hinaus will. O! daß ein Nehemias käme, und schiede es von Israel! und wie gönnen wir es ihm, wenn Jeremias verkündigt: das Schwerdt soll kommen über dies Geschmeiß und Ungeziefer. Denn indem der alte Mensch verweset, wird der neue lebendig gemacht. –

 

Das Verhalten des lüsternen Volkes machte Mose, der keinen Theil daran nahm, bange, weil er böse Folgen davon besorgte. Er hatte auch Ursache, bange zu werden, denn des Herrn Zorn ergrimmete sehr. Er griff alsbald zur Strafe, und zündete ein Feuer unter ihnen an, welches die äußersten Läger verzehrte und sehr viele Menschen tödtete, die man daselbst begrub, und deshalb dieses Lager Lustgräber nannte. Gott zürnt hier nach dem Gesetz – und o! wie weit reichen dessen heilige Forderungen, wie weit reicht die Heiligkeit Gottes! Es werden hier doch noch keine bösen Werke verübt. Es bleibt beim Verlangen, und das nach etwas, das an sich gar nicht böse war. Denn was ist es doch, wenn jemand in einer dürren, heißen Wüste, Lust nach kühlenden Früchten bekäme! Freilich fielen einige böse, Gott beleidigende Worte vor, den sie herausforderten und neckten, wo es allerdings heißt: irret euch nicht: Gott läßt sich nicht spotten. Aber ach! Wie häufig geschieht das, und was wollte aus den Menschen werden, wenn das stets also gestraft werden sollte, wie Gott an diesem seinem auserwählten Volk that! Wie viele Entschuldigungen hätten hier nicht vorgebracht werden mögen. Aber nichts von dem, nichts mit den glattesten Entschuldigungen. Das Gebot sagt: laß dich nicht gelüsten, oder du bist der Strafe des Feuers schuldig, womit du für deine Lust büßen magst, denn auch die Lust ist Sünde, und sie soll nimmermehr in unser Herz kommen. Und verflucht sei jedermann, der nicht bleibet in alle dem, was geschrieben steht im Buche des Gesetzes, daß er’s thue.

 

Hieraus sehen wir, wie sehr es den Menschen an dem wahren und richtigen Begriff vor der Sünde und ihrer Gesetzlosigkeit und Strafbarkeit mangelt! Wenn sie viel thun, so räumen sie allenfalls ein, daß diese, jene That, Uebertretung des Gesetzes, Sünde sei, und behaupten doch dabei, man könne sie thun, ohne doch überhaupt ein schlechter Mensch zu sein und ein verkehrtes, böses Herz zu haben. Mit Worten nimmt man's vollends nicht genau und ist weit entfernt, Christo zu glauben, daß die Menschen müssen Rechenschaft geben von einem jeglichen unnützen Wort, das sie werden geredet haben; daß sie bei Gott straffällig sein sollten, will ihnen gar nicht in den Sinn, denn die Welt hat im ganzen einen erbärmlichen Gott, den sie auch weder fürchtet noch liebt, von dem sie – im Ernst genommen – weder Gutes noch Böses erwartet. Daß nun aber gar schon die Lust Sünde sein soll, daß schon die den menschen verdammlich machen soll, das räumt sie gar nicht ein. Indessen, mag sie's nicht einräumen, so hört's darum nicht auf, Wahrheit zu bleiben, daß schon das Lüstern, das geneigt werden, verdammliche Sünde ist. Denn wir können nichts Wahres unwahr machen, und das Gesetz läßt sich von uns nicht drehen, schwächen oder modifiziren, sondern fordert Unterwerfung und Gehorsam, bei Strafe des ewigen Todes.

 

Jedoch ist es nicht zu verwundern, daß es nicht erkannt wird, daß schon die Lust Sünde sei. Ein Saulus, der nachmalige Apostel Paulus, sogar bekennt, es sei eine Zeit seines Lebens gewesen, wo er dies auch, wegen der Blindheit seines Herzens, nicht eingesehen habe. Und eben weil er dies nicht einsah, gelang es ihm, sich für unsträflich nach dem Gesetz zu halten, weil er freilich gegen die übrigen neun Gebote nicht gröblich anging. Mit Christo mochte er nichts zu thun haben, weil er seiner für seine Person zu nichts brauchen konnte, und weil er ihm überdas als ein solcher erschien, der das ihm so theure Gesetz aufhob. Aber wie gingen ihm im Ganzen die Augen auf, als sie ihm erst darüber aufgingen, daß die Lust Sünde sei! Dies gab ihm, so zu reden, den Schlüssel zu dem Evangelio, und kein Mensch war froher über den Inhalt desselben, als er, da es die Gerechtigkeit offenbart, die vor Gott gilt, welche kommt durch den Glauben an Jesum Christ, als eben er, der sonst so heftig dagegen anging. Werdet ihr das erst mit ihm erkennen und verstehen, daß die Lust Sünde sei, so werdet ihr auch mit ihm trauern, an euch selbst verzagen, und sehr gerne euere Zuflucht zu Christo nehmen, mit ihm einen unendlichen Werth auf Ihn setzen. Daß aber die Lust Sünde und des Feuers und Todes schuldig sei, das lehrt die Geschichte bei den Lustgräbern auf eine sehr nachdrückliche Weise, wo ihr anders der Belehrung fähig und dazu willig seid.

 

Gottes Forderungen gehen weit. Wir sollen überall unserm eigenen Willen absagen, und Gottes allein gutem Willen ohne alles Widersprechen gehorchen; wir sollen, wenn’s von uns gefordert wird, alle, auch unsere unschuldigsten Wünsche fahren, uns williglich die empfindlichsten Leiden und Entbehrungen aufbürden lassen. O! Gott, wie weit gehen deine Forderungen! Wer vermag’s, ihnen zu entsprechen, als der, den du mächtig machst. Aber es soll uns ernstlich angelegen sein, ein vollkommener Mensch zu werden, zu allen guten Werken geschickt, durch den Glauben an Jesum Christum. Der Christ soll lernen sich unter alles zu beugen, sich in alles zu schicken, zu allem – die Sünde ausgenommen – ja zu sagen.

 

Der Auftrtitt im Lager machte Mosen bange. Denn die Gerichte Gottes sind ängstlich, auch wenn sie in Gnaden geschehen, und man hat alle Ursache, sie zu fürchten. Sein Gemüth ist auch angegriffen, betrübt, verstimmt. Er erhebt eine Klage, und schüttet sie mit vielen Worten, die wir Vers 11-15 lesen, aus welchen wenig Glauben durchblickt, vor dem Herrn aus. Er kommt sich selbst als viel zu ungeschickt vor, zu demjenigen, was er doch ausrichten soll, und dünkt sich so allein. Erstlich beschwert er sich darüber, daß der Herr ihm nicht gnädig genug sei. Warum – fragt er – finde ich nicht Gnade vor deinen Augen; habe ich anders Gnade gefunden vor deinen Augen? Das letzte lautet ordentlich zweifelhaft. Habe ich sie funden oder nicht? Ich weiß es nicht, ich sehe es nicht, ich merke es nicht. O! Mose, Mose! Kannst, darfst du noch so fragen? Du? Hat dir’s denn der Herr nicht noch vor kurzem mit den deutlichsten Worten gesagt: du hast Gnade gefunden vor meinen Augen. Hast du davon nicht die erstaunlichsten Beweise bekommen? Hat Gott nicht sogar deine Bitte, dich sein Angesicht sehen zu lassen, so weit erhört, als sie erhörbar war, und alle seine Güte vor dir her gehen lassen? Und du redest so zweifelhaft, fragst, warum finde ich nicht Gnade vor deinen Augen, sagst: habe ich anders Gnade gefunden vor deinen Augen? – Wir sehen es kommen, du wirst uns noch kläglichere Beweise der Art geben, und uns den Haasaphsüph auch bei dir bemerklich werden lassen. Doch lassen wir dies auch auf sich beruhen: so ist es doch gar keine ungewöhnliche und seltene Erscheinung, daß auch solche Personen, welche die kräftigsten und durchdringendsten Versicherungen von ihrer, bei dem Herrn erlangten Gnade, empfangen haben, doch hernach von heftigen Zweifeln angefochten werden, welche jedoch nichts gegen die Richtigkeit ihrer Begnadigung beweisen. Denn Zweifel sind keine Beweise. Gnade haben und wissen, daß man Gnade hat, ist zweierlei, und ersteres kann gar wol ohne letzeres sein, und ist es nicht selten. Zwar sollte man es kaum für möglich halten, daß jemand, der ein- oder gar mehrmals von der erlangten Gnade Versicherung empfing, die jeden Zweifel daran, so zu reden unmöglich machte, doch wieder tüchtig daran zweifeln können. Es geschieht aber doch wol, bald wegen eines begangenen Fehlers, bald auch ohne dies. Und das ist auch heilsam aus vielen Ursachen. Der Christ soll nicht auf seine erlangte Versicherung, sondern auf Christum sein Vertrauen allein setzen, und sobald jene darin hindert, ist es nützlich und nöthig, daß sie angefochten wird. Es dient auch zu seiner Demüthigung. Er lernet seine Schwachheit kennen, um auch das nur fest zu halten, was er doch so fest zu haben meinte – seine Abhängigkeit von dem Herrn, da er nichts nehmen kann, was ihm nicht von Oben herab gegeben wird u.a.m. Es ist aber etwas ungemien köstliches und nöthiges, mit David sagen zu können: da, zu der Stunde, unter den Umständen, nachdem das und das vorhergegangen war, da vergabst du mir die Missethat meiner Sünde, und das hatte bei mir die und die fröhlich-, heilig- und seligmachende Wirkung, und brachte eine ganze Umänderung bei mir zuwege. Mag das denn auch nachher bestritten werden, so bleibt es doch fest, sollte die Seele sich auch grade nicht daran halten können.

 

Es will dem Mose wenigstens vorkommen, Gott sei ihm nicht gnädig genug, sonst, meint er, würde Gott wol die Last des ganzen Volkes nicht auf seine Schultern allein niederlegen, und fragt: warum bekümmerst du deinen Knecht? Es ist kein seltener oder gar unerhörter Fall, daß Begnadigte auch wol auf die Gedanken kommen, wenn Gott ihnen gnädig wäre, wie sie doch hoffen und wovon sie deutliche Beweise und Proben zu haben vertrauen: so würde er solche Leiden, Proben und Versuchungen von ihnen wehren, als diejenigen sind, womit sie sich umringt sehen. Sie sehen sich außer Stand, beides mit einander zu reimen. Sie möchten auch sagen: wenn ich Gnade gefunden habe vor deinen augen, warum bekümmerst du dann deinen Knecht also? Wie ist’s möglich, daß ich alsdann Leiden, Versuchungen, Anfälle von der Art empfinden und erdulden muß, wie ist’s möglich, daß ich solche Aufregungen des Unglaubens und der Verdorbenheit erfahren muß, daß all‘ mein Beten so wenig Erhörung findet? Daß es von der Art, von der Dauer, von der Heftigkeit sein kann? Aehnliche Fragen könnens ich der Seele mit Ungestüm aufdringen, und ihre Leiden bedeutend schärfen. Gideon sagte auch einmal: ist der Herr mit uns, warum ist uns denn solches alles wiederfahren? Er konnte auch ihre Begegnisse und des Herrn Gnade nicht mit einander in Uebereinstimmung bringen, und glaubte, wenn der Herr mit ihnen wäre, könnte es ihnen so nicht gehen, wie es that. Der Pfahl, der Paulo in’s Fleisch gegeben war, muß ihm nicht nur sehr beschwerlich, sondern auch als ein Grund vorgekommen sein, daß er auch wol fragen dürfte: bist du mir gnädig, warum bekümmerst du denn deinen Knecht? und betete nun heftiglich um Erlösung davon, die ihm jedoch nicht zu Theil wurde. Wie so manches in der Handlungsweise des Herrn, während er auf Erden wandelte, ließ sich schwerlich mit seiner Güte reimen. Hatte er die Jünger lieb, wie er doch hatte, wie konnte er sie denn eine ganze Nacht hindurch, gegen widrigen Wind und Wellen ankämpfen lassen, nachdem sie auf seinen Befehl, ohne Ihn hatten vom Lande stoßen müssen, und warum mußte der entstandene Wind den Petrus und das ganze Schiff in Lebensgefahr bringen, daß sie alle schrieen vor Angst? Wenn er dem kananäischen Weiblein helfen wollte, wie er doch wollte, warum machte er denn doch alle diese Umstände? ging in ein Haus und wollte es niemand wissen lassen u.s.w. Seine Jünger selbst konnten sich nicht in ihn finden. Er hatte Martham lieb und ihre Schwester Mariam, und doch hielt ihn diese Liebe nicht zurück, die niederbeugendste Trauer über sie kommen, und sie vier Tage darin schmachten zu lassen. Ich meine, es hieße ja: kein Uebel soll sich deiner Hütte nahen. Sind das denn keine Uebel? Wer kann ohne Wehmuth seine Mutter unter dem Kreuze stehen sehen? Warum war denn diese gebenedeite unter den Weibern nicht so glücklich, wie ihr Mann Joseph, der schon entschlafen war; oder warum hieß es nicht, statt: Weib, siehe, das ist dein Sohn, vielmehr zu ihr: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Mußte dies Schwerdt auch noch durch ihre Seele dringen, aller göttlichen Liebe ungeachtet, deren Gegenstand sie war? Liebt Gott so? Soll uns denn nichts, gar nichts bewegen können, an seiner Liebe auch nur im geringsten zu zweifeln? - -

 

Betrachten wir das Schicksal der ersten Chrsiten, und wollen wir an ihren Verfolgungen die Gunst messen, worin sie bei Gott stehen – müssen wir sie denn nicht vielmehr für Gegenstände seines Zornes, als seiner Liebe achten, da sie als Schlachtschafe behandelt werden, die täglich in den Tod gegeben werden?

 

Und wie sieht’s oft in ihrem Innern aus? Ist da immer Sonntag, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten und Christtag? oder gibt’s da auch wol Charwochen? Ist da immer Sommer, oder wird’s auch wol ein beraubender herbst? immer gut Wetter, oder auch wol trübe Tage, Sturm und Ungewitter? Erfahren alle wahre Christen zu aller Zeit, daß das Reich Gottes Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist sei, oder werden sie auch gewahr, daß man durch viel Trübsal in dasselbe eingeht? Steht ihnen das Evangelium immer in voller lieblicher Klarheit vor den Augen, oder werden sie auch gewahr, was jenes Lied singt: Nichts als Dunkelheit und Schmerzen bleibt im Herzen, wenn dein Gnaden-Glanz gebricht. Leset einen Hiob, hört einen David, vernehmt einen Jeremias. Seht wie finster, beengt und bedrängt es oft in ihrem Herzen aussieht, und erkennet daraus, wie die, über jemand waltende Gnade, es dennoch wol im Innern so kann werden lassen, daß man eher daraus auf Zorn, als irgend auf Liebe schließen könnte. Wie lautet es, wenn Hiob sagt: die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir, deren Grimm meinen Geist aussäuft. Deine Augen sehen mich an, darüber vergehe ich. Wenn ich sagte, mein Lager soll mir’s leichtern, so schreckest du mich mit Träumen und machst mich grauen durch Gesichte. Wie lautet’s, wenn ein David sagt: mein Herz bebet, meine Kraft hat mich verlassen, und das Licht meiner Augen ist nicht bei mir. Ich bin wie ein Mann, der keine Hülfe hat, dein Grimm geht über mich, dein Schrecken drücket mich. - - -

 

Und dies alles sind keine Widerlegungen der göttlichen Liebe? Soll man also glauben auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen ist? Soll man den bösen Tag auch für gut nehmen? - -

 

O Herr! Stärke uns, stärke uns! Ohne dich können wir nichts thun! Alles aber vermögen wir, wenn du uns mächtig machst. Der Nichtchrist ist elend mitten im Glück. Der Christ ist selig mitten im Elend. Denn Er wird ihn herausreißen und zu Ehren machen. Dennoch bleibe ich stets an Dir. Amen.

 

 

Drei und zwanzigste Predigt.

 

Zwölfte Lagerstätte: die Lustgräber. Fortsetzung.

4 Buch Mosis 11,11-24.

 

Zuvörderst tritt uns bei Lesung dieses Gebets, dieser Unterredung Mosis mit dem Herrn, die ungemeine Zutraulichkeit und Offenheit entgegen. Er redet wie ein Freund zum Freunde, nicht wie ein Knecht mit seinem Herrn; wie ein Kind zu seinem Vater, nicht wie ein Unterthan zu seinem Gebieter. Finden wir in der Schrift Gebete, die aus dem Unterthänigkeitssinn flossen, wie z.B. das Gebet Abraham’s, wenn er sagt: ach siehe, ich habe mich unterwunden mit dem Herrn zu reden, wiewohl ich Staub und Asche bin; Daniels: ach! siehe, wir liegen vor dir, nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit; u.a.m., so finden wir auch Gebete der größten Offenheit und Unbefangenheit. So gesteht z.B. Jakob ganz unumwunden seines Herzens Empfindung, wenn er zu Gott betet und spricht: ich fürchte mich vor meinem Bruder Esau; und Jonas, wenn er sein Gemüth ganz herausschüttet und sagt: Billig zürne ich bis in den Tod. So schwebt auch über diesem Gebet Mose eine besondere Kindlichkeit und Offenheit, welche gar was süßes ist, und wo die betende Seele gar keinen Rückhalt hat, sondern ganz sich ausschüttet wie sie ist, und sagen darf, was sie will.

 

So fragt nun Moses: Was bekümmerst du deinen Knecht? Sein Leben will ihm als eine lange, aneinander hängende Kette von Trübsalen vorkommen, wie er sich denn auch im folgenden Kapitel als einen, mehr wie alle andere Menschen, geplagten Mann darstellt. Er scheint geneigt, mit seinem Stammvater Jakob zu sagen: es geht alles über mich. So meint auch David, er sei zu Leiden gemacht und sein Schmerz sei immer vor ihm. Und wie stark sich Hiob und Jeremias ausdrücken, ist bekannt. Und Moses hatte so Unrecht nicht. In seiner zarten Jugend schon schwebte er in Todesgefahr, und wurde nur wie durch ein Wunder daraus errettet. Durch eine gnädige Regierung Gottes, und durch die Dazwischenkunft seiner ältern Schwester Mirjam, ward seine fromme Mutter bei der königlichen Prinzessin, die sich des verlassenen Knäbleins als seine Mutter annahm, Amme, und säugte ihn nicht nur mit ihrer Milch, sondern auch mit dem Worte und den Verheißungen Gottes von dem Samen des Weibes und Abraham’s; pflegte nicht nur seines Leibes, sondern auch seiner Seele, der sie die Erkenntniß und Furcht des einigen wahren Gottes einflößte. Aber wie bedenklich war seine Lage, da er im Glanze des königlichen Hofes leben mußte, und über demselben leicht sein eigentliches Kleinod hätte verlieren können. Wie wird er innerlich über seinen Glauben haben kämpfen müssen, und sich täglich haben erneuern müssen im Geiste seines Gemüths, um die Schmach Christi für größern Reichthum zu achten, als die Schätze Egyptens. Zwar hörte dieser von seinen Umgebungen herbeigeführte, innere Glaubenskampf auf, als er sich genöthigt sah, einen königlichen Hof zu verlassen, wo er ohnehin nicht mehr beliebt, und nun auch nach dem leiblichen Leben gefährtet war. Aber was waren denn Midians Gefilde, was waren seine Beschäftigungen, die in dem einförmigen Weiden der Schafheerden Jethro’s bestanden, für einen Mann von solch einer Erziehung und Lebensart, an den feinsten Luxus gewöhnt, von solchen Kenntnissen, aus solchen Verhältnissen, wo er, - wie man sagt, - Armeen befehligte, - aus einem königlichen Prinzen ein geplagter Schafhirt, und das von seinem blühenden vierzigsten Lebensjahr an bis in sein achtzigstes! Welche – sollte man sagen – tödtende Langeweile für einen Mann, wie diesen! Erhielt sich in seiner Seele der Gedanke: Gott werde Israel durch seine Person Heil geben – mußte ihm dieser Gedanke nicht als eine schwärmerische Einbildung und als ein Gespötte auf sich selbst vorkommen, da er unterdessen ein Achtzigjähriger geworden? Wird er ihn nicht bestritten und gedacht haben: du ehemaliger Prinz und Oberfeldherr mußt eben als Schäfer sterben, und alle deine Gedanken vom Heil Israel durch deine Hand sind nichts als hochmüthige Grillen? – Freilich waren’s das nicht. Aber da er nun Israel aus Egypten und bis in der Wüste hatte, was war es denn nun? – Mühe und Arbeit, wie erim 90. Psalm selber singe. Warum, sagt er, bekümmerst du deinen Knecht? – Was soll es doch bedeuten, daß ich so erbärmlich herhalten muß, und bei mir immer wieder Wolken nach dem Regen kommen? Ist, fragte Hiob, ist meine Kraft denn von Eisen? Andere Leute, sagt Assaph, sind nicht im Unglück wie ich. Ich, spricht ein Anderer, muß sein wie ein Tauber, der nicht hört, und wie ein Fühlloser, auf den man getrost zuschlägt. Ich achte, sagt der Apostel, Gott habe uns als die Allergeringsten dargestellt, als dem Tode übergeben, 1. Kor. 4. Dies warum? wird ohne Zweifel oft gehört. Bald betrifft’s dasjenige, was uns begegnet. Warum soll es denn gerade das Kreuz sein, warum nicht lieber jenes: da könnte es wol dahin kommen, daß man dächte, wenn Gott mich nur ein wenig lieb hätte, so dünkt mich, würde er mir statt dieses, lieber ein anderes Leiden zusenden. Ganz von allem befreit zu sein – das sei ferne, daß ich das prätendiren wollte. Nein, ich bin bereit, auch meinen Theil zu tragen. Aber warum denn gerade dies? Und doch beweiset ohne Zweifel gerade diese Frage, daß unter allen Kreuzen gerade das Rechte ausgesucht ist. Bald betrifft diese Frage warum? die Umstände, unter welchen uns das Leiden trifft. Warum kommt der Mann gerade in der ohnehin so ängstlichen Nacht, wo Esau im Anzuge war und ringt mit Jakob, oder warum mußte er denn noch des Abends die erschreckende Nachricht bekommen: Esau zeucht dir entgegen mit 400 Mann? Warum mußte gerade einem Apostel der Pfahl in’s Fleisch und der Satans-Engel beigegeben werden, der ihn mit Fäusten in’s Angesicht schlug, - ein Kreuz, das ihm in seiner Amtsführung sehr hinderlich zu sein schien, da es ihn schwach machte, wie er denn den Galatern schreibt, er habe ihnen in Schwachheit des Fleisches das Evangelium geprediget, wobei er zugleich der Anfechtungen gedenket, die er nach dem Fleisch leide, und es dankend anerkennt, daß sie ihn dennoch nicht verachtet hätten. Sie mußten also wol von der Art sein, daß der Apostel es ihnen so übel nicht hätte nehmen können, wenn sie ihn wirklich drum verachtet hätten. Sie mußten wol etwas verächtlich machendes mit sich führen. Wäre er nur kein Apostel gewesen, so hätte es hingehen mögen. Aber warum unter diesen Verhältnissen? und alles Bitten um Abwendung vergeblich! Da ist das warum-fragen oft eine Erschwerung der Leiden. Hat Hiob denn nicht Leiden genug, warum müssen seine gelehrten Freunde noch dazu kommen, und machen den Garaus mit ihm. Daß David flüchten muß, daß sein Rath treulos an ihm handelt, laß ich noch hingehen, - aber daß es sein eigener Sohn ist, vor dem er flüchten muß, das ist zu hart! und daß dieser Sohn überdas noch ohne Buße in seinen Sünden stirbt, und er nun noch nicht einmal weinen und klagen darf, das ist mehr als hart. Nicht genug, daß man den Jeremias in eine Grube warf, sie haben auch nach Klagl. 3,54. sein Haupt mit Wasser überschüttet, da sprach er: nun bin ich gar dahin. Kurz, wir haben zu bitten Ursache, daß unsere Flucht nicht im Winter sei, denn unsere Leiden können mit sehr erschwerenden Umständen verpaart gehen. Warum bekümmerst du deinen Knecht? Diese Frage betrifft auch manchmal die Absicht und Zwecke, welche Gott durch Leidenswege erreichen will. Und so können wir auch Mosis Frage nehmen? Was beabsichtigst du doch bei allen den Demüthigungen, welche du über mich kommen läßest? Es ist für ein leidendes Herz eine nicht geringe Stärkung, wenn es die gnädige Absichten erkennt, welche der Herr durch Leiden, die er verhängt, erreichen will, wenn es sie nicht als Strafen, sondern als Besserungsmittel betrachten kann. Freilich belehrt uns das Wort Gottes deutlich und ausführlich genug hierüber, daß der Vater der Geister uns züchtige, und selbst zu nutz, daß wir seine Heiligung erlangen, - aber in den Leiden selbst kann man davon nicht immer den erwünschten Gebrauch und Anwendung machen. Auch zeigt sich der Nutzen nicht immer auf der Stelle, sondern erst später, und zum Theil erst in der Herrlichkeit; und dann ist dieser Nutzen von der Art, daß er unsrer Natur, der dadurch ein schlechter Dienst geschieht, meist übel gefällt, weil man nehmlich kleiner, demüthiger, und vom Vertrauen zu sich selbst ausgeleerter wird. Der Apostel meldet 2. Kor. 1. eine übermäßig große Trübsal, die sie ausstehen mußten in Asia, wo sie über die Maßen und über Macht beschweret wurden, also daß sie sich auch des Lebens erwegten. Der Zweck aber, der dadurch erreicht werden sollte, bestand darin, daß sie nicht auf sich selbst vertraueten, sondern auf den Gott, der die Todten auferwecket; - und im Ganzen trugen sie ihren Schatz in irdenen Gefäßen, auf daß die überschwengliche Kraft sei Gottes, und nicht aus ihnen. Wie könnte aber ein solches Ziel, und wie könnte ein Weg der Natur gefallen, der zu solchem Ziele führt? Die Natur wünscht immer stärker in sich selbst zu werden, und immer weniger nöthig zu haben, auf Gott zu vertrauen, will geschweigen, daß sie sich nicht aus aller Macht sträuben sollte, wenn sie genöthiget werden soll, nicht nur überhaupt auf Gott, sondern auf einen solchen Gott zu vertrauen, der die Todten lebendig macht; da möchte man ausrufen: Das wiederfahre dir nur ja nicht! Doch kann es nach Psalm 83,16. gehen, wo es heißt: Verfolge sie mit deinem Wetter, und erschrecke sie mit deinem Ungewitter, mache ihr Angesicht voller Schande, daß sie – nach deinem Namen fragen müssen. Das Ziel ist gut, der Weg aber schrecklich, und so lange jenes nicht sichtbar hervortritt, sondern man noch auf diesem Wege wankt, wird man freilich fragen: warum bekümmerst du deinen Knecht? Endlich kann es der Seele drückend werden, warum denn gerade sie also gepanzerfegt und geübt wird? Wollte Gott, rief Hiob aus, ihr wäret an meiner Stelle? Dem Assaph saß es sehr übel, warum denn gerade er, und da wollte er sich noch sogar als ein besonders frommer Mann vorkommen. Andere Leute, meinte er, seien nicht im Unglück wie er, und das erschwerte ihm seine Plage, die alle Morgen da war. Aaron, Mirjam, waren so geplaget nicht, warum bekümmerst du denn gerade deinen Knecht also? Die ziehen fröhlich ihre Straße, während mein Weg durch dürre Wüsten geht, wo man oft keinen Ausweg sieht! Da schwebt ein klagendes warum? auf den Lippen. Sollte Gott etwas Besonderes aus mir machen wollen? Aber wäre es nicht verwegen und eigenliebig, also zu denken? Hat er mich weniger lieb, oder soll ich die Trübsale, wie andere ihre Tröstungen, als Zeichen seiner Liebe ansehen, und mich derselben rühmen? Oder sind meine Unarten so hartnäckig, daß ihre Ausrottung auch so scharfe Maßregeln nöthig macht, daß bei mir nach Jes. 28. Dreschwagen und Eggen nöthig sind, da bei andern nur Stäbe und Stecken erfordert werden? Fasse du alles zusammen und bedenke, daß es am Schluß des angeführten Kapitels heißt: sein Rath ist wunderbarlich, aber herrlich führt er’s hinaus.

 

Moses beklagt sich über seinen schweren Beruf und sagt: wie magst du doch die Last dieses ganzen Volkes auf mich legen, und zu mir sagen: Trage dieses Volk auf deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern geschworen hast? Woher soll ich Fleisch nehmen, daß ich allem diesem Volk gebe. Ich vermag das Volk nicht allein zu tragen. Es ist mir zu schwer. – Der arme Moses! Er wiegt gegeneinander ab sein Werk, das er ausführen soll, und seine Kraft, und da entfällt ihm aller Muth. War das derselbe Moses, der bei einem weit größern Drang der Umstände, da Pharao und das rothe Meer sie drängte, sprach: Fürchtet euch nicht, stehet fest und sehet, welch ein Heil der Herr heute an euch thun wird. Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille seyn? Der nachher sang: Der Herr ist meine Stärke? Es ist, wenn ihr so wollt, derselbe Moses, der bei seinem ersten Beruf nach 2 Mos. 3,11. sagte: wer bin ich, Herr, daß ich zu Pharao gehe, und führe die Kinder Israel aus Egypten, worauf er zur Antwort bekam: Ich will mit dir sein. Jetzt stellt sich das Werk in seiner ganzen Größe ihm gegenüber, und sein Blick auf dasselbe ist von der Art, daß es ihm vorkommt, er müsse es ausführen. Aus dem Verfolg scheint sogar hervorzugehen, als sei sein Auge diesmal so umnebelt, daß es ihm vorkommt, niemand könne es. –

 

Wir lassen Mosen und bemerken, daß es gut und nöthig sei, das Werk, das uns, besonders als Christen, obliegt, in seiner Größe, Bedeutung und Wichtigkeit scharf in’s Auge zu fassen, und unsere Mittel und Kräfte, die uns zu dessen Ausführung beiwohnen, gehörig auszumessen, woraus ein demüthigender, aber heilsamer Schluß zu machen ist. Laßt uns denn unser Werk, unsere Kraft und Tüchtigkeit dazu, einigermaßen erwägen.

 

Groß, bedeutend und wichtig ist das Werk, welches zu vollbringen uns, als Christen, obliegt, welches uns bald einleuchten kann, wenn wir uns nur etwas besinnen. Laßt uns nur bedenken, daß es unsere Aufgabe ist, dahin zu gelangen, daß wir dereinst an dem großen Tage des Gerichts unbeschämt vor dem erschrecklichen Richterstuhl Christi bestehen, und von dieser allerhöchsten und letzten entscheidenden Stelle einen erfreulichen Urtheilsspruch vernehmen. Welch ein wichtiges Werk! Laßt uns erwägen, daß es uns obliegt, nicht nur die groben Ausbrüche sündlicher Leidenschaften zu unterdrücken, oder einzelne,, bedeutende Unarten abzulegen, während andere minder bedeutende in uns fortbestehen, sondern daß der ganze alte Mensch sammt seinen Lüsten und Begierden gänzlich ersäuft und getödtet werden muß, also, daß kein Gedanke oder Lust wider irgend ein Gebot Gottes je in uns auch nur aufsteige, will geschweigen, sich einniste und festsetze. Welch eine Aufgabe! Laßt uns bedenken, daß, wenn wir damit fertig wären, doch noch die größere Hälfte zurückbliebe, und nun die Liebe Gottes und des Nächsten gänzlich und so in uns regieren müsse, daß die Nächstenliebe derjenigen Liebe wenigstens gleich stehe, die jeder zu sich selbst hegt, die Gottesliebe aber sie weit übertreffe. Wir müssen zu jeglichem guten Werke geschickt sein, und uns allenthalben als die Diener Gottes erweisen. Großes Werk! Dabei müssen wir nicht vergessen, welche Hindernisse und Schwierigkeiten sich der Ausführung dieses Werks entgegenstellen. – Sollte uns etwa auch die Welt besonders nicht viel mehr machen, und weder ihr Gut noch ihre Lust, weder ihr Spott noch ihr Lob uns sonderlich mehr rühren, wie wollen wir unsere Aufgabe fertig bringen, da wir gerade an und in uns selbst den kräftigsten Widerstand finden? Wie soll ein Lahmer gehen? Das Böse geht ja aus uns selbst heraus. Durch welches Kusntstück wollen wir diese Quelle verstopfen oder gar umwandeln, daß sie statt bitter, süß Wasser gibt? Es liegt uns aber ob, uns ein neu Herz zu machen! Nehmen wir nun vollends mit in Betracht, daß uns auch eine unsichtbare aber sehr große Kraft hemmend entgegentritt, eine Kraft, welche bald verblendet, bald reizt und treibt, bald einschläfert und beschwichtigt, und was sie sonst alles aufbieten mag; - daß wir es mit der ganzen erschrecklichen Obrigkeit der Finsterniß aufnehmen und sie besiegen müssen, - was dünkt uns dann zu unserm Werk?

 

Wir sollen uns aber die Größe desselben nicht verhehlen, sondern sitzen und überschlagen zuvor die Kosten zu diesem großen Bau und Werk, ob und wie wir’s ausführen mögen. Sind wir demselben gewachsen oder nicht? Wir haben Verstand, Gewissen, Willen. Sind wir dadurch hinlänglich gerüstet? Versuche es. Versuch’ es mit allem Ernst. Schaffe dein selbst Seligkeit mit Furcht und Zittern. Ringe danach, durch die Pforte einzudringen. Thue dem Himmelreich Gewalt, und reiß es an dich. Säume nicht, sondern greif hurtig und entschieden das Werk an. Zaudest du und magst dich dazu nicht begeben, so haben wir dir auch nichts darüber zu sagen, ob du aus dir selbst allein dies Werk bestreiten kannst oder nicht. Du sollst es aber, das bleibt gewiß. Es bleibt für deine Rechnung stehen, und wehe dir, wenn du es nicht fertig bringst. - Moses sah das ganze Werk als ihm aufgetragen an. Aber er erklärt: es ist mir zu schwer. Ich vermag es nicht. So war’s aber auch gemeint. Auf den Punkt der Unmöglichkeit seiner Seits sollte es geführt werden, und ward wirklich bis auf diesen Punkt geführt. Ich vermag es allein nicht, spricht er. Und so wird’s auch bei allen ernstlichen Christen herauskommen, die nicht blos Hörer und Schwätzer, sondern Thäter des Worts sein wollen.

 

Doch werden diese dabei nicht stehen bleiben, sondern dies wird sie kräftiglich zu dem treiben, der uns stärken und mächtig machen kann; daß sie nicht blos sagen: ich vermag es nicht, - sondern vielmehr: ich vermag alles, ich überwinde alles. Denn es gibt ein Volk, das in einem Athem und mit gleicher Wahrheit sagt: ich bin schwach, aber wenn ich schwach bin, so bin ich stark. Haben sie die Kraft nicht in ihnen selbst, so haben sie sie in einem andern, und sind stark durch fremde Kraft, stark im Herrn und in der Macht seiner Stärke.

 

Der geplagte Moses macht’s, wie man es machen soll: er nimmt mit seinen Plagen seine Zuflucht zum Herrn, und klagt demselben sein ganzes Leid. Er findet auch Erleichterung. Zuerst erleichtert der Herr ihm seine Last dadurch, daß er ihm befiehlt, siebenzig Männer auszuwählen, die er mit seinem Geiste ausrüsten und sie Mosen beiordnen wollte, damit er die ganze Last nicht allein tragen dürfe. Der Herr ist der rechte Mann, der einem gedrückten Gemüth auf die eine oder andere Weise wenigstens Erleichterung verschaffen kann, wenn er es noch nicht ganz befreien will. Wir finden hier die Zahl siebenzig wieder, die schon einmal bei den Palmbäumen vorgekommen ist. Christus hatte außer den Aposteln auch eben so viel Jünger, welche er aussandte. Wir finden hier auch ein Vorbild der Ausgießung des heiligen Geistes bei der feierlichen Eröffnung des neuen Testaments über die Apostel, und durch sie über viele tausend andere. .Es wurde an den siebenzig Männern sehr sichtbar, daß ihnen der Geist mitgetheilt worden war, denn sie fingen an zu weissagen und hörten nicht auf. Wer Christi Geist nicht hat, ist auch nicht sein; wo er aber hinkommt, da wirkt er eine deutlich merkbare Veränderung. Man kann sagen, er hebe an zu weissagen. Freilich nicht in so fern, als er anhübe, zukünftige Dinge vorhersagen zu wollen, sondern in so fern er von sich selbst und göttlichen Dingen auf eine dem Wort gemäße Weise zu redne anhebt, und zugleich andere Seelen zu Christo zu führen sucht. Da ist’s denn oft, auch für alte Christen, eine höchst erfreuliche Sache zu sehen und zu hören, wie der neue Wein in den neuen Schläuchen rumort und arbeitet, und den Seelen selbst sind die Sachen, die in ihnen vorgehen, um so überraschender, je neuer und ungewohnter sie ihnen sind. – Wie munter und muthig hört man sie der Welt, der Sünde, dem Teufel den Krieg ankündigen; was wollen sie nicht alles leiden und thun, was ist das für eine Inbrunst der Liebe, für eine Freudigkeit der Hoffnung, für eine Lebendigkeit des Glaubens, für eine Standhaftigkeit der Geduld, was für ein Licht im Worte Gottes, was für eine Einsicht ins Evangelium, was für ein Preisen der Gnade. Es gibt einen natürlichen Frühling. Es gibt auch einen Frühling der Seele, und der entsteht dann, wenn die Gnadensonne in und über derselben aufgeht, mit Heil unter ihren Flügeln.

 

Von den siebenzig Männern, die angeschrieben waren, blieben zwei im Lager, welche, ich weiß nicht, durch was für Umstände abgehalten, nicht mit den Uebrigen, wie sie doch sollten, vor der Stiftshütte erschienen waren. So viel ist gewiß, sie unterließen es nicht aus böser Meinung. Von dem Geiste, welcher unter die Uebrigen vertheilt wurde, ward deswegen auch ihnen ihr Theil, und sie huben an zu weissagen im Lager. Ihr Name hieß Eldad, Gottesliebe, und Medad, Mäßigung, - zwei Dinge, woran es nicht fehlen darf. Ein Knabe wurde ihre Veränderung an ihnen gewahr und ihr Weissagen, und lief und sagte es Mosi an. Es traf sich, daß Josua, der Diener Mosis, der stets um ihn war, diese Nachricht mit anhörte, und er war gleich mit einem Rathe bereit. Wehre ihnen! rief er Mose zu. Die Eigenliebe war’s, die ihm diesen Rath eingab, und diese seine Eigenliebe suchte ihr Futter in der unvergleichlichen Größe Mosis. Ohne Zweifel bildete er sich nicht wenig, und, wie man hinzusetzen mag, nicht ohne Ursache darauf ein, gleichsam Mosis Schatten zu sein, der ihn überallhin begleitete. Was Mose Ansehen abging, ging auch dem Seinigen ab; denn so ist die Eigenliebe. Sie sucht ihre Vortrefflichkeit durch alle Mittel zu fördern. So wollten Johannes Jünger Jesum aus den nehmlichen Gründen bei ihrem Meister anschwärzen, indem sie sagten: siehe derjenige, den du getauft hast, der tauft, und Jedermann kommt zu ihm. Johannes aber erwiederte: Er muß wachsen. Er muß in eurer Liebe, Werthschätzung und Anhänglichkeit zunehmen, ich aber muß abnehmen. Johannes war also weit enfernt, die eigenliebige, ehrgeizige Gesinnung seiner Jünger zu theilen. Moses war gleichen Sinnes. Freilich kann es nach der Stellung, die jemand einmal einnimmt, eine Versuchung und Leiden mit sich bringen, wenn sein Ansehen, sein Einfluß, seine Wichtigkeit abnimmt, wenn er das nicht mehr gilt, was er sonst galt, und noch wol immer gelten möchte, da andere an seine Stelle treten. Geschieht das aber bei Personen, die Gnade haben, so sind dies nützliche Uebungen, die sie sehr gelehrt machen.

 

Moses wieß deswegen die Versuchung, die ihm sein Freund und Diener nahe legte, auf eine heilige Weise zurück. Bist du, sprach er, der Eiferer für mich? Ist es mein Vortheil, mein Ansehen, das du als die Hauptsache betrachtest? Ach! daß alles Volk des Herrn weissagte, und der Herr seinen Geist über sie gäbe! Freilich, welch eine wünschenswerthe Sache! Was gehet darüber, - was kommt ihr gleich. Was läßt sich damit vergleichen? Nichts. Will man der Erde einen allgemeinen Frieden, will man ihr blühenden Handel und Gewerbe, will man einzelnen, das allgemeine Beste bezweckenden, Anstalten, glückliches Gedeihen wünschen, - man thue es. Aber wenn es denn auch geräth, so sind’s irdische Dinge, die nur einen sehr untergeordneten Werth haben, und nicht selten eher schädlich als nützlich sind. Was wäre das aber für eine Heiligkeit und Seligkeit, wenn alles Volk des Herrn weissagte und der Herr seinen Geist über sie gäbe. Welche Erkenntniß, welche Gottseligkeit und Liebe, welcher Friede und Freude würden sich schon auf diese Erde lagern. Dann würde, mit dem 85. Psalm zu reden, Ehre im Lande wohnen, Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen. Billig macht daher jeder Mosis Worte zu seinem dringenden Gebet, sowol für sich selbst, als für andere, zumal da der heilige Geist ja denen zugesagt wird, die ihn darum bitten.

 

Ach! daß du denn den Himmel zerrißest und führest herab, daß die Berge vor dir zerschmölzen wie Wachs. Ach! daß alles Volk des Herrn weissagte, und der Herr seinen Geist über sie gäbe. Amen.

 

 

Vier und Zwanzigste Predigt

 

Zwölfte Lagerstätte: die Lustgräber. Schluß.

4 Buch Mose 11,18-24.

 

Lange haben wir uns in Taberra verweilt. Jetzt rüsten wir uns zum Aufbruch, betrachten aber vorher noch Mosis Verhalten gegen das göttliche Versprechen, und seine Zurechtweisung.

 

Zuerst betrachten wir das göttliche Versprechen. Doch geht demselben eine Vorbereitung vor, denn es heißt: Heiliget euch auf morgen, haltet euch darauf gefaßt, setzt euer Gemüth in eine angemessene Stimmung und Verfassung; erwartet es mit Zuversicht und freuet euch darauf. Dies ist ein angemessenes Verhalten gegen die Verheißungen überhaupt, sonderlich aber wird es dann zur Pflicht, wenn sie in den heiligen Sakramenten uns gleichsam sichtbar entgegen treten. Gewöhnlich erfordern die Verheißungen auch Geduld, und wol eine um so viel größere, je vortrefflicher sie sind. Hier war nicht lange noth zu warten, blos bis morgen. Jedoch kann uns auch das ein langes Warten zu sein dünken.

 

Der Grund und die Veranlassung zu dem Versprechen war nicht erfreulich. Euer Weinen ist vor die Ohren des Herrn gekommen, hieß es, die ihr sprechet, es ging uns wohl in Egypten (was brauchte er uns heraus zu führen) und habt den Herrn verworfen. Es war also ein Versprechen und ein Geben, nicht in Gnaden, sondern im Zorn, nicht zum Segen, sondern zum Verderben. Und geht’s nicht noch oft so? Ist das edle Gut der Gesundheit für diejenigen ein Segen oder ein Unsegen, welche sie dazu mißbrauchen, Verbrechen zu begehen, und würde nicht mancher einem Unglück entgangen sein, wäre er krank gewesen? Ist nicht manchen ihr großer Verstand und ihre Gelehrsamkeit zum Fallstrick geworden? Und was ist dem Menschen gesegnet, wofern der Herr nicht seinen Segen drin legt, und wenn er das thut, was wäre dann nicht heilsam für ihn? Wie heilsam war für Joseph und Manasse das Gefängniß, für Hiob sein Jammer, für den Schächer das Kreuz! Was nutzt aber ohne des Herrn Segen die Predigt des Evangeliums selber? Wird sie nicht manchen ein Geruch des Todes zum Tode? Das Weinen Israels’s kam vor die Ohren des Herrn. Was meint ihr wol, wenn euer Lachen und Toben, wenn eure Worte und Handlungen vor die Ohren des Herrn kommen, was wird euch das bringen? Wohlgefallen oder Ungnade, ein freundlich oder finsteres Angesicht? Machte dies Weinen, - was doch offenbar nicht ohne Grund war, den Herrn so ungehalten, glaubt ihr, euer gottloses Thun würde ihm gleichgültig sein? Oder haltet ihr nicht dafür, daß Gott Ohren habe, die alles hören, und Augen, die alles sehen, und ein Buch, worin alles verzeichnet wird? Der aber das Ohr gemacht hat, sollte der nicht hören? Der das Auge geschaffen hat, sollte der nicht sehen? Du weinendes Israel aber, sei versichert, daß er deine Thränen zählt. Ihre Zahl muß freilich voll sein, endlich, aber wird doch die Letzte geweint, worauf ewige Freude folgt. Selig ihr, die ihr hie weinet, ihr werdet lachen. Wehe aber euch, die ihr hie lachet, ihr werdet weinen. Wer zuletzt lacht, der lacht wohl.

 

Das Versprechen selbst bestand darin, sie sollten Fleisch genug haben, und das nicht für einen Tag, nicht zwei, nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig, sondern einen ganzen Monat hindurch. Doch sollte es ihnen nicht zur Freude gereichen, sondern zum Eckel werden. Hatten sie gesagt von dem Manna: uns eckelt dieser losen Speise, so sollten sie nun dasselbe noch vielmehr vom Fleisch sagen müssen, und gern wieder mit dem Manna verlieb nehmen. Lasset euch begnügen an dem, was da ist, heißt es, und Paulus sagt: ich habe gelernet, bei welchem ich bin, mir genügen zu lassen. Man lerne die große Kunst, zufrieden zu sein. Sie hängt gar nicht von äußern – ich weiß nicht, ob ich hinzusetzen darf: und von innern? – Umständen ab. Sie ist ein Gut für sich. Wer’s hat, der hat’s; wer’s nicht hat, wie wird der dran kommen? Denkt jemand, wenn dies anders wäre, so würde ich zufrieden sein, der verrechnet sich; denn die Zufriedenheit mußt du in dir selbst finden, oder du findest sie gar nicht. Lies in dieser Bezeihung das merkwürdige Predigerbuch, worin du auch unter andern finden wirst, daß ein fröhlicher und guter Muth eine Gabe Gottes sei. Kap. 2,14. So ist es. Das Entbehren der Kreatur kann uns Gott ersetzen, aber das Entbehen Gottes ersetzt alle Kreatur nicht. Durstet deshalb nach Gott! – Das Manna des Evangeliums ist vielen auch eben so sehr zum Eckel geworden, als den Juden ihr Manna. Sie wollen das egyptische Fleisch der Menschenweisheit, die nicht nach Christo ist, sondern nach der Welt. Aber o! wie sehr wird euch dasselbe zum Eckel werden, wenn es Gott gefallen sollte, seine Barmherzigkeit auch über euch auszubreiten und euch Buße zu schenken! Wenn euch die Barmherzigkeit widerführe, daß euch euer Sündenelend drückte, o! wie geflissentlich würdet ihr euch – seid ihr wer ihr wollt – nach dem verachteten Evangelium umsehen, und wie ein Bienlein aus dieser Blume etwas Honig zu saugen suchen. Ein solches Versprechen that der, an seiner Ehre angegriffene, Herr. Es war bestimmt. Es war groß. Es schien unausführbar. Dies erinnert uns an die großen Verheißungen des Evangeliums, als da sind: gänzliche Vergebung aller Sünden, auch der sündlichen Art, womit der Christ sein Lebelang zu streiten hat; eine in kurzer Zeit, nicht selten in wenigen Stunden, ja in einem Augenblick, ganz und gar vollendete Heiligung und Erneuerung, wo alles Sündliche so gänzlich aus der Seele verbannet wird, wie die nacht durch die aufgehende Sonne, - eine Bewahrung, so mächtig, daß diejenigen, welche einmal in der Hand Jesu sind, niemand herausreißen soll, und sie nimmermehr umkommen; so genau und umständlich, daß auch kein Haar von ihrem Haupte fällt; so gewiß, daß, ehe Berge weichen und Hügel hinfallen, ehe die Gnade von ihnen wiche, - eine Durchhülfe, daß, wo sie durch’s Wasser gehen, der Herr bei ihnen ist, so, daß die Fluthen sie nicht ersäufen, - eine Annahme zur Gottes-Kindschaft und Gottes-Erbschaft. Was sind das für große Vorstellungen des Evangeliums, nach welchen diejenigen, welche ihm gehorsam sind, nicht mehr unter dem Gesetz setzen, welches ihnen nichts zu befehlen, nichts mehr zu verbieten, nichts mehr zu drohen, nichts mehr zu verheißen hat, dem sie getödtet sind, und gegen welches sie nach Röm. 7. eben so wenig Verpflichtungen haben, als ein Weib gegen ihren verstorbenen Mann, sintemal sie bei einem andern, nehmlich Christo, sind. Was sind das für erstaunliche Vorstellungen, nach welchen bußfertige Sünder, die nichts als Sünde und Elend, wenn gleich auch Kummer und Betrübniß darüber, so wie Haß und Widerwillen dagegen, in sich finden, im Evangelio angewiesen werden, sich dafür zu halten, die sammt Christo – ich will nicht sagen: gekreuzigt und gestorben, - ich will auch nicht sagen: sammt ihm auferwecket sind, um in einem neuen Leben zu wandeln, - sondern – was noch mehr ist, - sich für solche zu halten, welche sammt ihm schon gen Himmel gefahren sind, die also nicht erst selig zu werden brauchen, sondern es schon längst sind, die bei Leibes Leben den Tod, das Grab, das Gericht, nicht mehr vor sich, sondern schon längst hinter sich liegen haben, dieweil sie durch den Glauben vom Tode zum Leben durchgedrungen sind, und nicht in’s Gericht kommen. Sind das nicht ganz außerordentliche Dinge, und sollte man nicht geneigter sein, zu denken: bei solchen Vorstellungen liege mehr Uebertreibung als echte Wahrheit zum Grunde? So wird’s aber dem Glauben vorgehallten, so soll er Christum fassen, so soll er lauter Sieg sein.

 

Aber es ist nur gar zu leicht, sich gegen diese großen Dinge ein ähnliches Verhalten zu Schulden kommen zu lassen, als Moses gegen das göttliche Versprechen bewies. Er ließ sich in eine vernünftige Zergliederung desselben ein. Und so lief’s auf den Schluß hinaus: wie mag das zugehen? Und dann lag der Gedanke ganz nahe dabei: es kann nicht geschehen; und dieser Gedanke sollte mehr Gültigkeit haben, als die göttliche Verheißung. Erbärmliches Verhalten – und das bei einem solchen Manne, dem Mittler des alten Bundes, bei ihm, der in dem Namens-Verzeichniß der Glaubenshelden Hebr. 11. mit oben ansteht! Er versteht das Versprechen wohl, welches ja auch nur natürliche Dinge betrag, und also mit dem natürlichen Verstande begriffen werden konnte, ohne höheres Licht dazu zu bedürfen. Es betraf Fleisch. Das sollten sie morgen haben, und zwar einen ganzen Monat hindurch und im größten Ueberfluß. Das schien ihm was großes, wie es denn ja auch wirklich war. Und wie groß und erstaunenswürdig ist nicht dasjenige, was wir so eben aus dem Gnadenbunde anführten! Nicht blos Vergebung der Sünden haben, sondern in Christo gerecht, nicht blos gerecht, sondern vollkommen, nicht blos vollkommen, sondern Gerechtigkeit Gottes in ihm sein, nicht ein, nicht zwei, nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage, sondern die ganze Ewigkeit hindurch. – Ist das nicht mehr als ein schwaches, enges Menschenherz zu fassen und aufzunehmen vermag.

 

Wie kann es sein? ich sag’ es noch.
Herr! ist es auch Betrug?
Ich armer Sünder hab’ ja doch
Verdienet deinen Fluch.

 

Nun stellte die Vernunft dem Moses auch die Schwierigkeiten vor, warum dies große Versprechen wol schwerlich oder gar nicht in Erfüllung gehen könne und werde. Von Abraham heißt es Röm. 4.: er vernünftelte nicht, sondern glaubte auf’s allergewisseste, daß, was Gott verheißen hat, er auch thun könne. Das konnte diesmal von Mose nicht gesagt wreden, wol aber das Gegentheil. Seine Vernunft erinnerte ihn an Zahlen und Mittel, und hemmte dadurch den Glauben. Zuerst trat ihm die Zahl des Volks vor die Augen, die sich, ohne die Kinder, d.h. die unter 20 Jahre waren, und ohne Zweifel auch ohne die Weiber, auf 600,000 Mann Fußvolk belief, den Pöbel nicht mitgerechnet, wovon wir neulich redeten. Und die sollten einen ganzen Monat hindurch Fleisch essen? Das war schwer zu glauben. Laßt es uns denen doch so übel nicht nehmen, die der heiligen Schrift nicht wol galuben, wenigstens nicht alles glauben können. Das ist auch so leicht nicht. Moses selbst glaubte ja, wenigstens diesmal, nicht alles. Sie hatten allerdings auch viel Vieh aus Egypten mitgenommen. Aber das mochte wol in der Wüste ziemlich beigeschmolzen sein, aus Mangel an Futter, oder so mager, daß es nicht für den Tisch taugte. Aber wenn das auch nicht war, so hätten doch, wenn wir uns auch an’s Rechnen geben, und alles sehr gering anschlagen wollen, täglich eine anderthalb tausend Ochsen geschlachtet werden müssen, wenn jeder ein nicht sehr Bedeutendes an Fleisch hätte bekommen sollen. Da wäre denn ihr Vieh bald alle gewesen, und man hätte doch auch nicht so geradezu sagen können: Gott habe ihnen Fleisch gegeben. Setzten Mosen Zahlen in Verlegenheit, sind die nicht noch immer vermögend, den Glauben zu lähmen, wenigstens aufzuhalten? Die Zahl der Sünden, die mehreren Heiligen die Zahl ihres Haupthaars, ja des Sandes am Meer zu übersteigen schien; die große Zahl derer, die zur Verdammniß wandeln; die kleine Anzahl derer, die den Weg zum Leben finden, - kann einem Bekümmerten was zu schaffen machen. Nun muthe man ihm zu, mit Paulo zu fragen: wer will verdammen? so wird ihn dies wahrscheinlich eher stutzig machen, als beruhigen.

 

Die Mittel zur Ausführung des Versprechens erregten bei’m Moses ebenfalls Bedenklichkeiten, und beides zusammen genommen machte, daß der Unglaube in’s Gewehr trat. Moses ist hier kein Kind, sondern ein kluger Mann. Und da er keine Mittel und Wege zur wirklichen Darstellung des Versprochenen sieht, so denkt er, es gebe überhaupt dazu kein Mittel. War das Demuth? Kindersinn? Berücksichtigung dessen, was Gott und was er selber ist? Der kluge Mann denkt an Ochsen und Fische, aber an Vögel – und die sind doch auch Fleisch – denkt er nicht. Dabei übertreibt er’s, wenn er fragt: werden sich alle Fische des Meeres herzu versammeln, ihr Element verlassen, und durch den Sand dieser Wüste schwimmen, - daß ihnen genug sei? Kurz, es scheint ihm die Unmöglichkeit selber. Wie? ist denn Gottes Wollen nicht genug, um alles zur Wirklichkeit zu bringen? Ist sein Arm verkürzt, daß er nicht sonderlich weit mehr reicht? Sollen uns seine Worte nicht mehr gelten, als unsere eigenen Gedanken? – Nun ja, fahrt getrost über den gedemüthigten Moses her, weil ihr’s besser zu machen versteht! Nicht wahr, wenn ihr in Noth seid, trauet ihr zuversichtlich, er könne, er wolle und werde euch daraus erretten, oder sie doch zum Beßten wenden. Wenn ihr gar keinen Ausweg mehr sehet, so freuet ihr euch darüber, daß er dem rufet das nicht ist, daß es sei, Ihr antwortet in allen, auch den schwierigsten, Fällen auf alle Fragen und Räthsel: Christus, - und damit sind sie gelöset. Stellen sich eure Sünden in Schlachtordnung wider euch auf, so könnt ihr sein Blut nur zeigen und gleich muß ihr Trotz schweigen; rückt das Gesetz mit seinen strengen und dringenden Forderungen wider euch heran, so haltet ihr ihm den Schild der Gerechtigkeit Christi vor und sprecht:

 

Die Sünde kann nicht mehr
Mich durch’s Gesetz verdammen:
Denn alle Zornesflammen
Hat Jesus ausgelöscht;

 

wollen die geistlichen Feinde euch binden und rufen schon: Philister über dir, Simson! – so geräth alsbald der Geist Gottes über euch, und alle Bande reissen, wie ein flächsern Faden am Lichte versengt, und ihr rufet, stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke: in dem allen überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebet hat. Ihr habt recht, ihr habt recht. Gehet fort in dieser eurer Kraft, und laßt euch nichts irren. Bei Mose stand es aber diesmal nicht also. Wer sollte sich nicht verwundern, wenn er hier bei diesem großen Gottesknecht einen solchen Unglauben, eine solche blinde Klugheit, eine solche Verwegenheit hervorbrechen sieht! Daß es keine bescheidene Frage war, in der Absicht, Belehrung zu empfangen, wie die Frage Mariä: wie mag solches zugehen? Daß es Unglaube war, erhellet aus der Gegenfrage des Herrn: ist denn mein Arm verkürzt? Was für erstaunliche Erfahrungen hat das ganze Volk, und insbesondere er selber gemacht! Die Geschichten in Egypten, bei’m rothen Meer u.s.w. Schützen denn alle gemachte Erfahrungen nicht vor Aeußerungen des Unglaubens bei nächstens vorkommenden Fällen? Was hatte er für eine ausnehmende Erkenntniß Gottes, was für einen vertraulichen Umgang mit ihm, so daß der Herr mit ihm redete, wie ein Freund mit dem andern. Wie unmittelbar war alles geschehen. Unmittelbar hatte Gott selbst zu ihm gesagt: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden.

 

Sollte man nicht sgen, wem das einmal widerführe, der wäre für sein ganzes Leben gedeckt? – Welche Blindheit wird in seiner vermeintlichen Klugheit offenbar! Er steht ja ordentlich den andern gleich, die da sagen: Er kann’s nicht. Er macht Einwendungen, die ihm sehr berücksichtungswerth dünken, und die er aus der Vernunft hernimmt. Die 600,000 Mann stehen ihm im Wege, und da sein Verstand keine Mittel weiß, wo für so viele all das nöthige Fleisch herkommen soll, so ist er unbescheiden genug, zu glauben, es sei die Unmöglichkeit selber. Im Paradies wurde in Zweifel gezogen: ob Gott wol sollte gesagt haben. Hier aber ging’s noch einen bedeutenden Schritt weiter. Daß er das wirklich gesagt hatte, wurde nicht bezweifelt, konnte es auch nicht, aber nun betrag der Zweifel die Möglichkeit der Ausführung. Wo soll’s herkommen? Das ist des Unglaubens ganze Art und Kunst, Einwendungen zu machen, so lange er manierlich bleibt; denn wenn er grob wird, leugnet er keck und gerade zu ab und widerspricht, und wer das am geschicktesten treibt, gilt für den Klügsten. Ein gut Theil der heutigen Gelehrsamkeit besteht eben hierin. In dieser Kunst ist unser aller Herz nur allzu wohl geübt, und weiß eine lange Reihe von Einwendungen aufzustellen, die aber immer – wie scheinbar sie auch sein mögen – auf etwas Ungereimtes hinauslaufen, und entweder fragen: sollte Gott gesagt haben, oder: wie mag solches zugehen? – Ja, es zeigt sich bei Mose eine Art von Vermessenheit und Verwegenheit, als ob er klüger wäre wie Gott, und die Sachen besser überschlagen hätte, wie Er. Er scheuet sich ordentlich, dem Volke dasjenige bekannt zu machen, was Gott ihm gesagt hat, daß sie einen ganzen Monat hindurch Fleisch genug zu essen haben sollten, weil es ihm unausführbar dünkt, und er befürchtet, die Ehre Gottes und seine eigene Ehre als Prophet zu gefährden, wenn er’s bekannt machte, und hernach doch nichts daraus würde. Wenn der Apostel sagt: ich schäme mich des Evangelii von Christo nicht, - so gibt er damit doch zugleich zu erkennen, daß es an Anlaß, sich dessen schämen zu können, nicht fehle. Man könne wirklich unter Leute gerathen, wo man sich zu scheuen Ursache hätte, oder zu haben glauben könnte, das Evangelium frei heraus zu verkündigen, aus Furcht, diese Perle vor die Säue zu werfen; da sie sich, wenn es geschähe, wenden und euch zerreißen könnten; oder man könnte auch Ursache haben, das Evangelium nicht in seiner ganzen Fülle auszuschütten, und den ganzen, wunderbaren Richthum desselben, und der Gnade, die es verkündigt, offen zu legen, sondern es zu umschleiern, wie die Apostel in ihren Briefen es mit bewundernswürdiger Klugheit wirklich so halten, wenn gleich keiner mehr als Jakobus. Wer ist hiezu tüchtig? Medad war auch im Lager, das heißt: das rechte Maaß. Wer trifft das immer? Hier zu viel – da zu wenig – dort mangelt dies und da das! Und Moses kommt mit seiner Ungestalt nicht klagend vor den Herrn, sondern entschieden, als rechthabend, nicht als ob bei ihm, sondern bei dem Herrn etwas zu verändern sei. O! Unverstand.

 

Aber auch o! Gnade des Herrn, der seinem Knecht, der hier wie ein verloren und verirrtes Schaf erscheint, treulich zurechthilft. Er thut ihm eine Gegenfrage, wodurch er ihn an seine Macht erinnert, und dadurch Mosis Gemüth auf den rechten Punkt leitet. ist denn mein Arm verkürzt, fragt er. So fragt Gott auch Jes. 50. Ist mein Arm so kurz geworden, daß er nicht erlösen kann, und ist mir keine Kraft, zu erretten? Ach! ja, wie thun ähnliche göttliche Erinnerungen einer bedrängten Seele so ungemein wohl, und setzen ihre Füße aus dem Schlamm auf’s Trockene. Es kann eine Seele zagend niedersinken über ihrer Sünden Menge. O! wie wohlthuend ist’s ihr da, wenn sie innerlich und kräftig an das Blut Christi erinnert wird, das zu unserer Versöhnung rann, wenn sie, im Gefühl ihrer Schwachheit an seine Kraft, im Gefühl ihres Elendes, an seine Durchhülfe erinnert wird. Alsdann bekommt sie wieder Flügel, und verjüngt sich wie ein Adler. So auch Moses. Ei, wie beschämt wird er geworden sein, daß er bei seinem Räsonniren die göttliche Macht so wenig oder gar nicht mit in Rechnung nahm, und wie fiel all sein Vernünfteln dahin, als er sie in die Augen bekam. Wie angenehm beschämt wird eine trauernde Christenseele, wenn sie nun einsieht, wie sie in ihrem Kummer das Blut, die Gerechtigkeit, die Gnade und Kraft Jesu Christi so übersehen, und so wenig oder gar nicht mit in Anschlag gebracht, und bei ihrem Thurmbau mit in Aufrechnung genommen hat. Da wird der Unglaube wol mit sehr süßen Thränen beweint und abgeschworen oder doch geschrien: ich glaube, lieber Herr! komm’ zu Hülfe meinem Unglauben, - oder mit Hiob gesagt: ich will’s nicht mehr thun. Kap. 39,35.

 

Der Herr kündigt ihm auch die eigene Erfahrung an. Du sollst jetzt sehen, ob meine Worte dir etwas gelten können oder nicht. Ein Mann wie Mose hätte billig glauben sollen ohne zu sehen, glauben sollen auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen ist. Aber Moses als Moses konnte dies so wenig, als jeder andere. Zuletzt läuft’s doch mit dem Glauben und Nichtglauben, auf’s Sehen, auf’s Erfahren hinaus. Der herrschende Unglaube wird’s zuletzt doch mit Schrecken gewahr, daß alles sich wirklich so verhalte, wie es das Wort Gottes, dem er nicht glaubt, gesagt, und von Hölle und ewiger Verdammniß und dem zukünftigen Gericht zuvorverkündigt hat. So wird auch der Glaube es endlich selig inne, was er geglaubt, und seine Hoffnung verwandelt sich in Schauen.

 

Und so wird Moses gehilt. Alle seine Einwendungen fallen gänzlich weg. Er geht zum Volke und sagt’s ihm, daß es einen ganzen Monat hindurch Fleisch zu essen haben solle. Er grübelt nicht mehr über die Art und Mittel, wie dies Versprechen möge zur Ausführung gebracht werden. Er glaubt, was Gott verheißen hat, das werde er auch thun. O! angenehmer Wechsel, wenn das Gemüth aus der Menge eigener Gedanken und dem trostlosen Gewirre eigener Ueberlegungen herausgezogen, sein Vertrauen gründen kann auf den lebendigen Gott.

 

Aber möchte man nicht schließlich fragen: warum meldet Moses das doch von sich selbst, was ihm doch nicht zum Ruhme gereicht, sondern ihn im Urtheil anderer herabsetzen könnte? Das war eben die erste Absicht, welche er dadurch erreichen wollte. Man sollte ihn nicht höher stellen, als er wirklich stand. Er hätte dies ja nicht zu melden brauchen, und wenn er’s nicht gethan, wer würde was davon erfahren, und nicht wol weit eher von ihm geglaubt haben, er sei über alle Regungen des menschlichen Verderbens weit hinaus. Aber er begehrt für sich keinen Ruhm, am wenigstens auf Kosten dessen, dem aller Ruhm allein gebührt. Er will es wol Wort haben, daß er ohne Gnade eben so elend sei, wie alle andere. Darum kommt auch Paulus so oft auf seine ehemaligen Vergehungen zurück, und wenn er rühmlich von sich selbst redet, so vergißt er selten zu bemerken: doch nicht ich, sondern die Gnade, die mit mir ist. Demuth, Einsicht in sein Nichts nimmt zu, mit dem Wachsthum in der Gnade. Er meldet die Ungestalt seines Gemüths, um auch damit die tiefe Verderbniß der menschlichen Natur zu beweisen, die auch bei den heiligen Personen noch wol von Zeit zu Zeit durchblickt, dieses Verderbens, das sich besonders im Unglauben und so in geringen Gedanken von Gott, seiner Macht, Güte und Treue äußert, und also Gott große Unehre anthut. Zugleich aber zeigt er an seinem Exempel, daß der Mensch seine Rechtfertigung nicht in sich selbst, seinen Werken und Bestehen finden könne, sondern sie anderswo suchen müsse durch den Glauben. Denn Paulus versichert uns, daß auch Moses diese Gerechtigkeit des Glaubens bezeuget habe. Auch er will als ein solcher angesehen sein, der aus lauter Gnaden gerecht, und ein Erbe sei des ewigen Lebens.

 

Indem er seine Ungestalt meldet, bezeuget er damit zugleich, wie sehr wir einer fortwährend wirkenden Gnade bedürfen, und wie abhängig wir von ihr seien. Was hilft da, wo es gilt, alle Erkenntniß und Wissenschaft, was helfen sogar alle Erfahrungen der göttlichen Aushülfe und Durchhülfe, alle vormaligen Versicherungen seiner Huld, was hilft’s sogar, ob wir hundertmal haben glauben können, wenn’s uns nicht auch zu der Stunde gegeben wird, wo es noth thut? Dann sind wir eben so arm und elend, eben so finster und erstorben, als ob wir auch noch nichts wüßten, noch nichts erfahren und noch nie geglaubt hätten, wie sich Moses denn wirklich also zeigte. Ihr vermögt das Geringste nicht, das gilt sowol von der letzten als ersten Hälfte des Weges, und so ist uns ein sehr abhängliches Leben und Verhalten sehr anzuempfehlen. Thut er seine milde Hand auf, so sammeln wir.

 

Die Abweichungen, welche uns die Schrift auch an den heiligsten und ausgezeichnetsten Personen sehen läßt, dienen auch zum Beweise, daß auch sie nicht anders als aus Gnaden selig geworden sind, und daß es keinen andern Weg zur Seligkeit gebe, als den neuen und lebendigen durch Jesum Christum, zum Beweise, daß es keine andere Gerechtigkeit gibt, worin wir im Gericht Gottes bestehen können, als diejenige, welche Christus uns durch seinen vollkommenen Gehorsam erworben hat, und die der bußfertige Sünder im Glauben ergreift.

 

Werden wir denn recht von Herzen demüthig! Verzagen wir denn ganz an uns selbst, um vollkommen zu hoffen auf die Gnade, welche uns dargeboten wird in der Offenbarung unseres Herrn Jesu Christi. Amen.

 

 

Fünf und zwanzigste Predigt.

 

Dreizehnte Lagerstätte: Hazeroth.

4 Buch Mosis 33,17.

 

So brechen wir denn endlich von den Lustgräbern auf, und lagern uns zu Hazeroth, und das ist die dreizehnte Lagerstätte. Dort haben wir uns schlecht betragen, und es ist uns dafür übel gegangen. Der Haufen ist kleiner geworden, denn der Herr hat viele getödtet. Das ist uns zum Vorbilde geschehen, daß wir uns des Bösen nicht gelüsten lassen, gleichwie jene gelüstet hat. 1 Cor. 10,6.

 

Diese scharfe Kur wird denn hoffentlich helfen. Die Uebriggebliebenen werden sich wol besinnen und bessern und wir werden wol keine ähnliche betrübende und gottlose Auftritte mehr vernehmen! Dafür kann nicht stehen. Es gibt unartige Kinder, denen die Ruthe nicht helfen will, und wenn man alle Bäume im Walde zu Ruthen machte, es wäre vergeblich. Sind die Kinder Israel nicht ein in die Augen fallender Beweis von der Wahrheit des Ausspruchs des Apostels, wo er sagt: das Gesetz sei neben eingekommen, auf daß die Sünde desto mächtiger werde? wo er sagt: die sündlichen Lüste würden durch das Gesetz erreget; es sei kein Gebot gegeben, das lebendig mache, es sei nur ein tödtender Buchstabe u. dgl. – Moses, das ist das Gesetz, ist nicht im Stande, auch nur einen Einzigen in Canaan einzuführen, vielmehr sterben sie unter ihm alle, bis zuletzt er selber auch. Sein Amt ist fürchterlich. Es tödtet; es predigt die Verdammniß; es thut Forderung auf Forderung, und reizt dadurch, so zu reden, zum Gegentheil. Eins der größten Vorrechte des Evangeliums besteht darin, daß man unter demselben durch den Glauben vom Gesetze los und demselben abgestorben ist, also daß wir dienen sollen dem neuen Wesen des Geistes, nach Röm. 7.

 

Die Fortsetzung unsrer bisherigen Betrachtungen der Wanderungen Israels durch die Wüste bietet wenig Erfreuliches, aber viel Demüthigendes und Niederschlagendes dar, so daß man sie lieber einstellen und beschließen, als darin fortfahren sollte. Wie ermüdend wird doch die langwierige Betrachtung des menschlichen Elends und Verderbnisses; die sich immer erneuernde, wenn gleich anders und anders sich gestaltende Offenlegung dessen, was in uns ist! Wer sollte nicht einen starken Widerwillen dagegen empfinden, die Menschen, ja wol gar die besten unter ihnen, in ihren manchfaltigen Unarten zu betrachten! sie zu entkleiden, um ihre Ungestalt und Mißgeburt recht eigentlich zu sehen, ihre Eiterbeulen und Aussatz recht eigentlich zu beschauen! Wäre es nicht weit lieblicher, Betrachtungen anzustellen, wie die Worte Petri sie veranlassen, wo er sagt: ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priesterthum, das heilige Volk – nicht lieblicher, die Gläubigen nach demjenigen zu betrachten, was sie in ihrer Verbindung mit ihrem Haupte Christo sind, wissen, können, haben? Doch ist es ja auch nöthig und nützlich, einzusehen, was selbst die Beßten außer ihm sind.

 

Laßt uns denn – wofern ihr es nicht überdrüssig seid – in unsrer gewöhnlichen Betrachtung fortfahren, da es uns zum Vorbilde und Nachachtung geschrieben ist, jedoch so hurtig voran machen, als es sich thun läßt.

 

Die dreizehnte Lagerstätte hat den Namen Hazeroth, d.h. auf teutsch: Vorhöfe. Ohne Zweifel bekam diese Lagerstätte deswegen diesen Namen, weil von da bis nach Canaan, und zwar demjenigen Theil dieses verheißenen Landes, welcher dem Stamme Juda zugetheilt wurde, gar nicht weit war, so, daß sie nur wenige Meilen abzumachen hatten, um an der Gränze zu sein. Erwünschter Umstand, endlich so nahe am Ziel zu sein! Beinahe zwei Jahre hatten sie nun die dürreste, abscheulichste Wüste durchzogen, aber nun lag sie mit ihren Mühen hinter, und das liebe Land mit seinen Hoffnungen ganz nahe vor ihnen. Ich weiß es nicht, aber sollten nicht aller Herzen höher geschlagen, aller Angescihter heiter ausgesehen haben, aller Gemüther vergnügt gewesen sein? Mich dünkt, sie haben ordentlich, wenn der Wind danach war, etwas von der erquicklichen Landluft und von den duftenden Wohlgerüchen Canaans empfunden oder zu empfinden gemeint, und sind dadurch belebt und erfrischt worden. Es war Herbst, und die köstlichen Früchte zur Reife gediehen, nun konnten sie denn bald ans genießen von Melonen, Pomeranzen, Weintrauben, Feigen und Granaten kommen, wonach sie kürzlich noch so lüstern geworden waren. Wie beschwerlich mußte ihnen das Warten werden, und wie sehr mögen sie gewünscht haben, daß sie bald aufbrechen dürften. Ich denke, man wird überall sich glückwünschend begegnet sein, man wird von allen Seiten fröhliche Lieder gehört, und selbst Reigen gesehen haben. Wie werden sie sich irhes Murrens, ihrer Ungeduld geschämt, und sich der Barmherzigkeit und Treue Gottes gefreut haben, wie wird diese Freude ihre Stärke gewesen sein, und die Liebe sie gedrungen haben, alles zu meiden, was dem Herrn etwa mißfällig sein dürfte. Mit einem Wort – nie hatten sich ihre Verhältnisse so glücklich gestaltet, wie hier, daher der Name Hazeroth: Vorhöfe.

 

David macht im 84. Psalm auch viel Werks von den Hazeroth, von den Vorhöfen. Meine Seele verlanget und sehnet sich nach den Vorhöfen des Herrn, sagt er V. 3, und V. 11. heißt es – wenn wir ein Wort nicht übersetzen: Ein Tag zu Hazeroth ist besser, denn sonst tausend. Der fromme König fand also ein ausnehmendes Vergnügen und Wohlsein in des Herrn Vorhöfen, und zwar nicht ein sinnliches, was daselbst auch nicht anzutreffen war, sondern ein geistliches. Wir wissen, daß die Stiftshütte, besonders aber der Tempel verschiedene Vorhöfe hatte, wovon der eine immer höher lag, wie der andere, zu dem man auf Stufen emporstieg. Der letzte Vorhof, unmittelbar vor dem Tempel, war für die Priester bestimmt, die daselbst die Opfer opferten auf dem Brandopfer-Altar, und die Sänger und Tonkünstlicher aus den Leviten, welche die Psalmen und Lieder absangen. Die übrigen Vorhöfe waren für die gemeinen Israeliten, auch einer für gottesfürchtige Heiden. Von ihnen aus sah man das Opfern, sah in die stets offene Thür des Tempels hinein, und vernahm die Tempel-Musik, welche in dieselbe hinabschwebte, und den Psalmgesang.

 

Wenn nun David sich gern an diesem Orte aufhielte, wenn dies überhaupt bei den frommen Israeliten der Fall war, die gern dahain gingen, um zu beten, wie wir auch in den Schriften des A.T. so häufig sehen, so war dies nicht zu verwundern. Schon die feierliche Stille, welche an diesem heiligen Orte herrschte, war der Andacht sehr willkommen, dazu kam die göttliche Verheißung, daß der Herr Israel da, wo er seines Namens Gedächtniß stiftete, segnen wolle, so daß gläubige Israeliten die Nähe des Herrn nie mehr spürten, als eben in diesen Vorhöfen. Die Opferhandlung gab ihrer Betrachtung eine sehr wichtige Nahrung, besonders Personen, die David gleich standen, denen Gott die heimliche Weisheit wissen ließ, daß er dieß Opfer nicht wolle, sondern Jemand die Ohren durchbohrt und den Leib bereitet habe, seinen Willen zu thun. Welche theure Eindrücke konnte es auf das Gemüth der Anbetenden machen, wenn sie bedachten, daß dies das Haus und der Pallast ihres eigentlichen, zwar unsichtbar, aber doch kräftig gegenwärtigen Königs sei, welcher sich daselbst von dem goldnen – nicht Richter- sondern Gnadenstuhl offenbare! Was für ein liebliche Getöne mußte es ihnen sein, wenn sie den Klang der Glöcklein an dem Gewande des im Tempel wandelnden Hohepriesters vernahmen, und wußten, daß ihrer nun vor dem Herrn gedacht werde, und sollten wir, wenn wir das Kirchengeläute vernehmen, nicht betend begehren, daß unsrer in Gnaden vor dem Herrn gedacht werde? Kein Wunder, wenn David gern an solchem Orte war. Ein Tag zu Hazeroth war ihm besser, als sonst tausend. Der gottselige König und Dichter des Psalms, worin er dies sagt, und die frommen Kinder Korah, die ihn sangen, bezeugen hiemit ihren geistlichen Sinn. Die Zeit, die sie da zubrechten, war ihnen wegen des geistlichen Genusses, der ihnen da verliehen wurde, so unvergleichbar köstlich, desselben einen Tag theilhaftig zu sein, war ihnen erwünschter, als tausend Tage in sinnlichen, wenn auch unsündlichen Genüssen. Sie zogen dies allem andern vor, wie köstlich es sein mochte. Wie jammert David, wenn er dies entbehren muß! Welch’ ein heißer Durst bemeistert sich dann seiner Seele!

 

Die Vorhöfe an sich thaten es freilich nicht, wenn sie gleich dazu beitragen konnten und beitrugen, sondern das, was ihnen der Herr daselbst zufließen ließ, was sie da innerlich genossen. Von diesen innerlichen Genüssen weiß der gottselige Monarch viel zu rühmen, weil er sie aus Erfahrung kannte. Sagt er nicht z.B. – um nur einiges anzuführen – dein Wort schmeckt mir süßer als Honig, und ist mir köstlicher als viel tausend Goldstücke; du erquickest meine Seele, und wenn du mich tröstest, so laufe ich den Weg deiner Gebote. Obschon jene viel Wein und Korn haben, erfreuest du doch mein Herz auf eine viel herrlichere Weise. Herr, der König freuet sich in deiner Kraft, und wie sehr fröhlich ist er über deiner Hülfe. Du gibst ihm seines Herzens Wunsch, und weigerst ihm nicht, was sein Mund bittet. Du erfreuest ihn mit Freuden deines Antlitzes, und überschüttest ihn mit Gutem. So ruft ja auch die Gemeine des Herrn beim Jesaias, so ruft Maria: ich bin fröhlich in dem Herrn, und mein Geist freuet sich in Gott meinem Heiland; und Paulus: ich bin überschwänglich in Freuden.

 

Zwar haben wir die Hazeroth nicht, wovon David im buchstäblichen Sinne redet. Die allerdings schönen Gottesdienste des A.T. sind nicht mehr, aber nur deswegen nicht mehr, weil der Schatten dem Körper gewichen ist, und das Bild dem Wesen. Es ist gewiß, daß Christen ihr Kreuz auf sich nehmen müssen täglich, und daß jeder Tag seine eigene Plage hat; es ist wahr, daß wir durch viele Trübsale ins Reich Gottes gehen müssen, und im Ganzen eine Wüste durchziehn. Aber wie es in jener natürlichen Wüste ein liebliches Elim gab, und sie auch nach Hazeroth kommen, wo ein tag besser ist als sonst tausend, so finden sich auch beim wahren Christenthum Freudentage und Erquickungen, die mehr werth sind, als alle weltliche und sinnliche Ergötzungen. Es gibt Erstlinge des Geistes, die den Gläubigen von Zeit zu Zeit zu ihrem Trost und Anmuthigung mitgetheilt werden. Es gibt Zeiten, wo gleichsam Himmelsluft die Seele anweht, die alle Nebel verscheucht, die sie in vollen Zügen einathmet, und sich in allen ihren Geisteskräften gehoben und belebt fühlt, wieder jung wird wie ein Adler, dem sein Gefieder wieder gewachsen ist, daß er sich hoch emporschwingt. Es gibt Stunden, wo etwas von dem himmlischen Lobgetöne das Herz durchbebt, und es zu einer erhabenen Andacht und Anbetung hinreißt, wie sie nicht gewöhnlich ist. Es gibt Zeiten, deren Herrlichkeit sich nicht besser andeuten läßt, als es im Hohenlied geschieht. Die Jünger wurden auch, wenn gleich nicht alle, auf den Berg der Verklärung geführt, wo sie selbst sagten: Hie ist gut sein. Paulus wurde gar entzückt, bis in den dritten Himmel, bis in das Paradies, wo er unaussprechliche Worte hörete. Und David rühmt: Du schenkest mir voll ein! Dies sind außerordentliche und seltene Dinge, die sich dennoch bei einigen Seelen ereignen, und wie sie durch außerordentlich tiefe Wasser der Anfechtung und Trübsal müssen, wo sie mit Jeremias ausrufen: nun bin ich gar dahin: so werden sie auch auf eine außerordentliche Weise erfreut. Sie sind wol dermaßen überschüttet worden, daß sie ohnmächtig hinsanken, und der Braut im Hohenliede nachsagten: ich bin krank vor Liebe. Den Bischof Palafor überwältigte der Gedanke: mein Gott in der Krippe! so, daß er in eine tiefe und lange Ohnmacht fiel, und die nehmliche Wirkung brachte ein Eindruck von der Liebenswürdigkeit des Gekreuzigten bei einem Predier in Amsterdam hervor, der mit der Austheilung des h. Abendmahls beschäftigt, über dem Gedanken: mein Gott am Kreuze! beinahe seinen Geist aufgegeben hätte, wie man wirklich Exempel hat, daß Christen über der lebendigen Erkenntniß Christi gestorben, und also von Hazeroth nach Canaan gekommen sind. Fiel nicht Johannes wie todt zu den Füßen des verherrlichten Jesu nieder, und Maria mit dem Ausruf: Rabbuni! ohne ein Wort mehr sagen zu können?

 

Wir führen dies Außerordentliche nicht als etwas Nothwendiges an, sondern als Andeutung des Großen, was das Christenthum schon in diesem Leben gewährt, oder doch gewähren kann, wie es sich an einigen Personen wirklich ausweiset. Gewiß ist es, daß nur wahre Christen wissen, was eigentlich Freude sei, welches keine als sie in Zeit und Ewigkeit erfahren. O! daß denn viele wahrhafte Christen würden, um des Wassers zu trinken, was Christus gibt, und was in uns ein Quell des Wassers wird, der in’s ewige Leben quillt. Seht! welche große und herrliche Dinge kann man erlangen! Und die verschmähet und versäumet ihr, und jaget einem Schatten nach und einem Irrlicht, das euch nur in’s Verderben stürzt? Thut das doch nicht länger, sondern tretet auf die Wege, und schauet und fraget, welches der rechte Weg sei, und wandelt drinnen: so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Nicht Verleugnung bloß erwartet der Herr Jesus, sondern schenkt auch Freuden; er legt nicht bloß Pflichten auf, sondern schenkt auch Kraft, sie zu erfüllen; nicht bloß Lasten auf, sondern hilft sie auch tragen. Betrübet er, er tröstet auch wieder; tödtet er, er macht auch lebendig; führt er in die Hölle, er führt auch wieder heraus. Werdet deswegen so klug, daß ihr am ersten nach dem Reich und der Gerechtigkeit Gottes trachtet, das Andere wird euch zufallen.

 

Laßt uns aber von den außerordentlichen Mittheilungen, die zu Hazeroth geschenkt, und die nur selten und wenigen mitgetheilt werden, absehen, um noch einiges von denjenigen zu erwähnen, die bei einem wahren Christenthum nichts ungewöhnliches sind.

 

Es ist nicht selten, daß wahre Christen mitten in allerlei innern und äußern drückenden Umständen so seelenvergnügt gemacht werden, als hätten sie keinerlei Mangel an irgend einem Guten, wo sie auch rühmen können: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. David lag und schlief nach Ps. 3. ganz ruhig, und erwachte eben so getrost, obschon sich viel Tausend rings umher wider ihn lagerten. Mancher Gläubige war seelenvergnügt und ohne Sorgen, obschon so arm, daß er nicht wußte, wo er irgend eins seiner Bedürfnisse hernehmen sollte, er konnte unbekümmert den Herrn sorgen lassen, und der sorgte denn auch. Er konnte sagen:

 

Hab’ ich keinen Heller,
Weder Brod noch Teller,
Weder Fach noch Dach.
Reißen meine Kleider,
Sagen Andre: leider,
Schreien weh’ und ach!
Sing’ ich doch, und glaube noch.
Ich will ruhen, trinken, speisen,
Und den Vater preisen.

 

Wie mancher Fromme ist heftig krank, und voll Beschwerde und Schmerz, aber auch dabei innerlich so wohl, daß es ihm, so zu reden, eine Lust ist, sich von den Schmerzen durchwühlen zu lassen, die er gerne so lange fortwühlen läßt, wie es dem Herrn gefällt. Er kann die größten und empfindlichsten Verluste, und selbst die schnödesten und unbilligsten Mißhandlungen aller Art erleiden, und doch einer Lerche gleichen, die mitten im Gewitter singt. Eben so kann der Herr die Seele mitten unter innerlicher Entbehrung gänzlich zufrieden stellen. Ohne Unmuth und ohne Zaghaftigkeit sagte Josaphat: in uns ist keine Kraft; wir wissen nicht, was wir thun sollen, aber unsre Augen sehen auf dich. Mit großer Gelassenheit steht der Apostel, von seinem heftigen Gebet um Erhebung von dem, auf eine unerklärbare Art mißhandelnden Satansengel ab, und sagt: er sei gutes Muthes in Schwachheit, in Nöthen, in Verfolgung, in Aengsten. Es kann der gläubigen Seele ungemein recht werden, so arm am Geist zu sein, daß sie ganz und gar vom Geben leben muß, daß sie aus sich selbst keinen guten Gedanken nehmen, keinen Seufzer hervorbringen, kein rechtes Wort reden kann, und ganz und gar vom Heilande und seiner Gnade abhängen und im Glauben leben muß. Unter diesen lieblichen Umständen würde es derselben leid sein, wenn sie noch das geringste aus sich selbst verrichten, und auch nur ein Haar schwarz oder weiß machen könnte. Ungemein wohlgefällig kann’s ihr werden, je mehr und mehr gänzlich überzeugt zu werden, wie unmöglich sie im Ganzen wie in einzelnen Stücken außer Christo vor Gott bestehen mag, und es ihr eine wahre Lust sein, das Unzulängliche in ihren besten Werken zu entdecken, um sich lediglich der Gerechtigkeit Christi zu rühmen und seiner Kraft. In solcher Gemüthsfassung ist man gewiß in Hazeroth.

 

In dies Hazeroth, diese Vorhöfe, werden die Chrsiten auch oftmals eingeführt im Gebrauch der Gnadenmittel. Es ist wahr, sie sind in dieser Beziehung auch wol in Mara, wo Wasser genug, aber dasselbe nicht genießbar ist. Jedoch, was ist ihnen zuweilen eine Predigt? Lauter Geist und Leben, daß sie mit jenen sagen müssen: wie hören wir in unsrer Sprache die Großthaten Gottes? Es ist alles lauter Genuß und Speise, und die Seele lauter Andacht. Die Predigt selbst ist es nicht, sondern sie sitzt wie Maria zu Jesu Füßen, und hört ihm zu, daß sie mit dem Hohenlied sagt: das ist die Stimme meines Bräutigams, der anklopft. O! wie ist ihr da mit den Galatern die Predigt des Evangeliums eine solche Seligkeit, daß sie auch ihre Augen dafür ausreißen und hingeben könnte. Und wie lange tönt’s wol in der Seele nach, gleich den stark gerührten Saiten der Harfe. Da ist sie recht zu Hazeroth, und ruft aus: wie lieblich sind deine Wohnungen, o Gott! – Mag der Seele auch je zuweilen das Wort Gottes wie ein todter Buchstabe sein, und sie einem Kranken gleichen, dem das Brod widerlich ist – was ist es ihr aber manchmal! Sie spürt den rechten innerlichen Ausleger, den h. Geist, und so ist die Zeit da, von welcher Jesus sagt, daß er alsdann nicht mehr durch Sprüchworte mit den Seinen reden, sondern ihnen frei heraus verkündigen wolle von seinem Vater. Welche köstliche Aufschlüsse werden ihnen zu Theil! welche große und herrliche Sachen enthält oft Ein Spruch, ja ein einzelndes Wort, welche Glaubensgründe, welche Höhen und Tiefen. Ja, das Herz wird zusammengefaßt in der Liebe zu allem Reichthum des gewissen Verstandes des Geheimnisses Gottes und des Vaters und Christi, in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntniß. Kein Wunder, wenn sie alsdann das Wort süßer finden als Honig, köstlicher als feines Gold. Sie haben die Salbung, und wissen alles. Und ein solcher Tag zu Hazeroth ist wirklich besser, als sonst tausend. – Was geht nicht manchmal beim Genuß des h. Abendmahls vor, wenn sich die, in der einfachen Handlung desselben enthaltenen großen Geheimnisse vor den staunenden Gemüthsaugen der anbetenden Seele entfalten, die nun mit Neander singt:

 

Ich habe nun vom Himmelsmanna gessen,
Bin an des guten Hirten Tisch gesessen:
Der alte Feind zu meinen Füßen liegt.

 

Und mit Lampe: Dein Liebesaltar brennt in mir. – Was sind das für Worte: Gemeinschaft des Leibes, Gemeinschaft des Blutes Christi, was ist das für ein Kelch des N.T. was für ein Essen und Trinken? O! wie manches Pniel würde an dem Kelch der Danksagung, womit wir danksagen, zu lesen sein, wenn jeder, der bei der Austheilung desselben, den Herrn im Geiste sah, und schmeckte, wie freundlich er ist, es daran bemerkt hätte. „Hier öffnen sich der Ewigkeit Gardinen.“ Wahrlich, der Herr ist of an diesem Ort. Hier sind die Pforten des Himmels. Und ein solcher Tag zu Hazeroth ist besser, denn sonst tausend. Da sagt wol jemand mit Jacob: ich habe alles genug.

 

Es ist freilich nicht zu leugnen, daß das Gebet, dieses geistliche Athemholen der Seele, nicht immer so recht von statten will – es ist aber auch wahr, daß die Seele mit David wol ihr Herz findet, um ein Gebet vor dem Herrn zu thun, welches sie selbst in Verwunderung setzt, und wovon sie sagen mag: mein Beten ist Genießen. Ergießt es sich in Worten, so sind sie die allerzärtlichsten und kindlichsten, wie sie dem Abba- und Vater-Namen entsprechen; sind’s Seufzer, so sind’s die allerinnigsten; sind’s Thränen, sie entquillen dem tiefsten Seelengrunde. Ist’s Fürbitte für andere, wie sehnsuchtsvoll; ist’s Bitte, wie zutraulich; ist’s Dank, wie gerührt; ist’s Lob, wie herzlich. Da sieht das Glaubensauge durch Christum die offene Tempelthür bis in’s Heiligthum, und an den über die Standen des Gnadenthrons zurückgeschobenen Vorhang, einen Vorschmack des Himmels, dessen Luft anweht und stärkt.

 

Einen Tag zu Hazeroth, der besser ist wie sonst tausend, feiert der Christ, wenn der h. Geist vorzugsweise über den Wassern schwebt, dann hat er den Bräutigam bei sich, wie könnte er traurig sein? Er verscheucht die finstern Wolken der Zweifelung, und kommt wie Noahs Taube, mit dem Oelblatt des Friedens in das Herz. Da hat man Ruhe, da wird man stille, da erquickt man die Müden. Er ist ein Geist der Heiligung, und o! wie gedeiht unter seinem lebendig machenden Odem die Frucht des Geistes, und entsproßt von selbst dem vorher gedemüthigten und zerschlagenen Herzen, in welchem der Hohe und Erhabene wohnt. Er leitet in alle Wahrheit, er verkläret Christum, und was erblickt die Seele alsdann nicht für Herrlichkeit. Jetzt wird ihr Wunsch erfüllt:

 

Ach! daß ich dich, mein Heiland, recht erblickte,
Wie du am Kreuz mich ausgesöhnet hast.
Ach! daß dein Blut mich immerder erquickte;
Ach! säh’ ich stets auf dir die Sünden-Last,
Und mich in dir von allem los,
Als ein recht liebes Kind auf deines Vaters Schooß.

 

Jetzt ist’s ihr keineswegs zu bedenklich, um zu fragen: wer will beschuldigen? wer verdammen? Es ist ihr nicht zu gewagt, zu sagen: so ist nun nichts Verdammliches mehr an denen, die in Christo Jesu sind; zu rühmen: wir sind sammt ihm auferwecket und in’s himmlische Wesen versetzt. Sie sieht das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Und welch’ ein Gesicht ist das für einen armen Sünder! Sie sieht Gott als einen solchen, der Gottlose gerecht spricht. Welch ein Anblick! – Sie versteht die Vollkommenheit der Versöhnung, und welch ein Verstand ist das! Gott war in Christo, und versöhnete die Welt mit ihm selber, und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu, und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. O gewiß, wer das zu verstehen bekommt im Licht des h. Geistes, der mag nichts anders wissen, als Jesum Christum den Gekreuzigten, durch welchen ihm die Welt gekreuzigt ist und er ihr; der wird mit David ausrufen: Der Vogel hat sein Nest funden, die Schwalbe ihr Haus. – Er ist ein Geist, der Zeugniß gibt, daß man ein Kind Gottes sei, daß er uns zu Gnaden auf- und angenommen habe, und dies versiegelt er mit einer solchen, alles überwindenden Festigkeit, daß alle Menschen und alle Engel sie nicht an’s Wanken zu bringen vermöchten. – Er ist ein Geist des Trostes, und überschüttet die Seele also mit seinem süßen Troste, daß sie allerdings wie in den Vorhöfen des Himmels schwebt, und mit Paulo ausruft: ich bin überschwenglich in Freuden.

 

Sehet da, eine matte Beschreibung Eines Tages zu Hazeroth. Ist’s schon in den Vorhöfen so herrlich, was muß es im Tempel selber sein! Freilich sind dies geistliche Freuden, für die nur der geistliche Mensch Sinn hat. Es sind aber heilige, wahrhafte, ewige Freuden. Sie sind euch unbekannt, so lange ihr fleischlich seid. Hört denn auf, fleischlich gesinnet sein, ist Leben und Friede, aber fleischlich gesinnet seyn, ist der Tod. Wollt ihr denn als verlorne Söhne bloß mit Träbern vorlieb nehmen, die nur Säuen genügen können? Ach nein! Fliehet solches! Ergreifet das ewige Leben, wozu ihr berufen seid, und geht ein durch die enge Pforte in’s Reich Gottes, welche besteht in Gerechtigkeit, Friede und Freude im heil. Geist. Amen.

 

 

Sechs und zwanzigste Predigt.

 

Vierzehnte Lagerstätte: Ritma.

4. Buch Mosis 12 und 33,18.

 

Hosianna! so rief jene Kinderschaar dem Herrn Jesu bei seinem Einzug in Jerusalem entgegen: Hosianna in der Höhe! Hosianna dem, der da kommt in dem Namen des Herrn! Es war ein Ruf der Bewillkommung, der Freude, der Bitte und der Hoffnung. Die Erwachsenen sammt den Kindern erhuben dieß Geschrei in der Meinung, das Reich Gottes sei jetzt in seinem vollen Durchbruch auf Erden begriffen. Und sie hatten Recht, mochten sie auch von diesem Reich unrichtige Begriffe haben, und die erstaunliche Begebenheit nicht mit in Anschlag bringen, welche ihm den Weg bahnte. Es dauerte aber nicht lange, so hatte Petrus gegen das Vorurtheil zu kämpfen: nachdem die Väter entschlafen, bliebe alles, wie es gewesen. Oft schon hat man sich die Sachen allzu günstig und dann wieder allzu ungünstig gedacht, und das eine Mal allzuviel gehoffet, das andere Mal allzuviel gefürchtet. Als Jesus auf Erden wandelte, glaubten seine Jünger schon, sich in die ersten Staatsämter theilen zu können, als er darnach starb, sank ihre Hoffnung so ganz in’s Grab, daß sie an keine Erlösung Israels mehr dachten. Als sie sich darauf von seiner Auferstehung überzeugten, die sie lange für ein Mährlein hielten, waren sie gleich mit der Frage bei der Hand: Wirst du jetzt wieder aufrichten das Reich Israel? worauf Jesus weder Ja noch Nein antwortete, sondern sagte: euch gebühret nicht zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat. Was für Hoffnungen und Erwartungen werden in ihnen lebendig geworden sein, als in Jerusalem erst 3000 und bald darauf 5000 auf einmal gläubig wurden, bis eine schwere Verfolgung in den Weg trat, welche die ganze Gemeine zerstreute, und die Juden noch jüdischer machte wie zuvor. – Auf eine ähnliche Weise ist es mehrmals gegangen. Zur Zeit der Reformation glaubte man, und wie es schien mit Recht, das eine Mal das ganze Papstthum müsse fallen, und die ihm bis dahin ergebensten Reiche würden ihm abtrünnig werden, aber immer wurde seine Wunder wieder heil – das andere Mal urtheilte man mit eben so viel Recht, es sei um die Reformation geschehen, selbst da, wo sie am festesten gewurzelt war. – Es war wohl ein Mal aller Anschein dazu da, die Wahrheit und Gottseligkeit werde zur Herrschaft gelangen, und auch wieder, sie werde ganz von der Erde verschwinden, und ihre wenigen Anhänger in kurzem ausgestorben sein. – Wie nahe hat man nicht schon oft das tausendjährige Reich geglaubt, und gemeint, aufs deutlichste nachweisen zu können, es sei in vollem Anzuge, und man möge nun getrost rufen: Hosianna dem Sohn David! – Eben so geht’s im Innern. Wie viele Seelen haben zur Zeit, da es ihnen mit David wohlging, auch mit ihm gerufen: nimmermehr werde ich daniederliegen, sind aber auch mit ihm erschrocken, wenn der Herr sein Angesicht verbarg; und wie sie das eine Mal dachten, sie würden nie wieder zweifeln, so das andere Mal, sie würden nie wieder glauben, nie wieder sich freuen können.

 

Wir sind jetzt in unsrer Betrachtung bis ganz nahe an Canaan gekommen, es mag eine halbe Stunde weit sein. Laßt uns sehen, was sich da begiebt.

 

Dies ist die vierzehnte Lagerstätte. Die Ereignisse derselben sind betrübender Art, aber auch zugleich warnend und lehrreich. Die heilige Schrift bezieht sich mehrmals darauf. Laßt uns denn kurze diese Ereignsise selbst betrachten, und sodann auch die Lehre erwägen, die für alle folgende Zeitalter darin liegt.

 

Die erste bedauernswürdige Begebenheit, welche uns im 12. Kapitel ausführlich gemeldet wird, führen leider ein paar Personen herbei, von denen man es am wenigsten hätte erwarten sollen, die Geschwister Mosis: Mirjam und Aaron. Mirjam, Mosis Schwester, wird zuerst genannt, weil sie vermuthlich die Anstifterin des ganzen war, und ihren Bruder Aaron mit ihrer verkehrten Ansicht angesteckt hatte. Es sollte über Mose her, wider welchen sich diese Beiden vereinigt hatten, als hätte er nicht ohnehin Verdruß genug. Er nennt sich daher auch den geplagtesten oder sanftmüthigsten unter allen Menschen. Es ist allerliebst, daß man’s auf beiderlei Art geben kann. Im Text steht freilich der sanftmüthigste, am Rande aber ist dabei geschrieben, der geplagteste: anaf und aniaf, so daß man eins wählen mag. Es lautet allerdings etwas sonderbar, daß Mose selbst seine Sanftmuth so hoch gepriesen haben sollte, da man’s weit eher wird gelten lassen, wenn jemand seine Plage als übermäßig groß schildert. Wem dann nun jenes anstößig vorkommt, der mag dieses nehmen, wie Luther auch in seiner Uebersetzung thut. Aus dem nämlichen Grunde ist man z.B. berechtigt, die Worte Jes. 9, V. 2. statt: du machst der Heiden viel, damit machst du der Freuden nicht viel, zu übersetzen: damit machst du ihm viel Freude, weil zwar im Text das Wort: nicht, am Rande aber ihm steht. Beides lautet auf Hebräisch lo, die Uebersetzung durch ihm oder nicht macht aber einen großen Unterschied. – Indessen können wir’s dem Mose doch eben sowohl zugeben, daß er seiner Sanftmuth, als dem Paulo, daß er 2. Tim. 3. seines Glaubens, seiner Langmuth, seiner Liebe, seiner Geduld gedenkt. Heilige, die auf der einen Seite ein offenes Geständniß ihrer Gebrechen ablegen, mögen auf der andern auch ihr Gutes bekennen, denn ihre Demuth bleibt doch in beidne Fällen dieselbe, indem sie jenes sich selbst, dieses der Gnade beimessen. Uebrigens lernt sich Sanftmuth nicht ohne Plage, wenigstens gibt diese jener Gelegenheit hervorzutreten.

 

War dem Mose seine Sanftmuth bisher bei so vielen Gelegenheiten gut zu statten gekommen, so ward ihm auch jetzt dazu eine nicht angenehme Veranlassung gegeben. Mirjam und Aaron ärgerten sich an ihm und gaben ihm dies mit verdrießlichen Worten zu erkennen. Womit gab er ihnen denn ein Aergerniß? Er gab es ihnen nicht, sondern sie nahmen einen Anstoß daran, daß er eine Mohrin geheirathet hatte; und dies war’s auch noch so eigentlich nicht, was sie verdroß, sondern es war beleidigte Eigenliebe, gekränkter Ehrgiez. Redet denn der Herr allein durch Mose? fragten sie, redet er nicht auch durch uns? Wir sind älter wie er, wir haben den Geist Gottes so gut, wie er auch; und doch soll alles so gehen, wie er es verordnet, das sind wir müde; wir wollen mitsprechen, mitanordnen, mitbefehlen, und nicht alles uns gefallen lassen, was er anordnet. Seht da den Ehrgeiz, die Eigenliebe. Die Vorzüge anderer werden von diesen bösen Eigenschaften als Beleidigungen angesehen. Sie gönnen sie andern nicht, sondern wollen sie selbst besitzen, und suchen ämsig das herbei, was sie in dem Urtheil andrer verkleinern kann. Und diese Unart sehen wir hier sogar an ehrwürdigen, ja heiligen Personen hervorbrechen. Wie klägllich. Sollte nicht die Beziehung, worin wir gegeneinander stehen, derjenigen unsrer Glieder gleichkommen, wie der Apostel will? Leidet ein Glied, so leiden sie alle sympathetisch mit, wird eins herrlich gehalten, so freuen sich alle mit. Jedes Glied ist mit der ihm angewiesenen Stelle zufrieden, die Hand begehrt nicht Auge, der Fuß nicht Ohr zu sein. Jedes nützt an seiner Stelle, auch der kleine Finge rund die kleine Zähe, mag es auch nicht von jedem Gliede gleich merkbar sein. Kein Glied darf zum andern sagen: ich bedarf dein nicht. Eins thut dem andern Handreichung. Wie könnte denn alles Auge, und alles Moses sein. Sollten wir an anderer Sünden unser eigenes Elend – so sollen wir auch an anderer Herrlichkeit unsere eigene sehen. Denn was Christus Andern Vortreffiches schenkt, das könnte er ja auch dir und mir geben. Bist du denn niedrig, so rühme dich deiner Hoheit, bist du hoch, so rühme dich deiner Niedrigkeit, bist du schwach, so rühme dich deiner Stärke, bist du stark, so rühme dich deiner Schwachheit.

 

Die Mohren waren bei den Juden ein sehr verachtetes Volk, was sie auch noch sind, dem über sie, in ihrem Stammvater Ham oder Canaan von Noah ausgesprochenen Fluche gemäß: er sein ein Knecht der Knechte. Wie hat sich denn doch der blinde Stolz der Päpste so verirren können, daß sie diese Fluchbezeichnung in ihren Titel aufgenommen haben? – Diese Verachtung fiel allerdings zum Theil auf Mose zurück, da er eine Person aus so verachtetem Volke zum Weibe hatte. Auch redete Moses nicht gut. Große Gnadengaben haben gemeiniglich auch ein großes Gegengewicht, damit theils der Mensch sich selbst nicht zu hoch stelle, sondern in der Demuth bleibe, theils andere ihn nicht vergöttern, welches so leicht geschieht. Paulus wurde in den dritten Himmel entzückt, damit er sich aber der hohen Offenbarung nicht überhöhe, ward ihm gegeben ein Satans-Engel, der ihn mit Fäusten schlage. Ueberdas litt er Anfechtungen nach dem Fleisch, die, mögen sie bestanden haben, worin sie wollen, im Stande waren, ihn bei andern verächtlich zu machen. Seine Gegenwärtigkeit hatte nichts imposantes. Seine Rede war verächtlich, seine Predigten waren ohne Glanz und Beredsamkeit, noch mehr wie seine Briefe; seine Persönlichkeit hatte wenig empfehlendes. Die großen Genies sinken nicht selten in’s gewöhnliche herab, und große Gaben verlieren sich zuweilen auf die Dauer, wie der gewaltige Rhein im Sande. – Mirjam, eine Prophetin, eine Dichterin, eine Sängerin, dünkte sich über ihre Schwägerin weit erhaben, und verachtete nicht nur sie, sondern auch um ihrentwillen ihren Bruder, und wollte nicht geringer sein, wie er. Sie wollte Auge sein, da sie nur Ohr war. Sie war für den Augenblick nicht von Davids Gesinnung, welcher sagte: ich will noch geringer werden denn also. – Aber was hatte sie für Grund sich zu erheben? Sie war keine Mohrin, aber hatte sie das sich selbst und ihren eignen Maßregeln zu verdanken? und mochte jene eine Mohrin sein, so war und blieb sie doch Mosis Weib, wie Salomo später auch eine solche heirathete, und mit übertriebener Liebe an ihr hing. Ja, was bildete sich Mirjam doch wohl ein? Vor Gott ist hie ja kein Unterschied, sondern alle Menschen sind sich darin gleich, daß sie Sünder sind, und der Herrlichkeit Gottes ermangeln. Nicht die Farbe der Haut, sondern des Herzens; nicht die Abstammung, sondern die Sünde macht verächtlich, und wer einen andern seiner Sünden wegen verachtet, der mag doch noch zusehn, wie er das thut, damit kein Pharisäer mit unterlaufe. Gott vergibt auch großen Sündern, wenn sie Buße thun, und verdammt Gerechte, welche Buße nicht zu bedürfen meinen. Ja, wirft nicht Gott Amos 9,7 alles in einen Haufen, wenn er daselbst sagt: seid ihr Kinder Israel mir nicht gleich wie die Mohren? Halte deswegen nicht so hoch von dir, o Mirjam! sondern besieh deine eigene Gestalt, ob du nicht auch schwarz seist. Wohl dir, wenn du wie jene salomonische Mohrin sagen kannst: ich bin schwarz aber lieblich.

 

Moses ist auch als ein Vorbild Christi zu betrachten, selbst in dieser seiner von Mirjam und Aaron mißbilligten Ehe. Die Gemeine der Auserwählten heißt Christi Weib. Er ihr Mann. Aber was ist diese Gemeine von Natur denn anders, als eine Mohrin? häßlich und ungestaltet. Und trat nicht Jesus wirklich als ein Brautwerber um solch eine Mohrin auf, da er nicht nur erklärte, er sei gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist; Sünder zur Buße zu rufen, und nicht die Gerechten; sondern sich auch so benahm, daß man von ihm sagen konnte: dieser nimmt die Sünder an, und isset mit ihnen, wie ja sogar einer von seinen Aposteln aus der verabscheutesten Classe, d.h. aus der Zöllnerzunft war. Und als nun vollends die Heiden herzugerufen wurden, so stieg der Unwille bei den Juden auf den höchsten Gipfel, und sonderlich bei der Priesterschaft. Und im Ganzen macht eben das die christliche Religion so verhaßt, was sie so erwünscht und liebenswerth macht, der Umstand nämlich, daß sie die Religion für arme Sünder ist. So lieb sie aber deswegen den armen Sündern ist, die durchaus keine andere Religion brauchen können, so ekelhaft ist sie den Satten, Reichen, Starken. – Mirjam und Aaron wollen keine Schüler sein, welche in allen Stücken an den Lippen Mose hängen sollen, sie haben selbst Verstand, sie können selbst rathen; sie sind keine Leute, die man gängeln und leiten muß, sondern die sich selbst schon zu regieren wissen. Und überall, wo dieser Sinn herrscht, da nimmt man auch Anstoß am Christenthum. Je ärmer und elender aber jemand geworden ist und wird, desto mehr söhnt er sich mit der christlichen Religion, selbst bis zu dem Lehrsatz von der ewigen Erwählung aus. – Sie muß grade so und nicht anders sein, wenn sie für ihn passen soll. Dann darf kein Steinlein an diesem Gebäude anders verrückt oder gelegt werden, sondern alles muß genau so bleiben. O! wie lieb ist’s da der Seele, daß Jesus eine Mohrin, daß er Sünder nimmt. Eben dies tröstet sie, und macht ihr Jesum so lieb.

 

Der Herr weiß aber die Seele, die er lieb hat, schon klein zu machen, wie er auch dort zu dem Manne sagte, welcher sprach: ich bin reich, welche ich lieb habe, die strafe und züchtige ich. So ging es auch der Mirjam und dem Aaron. Der Herr hörte es, was sie sagten. Er nahm eine ungnädige und doch noch gnädige Kenntniß davon. Der Herr hörte es. Bedenkliches Wort! Wohl hat Hiob Recht und Ursache, wenn er sich auch gegen Menschen seiner Gerechtigkeit rühmet, doch sobald er zu Gott redet, sagt er: du wollest ja nicht Acht haben auf meine Sünde. Ach! – Gott siehet nicht wie ein Mensch. Der Mensch in seinem Leichtsinn hüpft leicht über seine sündlichen Gedanken, Worte und Werke hinweg, und aus den täglich vorkommenden Fehlern macht er sich durchgängig gar nichts. Aber bei einem solchen Sinne wird er nicht gut fahren. Achtet er’s gering, so schlägt’s Gott so viel höher an, und nimmts so viel genauer. David erschrickt mit Recht über der Vorstellung, wenn Gott Sünde zurechnen wollte, und sagt: wer kann in solchem Fall bestehen? Mirjam und Aaron schlugen es auch nicht an, was sie sagten, und meinten noch wohl großes Recht dazu zu haben, aber wie bald bekamen sie ein anderes Gesicht davon, und wie tief wurden sie alle Beide beschämt und gedemüthigt.

 

Sie waren all drei in der Stiftshütte. Plötzlich weiß der Herr sie alle drei hinaus. Warum Mose mit? Ohne Zweifel, auch ihn zu demüthigen, damit ihn das große Lob, das der Herr selbst ihm ertheilte, nicht aufblähete; denn der Herr nannte ihn seinen Knecht, der in seinem ganzen Hause treu sei, mit dem er mündlich rede, und der den Herrn nicht in dunkeln Worten und Gleichnissen, sondern in seiner Gestalt sehe, und sprach: warum habt ihr euch denn nicht gefürchtet, wider meinen Knecht Mose zu reden? Und der Zorn des Herrn ergrimmte sehr und wandte sich weg, dazu die Wolke von der Hütte des Stifts. Da war lauter Unwille, und der Herr wandte ihnen verdrießlich den Rücken zu, und stieß sie verächtlich von sich. Jetzt gingen ihnen die Augen auf. Ihr vermeintliches Recht verwandelte sich ihnen nun in lauter Unrecht. Sie wurden nun in ihren eignen Augen schwarz wie die Mohrin, und ließen jetzt ihre Schwägerin gern in Ruhe. So sieht Gott nicht wie ein Mensch, und ein jeglicher mag sich wohl hüten, daß er keinerlei Sünde gering halte, sondern sie für das ansehe, was sie ist, nämlich für das höchste Uebel. Demüthig, demüthig müssen wir werden, und ein zerbrochen Herz haben, und uns fürchten vor seinem Wort, denn solche sieht der Herr an. Mirjam und Aaron waren begnadigte Personen, desto höher aber rechnete Gott ihnen ihre Unart an. Und ihr, die ihr Gott als Vater anrufet, führet euren Wandel, so lange ihr hie wallet, mit Furcht, denn es gilt vor ihm kein Ansehn der Peson. Was ist das, wenn der Herr sich von einer Seele wegwendet und über sie ergrimmt, mag es auch in Gnaden geschehen! Das erfuhr Hiskia und sprach: vor solcher Betrübniß meiner Seele werde ich mich scheuen mein Lebenlang. Jos. 38.

 

Ja, dabei bliebs nicht, sondern Mirjam wurde aussätzig wie Schnee, und so wurde bei Beiden eine große Zerknirschung bewirkt. Da war kein Trotzen mehr; kein Verachten: was will die Mohrin; kein Prahlen: wir sind so gut wie ihr Mann. Ach nein! das war rein vergangen. Mirjam, die Anstifterin des Ganzen, ist so bestürzt, daß sie kein Wort vorzubringen weiß, Aaron aber thut ein ganz demüthiges Sündenbekenntniß. Ach mein Herr – so ehrerbietig redet er den Mann der Mohrin an – laß diese Sünde nicht auf uns bleiben, damit wir närrisch gethan und gesündiget haben. Sie ist ja wie ein todtes Aas. Aaron dünkt sich kein Haar besser wie seine Schwester. Jetzt nennt er ihr beiderseitiges Verhalten: Sünde und Narrheit. Jetzt hat er kein größeres Anliegen, als daß dieselbe nur nicht auf ihnen liegen bleibe, und bittet Moses, den noch so eben verachteten Moses, diesen Mittler des alten Bundes, um seine Fürsprache bei Gott. – Ist dies nicht der Gang der Gnade bei allen Seelen, die sie demüthigt? Geht’s ihnen nicht auf eine ähnliche Weise? O, wie wird da der Mittler des neuen Bundes so köstlich, und derjenige so unentbehrlich, der sonst so überflüssig schien, so lange man sich selbst wohl gefiel, und ur an andere was auszusetzen fand, während man an seinem eignen Elende blind war. Sind andre Mohren, man dünkt sich selbst aussätzig wie ein todtes Aas; erhub man sich sonst über Viele, so demüthigt man sich nun wohl unter alle, und begehrt nur Gnade und Erbarmen. –

 

Es war kaum nöthig, daß Aaron seinen Bruder zur Fürbitte für ihre Schwester aufforderte. Es schmerzte Mose selbst tief, der Aerger seiner Geschwister hatte ihn so groß nicht verdrossen, das vom Herrn empfangene Lob hatte ihn nicht stolz gemacht. Er erinnerte sich noch sehr gut, wie er noch vor kurzem selbst so ungläubig gewesen war, und fühlte mehr Mitleiden, als Verdruß. Mit großer Inbrunst betete er deswegen: ach Gott, heile sie! Wohl uns, daß wir nicht einen Hohenpriester haben, der nicht könnte Mittleiden haben mit unsrer Schwachheit, sondern der selbst mit Schwachheit umfangen, allenthalben versucht ward, damit er barmherzig würde und Mitleiden haben könnte mit denen, die schwach sind, versucht werden und irren, weshalb wir nun mit Freimüthigkeit mögen zu dem Gnadenstuhl nahen, auf daß wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden, auf die Zeit, wenn uns Hülfe Noth sein wird. So sollen aber auch die Christen unter einander Mitleiden haben, und einer des andern Last tragen, nicht aber meisternd und richtend über einander herfahren, als die auch selbst noch im Fleische sind. Sehen wir doch später auch den Moses noch fehlen, so daß der Herr ihm und Aaron vorwirft: darum, daß ihr an mich nicht geglaubt habt, daß ihr mich heiligtet vor den Kindern Israel, sollt ihr diese Gemeine nicht in’s verheissene Land bringen. Je demüthiger, je bescheidener, je geringer in seinen eigenen Augen, desto besser und desto sicherer.

 

Mirjam sollte aber gründlich gedemüthigt werden. Mose Fürbitte ward also wohl erhört, jedoch nicht auf der Stelle. Sie sollte sich als Eine betrachten lernen, der ihr Vater aus gerechtem Widerwillen ins Angesicht gespien hätte, und sich darüber schämen. Mose mußte sie sieben Tage lang außer dem Lager verschließen, da erst wurde sie wieder heil. O! was werden das für sieben Buß- und Bettage, für sieben Schmerz- und Wehtage gewesen sein! Wird sie nicht mehrentheils auf der Erde gelegen haben, und sich wegen ihrer Thorheit und Sünde fast unausstehlich geworden sein? Diese Cur that ihr auch so wohl, daß wir in der weitern Geschichte von keinem Fehler mehr lesen, den sie begangen hätte. Gründlich müssen wir gedemüthigt werden, dann werden wir auch gründlich geheilt. Diese Demüthigungszeit dauerte bei den Kindern Israel ganze 40 Jahre, damit alles kund würde, was in ihrem Herzen war. Paulus wollte auch gern viel früher von seinen Demüthigungsleiden befreit sein, als es die göttliche Weisheit für zweckmäßig fand. Er wird sitzen und schmelzen die Kinder Levi. Er nimmt sich also Zeit dazu. –

 

Das Volk nahm einen herzlichen und aufrichtigen Antheil an der Demüthigung und Züchtigung dieser angesehenen Person, und zog nicht eher weiter, als nachdem sie wieder aufgenommen war. Nach ihrer Wiederaufnahme aber brachen sie auf, und zogen in die Wüste Paran. Es war eine sehr große, bergigte und erschreckliche Wüste. Ihr wißt, daß das hebräische Wort Wüste auch eine Schule heißen kann. Sie kommen also aus einer Schule in die andre. Und geht’s nicht wirklich also? Werden nicht immer neue Lectionen aufgegeben? Ich will dich unterweisen, heißt es Ps. 32. Wir kommen nicht aus der Schule, und was kann nützlicher sein? Meine nur niemand, er habe ausgelernt, und wäre jemand wirklich am letzten Kapitel, so könnte es wohl geschehen, daß sein Meister ihn wieder zu den ersten zurückführte, weil das erstmalige Aufsagen etwas obenhin geschah, und es nun genauer genommen werden soll, oder wenn eer das Hebräische mit den Selbstlautern lesen kann, wird es ihm darauf ohne dieselben vorgelegt. – Als Meister kennen wir nur Einen, und das ist Christus. Jener große Heilige war auch was in die große Meisterschaft hineingerathen, so daß er auch sagte: nach mir redete keiner. Er wurde aber so in die Schülerschaft zurückgedrängt, daß er sprach: ich will dich fragen, lehre mich; Hiob 42,4., und ein Anderer war so gelehrt geworden, daß er sagte: ich halte mich nicht dafür, etwas zu wissen, ohne allein Jesum Christum den Gekreuzigten. Wohl dem aber, der das vierfache Wissen hat, von welchem Johannes am Schlusse seiner ersten Epistel schreibt.

 

Die Wüste, diese Schule hat ihre Namen von Schönheit, Schmuck, Zierde, denn das bedeutet das Wort Paran. Seltsam, eine Wüste so zu nennen. Aber heißt nicht vieles gut, ohne es zu sein, und ist nicht vieles gut, ohne es zu scheinen? Heissen wir nicht als natürliche Menschen die Welt mit ihrem Wesen gut? Aber wenn sie diesen Namen verdiente, würde uns dann wohl empfohlen werden, weder sie, noch was in derselben ist, lieb zu haben? Würde von ihr gesagt: sie liegt im Teufel, und würde er ihr Gott genannt, denen aber, die sie lieben, alle Liebe Gottes abgesprochen, und es als etwas Unseliges bezeichnet werden, wer sie wieder lieb gewinnt? Heißt es nicht Unflath der Welt? Sagt nicht Habakuk, wer sein Gut mehret, ladet nur viel Schlamm auf sich, und wie lange wird’s währen? Dagegen sagt Christus von den Seinigen: sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin, und mein ganzes Reich nicht von dannen ist. Und ach! wie vieles wird Paran, wird gut, schön, herrlich genannt, was doch nur eine Wüste ist; wird gesucht, begehrt, errungen, was doch geringgeschätzt oder gar verabscheut werden sollte. Adam nannte die ihm vorkommenden Dinge mit ihren eigentlichen Namen, wie Gott sie auch nannte. Aber dies Vermögen hat er, und wir mit ihm, längst verloren, und unsre Sprache ist verwirrt. Fürsten gehen zu Fuße, und Knechte reiten auf Rossen. Wie mancher König ist ein jämmerliche Sklav, und wie mancher verachteter Sklav ist ein König ewiglich. Wie mancher Reiche ist blutarm, und wie mancher besitzt keinen Thaler und ist reicher als Crösus; wie viele Narren heißen Weise, und wie viele hochgelehrte Meister in Israel wissen nichts. – Aber wie manches heißt eine Wüste, was doch eine Schule und Unterweisung – heißt eine Wüste, was doch Paran, geschmückt genannt werden sollte. – Die Züchtigung z.B., wenn sie da ist, dünkt uns nicht Freude, sondern eine Wüste, wirkt sie aber nicht eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübet sind? Die Erkenntniß und das Gefühl seiner Sünden: welche Wüste, aber welche heilsame Schule! Wer sollte nicht Anfechtungen scheuen? und doch sagt Jacobus: selig ist der Mann, der sie erduldet, ja er sagt: achtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallet. – Wer fliehet nicht die Trübsale, aber welche Schönheit mußten diejenigen darin entdecken, die sich nach Röm. 5 derselben sogar rühmten, wissend: daß sie Geduld wirke, Geduld Erfahrung, Erfahrung Hoffnung, und Hoffnung nicht zu Schanden werden läßt. – Ja, gilt dies nicht sogar vom Evangelium überhaupt? Es dünket natürlichen Menschen eine Thorheit, eine dürre, ungenießbare Wüste, die des zurückschreckenden viel enthält. Der Eine glaubt unauflösliche Widersprüche darin zu entdecken, der Andere Ungereimtheit und Unverstand, aber in welches geschmückte Paran wandelt es sich für ihn um, wenn er auf dem Wege der Selbst- und Sünden-Erkenntniß zu der wahren Einsicht in dasselbe gelangt. Auf diesem Wege ist schon aus manchem Saulus ein Paulus, aus manchem Verfolger ein Beförderer der Gemeine geworden. Und so geht’s auchin andern Dingen. David fand in den nämlichen Drangsalen, über welche er sich bitterlich beklagt, von welchen er geglaubt hatte: Gott würde ihn damit verschonen, wenn er ihn lieb hätte, nachmals einen Anlaß seine Treue zu preisen, womit er ihn gedemüthigt hatte, welche ihm so nützlich wurde, daß er sagen konnte: ehe ich gedemüthigt ward, irrete ich, nun aber halte ich dein Wort. Hält er’s deshalb nicht seiner Seele vor: du wirst ihm noch danken, und sucht dadurch sich selbst zum Harren auf den Herrn zu erwecken, und der allzugroßen Bekümmerniß zu steuern? War nicht das Gefängniß für Joseph der Weg zu den höchsten Ehren, und was konnte dem einen Schächer nützlicheres widerfahren, als daß er an ein Kreuz kam? und auf der andern Seite, wer war in der Wüste: der reiche Mann oder Lazarus, der voller Schwären vor seiner Thür lag? Johannes oder Herodes, der ihn enthauptete? – Sehe nur ein jeglicher zu, daß er nicht die Wüste statt Canaan erwähle, den Schein statt des Wesens. Ergreifet vielmehr das ewige Leben, wozu ihr berufen seid. Verleugnet, um Christi willen alles, und wisset, daß ihr’s in seiner Nachfolge hundertfältig erst mit, dann ohne Verfolgung wieder erlangen werdet.

 

Laßt mich jetzt zum Schluß nur noch bemerken, daß der Ort, wo sie sich in dieser ungeheuern Wüste lagerten, Ritma genannt wurde, auf deutscht heißt das Wachholder, deren daselbst viele wachsen mochten, und wenn sie auch die Schlangen verscheuchten, welche sich nicht in ihrer Nähe aufhalten, doch durch ihr stachelichtes Wesen wieder beschwerlich wurden. Canaan ist nun ganz nahe. Wir sind unmittelbar an den Gränzen, höchstens eine halbe Stunde von dannen. Hindernisse zum Uebergang in das Land sind keine da, weder Fluß noch hohe Berge. Wir erheben billig ein Freudengeschrei. Jerusalem, Hebron und wie die Städte alle heißen, sind nicht fern. Mich deucht, wir hören von dorther läuten, und sehen die Heerden und Winzer an den Bergen, hören diese singen und jene brüllen, und unsre Herzen hüpfen vor Freude.

 

Brechen wir aber hier ab, um nächstens zu vernehmen, was sich nun weiters begiebt! Herr, hilf deinem Volke, und segne dein Erbe, das dein harret. Amen.

 

 

Sieben und zwanzigste Predigt.

 

Vierzehnte Lagerstätte: Ritma. Fortsetzung.

4. Buch Mosis 13,1.2.3.

 

Groß müssen die Bedrängnisse sein, welche den Verheißenen, bessern Zeiten vorhergehn, und die Jes. 49,24 in den Fragen ausgedrückt werden: kann man auch einem Riesen den Raub nehmen, oder kann man dem Gerechten seine Gefangene losmachen? Und es ist eine nicht geringe Aufgabe für den Glauben, wenn er nach dem folgenden dafür halten soll, daß dem Riesen seine Gefangene genommen, und des Starken Raub los werden soll. Es kann einerlei sein, wen wir unter dem Riesen und Gerechten, welcher gleich darauf ein Starker oder Furchtbarer genannt wird, verstehen – das Vorbild des Nebukadnezar oder das Gegenbild der Teufel, den Antichrist, oder sonst etwas – es bezeichnet auf jeden Fall etwas, das das Volk Gottes in nicht geringe Drangsal setzt. Diese Drangsal ist um so empfindlicher, da bei derselben eine Gerechtigkeit bemerkbar ist, und sie demnach als eine wohlverdiente erscheint. Um desto mehr Werk trifft hier der Glaube an, der sich aus der Tiefe emporarbeiten soll. Die Gerechtigkeit soll er durch eine andere höhere Kraft überwinden, dergleichen darf sich der Gläubige nicht befremden lassen. Er kann berufen sein, einen nackten, d.i. einen solchen Glauben zu üben, der, wie Christus zum Thomas sagt, nicht siehet und doch glaubet, oder der gar, wie Abraham, wider Hoffnung hoffend, glauben soll. Ist er dazu berufen, was vielleicht nicht allen Gläubigen geschieht, so versteht’s sich von selbst, daß er aller natürlichen und sinnlichen Stützen beraubt, auch zugleich mit den bedeutendsten Schwierigkeiten umringt, in Umstände versetzt wird, wo die Fragen unsers Spruches in Kraft treten. Ging’s nicht Paulo so in Asien, wo er eben deswegen so über die Maßen und über Macht beschweret wurde, daß er sich schon des Lebens begab, damit er nicht auf sich selbst, sondern auf Gott sein Vertrauen stellete. – Freilich möchte man von solchen Führungen wohl sagen: das widerfahre dir nur nicht. Aber Gott will auch solche haben, die ihn also anbäten. Doch laufen solche enge Wege zuletzt in den weiten Raum aus, der V. 23 angekündigt wird: Du wirst erfahren, daß ich der Herr bin, an welchem nicht zu Schanden werden, die mein harren, denn ich bin der Herr, dein Heiland, und der Mächtige in Jacob, dein Erlöser.

 

Auf solche Führung mag sich indessen ein jeder Christ wohl gefaßt halten, und dann gilt’s Glauben. Doch der Herr hält Treue und Glauben. Er wirke in uns das Werk des Glaubens mit Kraft, und segne dazu auch die Fortsetzung unserer Betrachtung der Wanderungen Israels.

 

Wir befinden uns noch zu Ritma, ganz nahe an Canaan. Laßt uns jetzt der Betrachtung der Begebenheiten daselbst näher treten, welche von hoher Wichtigkeit sind, und worauf die heil. Schrift sich mehrmals bezieht, und es als ein warnendes Exempel für alle Zeitalter vorstellt. Zuerst erwägen wir die Geschichte selbst.

 

In der Nähe Canaans, und namentlich derjenigen Gegend, wo Juda sein Erbtheil bekam, angelangt, ward es für gut befunden, zwölf Kundschafter nach der Zahl der zwölf Stämme Israels auszusenden, die sollten das Land genau erkundigen, und sodann einen genauen Bericht abstatten von der Beschaffenheit desselben, seinem Boden, seiner Fruchtbarkeit, der Beschaffenheit seiner Städte und Dörfer, und ihrer Einwohner, auch einiges von den Landesfrüchten mitbringen. Diese Idee ging nach 5. B. M. 1. von dem gesammten Volke aus, nach 4. B. Mos. 13 aber befahl es der Herr. In der Sache selbst also stimmten beide, das Volk und der Herr mit einander überein. Das Verfahren war sehr vernünftig und wohl überlegt. Wie es Leute gibt, welche alles auf dem Wege der Vernunft und Ueberlegung auszurichten gedenken, so gibt’s andere, die ihren Mund gleich zum Tadeln spitzen, wenn davon die Rede ist, seine Vernunft zu brauchen. Beides ist gleich tadelnswerth. Wie sollte man nicht gehörig überlegen, und warum sollte das nicht auf eine fromme, Gott gefällige Weise geschehen können? Es gibt auch einen religiösen Aberwitz und der gehört mit zu der Verdrehtheit des menschlichen Herzens. Wollte Gott, wir wären alle recht vernünftig, und mit den Galatern hätten die Leute aufgehört, die ein Apostel Unverständige nennt! Es war sehr vernünftig und wohlgethan, daß Moses seinen Schwager Hobab, obschon er ein Mohr war, dringend bat, mit ihnen durch die Wüste zu reisen, deren er sehr kundig war, wiewohl ihnen die Wolkensäule den Weg genugsam weiß. Es war sehr vernünftig aber übel gethan, daß sich mehrere Israeliten Manna im Vorrath sammelten. Der Gedanke Kundschafter ins Land zu senden, war sehr vernünftig und wohlgethan.

 

Es hat einer kleinen Anstrengung bei mir bedurft, euch nicht auch mit einer Auslegung der Namen der zwölf Kundschafter aufzuhalten, wie ich die der zwölf Heerführer Israels gab. Indessen stand ich doch um so mehr davon ab, da ihre zwölf Namen wohl meistens schöne Bedeutungen haben, diejenigen aber, die sie führten, schlimme Leute waren. Da sie nun überdas ansehnliche Aemter bekleideten, so waren sie um so gefährlicher, je größer das Zutrauen war, das man zu ihnen hegte. Wir müssen es uns auch nicht anfechten lassen, daß es unter den Feinden der Wahrheit berühmte Namen gab und gibt, und daß im Ganzen die höhern Stände auch durchgängig zugleich die üppigsten sind. Das ist freilich ein schweres Gericht. Wenn Professoren, wenn Prediger und Schullehrer selbst wider die Wahrheit sind, so sieht es vollends übel aus, dies ist aber nichts seltenes. Glaubt auch irgend ein Oberster oder Pharisäer an ihn? fragten die jüdischen Herren ihre Diener, sondern das Volk, das nichts von Gesetz weiß, und dachten damit der Lehre Jesu allen Einfluß auf ihre Herzen abgeschnitten zu haben. Der alte Mensch verdirbt sich die Lüste in Irrthum und unsre Wachsamkeit und Nüchternheit mag sich wohl vervielfältigen, da die Versuchungen so scheinbar sind. - Zwei Namen muß ich aber doch nennen, weil sie eine ehrwürdige Ausnahme machen, und die Einzigen sind, welche von allen den 600,000, die aus Egypten zogen, Canaan erreichten. Der Eine hieß Caleb, d.i. gut Herz; und gewiß kommt nichts Böses, sondern nur das gute Herz nach Canaan. Es sei denn, daß jemand von Neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht ererben. Es war ein Sohn Jephunne, d.h. abgewandt. Nicht einverstanden, sondern abgewandt war er von den Gesinnungen der Andern, mochten ihrer auch mehr an der Zahl sein, mochten sie auch den allgemeinen Beifall erlangen, mochten sie auch in hohem Ansehen stehn und heißen, wie sie wollten. Caleb war in seiner Gesinnung von ihnen abgewandt, und bewieß sich auch so in seinem Verhalten. Der zweite hieß: Hosea, Moses aber gab ihm den Namen Josua, oder ganz ausgesprochen: Jehoschua. Die Bedeutung dieser beiden Namen ist die nämliche, denn er bezeichnet einen Heiland oder Seligmacher. Aber in dem zweiten Namen Jehoschua ist, wie es sich dem Gehör kund thut, der Name Jehovah, wenigstens die beiden ersten Sylben desselben, mit eingewebt, so daß er nun so viel heißt als: Jehovah der Seligmacher, und das ist nichts anders, als der Name Jesus. Dies ist höchst bemerkenswerth. Josua war es auch, und nicht Moses, der die Gemeine in’s Land Canaan einführte; das Gesetz vermag es nicht, sondern nur Jesus. Josua war auch der rechte Mann noch nicht, worauf uns der Apostel Ebr. 4 aufmerksam macht; er war es nicht, der zur Ruhe brachte, dies blieb einem andern vorbehalten, der zwar den nämlichen Namen führte, aber ein ganz anderer war. So schimmert überall das Evangelium durch, wie die köstliche Kerne aus dem Ritz eines Granatapfels. Uebrigens, wer kommt in den Himmel als Josu und Kaleb, Jesus und das gute Herz? Den Namen eines von den Mitausgesandten will ich doch mit seiner Bedeutung auch noch anführen, er hieß Gaddi Susi: meine Rüstung ist mein Pferd. Das mag mir der Rechte gewesen sein, wenn, wie zu vermuthen steht, Sinn und Name miteinander übereinstimmten. Ein anderer hieß freilich Gadiel: meine Rüstung ist Gott, aber so recht auch die Bedeutung dieses Namens ist, wenn er weiter nichts als ein Name ist, so macht’s auch nichts aus. Einer hieß Juel: Zustimmer. Und freilich stimmt man leicht dem zu, was die meisten für gut finden, und glaubt die Menge der Theilnehmer rechtfertigen die Sachen; das ist aber sehr armselig, wie der Name des Vaters dieses Zustimmers Minhi andeutet.

 

Diese Männer zogen denn aus. Ihr Unternehmen war nichts geringes. Sie mußten sich ganz auf den Schutz Gottes verlassen, denn wenn sie entdeckt wurden, so sah es schlimm mit ihnen aus, und die Canaaniter würden ihrer nicht verschonen. Aber wer aus göttlichem Auftrag etwas unternimmt, der mag nur getrost sein, er steht unter seinem Schutz. Das erfuhren auch diese Männer, denen kein Ungemacht widerfuhr, und man sollte ordentlich bedauern, daß wir nichts umständliches davon wissen, wie es ihnen denn gegangen, wobei sich ohne Zweifel manches Merkwürdige zugetragen, und die göttliche Vorsehung sich oft sehr deutlich erwiesen haben wird. Sie übereilten sich in ihren Nachforschungen auch so wenig, daß sie ganzer 40 Tage außen blieben, binnen welcher Zeit sie vieles auskundschaften konnten. Man kann denken, mit welcher gespannten Erwartung, und mitunter auch mit vieler Sorglichkeit man ihrer Rückkehr im israelitischen Lager entgegengeharrt haben wird, wie oft sie der Gegenstand des Gesprächs der Menge, und der Fürbitte der Frommen gewesen sind. Endlich kamen sie wieder. Was das für eine Freude gewesen sein wird, was für eine Neugier, was für ein Fragen! Zuerst sahen sie den herrlichen Thatbeweis von der Beschaffenheit des Landes auf ihren Schultern, welches sich in der dürren Wüste herrlich ausnehmen mußte. In dem Thal Eskol nämlich hatten sie eine Weinrebe mit einer Traube, die eben auf Hebräisch Eskol heißt, und wovon sie dem Thal den Namen gaben, abgeschnitten, welche sie von Zween, an einem Stecken tragen ließen. Wenn wir auch aus dem Umstande, daß sie also getragen wurde, gereade keinen Schluß auf ihre Schwere und Größe machen können, sondenr in dieser Maaßregel vielmehr einen Beweis ihrer Vorsichtigkeit finden, weil dies die beste Weise ist, leich verletzliche Trauben unversehrt eine bedeutende Strecke zu transportiren, so ist es doch gewiß, daß in Asien die Trauben zu einer solchen Größe gedeihen, welche uns unglaublich vorkommen möchte. Sie werden nämlich häufig so groß, daß ein zwölfjähriger Knabe sich hinter einer einzelnen Traube verbergen kann, und die einzelne Beere so dick ist, wie der dickste unsrer Aepfel. Zwei Menschen konnten also wirklich an einer einzigen von solchen Trauben auf die Dauer genug zu tragen haben. Was mußte das denn nicht für ein Anblick für die Kinder Israel sein, zumal da sie nun im Begriff waren, in ein solches Land einzuziehn. Außer diesen Trauben brachten sie auch Granatäpfel und Feigen mit, alles von seltener Größe und Schönheit. Der Granatapfel ist eine eben so angenehme und erfrischende, als gesunde und schöne Frucht. Ihre Schale ist von den zierlichsten Streifen und Farben, und wenn sie reif ist, bekommt sie einen Ritz, durch welchen purpurrothe, saftige Kerne und Beeren einladend hervorblicken, die man mit leichter Mühe aus dem Schlitz zum Genuß hervordrücken kann. Im Hohenliede wird dieser Ritz im Granatapfel etliche Mal als ein Bild der Schönheit genannt. Nun diese herrliche Sachen wurden ihnen nicht so sehr zum Genuß als zum Anschauen dargebracht, um dadurch ihre Sehnsucht nach diesem herrlichen Lande desto mehr anzufeuern. Es waren Erstlinge, worauf die volle Erndte folgen sollte, als deren Unterpfand sie ihnen eingehändigt wurden. Etwas ähnliches geschieht noch im Geistlichen. Wir haben auch des Geistes Erstlinge. Es werden uns auch zuweilen köstliche Trauben aus dem himmlischen Canaan entgegen getragen, und wir mit Kräften der zukünftigen Welt erquickt, müssen wir gleich im Ganzen mit dem täglichen Manna der Gnade vorlieb nehmen, so gibts auch zuweilen etwas Besonderes und Ausnehmendes. Der Teufel zeigte Christo auf eine lügenhafte Weise in Einem Augenblick alle Reiche dieser Welt, und sprach: dies Alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest. Christus macht es auf eine ähnliche Weise mit den Seinigen, indem er ihnen einen Blick in die Herrlichkeit seines Reiches, einen Vorschmack desselben schenkt, und ihnen sagt: dies alles und noch weit mehr will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest, worauf die Seele mit tausend Freuden und unumschränkter Bereitwilligkeit antwortet:

 

Alles will ich geben hin,
Wenn ich dich nur kann besitzen;
Weg mit allem Weltgewinn,
Hierauf will ich mich nicht stützen.
Mein Erlöser ist mein Gold,
Das ist nicht vertauschen wollt.

 

Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde, wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Theil. Und so ist denn der Bund gemacht.

 

Mit diesem Thatbericht verbanden die Kundschafter auch einen mündlichen, gegen dessen Wahrheit sich nichts einwenden ließ. Sie sagten, das Land ist gut, es fleußt Milch und Honig darin, dies ist seine Frucht, wonach ihr’s selbst beurtheilen könnt. Weiter setzten sie hinzu, die Einwohner seien stark, und etliche unter ihnen Riesen, ihre Städte groß und fest. Dies machte das Volk bedenklich, deswegen nahm Caleb das Wort und sagte: laßt uns nur getrost über die Grenze gehen, und das Land in Besitz nehmen, wir können es recht gut überwältigen. So verhielt es sich mit Canaan, so verhält es sich auch mit dem Christenthum. Es ist eine selige Sache. Wer leben und gute Tage sehen will, der wird,e was er heißt, ein Christ. Unaussprechlich groß, unvergleichlich und ewig sind die damit verknüpften Vortheile, außer demselben aber nichts als Elend, Verderben, Untergang. Es ist aber nicht leicht in’s Reich Gottes zu kommen; ein groß, stark Volk, worunter etliche Riesen, sind wider dich; der Völker sind mehr als eins, und wenn du mit dem Einen fertig bist, wird sich dir das andere entgegenstellen. Da sind nicht nur Amoriter: Schwätzer, sondern auch Hethiter: Zerbrecher und Jebusiter: Uebertreter und Kananiter: Kleinmüthige oder Krämer, die kaufen und verkaufen wollen, und allerhand schlechten Kram bei euch anzubringen, und euch eure gute Sachen abzuhandeln suchen, euch auch selbst an’s kaufen für Geld, wo ihr doch nicht satt von werden könnt, zu bringen beflißen sind. Da sind auch, dem Aeussern nach treuherzige Leute, die dich treuherzig machen und mit ihren zerrissenen Kleidern und verschimmelten Brot dir eins aufbinden, daß du dich unvorsichtiger Weise mit ihnen in einen Bund einlässest, der nicht gut ist. Außerdem sind da noch große, sehr befestigte Städte und kleine, feste Nester und Höhlen, deren Einnahme große Kunst und Kraft erfordert. Manches verbirgt sich auch heimlich vor dir, und verursacht dir allerhand Verdruß und Schande, während du nicht einmal recht weißt, wo es herkommt, und Gott dir mit Hornissen zu Hülfe kommen muß, die das dir Verborgene ausfindig zu machen und zu zerstören wissen. – Gleichnißreden, die du dir schon wirst zu deuten wissen oder lernen. Doch laßt uns getrost hineingehen, und das Land einnehmen. Wir können’s wohl.

 

Aber um diesen letzten Punkt: wir können es wohl überwältigen, ging es sich eben. Die zehn Mitkundschafter mahlten die erstaunlichen Schwierigkeiten noch weiter aus, und brachten das Land in einen sehr bösen Ruf. Sie schulderten die Einwohner als sehr kriegerische Leute, welche einander auffräßen, also erschreckliche Barbaren, die mit jedem einen kurzen Prozeß machen. – Aber wie waren sie denn lebendig wieder aus dem Lande herausgekommen? Dies war entweder ein sichtbarer Beweis von der göttlichen Bewahrung, oder die Leute mußten doch solche Menschenfresser nicht sein, wie sie sie schilderten. Sie kamen ihnen alle sehr groß vor, und etliche waren eigentliche Riesen, und wir waren, sagten sie, gegen sie zu rechnen, vor unseren eigenen Augen wie die Heuschrecken, und so waren wir auch vor ihren Augen. Mochten bei dieser Beschreibung auch einige Uebertreibungen statt finden, so war sie doch im Ganzen wahr. Moses bestätigt sie auch selber und führt das Sprüchwort an: wer kann gegen die Kinder Enack bestehen. Enack muß ein Riese gewesen sein, dessen Nachkommen auch lauter Riesen waren. Das Wort bedeutet einen Halsschmuck. Ich weiß nicht, ob ihr dem eine Deutung geben wollt. War nicht der Teufel vor seinem Fall, so zu reden, ein Halsschmuck Gottes, so daß er sogar nach seinem Fall noch eine Majestät genannt wird. Wird ihm nicht Riesenstärke beigelegt, und er deswegen ein Starkgewapneter, auch ein Löwe, ja sogar ein Gott genannt? Wird nicht Offenb. 13. von dem Thier, das seine Geburt ist, gefragt: wer kann mit ihm kriegen? Die Nachkommen dieses Enacks heißen Nephilim, d.h. die Gefallenen, auch Mißgeburten, deren schon vor der Sündfluth gedacht wird. Sollte das nicht auch auf dem Fall der Engel und Menschen deuten, welche dadurch zu wahren Mißgeburten geworden sind? Genug, wir haben alle Ursache zu glauben, daß die Einnahme des wahren Canaan, wovon jenes nur eine Abbildung war, daß das Eindringen in’s Reich Gottes eine Sache ist, welche die allergrößten Schwierigkeiten hat, die keineswegs leicht wegzuräumen sind, weder was das Ganze, noch was einzelne Theile betrifft. Es darf uns nicht unnöthig dünken, uns diese Schwierigkeiten von Zeit zu Zeit zu vergegenwärtigen, damit wir uns dadurch bewegen lassen, die rechten Maßregeln zu ergreifen. Welche Schwierigkeit in’s Himmelreich einzugehen erwächst für uns Menschen, die wir Sünder sind, schon aus dem göttlichen Gesetz. Die Forderungen desselben stehen doch nicht da für die Langeweile, daß es uns doch überlassen bleibt, ob und in wiefern wir dieselben in Ausübung zu bringen für gut finden oder nicht. Es heißt: thue das, und das geht von einem solchen aus, welcher das Recht hat hierin zu bestimmen, und bei dessen Bestimmung es sein nothwendiges Verbleiben hat und haben muß. Was ist das aber für eine unübersteigliche Schwierigkeit, die sich unserm Eingang in das Himmelreich entgegenstellt! Wer wird auf diesem Wege in dasselbe eingehn können, da kein Mensch das Gesetz zu halten im Stande ist? Es muß aber erfüllt, vollkommen erfüllt werden. Wie soll das denn nun geschehen? – Dies Gesetz läßt es aber nicht bei Geboten, sondern es befestigt dieselben auch noch mit dem Fluche, über alle die es nicht ganz erfüllen, und dieser Fluch, der sich wie ein reißender Löwe über den Weg gelagert hat, muß nothwendig zuvor weggeschafft werden, ehe derselbe von uns betreten werden kann. – Dazu gesellt sich die Sünde, die unsere Natur durch und durch vergiftet hat, und uns eben so untüchtig zu einigen Guten macht, als geneingt zu allem Bösen. Sie darf nicht in uns herrschen, das wird jeder leicht einräumen; aber was soll sie bei uns vom Thron stoßen, da sie und wir nicht zwei, sondern schrecklicher Weise eins und dasselbe sind? Soll die Finsterniß, welche das Licht nicht einmal begreift, das in sie hineinscheint, dasselbe aus sich selbst wieder ihre Natur erzeugen? Sollen Disteln Feigen, und Dornen Trauben erzeugen, und auf bösen Bäumen gute Früchte wachsen? Kann ein Mohr seine Haut wandeln, oder ein Parder seine Flecken? Wie soll es zugehn, daß des Teufels Reich im Menschen sich entzweie, und wenn es das thäte, was könnte es nützen? Wie mag es zugehen, daß ein Ungläubiger gläubig werde? das hieße ja Eisen schwimmen machen.

 

Mehr als diese drei Schwierigkeiten will ich diesmal nicht nahmhaft machen. Es sind deren noch weit mehr, sie müssen aber weggeräumt werden. Ist uns selbst da überlassen, so sind wir wie die Heuschrecken gegen ein Kameel, und wir mögen nur getrost mit den zehn Kundschaftern sagen: wir vermögen nicht hinaufzuziehn gegen das Volk, denn sie sind uns zu stark. Es kann uns auch nichts helfen, wohl aber viel schaden, wenn wir uns auf die Seite derer schlagen, welche rufen: Friede, Friede, wo doch kein Friede ist, welche die Verderbniß der menschlichen Natur, wo nicht gar leugnen, doch als unbedeutend und, so weit nöthig ist, leicht wegzuräumen vorstellen, welche die Forderungen Gottes in seinem Gesetz sehr herabstimmen, und von dem ihm angehängten Fluch vollends nichts wissen wollen. Das führt eben so wenig zu etwas Gutem, als diejenigen Auszehrenden darum ihrer Gesundheit aufhelfen, daß sie ihren Zustand für gar nicht bedenklich halten. Wir handeln weit vernünftiger, ja wir handeln nur dann vernünftig, wenn wir die Wahrheit über und wider uns gelten lassen, wenn wir unsern Schaden für verzweifelt böse, und unsere Wunden für unheilbar halten, und nun sehen, ob denn bei so bewandten Umständen noch Rath und Rettung da sei. – Ist es denn wahr, daß Riesen im Lande wohnen, wogegen wir nur wie Ameisen sind, ist es wahr, daß die Städte vermauert sind bis an den Himmel, nun wohlan denn: so wollen wir uns das gesagt sein lassen, und uns nach zweckdienlichen Maßregeln umsehen, nicht aber uns verleiten lassen diese zu versäumen, weil wir nichts von Riesen wissen wollen, die doch wirklich da sind. –

 

Hier erhub sich nun ein sehr wichtiger Wortwechsel und Streit, zwischen Josua und Caleb auf der einen, und den zehn Kundschaftern auf der andern Seite, im Beisein des ganzen Volks. Jene Beiden behaupteten nämlich: wir vermögen das Land zu überwältigen, und diese sagten: es ist unmöglich. Jene Beiden leugneten die Aussagen der Uebrigen von Riesen und Festungen keineswegs, sie waren nicht gesonnen, das Volk irgend auf eine Weise zu täuschen, und ihnen falsche Begriffe von den Schwierigkeiten zu machen, die sie antreffen würden, das sei ferne. Aber aufklären wollten sie dieselben über den wahren Stand der Dinge, das Schwere leicht und das Unwahrscheinliche wirklich werden möge. Aber die lieben Männer hatten einen schweren Stand. Sie konnten ihre Vorstellung nicht der Vernunft demonstiren und beweisen, sondern mußten sich an den Glauben wenden. Sie fanden aber keinen Glauben, der auch das Unsichtbare mit in Rechnung bringt, sondern bloß die Vernunft, die beim Sichtbaren und Natürlichen stehen bleibt.

 

Kein Wunder, wenn sie niemand und ihre Gegner alle für sich gewannen. Die ganze Gemeine fuhr auf, und erhub ein lautes Geschrei, und weinte, und das dauerte die ganze Nacht durch. An den Gränzen Canaans stieg ihre Noth auf den höchsten Gipfel, und nie hatten sie sich demselben so fern geglaubt als jetzt, da sie ihm so nahe waren. Es ging ihnen hier auf eine ähnliche, aber noch weit schlimmere Weise, wie zu Mara, wo sie in ihrem großen Durst wohl Wasser fanden, aber wie sie’s trinken wollten, war’s bitter und ungenießbar. Jetzt lag Canaan wohl unmittelbar vor ihnen, aber nun war keine Möglichkeit da hinzukommen. Welch ein Jammer! Wohl wars stockfinstere Nacht von keinem Stern beleuchtet! Es ging ihnen wie den Gottlosen allen, die sich lauter Gutes träumen, bis sie von den Schrecken der ewigen Verdammniß ereilt werden, der sie sicher und sorglos entgegenwandelten. – Mit Tagesanbruch offenbarte sich erst recht die Finsterniß, die in ihnen war. Sie murreten wider Mose und den Herrn selbst. Sie wünschten sich den Tod, und beschwerten sich über den Herrn, daß er sie in ein Land führe, wo ihre Weiber durchs Schwerdt fallen und ihre Kinder ein Raub werden würden, und beschlossen sich einen Hauptmann zu wählen, der sie zurück nach Egypten führen solle.

 

Nur vier Männer setzten sich dem Sturm entgegen, Moses und Aaron schweigend, indem sie vor den Augen des ganzen Volks mit dem Angesicht zur Erde niederfielen, dadurch ihre große Betrübniß zu erkennen zu geben, und zugleich zu Gott zu beten. Doch Mose redete auch, und hielt ihnen eine schöne Glaubenspredigt: entsetzet euch nicht, sprach er, und fürchtet euch nicht vor ihnen. Der Herr euer Gott zeucht vor euch hin, der wird für euch streiten. Der Herr wird dich tragen, wie ein Mann seinen Sohn trägt. Aber seine Anweisung zum Vertrauen auf den lebendigen Gott, war vergeblich und prallte an dem Fels ihres Unglaubens ab. Josua und Caleb waren auch tief erschüttert und zerrissen vor lauter Schmerz ihre Kleider. Auch sie ermahnten das Volk zum Glauben, wodurch sie sicherlich alle Schwierigkeiten besiegen würden, und um ihren guten Zweck desto gewisser zu erreichen, bedienten sie sich der kräftigsten Art zu reden. Wie Brod wollen wir sie fressen. Denn wenn die Noth an den Mann geht, und die Seelen wir durch tiefe Wasser müssen, und Wellen über ihr Haupt gehen, ist es an der Zeit, das kräftigste, was das Evangelium an Aufmunterung zum Glauben darbietet, offen zu legen. So machte es Mose am rothen Meer, so Christus beim Jairus, so beim Thomas. Dazu gibt das Wort Gottes den reichsten Stoff, wenn es z.B. von blutrothen Sünden redet, die schneeweiß, und von rosinfarbenen, die wie weiße Wolle werden sollen; wenn Paulus ganz im allgemeinen hinfragt: wer will beschuldigen, wer verdammen? und so schreit die Kirche: und wenn die Welt unterginge, so fürchten wir uns nicht, und Hiob fragt: wenn du mich auch tödten wolltest, sollte ich nicht auf dich hoffen. Einen solchen Kraftglauben bewieß Abraham, als ihm befohlen wurde, die Sterne anzusehen und zu glauben, also würde sein Same sein, obschon er nicht nur noch keinen Sohn, sondern auch gar keine Aussicht hatte, einen zu bekommen.

 

Aber hier war alles vergeblich, die Rede und Aufmunterung der beiden Männer that eine ganz entgegengesetzte Wirkung. Ihr Unglaube brach in Feindschaft und Zorn aus, und sie riefen von allen Seiten: man solle sie steinigen.. Gräuliche Bosheit des menschlichen Herzens! Aber eine solche Behandlung hat die Wahrheit schon oft gefunden. Wo sie nicht aufgenommen wird, da rüstet man sich feindselig zum Streit, und stößt sie erbittert von sich. Als sie persönlich auf Erden erschien, fand sie keine Herberge, und da sie doch nicht wich, nagelte man sie an ein Kreuz. Da man sie selbst nicht verdrängen konnte, räumte man ihre Boten aus dem Wege und quälte ihre Bekenner mit allen erdenklichen Martern. Es ging und geht noch immer, wie im israelitischen Lager. Die zahl der Widersacher ist bedeutend. Sie führen das große Wort. Was sie sagen, ist, wie schon Assaph klagt, wie vom Himmel geredet. Ihnen fällt der Pöbel zu, denn Pöbel sind alle, die der Wahrheit nicht gehorchen. Ist aber unser Evangelium verdeckt, so ist es in denen, die verloren werden, verdeckt. Wir aber sind nicht von denen, die da weichen und verloren gehen, sondern von denen, die da glauben und selig werden. So wir aber in ihm bleiben, und seine Worte in uns bleiben, werden wir die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird uns frei machen. Alles aber, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt, und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Diesen Glauben wirke der Herr in uns in Kraft. Amen.

 

 

Acht und zwanzigste Predigt.

 

Vierzehnte Lagerstätte: Ritma. Fortsetzung.

4. Buch Mosis 14,10-39.

 

Die Apostel sprachen zu dem Herrn: stärke uns den Glauben, vermehre uns denselben, so berichtet Lukas 17,5. Eine wichtige, nöthige, nachahmungswerthe Bitte. Es ist den Evangelisten in ihrer Geschichtsbeschreibung eben nicht sehr geläufig, Jesum Herr zu nennen, sondern es kommt selten vor. Wenn es aber vorkommt, so hat es auch seinen besondern Nachdruck, z.B. Kap. 10,1.: der Herr sonderte andere 70 aus, und Kap. 22,61.: der Herr wandte sich und sahe Petrum an. So auch hier. Jesus ist der Herr, der alles in seiner Hand hat, und reich ist über alle, die ihn anrufen, und überschwänglich thun kann über Bitten und Verstehen. Sie wandten sich demnach an den rechten Mann, der auch die Mühseligen und Beladenen zu sich einladet, um sie zu erquicken. Die Apostel waren es, welche diese Bitte thaten. Wir befinden uns demnach in einer ehrenwerthen Gesellschaft, wenn wir dieselbe Bitte thun. Auch diesen theuern Männern, auf deren Grund die Gemeine erbaut ist, war das glauben so wenig leicht, daß sie ihrem und unserm Herrn mehrmals Anlaß gaben zu fragen: wo ist euer Glaube, o! ihr Kleingläubigen, wie, daß ihr keinen Glauben habt? ihren Unglauben zu schelten und sie zu ermahnen: glaubet an Gott, und glaubet auch an mich. Es befremde demnach niemand, wenn’s ihm auch so geht. Um was baten sie den Herrn denn? Um Stärkung und Vermehrung des Glaubens. Sie mußten also dasmal einen besondern Mangel desselben bei sich spühren. Wie wurde ihnen denn dieser Mangel merk- und fühlbar? Dem Zusammenhang nach zu urtheilen, durch die, nach Jesu Vorstellung drohenden gefährlichen Aergernisse, Versuchungen, und Verführungen, weshalb er sie ermahnte: hütet euch! nehmet euch in Acht! Kein Wunder, wenn sie begehrten, im Voraus darauf gewappnet und gestärkt zu sein, und deswegen eine Zulage zu ihrem Glauben begehrten, von welchem es ihnen vorkam, er reiche in seiner dermaligen Beschaffenheit dazu nicht hin. Zudem empfahl ihnen Jesus eine Versöhnlichkeit, die dem Bruder, der ihn siebenmal des Tages beleidigt, und eben so oft wiederkäme und spräche: es reuet mich, vergiebt. Dies kam ihnen was stark vor und sie fühlten sich ungeschickt und ungeneigt, die Versöhnlichkeit so weit zu treiben. Nach dem neuen Menschen waren sie aber doch wohl bereit dazu, erbaten sich aber dazu eine Beilage, einen Zusatz zu ihrem Glauben. Schön gehandelt. Jesus gibt ihnen eine merkwürdige Antwort, wenn er sagt: wenn ihr Glauben habt, wie ein Senfkorn und sprächet zu diesem Maulbeerbaum: reiß dich aus und versetze dich ins Meer, so wird er euch gehorsam sein. Sie denken an etwas Großes, Jesus redet von etwas Kleinem, als wollte er sagen: messet die in euch selbst wohnende Kraft so genau nicht aus, sondern haltet euch im Glauben und durch denselben zu allem geschickt, was von euch gefordert wird. O! köstlicher Glaube. Der Herr wirke ihn kräftiglich in uns und segne dazu auch die diesmalige Betrachtung der Wanderungen Israels.

 

Wir sahen neulich den Aufruhr auf den höchsten Gipfel steigen, die beiden würdigen Männer Josua und Caleb in Gefahr gesteinigt zu werden, das Volk im Begriff, sich einen Heerführer zu wählen, der sie zurück nach Egypten bringe. Jetzt tritt der Herr dazwischen. Seine Herrlichkeit erscheint. Er verlangt die Einwilligung Mosis, das Volk zu vertilgen. Moses bittet um Gnade. Der Herr gewährt seine Bitte, schwört aber zugleich, keiner von denen allen, welche aus Egypten gezogen, solle ins Land Canaan kommen. Alle sollten sie in der Wüste sterben, nur ihre Kinder sollen hineingelangen. Zurück sollen sie auf’s rothe Meer zu, statt in das unmittelbar vor ihnen gelegene verheißene Land zu ziehen. 40 Jahre sollten sie in der Wüste umherpilgern, also nun noch etwa 38 Jahre. Die zehn Kundschafter starben bald, die übrigen 600 Tausend sollten ihnen nach und nach folgen, nur Josua und Caleb ausgenommen. Hiebei hatte es sein unabänderliches Bewenden. Der Herr beschwur es, und so bliebs dabei.

 

Da haben wir’s also. Nur eine halbe Stunde bis Canaan und nun wieder zurück auf’s rothe Meer zu! den Weg noch einmal, der doch so mühsam ist! Und keine Aenderung daran, sondern unabänderlich festgestellt! Ach wie hart! ach! wie bitter. Nun noch 38 Jahre. Zwar bleibt Canaan gewiß, denn den Herrn mögen seine Gaben und Berufung nicht gereuen. Aber erst nach so langer Zeit!

 

Aber was war’s denn eigentlich, was den Herrn so erzürnte, daß er einen unabänderlichen Eid schwur, sie sollten nicht in das verheißene Land kommen? Waren die Schwierigkeiten zu groß, die Bewohner Canaans zu stark, die Städte zu fest? Nein. Hatten sie’s mit ihrem goldenen Kalbe so arg verdorben, daß der Herr ihnen dies jetzt noch entgelten ließ? Auch nicht, das war vergeben. War’s ihr oftmaliges Murren, das nun gestraft wurde, oder sonstige Sünden? Oder was wa die Ursache eines so strengen Verhängnisses? Der Apostel gibt uns Hebr. 3 Aufschluß, wenn er Vers 17 fragt: über welche aber ward er entrüstet 40 Jahre lang? Ist es nicht also, über die so da sündigten, deren Leiber in der Wüste verfielen? Welchen schwur er aber, daß sie nicht zu seiner Ruhe kommen sollten, denn den Ungläubigen. Und wir sehen, daß sie nicht haben können hineinkommen, um des Unglaubens willen. So laßt uns nun fürchten, setzt er hinzu, denn es ist uns auch verkündigt gleich wie jenen. Aber das Wort der Predigt half jenen nicht, da nicht gläubeten die, so es sollten. Wir aber, die wir glauben, geh’n in die Ruhe. Welches war also diejenige unter allen Sünden, die sie von Canaan, und die von der ewigen Seligkeit ausschließt? Keine, die wider irgend eins der 10 Gebote begangen ist, denn daraus ist noch Errettung, sondern diejenige, welche wider das Evangelium begangen wird, welches uns diese Rettung verkündigt und anbeut, außer welchem aber keine erfunden wird. Wodurch sündigt man aber gegen das Evangelium? Durch den Unglauben.

 

Von diesem Unglauben möchte ich denn wohl schriftgemäß handeln, beschreiben, worin er bestehe, wie er sich äußere, sowohl da, wo er herrscht, als da, wo er Anfälle macht. Der Herr wolle das Dienliche darreichen. Bei dieser Betrachtung sind wir alle höchlich interessirt, weil der Unglaube es ist, der verdammt, wie der Glaube es ist, der selig macht. Hast du Glauben, so wirst du selig, hast du ihn nicht, sondern herrscht der Unglaube bei dir, so wirst du verdammt, das ist gewiß.

 

Zuvörderst möchte ich nun einiges über den Glauben bemerken. Er ist von der allerhöchsten Wichtigkeit, denn das ganze Heil ist daran geknüpft. Die Rechtfertigung, kraft welcher der Sünder in dem Gerichte Gottes wird freigesprochen, hängt allein vom Glauben ab. Wir wissen, daß wir durch den Glauben gerecht werden. Wollte ich alle Stellen gleichen Inhalts anführen: so würde ich eine halbe Predigt damit anfüllen. Es ist also mit dieser einzigen aus Gal. 2 genug. Die Reinigung des Herzens geschieht ebenfalls durch den Glauben, wie Petrus Apostelgeschichte 15 sagt: Gott reinigte ihre Herzen durch den Glauben, und Christus selbst sagt nach Kap. 26: sie werden geheiligt durch den Glauben an mich. Und verweiset er uns nicht Joh. 15. auch in Beziehung auf die Heiligung ganz und gar an sich selbst, wenn er sagt: bleibet in mir, denn gleich wie eine Rebe kann keine Frucht bringen von ihm selber, er bleibe denn am Weinstock, also auch ihr nicht, ihr bleibet denn an mir. Sagt nicht Paulus in Uebereinstimmung damit: ich vermag Alles, durch den, der mich mächtig macht, Christum? Auch die Bewahrung schreibt Petrus dem Glauben zu, wenn er sagt: aus Gottes Macht werdet ihr bewahret durch den Glauben zur Seligkeit. Johannes eignet demselben den ganzen Sieg über die Welt zu, wenn er erklärt: der Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Doch was haben wir nöthig uns auf’s Einzelne einzulassen, da Christus selbst bei seinem Abschiede von der Erde, und Auffahrt in den Himmel Alles zusammenfaßt, wenn er sagt: wer glaubt wird selig. Wie wichtig sind in dieser Beziehung noch verschiedene andere Aussprüche des Herrn, als z.B.: wer glaubt, kommt nicht in’s Gericht. Alles, was ihr bittet in meinem Namen, so ihr glaubet, so werdet ihr’s empfahen. So du glaubest, sollst du die Herrlichkeit Gottes sehen. Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubet. So ihr Glauben habt, wie ein Senftkorn, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dort hin, so wird er sich heben und euch wird nichts unmöglich sein. Wer glaubt, wird die Werke auch thun, die ich thue, und wird größere thun denn die. Wie beherzigenswerth ist das 11. Kapitel des Hebräerbriefes, wo solche Großthaten aufgezählt werden, die alle durch den Glauben thunlich wurden. Müssen wir uns also nicht von dem Glauben einen ungemein hohen Begriff machen, da ja alles an denselben geknüpft und sogar alles für Sünde erklärt wird, was nicht aus Glauben geschieht, es für unmöglich erklärt wird, ohne Glauben Gott zu gefallen. –

 

Laßt uns jetzt auch einige Urtheile der Schrift von dem Unglauben vernehmen. Er, wie der Glaube ist das Einzige, worüber Christus sich verwundert hat. Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, sagt Christus, und Johannes der Täufer: der Zorn Gottes bleibt über ich. Der Teufel hat sein Werk in den Kindern des Unglaubens und verblendet der Ungläubigen Sinne, sagt Paulus. Johannes erklärt: wer nicht glaubt, macht Gott zum Lügner, begeht also die ungeheuerste Sünde. Er tritt ab von dem lebendigen Gott, er wird nicht gerechtfertigt, nicht geheiligt, nicht bewahrt, kann nichts thun als Sünde, und so faßt Christus endlich alles in einem zusammen, wenn er erklärt: wer nicht glaubt, wird verdammt werden.

 

Sehet, so wird Seligkeit und Verdammniß an kein anderes Werk, als den Glauben und Unglauben geknüpft. Wir alle sind zum höchsten dabei betheiligt, denn wir sind entweder Gläubige oder Ungläubige, es wäre denn, daß man noch eine dritte Klasse annehmen wollte, welche aus solchen bestände, die in der Zubereitung zum Glauben begriffen sind, und etwa so stehen wie jener Vater, der mit Thränen schrie: ich glaube, lieber Herr, komm zu Hülfe meinem Unglauben. Von Natur aber liegen wir alle an der Krankheit des Unglaubens darnieder, denn Gott hat alles beschlossen unter dem Unglauben Römer 11,32. Der Glaube ist die höchste Pflicht, der Unglaube die ärgste Versündigung. – Laßt uns denn nun die Natur und Beschaffenheit des Unglaubens näher kennen zu lernen suchen. Was ist Unglaube, wie äußert er sich? Er ist das Gegentheil vom Glauben. Besteht nun der Glaube in der Bereitwilligkeit, Christum allein und ganz als die einzige und vollkommene Ursache des Lebens und der Gerechtigkeit anzunehmen: so besteht der Unglaube in dem Nichtdasein und Mangel dieser Bereitwilligkeit. Hält der Glaube das für wahr, was uns Gott in seinem Worte geoffenbart hat, so hält der Unglaube es nicht für wahr; ist der Glaube ein herzliches Vertrauen, so ist der Unglaube Mißtrauen. Da aber der Christ zwei Theile in diesem Leben an sich hat, einen alten und einen neuen Menschen, so findet sich auch Glaube und Unglaube bei ihm, und das eine Mal hat dieser, das andere Mal jener die Oberhand; so daß es heute von jemand heißen kann: jetzt glaubest du, und nächstens: jetzt glaubest du nicht. Wir wollen also den Unglauben, theils in seiner Herrschaft, theils in seinen Anfällen besehen. –

 

In seiner vollesten Herrschaft zeigt er sich bei denjenigen, welche sogar das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele leugnen, welche das Wort Gottes nicht als eine göttliche Offenbarung ehren, sondern in ihren Meinungen ganz davon abgehen, ja, demselben entgegengesetzte Meinungen hegen und vertheidigen, und die in der Schrift enthaltenen Lehren bestreiten, anfeinden, auch wohl verhöhnen und verspotten, und diejenigen nicht mit Frieden lassen, die sie glauben. Von dergleichen Leuten wimmelts gegenwärtig in der Christenheit, und dieser theoretische Unglaube hat sich bis in die unterste Klasse des Volks verbreitet, nachdem er bei den höhern und gebildeten Ständen den Anfang genommen. An solchen Leuten fehlte es nie. Schon David spricht von Narren, die da sagen: es ist kein Gott. Aber ehemals sagten sie’s nur noch in ihren Herzen, jetzt aber frei heraus, besonders in unsrer verbasterten protestantischen Kirche. Dieser Unglaube liegt bei den allermeisten heut zu Tage herauskommenden Büchern, Predigten und dem Religionsunterrichte zum Grunde. Die heranwachsende Jugend wird schon in den bei weitem meisten Schulen mit diesem Seelengift angesteckt, und dasselbe um so mehr entwickelt, je weiter jemand in der sogenannten Bildung gefördert wird, so daß man sich im Ganzen nicht verthut, wenn man die am meisten Gebildeten, auch zugleich für die am wenigsten Glaubenden hält. Dies ist aber etwas gar erschreckliches, denn diese Menschen sind für alle Pfeile der Wahrheit, so zu reden, unerreichbar, weil sie sie für Irrthum und dagegen den Irrthum für Wahrheit halten. Dies ist ein erschreckliches Gericht, und, wo nicht die Verstockung selbst, so gränzt es doch nahe daran. Es gilt besonders von unsern Tagen: nicht viel Weise und Kluge, und die Zeit ist da, wo die Menschen die gesunde Lehre nicht mehr mögen, und es ist nichts seltenes, daß ganze Gemeinen sich der Wahl eines ächt christlichen Predigers oder Schullehrers widersetzen und einen solchen nicht wollen. Man ist sehr fleißig und sehr arglistig bemüht, ein bös Geschrei über das Land Canaan zu bringen, und wenn ihrer zwei sind, die zu dessen Gunsten reden, so sind gewiß zehn Widersprecher. Da schreit’s von allen Seiten: Mysticismus, Schwärmerei, veraltete Ideen, Kopfhängerei und dergleichen, dies wird in allen Flug- und Zeitschriften wiederholt, und jene reichlich überschrien. Doch ist Gott so barmherzig gewesen, und hat in den neuern Zeiten wieder mehrere erweckt und mit dem Lichte der Wahrheit erleuchtet, daß das Evangelium doch wieder reichlicher verkündigt wird, als man es noch vor zehn Jahren hätte hoffen dürfen, und unsere Gemeine hat die Freude unter diesen mehrere aus ihrer Mitte zählen zu können, wie denn der jüngste ihrer Prediger selbst einer davon ist, und die geliebten Namen mehrerer andern sind euch auch bekannt. Dieser Unglaube in seiner völligen Ausbildung leugnet demnach Gott den Vater und dessen Schöpfung, Gott den Sohn und die durch ihn gestiftete Erlösung, und Gott den heiligen Geist und seine heiligen Wirkungen, verleugnet die göttlichen Eigenschaften, die göttlichen Verheißungen, so wie das Wort, worin dieselben enthalten sind, Adams Sündenfall, und so der Reihe nach die Nothwendigkeit der Buße, der Wiedergeburt, der Rechtfertigung und Heiligung und sogar die Seligkeit sammt der Verdammniß. Sie sind vom Vater der Lügen, dem Teufel, und also voll Lügen.

 

Nicht so entwickelt liegt er doch auch bei denen zum Grunde, die zwar die Wahrheit als Wahrheit gelten lassen, vielleicht dafür eifern und eine umständliche Erkenntniß derselben haben, oder auch eben so wenig von der Wahrheit, als von dem, ihr entgegengesetzten Irrthum wissen – aber die Wahrheiten machen keinen, ihnen angemessenen, bleibenden Eindruch auf ihr Herz und Gemüth, und sie haben keine Liebe zu denselben, sondern weichen ihnen lieber aus. Die Betrachtung der Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes schreckt und weckt sie nicht; die Betrachtung seiner Barmherzigkeit und Gnade rührt und beugt sie nicht, sie finden sich nicht bewogen und gezogen von der Sünde abzustehen, und diese Gnade als den höchsten Schatz zu begehren. Sie sind und bleiben eben fühllos und todt. Zwar können sie wohl einmal heftig erschüttert und aufgeregt werden, wie Felix erschrak, als er Paulum von der Keuschheit, der Gerechtigkeit und dem zukünftigen Gerichte reden hörte, dies war ihm aber so unangenehm, daß er den Apostel bald entließ. Festus wurde auch sehr durch seine Rede aufgeregt, er unterbrach ihn und schrie: vor lauter Gelehrsamkeit rase er. Die Meisten dieser Ungläubigen kommen selten oder gar nicht, um zu hören, da doch der Glaube aus der Predigt kommt, oder wenn sie auch in der Kirche sind, so achten sie nicht auf’s Wort, oder verstehen und beherzigen es nicht. Die Zahl dieser praktisch Ungläubigen ist leider sehr groß, und das Wort hilft ihnen nicht, weil sie’s nicht mit dem Glauben mengen.

 

Ganz besonders äußert sich der Unglaube darin, daß er nicht zu Christo kommen will, wie der Herr selbst sagt: ihr wollet nicht zu mir kommen. Er nimmt Jesum Christum nicht an – das ist das Wesen des Unglaubens. Er begehrt ihn und seine Gnade nicht. Er verlangt nicht nach ihm. Er hungert und durstet nicht nach Gerechtigkeit. Er nimmt seine Zuflucht nicht zu ihm, viel weniger daß er ihm vertraute, und sein ganzes Heil eben so inbrünstig als zuversichtlich allein und ganz von ihm erwartete. Dies mag nun aus solchen oder andern Gründen herrühren, so ist es doch zuletzt wieder nichts anders als Unglaube. Meint dieser, er sei kein solcher Sünder, der eines solchen Heilandes bedürfe, sondern für sich selbst tugendhaft genug, um selig, stark genug, um rechtschaffen zu werden, und verständig genug, um den rechten Weg dazu zu finden; mag jener denken, er sei ein allzugroßer Sünder, um noch Sünde mit ihren Vergnügungen noch zu lieb haben, und jener denken, es sei für ihn wenigstens jetzt noch unmöglich, sich aus seinen Verbindungen herauszureißen; mag der allerlei Verstandeszweifel haben, und jenen eine Hand, eine Lieblingslust hindern, die er nicht drangeben, nicht abhauen, ein Auge, das er nicht ausreißen mag – was ist es anders als Unglaube, mag er auch höflich genug sein, zu sagen: ich bitte dich, entschuldige mich, und was bewirkt dieser Unglaube, mag er sich auch in ein Gewand hüllen, welches es auch sei, mag er sich rechtfertigen oder entschuldigen wollen, womit es immer sei, mag er nicht Unglauben, sondern sonst genannt werden wollen – was bewirkt er anders, als das, was der sanfte Christus ihm ein für allemal angekündigt hat – die Verdammniß. Wovon soll also Jeder vor allen Dingen frei zu werden suchen? Eben von dem Unglauben. Wer davon frei ist, der findet auch in allem Uebrigen eine gebahnte Straße, bei wem er aber herrscht, oder auch in sofern er noch in Jemand ist, verschließt er die Seele für Gott und alle Einflüsse seiner Liebe, und öffnet dem Satan den freien Zutritt, sichert der Sünde ihre Herrschaft, und bringt nichts als Quaal.

 

Woher kommt der Unglaube denn? Ach, den bringen wir schon bei unserer Geburt mit auf die Welt, und also ist von Natur jeder Mensch ein Ungläubiger, wird auch erst durch die Wiedergeburt gläubig. Dies ist ein Stück unserer unglückseligen Erbschaft von unserm Stammvater Adam. Er ließ sich in den Unglauben bringen und hat ihn sodann auf uns alle vererbt. Die Schlange fing damit an, seiner Seele das Gift des Unglaubens beizubringen, worauf der Ungehorsam ganz von selbst folgte. Sie suchte erst ein Mißtrauen gegen Gott in Adams Seele zu erzeugen, indem sie fragte: ob Gott ihnen verboten hätte, von allerlei Bäumen im Garten zu essen. Von allen? Wie? sollte Adam geantwortet haben: darfst du solche Gedanken von der höchsten Güte hegen und äußern, daß sie ein so hartes, unfreundliches Verbot geben könne? Du mußt ein garstiges Wesen sein, und so lerne ich an diesem Baume wirklich das Böse kennen, und zwar in dir. – Die Schlange suchte ihm auch das Wort Gottes verdächtig zu machen, indem sie sagte: ei sollte Gott das wirklich gesagt haben? Lieder fing dieser Funke Feuer. Unsere Eltern fingen an zu zweifeln, und nun erfüllte sie die Schlange vollends mit ihrem Gift, indem sie ihnen Gott als ein neidisches, ihnen feindseliges Wesen vorstellte, das es ihnen nicht gönne, daß ihnen die Augen aufgethan würden, um selbst zu wissen, was gut und böse sei, es ihnen nicht gönne, daß sie ihm gleich und vollkommen würden, wie er vollkommen ist. Sie gingen darauf ein, und so verwandelte sich ihr Vertrauen in Mißtrauen, ihre Anhänglichkeit in Abneigung, ihre Liebe in Feindschaft; daher kommt’s, daß diselbe Art uns allen anhängt, weil durch ihn die Sünde in die Welt kommen ist. Kein Mensch darf daher glauben, er sei vom Unglauben frei, es sei denn, daß er durch die Wiedergeburt davon befreit wurde.

 

Jedoch wird man auch durch die Wiedergeburt nicht so gänzlich von allem Unglauben befreit, daß man nicht noch Anfälle von demselben zu erleiden hätte. Ja, jetzt erst erkennt und fühlt man die Macht desselben, und wie tief derselbe gewurzelt sei, und sieht sich nicht selten zu dem Gebet jenes Vaters genöthigt: ich glaube, lieber Herr, komm zu Hülfe meinem Unglauben. Das ist sehr sündlich und sehr schädlich, daß es so steht. Man muß sich deswegen in den Kampf des Glaubens einlassen, und vor allen Dingen dahin streben, völlig zu werden im Glauben. –

 

Die Kinder Israel stellen hier ein warnendes Exempel des Unglaubens auf, wovon der Apostel sagt: lasset uns zusehen, daß wir nicht in dasselbe Exempel des Unglaubens fallen. Josua und Caleb aber gaben ein schönes Beispiel, deren Glauben wir nachfolgen sollen. Jene glaubten nicht in’s Land Canaan kommen zu können, obschon Gott es ihnen verheißen, und sie selbst hineinzuführen versprochen hatte. Die Predigt vom Glauben machte keinen Eindruck auf ihr Gemüth, einen desto größern aber die Predigt des Unglaubens. Die Bewohner Canaans scheinen ihnen viel zu mächtig und ganz unüberwindlich. Gott, seine Macht, seine Treue und seine Zusagen galten ihnen nichts. Sie hatten kein Vertrauen zu ihm, und sahen bloß auf das, was vor Augen ist, und so begriffen sie das, was die zehn sagten, sehr wohl, weil es mit ihrer natürlichen Sinnesart übereinstimmte: aber die Vorstellungen Josua’s und Caleb’s waren ihnen als grundlos zuwider. Das Verhalten dieser beiden Männer aber war ganz glaubensvoll. Sie leugneten keine von den Schwierigkeiten der Einnahme des Landes Canaan. Sie machten die Einwohner nicht kleiner, wie sie wirklich waren, und schrieben sich selbst keine größere Kraft zu, als sie besaßen. Es verhielt sich wirklich so, daß sie gegen jene wie ein Haufe Ameisen anzusehen waren, und ihre Kraft zu dem Werke nicht hinreichte. Aber der Glaube rechnet ganz anders, wie der Unglaube. Dieser bleibt blos bei demjenigen stehen, was vor Augen ist, der Glaube aber nimmt Gott mit in Rechnung, seine Verheißungen, seine Macht, Treue und Gnade, und hat so einen Muth, der sich auf etwas Unsichtbares gründet. Mit Gott will er seine Thaten thun. So diese beiden Männer. Wie Brodt, sprachen sie, wollen wir sie fressen. Darauf gründete sich ihr Vertrauen: wir können das Land wohl einnehmen; denn dies Können suchten sie nicht in sich selbst, sondern fanden es in Gott. So spricht der Gläubige auch in allen Fällen: wir können es wohl, wie jene beiden Jünger auf die Frage des Herrn Jesu erwiederten: könnet ihr? Könnt ihr den Bösewicht überwinden, wie erschrecklich und mächtig er auch ist? Der Glaube antwortet: wir können es wohl; könnt ihr im Gerichte Gottes bestehen, da doch eure Sünden mehr sind, denn des Sandes am Meer, und da ihr sogar noch immerdar zu allem Bösen geneigt seid; könnt ihr trotz aller Versuchungen und Gefahren, dennoch beharren bis an’s Ende und in allem weit überwinden? könnt ihr euern alten Menschen kreuzigen und tödten, ablegen die Sünde, die euch immerdar anklegt und träge macht, und so euere Heiligung vollenden? Sie antworten: wir können es wohl. Warum denn? Weilw ir im Herrn Gerechtigkeit und Stärke haben; denn auf Ihn, nicht auf sich selbst setzt der Glaube sein Vertrauen, und hofft vollkommen auf die Gnade, die uns dargeboten wird in der Offenbarung unseres Herrn Jesu Christi.

 

Ganz anders verhält sich der Unglaube, dem ein solches Verfahren ungereimt, albern und schwärmerisch vorkommt. Er sucht, wie Assa, nicht den Herrn, sondern die Aerzte. Entweder verzweifelt er in der Noth, rennt wohl zu Pistolen, Strick und Wasser u.s.w., weil er in der unsichtbaren Welt keinen Halt und Stütze hat: oder er hofft auf sichtbare Stützen, verläßt sich auf Menschen und hält Fleisch für seinen Arm. Nicht Gott, sondern der Mensch soll die Griechen, jener die ganze Welt retten. Seine eigene Klugheit soll ihm durchhelfen, und bricht dies morsche Eis unter seinen Füßen, so hat er dann nichts mehr als Angst, Rathlosigkeit und Zagen, es wäre denn, daß Gott in Gnaden alles unter seinen Händen zerrinnen lasse, um ihn auf diesem Wege zu lehren, das Gebäude seiner Hoffnung auf den rechten Felsen zu gründen. Seine Werke und vermeintliche Gerechtigkeit sind bis dahin der Grund seiner Beruhigung. Er ist selbst sein Gott, so weit dies reicht. Die armen Kinder Israel trauen es Gott nicht zu, daß er sie in Canaan bringen könne, und sich selbst trauen sie es zu, ohne ihn, den Weg durch die Wüste zurück nach Egypten machen zu können. Welch ein Unverstand, welche Vermessenheit! –

 

Der Unglaube, der Mangel des Vertrauens zu Gott, war denn die einzige Ursache, warum sie nicht ins Land kamen, sondern nun von der Gränze zurück mußten, auf’s rothe Meer los, als sollten sie wirklich wieder nach Egypten. Der Unglaube war die Ursache, warum Gott über sie erzürnt ward, und sie alle auf einmal umgebracht haben würde, hätte nicht Moses für sie gebeten. Er war die Ursache, daß sie das erst nach 40 Jahren erlangten, was sie heute schon hätten haben können. O! verderblicher Unglaube! –

 

Der Apostel stellt uns aber Hebr. 4., als im gleichen Verhältniß mit den Kindern Israel vor, wenn er sagt: es ist uns auch verkündiget gleichwie jenen. Was wird uns verkündigt? Die Verheißung einzukommen zu seiner Ruhe. Das Evangelium von Christo, die frohe Botschaft von der Gnade Gottes wird uns verkündigt. Es wird uns gesagt und beständig wiederholt, daß es je gewißlich wahr und ein theuer werthes Wort sei, daß Jesus Christus in die Welt gekommen, Sünder selig zu machen; es wird uns verkündigt, daß keine Sünden zu schwer seien, die nicht vergeben und kein Elend so tief, woraus wir nicht durch Jesum Christum erlöset werden können, daß keiner zu schlecht sei, der dies nicht erlangen könne, wie keiner so gut, der’s nicht bedürfe. Da heißt’s nun aber auch zu uns: sehet zu, daß ihr nicht in dasselbe Exempel des Unglaubens fallet, sondern glaubet an den Herrn Jesum, so werdet ihr selig, gerecht, rein, stark, fröhlich. Jedoch ist hier kein todter Mundglaube gemeint, sondern ein lebendiger, ein sich selbst und die Welt verleugnender Herzensglaube. Der erste Schritt zu demselben ist die Erkenntniß des Unglaubens, worin wir alle von Natur so tief stecken, verschlossen und begraben sind. O! wie ungeschickt werdet ihr euch zum Glauben finden, wenn’s euch erst um den rechten Glauben zu thun ist, wie viele große und kleine Hindernisse werdet ihr antreffen, und wie oft euch genöthigt sehen, auch eurerseits zu schreien: komm zu Hülfe meinem Unglauben, Herr, stärke uns den Glauben. Welch einen Kampf des Glaubens werdet ihr wahrscheinlich zu kämpfen bekommen. Aber kämpfet ihn. ringet um den wahren Glauben so lange, bis ihr auch mict jenem Blindgebornen niederfallen, anbeten und sagen könnt: ich glaube. O! wie glückselig werdet ihr dann sein, denn wir, die wir glauben, gehen in die Ruhe, wer glaubt, hat das ewige Leben, wird selig; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden, denn ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott zu gefallen. So glaubet denn, damit ihr gerecht und Erben werdet des ewigen Lebens. Amen.

 

 

Neun und zwanzigste Predigt.

 

Vierzehnte Lagerstätte: Ritma. (Schluß.)

4. Buch Mosis 15,36. und C. 16.

 

In dieser Woche nimmt die feierliche Zeit ihren Anfang, welche der ausführlichen Betrachtung des allerheiligsten, versöhnenden Leidens Jesu Christi gewidmet ist. Das größte, erstaunlichste Wunder stellt sich unserm Blicke dar, uns zur Buße, zur Demüthigung, zur Welt- und Selbstverleugnung zu reizen und zum Glauben zu erwecken. Die unbegreifliche Heiligkeit udn Gerechtigkeit Gottes, sammt seiner unbegreiflichen Huld und Gnade gehen vor uns vorüber, daß wir mit Mose auf unser Angesicht niederfallen, während der Herr ruft: Herr, Herr Gott, barmherzig und gnädig udn geduldig und von großer Gnade und Treue. –

 

Fragt Paulus im Ganzen von der Verkündigung des Evangelii: wer ist hiezu tüchtig? so gilt dies von den Leidensbetrachtungen in vorzüglichem Maaße. Es ist das Allerheiligste, es ist die Grundlage und das Fundament, es ist das Geheimniß des Kreuzes Christi, was wir betrachten. Die Geschichte der Leiden ist gleichsam nur der Rahmen, die Einfassung, die Schale, in welcher der Kern, der Edelstein, das Gemählde steckt.

 

Unter dem alten Testament mußte sich bei der Feier des großen Versöhntages alles demüthigen, wie viel mehr, bei der Feier dieser heiligen Zeit! Sie heißt die Fastenzeit, und billig sollten wir diese sechs Wochen auf eine christliche, stille Weise auszeichnen. – Von den Fastnachtslustbarkeiten sage ich diesmal nichts. An Muth dazu fehlt’s uns eben nicht, möchten auch Hunde durch ihr Geheul verrathen, daß der geschleuderte Stein sie getroffen. Auch, daß man sich nicht d’ran kehrt, und vielleicht noch ärger tollt, hält uns nicht ab, sondern erinnert uns nur an den Ezechiel, zu dem es Kap. 3,27. heißt: ich will dir den Mund aufthun, daß du zu ihnen sagen sollst: so spricht der Herr, Herr: wer’s hört, der höre es, wer’s läßt, der lasse es, denn es ist ein ungehorsam Haus; oder: ich will dir die Zunge an deinem Gaumen kleben lassen, daß du erstummen sollst und die nicht mehr tadeln mögest, V. 26. Es ist oft genug darüber geredet.

 

Unser diesmaliger Vortrag hat den Zweck, zu einer Einleitung in die, mit dem künftigen Sonntage beginnende Passionsbetrachtungen zu dienen. Ich will euch dabei in die Wüste zurückführen, und zu den Kindern Israel in derselben, und bitte euch im voraus nicht ungeduldig zu werden, wenn ich euch diesmal einen sehr langen Abschnitt aus dem göttlichen Worte vorlesen werde.

 

Der Herr verleihe uns gnädiglich Licht und Segen von oben!

 

Der Text ist sehr lang, ich denke aber auch so merkwürdig und wichtig, daß es euch nicht zuwider gewesen sein wird, ihn in seiner ganzen Ausdehnung anzuhören. – Wir rüsten uns nun auf’s Neue, die Geschichte der versöhnenden Leiden unseres Herrn Jesu Christi zu betrachten, und wir finden in den vorgelesenen Worten Anlaß, eine vorbereitende Einleitung zu dieser Betrachtung zu machen, da es sich in denselben, sowohl von der Strenge und Unverbrüchlichkeit des Gesetzes, als vom Priesterthum und den Personen handelt, die dasselbe zu verwalten haben. –

 

Wir befinden uns noch an den Gränzen Kanaans zu Ritma. Daselbst trug sich auch diese klägliche Geschichte zu. Ihr werdet über dem Vorlesen derselben schon manche Anmerkung gemacht und manche Eindrücke bekommen haben. Wir heben insbesondere einen doppelten Gesichtspunkt hervor, nämlich die Unverbrüchlichkeit 1. des Geseztes, und 2. des Priesterthums.

 

Die Strenge und Unverbrüchlichkeit des Gesetzes leuchtet aus der Geschichte des Sabbatschänders hervor. Die Sache war diese. An einem Sabbat ging ein Mann im Lager umher und las etwas Holz auf. Das war seine That. Aber wenn sich das auch nicht rechtfertigen ließ, so entschuldigte ihn doch ohne Zweifel manches, und verringerte dadurch sein Vergehen. Holz auflesen mochte er wohl. Er thats aber am Sabbat. Er wußte ohne Zweifel, daß Gott alle Arbeit am Sabbat verboten hatte, wenigstens konnte er’s wissen und mußte es wissen. Daß aber alle Arbeit so streng und bei Todesstrafe untersagt war – das wußte er nicht, so wie es das ganze Volk und Moses selbst nicht wußte. Und war es denn nur Arbeit? etwas Reiser zusammen zu raffen, heißt das denn schon arbeiten? Der Mann that’s doch nicht absichtlich, um damit zu zeigen, daß er sich aus dem göttlichen Gebot nichts mache; that’s nicht, andere zu ärgern und zum Bösen zu verführen! Es war ja nur eine Hand voll Reiser, die er auflas, ohne Zweifel sie zum Kochen zu brauchen. Was war das denn sonderliches? und wir sagen noch einmal: Hieß das Arbeit thun? –

 

Aber seht! welch eine erstaunliche Bewegung macht diese scheinbare Kleinigkeit im ganzen Lager. Die Leute, welche den Mann also beschäftigt finden, bringen ihn vor Moses, welcher alle Vorsteher der Gemeine wegen dieser Angelegenheit zusammenberuft, und sie ihrer Entscheidung vorlegt. Die Sache dünkt ihnen wichtig, aber, in Erwägung aller vorhingenannten Umstände, schwierig zu entscheiden. Sie wollen sich nicht übereilen, und legen den Mann indessen gefangen, denn es war im Gesetz nicht klar ausgedrückt, was man ihm thun sollte.

 

Jetzt entschied der Herr selbst. Und was meinen wir wohl, urtheilte Gott über ihn? Hieß es: er solle auf freien Fuß gesetzt werden, mit der Erinnerung, es hinfort nicht wieder zu thun, da er diesmal mehr aus Unwissenheit, als aus Frevel gefehlt habe, und sein Holzlesen doch noch eigentlich keine Arbeit zu nennen sei? Oder gebot der Herr, ihn einige Tage gefangen zu halten, und dann wieder frei zu lassen? damit er sich nicht für unschuldig halte, obschon er nicht gewußt, was für eine große Sünde es sei, die er begehe? Nicht wahr, das wäre unserer Meinung nach, barmherzig, milde, wo nicht gar recht gewesen. Aber unser Meinen – was gilt das in göttlichen Dingen? Nichts! Von Barmherzigkeit, von Milde, weiß das Gesetz nicht, und noch weniger von einem Recht, es weniger genau zu nehmen. Freilich, wenn unsere heutige Moral zu Gericht säße, so würde sie diese und noch viel wichtigere, und am Ende alle Vergehungen, für leicht verzeihliche Fehler, für Wirkungen des Leichsinns, den man eben nicht zu den Sünden rechnet, - für Ausbrüche eines ungünstigen Temperaments, für Früchte einer vernachläßigten Erziehung – kurz, für alles halten und erklären, nur nicht für strafbare Sünde, die den zeitlichen und ewigen Tod verdient. Nimmt man namentlich die Feier des Sonntags heraus – wie wird derselbe, wenn man auch die alte Strenge keineswegs auf den christlichen Sonntag anwenden, noch die evangelische Freiheit beschränken will, wie wird derselbe gefeiert! Wodurch unterscheidet man ihn von den andern Tagen? Werden nicht theils die gewöhnlichen Arbeiten, auch wenn sie noch so geräuschvoll sind, ohne Noth, werden sie nicht die Vormittage, namentlich bei den meisten Färbern, ohne Abänderung fortgesetzt, und kaum der erste Tag der drei hohen Feste davon ausgenommen, und geschieht nicht in vielen Werkstätten ein Gleiches? Wie befremdend würde es den Meisten vorkommen, wenn man das auch mißbilligen wollte, daß die meisten Kaufläden den Sonntag eben so geöffnet sind, wie die Werktage, ja, daß man noch wohl um der Juden willen, einen Marktag eben auf den Sonntag verlegt; theils bringen viele den Sonntag im Müßiggang zu. Sie schlafen llänger wie gewöhnlich, kleiden sich besser, machen und nehmen Besuche, und bringen die Abende in allerlei Gesellschaften, Lustbarkeiten und Schwärmereien zu, so daß selbst die späten Nächte von dem Rollen ihrer Wagen und von ihrem wilden Geschrei ertönen. England ist das einzige Land auf Erden, wo es anders ist. Am Sonntage herrscht in London, dieser unermeßlichen, einem ganzen Königreiche gleichenden Stadt, die tiefste Stille und Ruhe. Warum sollte das, was da wirklich ist, nicht auch anderswo und namentlich in unserm kleinen Thal möglich sein? Aber freilich, ihr wollt es nicht. Ihr wollt euren Lüsten nachleben, und Viele besorgen großen Nachtheil in ihrer Nahrung, wenn sie den Sonntag, da doch der Herr sagt, man werde es nicht umsonst thun, wenn man um seinet und seiner Gebote willen, auch nur eine Thür am Tempel zuschließe, Mal. 1. feiern.

 

Nun, was war den das Urtheil, das über den Mann erging, welcher Holz aufgelesen am Sabbat? Der Herr sprach zu Mose: der Mann soll des Todes sterben, die ganze Gemeine soll ihn steinigen. Und dies Urtheil ward also vollzogen. – Da sehen wir an einer einzelnen Probe, die furchtbare Strenge und Genauigkeit des göttlichen Gesetzes. An einer einzelnen Probe, sag ich, denn dies dehnt sich über alle Gebote aus, über welchen mit gleicher Strenge gehalten wird. Mögen Menschen es so genau nicht nehmen, so nimmts Gott desto strenger. Wer an Einem fehlt, ist des ganzen Gesetzes schuldig. Man besinne sich doch darüber, was das sagen will, und wie es um uns steht, wenn dieser Regel gemäß mit uns verfahren werden soll. Wer unter uns dürfte sagen, er habe nur an Einem gefehlt? Und wenn jemand das gestehen müßte, so wäre er ja verloren. Wievielmehr derjenige, der oft und viel gefehlt hat. Von jeglichem unnützen Wort sollen die Menschen Rechenschaft geben. Was für eine Rechnung gibt das! Laßt uns ja mit unsern Herzen und Gedanken dabei verweilen, und das wohl überlegen, denn es ist nicht Menschen, sondern Gottes Wort und Lehre. – Warum aber bei einem so ängstlichen Gegenstand verweilen? Damit wir unsere Sünde und unsern verlorenen Zustand recht erkennen, damit wir die Unmöglichkeit außer Christo selig zu werden, gründlich einsehen, damit wir die Nothwendigkeit des stellvertretenden Gehorsams Christi begreifen, damit wir die Opfer, die Gott gefallen – den geängsteten Geist und das zerschlagene Herz bekommen, damit wir gründlich an uns selbst verzagen, damit wir zu Jesu Christo unsere Zuflucht nehmen, und so durch den Glauben an ihn gerecht, und Erben werden des weigen Lebens. Ach ja, eben darum ist den Menschen Christus so gleichgültig, ja eben darum ist den Menschen Christus so gleichgültig, ja eben darum gehen sie verloren, weil sie ihren verlorenen Zustand nicht einsehen. Ihn einsehen ist die halbe Rettung. Allein erkenne deine Sünde, spricht der Herr. O! wie übel ist es, daß die Menschen so ohne Anerkennung ihrer Sünde dahin gehen, ja, daß sie sie so lieb haben, und sie auf alle Weise zu verkleinern, zu beschönigen, zu entschuldigen suchen, ja gar leugnen. Wie übel ist es, daß sie sie sich selbst vergeben, und sie so gering anschlagen, als ob eine Vergebung, wenigstens eine förmliche Vergebung der Sünden ganz unnöthig, oder doch so leicht wäre, daß sie sich beinah von selbst verstände, und Niemand nöthig habe, sich ihrentwegen irgend kümmerliche Gedanken zu machen, besonders denn zu bitten, oder auch zu fragen, ob sie ihm wohl gewiß vergeben wären, oder vergeben werden würden. Sie setzen das so voraus, sie nehmen das so obenhin an, ohne sich nur nach einem Grund umzusehen, worauf sich ihre Meinung stützte. Sie betrachten es nicht als eine Gnade, sondern als eine natürliche Sache. Ach! sie bekümmern sich gar nicht darum, und Vergebung der Sünden zu haben oder nicht zu haben, gehört bei ihnen gar nicht zu den Dingen, die auf ihre Zufriedenheit oder Unzufriedenheit einigen Einfluß haben. O, gräuliche Verblendung! o schreckliche Fühllosigkeit, o viehische Dummheit! Ihr wollt also dem Manne gleichen, der unbekümmert Holz las, bis der Herr sprach: er soll des Todes sterben. Ihr wollt also nicht eher die Nothwendigkeit einer förmlichen Sündenvergebung erkennen, als bis ihr sie nicht mehr erlangen könnt? Ihr wollt die Sünde nicht eher für ein Uebel achten, als bis ihr erfahrt, daß sie in ein ewiges Elend stürzt, woraus keine Erlösung ist? O! beklagenswerthe Menschen! Wer soll euern Herzen die rechte Richtung geben? Wer soll sich euerer erbarmen, die ihr kein Mitleid mit euch selbst habt? Wer soll euch retten, da ihr nicht errettet sein wollt? – Wie kann man dagegen euch schon so herzlich Glück wünschen, die ihr doch wenigstens nach dem Herrn fragt, die ihr euch wegen eurer Sünde bekümmert, die ihr die Vergebung deserlben ernstlich sucht. Ja, ruht nicht, bis ihr mit David sagen könnt: da vergabst du mir die Schuld meiner Uebertretung. Lobe den Herrn, meine Seele, der dir alle deine Schuld vergibt!

 

Bei einem solchen Sinne habt ihr auch eine gute Vorbereitung zu einer zweckmäßigen Betrachtung der Leiden unseres Herrn, deren Zeit nun heranrückt, welche uns zugleich unsere Sünde, unsere Strafe und die Heilquelle offenbart. Ihr werdet nicht Theil nehmen an dem Aufruhr Korah, und euch nicht vergreifen an dem Priesterthum Christi.

 

Die Geschichte Korah bestätigt auf eine schreckliche Weise das vorbildliche Priesterthum, gegen welches er und sein Anhang sich auflehnt, und zur Strafe, lebendig von der Erde verschlungen wird. Es handelte sich nämlich um’s Opfern und Räuchern, mit einem Wort um’s Priesterthum. Moses hatte auf göttlichen Befehl seinen Bruder Aaron und dessen Nachkommenschaft zum Hohenpriester, die übrigen aber aus dem Stamm Levi und seine eigenen Nachkommen, zu geringeren Priesterstellen verordnet. Mit dieser Einrichtung waren mehrere unzufrieden, wollten sie nicht als eine göttliche gelten lassen, beschuldigten Mosen der Herrschsucht, behaupteten, andere wären eben so tauglich zum Priesterthum, verschafften sich einen Anhang, der aus lauter vornehmen Personen bestand, empörten sich und wollten weiter von Mose nichts wissen, den sie verhöhnten und ihm bitter spotteten. Wie fein, sagten sie höhnisch V. 14, hast du uns gebracht in ein Land, da Milch und Honig innen fließen, und hast uns Aecker und Weinberge zum Erbtheil gegeben; willst du den Leuten auch die Augen ausreißen? Wunderlich! Sie beschuldigen Mosen der Herrschsucht und üben sie selbst aus. Der Herr legt sich aber auf eine erschreckliche Weise in’s Mittel. Die Erde thut sich auf und verschlingt die ganze Rotte, so wie sie da sind, lebendig. Das Feuer schlägt dazu und frißt die 250 Männer, die da opfern wollen, und da das Volk statt sich zu beugen, murrt, fährt eine Plage vom Herrn aus und tödtet ihrer 14700. Darauf wird Aaron feierlich seinem Priesterthum befestigt und Israel so mürbe gemacht, daß sie sich’s gern also gefallen ließen. Siehe, sprachen sie zu Mose, wir verderben und kommen um, wir werden alle vertilget und kommen um. Wer sich nahet zur Wohnung des Herrn, der stirbt. Sollen wir denn gar untergehn? Daraus sprach der Herr zu Aaron: du und deine Söhne und deines Vaters Haus mit dir, sollt die Missethat des Heiligthums tragen. So wartet nun des Dienstes des Heiligthums und des Altars, daß keine Plage mehr wüthe unter Israel Kap. 18,1.5. Sie mußten sich also das vorbildliche Priesterthum gefallen lassen, um bei Gott in Gnaden zu bleiben, und durften hinfort keine Eingriffe mehr drein wagen. In dieser Geschichte liegt für uns die wichtige Lehre: wie viel mehr müssen wir uns das wahrhaftige Priesterthum des Sohnes Gottes wohlgefallen lassen, um dadurch allein bei Gott angenehm zu sein und zu bleiben; wie viel mehr usn hüten, dasselbe ganz zu verleugnen, oder auch nur Eingriffe in dasselbe zu thun, des Jesu, welchen Gott uns hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut, damit er die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, darbiete, in dem daß er Sünde vergibt, welche bis anhero geblieben war unter göttlicher Geduld. –

 

Hierher gehören unter andern folgende Sprüche: das ist nun die Summe wovon wir reden: wir haben einen solchen Hohenpriester, der da sitzet zu der Rechten auf dem Stuhl der Majestät im Himmel, und ist ein Pfleger der himmlischen Güter. Ferner: nehmet wahr, ihr heiligen Brüder, die ihr berufen seid mit dem himmlischen Beruf des Apostels und Hohenpriesters, den wir bekennen, Christi Jesu. Dieweil wir einen großen Hohenpriester haben, Jesum Christum, den Sohn Gottes, der gen Himmel gefahren ist: so lasset uns halten an dem Bekenntniß, denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte Mitleiden haben mit unserer Schwachheit, sondern der versucht ist allenthalten, gleich wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasset uns hinzutreten mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhl, auf daß wir Barmherzigkeit empfahen und Gnade finden, auf die Zeit, wenn uns Hülfe Noth sein wird. Jene sind ohne Eid Priester geworden, dieser aber – das viel ist, mit dem Eide, durch den, der zu ihm spricht: der Herr hat geschworen und wird ihn nicht gereuen, du bist ein Priester ewiglich, nach der Weise Melchisedeck. Endlich heißt es: wir haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes. – Wenn Jemand das Gesetz Mosis bricht, der muß sterben ohne Barmherzigkeit durch zween oder drei Zeugen. Wieviel, meinet ihr, ärgere Strafe wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt, und das Blut des Testaments unrein achtet, durch welches er geheiligt ist und den Geist der Gnaden schmähet? Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Werfet euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Sehet zu, daß ihr euch des nicht weigeret, der da redet; denn so jene nicht entflohen sind, die sich weigerten, da er auf Erden redete, viel weniger wir, so wir uns des weigern, der vom Himmel redet.

 

Was heißt das denn wohl, das Priesterthum Christi verleugnen, oder Eingriffe darin thun? Wir wollen suchen kurz zu sein. Zweierlei haben wir hiebei zu erwägen. Erstlich das Priesterthum Christi, zweitens einiges von der Verleugnung oder Schmälerung desselben.

 

Jesus Christus ist der wahre Hohepriester, und verwaltet das wahrhaftige Priesterthum. Größtentheils hat er’s vollendet und beendigt. Und was heißt das? Er hat uns mit dem einigen Opfer seines Leibes erlöset. Er hat uns mit Gott versöhnt. Er hat sich selbst für die, ihm vom Vater Gegebenen, geheiliget, auf daß auch sie geheiliget würden in der Wahrheit. Er hat als das Lamm Gottes der Welt Sünde getragen. Er ist um unserer Missethat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Er, der Gerechte, hat gelitten für die Ungerechten, und unsere Sünde geopfert auf dem Holz, und das Volk dadurch geheiligt, daß er litte. Er ist die Versöhnugn für unsere Sünde. Er hat ein Opfer gebracht für die Sünden, das ewiglich gilt, und mit einem Opfer in Ewigkeit vollendet alle, die geheiliget werden. – Er hat eine ewige Versöhnung funden und alles bezahlt. Er ist dadurch unsere Gerechtigkeit worden. Durch dieses sein Opfer, welches er in der tiefsten Erniedrigung am Kreuz vollbracht, ist er eine Ursache worden der Seligkeit allen, die ihm gehorsam sind. Diesen Theil seines Priesterthums hat der Sohn Gottes vollbracht und beendigt, während seines 33jährigen Aufenthaltes hier auf Erden, sonderlich in den 18, vorzüglich in den 6, und am allermeisten in den 3 letzten Stunden seines versöhnenden Leidens, in Gethsemane, vor seinen Richtern, am Kreuz und am meisten, während der dreistündigen Finsterniß. An dem einen, unvergeßlichen Tage, ist die Sünde des Landes weggenommen. Zach. 3. Sie ist versöhnt, die Missethat zugesiegelt und die ewige Gerechtigkeit angebracht, an dem großen Tage, an welchem der Messias ausgerottet wurde, aber nicht für sich. Dan. 9.

 

Einen vornehmen Theil seines Priesterthums verwaltet der Sohn Gottes noch gegenwärtig, und der besteht in der Fürbitte, denn er lebet immerdar, um für uns zu bitten. Er vertritt uns. Wir haben einen Fürsprecher bei dem Vater. Durch diese seine Fürbitte wirkt er den Seinen die Rechtfertigung und was sonst zu ihrem Heil dient, aus, und wie er durch dieselbe es dem Petrus auswirkte, daß sein Glaube nicht aufhörte.

 

In dieses einigen Priesters Werk nun liegt unser ganzes Heil, von seinem Anfang bis zu seiner Vollendung. In demselbigen sind die Gläubigen vollkommen. Dies Opfer bedarf deswegen keiner Wiederholung, und darum hörte auch bald nach Vollendung desselben, der vorbildliche Dienst im Tempel auf, und kann und soll nie wieder aufgerichtet werden.

 

Was nun der Rotte Korah, in Absicht des vorbildenden Priesterthums, das sie an sich reißen wollte, geschah, widerfuhr ihr zum Vorbilde und dient auch uns zur Warnung, nicht nur überhaupt gegen die Sünde, wegen der erschrecklichen, strafübenden Gerechtigkeit und Heiligkeit des göttlichen Wesens, sondern auch insbesondere gegen die Verleugnung des Priesterthums des Sohnes Gottes und gegen die Eingriffe in dasselbe. –

 

Wie macht man sich denn derselben schuldig? Auf eine gröbere und subtilere Weise. Selbst die Namen der Männer, die sich des von Gott verordneten vorbildenden Priesterthums weigerten, enthalten Fingerzeige. Denn Abiram heißt der hohe, sich selbsterhebende Vater, der doch nur ein Wurm ist. Sehet da den sich selbst über den: Gott sei mir Sünder versöhnt! flehenden Zöllner, erhebenden Pharisäer, welcher Gott – eigentlich aber sich selbst dankt, daß er nicht ist, wie andere Leute. Dathan, heißt ein Gesetzmann. Seht da den reichen Jüngling, der zwar zu Jesu kommt, aber nicht wie ein Kranker zum Arzt, wie ein Armer zu einem wohlthätigen Reichen, sondern wie einer, der Gerechtigkeit gethan; der eines Jesu spottet, der Sünder annimmt; der alles kann. Ein dritter hieß On, das heißt: Kraft und Genugsamkeit. Was fehlt mir noch? was soll ich thun? so fragte jener, voll Einbildung, daß ihm schwerlich etwas geboten werden möchte, das er nicht sollte erfüllen können, was aber auf lauter Eitelkeit und Nichts hinauslief, worauf die Buchstaben des Worts auch deuten – wiewohl sie als die vornehmsten und ansehnlichsten in der Gemeine beschrieben werden. Und solche Gesinnungen sind es, woraus die Verleugnung des Priesterthums Christi, der durch ihn gestifteten Genugthuung und Versöhnung herfließt.. –

 

Ehemals gab es nur einzelne Sekten, nämlich die Pelagianer und später die Socinianer, welche geradezu nebst der Gottheit des Sohnes Gottes, auch sein Priesterthum, so wie die Verderbniß der menschlichen Natur, die Unmöglichkeit durch’s Gesetz gerecht und selig zu werden, und die Nothwendigkeit der Mittheilung des heiligen Geistes bestritten und leugneten. Dagegen rühmten sie die Würde und Kräfte der menschlichen Natur, brüsteten sich damit, daß sie recht die Pflichten des Menschen auseinandersetzten, was ihrem Vorgeben nach genug sei, sie, wenn man nur wolle, auszuüben, räumten Jesu nur die Ehre eines guten Lehrers und Vorbildes ein, ohne anzuerkennen, daß der Mensch noch mehr als das zu seinem Heil bedürfe, und sprachen vom Glauben sehr verächtlich, in sofern damit nicht blos Treue im Gehorsam gemeint sei – rechte Dathans, Moralisten, On’s sich selbst genug und Abirams, aufgeblasene Würmer. Die protestantische Kirche schied sich von diesen Irrlehrern, welche kaum in Polen ein Nest fanden. Aber ihr Wort und Lehre griff um sich, wie der Krebs, steckte, was man am wenigsten hätte vermuthen sollen, besonders die englische Kirche an, und sodann durch Uebertragung ihrer Schriften in unsere Sprache, auch die deutsche. Verleugnet nun die römische Kirche das einige Opfer Christi am Kreuz durch ihr Meßopfer, so thuts die protestantische im Ganzen auf eine noch viel ärgere Weise durch die, ihren Bekenntnißchristen zuwiderlaufende und die heil. Schrift nichts achtende Lehre. Was gilt im Ganzen Christus! was sein Opfer und Verdienst! was der heil. Geist! Der Mensch ist ein On, ist sich selbst genug; er ist gesund und bedarf eines Arztes nicht; er kann seine wenigbedeutende Sünden leicht selbst gut machen und büßen – das ist die neutestamentliche Rotte Korah. Mag sie meistens sehr ansehnliche, wissenschaftlich und sonst gebildete und begabte Leute zu Anführern und Häuptern haben – und ist geboten ihre Lehre, wie ihren aufgeblasenen Sinn zu verabscheuen, und uns mit unserm Bekenntniß und Sinn gänzlich von ihnen zu scheiden. Denn so wir muthwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntniß der Wahrheit empfangen haben, haben wir fürder kein ander Opfer mehr für die Sünde, sondern ein schrecklich Warten des Gerichts und des Feuereifers, der die Widerwärtigen verzehren wird. Diese Menschen dünken sich selbst genug, fragen frech: was soll uns dieser Jesus von Nazareth? Sie verschmähen sein blutiges Verdienst und wollen nicht durch dasselbe, sondern durch sich selbst gerecht werden. Aber das wird ihnen übel bekommen. Verschlingt sie die Erde auch nicht lebendig, so werden sie doch endlich um so mehr von dem Feuer der göttlichen Herrlichkeit verschlungen werden, da sie das einzige Rettungsmittel, den Gekreuzigten, verschmähten, denn Gott wird kommen mit Feuerflammen, Rache zu üben über die, so Gott nicht erkennen, und über die, so nicht gehorsam sind dem Evangelio unseres Herrn Jesu Christi. Die Abirams, die aufgeblasene Würmer müssen dahin kommen, mit David zu sagen: siehe, ich bin aus sündlichem Samen gezeugt, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen. Herr, so du willst Sünde zurechnen, wer kann bestehen. Die mit sich selbst zufriedenen On’s müssen lernen, daß sie elend sind, blind, jämmerlich, nackt und bloß; diese Augensalbe thut ihnen Noth, und wenn sich die an ihnen erweiset: o! wie begierig werden sie dann werden nach den weißen Kleidern, sich damit anzuthun, damit nicht offenbar werde die Schande ihrer Blöße, und nach dem Golde, das mit Feuer durchläutert ist. Sonst aber werden sie sich je länger je besser gefallen, bis sie als Feinde zum Schemel der Füße Christ gelegt werden, und der Befehl ergeht: bringet sie her: die nicht wollen, daß ich über sie herrsche, und erwürget sie vor meinen Augen. –

 

Ihr Gedemüthigten aber, die ihr erkennet, wie groß euere Sünde und Elend sei, weigert euch des Priesterthums Christi und seiner blutigen Versöhnung nicht. Habt ihr keinerlei Gerechtigkeit aufzuweisen – es braucht’s auch nicht. Ergreift desto inbrünstiger und demüthiger die Blutgerechtigkeit eueres Priesters. Müßt ihr euere allseitige Verwerflichkeit anerkennen und mißfallet ihr euch selbst, haltet euch desto mehr an den Gekreuzigten, der sich selbst Gott geopfert hat zum süßen Geruch, durch welchen ihr angenehm gemacht seid. Seid ihr aus Ons ein elendes Nichts geworden: Er kann euch so viel Schätze geben, daß ihr seid überschwänglich reich. Euere Zaghaftigkeiten wegen eueres Mangels, sind lauter subtile Verleugnungen des Priesterthums Christi, und beweisen euere Blindheit an demselben. Verständet ihr’s recht, so würdet ihr auch singen:

 

Ich darf in’s innerste Heiligthum, ganz unverschämt gehen,
Grämen, schämen hat ein Ende, weil die Hände sind durchgraben,
Die für mich bezahlet haben.

 

Ach! so öffne uns denn der heil. Geist, der’s allein vermag, das herrliche Verständniß an dem glorwürdigen Versöhnwerk Christi, deren wunderbare Funktionen wir in der Passionszeit anschauen. Er verhüte in Gnaden, daß deren nicht viele unter uns sein mögen, die dasselbe mit der That, durch Unglauben, Leichtsinn, Welt- und Sündenliebe verschmähen, lasse dagegen derer immer mehr werden, die der herrlichen Früchte dieses erhabenen Werks würdig und theilhaftig werden. Amen.

 

 

Dreißigste Predigt.

Fünfzehnte Lagerstätte: Rimon-Parez.

4. Buch Mosis 33,19.

 

Laßt uns auch dieses Jahr in unsern Frühpredigten fortfahren, die Kinder Israel auf ihrem Zuge durch die Wüste nach Canaan, mit unsern Betrachtungen zu begleiten, und mit ihnen gedenken all des Weges, den der Herr unser Gott sie die 40 Jahre hindurch geführt hat, wie ihnen 5. Buch Mos. 8,2. geboten wird, welches uns an manche Wege erinnert, die auch wir gemacht haben oder noch machen.

 

Seit zwei Jahren ohngefähr sind sie auf der Reise nach einem Lande, das sie in so viel Wochen mit weit weniger Ungemach hätten erreichen können, wäre es ihnen erlaubt gewesen, ihren Weg nach der Vernunft selbst zu wählen und einzuschlagen, nicht aber zu folgen, wohin die Wolkensäule sie führte. Alsdann hätten sie nicht bald Hunger, bald Durst zu leiden nöthig gehabt, dann hätte ihnen nicht Brodt vom Himmel zu regnen, noch Wasser durch ein fortwährendes Wunder aus einem geschlagenen Felsen gegeben zu werden brauchen. Dann hätten sie nicht nöthig gehabt, so abhängig vom Herrn zu leben, und hätten weder Ihn, noch sich selbst so kennen gelernt. Dann wären sie nicht so und dermaßen gepanzerfegt worden, wie es jetzt geschah, dann wären aber auch tausend göttliche Absichten nicht erreicht worden, deren mehrere in dem angeführten Kapitel angegeben werden. Wie seltsam und widersinnig es auch dem Anschein nach ging, so lag doch das zum Grunde, was der größte Prophet des alten Bundes 5. B. Mos. 32. sang: Er führte Israel und behütete ihn, wie seinen Augapfel. Wie ein Adler ausführt seine Jungen und über ihnen schwebet, so der Herr, der seine Fittige ausbreitete, sie nahm und auf seinen Flügeln trug; denn Jakob war sein Erbe und des Herrn Theil sein Volk. Der Herr allein leitete ihn. –

 

Ganz nahe sind wir an Canaans Gränze vorgerückt, und diese 15te Lagerstätte liegt nebst der 16ten mit Ritma, der 14ten Lagerstätte in gleicher Entfernung vom verheißenen Lande, wie jede dieser drei Lagerstätten auch gleich weit, d.i. 1 ½ Meilen von einander entfernt sind. Wollten wir fragen, was das denn groß habe nützen, oder was für irgend bedeutende Zwecke durch eine so geringe Ortsveränderung haben erreicht werden mögen, da doch die kleinste Ortsveränderung mit sehr großen Umständen, wegen Abbrechung und Wiederaufrichtung des Lagers verknüpft war: so müssen wir uns mit der Antwort Elihus begnügen: Er gibt keine Rechenschaft von seinem Thun, und unsere Gelehrsamkeit in dem Bekenntniß unserer Unwissenheit, so wie unsere Frömmigkeit darin setzen, uns Ihm ganz und ohne Widerrede zu übergeben, ohne immer zu fragen, warum und wozu? Laß deinen Augen meine Wege wohlgefallen! Nur Liebe ist’s, die uns regiert, und uns bald so, bald anders führt. Es muß uns sein zum Ziel gesegnet.

 

Stets Canaan im Gesicht, dauerte bei ihnen die Hoffnung fort: die Wolkensäule werde sie durch eine kleine Schwenkung rechts, vollends in’s himmlische Erbtheil führen. Auch der Christen Weg ist manchmal wie an Canaans Gränzen. Sie genießen unaussprechliche Mittheilungen und Einflüsse des heil. Geistes. Es strahlet ihnen ein Licht, daß sie mit Jakob sagen können: ich habe den Herrn von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen. Selbst zu seinen Füßen ist es wie ein schöner Saphir, wie die Gestalt des Himmels, wenn es klar ist. Es durchgehet sie ein Friede Gottes, der wirklich höher ist, als alle Vernunft, und ihr Herz und Sinne bewhret in Christo Jesu. Sie spüren ein solches Einverständniß, eine solche Uebereinstimmung mit Gott, daß ihre ganze Seele zu allem ja sagt, und wie ein unmündiges Kind in seinen Armen, ja, ihm in der Mutter liegt, und sich von ihm heben und tragen läßt. Es ist ein Glaube, ein Vertrauen da durch Christum zu Gott, daß sie mit dem Dichter sagen dürfen:

 

Die Sonne muß noch eh von Glut und Schein
Beraubet, in des Abgrunds Kluft sich senken,
Ob ich von Jesu werd geschieden sein,
Und eh Er, meiner wird nicht mehr gedenken.

 

Alle Schatten des Zweifels verkriechen sich vor diesem Licht. Der heilige Sinn macht den Meister in dem innern Hause, und stößt die Magd aus sammt ihrem Sohne. Der alte Mensch muß sich unter’s Joch schmiegen und bluten unter dem Opfermesser, ja, Josuas Fuß tritt Canaans Königen so auf den Nacken, daß sie sich kaum noch regen. Die Liebe durchgeht wie ein sänftigendes Oel das ganze Gemüth, und übet ihre sanfte und mächtige Kraft in Abstoßung aller Herbigkeit. Sie verzeiht, sie duldet alles. Ist er im Leiden – das Herz schmiegt sich unter alles mit freundlicher Gelassenheit. Das ganze Joch Jesu wird sanft, seine ganze Last leicht. In seinem ganzen Dienst ist nichts schweres noch beschwerliches und so schwört das ganze Herz mit Freuden, daß es die Rechte seiner Gerechtigkeit halten will, und hält sie auch wirklich. Die Welt mit allem, was drinnen ist, wird ganz unbedeutend, groß aber die Sehnsucht, um vollends bei dem Herrn daheim zu sein.

 

So findet sich’s manchmal bei christlichen Kranken nicht nur, sondern auch bei Gesunden. Jene sehen da wohl mit Sehnsucht ihrer wahrscheinlichen Auflösung entgegen. Sie freuen sich, daß sie nun bald ihren Wanderstab nieder- und die Hülle ablegen können, in welcher sie auf so mannigfache Weise beschwert wurden; daß nun bald der Leib der Sünde aufhört, der sie so oft ausrufen ließ: ach! ich elender Mensch! daß es nun bald wird heißen können: wir sind dem Strick des Voglers entgangen, der Strick ist zerrissen, der Vogel ist frei. Und siehe, es heißt: zurück! Die körperliche Genesung stellt sich ein, und sie müssen wieder zurück in die arme Welt, zurück in den Streit, zurück auf den Kampfplatz. Das dünkt ihnen denn wohl hart, daß sie von dem nahen Canaan wieder Abschied nehmen sollen und ihr Schiff beim Eingang in den Hafen, wieder in die offenbare See zurückgeschlagen wird. – Diese reichlich Getrösteten und Beschenkten rechneten auch wohl mit Hiob darauf, von nun an in ihren bequemen Nestchen zu bleiben, was die Schwalbe gefunden. Sie denken nicht anders, als der Stand der Buße sei durchgemacht, und der Friede, den sie jetzt genießen, werde sein, wie ein Wasserstrom, da ihre Gerechtigkeit ist wie des Meeres Wellen. Und siehe! es heißt: zurück! unter das Gesetz, in die Buße, in die Armuth, da sie darauf rechneten, es würde stets vorwärts heißen, von Glauben in Glauben, von Kraft zu Kraft. Jedoch gehts auch immer vorwärts. Abnehmen ist auch Wachsthum. Indem man schwach wird, kann man an Stärke zunehmen. Uebrigens geht’s an einem ganz andern Orte in Canaan hinein, als wo man’s meinte, und es ereignen sich ganz andere Dinge, als man anfangs vermuthete.

 

Zwei Jahre, wie gesagt, sind die Kinder Israel auf ihrer Wallfahrt. Während dieser Zeit hat sich ungemein viel und höchst merkwürdiges zugetragen, und sie sind bis an die Gränze Canaans gekommen; jetzt aber entfernen sie sich wieder von demselben, schwenken sich erst rechts hinauf, als sollten sie nun auf der geraden sTraße in das verheißene Land einziehen; sodann gehts aber wieder links, als sollte es nach Egypten gehen. Sie kommen zu Thahat, quer über den Weg, den sie schon einmal gemacht haben, nähern sich jetzt wieder dem verheißenen Lande, entfernen sich dann aber wieder davon, und müssen herunter bis nach Ezeongeber am rothen Meer. Von da geht’s wieder ein wenig auf das liebe Land zu, bis gen Hor, wo Aaron stirbt und die Moabiter sie nöthigen, wieder umzukehren. Sie ziehen abermals wieder bis nahe an’s Meer, und dann geht’s endlich in ziemlich gerader Richtung auf Canaan los, in welches sie dann, nachdem bis auf Josua und Caleb alle gestorben, die aus Egypten gezogen waren, durch den Jordan – auf deutsch: Strom des Gerichts – nach einer 40jährigen Wanderung glücklich einzogen. Wudnerbare, räthselhafte Führung! Wer kann’s ergründen! Viel zu fragen, wenig zu antworten. Nicht weniger wundersam ist es, daß von nun an 18 Lagerstätten hindurch, bis gen Hor, von den Wanderungen Israels, seinen Begegnissen und seinem Verhalten durchaus nichts gemeldet wird, als die Namen dieser Lagerstätten, obschon darüber ein Zeitraum von wenigstens 35 Jahren hingeht. Es fiel freilich auch wohl nichts merkwürdiges vor. Alles ging so im gewöhnlichen Gleise. Das Volk war durch das letzte erschreckliche Ereigniß zu Ritma, da die Erde unter den Füßen der aufrührerischen Rotte riß, für eine lange Zeit eingeschüchtert und gedemüthigt. Sonst fiel täglich das nöthige Manna vom Himmel, was ihnen etwas ganz gewöhnliches wurde; das Wasser quoll stets aus den Felsen, welcher mitfolgte, welches war Christus, und sie wunderten sich auch darüber nicht mehr, wie denn die göttlichen Wohlthaten durch ihren täglichen Genuß wenig oder gar nicht geachtet werden. Ihre Schuhe zerrissen nicht, ihre Kleider veralteten nicht. Es war ein höchst einförmiges Wesen, in welches sie sich schickten, so gut es ging. Besonders Neues fiel nichts vor, als daß sie von Zeit zu Zeit auf den Wink der Wolken- und Feuersäule ihre Hütten abbrechen, ihre Lagerstätte verändern, ihre Hütten wieder aufschlagen mußten, ohne zu wissen warum oder wozu, ohne zu wissen, ob sie sich Canaan näherten, oder sich davon entfernten. Sie sollten ohne Willen, ohne Wahl, ohne Einsicht sein, sich nirgends festsetzen und auch nirgends forteilen, sondern in gänzlicher Abhängigkeit leben, ruhen, wenn dies, reisen, wenn das des Herrn Wille war, abbrechen, einpacken, forttragen, auspacken und wieder aufrichten, und so dem Herrn nach Seinem und nicht nach ihrem Gutfinden dienen. – Wir bemerken dabei folgendes: 1. die Gläubigen scheinen wohl einmal wie vergessen, theils von andern Christen, die sie nicht besuchen, sich nicht nach ihnen umsehen, keine Theilnahme, kein Mitleid bezeugen, und dies fällt schmerzhaft; oder sie fühlen sich auch einsam, weil sie keinen finden, gegen welchen sie ganz offen sein könnten. Ich bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache, klagt David Ps. 102., oder gar wie eine Nachteule, worüber sich die andern Vögel hermachen. Mein ist vergessen, wie eines Todten. Heman klagt: Gott mache, daß seine Freunde, Nächste und Verwandte sich ferne von ihm thun, um seines Elendes willen. So lange er nun noch mit Assaph sagen kann: du bist dennoch meines Herzens Trost – geht’s noch wohl an. Aber wie schmerzhaft ist es, wenn es das Ansehn gewinnt, als habe der Herr die Seele vergessen. So klagt Zion Jes. 49. und David fragt Ps. 13.: wie lange willst du mein so gar vergessen? und Ps. 42., warum hast du mein vergessen, während ich so traurig hingehe und mein Feind mich dränget. Im 44. Psalm pochet er lebhaft bei dem Herrn an, wenn er sagt: wache auf, Herr, warum schläfest du? warum vergissest du unseres Elends und unseres Dranges? denn unsere Seele ist zur Erde niedergebeugt, unser Bauch klebt am Erdboden. Und wenn es 1. B. Mos. 8. heißt: da gedachte Gott an Noah, so lautet das ja gerade, als ober sein, während er in der Arche war, vergessen gewesen wäre. Da geht denn alles über den Jakob her. Sein Zaum ist zerbrochen, daß alles ihn zerreißet, was vorübergeht, wie Assaph im 80. Ps. sagt, so daß das Herz nicht anders denkt, als dies und jenes würde sich nicht ereignen können und dürfen, wenn der Herr sich nur in etwa um seine Angelegenheiten bekümmere, und sie regiere. Er scheint, wie der angeführte Psalm sagt, gar zu zürnen über dem Gebete seines Volks, und bittere Dinge wider dasselbe zu schreiben, wie Hiob spricht. Der Herr aber spricht: kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie desselbigen vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet. Zur rechten Zeit geht es wieder, wie es 5. B. Mos. 2,4. heißt: der Herr hat dein Reisen durch die große Wüste zu Herzen genommen, und ist 40 Jahre bei dir gewesen, daß dir nichts gemangelt hat, auch das Kreuz nicht, desto süßer ist dann sein Andenken. –

 

2. Bis zu einer gewissen Zeit können viele begnadigte Seelen alles umständlich erzählen und beschreiben, was in und mi ihnen vorgeht, daß sie mit dem 66. Ps. sagen: kommt her, alle, die ihr Gott fürchtet, höret zu, ich will erzählen, was er an meiner Seele gethan hat. Sie wären im Stande und geneigt, ihr Leben und ihre innere Führung von Stufe zu Stufe zu beschreiben, um auch andere dadurch zu belehren und zu erbauen. Sie sind im Stande, ihre Kämpfe, die Art ihres Streitens, ihre Wirksamkeit, ihre Siege, ihre Tröstungen, ihre Mißgriffe umständlich darzustellen, wie eins auf’s andere folgte. Mehrentheils aber verliert sich diese Fertigkeit in der Folge; das Rimon-Parez stellt sich ein, wo wenig mehr zu sagen vorfällt, und das Mannigfache sich einfacher gestaltet; entweder ragt es nicht mehr so hervor, oder es ist mehr geistig, oder nicht mehr so neu und auffallend. Man fängt auch an, anders zu rechnen und Vieles anders anzusehen, wie früher. –

 

3. Mit der Zeit verlieren sich auch wohl gewisse Gaben, die sonst den Christen zierten, z.B. die Gabe des Gedächtnisses und der Mittheilung, wodurch jemand im Stande ist, den Inhalt ganzer Predigten aufzufassen, und auf eine angenehme Weise wieder mitzutheilen, die Gabe der Belebtheit, wo alles eine interessante Lebendigkeit und etwas Ergreifendes hat, sei es in Wehmuth oder Freude, wo das Gemüth auf die eine oder andere Weise kräftiglich aufgerecht wird, so daß entweder das Angesicht von Heiterkeit erglänzt, oder die Liebe zu dem Herrn sich in süßen Thränen Luft macht. Das Lesen, das Hören des göttlichen Wortes, der Genuß des heiligen Abendmahls, die Betrachtung der Leiden Christi, das Gebet kann die Seele in eine Art von Entzückung versetzen, daß sie mit Johannes sagen möchte: ich war im Geist an des Herrn Tag. Aber dies kann sich verlieren, so daß er das nicht mehr kann, oder auch das nicht mehr so genießt, wie früher und auch selbst den Geschmack nicht mehr daran findet, sondern mehr trocken wird. Aber meine Gnade ist dir genug, und meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Jesus wills allein sein. Er entzieht auch nichts, ohne es nachher veredelt wieder zu verleihen. Man gefällt sich auch leicht in den Gaben, und vergißt des Gebers. An deiner Gnad allein ich kleb. Israel zog ohne Brodt und Wasser durch die Wüste. Der Herr war ihm statt des allen, und so litte es nie Mangel, oder wenn es je Mangel litt, geschah es nur zu dem Ende, des Herrn Allgenugssamkeit in neuen Beweisen zu sehen. –

 

Von nun an verläßt uns also die Geschichte von den Reisen Israels. Wir haben nichts davon als Namen, bis wir nach Kades kommen, der 32ten Lagerstätte, dessen ungeachtet kann ich von deren weitern Bedeutung nicht wohl abstehen, wiewohl ich dieselbe nur an ein einzelnes Wort und dessen Bedeutung anknüpfen muß. Der Herr wolle sich das Gespräch unseres Mundes um Christi willen gefallen lassen und es heiligen, uns freundlich dabei leiten, und es zu unserer Belustigung und Erbauung ferner segnen. Wir haben nun einmal unsere Freude daran, die wir Niemand aufdringen, sie uns doch aber auch nicht verkümmern lassen. –

 

Diese 15te Lagerstätte, die noch an der Gränze Canaans liegt, heißt Rimon-Parez, dies Wort heißt: ein aufgeschlitzter Granatapfel. Der Granatapfel ist eine Frucht, die nur in wärmern Gegenden gedeiht, als unsere nördlichen, und die wir nur aus Abbildungen kennen; die heißen Länder Europens und Asiens bringen sie hervor. Sie ist ein großer Apfel von grün und gelblichter, dicker und harter Schale, angefüllt mit hochrothen, saftigen Beerlein, welche herausgedrückt, einen angenehmen, kühlenden, den Durst löschenden, und Kranken, wie Gesunden wohlthätigen Genuß gewähren. Ist er reif, so zeigen sich diese rothe Beerlein durch einen Ritz, welches sich sehr lieblich ausnimmt. Der Granatapfel ist also etwas schönes, und ein Bild des Schönen. Am Gewande des Hohenpriesters befanden sich künstliche Granatäpfel, und goldene Schellen zwischen denselben, die bei seinem Gange im Heiligthum tönten, damit des Volkes vor dem Herrn in Gnaden gedacht würde. Sie hingen unten um seinen himmelblauen Mantel und waren aus himmelblauer, purpur- und scharlachrother Wolle verfertigt. Sie bildeten ab die Früchte der Gerechtigkeit des wahren Hohenpriesters Jesu Christi. Wie der Granatapfel in seiner harten, herben, aber wohlriechenden Schale seine liebliche Frucht umschließt, welche reizend aus dem Ritz hervorblickt, so liegt in dem bittern Leiden Christi ein wohlriechendes Opfer, eine geistliche Speise, wodurch wir gestärkt werden in dem geistlichen Leben, ein erquickender Trank, der das schmachtende Herz mächtig labt. Die Gerechtigkeit Christi, die uns durch die goldenen Glöcklein des Evangelii angepriesen wird, bringt auch in denen, die ihr Getöne vernehmen, Früchte hervor, vom lieblichsten Geruch und Geschmack. Das Himmelblau erinnert, an die himmlische Quelle, der Scharlach an den Ursprung in dem Blute Jesu Christi, der Purpur an seinen hohen Werth und würdigmachende Kraft. – Granatäpfel sind etwas schönes und ein Bild des Schönen. Wenn der himmlische Bräutigam die Schönheit seiner Braut und Kirche schildern will, und sie nun erst im Allgemeinen, dann in einzelnen Stücken als schön preist, so sagt er insbesondere von ihren Wangen: sie sind wie ein Ritz am Granatapfel. Auf dem Wege nach Canaan kommt gewiß viel Schönes vor, mag es den Wandersleuten auch nicht immer so klar vorschweben. Wie viel Schönes liegt sogar schon in ihren Leiden, so daß sie sich auch der Trübsal rühmen, wenigstens, wenn sie vorüber ist, sagen: ich danke dir, daß du zornig gewesen bist und tröstest mich wieder, daß du mich treulich gedemüthiget hast. Und dienen sie nicht dazu, eine Aehnlichkeit mit der höchsten Schönheit – mit Jesu Christo hervorzubringen, so daß Paulus die Aehnlichkeit seines Todes und die Gemeinschaft seiner Leiden nicht weniger begehrt, als mit hinanzukommen zur Auferstehung von den Todten, und gewissermaßen prahlt: er habe mehr gelitten, als andere, und trage die Malzeichen Jesu Christi an seinem Leibe. – Wie viel Schönes erblickt man oft an Kindern Gottes:

 

Du weißt, wie mich’s oft erquicket,
Wenn ich Seelen hab’ erblicket,
Die sich gänzlich weihen Dir.
Ich umfasse all die Deinen,
Die Dich lieben, die Dich meinen,

 

O! wie köstlich sind sie mir! Was für geistliche Schönheiten entdeckt die Seele in dem Worte Gottes! Von allen Seiten fühlt sie sich auf die angenehmste Weise angezogen, und findet oft hinter den am wenigstens versprechenden Blättern, die köstlichsten Früchte. Was da gesagt wird, ist ihr nicht nur köstlich, sondern auch die Art und Weise, wie es gesat oder angedeutet, klar gezeigt oder verhüllet wird, bewundernswürdig und entzückend. Kein Wunder, wenn jener Kämmerer, auch in seinem Wagen die Schrift las, und was für Schönheiten entdeckte er in dem, ihm früher so dunkeln 53. Kapitel Jesaia, als im Philippus den Ritz am Granatapfel sehen ließ. Was für Entzücken oder Schönheiten stellen sich ihm in dem Bundesgott dar: in seiner Liebe, die allen Verstand übersteigt, und die uns nicht in ihrem vollen Glanze in’s Gemüth dürfte strahlen, oder der Athem würde uns ausgehen; in seiner Treue, die auch dann fortdauert, wenn wir untreu sind, daß ehe Berge weichen und Hügel hinfallen sollen, ehe seine Gnade von uns weicht und der Bund seines Friedens hinfällt; in seiner Barmherzigkeit und Gnade, die Missethaten, Uebertretungen und Sünde vergibt. O! du alte und neue Schönheit! rief Augustinus aus, warum habe ich dich so spät erkannt! – Und was für Schönes enthält sein Gnadenbund, der, wie David 2. Sam. 23. sagt, ewig ist, worin alles wohl geordnet und gehalten wird, wiewohl all mein Heil und Thun ist, daß nichts wächst. Ein Bund, der nichts fordert und alles schenkt, der aus lauter Verheißungen besteht, der nie wieder gebrochen wird! O! öffne mir die Augen! Laß mich deine Herrlichkeit sehen! Geht und besehet euch die Herrlichkeit de rErde, die Pracht der Gebäude, die Wunder der Malerei, ergötzt euch an der Pracht der Farben, an der Schönheit der Gewänder – wenn wir nur Ihn sehen und seinen Bund, so genüget uns ewiglich. – Und was ist es, den Schönsten unter den Menschenkindern zu sehen! Die Braut im Hohenliede ruft über ihn aus. Alles was an ihm ist, ist höchst begehrenswerth. Was läßt sich schöneres sehen, als die schlechte Krippe, und in derselben das höchste Gut, den uns gegebenen Sohn, das uns geborene Kindlein, dessen Herrschaft ist auf seiner Schulter, der da heißt: Wunderbar, Rath, Kraft, Held, Ewig Vater, Friedefürst. Wo ist etwas so Schönes zu sehen, als der Mann der Schmerzen am Kreuz, wo er für uns zum Fluch wird, um uns den Segen zuzuwenden, wo er uns mit Gott versöhnt, wo die Handschrift unserer Sünden aus dem Mittel gethan, wo unser alter Mensch gekreuzigt und getödtet, wo die ewige Gerechtigkeit angebracht wird. Reiht sich nicht daran die Schönheit seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt, die uns ihn als denjenigen offenbaren, der wirklich alles, und uns in sich selbst vollendet hat? Was kann Schöneres erdacht werden, als daß dieser Eine, unsere Gerechtigkeit, unsere Kraft, unser Alles ist! Wollt ihr was Schönes sehen, so geht heraus und schauet an, ihr Töchter Zions, den König Salomo in seiner Krone Hohel. 3. – Und wie herrlich ist der wichtige Umstand, daß seine Gemeine, in sich selbst so ungestalt, in ihm so vollkommen, so ohne Flecken, Runzel und Tadel, so heilig und unsträflich, so schön ist, daß Er in dem genannten geheimnißvollen Buche zu ihr sagt: Du bist allerdinge schön und kein Flecken an dir, ja, sie auch selber Muth genug gewinnt, in einem gläubigen Echo zu erwiedern: ich bin lieblich. Ach! dergleichen fällt in Rimon-Parez vor, wo der Ritz am hohenpriesterlichen Granatapfel sich zeigt. Wer lagerte da nicht gerne? – Granatäpfel sind was Köstliches und Vortreffliches, deswegen brachten jene Kundschafter sie auch neben den köstlichsten Weintrauben aus Canaan, den Kindern Israel als Beweise der Kostbarkeit des Landes entgegen, und deswegen dienten sie auch zur Zierde des hohenpriesterlichen Mantels. Wenn die Braut im Hohenliede ihrem Freunde, den sie ihren Bruder nennt, das allerkostbarste vorsetzen will, so nennt sie Kap. 8,2. den Most ihrer Granatäpfel. Und haben wir nicht so eben die allerkostbarsten Güter genannt? Wie theuer seid ihr erkauft! Für was für einen Preis vom unnennbarsten Werth ist euch Vergebung, Gerechtigkeit, Leben geworden, nämlich durch das Blut Jesu Christi. Wie köstlich dabei ist es, daß der heilige Geist uns das zueignet, da wir’s sonst nie erlangen würden, daß er uns erst zeigt, wie sehr wir’s bedürfen, daß er uns sodann so begierig darauf macht, daß wir durchaus Theil daran haben müssen und wollen, daß er uns endlich den Glauben schenkt, wodurch wir’s annehmen, und daß er sodann bei uns bleibet ewiglich. Er macht das Heil in Christo Jesu, und die Tüchtigmachung zu dem Erbtheil der Heiligem im Lichte so kostbar, daß man sich sehr gern selbst verleugnet, sein Kreuz auf sich nimmt und Jesu folgt. – Sind Granatäpfel kühlend, erquickend, erfrischend für den Körper – ach! welch ein Labsal kann der heilige Geist der schmachtenden Seele geben, und gibt’s ihnen von Zeit zu Zeit wirklich, daß sie sagen kann: der Durst ist hin, wie bin ich so erquickt! Ja, es sind dieser Granatäpfel noch vorhanden, euch zu laben, ihr bekümmerte Seelen. Müßt ihr euch eine Zeitlang zu Ritma, unter den Wacholdern aufhalten, und wohl lange daselbst verweilen: die Wolkensäule setzt sich doch wieder in Bewegung, euch nach Rimon-Parez zu leiten, wo ihr Most von Granatäpfeln findet. Seid ihr daselbst gelagert, so freuet euch, wisset aber, es ist Canaan noch nicht. Es folgen noch andere Lagerstätten. Ihr müßt an’s rothe Meer des Blutes Christi, u.s.w. – Granatäpfel sind für jedermann dienlich, und sie mögen in allen Umständen genossen werden. Dies gilt im allerhöchsten Sinne von den hohenpriesterlichen Granatäpfeln des Verdienstes Jesu Christi. Sie sind für euch alle heilsam, ja nothwendig und unentbehrlich. Ohne sie kann euch alle Gesundheit, Reichthum und Ehre auf die Dauer nichts nützen, mit ihnen wird euch Alles zum Segen. Sei wer und was du willst, versäume diese kostbare Frucht nicht, was du etwa auch sonst möchtest vernachlässigen wollen oder müssen. Zwar wird dir anfangs die herbe, zusammenziehende, dicke Schale etwas zu schaffen, und vielleicht deine Zähne stumpf machen. Aber scheue das nicht. Was hat man ohne Mühe? Begib dich in die Arbeit der Buße, kämpfe den guten Kampf, ringe mit Gott in ernstlichem Gebet. Lasse ihn nicht, bis er dich segnet. Mußt du da, wenn’s sein soll, eine Zeitlang traurig sein, oder gar dich ängsten. Es wird dich nie gereuen, gereuen aber wird es dich, wenn du dich nicht also verhältst. Obschon die Schale bitter schmeckt, der süße Kern inwendig steckt. Hast du genug getrauert, gesucht, angeklopft – so wird sich dir der Ritz am Granatapfel zeigen, ja, dir die erquickende Frucht zu Theil werden, und du so an dir selbst gewahr werden, was das Lager zu Rimon-Parez bedeutet. Er erquicke mich mit Aepfeln, sagt die Braut im Hohenliede, und sieht mehrmals nach, ob die Granatbäume grünen. Er grüne allen bekümmerten Seelen, und erquicke sie in Durst, Kampf und Hitze. Der Klang der goldenen Schellen des Evangelii verkünde uns den Hohenpriester, dessen Gerechtigkeitsbaum die Granatäpfel trägt, und seine Frucht sei unsern Kehlen süße. Amen.

 

 

Ein und dreißigste Predigt.

 

Sechszehnte Lagerstätte: Libna.

4. Buch Mosis 33,20.

 

Auch die 16te Lagerstätte liegt noch an der Gränze Canaans, welche uns zur Rechten liegt. Der Zug geht noch immer in grader Richtung auf die große Heerstraße zu, als sollte es nicht nach dem rothen Meere, wohin es doch soll, sondern geraden Wegs in Egypten hinein. Denn wir sollen ja zurück. Libna mag etwa drei Stunden von Rimon liegen. Ist denn so eine kleine Ortsveränderung, all der Umstände, als des Abbrechens und Aufrichtens werth? Kann das irgend von Bedeutung sein? O ja. Es kann dem eignen Willen einen Streich versetzen, und die eigene Weisheit zurückweisen, die nicht um Rath gefragt, deren Billigung nicht abgewartet, deren Mißbilligung nicht berücksichtigt wird; der neue Mensch hat eine Gelegenheit, seine Geduld und Folgsamkeit zu beweisen, der alte, sich in seiner Unart zu zeigen. Die Genauigkeit der göttlichen Regierung wird offenbar, die sich bis auf die Zählung der Haare erstreckt, wie wenig wir’s auch glauben. Den Vorzug haben die Kinder Israels, daß sie stets die Gewißheit haben, sie seien da, wo der Herr sie haben wolle, und die können wir auch haben, wenn wir nicht eigenwillig und eigenmächtig verfahren, sondern uns nach Seinem Wort richten und beten, in zweifelhaften Dingen uns lieber enthalten, und unsre Hoffnung auf den Herrn setzen, daß Er uns unterweisen und den Weg zeigen wolle, den wir wandeln sollen. Alsdann haben wir’s mit einem barmherzigen Herrn zu thun, der unvorsätzliche Mißgriffe verzeiht, und dessen Geduld wir für unsere Seligkeit achten dürfen. – Die Nähe Canaan’s, der Blick in dasselbe hinüber, war in der That ein stetes Märterthum, da sie nicht hinein durften. An einem ganz andern Ende sollten sie hinein, und zuvor noch gar mancherlei durchgehen und erfahren, auch vielfach sterben.

 

Doch lasset uns jetzt der 16ten Lagerstätte näher treten. Sie heißt Libna, und das ist zugleich alles, was uns davon gemeldet wird. Auf Deutsch würde es Weissenburg heißen. Sie hat ihren Namen von weiß sein, werden, oder machen. So heißt es Daniel 12,10 von jener letzten, bedrängten Zeit: viele werden gereinigt, geläutert, weißgemacht und bewährt werden. Der Mond hat auch seinen Namen davon, so wie Weihrauch, Ziegelsteine und Pappelbäume. Diese Bedeutungen liefern uns den Stoff zu unserer weitern Betrachtung, namentlich die von der weißen Farbe.

 

Die weiße Farbe war die herrschende bei dem alttestamentlichen Gottesdienste, und neben derselben: Purpur, Scharlach und Himmelblau, aber durchaus kein Schwarz. Die Priester waren in Weiß gekleidet. Herodes ließ Christo einen weißen Mantel umwerfen und schickte ihn so dem Pilatus zurück. Die Engel erschienen in Weiß gekleidet. Weiße Kleider werden, Offenb. 3., dem verheißen, welcher überwindet, und die es werth sind, sollen mit ihm wandeln in weißen Kleidern, Vers 4. Vers 8 wird uns gerathen, uns weiße Kleider zu kaufen, um damit angethan zu werden, daß nicht offenbar werde die Schande unserer Blöße. Kapitel 1 wird Er als ein solcher geschildert, dessen Haupt und Haar weiß war wie Wolle; nach Kapitel 19 erscheint das ganze Himmelsheer in weißer Seide, und auf Thabor wurden alle Kinder weiß wie der Schnee. David betet Psalm 51: wasche mich, daß ich schneeweiß werde, und Jes. 1. verheißet der Herr: wenn euere Sünde blutroth ist, soll sie doch schneeweiß werden. – Aus allen diesen Stellen erhellet, daß die weiße Farbe ein Bild der Heiligkeit und Unschuld ist, weiß werden, also im geistlichen Stande so viel ist, als heilig werden. Folglich muß ein jeder nach Libna, ja, am besten wäre, wir wären wirklich daselbst gelagert. –

 

Von Natur sind wir schwarz, das Gegentheil von weiß; wir sind Fleisch, das Gegentheil von Geist, wir sind Feinde Gottes und das Gegentheil von ihm: unheilig und befleckt. Wo will man einen Reinen finden, bei denen, wo keiner rein ist? fragt Hiob; wir sind allesammt, wie die Unreinen, bekennet die Kirche; sie sind unrein, die umherliegen, - so urtheilt Gott vom ganzen Volke. Wir haben das ursprüngliche Ebenbild Gottes verloren, sind ihm nicht ähnlich, sind schwarz, da wir weiß sein sollen, Finsterniß statt des Lichtes. So werden wir erzeugt und geboren, und David findet die erste Quelle seiner schweren Sünde, eben in diesem bedauernswerthen Umstande. Der Keim des Bösen liegt schon in uns, wenn wir des Tages Licht zum ersten Mal erblicken. Das Saamkorn des Unkrauts liegt schon da, und wartet nur auf den ihn begünstigenden Nebel und Heerrauch, um hervorzubrechen. Die Gelegenheiten, die Versuchung, fördern das böse Kind zur Geburt. Die Gefahr ist droß. Eine schlechte Erziehung, böse Beispiele, giftige Lehren, unmittelbare Verführungen und dergleichen, bringen das Böse nicht in den Menschen, als ob’s vorher nicht da gewesen wäre, sondern sie wecken das schlafende Kind gleichsam nur, oder helfen das Ei ausbrüten. Eine zweckmäßige Erziehung, gute Vorbilder, heilsame Lehren, Sicherung vor bösen Einflüssen von außen, Gewöhnung zu allerlei Gutem, ist an und für sich weiter nichts, als ein frischer Anstrich eines verfallenden Hauses, oder die Tapete einer schlechten Wand, mag die Welt es auch ungleich höher taxiren. Im Grunde betrachtet, hat man sich über Irrthümer, Ketzereien, Bestreitung der heiligen Schrift, über allerhand Treulosigkeiten, Sünden und Schanden, so sonderlich nicht zu verwundern, da sie auch bei denen zu Grunde liegen, bei welchen sie eben nicht durchbrechen, wiewohl es zuweilen geschieht, daß auch solche Personen, von denen man es nicht erwartet, und die es selbst nicht von sich gedacht, in solche Sünden fallen, die man von ihnen am wenigsten vermuthet hätte, wie Petrus, damit sich niemand für unschuldig halte. – Es ist eine demüthigende, aber wohl begründete Wahrheit, daß aller Menschen Herzen in gleichem Maaße verderbt sind, wenn es sich auch nicht bei allen in gleichem Maaße äußert, und wir finden auch in andern einen Spiegel, worin wir uns selbst sehen können, welches die wohlfeilste Art der Selbsterkenntniß ist. – Diese Erbsünde ist es insbesondere, die uns verunreinigt, ist der Aussatz, der uns entstellt. Dieser böse Baum offenbart doch auch in einem größern oder geringern Maaße, auf eine mehr oder weniger in die Augen fallende, zuweilen auf eine von fast jedermann verabscheute Weise in giftigen Früchten der Gedanken, Lüste, Begierden, Leidenschaften, Worte und Werke, als so viel Beweisen, wie giftig der Baum sei, worauf dergleichen wächst, wie böse das Herz, woraus dergleichen hervorgeht. – Diese Untugend scheidet Gott und uns von einander. Denn was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsterniß, oder die Gerechtigkeit mit der Ungerechtigkeit? Wie stimmt Christus und Belial, Mißton und Harmonie? Wir hassen Gott, und Gott haßt unsere böse Natur, deren Gesinnung Feindschaft gegen ihn ist. Er verabscheuet sie, und will sie aus gerechtem Urtheil zeitlich und ewig strafen. Seine Heiligkeit ist uns ein verzehrendes Feuer; schrie ein Jesaias beim Anblick derselben: wehe mir! ich vergehe, was will aus uns werden; was will aus uns werden! wenn es für uns kein Libna gibt, wo wir weiß werden? –

 

Gott sei ewig Lob und Preis und Dank, es gibt ein Libna, es gibt eins für uns, wo wir weiß werden. Gott ist barmherzig, das ist wahr. Er ist barmherziger, als wir’s fassen, versteh’n und begreifen können. Aber dies gilt auch von seiner Heiligkeit, und diese muß nothwendig erst befriedigt werden, ehe jene sich erweisen kann. Denn die Erweisungen des Erbarmens sind frei, die der Heiligkeit und Gerechtigkeit nothwendig. Aber seine erbarmende Weisheit fand ein wundervolles Mittel, uns ein Libna zubereiten zu lassen, wo wir weiß werden, uns einen Born wider alle Sünde und Unreinigkeit zu eröffnen, wo wir mit reinem Wasser besprengt, rein werden von unsern Sünden und all unsern Götzen. Da steht auch ein Baum, mag’s auch nur ein schlechter Pappelbaum sein, da steht ein Kreuz, an sich ein Zeichen des Fluchs, an demselben hängt Einer, als der große Verfluchte, und dadurch, daß Er am Kreuze hängt, dadurch, daß Er ein Fluch wird, erlöset Er vom verdienten Fluch, und erwirbt den verscherzten Segen. Er, der Allerheiligste, wird kraft einer wunderbaren Verwechselung im göttlichen Gericht zur Sünde, zur Unreinigkeit gemacht, ging, wie David Psalm 88,7 sagt, den ganzen Tag in Schwarz. Unter die Uebelthäter ward Er gerechnet, und als ein Uebelthäter behandelt, obschon Er von keiner Sünde wußte, und kein Betrug in seinem Munde je erfunden ward. Auf ihm lag die Strafe, die wir verdient hatten. Als ein Unreiner ward Er von dem Angesicht seines Gottes verstoßen. – Aber nun heißt es auch im vollsten Sinne, was einst in einem sehr eingeschränkten Verstande, von jenem vorbildlichen Versöhntage gesagt wurde. An diesem Tage geschieht eure Versöhnung, daß ihr gereinigt werdet; von allen euern Sünden werdet ihr gereinigt vor dem Herrn, 3. B. Mos. 16. Hier floß ein Blut, das Blut des Sohnes Gottes, das uns rein macht von allen unsern Sünden. Hier ward eine vollkommene Versöhnung gestiftet, die von allen Sünden reinigt und ewig gilt. In einer mondhellen Nacht ward sie begonnen, und der Vollmond war gleichsam mit seinem Menschenangesicht der stille Zeuge Seiner großen Angst, in Nacht ward sie vollendet, wo die Sonne sammt dem Monde sich in Finsterniß verhülleten, und ihren Glanz wieder annahmen, als Er ausgerufen hatte: Es ist vollbracht. Da wurde Gott vollkommen mit dem Sünder versöhnt; da ward die Macht des Satans aufgehoben; da der Eingang zum Leben eröffnet; da machte Er die Reinigung unserer Sünden durch sich selbst; da sind wir Verabscheuungswürdige angenehm gemacht worden durch den Gerechten.

 

Nun heißt’s aber auch: Machet euch gen Libna, wohin die Wolken- und Feuersäule weisen, damit ihr weiß werdet; ich will sagen, jaget nach der Heiligung, ohne welche wird Niemand den Herrn sehen. Waschet euch, reiniget euch, thut euer böses Wesen vor meinen Augen weg, lernt Gutes thun, trachtet nach Recht. Wer gen Libna geht, der sieht ein – wie unrein er sei. Es gab schon zu Salomo’s Zeiten nach Spr. 39. eine Art, die sich rein dünkte, und doch von ihrem Koth nicht gewaschen ist. Es gab zu Christi Zeiten Leute, die sich selbst vermaßen, fromm zu sein, und fragten: sind wir auch blind? Diese Art ist noch nicht ausgestorben. Erkenne aber deine Missethat. Werde ganz schwarz in deinen eigenen Augen, wie du es in den Augen Gottes bist, also, daß du dir selbst mißfallest, so hast du den ersten Schritt gen Libna gethan, und wirst den zweiten thun, wenn du die Nothwendigkeit der Abwaschung erkennest. So, wie du bist, kannst du keine Gemeinschaft mit Gott haben, kannst ihm nicht gefallen, kannst ihm nicht dienen. Bleibst du so, wie du von Natur bist, so gibt’s für dich keinen Himmel, keine Seligkeit. Es ist gar ungemein Vieles, was du noch nicht hast, was aber in dir gewirkt werden muß, und was niemand als die Gnade Gottes, die dem rufet, das nicht ist, daß es sei, aus lauter Barmherzigkeit in dir schaffen muß. Wahrlich, wahrlich, betheuert uns Christus, es sei denn, daß jemand von Neuem geboren werde, sonst kann er das Reich Gottes nicht sehen. Es ist ein Erbtheil da, aber ein Erbtheil der Heiligen im Lichte, und die Tüchtigmachung zu demselben, ist was Großes und Nothwendiges. Es ist ein Himmel da, aber nichts Gemeines und Unreines kommt in denselbigen, sondern muß draußen bleiben. Wohl dir, wenn dir dies alles gewisse Wahrheiten sind, wenn du mit Johanne bekennest: ich bedarf’s, von dir gewaschen zu werden, und mit Petro sagst: Herr, wache mir Hände, Füße und Haupt. Den dritten Schritt gen Libna wirst du thun, wenn du die Reinigung der Seele von allen ihren Sünden von Herzen suchst und begehrest. So war’s bei David. Wasche mich wohl von meiner Missethat, und reinige mich von meiner Sünde. Entsündige mich mit Isop, daß ich rein werde, wasche mich, daß ich schneeweiß werde. Schaffe in mir, o Gott, ein rein Herz, und gib mir einen neuen gewissen Geist – so betete er Ps. 51. Was verdient mehr von uns gesucht zu werden, als jenes weiße Kleid der Unschuld und Heiligkeit, als die Reinigung unserer Seele durch die Vergebung der Sünden und Wiedergeburt. Dies Kleid berechtigt zugleich zur Theilnahme an dem himmlischen Hochzeitsmale. Sollten wir unsern Leib schmücken, wohl mit Sorgfalt zieren, und unsere Seele vernachlässigen? Sollten wir ungern an unserm Körper den Schmutz, oder ein verstellendes Malzeichen dulden, und unsere Seele, mit allerlei Makeln und Flecken entstellt bleiben lassen wollen? Das würde ja höchst unverständig sein und schreckliche Folgen haben. Wer verständig ist, sucht mit dem größten Ernst die Reinigung seiner Seele von allen seinen Sünden, der betrachtet die Vergebung der Sünden, und die Erneuerung unserer Herzen, als den allerkostbaresten Schatz.

 

Ist eine Seele bis zu diesem Punkt gekommen, daß sie ihre Schwärze und Schmutz mit Leidwesen an und in sich gewahr wird, daß sie die Nothwendigkeit der Reinigung lebendig einsieht, und sie von ganzem Herzen begehrt: so wird ihr das Libna freilich gewöhnlich zu einem Lebena, Ziegelstein. Es geht ihr, wie den Kindern Israel in Egypten, wo sie eine übermäßige Anzahl Ziegelsteine liefern mußten, und mißhandelt wurden, wenn sie dies Unmögliche nicht vollführten. Sie bekommt Gebot auf Gebot, Regel auf Regel. Dieses soll sie nicht denken, das nicht wollen, jenes nicht begehren; so soll sie gesinnet sein, solche Empfindungen haben, so handeln. Rührt kein Unreines an: so will ich euch annehmen, und ihr sollt meine Sühne und Töchter sein, und ich will euer Gott sein. Laßt uns fortfahren in der Heiligung, und uns so reinigen von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes. Laßt uns ablegen die Sünde, die uns immerdar anklebt und träge macht. Ziehet aus den alten Menschen, der durch Lüste in Irrthum sich verderbet, erneuert euch aber im Geiste eueres Gemüths, und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit. Diese wichtigen Gebote setzen die Seele in eine ernstliche Thätigkeit, und halten sie unablässig in Athem. Aber was ist der Erfolg? Die Klagen jenes Liedes, wo es heißt: ach! wer bin ich mien Erlöser! täglich böser, find’ ich meiner Seele Stand; die des Hiobs: Kap. 9,30: wenn ich mich gleich mit Schneewasser wüsche, und reinigte meine Hände mit Seife: so würdest du mich doch tunken in den Koth, und meine Kleider würden mir scheußlich anstehen. Ich werde doch gottlos – was arbeite ich denn vergeblich? Wohl ist hier Arbeit, wenn man ernstlich mit dem alten Menschen ringt, ihn unter die Füße zu kriegen, mögen es auch keine andere wissen, als die in dieser Arbeit stehen. Sie aber werden es gewahr. –

 

Mag es aber auch ausgemacht sein, daß die Weißmachung unseres schwarzen Herzens, daß die Reinigung unserer Seele von der Sünde, ein Werk ist, was alle unsere Kräfte bei weitem übersteigt; mag es gewiß sein, was Jer. 2,22 gesagt wird: wenn du dich mit Lauge wünschest, und nähmest viel Seife da, so gleißet doch deine Untugend um so mehr von mir – so ist doch ein Libna da, wo auch Mohren weiß werden. Bei dem nämlichen Propheten heißt es doch auch einige Kapitel weiter, im 30. nämlich: Dein Schaden ist zwar verzweifelt böse, und deine Wunden sind unheilbar. Es kann dich niemand heilen. Aber ich will deine Wunden heilen, und dich gesund machen, spricht der Herr, und soll von dannen herausgehen Freude und Lobgesang, und ihr sollt vor mir gedeihen. Ist die Sünde mächtig, die Gnade ist es nicht nur auch, sondern viel mächtiger. Wir haben einen Christus. Er ist in die Welt gekommen, die Werke des Teufels zu zerstören, und es gelingt ihm auch vollkommen. Sein Blut und sein Geist sind beisammen, und bewirken die große Weißmachung und Reinigung der Seele. Durch jenes wird sie gerechtfertigt, durch dieses aber zu seinem Bilde erneuert; durch jenes wird sie im Gerichte Gottes von allen Sünden frei gesprochen und in das verlorne Recht zum ewigen Leben wieder eingesetzt, durch diesen aber, ihm ähnlich. Jenes tilgt die Schuld, dieser die Einwohnung der Sünde. Doch geschieht jenes auf einmal und vollkommen, dieses aber nur nach und nach, staffelsweise, und bleibt hienieden gebrechlich.

 

Wenn nun die Seele diesen freien, offenen Born wider alle Sünde und Unreinigkeit, im Lichte des heiligen Geistes, in seiner zwiefachen Kraft, entdeckt, so wirft sie sich mit gänzlichem Vertrauen – Alles von demselben, nichts von sich erwartend – getrost in denselben hinein, und erfährt seine wunderthätige Kraft mit Erstaunen an sich selbst. Die allergrößte Veränderung geht auf einmal mit ihr vor, eine Veränderung, von welcher sie früher keine Vorstellung hatte. Die Sünde ist wie weggewischt. Sie ist wirklich wie ein Nebel vor der Sonne der Gerechtigkeit verschwunden. Sie ist nicht mehr da, weder in ihrem verklagenden Andenken, noch auch in ihren versuchenden Anfällen. Ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht worden durch den Namen des Herrn Jesu, und durch den Geist unsres Gottes. Solche Wunder geschehen zu Libna. Nun wird’s auch zu einem Lebona, Weihrauch. Denn bleiben in der hebräischen Sprache auch die Mitlauter dieselben, so bekommen sie doch, je nachdem die Selbstlauter verändert werden, eine andere und andere Bedeutung, und so wird aus Ziegelsteinen Weihruach. Es steigt ein Dankopfer, eine Rauchwolke des Lobes nach der andern empor. Sonst war ich blind, jetzt sehe ich. Sonst war ich todt, nun lebe ich, doch nicht ich, Christus lebet in mir. Sonst war ich schwarz, wie die Nacht, nun weiß, wie der Schnee, schön, wie die Sonne, lieblich, wie der Mond, schrecklich, wie Heeresspitzen. Das ist Libna an der Gränze Canaans. Ist da nicht gut sein? Sollen wir da nicht Hütten bauen?

 

Aber was wird bei dem Propheten Ezechiel 21,13 gesagt? Deine Unreinigkeit, heißt es daselbst, ist so verhärtet, daß, obschon ich dich gereinigt habe, du doch nicht rein worden bist, darum kannst du fort nicht rein werden, bis mein Grimm sich an dir gekühlet hat. Hören wir noch andere Stellen: Ich will dich aufs lauterste fegen, und all dein Zinn wegthun. Ich will dich auserwählt machen im Ofen des Elends. Er wird sitzen und schmelzen die Kinder Levi, dann werden sie ihm Speisopfer bringen in Gerechtigkeit. Der Vater der Geister züchtigt uns, daß wir seine Heiligung erlangen. Durch viel Trübsal müssen wir ins Reich Gottes gehen. Diese sind’s, die aus großer Trübsal kommen, und haben ihre Kleider gewaschen, und haben ihre Kleider helle gemacht im Blute des Lammes. Nach diesen Regeln geht’s einem auch zu Libna, und so ist das zuweilen schlimm wohnen.

 

Bisweilen ist eine Seele besonders zu Libna, wo sie weiß wird. Der Herr tröstet sie auf eine gar liebliche und stärkende Weise, also, daß sie läuft den Weg seiner Gebote, und, wo nicht auffährt mit Flügeln, wie ein Adler in jene höhern Regionen, wo kein Wind mehr weht und keine Nebel sind, doch läuft, ohne matt, oder wandelt, ohne müde zu werden – wo sie die belebenden Einflüsse des lebendigmachenden Geistes genießt, und sowohl die beruhigende Kraft des Blutes, als die reinigende Kraft des Wassers reichlich erfährt – wo sie vorzugsweise von der allen Menschen heilsamen Gnade unterwiesen, verläugnet das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste, und züchtig, gottselig und gerecht wandelt in dieser Welt, und wartet auf die selige Hoffnung und Erscheinung unseres großen Gottes und Heilandes Jesu Christi, welcher sich selbst für uns gegeben hat, auf daß er uns erkaufete von aller Ungerechtigkeit und reinigte ihm selbst ein Volk zum Eigenthum, das da fleißig wäre zu guten Werken. Da gibts wohl eine Geduld, eine Ergebung, eine Liebe, über welche die Seele sich selbst verwundert. Ich bin worden vor seinen Augen, als die Frieden findet, sagt die Braut Hohel. 8,10. -

 

Doch es ist wie der Mond. Die Gemeine wird Hohelied 6,5 dem Monde verglichen, schön, wie der Mond. Wie er all sein Licht von der Sonne hat, ohne welche er, wie er genugsam beweiset, ein finsterer Klumpen sein würde: so hat die Gemeine Alles von der Sonne der Gerechtigkeit Jesu Christi, der sie auch zu einem hell leuchtenden Lichte macht, das die Nacht besiegt. Der Mond ist wandelbar. Bald ist er gar nicht mehr zu sehen, bald nimmt er ab, bald zu; jetzt ist nur ein schmaler Streigen, bald seine ganze Scheibe beleuchtet, leider auch jezuweilen eine Verfinsterung. Dennoch steht er fest. Die Kirche ist auch mancherlei Abwechselungen unterworfen, sogar vielen feindlichen Anfällen, aber sie steht fest gegründet auf einem Felsen. Ist sie denn auch hienieden dem Monde ähnlich, so wird sie doch wie die Sonne leuchten in ihres Vaters Haus. –

 

Wohlan denn, macht euch auf gen Libna, daß ihr weiß werdet. Waschet euch und lasset euch waschen damit ihr schneeweiß werdet. Thut euer böses Wesen von meinen Augen weg. Lasset ab vom Bösen, lernet Gutes thun, trachtet nach dem Recht. So kommet denn und lasset uns mit einander rechten, spricht der Herr: Wenn euere Sünde gleich blutroth ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gliech ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden. Wollt ihr mir gehorchen: so sollt ihr des Landes Gut essen. Weigert ihr euch aber und seid ungehorsam, so sollt ihr vom Schwerdt gefressen werden, denn des Herrn Mund saget es. Amen.

 

 

Zwei und dreißigste Predigt.

 

Siebenzehnte Lagerstätte: Rissa.

4. Buch Mosis 33,21.

 

Diese 17te Lagerstätte fängt an, sich von den Gränzen Canaans auf Egypten zu, zu entfernen, in gerader Richtung auf die erste Lagerung zu Suchot, ohne das rothe Meer zwischen sich zu haben. Sie liegt der 16ten Lagerstätte ganz nahe und etwa nur 3 Stunden von da. Weil aber die Wolken- und Feuersäule sich in Bewegung setzte, mußten sie es eben auch, wiewohl es nicht einleuchtet, warum sie alle die Mühe, die mit dem Abbrechen und Wiederaufschlagen der Stiftshütte und des Lagers verknüpft war, übernehmen mußten. Sie wußten es aber. Sollten sie einmal an’s rothe Meer zurück, so wäre es wohl angenehmer gewesen, hintereinander weg bedeutende Strecken zurückzulegen, als so kleine Stationen zu machen. Aber ihre Vernunft wurde nicht zu Rathe gezogen. Es ging Fuß vor Fuß. Ob sie bei Tage oder bei Nacht zogen, weiß ich eben so wenig, als wie lange sie an einem Ort verweilen mußten. Auf jeden Fall war es Wüste, mochte es auch gerade an einem Ort wüster sein, wie am andern. Sie machten sich’s aber so bequem, wie sie konnten, wozu ihnen Hobab, Mosis Schwager, behülflich war, der auf sein dringendes Zureden mitgezogen war, weil er, der Wüste kundig, ihnen Anweisung geben konnte, wo sie sich am besten lagern möchten. Deswegen sagte Moses zu ihm: Du sollst unser Auge sein. Hobab heißt: lieb, im Busen tragen; und das thut ja der himmlische Hirte, und erleichtert dadurch manchen sauern Tritt, deshalb sagt Moses 5. 33,3., wo er dies Wort braucht: wie hat er die Leute so lieb! Alle seine Heiligen sind in seiner Hand. Merkwürdig ist es aber doch, daß Moses seinen Schwager so dringend, und um der angegebenen Ursache willen ersucht, mitzureisen, obschon die Wolken- und Feuersäule sie leitete. Uebrigens sorgt der Herr dafür, daß es den Seinen im Leiden nie ganz an einiger Erleichterung fehle, wiewohl er selbst ganz ohne dieselbe litt.

 

Auch von dieser Lagerstätte zu Rissa wissen wir weiter nichts, als ihren Namen, welcher auf Deutsch: Besprengung heißt. Sie steht in einer schönen Beziehung zu der vorigen Lagerstätte, wie die Ursache zur Wirkung, denn die Frucht der geistlichen Besprengung ist das Weiß- oder Reinwerden.

 

Unter dem A. Testam. brachte der Gottesdienst viele Besprengungen mit sich. Sie geschahen mit Blut von den geopferten Thieren, mit Oel und mit Wasser. Es wurde gesprengt gegen den Tempel und den Gnadenstuhl im Allerheiligen desselben, auf den Altar und über Menschen. Besonders ist das Blut des ersten Osterlammes zu bemerken, in welches die Kinder Israel einen Büschel Isop tunken, und damit die oberste Schnwelle ihrer Hausthüre besprengen mußten, damit der Würgeengel vorüberginge. Darauf zielet auch David Ps. 51, wo es diesem eine geistliche Bedeutung gibt, und bittet: entsündige mich mit Isopen, wiewohl derselbe auch bei der Reinigung eines Aussätzigen angewendet wurde. Dies Osterlamm ist eins der größten Vorbilder von unserer Erlösung durch Christum. Deshalb sagt Paulus: wir haben auch ein Osterlamm, welches ist Christus, für uns geopfert. – Bemerkenswerth ist auch das Blut, welches zur Befestigung des Bundes auf Horeb vergossen, und womit das Volk besprengt wurde, zum Zeichen und Unterpfand ihres Antheils an den Gütern und Wohlthaten dieses Bundes. Nicht weniger bemerkenswerth ist die Sprengung des Bluts durch den Hohenpriester am großen Versöhntage, wodurch die Reinigung Israels von Sünden bildlicher Weise bewirkt wurde. Diese feierliche Besprengungen sind lauter große Vorbilder der Erlösung, Rechtfertigung und Heiligung der Kirche durch Christi Blut und Geist. – Außer diesen gab es auch noch eine tägliche Besprengung in dem täglichen Morgen- und Abendopfer für die Sünde, so wie in besonderen Fällen die Besprengung mit der Asche von der rothen Kuh, welche eine levitische Reinigung gewährte. Dies alles zusammen sind Bilder der herrlichen Wirkung des Blutes und Geistes Jesu Christi.

 

Auf die geistliche Bedeutung sinnspielt Ezechiel, wenn es Kapitel 36,25 heißt: ich will rein Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet; von aller eurer Unreinigkeit und von allen euern Götzen will ich euch reinigen. Alsdann werdet ihr an euer böses Wesen gedenken, und eures Thuns, das nicht gut war, und wird euch eure Sünde und Abgötterei gereuen. Solches will ich thun, nicht um euretwillen, spricht der Herr, Herr, daß ihr es wisset. –

 

Im N. Testament findet auch eine äußerliche Besprengung statt, nämlich die, mit dem Taufwasser, wodurch die innere Reinigung der Seele durch die Vergebung der Sünde und Wiedergeburt abgebildet und versiegelt wird. Die Redensart des Besprengens kommt in der Schrift des neuen Bundes nicht selten vor; Ebräer 10,22. heißt es: lasset uns hinzugehen mit wahrhaftigem Herzen, in völligem Glauben besprenget in unsern Herzen, und los von dem bösen Gewissen, und gewaschen am Leibe mit reinem Wasser. Kap. 12,24. zählt es der Apostel zu den neutestamentlichen Vorrechten, daß ihr gekommen seid zu dem Blute der Besprengung, das da bessere Dinge redet, als Abels Blut. Und 1. Petr. 1.3. braucht der Apostel den Ausdruck, nach der Versöhnung Gottes des Vaters, durch die Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und Besprengung des Blutes Jesu Christi.

 

Opfer und Besprengung machten erst ein Ganzes aus, und die Besprengung ist nichts anders, als die Zueignung und wirkliche Mittheilung der Kraft und Wirkung des geschehenen Opfers an die Seele. Das Opfer hat seine Beziehung auf Gott, die Besprengung auf den Menschen, der dadurch in die Gemeinschaft des Opfers kommt. Die Besprengung setzt ihn in den wirklichen Genuß der erworbenen Wohlthaten und Güter. Die Juden selbst finden in der Besprengung ein großes Geheimniß, und behaupten, sie sei das vornehmste beim Opfer gewesen, und daß nicht ohne Ursache, denn es wurde dadurch abgebildet, nicht allein wie Christus selbst, mit seinem Blute besprengt, da er sich durch das Vergießen desselben und durch seinen ganzen Gehorsam geheiligt hat für sein Volk, stets sollte vor dem Angesichte seines Vaters stehen und angenehm sein vor ihm, sondern auch wie die Kraft desselben durch die Predigt des Evangeliums allen Gläubigen unter allen Völkern der Erde sollte mitgetheilt werden. Gleichwie die Besprengung geschahe mit dem Finger des Priesters, also hat Christus durch seine göttliche Kraft sein Blut dem Vater dargeboten, und durch den Finger seines Geistes eignet er das, was er erworben, in allen Zeiten, den Auserwählten zu. Die Sprengung geschah kreuzweise, und deutete dadurch an, wie Christus, als der Gekreuzigte, sollte gepredigt, und als solcher, dem Glauben aller Völker, als einiger Gegenstand desselben, vorgestellt werden. Sie geschahe mehrentheils mit einem Sprengwedel, zusammengesetzt aus einem Stock von Cedernholz und einem Büschlein Isopen, welches mit zweimal gefärbter Scharlachwolle an den Cedernstab befestigt wurde. Der Cedernbaum ist das höchste und prächtigste unter allen Gewächsen – ein Bild der Herrlichkeit unseres Hauptes Christi, vermöge welcher er seine himmlische Güter in uns seine Glieder ausgeußt. Cedernholz riecht angenehm, und diese Gaben machen Gott wohlgefällig; es ist öhlicht, und diese sind die wahre Salbung; es ist kostbar, und was ist von solchem oder ähnlichem Werth, wie die Gaben Christi; sie sind dem Verderben nicht unterworfen, so wenig als Cedernholz dem Wurmstich. Isop ist das niedrigste unter den Pflanzen, und von lieblichem Geruch, ein Bild der uns versöhnenden Niedrigkeit Jesu, und namentlich seiner Demuth, in welcher er sich einen Wurm nannte, und die ihm auch so gefällt, daß er den Demüthigen Gnade gibt. Die zweimal gefärbte Scharlachwolke ist ein Bild seiner Bürggerechtigkeit, der Frucht, die aus der Vereinigung seiner Niedrigkeit und Hoheit hervorgeht. Alle drei Stücke werden im Worte des Evangeliums vorgestellet, und zum Grunde alles Trostes des armen Sünders gelegt. –

 

Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung. Das alttestamentliche Blutvergießen hat aufgehört und mußte eingestellt werden, nachdem das unvergleichliche Blut Jesu Christi vergossen ist, und zwar, wie er selbst sagt: zur Vergebung der Sünden. Es hat den höchsten Werth und die herrlichste Kraft. Den höchsten Werth, denn es ist das Blut eines Menschen, welches einen so großen Werth hat, daß es nur mit Blut bezahlt werden kann; denn wer das vergießt, dessen Blut muß nach göttlichem Befehl, wieder vergossen werden. Es ist das Blut eines Unschuldigen, wie sonst keiner unschuldig ist; eines Heiligen, wie sonst keiner heilig ist, und das schon deshalb ein theures Blut genannt zu werden verdient, wie Petrus es nennt. Aber das ist noch nicht alles. Es ist das Blut des Seligmachers. Es ist das Blut Christi, des obersten Propheten, des einigen Hohenpriesters, des höchsten Königs, einer mit dem heil. Geiste ohne Maaß gesalbten Person. Einer Person, die leidlicher Weise von sehr hoher Abkunft war, und aus einem königlichen Hause abstammte, noch mehr: die alle Engel Gottes, keinen ausgenommen, anbeten müssen, die alle verehren sollen, wie sie den Vater ehren, mit einem Worte: es ist das Blut des Sohnes Gottes, das Blut Gottes, wie Paulus Apost. Gesch. 20,28. sagt, wodurch er sich seine Gemeine erkauft habe. – Wer wird nun den Werth eines solchen Blutes berechnen können? Was ist dagegen alles Gold und Silber! Und wass wollen wir sagen, wenn wir bedenken, daß wir um einen solchen Preis von allen Sünden und aus alelr Gewalt des Teufels erkauft sind! Wohl mag es heißen: ihr seid theuer erkauft! –

 

Herrlich ist die Kraft und Wirkung dieses Blutes. Wir haben die Erlösung durch sein Blut, nehmlich die Vergebung der Sünden nach dem Reichthum seiner Gnade Eph. 1,7., welches der Apostel Col. 1 wiederholt. Röm 5. sagt er: wir sind durch sein Blut gerecht worden; durch den Glauben in seinem Blute hat uns Gott ihn zu einem Gnadenthron vorgestellet. Johannes sagt, es mache rein von aller Sünde, und in der Offenbarung heißt es: sie haben den großen Drachen, die alte Schlange, die da heißet Teufel und Satanas, überwunden, durch des Lammes Blut, welches die große Kraft desselben beweiset. Durch sein eigen Blut, ist er einmal eingegangen in das Heilige, und hat eine ewige Erlösung funden. Wieviel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst, ohne allen Wandel, durch den heil. Geist Gott geopfert hat, unser Gewissen reinigen von den todten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott. – Und wenn Christus selbst bei Darreichung des Kelches im heil. Abendmale das N. Testament in sein Blut setzt, so lehrt er damit, daß durchaus alle Güter des Gnadenbundes in seinem Blute liegen, oder daraus entsprießen. Was ist aber sein Blut anders, als sein verdienstliches Leiden? Wohl mag deswegen das 85. Lied sagen:

 

Dein Blut, der edle Saft,
Hat solche Stärk’ und Kraft,
Daß es kann gar alleine
Die Welt von Sünden reine,
Ja, gar aus Teufels Rachen,
Frei, los und ledig machen.

 

und das 48.: Dein Blut wäscht rothe Sünden weiß. – Dies Blut hat eine zwiefache Wirkung, theils auf den Himmel und die himmlischen Dinge. Sie sind uns dadurch zugänglich geworden. Speiet schon ein Land, wie der Prophet sagt, seine Einwohner, um ihrer Sünden willen aus, wieviel mehr der Himmel und die himmlischen Dinge uns, von Haus aus so ekelhafte Sünder, und was für Sünder nicht mit unter! Sie würden sich aller Gemeinschaft mit uns widersetzen, und die himmlische Taube nicht in solchen stinkenden Felslöchern nisten wollen. Nun aber sind sie durch das Blut des Sohnes Gottes versöhnet, und der Zutritt zu denselben eröffnet. Demnächst beweiset dies Blut auch an den Berufenen selbst seine umwandelnde Kraft, denn es ist ein lebendiges Blut. Unser Leben ist in demselben, und so haben wir denn nun, liebe Brüder, Freudigkeit zum Eingange in das Heilige durch das Blut Jesu, welchen er uns zubereitet hat zum neuen und lebendigen Wege durch den Vorhang, d.i. sein Fleisch. Ebr. 10,20. –

 

Mit diesem Blute nun müssen wir besprenget werden, wie die Schrift sich ausdrückt, und wie es in den Gebräuchen des A. Testamentes abgebildet wurde, d.h. die beruhigende, reinigende, lebendigmachende Kraft desselben, muß sich an unsern Herzen und Gewissen durch den heil. Geist erweisen. Es ist also nicht genug, daß wir darum wissen,und eine buchstäbliche Wissenschaft von dem leidenden und thätigen Gehorsam Christi besitzen, oder uns verschaffen; es ist nicht genug, wenn wir etwas schriftgemäßes davon reden können, oder dasjenige genehm halten, was andere davon verkünden; es ist nicht genug, wenn wir uns das Verdienst so aus eigener Kraft und Vernunft selbst zueignen, und durch einen selbstgemachten Glauben, um desselben willen die Seligkeit hoffen; es ist nicht genug, wenn wir das Wort alsbald mit Freuden annehmen, und eine Zeitlang glauben, und doch das Wort keine Wurzel bei uns hat; nicht genug ist es, wenn wir um desselben willenmanches thun, leiden und lassen. Besprengt, besprengt müssen wir werden mit dem Blute Christi und dem Wasser des Geistees zu unsrer Reinigung, besprengt am Verstande, daß derselben eine ganz andere Einsicht von der Wahrheit, von sich selbst, von Gott, von Jesu Christo, und dem Heilswege bekommt, als er bisher besaß, mochte er auch noch so gelehrt sein, eine Einsicht, wodurch er ein nichtswürdiger Sünder, Christus aber der vornehmste, ja, einige Gegenstand seines Verlangens und seines Vertrauens wird – besprengt am Herzen, daß dasselbe mit neuen Empfindungen des Leidwesens über die Sünde, und der Traurigkeit nach Gott, mit Liebe zu Gott in Christo, mit einem Sinne erfüllt wird, der allem absagt, um Christum zu gewinnen – besprengt im Gewissen, so daß es von den todten Werken, von der Anklage und Verdammung wegen der Sünde gesäubert, und mit Freudigkeit zu Gott erfüllet wird – besprengt am Willen, daß er sich mit dem göttlichen Willen vereinigt, und wie warmes Wachs sich leicht in jede Form schmiegt – besprengt an den Gemüthsbewegungen des Leibes, welche zu Waffen der Gerechtigkeit dargestellt werden – besprengt nach der ganzen Person, so daß vor ihnen, wie vor denen mit Bltu besprengten Hütten Israel’s, jeder Würgeengel, jedes Uebel vorüber muß, ohne ihnen nahen zu dürfen, so daß Sünde, Satan, Tod sie, als einem andern Herrn angehörig, losgeben müssen, welche Anfälle sie auch noch machen mögen – besprengt ein für alle mal und für immer, bis die Besprengung in ihrer siebenfachen Wiederholung ihre himmlische Vollendung erlangt. Sie gibt einen mächtigen Freibrief, ein herrliches Diplom, einen hohen Adel und ein ewiges Heil. Es ist wahr, sie hat ihre Staffeln, sie hebt hier an, und geht durch, bis sie dort das Stückwerk abthut, und zur Vollkommenheit gelangt.

 

Das ist’s nun, was man – bildlich zu reden – zu Rissa findet, wo ein lieblicher Thau fällt, worauf dieses Wort auch hindeutet. Nach Rissa gehen, oder sich zu Rissa lagern, heißt also der Besprengung theilhaftig, von dem Blute und Geiste Jesu Christi berührt zu werden. Da rührt Jesus den Aussätzigen an, und er wird rein, ja gar unter die Priester versetzt. Da rüht ein krankes und verarmtes Weib im Glauben den Saum seines Kleides an, und wird gesund. Da legt er dem Blinden die Hand auf’s Haupt, und er wird sehend; dem Tauben den Finger in’s Ohr, und er höret; dem Stummen seinen Speichel auf die Zunge, und er redet.

 

Laßt uns sehen, was zu Rissa geschieht, dem Anfange nach. Das Wort des Evangeliums wird gepredigt, bleibt’s Tausenden ein todter Buchstabe, der auserwählte Sünder wird besprengt, wird unter Bedienung des Worts bewogen, auf die Veränderung seines Zustandes mit Ernst zu denken; er wird berufen von der Finsterniß zu Seinem wunderbaren Licht, von der Gewalt des Satans zu Gott. Mit dem verlornen Sohn schlägt er in sich, und fast den festen Entschluß: ich verderbe im Hunger, will mich deswegen aufmachen und zu meinem Vater gehen, und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor dir. Unter dem Gehör des göttlichen Worts in oder außer der Kirche, durch dieses oder ein anderes Mittel, setzt sich etwas geistliches bei ihm fest, das er nicht wieder los werden kann, obschon er’s wohl versucht. Es tritt etwa der Gedanke in seine Seele: Du kannst doch so nicht selig werden. Es geht so am Ende doch wohl nicht gut. Hast du das dann wohl schon erfahren, was die Schrift Wiedergeburt, was sie ein neues Herz nennt? Hast du wohl Vergebung der Sünden? Bist du fromm oder nicht vielmehr gerade das Gegentheil? Darfst du wohl so sterben? u. dgl. Es ist gleichsam nur noch das Gras. Das eine Mal scheinen diese Gedanken wie gar verschwunden, das andere Mal treten sie wieder lebendig hervor. Es erhebt sich auch wohl ein Schwarm von Bedenklichkeiten und Hindernissen bald von außen her, wegen der bisherigen Verbindungen, worin man mit andern stand, und die man lieb hat; bald von innen. Es komtm einen hart, schwer oder gar unmöglich vor, man möchte es wenigstens verschieben. Aber man ist besprengt. Man ist angesteckt. Der Pfeil hat getroffen. Der Mensch ist erweckt. Er fängt schon an nach dem Herrn zu fragen. Es wird ihm ein Bedürfniß, zuweilen allein zu gehen und zu beten, und er betet auf eine ganz andere Weise wie sonst. Er kann weder seine bisherigen Gesellschaften noch seine bisherigen Gesinnungen behalten. Was vormals seine Freude, bringt ihm jetzt Herzleid. Die weltlichen Zerstreuungen kann er sehr gut msisen, ja, mag sie nicht mehr. Aber das Wort Gottes kann er nicht mehr entbehren, und gesellt sich gern, wenn gleich auch noch verstohlner Weise, zu denen, die den Herrn kennen, die er nun lieb gewinnt. Dies ist gleichsam die erste Besprengung. Aber sie wird zu siebenmal wiederholt. Es geht mit der Seele weiter. Sie sieht sich gedrungen mit der Sprache mehr heraus zu rücken. Sie bekennt, sie wolle auch fromm und selig werden, und fragt: was muß ich zu dem Ende thun? Sie fängt an, ihr Elend einzusehen, sie soll, sie will, sie muß heraus, es koste, was es wolle, wenn Jesus sich ihrer nur annehmen will. Sie will bitten, bis sie empfähet, suchen, bis sie findet, anklopfen, bis ihr aufgethan werde. Das Blut, womit sie besprengt ist, zieht sie mit kräftigem Zuge durch alle Hindernisse und Schwierigkeiten hindurch, zu dem, der es für sie vergossen hat. Sie ist zu Rissa: Besprengung. Freilich will die Welt nicht dahin. Sie hat’s höchst ungern, wenn das Wort der Wahrheit sich eindringt, wenn christliche Prediger oder Privatpersonen auftreten, aus Furcht vor dieser geistlichen Ansteckung. Aber – ihr könnt’s nicht wehren! Und wie oft werden auch solche von dieser geistlichen Ansteckung ergriffen, von denen man es nie gedacht hätte, und die sich wohl geflissentlich davor zu hüten gedachten, nun aber sich glücklich schätzen. Und wie große Ursache haben sie dazu. Denn durch die Besprengung mit dem Blute Christi bekommt die Seele einen wahrhaften Antheil an seinem ganzen Verdienst, durch die Besprengung mit dem Geiste Jesu Christi, Theil an allen seinen erleuchtenden, tröstenden und heiligenden Wirkungen.

 

So weiset sie sich schon hienieden aus, nicht nur im Fortgang, wo es scheinen könnte, als ob die Seele sich eine gewisse Würdigkeit dazu erworben hätte, was doch nicht ist, sondern schon bald im Anfange, wo sie sich deß noch gar nicht versieht, wird sie nach Rissa geführt, nach der Versehung des Vaters, durch die Heiligung des Geistes zum Gehorsam und Besprenung des Blutes Christi. Es wird über sie ausgegossen der Geist aus der Höhe. Was noch nie in ihr Herz gekommen war, überkommt sie jetzt. Die Noth und das Gedränge hatte einen hohen Gipfel erreicht. Sie sah kein Durchkommen, und seufzt nur: Herr, wirst du es nicht thun? In uns ist keine Kraft? Sie dachte wohl lebenslang so fortstöhnen und forthinken zu müssen, und entschloß sich schon dazu, wenn der Herr ihr nur endlich Barmherzigkeit wollte widerfahren lassen; und siehe! ehe sie’s denkt, sieht der Herr seine elende Magd an, erlöst ihr Auge von Thränen, ihren Fuß vom Gleiten. Der Himmel öffnet sich über ihr, und es regnet Gerechtigkeit. Was ist das nur für ein wunderbares Licht, wodurch sie Jesum sieht stehen zur Rechten Gottes. Die Geheimnisse des Evangeliums, die Verborgenheiten der Erlösung, wie werden sie aufgeschlossen! Welche Fülle des Heils erblickt sie in der Krippe Jesu, an seinem Kreuze, auf seinem Thron, in seinem Stellvertreten, seinem Blute, seinen Wunden, seiner Fürbitte! Wie reich ist sie in ihm! also, daß sie keinen Mangel hat; wie stark in seiner Kraft, wie vollkommen in seiner Gerechtigkeit, wie sieghaft in seinem Beistande. Jetzt hört man Worte wie dies: wer ist, der Recht zu mir hat? wie dies: in dem allen überwinden wir weit! – Was ist das für eine demuthsvolle Freimüthigkeit zu Gott dem Vater durch Christum in Kraft des heil. Geistes; was für ein getroster Muth in Absicht der etwa bevorstehenden Leiden, in Absicht des Todes, sei es ein natürlicher, oder was ihr wohl das erwünschteste wäre, ein gewaltsamer, um des Namens Christi willen, und in Absicht des zukünftigen Gerichts; was ist das für eine tiefe Selbsterniedrigung und süße, thränenvolle Scham über sich selbst, was für eine ehrfurchtsvolle Anbetung und unbedingte Uebergabe an Gott, was für eine Welt- und Selbstentsagung, was für eine Liebe! Jetzt kann die Seele das große Bekenntniß ablegen: ich glaube, und so dringt sie vom Tode in’s Leben. Sie kann sagen: ich lebe, doch nicht ich, Christus lebt in mir. Sie ist los vom bösen Gewissen. Sie ist voll Geistes, voll Gerechtigkeit, Friede un Freude im heil. Geist. Die Sünde hat weichen müssen, sie ist weggebannt aus der Seele. Christi Blut und Geist hat sie fliehen heißen, und sie ist geflohen, wie die Nacht vor der Sonne.

 

Das heißt denn zu Rissa gelagert sein. Jetzt erfährt’s die Seele in Kraft, was es um das Blut und den Geist Jesu Christi sei, wie man dasselbe trinken könne, und davon trunken werden, wie alles Uebel vor demselben weicht, und alles heil sich dazu sammelt. Jetzt dauerts sie nicht mehr, daß sie vorher unter den stechenden Wacholdersträuchen Ritmas lagern, und in Libna eine scharfe Lauge erleiden mußte, da es dazu dienen mußte, sie nach Rissa zu leiten. –

 

Wir haben schon etliche Mal bemerkt, daß die Sprengung mehrmals wiederholt wurde. Es geht damit, wie Christus sagt: wer gewaschen ist, ist ganz rein, bedarf aber, daß ihm die Füße gewaschen werden. Es setzt sich leicht allerlei Staub und Unrath der Eigenheit, der Eitelkeit und Sünde an. Es ereignen sich Fehler. Es folgt die Staupe. Finsterniß bedeckt wohl wieder das Erdreich; Dunkelheit, Dürre, Unfruchtbarkeit treten ein. Das Herz fühlt sich beschweret. Da lechzet dann das Erdreich nach einem befruchtenden Thau und gnädigen Regen.

 

Wenn ich traurig sitze,
In Versuchungs-Hitze,
Tröster, tröste mich.
Laß die Ströme fließen,
In mein Hezr sich gießen,
Sanft und mildiglich.
Die das dürre Land erlaben,
Mit den reichen Himmelsgaben -

 

ist dann das Sehnen, welches auch zur rechten Stunde wieder erfüllt wird, daß es geschieht, was von Jakob gesagt wird: da ward sein Geist in ihm lebendig. Mit neuer Lieblichkeit wird die Seele inne, daß Jesus Christus gestern, heute, und derselbe ist in Ewigkeit. –

 

Wir aber, wir wollen höchst begierig und fleißig sein, daß die Besprenung mit dem Blute und Geiste Jesu Christi ganz vollzählig an uns vollzogen werde, daß wir die Wirkung beider in der Fülle je mehr und mehr, insofern es hienieden im Lande des Stückwerks geschehen mag, in uns selbst erfahren. Freilich wird sie sich erst jenseits in ihrem ganzen herrlichen Reichthum an denjenigen erweisen, die ihrer hienieden in ihren Erstlingen theilhaftig geworden sind, und sich sehnen nach der Kindschaft, und warten auf ihres Leibes Erlösung. Denn wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung.

 

O! der wahrhafte Priester hebe an weit zu sprengen, daß die Tropfen auf Christen, Heiden, Juden und Mohammedanern fallen und kleben, und stelle sich so eine Gemeine dar, die nicht habe Flecken, Runzel oder Makel, und heilig und unsträflich sei vor ihm in der Liebe. Amen.

 

 

Drei und dreißigste Predigt.

 

Achtzehnte Lagerstätte: Kehelatha.

4. Buch Mosis 33,22.

 

Was wir von der Lage und Richtung der nächst vorhergehenden Lagerstätte bemerkt haben, gilt auch von dieser. Auch von derselben wissen wir nichts, als den Namen Kehelatha, d.i. Versammlung, Kirche. Das Wort deutet nicht blos auf bürgerliche, sondern auch gottesdienstliche Versammlung, die Gemeine, die Kirche. Es kann wohl sein, daß hier mehrere Zusammenkünfte und Berathschlagungen über allerlei wichtige Gegenstände statt fanden, z.B. wie es am bequemsten einzurichten sei, daß die Jugend über dem steten Umherziehen nicht ganz in der Unwissenheit und Verwilderung aufwachse, sondern gehörig unterwiesen werde, u. dgl. Ohne Zweifel wurden auch religiöse Zusammenkünfte gehalten, wo man sich unter Leitung geachteter, einsichtsvoller, bewährter und frommer Personen, in größere oder kleinere Häuflein zusammen that, sang und betete, sich unter einander erbaute, tröstete, aufmunterte, belehrte und warnte. – Ist jemand – daß ich so bildlich rede – zu Rissa gewesen, ist er mit dem Blut und Geiste Jesu Christi besprengt worden, so ist die nächste, ja unausbleibliche Folge davon diese, daß ein solcher auch sich solchen zugesellt, die mit ihm denselbigen Glauben und die nämliche Barmherzigkeit überkommen haben. Gleich und gleich gesellt sich gern! Es ist unausbleiblich, daß er eine genauere Bekanntschaft mit andern ähnlich gesinnten Seelen sucht, dies für etwas sehr theures achtet, und sich gern mit ihnen bespricht. Es liegt auch ein unverkennbarer Segen darinnen, zumal wenn es nicht etwas gesondertes, festliches, gemachtes ist, sondern der Wind des Geistes sie zusammenbläst, die Liebe, die gegenseitige Werthschätzung und die Bescheidenheit und Demuth, wo jeder den andern höher schätzt, wie sich selbst, sie zusammenhält, und man sich nicht blos belehrt, sondern auch ermahnt, tröstet und offenherzig tadelt und sich tadeln läßt. Und da haben weniger zahlreiche Versammlungen im Ganzen einen offenbaren Vorzug vor den zahlreichern, d.h. als Regel betrachtet, die jedoch ihre Ausnahme leidet. Schon aus dem Widerstande, den die kleinern christlichen Versammlungen häufig erfahren, aus den Lästerungen, die nicht selten darüber ausgespien werden, den offenbaren Insulten und Beleidigungen, die sie an manchen Orten erleiden, aus dem Haß, den man gegen sie hat, gehrt hervor, wie wichtig sie sein müssen, da der Teufel sich so dagegen sperrt, daß er schon förmliche Verbote derselben erwirkt hat. Zwar hat die vorgebliche Frömmigkeit wohl schon zum Deckmantel von allerhand bösen Versammlungen dienen müssen, und ist in Schwärmerei und Fanatismus ausgeartet. Diese Fälle sind aber so selten, daß es eine große Ungerechtigkeit sein würde, darauf ein allgemeines Urtheil begründen zu wollen. Die Welt beweiset auch dadurch ihre Feindschaft gegen das Christenthum, daß sie falschen Versammlungen kein Hinderniß in den Weg legt, die ein kräftiges Beförderungsmittel der Ueppigkeit und Armuth sind, und sich häufig auf eine blutige Weise enden, dagegen bei Versammlungen, welche christliche Erbauung bezwecken, nicht umsichtig und argwöhnisch genug sein zu können glaubt, oder gänzlich hemmend einschreitet, als ob die Gräuel Widispuths überall zu besorgen wären. – Unläugbar haben die eigentlich religiösen Versammlungen ihre Schatten-Seiten. Sie sind nicht zweckmäßig, nicht löblich und nützlich, wenn sie als ein Kennzeichen des wahren Chrsitenthums gelten sollen, und derjenige, der sie besucht, schon als ein guter Christ angesehen wird. Das ist eine Art von Pharisäismus. Wenn Einzelne regieren, und ihre Ansicht als die einzig richtige geltend machen wollen, und sich zu Richtern aufwerfen; wenn man sich selbst gern reden hört; wenn man denen nachspricht, die das meiste Ansehn haben, ohne doch die nämliche Erfahrung gemacht zu haben; kurz, wenn der Zweck nicht ausschließlich der ist, in der Gemeinschaft Jesu Christi gefördert zu werden, dann läuft man Gefahr, ein Hörer und Sprecher, nicht aber ein Thäter des Worts zu werden, und eine Geschwätzigkeit düber geistliche Dinge statt des Wesens derselben sich anzueignen, oder einzelne Religionsübungen, wobei doch der alte Mensch – wo nicht sein Futter findet, doch ungekränkt bleibt – als die Hauptsache betrachtet, und anderes, was noch weit wesentlicher ist, hintenansetzt. Wo aber zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin Ich mitten unter ihnen. Es ist ja ein lieber Anblick, die Meister der Versammlung, wie es Pred. 12,11. heißt, in dem israelitischen Lager mit ihrem Häuflein erweckter, lern- und heilsbegieriger Seelen um sich her, zu erblicken, die ihren Frieden und Freude in unsichtbaren Dingen suchen, den ihnen die Wüste nicht gewährte. Es mag wohl sein, daß sie dieser Lagerstätte, wegen des daselbst durch die Versammlungen empfangenen Segens, von denselben den Namen gaben, und sie Kehelatha nannten, denn dies Wort bedeutet Versammlung, besonders geistlicher Art, die Gemeine, die Kirche.

 

Wollen wir diese Lagerstätte geistlich deuten: so finden wir die Erklärung in den Worten des Apostel Ebr. 12,22: Ihr seid gekommen zu dem Berge Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Jerusalem, und zu der Menge vieler tausend Engel, zu der Gemeine der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben sind. Durch alle diese Worte wird der Eine Begriff ausgedrückt: Ihr seid Glieder der wahren Kirche. Unter Kirche versteht man im weitesten Sinne alle Bekenner der Wahrheit, wo Gute und Böse, Gläubige und Ungläubige, Wiedergeborne und Unbekehrte untereinander gemengt sind, bis sie an jenem großen Gerichts- und Erndtetag von einander geschieden werden. So stellt sie sich sichtbar vor Augen, vielfach mehr, wie ein Heidenthum, denn als ein Christenthum. Aber die wahre Kirche ist wie eine Rose unter den Dornen. In diesem Stalle ist doch Christus, unter dieser Spreu, unter diesem Unkraut Waizen, in dieser rauhen Rinde ein köstlicher Kern, unter dem unschlachtigen und verkehrten Geschlecht ein heiliger Same. Dort sind Sekten, Partheien, Irrlehren, die als Wahrheiten aufgestellt, Wahrheiten, die ins Gebiet des Irrthums verwiesen werden. Aber unter allen Sekten und Partheien finden sich wenigstens einige wahre Schafe Christi, diejenigen ausgenommen, welche selbst die Grundwahrheiten läugnen, also aufhören, äußere Bekenner der Wahrheit zu bleiben, mithin in keinem Betracht mehr zur Kirche zu zählen sind. Zu der eigentlichen Kirche gehören keine andere, als alle diejenigen, die zu allen Zeiten, und aus allen Völkern, durch Christi Wort und Geist berufen, abgesondert, erleuchtet, geheiligt und vereinigt werden. Die eigentliche Kirche ist die auserwählte Gemeine, welche der Sohn Gottes, aus dem ganzen menschlichen Geschlecht zum ewigen Leben in Ewigkeit des wahren Glaubens von Anbeginn der Welt bis an’s Ende derselben, versammelt, schützt und erhält, so daß nur diejenigen eigentliche Christen zu nennen sind, welche durch den wahren Glauben Glieder Christi, und also seiner Salbung theilhaftig sind, daß sie seinen Namen mit Wort und Wandel bekennen, sich ihm, der sie erkauft hat, zum lebendigen Opfer darstellen, in dieser Welt mit freiem Gewissen, wider Sünde und Teufel streiten, und hernach in Ewigkeit mit ihm über alle Creaturen herrschen. Ein wahrer Christ ist demnach die herrlichste Person, und es zu sein oder zu werden, das höchste Glück und die höchste Ehre. Deswegen gibt der Apostel es in den angeführten Worten als ein erhabenes Vorrecht an, gekommen zu sein zu der Gemeine.

 

Hienieden ist sie eine streitende, dort eine triumphirende, die alles Widerwärtige hinter sich und unter ihrem Fuße hat, weil sie mit Christo dort herrscht, hier kämpft und siegt. von diesen beiden Hauptbeziehungen faßt sie die angeführte Schriftstelle in’s Auge. Denn der Berg Zion, die Stadt Gottes, das himmlische Jerusalem, beziehen sich auf denjenigen Theil der Kirche, welcher noch im Streit ist, so wie die meisten der folgenden Ausdrücke auf ihre Herrlichkeit droben. Laßt uns dieselben in einige Erwägung ziehn.

 

Das Haupt der Kirche, die alles umfaßt, was heilig, selig und Gott geweiht ist, ist Gott selbst, ihr Fundament ist Jesus Christus, in welchem alle Dinge zusammen unter Ein Haupt verfasset sind, beide, das im Himmel und auch auf Erden ist, durch ihn selbst. Epheser 1,10. Sintemal alles durch ihn versöhnt ist zu ihm selbst, damit daß er Friede machte durch sein Blut am Kreuze, durch sich selbst. Col. 1. Sie ist darum unüberwindlich, was auch gegen sie anschleicht oder stürmt, und immerdar sieghaft auch im Unterliegen. Sie wird die letzte über dem Staube stehen, und – wie Simson – sagen können: da liegen sie mit Haufen. Wie es ihr hier auch gehen möge, so wird doch von allen ihren Gliedern gesagt: ihr seid gekommen zu dem Berge Zion. Zion im eigentlchen Sinne war ein Berg in Jerusalem, welcher zwei Spitzen hatte. Auf der einen, die eigentlich Zion hieß, stand die Burg, der königliche Palast, auf der andern, Moriah genannt, Erscheinung des Herrn, wo Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte, erbaute Salomo nach göttlicher Anweisung den Tempel, beide Bilder Christi, in seinem priesterlichen und königlichen Amte. Deswegen redet die Schrift auch sehr herrlich von Zion, z.B. Psalm 48,3: Der Berg Zion ist ein schön Zweiglein, deß sich das ganze land tröstet. Machet euch um Zion, und umfahet sie, zählet ihre Thürme. Ps. 87: Der Herr liebet die Thore Zion über alle Wohnungen Jakob. Herrliche Dinge werden in dir gepredigt, du Stadt Gottes. Sela. Denn unter Zion wird auch das Volk Gottes verstanden, darum heißt es z.B. Ps. 69: Gott wird Zion helfen, und Ps. 99: der Herr ist groß zu Zion. Ps. 129: Ach! daß da müßten zu Schanden werden und zurückkehren, die Zion gram sind. Jes. 2: Es wird zur letzten zeit des Herrn Berg gewiß sein, und höher denn alle Berge, und über alle Hügel erhaben werden; und werden alle Heiden dazu laufen. Das 60. Kap. enthält eine sehr herrliche Beschreibung von Zion, von dem Volke Gottes in seiner glänzenden Gestalt, wiewohl Zion auch wohl nach Kap. 49. klagt: Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat mein vergessen.

 

Zion ist demnach die Kirche, die Gemeine Gottes in ihrer neutestamentlichen Vollkommenheit besonders hier auf Erden. Zu dem Berge Zion gekommen sein, heißt also, der wahren Kirche einverleibt sein, und Theil haben an all den herrlichen Vorrechten, die ihr im Worte Gottes zuerkannt sind; an all den herrlichen Verheißungen, die ihr gegeben sind; Theil haben an all der Liebe und Sorgfalt Gottes für Zion; an aller Herlrichkeit, die demselben zugewendet werden, folglich höchst glückselig sein. Zu diesen sagt Petrus: ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priesterthum, das heilige Volk, das Volk des Eigenthums, daß ihr verkündigen sollt die Tugenden deß, der euch berufen hat von der Finsterniß zu seinem wunderbaren Licht. In Gemäßheit dieser Verheißung sollen alle Bürger zu Zion mit Gott unterhandeln, wie David that, da er sprach: du hast gesagt: ihr sollt mein Angesicht suchen, darum suche ich auch, Herr, Dein Antlitz. – Mag ihr äußerlicher Stand auch sein, welcher er will, mögen sie noch so arm und klein sein, mögen sie gedrückt, verfolgt, verhöhnt werden, mag nicht nur der Teufel, sondern sogar Gott selbst für eine Weile ihnen zuwider sein: so sind doch alle Herrlichkeiten Zions die ihrigen, und in Gottes Augen schon an ihnen erfüllt. Sie alle sind Könige, und müssen sie ihr Königthum hienieden auch meistens im Kriegführen beweisen: so muß ihnen dennoch alles zum Besten dienen, Niederlage und Sieg. Darum fürchte dich nicht, du Würmlein Jacob, und du armer Haufe Israel.

 

Größeres Heil kann demnach Niemand wiederfahren, als wenn er nach Zion kommt, und würde er der Geringste unter den königlichen Bürgern dieser Stadt Gottes, und müßte er auch einen bedeutenden Theil der Lasten derselben tragen. Jedoch führt zu derselben nur der schmale Weg der Buße und Verleugnung, und das enge Thor der neuen Geburt, und wenige sind, die ihn finden. Es geht nicht ohne Kampf, Traurigkeit, Schmerz und Opfer zu. Seid ihr aber durch die Barmherzigkeit Gottes dazu gelangt: so wandelt würdig und immer würdiger dem Evangelium und dessen Vorrechten, seid dankbar für die Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, freuet euch eurer Glückseligkeit, und laßt euch dadurch zu allem Gehorsam bereiten. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.

 

Dies Vorrecht drückt der Apostel noch mit andenr Worten aus, wenn er hinzusetzt: und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem. Was er eben einen Berg genannt hat, nennt er nun eine Stadt, deren Straßen von Gold waren, durchströmt von einem kristallhellen Strom, an beiden Seiten mit Obstbäumen bepflanzt, welche beständig zwölferlei Früchte tragen, mit Fundamenten von Edelsteinen, mit Thoren von Perlen, ohne Sonne und ohne Tempel, weil beides der Herr ist. Der Begriff eienr Stadt gibt die Idee der Größe, der Sicherheit, der Ordnung, Schönheit und des Ueberflusses. Und die Glaubigen sind durch die Gnade in eine Stadt versetzt, welche dies alles im höchsten Sinne enthält und darbietet. In dem Stande der Gnade ist alles wahrhaft groß, und in einem erwünschten Sinne groß. Ihre Einwohner sind klein und eben deswegen groß. Groß ist die Vergebung der Sünden, die das Volk hat, das drinnen wohnt. Sie ist groß, wegen der Größe der Sünden, die ihnen gänzlich vergeben sind, wegen der Größe des Preises, der dafür bezahlt wurde, wegen der Güter, die damit verknüpft sind. Groß ist diese Stadt, denn sie reicht vom Anfange der Welt bis ans Ende derselben; sie umfaßt alle Zeitalter und Nationen, denn aus allem Volke, wer Gott fürchtet und recht thut, ist ihm angenehm; sie erstreckt sich von der Erde bis in den Himmel, und es ist noch Raum da, und gewiß gilt von dieser Stadt, was Philo von Jerusalem bemerkt, daß es niemals jemand an Herberge gefehlt habe, welche Menge auch möchte hingekommen sein. – Diese Stadt gewährt die vollkommenste Sicherheit und Ruhe. Außer derselben wüthet der Feind, würget der Tod, donnert und blitzt das Gesetz, brennet der Zorn, regiert das Elend, stürmts, hagelts. Wind, Regen dringen auf mich zu, mein matter Geist findet nirgend Ruh. Aber wenn gleich das Meer wüthete und wallete, und von seinem Ungestüm die Berge einfielen, dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben, mit ihrem Brünnlein drinn, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie wohl bleiben. Gott hilft ihr, Sela. Ps. 46. Sie ist eine Freistadt, und wer drinnen ist, ist gesichert gegen der Bluträcher, gegen den Fluch des Gesetzes, gegen den Zorn Gottes, den Tod, den Teufel, die Hölle. Entfallet darum nicht eurer Festung, bleibet stets zu Kehelatha. Schien es auch zu Zeiten, als wäre die Stadt nicht sicher; sie ist es doch, denn wir stark sind ihre Bewohner! Der Schwächste ist, wie David, von dem die Weiber sangen: Saul hat 1000 aber David 10,000 geschlagen. Sie überwinden in allem weit. Wie klug sind sie, da sie alles wissen. Mögen sie immerhin schwach sein: so sind sie eben alsdann stark; unmündig sein: so sind sie eben alsdann klug. Der Herr ist eine feurige Mauer um sie her, sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus seiner Hand reißen.

 

Diese Stadt ist eine Stadt der Ordnung. Draußen ist lauter Unordnung und Verkehrtheit, Haß, Liebe, Begierde, Abscheu ist in der gräßlichsten Unordnung; verkehrte Meinungen und Neigungen. Was der Mensch suchen sollte, flieht er – fliehen sollte, sucht er – glauben sollte, verneint er – verneinen sollte, glaubt er, u.s.f. Hier ist Ordnung und alles wohl geordnet, und gehalten, wie David 2 Sam. 23 sagt. nur durch Bequemung in der Ordnung der Buße und des Glaubens, der Welt- und Selbst-Verläugnung, des Gehorsams und der Unterthänigkeit kommt man durchs Thor, welches nur unter dieser Bedingung durchläßt. Denn da ist die Ordnung des Kreuzes, wodurch man treulich gedemüthigt wird. Was etwas werden will, muß sich gefallen lassen, vorher nichts zu werden. Die Ordnung, unter dem Fluche zu bleiben, so lange jemand mit des Gesetzes Werk umgeht, aber gerecht zu werden, sobald man an den glaubt, der die Gottlosen gerecht spricht; schwach zu bleiben, so lange man sich stark glaubt, und nichts zu wissen, so lange man meint, etwas zu wissen; dem Falle nahe zu sein, so lange man meint, zu stehen; selig zu sein, wenn man arm, leidetragend, sanftmüthig, barmherzig ist, nach Gerechtigkeit hungert und durstet, reines Herzens ist, Frieden stiftet, und um Gerechtigkeit verfolgt wird. In dieser Stadt gilt die herrliche Ordnung, daß nichts auf die eignen Kräfte und Fähigkeiten der Einwohner berechnet, sondern von dem Herrn dargereicht wird, allerlei seiner göttlichen Kraft, was zum Leben und göttlichen Wandel dient. Wie gebrechlich in sich selbst, sind sie vollkommen in Ihm. –

 

Diese Stadt ist die allerschönste. Schön ist sie wie der Mond, auserwählt, wie die Sonne, schrecklich wie Heeresspitzen, und bricht hervor, wie die Morgenröthe. Häßlich und verunstaltet ist alles außerhalb derselben, krumm und verdreht, aussätzig und voll Koth. Wer aber in diese Stadt Gottes kommt, wird wohlgestaltet, rein und schön. – In ihr herrscht der erwünschteste Ueberfluß, so daß die Einwohner keinerlei Mangel haben. Draußen ist wohl eingebildeter Reichthum, aber wirklicher und gänzlicher Mangel an den allerwesentlichsten Gütern. Wer in diese Stadt kommt, ist geborgen. Die Armen werden da unmäßig reich, und wenn sie gleich nichts in die Hände kriegen, haben sie doch alles. Die Zerlumpten und Nackten werden mit Goldstoff gekleidet, und in gestickten Kleidern zum König geführt. Zu den Hungrigen heißt es: esset meine Lieben, und trinket meine Freunde, und werdet trunken; da ist alles zu haben, was man bedarf, und zwar umsonst und ohne Geld, und der Herr thut, was die Gottesfürchtigen begehren. Wer sie ängstigt, ängstet Ihn. In allen ihren Nöthen mit bedrängt. Er ist gekommen, daß seine Schafe Leben und volles Genüge haben. –

 

Doch, wie könnte man sich über die Herrlichkeit dieser Stadt verwundern, da sie die Stadt Gottes ist? Er hat von Ewigkeit her den Plan dazu entworfen. Er hat sie durch seinen Sohn erbaut. Er hat sie durch seinen Geist mit Einwohner erfüllt, die sein Werk sind. Er regiert in derselben, wenn auch wunderbarlich, doch herrlich. Alles in der Stadt ist sein Werk. Da sind z.B. Harfen Gottes, und was müssen das für Instrumente sein, die von solcher Hand sind! Vor ihm hat sie ihre Immunität und Freiheit, die ihr deswegen niemand streitig machen kann, so daß sie fragen darf: Wer will verdammen? wer wider uns sein? wer ist, der Recht zu mir hat? Er wohnt, Er wandelt drinnen, läßt sich daselbst sehen, sprechen, hören. Hier werden alle seine Kinder zu einer Gesellschaft vereint, Mitbürger mit den Heiligen, Hausgenossen Gottes. Wo ist eine Stadt, wo ist eine Bürgerschaft, wie diese? Glänzen einige wie die Sonne, andere wie der Mond, und noch andere wie die Sterne, und der Eine mit größerer Klarheit, wie der Andere, so sind sie doch alle Eins in Demuth und Liebe.

 

Sie ist die Stadt des lebendigen Gottes, der mächtig genug ist, sie zu erhalten und zu bewahren, der allein Unsterblichkeit hat, der lebendig macht, der vom Verderben errettet, und dem keine Noth noch Bedürfniß zu groß ist. –

 

Der Apostel bezeichnet sie näher, als das himmlische Jerusalem. Gesicht des Friedens. Das irdische Jerusam, in aller seiner Salomonischen Pracht, wo Salomo des Silbers mehr machte, als der Steine, und der Cedern so viel, als der Maulbeerbäume in den Gründen, 2 Chron. 9., war nichts gegen dieses himmlische Jerusalem, wovon es nur ein schwaches Bild war, und schon längst in Trümmern liegt. Dies ist das neue Jerusalem, welches Johannes sah von Gott aus dem Himmel herabfahren, zubereitet als eine geschmückte Braut ihrem Manne, und hörte eine große Stimme von dem Stuhl, die sprach: siehe da, eine Hütte Gottes bei den Menschen, und Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Und Gott wird abwischen alle Thränen von ihrem Angesicht, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein. Offenb. 21. Dies ist ein Bild der Gemeinde Jesu Christi, nach demjenigen betrachtet, was sie schon hienieden in Ihm ist, welches sich in künftiger Zeit noch näher erweisen wird, da es bis jetzt nur noch im Glauben wahrgenommen wird. Es ist himmlisch, denn ein nicht geringer, wo nicht gar der größte Theil, ist schon im Himmel, wiewohl noch eine Zahl wird hinzugethan werden, die Niemand zählen kann, aus allen Völkern, wenn ihm Kinder geboren werden, wie der Thau aus der Morgenröthe. – Obschon hier auf Erden, hat sie doch ihren Ursprung und Wurzel, ihr Bürgerrecht, Heimath und Schatz im Himmel, wohin auch ihr Sehnen gerichtet ist, und von dannen sie wartet auf ihres Leibes Erlösung. Ja, in Christo Jesu ist sie schon ins himmlische Wesen versetzt, wiewohl sie noch hienieden wallet und traurig ist in mancherlei Anfechtung, doch so, daß der gott aller Gnade sie wird vollbereiten, stärken, kräftigen, gründen. –

 

So herrlich ist der Stand der Gläubigen schon hier auf Erden. Sie sind gelagert zu Kehelatha. Sie sind wirklich gekommen gen Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes. Ihre Namen sind im Himmel angeschrieben. Freuet euch dessen! Es bleibt doch dabei, mags ihnen auch manchmal bestritten werden. Es bleibt doch dabei, mögen sich ihnen auch Hindernisse in den Weg stellen, die sie selbst zu beseitigen durchaus unvermögend sind, mag auch noch gar vieles bei ihnen abzuthun sein, und man allerdings nur durch Libna und Rissa nach Kehelatha gelangen. O, wohl denen, von welchen es heißen kann: sie brachen unter dem Vortritt der Wolken- und Feuer-Säule auf, und lagerten sich zu Kehelatha. Wohl, wohl denn, von welchen gesagt werden kann: ihr seid gekommen. Der uns aber dazu bereitet, das ist Gott. 2. Cor. 3.

 

Gekommen sind sie zu der Menge vieler Tausend Engel, die mit der Gemeine unter Einem Herrn stehen, die als dienstbare Geister ausgesandt werden zum Dienste derer, welche die Seligkeit besitzen sollen, Freunde, Beschützer derselben. Sie wehrten dem gefallenen Menschen den Eingang in das verscherzte Paradies, aber seitdem es ihm wieder auf Golgatha geöffnet ist, freuen sie sich über jeden Sünder, der Buße thut, und gern tragen sie seine Seele, wenn sie abscheidet, in Abrahams Schooß, und wo es Noth thut, springen sie rettend zu, so daß Elisas Knabe, wenn ihm die Augen geöffnet werden, die Berge voll feurige Rosse und Wagen erblickt, und sieht, daß derer, die mit uns sind, mehr sind als derer, die wider uns sind.

 

Obschon noch hier auf Erden streitend und leitend, stehen sie doch in der genauesten Verbindung mit der obern Gemeine. Denn sie sind gekommen zu der Gemeine der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben ist, und zu den Geistern der vollkommenen Gerechten. Sie sind mit denselben die Auserwählten, deren Namen geschrieben sind in dem lebendigen Buche des Lammes, und in Christo Gottes Erstgeborne, seiner Natur theilhaftig, und deßhalb Erstlinge seiner Creatur, so sie anders fliehen die vergängliche Lust der Welt. Jac. 1. Sie sind erkauft aus den Menschen zu Erstlingen Gott und dem Lamm. Offenb. 14,4. Sie sind Könige und Priester, Erben Gottes, und Miterben Christi. Sie sind gerecht; doch noch nicht in der Wirklichkeit, dem Besitz und Genuß nach vollendet. Ein Theil ist auch dies, aber er ist im Himmel. Mit diesem sind sie so genau verbrüdert, und was jene vollendet und erreicht haben, sollen sie auch so gewiß erreichen, als ob sie schon wirklich dort angelangt wären, wie sie’s auch in Christo Jesu sind. Das Vollbereiten ist eben so gewiß, als das Stärken, Kräftigen, Gründen, mögen sie hienieden auch, wo es sein soll, eine kleine Zeit leiden, und traurig sein in mancherlei Anfechtungen. –

 

O! wie herrlich lagert sich denn nicht zu Kehelatha, mag es auch in der Wüste liegen! Wohl dir Israel, das daselbst wohnt. Du wohnst in Hütten, und bist indessen beschweret und seufzest. Wir wissen aber, so das irdische Haus dieser Hütte zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. – Zeuch mich, zeuch mich, so laufen wir! Ei du schöne Freudenkrone, bleib nicht lange, Deiner wart ich mit Verlangen. Amen.

 

 

Vier und dreißigste Predigt.

 

Neunzehnte Lagerstätte: Sapher.

4. Buch Mosis 33,23.

 

Noch weiter von Canaan, noch weiter auf Egypten zu, wenn gleich nur zwo Stunden! Nur zwo Stunden? Und all die Umstände? Ja wohl. Werden Thränen gezählt, gewiß auch unsere Stationen.

 

Nur Liebe ist’s, die uns regiert,
Und uns bald so, bald anders führt;
Von ihr kommt’s, was uns je begegnet.
Kein Härlein wird uns je gekränkt,
Nur Liebe ist es, die es lenkt.
Es muß uns sein zum Ziel gesegnet.

 

Petrus nennt die Gläubigen lebendige Steine zu einem geistlichen Hause, zu einem Tempel Gottes. Steine müssen zuvor behauen, und wenn sie zu einem so prachtvollen Bau sollen angewandt werden, sehr sorgfältig behauen werden, vor allen Dingen, wenn sie mit allerhand Blumenwerk und Figuren sollen geschmückt werden. Die ersten Schläge, die ihnen gegeben werden, sind wohl die härtesten, aber auch die noch am wenigsten bildenden, und es gehören keine feingeübte Hände dazu, sie zu geben, und dem rohen Block einige Gestalt mitzutheilen. Sie sind so zu einem gemeinen Bau schon geeignet genug, nicht aber wenn sie bei Prachtgebäuden angewandt werden sollen. Und Gottes Kirche ist ein Prachtgebäude einzig in seiner Art. Alsdann folgt auf die rohe Bearbeitung eine feinere, von geübtern Händen, und so eine noch feinere von noch geschicktern, und endlich die feinste von den künstlichsten Meistern. Die Werkzeuge werden immer subtiler, die Schläge schwächer, unmerklicher ihre Wirkung. Dies leidet seine Anwendung auf’s Geistliche die euch selbst überlassen bleibt. Der Stein – mag er auch ein lebendiger sein, und also fühlen; ein vernünftiger, und also überlegen – der Stein selbst kennt doch die Figur und Bildhauerei nicht, die auf ihm gemeißelt werden soll, weiß nicht, ob da oder dort noch ein Flick angebracht werden muß, und wo er am Pallast seine Stelle angewiesen bekommt, aber der Meister, derjenige, welcher alles bereitet, das ist Gott, Hebr. 3, weiß es, und thut also. Die lebendigen Steine thäten also am besten, wenn sie den todten nachahmten, ließen sich so und anders kehren und wenden, flicken und bearbeiten, und sprächen: Herr, wir sind Thon, sei Du Töpfer, statt daß sie so leicht widerbellen, jammern und fragen: wozu dies, wozu das? obschon ihnen dies übel ansteht. Wenn man so immer fragen und darauf antworten sollte: so möchte man – um aus tausend nur eins zu nehmen – auch fragen und antworten: warum brachte man Paulo zu Lystra, nach Apost. Gesch. 14, bekränzte Ochsen, sie ihm als einem Gott Jupiter zu opfern, und gleich darauf steinigten sie ihn, schleiften ihn sodann wie ein todtes Vieh zur Stadt hinaus, und ließen ihn da für todt liegen? Gehörte auch dies in seinen Weg? Und wenn es das that, wer ist im Stande, genau nachzuweisen, warum und wozu es geschah? Wer wird aber nicht einräumen müssen, daß auch dies so gut seinen heilsamen Zweck hatte, als später die Faustschläge Satans? – Manche Christen sind wohl geneigt zu fragen: warum begegnet mir so vielerlei, wovon Andere nichts erfahren? Allein, was soll man anders darauf erwiedern, als dies: darum begegnet es dir, weil es deine Berufung und Erwählung, weil es deine Bestimmung so erfordert, weil du der Stein sein, die Stelle einnehmen, das Gebilde an dir tragen sollst. – Wer sich damit nicht begnügen kann, muß sehen, daß er eine anderen Antwort bekömmt! Gewiß ordnete die göttliche Weisheit es so, daß die Kinder Israel sich nun hier so und solange, dann eine Meile, ein anderes Mal 6, 8, zweimal sogar 12 Meilen weiter lagern mußten. Kann uns jemand genau die Absicht der göttlichen Weisheit nachweisen, so werden wir ihn mit Vergnügen hören, erwarten es aber nicht.

 

Was den Namen dieser 19ten Lagerstätte betrifft, so hieß sie Har Sapher, auf Deutsch: schöner Berg. Das Wort steht auch 1 Mose 49: Naphthali gibt schöne Rede; Hiob 26: der Himmel wird schön durch seinen Geist; Ps. 16: mir ist ein schön Erbtheil geworden. Dies Sapher folgt sehr natürlich auf die andern Lagerstätten. Ist jemand zu Libna weiß geworden, hat er in Rissa die Besprenung empfangen, ist er so ein ächtes Glied der Kehelatha, der Gemeine Gottes: so ist er auch in den Augen Gottes und aller seiner Heiligen sapher, schön, lieblich. Was ist auch das Erbtheil des Sohnes Gottes, das er Ps. 16 schön nennt, anders, als seine Gemeine? Haben wir nicht gern gehört, daß von Naphth, wo sich Jesus am meisten aufhielt, schöne, liebliche Rede ausgeht, und nicht zugestimmt, wenn Hiob sagt: durch seinen Geist wird’s schön? –

 

Ich denke, diese Lagerstätte war, was sie heß: schön, lieblich, wie wir deren schon etliche gehabt haben. Geht’s nicht allezeit gleich herrlich zu, so ist es auch nicht an einem fort kümmerlich und elend. Es gibt auch, wo nicht Monate, doch Wochen, wo nicht Wochen, doch Tage oder Stunden, oder Augenblicke, wo es heiter, fröhlich, wenigstens leidlich ist. Die Jünger hungert nicht jederzeit, daß sie des Sabbaths ungeachtet Aehren ausraufen, zwischen den Händen zerreiben und essen; sie brauchen doch nicht immer auf die Frage: Kinder, habt ihr nichts zu essen? mit Nein zu antworten. Bisweilen wenigstens haben sie ein Lamm auf der Tafel und Wein dazu, oder werden gar zu einer Hochzeit eingeladen. So geht’s noch im Geistlichen. Auch in der Wüste gibt es hie und da grüne Oasen. Wer könnte es auch sonst darin aushalten! Davids Seele weigerte sich einmal, sich trösten zu lassen, aber der Herr zog ihm sein Trauerkleid doch wieder aus. Die Seele meint das Einemal wohl, nun werde sie sich nie mehr bekümmern, und nie mehr ängsten, und nie mehr zagen oder zweifeln, und es macht sich anders; aber es macht sich auch anders, wenn sie denkt, nun werde es nie wieder an sie kommen, sich zu freuen, ganz getrost zu sein, nicht mehr zu zweifeln, festiglich zu glauben. Du hast meine Klage verwandelt in einen Reigen, sagt David. Fest darf sich Israel nicht setzen, es geht immer anders und anders. Ach! sehet doch! Von Sapher ziehts, weil es muß, nach Harada, und d.h. Schrecken. Gib deinen eignen Willen, gib deine eigne Wahl ganz in den Tod, so hast du Ruhe. Am guten Tage sei guter Dinge, den bösen nimm auch vorlieb. Verkündige des Morgen seine Gnade, des Nachts seine Wahrheit. Ps. 92.

 

Dies Har Sapher buegt sich ganz rechts auf die Straße durch der Philister Land, welche, wie es 2 Mose 13,17 heißt, die nächste war, und auf welchen sie nicht die Hälfte von Tagen gebraucht hätten, um nach Canaan zu kommen, die sie jetzt Jahre darauf zubringen mußten. Der Grund, welcher von der Handlungsweise Gottes, da Er sie so weit herumführte, angegeben wird, ist eben so seltsam, wie diese Handlungsweise selbst. Denn, heißt es, Gott dachte, es möchte dem Volk gereuen, wenn es den Streit sähe, und wieder umkehren in Egyptenland. O, wie wunderbar! Und nun scheint Er sie selbst dahin zurückzuführen? In wenig Tagen können sie wieder in Gosen sein! Wer hat doch des Herrn Sinn erkannt, und wer ist sein Rathgeber gewesen! Kannst du, o Seele! deine Führungen nicht mehr begreifen, so thue die Augen zu und folge. Geht’s mit dir dem Ansehn nach, statt vorwärts, wie du sonst gewohnt warst, wie du es begehrest, wie du danach strebest, wider deinen Wunsch und Willen rückwärts: stecke mit Jeremia deinen Mund in den Staub, und warte der Hoffnung in Geduld. O! ihr heil. Gebeine Josephs, der du dir bei deinem Leben mit einem Eide versichern ließest, daß sie deine Gebeine aus Egypten mitnehmen sollten, wenn Gott sie herausführen werde, wie er versprochen, wie Moses auch treulich that, wie lange müßt ihr harren, und auch noch all diese Kreuz- und Quergänge durch die Wüste mitmachen, bis ihr endlich von Josua zu Sichem, 180 Jahre nachdem der Geist euch verlassen, bei Salem, d.i. Friede, begraben werdet. Welch eine Predigt von der unzerreißbaren Zähigkeit, die dem Glauben Noth thut, weshalb auch so oft Glauben und Geduld zusammen geboten wird; welch eine Predigt von der Treue Gottes in Erfüllung seiner Verheißungen, und sollte es noch so lange dauern, und noch so verworren hergehen, halten uns auch diese Gebeine, und zu welcher Aufmunterung konnten sie, obschon sie schwiegen, bekümmerten Israeliten dienen! Abraham verstand es, er glaubte auf Hoffnung, wider Hoffnung, wo nichts zu hoffen war. –

 

Seht den Gehorsam Israels. Obschon der gebahnten Heerstrasse ganz nahe, sind sie doch weit entfernt, sie aus eigenem Gutdünken einzuschlagen, um so auf die kürzeste und bequemste Weise aus der Wüste heraus, sei es nach Canaan, sei es nach Egypten zu kommen. Wie heilsam ist ihnen die scharfe Zucht unter den Wacholdersträuchen zu Ritma gewesen. Wie zahm, wie biegsam sind sie geworden! Ihr Verhalten ist Davids Wort gemäß, wo er sagt: ich weiß, Herr, daß deine Gerichte gerecht sind, und hast mich treulich gedemüthigt. Denn des Vaters Liebes-Ruth, thut uns allewege gut. Geduld, Bewährung und Hoffnung sind uns nöthig, und diese schönen Früchte wachsen nach Röm. 5. auf dem Kreuzbaume. – Ich bin der Meinung, daß diese Lagerstätte nicht nur von ihrer anmuthigen Lage, sondern auch von der Einschicklichkeit und Schmiegsamkeit der daselbst Gelagerten, den Namen Sapher, schön und lieblich bekam. Denn wie gebrechlich es auch freilich hie und da zu Zeiten unter Christen hergehn, und einem Apostel Ursache geben mag, von ihnen zu sagen: euer Ruhm ist nicht fein; ich fürchte, daß ich euch nicht finde, wie ich wünschte, daß nicht Hader, Neid, Zorn, Zank, Afterreden, Ohrenblasen, Aufblähen da sei, und drohend zu fragen: soll ich mit der Ruthe kommen? so geben ihn doch manche Anlaß zu gestehen, daß er sich veranlaßt sehe, ihrentwegen Gott durch Jesum Christum Dank zu sagen, daß man von ihrem Glauben und ihrer Liebe, in aller Welt rühme. Es ist doch auch wahr, daß es Hänflein gibt, die sich durch ihre Eintracht, Liebe und andere Tugenden als recht christlich erweisen. Muß auch der einzelne Christ zuweilen sich anklagen, wegen Dürre, Ungeduld und allerlei Unarten, so hat er doch auch wieder solche heilige und selige Zeiten, wo der Bräutigam aus dem Hohenliede sagen kann: wie schön ist dein Gang in deinen Schuhen, du Fürstentochter; und die Seele selbst, David aus dem 101. Psalm nachzusprechen: ich handle vorsichtig und redlich bei denen, die mir zugehören, und wandle treulich in meinem Hause. So sollte es bei allen sein, und wer den Namen Christi nennt, trete ab von aller Ungerechtigkeit, und lasse sich finden im Stande guter Werke, wodurch er die Lehre Christi ziere. Israel lagert auf einem Berge, und ist eine Stadt auf demselben. Laßt deswegen euer Licht leuchten, nicht blos in guten Worten, sondern in guten Werken, damit der Vater im Himmel gepriesen werde. Gib, o Vater, daß wir alle unsere Gedanken, Worte und Werke dahin richten, daß Dein Name um unsertwillen nicht gelästert, sondern geehrt und gepriesen werde! –

 

Wir haben auch manchen Har Sapher, manchen schönen Berg, nämlich den Berg Golgatha und den Oelberg, diese Berge, von wo aus Hülfe kommt; sind wir Christen, so sind wir schön, und haben schönes, was uns dort erworben ist. Ist es nicht merkwürdig, das hohe Berge eben der Schauplatz der besondersten Offenbarungen Gottes waren, wie auch die antichristischen Hure auf sieben Berge sitzt? Da ist der Berg Horeb und Sinai, wo Gott seine Heiligkeit, Moriah und Zion, wo Er seine Gnade und Barmherzigkeit offenbart. Von Nebo aus sah der sterbende Moses Canaan. Tabor war’s, wo er und Elias mit Christo redeten. Er selbst, Jesus, wählte oft einen hohen Berg, um daselbst eine Nacht im Gebet Gottes zuzubringen. Auf dem Oelberge weilte er besonders oft, begann daselbst seine Leiden und seine Herrlichkeit, und segnete daselbst seine Jünger, als die Erstlinge seiner neuen Gemeine. Auf dem Hügel Golgatha vollendete Er sein Opfer, und hatte in der Nähe desselben sein Grab. Zur Zeit des großen Streits wird man nach Sach. 14. seine Füße wieder stehen sehen auf dem Oelberge. Wohl mögen wir deswegen mit David sagen, Ps. 121: ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hülfe kommt.

 

Auf Bergen ist uns das Heil erworben, und nur in und aus der Höhe wird es gefunden. Trachtet deswegen nicht nach dem, was auf Erden ist, sondern nach dem, was droben ist. Seid ihr Christen, so seid ihr von Oben her, und könnt euch an niedrigen Dingen nicht sättigen. Hebet eure Augen in die Höhe! heißt es. Von dannen erwarten wir Hülfe und unseres Leibes Erlösung. Wir richten unsern Blick aufwärts, wenn das Angenehme dieser Erde uns reizen, und unsere Herzen bestricken will, denn droben ist unser Schatz. Diese Belohnung sahe Moses an, und wollte deswegen lieber mit dem Volke Gottes Ungemach leiden, als die zeitliche Ergötzung der Sünde genießen. Gegen das Gewinnen Christi war dem Apostel alles Schaden und Auskehricht. Will das Gewirre dieser Erde und ihre Mühe uns ermatten – der Blick hinauf nach dem jenseits des Jordans gelegenen Lande der Ruhe stillt und stärkt. Bin ich bin Noth, so hebe ich mit David Ps. 123 meine Augen auf zu Dir, der du im Himmel sitzest. Siehe, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen, und die Augen der Mägde auf die Hände ihrer Frauen, also sehen unsere Augen auf den Herrn, unsern Gott, bis er uns gnädig werde. Sei uns gnädig, Herr, sei uns gnädig, denn unsere Seele ist sehr voll Verachtung.

 

Wohl dem Israel, das auf dem Gebirge Sapher, dem Gebirge der Schönheit lagert, denn daselbst wird man schön. Wir sind’s von Natur nicht, und mögen wohl Jakob heißen. Die Herrlichkeit des Herrn ist dahin. Mein Vater, müssen wir mit Israel sagen, war ein Amoriter und meine Mutter aus den Hethitern Ezech. 16,45., also verachtet ist deine Seele da du geboren wardst. Der Mensch aber fängt an schön zu werden, wenn er anfängt, seine Häßlichkeit zu sehen. So lange er fragt: bin ich auch blind, um dies von sich zurückzuweisen; so lange er meint, nicht zu sein, wie andere Leute, und sonderlich, wie dieser Zöllner; so lange er sagt: ich habe keinen Mangel, stehts sehr übel um ihn. Aber erkennt er erst seine Missethat, so sieht der Herr schon etwas Schönes an ihm, das Ihm gefällt, wie es Jeremias 3,13 heißt: ich bin barmherzig, spricht der Herr, und will nicht ewiglich zürnen, allein erkenne deine Missethat. Der erste Schritt, den der verlorne Sohn that, um auf’s schönste gezieret zu werden, bestand darin, daß er einsah, wie elend der Zustand war, in welchem er sich befand. Ich verderbe im Hunger, sprach er. – Was offenbar wird, ist Licht, sagt Paulus Eph. 5,18. Es kommt also alsdann schon ein göttliches Keimlein in die Seele, weswegen der Herr ihr wohl will, denn bei ihm ist lauter Licht. Es kommt ein Fünklein Wahrheit in die Seele, daß sie Gott damit nicht mehr Lügen straft, daß sie sagt: Sünde habe ich nicht, ein Fünklein, das sich schon durchglimmen und die Seele freimachen wird. Dies ist also der erste Schritt aus dem Thal der Finsterniß auf das Gebirge Sapher, wo man schön wird. –

 

Darauf folget der zweite Schritt: wo der Mensch seine Sünde bereuet. Solchen Thränen kann der barmherzige Herr nicht widerstehen. Der Erzvater Jakob bekämpfte und besiegte ihn mit diesen Waffen. – Hiskia weinte sehr, und so kam das Wort des Herrn zu Jesaia, der noch nicht halb aus der Stadt war, und mußte ihm sagen: der Herr hat diene Thränen gesehen. Siehe, ich will dich gesund machen, erretten und beschirmen. – Als um Jesum her alles an Lazarus Grabe weinte, da konnte Er’s auch nicht mehr aushalten, Er mußte selbst weinen und rief: wo habt ihr ihn hingelegt? Mit diesen unwiderstehlichen Waffen bestritt ihn jene große Sünderin, die an seinen Füßen lag und sie naß weinte, und wieder mit ihren Haaren trocknete, mit so glücklichem Erfolg, daß Er zu ihr sprach: deine Sünden sind dir vergeben. Gehe hin mit Frieden. Luc. 7. Als Maria, welche wahrscheinlich die nämliche war, wovon Lucas redet, an seinem Grabe weinte, konnte er sie nicht lange weinen lassen, sondern offenbarte sich ihr so, daß ihre Thränen sich sich in einen Freudenruf umwandelten. Und als gar sein Liebling weinte, mußte alsbald einer von den himmlischen Aeltesten eilen und ihm sagen: weine nicht, denn siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda. – Nichts schöneres, als ein weinender Sünder. Solchen Anblicks freuen sich selbst die Engel. Wie süß ist es auch, sich an den Füßen des Heilandes auszuweinen, süßer oft, als ein eigentlicher Trost. Die Beugung, die Zerknirschung, die Wehmuth, deren Frucht diese Thränen, sind was gar liebliches. Und wie gern weinte sie manche Seele, deren geängsteter Geist keine Luft schöpfen, keinen Athem holen kann, die sich hart, dürr und verstockt fühlt und aus deren Brust sich nur beklemmte Seufzer loswinden. Aber auch diese Seufzer sind dem Herrn eine liebliche Musik. Er hört das Seufzen der Elenden; und schauet das Elend und den Jammer, Ps. 10. Das geängstete und zerschlagene Herz will Er nicht verachten, vielmehr ist’s ein Opfer, das ihm gefällt. – Es geht Berg hinan. Die Tritte sind sauer. Mancher Schweißtropfen rinnt. Das Herz klopft mächtig. Aber es geht den Berg Sapher hinan, und oben ist die Schönheit. –

 

Die eifrigsten Anstrengungen führen nicht zum Ziel, und regen das Verderben nur noch mehr auf; die Vorsätze lassen ohne Kraft und ermatten; im Gesetz ist keine Rast noch Ruhe mit allen seinen Werken. Endlich vernimmt die abgemattete Seele, daß bei keinem andern Heil, auch kein anderer Name den Menschen gegeben ist, darinnen sie können selig werden, als Jesus, daß derselbe für alle Schäden Rath weiß, und alle Krankheit heilt. Nun weint sie nach ihm. Ach! daß du den Himmel zerrissest, und führest herab, daß die Berge vor die zerflössen, wie Wachs. – O! du Arm des Herrn, zeuch Macht an, wie vor Alters. – Habt ihr den nicht gesehen, den meine Seele liegt? O saget ihm, ich sei krank vor Verlangen. – Nach dir, Herr, verlangt mich! wann werde ich dahin kommen, daß ich dein Angesicht schaue in Gerechtigkeit? Wenn ich nur dich habe, frage ich nichts nach Himmel und Erde. Du, du bist ja der Geringen Stärke, der Armen Stärke in Trübsal. Herr, zu dir schreie ich, und sage mit Ps. 142: Du bist meine Zuversicht, mein Theil im Lande der Lebendigen. Merke auf meine Klage, denn ich werde sehr geplagt. Errette mich von meinen Verfolgern, denn sie sind mir zu mächtig. Führe meine Seele aus dem Kerker, daß sie Dich lobe. –

 

Der Herr Jesus läßt die Seele hier nicht stecken, sondern offenbart sich ihr, als voll Gnade und Wahrheit. Sie wird gläubig – ein noch mehreres Hinaufklimmen auf das schöne Gebirge, ein vierter Schritt. Es wird ihr göttlich gewiß, daß Jesus Sünder selig macht, und so findet auch sie Ruhe. Ihre Sünderschaft quält sie nun nicht mehr, obschon sie beugt, zugleich aber fühlt sie sich dadurch um so mehr zu Jesu hingedrängt. Und was kann man Schöneres sehen, als ein so recht gläubiges und zuversichtliches Herz, das gänzlich durch Christum auf Gott vertraut, wie ein liebes Kind auf seinen lieben Vater, und nichts mehr sorgt: nicht wegen der in der Unwissenheit begangenen Sünden, weil Christi Blut sie abgewaschen hat; nicht wegen der anklebenden Verdorbenheit, welche mit dem Leiden und Sterben Christi bedecket ist, bis sie ganz hinweggenommen werde, nicht wegen der geistlichen Feinde, sintemal sie alles vermag, durch den, der sie mächtig macht; nicht wegen allerlei Trübsal, denn derjenige, der die Last auflegt, hilft sie auch tragen; nicht wegen des Durchkommens, denn getreu ist der, der uns gerufen, der wird es auch thun; nicht wegen der Seligkeit, denn aus Gnaden seid ihr selig geworden, durch den Glauben, durch denselben ist sie gewiß, daß nichts sie scheiden wird von der Liebe Gottes, die da ist in Christo Jesu. Jetzt kommt die Frucht wie von selbst hervor, die sonst alles Grämen und Quälen nicht hervorzutreiben vermochte. Jetzt ist alles schön, und die Seele lagert zu Har-Sapher. –

 

Wie schön sind die Seelen, die da leiden. Was kann schöner sein, als um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden? Der Mund der Wahrheit preiset sie selig, und erkennt ihnen das Himmelreich, so wie überhaupt den Leidtragenden Trost zu. Was können wir schöneres sehen, als die Schaar heiliger Märtyrer, die ihr Leben nicht geliebet haben bis in den Tod, und wie ehrwürdig muß es uns dünken, daß auch unsere Kirche, sonderlich auch Frankreich und Holland gewürdiget worden ist, einen bedeutenden Beitrag dazu liefern zu dürfen, und sollten wir nicht mit Ehrerbietung des ersten statt aller anderer dieser Märtyrer, des Annas von Burg in Paris gedenken, der getrost dem brennenden Scheiterhaufen entgegen ging, jedoch betend: verlaß mich nicht, mein Gott, damit ich dich nicht verlasse. – Mochten sie gesteinigt, zerhackt, zersägt, mit dem Schwerdt und mit Feuer getödtet, und auf unmenschliche Weise gequält werden, der Apostel nennt sie Ebr. 11. Leute, derer die Welt nicht werth war. – Und selig ist überhaupt der Mann, welcher die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen. Wir rühen uns auch der Trübsale. –

 

Wie schön ist die betende Seele. Gott nimmt einen Titel davon an, wenn er sich Ps. 65,3 den Erhöhrer des Gebets nennen läßt, und Ps. 109,4. sagt der Messias: Ich bin das Gebet. Siehe, er betet, sagt er von Saulo. Darauf achtet der Herr, da sonstt, was groß vor der Welt erscheint, Ihm ein Greuel ist. Jenes aber zieht seine gnädige Aufmerksamkeit auf sich. Das Gebet thut Wunder, denn alles, was ihr bittet, in eurem Gebet, glaubet nur, so werdet ihr’s empfangen. Wie wohlgefällig ist ihm seiner Kinder Dank, und wer Dank opfert, preiset ihn, und das ist der Weg, daß er ihm zeige sein Heil. – Welch ein Gewicht legt Eliphas von Theman, Hiob 22,9. auf die Fürbitte, wie er’s auch hernach selber erfahren mußte, wenn er zum Hiob sagt: wird jemand erniedrigt, und du wirst sagen: er werde erhöht, so wird Gott den Niedrigen erhalten; Er wird auch den erhalten, der nicht unschuldig ist, um der Reinigkeit deiner Hände, d.i. deiner Fürbitte willen. Laß mich hören deine Stimme, spricht der Bräutigam Hohel. 2, denn deine Stimme ist süße und deine Rede lieblich. Deine Lippen sind wie ein triefender Honigseim.

 

Man ist zu Sapher, wenn man sich selbst verläugnet, und das ist schön. Wie häßlich ist der, welcher seinen Verstand überall will hervorleuchten lassen, der seinen Willen durchsetzen, seine Plane will geltend machen, seine Ehre zu seinem Ziele macht. Aber wie schön erscheint ein Moses, wenn er der Schmach Christi einen höhern Werth beilegt, als allen egyptischen Schätzen; ein David, wenn er sich ganz in den göttlichen Willen ergibt, mag er ihn auf dem königlichen Thron erhalten, oder davon verstoßen wollen; ein Abraham, wenn er Vaterland und Freundschaft verläßt, und folgt, wohin der Herr ihn führt. Zu Sapher liegt man. Und die Liebe gibt die höchste Zierde, weil sie Gott ähnlich macht. Zu Sapher streitet man wider Teufel, Welt und Sünde, und gesellt sich so in die Reihe der guten Streiter Jesu Chrsiti, und kämpft den guten Kampf des Glaubens. –

 

Zu Sapher wird man schön, denn diejenigen, die daselbst lagern, werden von Gott selbst angezogen mit den Kleidern des Heils, und mit dem Rock der Gerechtigkeit bekleidet, wie ein Bräutigam mit priesterlichem Schmuck gezieret, und wie eine Braut in ihrem Geschmeide pranget, daß sie sich freuen in dem Herrn, und fröhlich sind in ihrem Gott. Da stirbt’s sich denn auch schön, weil es nur der steile Ueberschritt auf den Gipfel des Berges Sapher ist, wo Freude die Fülle und liebliches Wesen ist zu seiner Rechten immer und ewiglich.

 

So lagere der Herr uns auch zu Sapher, und geleite uns durch die Wolken- und Feuersäule glücklich dahin! Amen.

 

 

Fünf und dreißigste Predigt.

 

Zwanzigste Lagerstätte: Harada.

4. Buch Mosis 33,24.

 

Die zwanzigste Lagerstätte heißt Harada, und liegt unter allen Lagerstätten Egypten wieder am nächsten. Ihr Name hat eine böse Bedeutung, denn er heißet Schrecken. Sonderbar! Die vorige Lagerstätte hieß schöner, lieblicher Berg, und die darauf folgende Harada: Schrecken? Machts sich denn auch wirklich so im Reiche Gottes? Gibt’s noch ähnliche Führungen? – Sie sind nahe bei Egypten. David aber sagt: mein Leben ist nahe bei der Höllen! Welch ein Ausdruck! Aber überfiel nicht auch den Erzvater Abraham großer Schrecken? Sagt nicht Heman: ich leide deine Schrecken, daß ich schier verzage; und David: Angst der Höllen hat mich troffen: und Hiob: die Schrecknisse Gottes sind auf mich gerichtet. Fürchterliche Ausdrücke! Hanna sagt: Er führet in die Hölle. – So richtet sich der Compas in dem Schifflein der Auserwählten, wohl einmal ja so sehr der Höllen zu, wie er bei manchen Verworfenen auf den Himmel weiset. Harada ist der äußerste Punkt rückwärts. Da siehts am elendesten und verlassensten um das auserwählte, um das heilige und geliebte Volk, um das Volk des Eigenthums aus. Es gleicht Christo in seiner allertiefsten Erniedrigung voller Schmerz, ohne Gestalt und Schöne. – Sollen wir denn auch nicht dies Jammerbild, sollen wir denn nicht auch die Kehelatha, die Kirche, die Sapher, die Schöne beschauen, wie sie von dem Gebirge der Lieblichkeit herabzieht, ihrer Schönheit beraubet, und sich zu Harada m Schreckensort lagern, und daselbst eine – mit der Ewigkeit verglichen – kleine Zeit, für sie selbst aber viel zu lange – lagern und aushalten muß. Angenehm ist dieser Anblick freilich nicht.

 

Eine Erklärung dieser Lagerstätte finden wir in den Worten Christi, Jes. 50,10, wo er sagt: Wer ist unter euch, der den Herrn fürchtet, der der Stimme seines Knechts gehorchet, welcher im Finstern wandelt, und scheinet ihm nicht, der hoffe auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott. –

 

In diesen Worten wird uns ein wahrer Christ in seinem elendesten Zustande vorgeführt. Seht da einen wahren Gläubigen, die Strahlen der Herrlichkeit Gottes in dem Angesichte Jesu Christi, haben sein Gemüth, gleich einer Sonne, beschienen, Gott hat einen hellen Schein in sein Herz gegeben. Seine Freude hierüber war so groß, daß sein Herz sich für ewig von allem Eiteln schied, und sich entschloß, künftig alles dran zu setzen und zu wagen, um alle seine Glückseligkeit allein in dem Licht des göttlichen Antlitzes zu suchen, welches vorsätzlich zu beleidigen, ihm so fürchterlich ist, als die Hölle selbst, weshalb er allen Ernstes sucht, die Stimme des Knechts des Herrn zu gehorchen. Urtheilt selber, was einem solchen, außer der ewigen Verdammniß, härteres überkommen kann, als wenn der Ritz, die Spalte, wodurch zuerst das Licht in ihm hinein schien, ganz geschlossen, das erquickliche Leuchten des göttlichen Antlitzes ihm entzogen und ihm das Innewerden der, ihm schon wirklich gewordenen Gnadengaben vorenthalten wird, und alles sich mit einer finstern Wolke überzieht, so, daß es ihm nicht scheint, weder das Licht der Sonne, noch der Sterne, noch sonst eine Leuchte, und er also im Finstern wandelt; setzet hinzu, daß seine Seele belagert wird von der erschrecklichen Macht der Finsterniß, und überfallen von den Schrecknissen des Allmächtigen, daß er, im Finstern wandelnd, mit dem beklemmenden Argwohn gequält wird: Gott sei sein Bundesgott nicht, Jesus sei sein Mittler nicht, und werde es auch wohl in Ewigkeit nicht werden; alles, was er bisher gehabt, erkannt, genossen, geglaubt und gehofft, sei wohl nichts, als leere Täuschung, sein vermeintlicher Gnadenstand ein erschrecklicher Selbstbetrug, sein Gebet Sünde, und sein endliches Theil im Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt; er sei verstoßen vom Angesichte Gottes – und urtheilt selbst, was Harada für eine erschreckliche Lagerstätte sei, wo zwar nicht Alle, aber doch einige, zwar nicht in gleichem Maaße, oder gleich lange, doch in etwa gelagert werden, und das, nachdem sie auf dem Gebirge Sapher gewesen, und von dessen Höhen Canaan gesehen. Wollte man fragen: Können denn wahre Kinder Gottes in einen solchen eben angedeuteten Zustand gerathen, der sich nur für Verworfene zu reimen scheint? so ist die bejahende Antwort keinem Zweifel unterworfen. Habt ihr doch Aeußerungen der Heiligen, habt ihr doch die Worte Christi aus dem Jesaias vernommen. Ruft nicht der Bräutigam im Hohenliede, wo es doch von den lieblichen Dingen handelt, im 4. Kap. V. 8., seine Braut von der Höhe Senir, d.i. kaltes Schneegebirge, und Hermon, d.i. Verbannung, von den Wohnungen der Löwen, von den Bergen der Leoparden? Fordert er nicht im 16. Vers den Nordwind, der nach Spr. 25,23. Ungewitter bringt, auf, durch seinen Garten zu wehen? – Ps. 101, V. 20. sagt David: Du machest Finsterniß, daß es Nacht werde; da regen sich alle wilde Thiere. Das findet auch seine Anwendung auf’s Geistliche. In dem Stande, wovon wir reden, verlassen auch die wilden Thiere die Höhlen und Klüfte, worin sie verborgen lagen und schliefen, so lange es Tag war, und verbreiten durch ihr Gebrülle und Heulen Grauen und Entsetzen, und zerreißen, was sie erhaschen können. Wehe dann den armen wehrlosen Schafen, wenn der Hirte sie nicht schützt, oder gar wehe dem Hirten selbst. – Das Bild wird den Seelen, die zu Harada gewesen, verständlich sein. Da sind allerlei erschreckliche ungeheuere lästerliche Gedanken, Vorstellungen, Bilder; Haß, Zorn, Lüste, Zweifel, Bosheiten, kein Glaube, keine Liebe, keine Beugung, kein Verlangen – lauter Tod. Hiob sagt: der ich doch wie ein faul Aas vergehe, und wie ein Kleid, das die Motten fressen. Das ist’s, was in den Worten liegt: Wer im Finstern wandelt.

 

Was gibt’s denn nun, das einem Menschen in solchem desolaten und trostlosen Zustande einigen Halt und Stütze gäbe. Nur ein einiges Mittel. Und w as für eins? Christus nennt es in den angeführten Worten: er hoffe auf den Namen des Herrn, und verlasse sich auf seinen Gott. Beides, der Name Gottes, wie Er ihn selbst Exod. 34. aussprach, als barmherzig, gnädig und geduldig, von großer Gnade und Treue, und der Name Christi, welcher Jer. 23. Herr, unsre Gerechtigkeit genannt wird, bildet einen Stecken und Stab, den der im Finstern wandelnde Gottesfürchtige mit der nackten Hand des Glaubens fassen mag und soll, um sich sicherlich darauf zu stemmen und zu verlassen. Dies ist die einzige aber auch genugsame Stütze in diesem Lager zu Harada, bis er endlich Gottes Angesicht schauet in Gerechtigkeit, und der Herr ihm solches nicht mehr verbirgt. –

 

Was bedeutet denn wohl der Name der, auf diese folgenden Lagerstätte? Das werden wir zu seiner Zeit hören. Laßt uns, uns jetzt noch etwas zu Harada umsehen. Die Worte Christi beim Jes., die uns den Aufenthalt daselbst erläutern, bezeugen überhaupt, daß einer, der den Herrn von Herzen fürchtet, und der Stimme seines Knechts gehorchet, in einem Zustande sein, und etliche Stunden, Tage oder Jahre bleiben kann, wo er im Finstern wandelt, und es ihm nicht scheint, und daß etliche wirklich in einen solchen Stand kommen, doch endlich glücklich daraus erlöset werden.

 

Im Finstern wandeln, heißt hier nicht, was es sonst wohl bezeichnet, gottlos sein, und mit Willen in der Sünde leben. Wie möchten solche zum Vertrauen auf den Herrn ermuntert werden! Es heißt ausdrücklich: wer ist, der den Herrn fürchtet. Und unmöglich kann durch das Wandeln im Finstern ein durchaus entgegengesetzter Sinn bezeichnet werden. Eben so wenig bezeichnet es Unwissenheit in göttlichen und geistlichen Dingen, sondern die Finsterniß bezeichnet hier Trostlosigkeit, wie Licht: Friede und Freude, Heiligkeit und Leben. Und obschon hier äußerliches Unglück nicht ausgeschlossen wird, so ist doch vornehmlich innere Trostlosigkeit der Seele gemeint, welche entstehet aus dem Mangel der Empfindung der göttlichen Gnade, der Erkenntniß, daß Gott mein Gott, und meine Sünde vergeben sei. Dies meint Heman, wenn er Ps. 88,7. sagt: Du legest mich in Finsterniß und in die Tiefe – Klagen, welche für irdische Noth viel zu hoch sind. Auch der Zusammenhang, unserer aus dem Jesaias angeführten Stelle mit dem Vorhergehenden lehrt dies. Im Vorhergehenden hatte er nämlich von der Rechtfertigung gesprochen, wodurch Gott die Sünde vergibt, und zu Kindern annimmt. Der Prophet, oder lieber Christus, im Namen seiner Auserwählten, spricht seine volle Versicherung darüber aus, wenn er sagt: siehe, der Herr Herr hilft mir. Wer will mich verdammen? Wer will mit mir hadern? Wohlan, lasset uns zusammentreten, wer ist, der Recht zu mir hat, der komme her. Worte, mit welchen auch Paulus Röm. 8. die triumphirende Versicherung der Gläubigen von ihrer Gerechtigkeit, um des Todes und der Auferstehung Christi willen ausspricht. Doch, weil gar leicht einige arme Seelen sein konnten, welche zwar den Herrn aufrichtig fürchteten, aber dieser seligen Versicherung ermangelten, und wenn sie eine solche triumphirende Glaubenssprache hörten, noch bestürzter wurden, weil sie ihnen wenigstens für die Zeit unmöglich war: so fügt er zart und mitleidend die bekannten Worte hinzu: wer ist unter euch u.s.w. Er handelt ganz dem gemäß, was er im 4. Vers sagt: Der Herr hat mir eine gelehrte Zunge gegeben, daß ich wisse, mit den Müden ein Wort zur rechten Zeit zu reden. Hier sind Müde, müde von dem langen Wandeln im Finstern. Er spricht ihnen anmuthigend zu, und weiset ihnen zugleich das Mittel an, aus diesem erschrecklichen, wenigstens mühseligen Zustande, glücklich heraus zu gelangen, wenigstens darin nicht zu erliegen. Als wollte er sagen: ihr fürchtet den Herrn, ihr höret nach der Stimme seines Knechts, ihr habt also das Recht, diese triumphirende Sprache auch zu führen, wiewohl ihr’s für jetzt nicht könnt, und keine Empfindung davon habt. –

 

Was ist das denn für ein Zustand, worin sich diejenigen Gottesfürchtigen befinden, die im Finstern wandeln, weil es ihnen nicht scheint, oder weil sie kein Licht haben? Durch Licht wird alles offenbar dem Sinne des Gesichts. Licht, Schauen und Glauben, wird in der heil. Schrift unterschieden, und der Glaube beschrieben als ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht siehet. Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Selig sind die nicht sehen und doch glauben. Er hat kein Licht, von Gläubigen gesagt, heißt nicht: er kennt sich selbst und sein Elend nicht, denn eben über diesen Theil seiner innern Welt ist das erleuchtende Licht sehr helle aufgegangen; sondern es heißt: er ermangelt gegenwärtig aller fühlbaren Zeugnisse, daß Gott ihn lieb hat, und ihm um Christi willen, gnädig ist.

 

Gott unterstützt häufig und gewöhnlich den Glauben durch ein dreifaches Licht. Erstlich, durch das unmittelbare Licht seines Angesichts. Laß leuchten dein Angesicht so genesen wir. Herr, sie werden im Licht deines Angesichts wandeln. Dies ist die Versieglung des Geistes, wodurch die Seele kräftiglich versichert wird, daß sie im Stande der Gnade sei, und ewig drin bleiben werde. Wird dies süße Licht ihr entzogen, so wandelt sie im Finstern, weil der Herr sein Angesicht verbirgt. Kein Wunder, wenn sie erschrickt. So sagte Jonas 2,5: ich dachte: ich wäre von deinen Augen verstoßen, und so hatte David schon vor ihm geklagt, aber auch geflehet: verstoß mich nicht von deinem Angesicht. Er konnte gleichsam keinen freundlichen Blick bekommen. So handelte Er oft, und manchmal lange, mit dem gottseligen Könige, daß er auch fragte: wie lange, Herr, willst du mein vergessen, wie lange willst du dich so gar verbergen? Psalm 89,47. Und schrie nicht unser Herr selbst am Kreuz: warum hast du mich verlassen? Aber kann eine solche Handlungsweise mit der Liebe Gottes bestehen? Gewiß. Nennt er sich doch in unserm Spruch seinen, dessen Gott, der kein Licht hat. – In einem kleinen Zorn, heißt es Kap. 54., habe ich dich einen Augenblick verlassen, aber mit ewiger Gnade will ich dich sammeln. Gott handelt wie ein Vater, der seinen Sohn wohl derbe züchtigen, und ihm verbieten kann, ihm vor die Augen zu kommen, ohne doch einen Augenblick aufzuhören, Vater zu sein, und wenn andere mit zugreifen, und den Sohn mißhandeln wollen: so würde er bald wieder seines Sohnes Parthei wider jene unberufene Zuchtmeister ergreifen. Thut meinem Sohn kein Leid, befahl David über seinem Sohn Absalom, obschon er denselben wegen seines Aufruhrs mit einem Kriegsheer verfolgte. Und wenn der himmlische Vater seinen Kindern auch seine süßen Tröstungen vorenthält, so dauern doch seine heiligenden, bewahrenden und stärkenden Einflüsse fort, wodurch sie sich zu einer Gottseligkeit angespornt finden, die um so reiner ist, je weniger sie von einigem Trost begleitet wird, wie Christus seinen höchsten Gehorsam zu einer Zeit vollbrachte, da Er von Gott verlassen war. Die Zeichen der Wiedergeburt treten oft, ohne daß die Seele selbst es sieht, in geistlicher Dürre am klarsten hervor, wie die Sterne in dunkelster Nacht am hellesten leuchten. Wenn Hiob, nachdem er alles verloren, erklärte: von meiner Frömmigkeit will ich nicht lassen, und Assaph mitten in der Noth sagt: dennoch bleibe ich stets an dir; so beweiset dies die Echtheit und Kraft ihrer Gottseligkeit, weit mehr, als wenn sie in guten Tagen noch weit herrlichere Aeußerungen gethan, wovon der Satan sagte: meinest du, das Hiob Gott umsonst dienet? Du hast ihn ringsum bewahret, und alle seine Werke gesegnet, recke deine Hand aus, und taste an, was er hat, was gilt’s, ob er dich nicht in’s Angesicht lästert. Eine Seele, die in Verlassenheit dennoch ihrem Gott festiglich anhängt, den sie nicht schmeckt noch sieht, ist etwas ausnehmendes, weit mehr als eine Seele, die das in großem innerlichem Freudengenusse übt. In der Nacht wachsen die Pflanzen am meisten.

 

Gott unterstützt den Glauben zweitens durch die Gewahrwerdung seiner Gnadengaben in der Seele. Sie fühlt’s, daß sie aufrichtig die Sünde haßt und das Gute liebt, daß sie Lust hat am Gesetz Gottes nach dem inwendigen Menschen, daß sie den Herrn Jesum lieb hat und alle seine Angehörigen, sie bemerkt mehr Früchte des Geistes in sich, und macht daraus den Schluß, daß sie eine Erbin des Himmels sei. Hat sie denn die Sonne nicht, so hat sie doch den Regenbogen, genießt sie Gott nicht durch eine unmittelbare Mittheilung: so zeigen sich doch seine Gnadengaben, als Beweise seiner Huld. – Auch dies unterstützende Licht, welches diese Gnadengaben zeigt, kann einer Seele mangeln, welche den Herrn fürchtet, und der Stimme seines Knechts gehorchet, so daß sie nur mit ihrem Blick auf das Herz hinstarrt, als ledig von allem Guten. So klagt die Kirche Jes. 63: warum verstockest du uns, daß wir dich nicht fürchten? Sie fürchteten, es sei keine Gottesfurcht in ihrem Herzen, weil sie sie nicht sahen, weil es ihnen nicht schien. Ja, kann sich nicht das Gegentheil zeigen, wie David Ps. 65 sagt: unsre Missethat drücket uns hart, oder hat uns überwältigt! –

 

Gewöhnlicher Weise unterstützt der Herr den Glauben durch das Licht seines Worts der Verheißung. Genießt der Gläubige auch grade nichts besonders Tröstliches und Erquickendes, so kann er dagegen eine solche Zuversicht erzeugende Einsicht in die göttlichen Verheißungen haben, die in Christo Jesu Ja und Amen sind, daß er jene Empfindung gegen dieses gutwillig entbehrt, da dies weit dauerhafter ist. Dies Licht kann ihm so nahe liegen, daß er auch andern räth, es so zu machen, wie er, und auf das bloße Wort zu trauen. Der Weg ist ganz richtig. Was der Herr zusagt, hält er gewiß. Man kann sich festiglich darauf verlassen, mag sich auch ereignen, was da will. Haben wir ein Wort Gottes für uns, so gehe es, wie es will. Was Er verheißen hat, das kann, das will, das wird, das muß Er halten. Aber was fängt man mit den Verheißungen an, wenn man im Dunkeln wandelt, und es einem nicht scheint? In der Nacht sieht man wohl die höchsten Bäume und Thürme nicht. Wenn Abraham nach empfangener Verheißung doch vor der Geburt eines Sohnes besorgt, um’s Leben gebracht zu werden, so leuchtete ihm die Verheißung nicht so ein, daß er gehörig damit wirksam sein konnte. Können sie nicht auch einen gesetzlichen Charakter annehmen, und sich auf solche Bedingungen stützen, die allen Trost rauben, der sonst drin liegt? Ueberhaupt muß man den Geist aus Gott empfangen, um wissen zu können, was uns von ihm gegeben ist. 1. Cor. 3.

 

Wir finden in unsern Worten nicht nur den Fall gesetzt, daß es einem Gottfürchtenden und der Stimme seines Knechts gehorchenden, nicht scheine, sondern daß er auch im Finstern wandle. Dieser Ausdruck bezeichnet vornehmlich dreierlei. Im Finstern wandeln heißt, wie Christus Joh. 12. sagt, nicht wissen, wo man hingeht. Eine gottselige Seele kann mit Bekümmernissen angefallen werden, ob Gott ihr gnädig sein will, oder nicht, ob ihr Weg nach dem Himmel führt, oder nicht. Herzverwundender Kummer! Aber kann das einem Kinde Gottes begegnen? Wie sollte es nicht? Fragt nicht Assaph im 77. Psalm sehr zweifelhaft: wird denn der Herr keine Gnade mehr erweisen? Hat er das Thor seiner Barmherzigkeit verschlossen? Dies kränket mich, setzt er hinzu. Heman befand sich nach dem 88. Ps., obschon ein begnadigter Mann, in dem jammervollsten Seelenzustande, voll Angst und Noth, und dabei kam es ihm zweifelhaft vor, ob ihn der Herr daraus erretten werde, wenn er fragt: wirst du unter den Todten Wunder thun, oder werden die Verstorbenen aufstehen? Mögen deine Wunder in der Finsterniß erkannt werden? Jeremias sagt in seinem Klageliede schrecklicherweise: meine Hoffnung am Herrn ist sammt meinem Vergnügen vergangen. –

 

Wer im Finstern wandelt, stößt sich überall. Wir sind im Düstern und stoßen uns, heißt es Jes. 59. Er stößt sich auf eine schmerzhafte Weise, und wird häufig durch alles kleinmüthig, was er hört, und was ihm begegnet. Ach! denkt er wohl, daß eine solche Herrlichkeit vorhanden ist, aber schwerlich für dich. Hier stößt er sich an einer einzelnen schwierigen Schriftstelle, da bleibt er an allerlei Zweifeln und Einwendungen kleben, wie die Vögel an den Leimstangen, dort stößt er sich an Schickungen der göttlichen Vorsehung, und mißdeutet wohl den tröstlichsten Theil des göttlichen Worts zu seinem Nachtheil, denn seine Seele will sich nicht trösten lassen. Psalm 77,3.

 

Im Finstern zu wandeln, bringt leicht Schrecken zu wege, und gibt der Einbildungskraft Gelegenheit, sich allerlei Schreckbilder zu schaffen, wo auch nichts Wirkliches ist, und das Wirklich zu vergrößern. Großer Schrecken und Finsterniß wird 1. Mos. 15. als etwas genannt, das Abraham zugleich überfiel. Heman klagt in seiner Finsterniß, er leide die Schrecken Gottes, das er schier verzage.

 

In solch einen trübseligen Zustand können wahre Kinder Gottes gerathen, und darin eine Zeitlang, und sogar eine lange Zeit verharren, so daß ihr Leben nahe bei der Hölle, ja in derselben ist, wie Davids Ausdrücke davon lauten. Es ist aber der Mühe werth, ferner zu untersuchen, aus welchen Ursachen solch ein betrübter Zustand entspringt. Dieser Ursachen sind vornehmlich drei: der Geist Gottes, des Menschen Herz und körperliche Beschaffenheit, und der Fürst der Finsterniß. Freilich aus sehr ungleicher Absicht.

 

Was den Geist Gottes als einen Urheber der Finsterniß seiner Kinder anbetrifft, so sagt der Apostel Röm. 8,15. allerdings: ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß ihr euch abermal fürchten müßtet, sondern den kindlichen Geist, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater. Dieser Spruch beweiset aber nicht, daß jemand von der Zeit an, nie wieder von einer knechtischen Furcht vor Gott, als einem erzürnten Richter angefallen werden könne, da er den kindlichen Geist empfangen hat, und daß ihm dies bloß einmal, nämlich zur Zeit seiner Bekehrung begegnen könne. Wenn dieser Geist mit unserm Geiste zeugt, so wissen wir alsdann gewiß, daß wir Gottes Kinder sind. Aber Er kann dies Zeugniß aus weisen Absichten eine Weile einstellen, oder ihm die durchbrechende, überwindende Kraft vorenthalten. Obschon David seinen Sohn Absalom sehr lieb hatte, verbot er ihm doch, ihm unter die Augen zu kommen. Ein Vater kann seinen Sohn wohl vor die Thür setzen, oder ihn gar nachdrücklich züchtigen, ohne doch aufzuhören, ihn zu lieben. Gott kann Jemand sein Begnadigungs-Patent wohl wieder abhängig machen, und es, wie dort das Tuch, das Petro gezeigt wurde, in den Himmel zurückziehen, um es daselbst aufzubewahren, ohne daß es mehr in den Gefächern des Gewissens empfunden wird, wenn es gleich in seiner vollen Gültigkeit bleibt. Was wird der Verkläger der Brüder, der sie sogar des Tags verklagt, nicht des Nachts wagen, und die Seele mit falschen Zeugnissen ängsten, indem unser eigen Herz uns mit verdammt, zumal, wenn der heil. Geist dabei schweigt, oder so leise zeugt, daß es in diesem Tumult nicht vernommen wird.

 

Ja, das nicht nur, sondern er kann auch der Seele, Gott, als mit seinem Kinde zürnend, vorstellen, indem er nicht nur seine Liebe verbirgt, sondern auch seinen Unwillen fühlen läßt, nicht bloß durch äußerliches Kreuz, sondern auch innerlich. Jes. 57. heißt es nicht bloß: ich war zornig und verbarg mich, sondern auch, ich zürnete und schlug sie, obschon gleich vorher gesagt wird: ich will nicht immerdar hadern, und nicht ewiglich zürnen. Der heil. Geist kann Gottes Kindern einen unmittelbaren Eindruck und eine Empfindung seiner Heiligkeit und seines majestätischen Unwillens geben, und es wie glühende Tropfen auf ihr Gewissen fallen lassen. Die Pfeile des Allmächtigen können, wie Hiob redet, also in einem Begnadigten stecken, daß derselben Grimm ihren Geist auskauft, daß die Schrecknisse Gottes auf sie gerichtet sind. Irdische Väter züchtigen ihre Kinder, indem sie deren Leiber hauen, der Vater der Geister aber geisselt den inwendigen Menschen. Und das gibt Schmerz. Sein Wort ist lebendig und kräftig, und durchdringet, bis das es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Doch indem er also stäupet mit unbarmherziger Staupe, zeiget er dabei keineswegs, daß dies ein ewiger Zorn sei, sondern bloß eine zeitliche Ungnade, ein Verbergen des Angesichts in einem Augenblick des Zorns, wogegen er sich mit ewiger Gnade erbarmen will. Jes. 54,8. Es ist eine väterliche Unminne, nicht ein richterlicher Zorn, es ist auf’s Bessern, nicht auf’s Verderben abgesehen, wiewohl die Seele, obschon noch die Hoffnung leise glimmt, dies unter solchen bestürztmachenden Umständen nicht wohl zu unterscheiden vermag, und das ungläubige Herz die desparatesten Schlüsse daraus folgert, zweifelhaft fragt: will Gott fortan keine Gnade mehr erweisen? –

 

Jedoch kann der heil. Geist fortfahren, die Seele sogar mit dem ewigen Zorn zu bedräuen, besonders wenn sie den Herrn mit Sünden und einen leichtsinnigen Wandel beleidigt, und noch wohl gar trotzig und unhandelbar dabei geworden ist, und sich nicht sagen läßt. Damit sie nicht auf diesem Wege fortgehe, sucht der Hirte sie mit dem Stab Wehe heim, und insinuirt ihr Drohungen, wie die sind: so ihr nach dem Fleische lebet, werdet ihr sterben müssen, so ihr aber durch den Geist des Fleisches Geschäfte tödtet, so werdet ihr leben. So wir muthwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntniß der Wahrheit empfangen haben, haben wir forthin kein anderes Opfer mehr für die Sünde, sondern ein schreckliches Warten des Gerichts und des Feuereifers, der die Widerwärtigen verzähren wird. Dahin gehören auch die warnenden Exempel derer, welche um ihrer beharrlichen Sünden willen, von Gott verworfen wurden – das ganze jüdische Volk – Esau – in ihrem Maaße sogar Miriam, Moses, Aaron – wie der Apostel die Hebräer und Korinther, obschon sie Gläubige waren, darauf verweiset. Wenn aber die Seele in ihrer Angst denkt: also wird dir’s auch gehen, so ist das nicht gründlich geurtheilt, und folgt noch nicht daraus.

 

Seht! so sieht’s in Harada aus, und sehet daselbst Israel gelagert in der Nähe von Mizraim, dem Landes des Beängstigers, in der Nähe, und in gerader Richtung auf das Land des verfluchten Hams, als sollte es gar hinein. Doch sehe ich keine Mühe in Jacob und keine Arbeit in Israel. Wohl dir, Israel, du hast es dennoch gut, und bist selig auch mitten in Harada, mitten in der Angst. Bald schwenkt es sich wieder. Endlich wirst du aus der Angst und dem Gericht genommen, und wer will dann deines Lebens Länge ausreden!

 

Hilf uns, Herr, wie wir’s uns zu dir versehen, damit wir dich loben. Amen.

 

 

Sechs und dreißigste Predigt.

 

Zwanzigste Lagerstätte: Harada. (Schluß.)

4. Buch Mosis 33,23.

 

Laßt uns noch eine Weile in Harada zubringen und uns in den finstern Klüften desselben umsehen. Wir erblicken Personen, die den Herrn fürchten, und der Stimme seines Knechts gehorchen, aber so im Finstern wandeln, daß es ihnen nicht scheinet. Wir haben Eine Ursache dieses Zustandes angegeben. Laßt uns auch eine zweite und dritte betrachten, und diese ist theils der Mensch selbst, theils der Satan. –

 

Eine Quelle der Finsterniß ist die Natur der Menschen. Es gibt körperliche Beschwerden, welche zugleich das Gemüth angreifen durch allerlei Beklemmung, Aengstlichkeit und beschwerliche Gefühle, die sie erzeugen. Die Hemmung des ordentlichen Umlaufs der Säfte kann schreckliche Beängstigungen erzeugen, welche aufhören, sobald die gestörte Ordnung wieder hergestellt ist, mit welcher eine ganze Reihe finsterer Vorstellungen verschwindet. Diese Leidende werden mehrentheils als eingebildete Kranke angesehen und behandelt, zumal da sie selbst nicht recht sagen können, was, und wo es ihnen fehlt, verdienen aber ein großes und zartes Mitleiden. Sie sind übel genug dran, daß ihnen fast nie eine Freude blüht, und sich alles vor ihren Blicken in düstere Schleier hüllt, so, daß sie – sonst die Heitersten – letzt die Grämlichsten sind. Wie hart ist es vollends, wenn man ihnen sogar aus ihren Leiden eine Vorwurf macht, und von ihnen Dinge gebieterisch fordert, die nicht in ihrer Macht stehen. Dieses Leiden findet sich nicht ausschließlich bei Bekehrten, sondern auch bei Unbekehrten. Von den Letztern reden wir hier nicht, sondern nur von solchen, die den Herrn fürchten, und der Stimme seines Knechts gehorchen. Sind unter ihnen solche, die im Finstern wandeln, und denen es nicht scheint: so kann ein großer Theil ihrer Leiden, eben in der übeln, allerlei Beängstigungen erzeugenden Beschaffenheit ihres Körpers seinen Grund haben, und würde mit dieser aufhören. Nicht ohne Ursache heißt dieser Leib, ein Leib des Todes, ein Leib der Demüthigung, eine Hütte, in welcher wir beschwert sind und seufzen. Gewiß aber gibts auch unter den Gläubigen Manchen, der auf dieser geheimen Folterband liegt, und selten eine fröhliche Stunde hat. Doch fällt kein Haar von seinem Haupte, ohne den Willen des Vaters im Himmel. Auch dies geheime Leiden muß zu seinem Besten dienen. Die Uebung ist schwer, aber wichtig. –

 

Aber es ist nicht zu verwundern, daß unser eigenes Herz die Finsterniß und Angst vergrößert, wenn der Herr sein Angesicht verbirgt, und sich nichts gutes, sondern vielmehr das ärgste, zu ihm versieht, weil wir als Geschöpfe so schwach sind. Ist meine Kraft denn ehern? fragte Hiob, und meine Stärke von Stahl? Bin ich denn ein Meer oder ein Wallfisch, daß du mich so verwahrest? Von der Nähe des Herrn hängt, wie unser Dasein, so unser Trost ab, und verbirgt Er sein Angesicht nur ein wenig, so sind wir geneigt, uns zu entsetzen. David sagt von allen Geschöpfen, Ps. 104: verbirgst Du Dein Angesicht, so erschrecken sie, und wenn Du Deine Hand aufthust, werden sie mit Gut gesegnet. Sein eigner Sohn erschrack unter solchen Umständen, und der ganze Himmel würde es thun, wie vielmehr der Mensch, diese Hand voll Staub! Aber wir sind nicht bloß schwach, weil wir Geschöpfe, sondern weil wir sündige Creaturen sind, es wohnt von Natur Finsterniß in uns, ja, wir sind vor unserer Wiedergeburt nichts als Finsterniß, Ephes. 5,9. Der Apostel vergleicht 2 Cor. 4 diesen unsern natürlichen Zustand, mit demjenigen der Erde, im Anfang der Schöpfung, wo sie wüst und leer war, und Finsterniß auf der Tiefe lagerte. So wie Gott nun im Natürlichen aus derselben das Licht hervorleuchten ließ, so hat er einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben. Und diesen hellen Schein behalten wir nur so lange, als Gott fortfährt, ihn in uns leuchten zu lassen. Entzieht er uns den Zufluß seines Trostes, schiebt er die Vorhänge zu, daß die Strahlen des Lichts nicht helle in die dunkeln Kammern unserer Herzen fallen: so kehren sie zu ihrer natürlichen Finsterniß zurück, aus deren Schooß mancherlei Qual, wie ein Rauch emporsteigt, und die Oberfläche der innern Welt umhüllet. – Ist das Herz verfinstert, so wird es auch in seinem Tichten eitel, wie Paulus Röm. 1,21. von den Heiden sagt, und so erhebt sich eine Menge verkehrter Urtheile über Gott, seine Wege und den eigenen Seelenzustand. Statt davon nach dem göttlichen Worte zu urtheilen, das uns auch Züchtigungen als Liebeszeichen ansehn, und die Trübsal von einer Seite kennen lehrt, wo sie als höchst vortheilhaft erscheint, und Anlaß zum Rühmen gibt, - das uns zum Herrn weiset, und uns ermuntert, auf den Namen des Herrn zu hoffen, und uns zu verlassen auf unsern Gott, wenn wir im Finstern wandeln: läßt es einer Menge eigner Gedanken Raum und urtheilt nach der Empfindung und nach den Eingebungen der Vernunft, und nicht nach dem untrüglichen Wort, dem wir festiglich glauben sollten, und darin den Faden finden, der uns durch die verschlungensten Irrgänge leitet. Deswegen unterstand sich Gideon gegen das Wort des Engels, der zugleich der Herr, der Christus, war: „der Herr ist mit dir,“ die Einwendung zu machen: ist der Herr mit uns, warum ist uns denn solches alles widerfahren? Richt. 6., und fand in den Ereignissen und den Drangsalen des Volks, eine Widerlegung des Wortes des Herrn, statt sein eigenes Urtheil nach demselben zu berichtigen. So rasch und entscheidend verfährt noch manche Seele in ihrem Urtheil, und denkt: unmöglich kann der Herr dir wohlwollen, sonst würde dieses und jenes ganz anders sein, da sie doch ihre Gründe nur aus eignen Gedanken, nicht aus dem göttlichen Worte herleitet, oder wie ein unhaltbares Blatt von jeglichem Winde umgetrieben wird, eben, weil sie keinen Halt am Worte hat. – In welch eine Menge eitler, gehaltloser Gedanken verwickelte sich Assaph im 73. Psalm durch sein vernünftelndes Nachsinnen über seine äußern, unangenehmen Verhältnisse, die er mit der glänzenden Lage gottloser Weltleute vergleicht. Er verirrt sich so weit vom Wege, daß er im 13. Verse gerade heraus sagt: umsonst habe ich mein Herz gereinigt und meine Hände in Unschuld gewaschen – eine Aeußerung, die sehr deutlich beweiset, wie schlecht ihm sein Waschen und Reinigen gelungen, eine Aeußerung, die einen Haufen von Irrthümern und Sünden in sich fasset. – Konnte der liebe Mann in so seichten Wassern keinen Boden finden, so daß er beinahe das ganze Geschlecht der Frommen, als Narren verurtheilt hätte – was würde aus ihm geworden sein, hätte er Wege gehen müssen, wie Hiob, oder sein Freund Heman? Ach, wir sind ohnehin so voll jämmerlichen Mißtrauens und Argwohns gegen den so vertrauenswürdigen Gott. Ereignet sich das Geringste, das dieses zu rechtfertigen scheint: so ist des Argdenkens kein Ende. Heißt es nicht: sollte Gott gesagt haben, so heißt es doch: sollte er’s halten? Heißt es nicht: kann er’s, so heißt es doch, will er’s thun? Zweifelt man nicht an andern, so thut man’s um so mehr an sich selbst, und es wird uns weit leichter, ihm, aller Versicherungen vom Gegentheil ungeachtet, schlimme, als gute Gesinnungen gegen uns zuzuschreiben. Das ist ein großer Theil und eine reiche Quelle unseres Elends. Und wann findet dies angeborne Mißtrauen mehr Nahrung, als wenn die Seele im Finstern wandelt?

 

Aber auch hier haben die Gläubigen keineswegs bloß mit Fleisch und Blut zu streiten, wiewohl schon dieser Streit allein ihre natürlichen Kräfte übersteigt; sondern die listige Anläufe des Teufels und die geistliche Bosheiten unter dem Himmel, kommen nach Ephes. 6. noch hinzu. Was ist stärker, als ein Löwe, was ist fürchterlicher, als ein brüllender Löwe, und so geht er umher, suchend, ob er hie oder da einen erhasche und verschlinge. Muß derjenige, der den Herrn fürchtet, im Finstern wandeln, ohne Licht, steigen jetzt ohnehin dichte Nebelwolken von allerlei Zweifeln und argwöhnischen Gedanken, Anklagen, Verurtheilungen auf: so ersehen sich die bösen Geister dies als den geeignetesten Zeitpunkt, die arme trostlose Seele nun vollends zu Grunde zu richten, und selbst den letzten Funken der Hoffnung auszulöschen, und das Leben zu Boden zu treten, wie David Ps. 143 sagt und klagt. Gleichwie der Satan einst damit begann, den unschuldigen Menschen Mißtrauen gegen Gott einzuflößen: so ist er noch immer besonders darauf bedacht, die Heiligen, mit Zweifeln zu quälen, ob Gott wohl ihr Gott sei – und dies so weit zu treiben, als er nur immer kann, so daß er selbst den Grund des göttlichen Wortes zu erschüttern sucht, und bis zum Dasein Gottes selbst hinaufsteigt. Alle seine sonstige Versuchungen zur Sünde sind gleichsam nur das Anlegen der Mine und das Füllen derselben mit Schießpulver, um zu seiner Zeit alles in die Luft zu sprengen. So versuchte er Petrum, seinen Meister zu verleugnen. Aber dabei wollte er’s nicht bewenden lassen, sondern sein Hauptaugenmerk war auf seinen Glauben gerichtet, und er hoffte, den armen Apostel durch seine schwere Sünde in Verzweiflung zu stürzten. Dies sah Jesus voraus, und verhütete es durch seine Fürbitte, daß sein Glaube nicht aufhören möchte. Auch bei Christo selbst, machte er sich namentlich an den Glauben. Denn Er ist allenthalben versucht worden, gleich wie wir. Nachdem Er bei seiner Taufe seiner göttlichen Sohnschaft auf die nachdrücklichste Weise versichert worden war, kommt der Satan, und sucht ihm dies empfangene Zeugniß zweifelhaft zu machen, ob es nicht wohl leere Täuschung sei, und räth ihm, in dieser seiner großen Noth, da er Hunger leide, eine, durch die dringenden Umstände gerechtfertigte Probe davon zu nehmen, ob er Gottes Sohn sei oder nicht, und dies dadurch zu thun, daß er diesen Steinen befehle, Brod zu werden, welches Jesus nicht hätte thun können, ohne aus dem Glauben zu fallen, welches eben des Satans Absicht war. – Er ist vorzugsweise ein Feind des Glaubens, welcher ja die Wurzel des ganzen geistlichen Lebens ist. Der Glaube ist der Schild, womit die feurigen Pfeile des Bösewichts ausgelöscht werden, sollte er denselben der Seele nicht zu entwinden suchen? Durch den Glauben geschieht ihm der Widerstand, welcher ihn zur Flucht nöthigt. Gleichwie der Glaube vorzugsweise Gottes Werk genannt wird: so ist die Verzweiflung die Vollendung der Werke des Satans. Wohl hatte deshalb Paulus Ursache, besondere Boten an die Thessalonicher zu senden, um zu erfahren ihren Glauben, ob sie nicht vielleicht der Versucher hätte, 1. Thess. 3,5. Er widersetzt sich allen Wirkungen des heil. Geistes und sucht sowohl seinen Trost, als die Erquickung, welche die Seele aus der Wahrnehmung seiner Wirkungen und Früchte schöpft, besonders dadurch zu hintertreiben, daß er alles, was in ihnen vorgeht, für Schein und Einbildung ausschreit, und ihnen allen Antheil an Gott zweifelhaft macht. – Wir sind Finsterniß von Natur, und er ist der Fürst derselben. Was für Aufregungen muß es geben, wenn er Erlaubniß erhält, sich dahinter herzumachen. Wie gings Paulo, als des Satans Engel Macht bekam, ihm mit Fäusten ins Angesicht zu schlagen! Wie winselt, wie betet er! Wie gings vollends dem Hiob, als Gott zum Satan sprach: er sei in deiner Hand, nur schone seines Lebens! Wie er seinen Leib mit bösen Geschwüren, so schlug er seine Seele mit Angst und Schrecken, wie wir mit Entsetzen in dem Buche lesen, das von ihm handelt. –

 

Laßt uns jetzt noch einige Anmerkungen darüber machen, in welchen Fällen der Herr einige von denen, die ihn fürchten, und der Stimme seines Knechts gehorchen, in solche betrübte Umstände kommen läßt daß sie im Finstern wandeln, und es ihnen nicht scheinet? Zuvörderst macht er’s, wie er will, beide mit den Kräften im Himmel und denen, so auf Erden wohnen. Ein merkwürdiges Exempel hievon, ist Hiob, dem Gott selbst das allervortrefflichste Zeugniß gibt, das seines Gleichen im Lande nicht sei, und selber sagt: er habe ihn ohne Ursache verderbet. Hiob hatte zu einer solchen Behandlung keinen Anlaß gegeben. Aber Gott wollte dadurch verherrlicht werden, daß er diesen ausnehmenden Diener Gottes gegen den Satan ins Feld stellte, um mit ihm zu streiten, und ihn zu Schanden zu machen. – Auch kann der Herr jemand also üben, um ihn weise, verständig, stark zu machen. – Anfechtung war, nebst Gebet und Betrachtung, die Lehrmeisterin Luthers, und er pflegte wohl zu sagen: das haben mich meine Anfechtungen gelehrt. Wäre er nicht in seinem Kloster, durch solche Angst geübt, und ihm alle seine Gerechtigkeit und Kraft zerstört worden: er hätte nie den Verstand am Evangelio von der freien Gnade erlangt, den wir an ihm bewundern. Der Verfasser des 88. Psalms war von Jugend auf in dieser Schule der Anfechtung, und bekam solche schwere Aufgaben, das er fast seinen Verstand verlor. Es war aber auch einer von den Vieren, welche Salomo an Weisheit am nächsten kamen, und der Schauer Davids, in den Worten Gottes seine Macht zu erhöhen. 1 Chron. 26,5. – Schwere Anfechtungen pflegen auch manchmal aus ausnehmende Tröstungen zu folgen. Nachdem Paulus in den dritten Himmel entzückt worden war, bekam er Faustschläge vom Satan, und Christus selbst mußte vom Jordan in die Wüste. Zuweilen gehen sie ihnen auch vor her. Wie wir der Trübsal in Christo viel haben, so werden wir auch reichlich getröstet. Gott geht überhaupt nicht mit allen den nämlichen Weg, und macht sich seine Regeln selbst. Manche gerathen zur Zeit ihrer Bekehrung, oder bald nachher in große Finsterniß, Angst und Noth. Ihre Sonne geht gleichsam verfinstert auf, und bleibt es lange. Heman sagt, von Jugend auf, sei er im Elend gewesen, und wir finden nicht, daß er je seine Straße habe mit Freuden ziehen können, wie dort der Kämmerer von Stund an. Andere dagegen genießen, bald nach ihrer Bekehrung, einen ganz ausnehmenden Trost, eine außerordentliche Freudigkeit, und hernach wohl nie, wenigstens nicht in dem Maße wieder, oder werden darauf von einer langwierigen und großen Dürre und Trostlosigkeit überfallen. Einige wahre Kinder Gottes erfahren weder von dem Einen, noch von dem Andern etwas sonderliches. Ihr Weg geht längs sanft hinfließenden Wassern – und sie gleichen ihnen selber – Nathanael Seelen, ohne Falsch. – Einigen verbirgt sich der Herr, und legt sie in Finsterniß und Dunkel, weil und nachdem sie eine Sünde begangen haben, welche – vergleichsweise – nicht einmal sonderlich bedeutend ist, und stäupt sie dafür mit unbarmherziger Staupe, stößt sie weg von sich, als hätte er seine Barmherzigkeit vor großem Zorn verschlossen, und wollte fortan keine Gnade mehr erweisen. Fast, wie Esau, suchen sie vergebens Raum zur Buße mit Thränen. Einige werden nie ausnehmender getröstet, als nach einem erkannten und bereuten Fehltritt, wie Petrus. Und so gibt’s der regellosen Fälle noch weit mehrere, und ihre Zahl kann um so größer sein, da die Tröstungen nicht zum Wesen des Christenthums hienieden gehören, sondern nur seinen Wohlstand ausmachen, also da sein und auch mangeln können. Daher kann ein hochbegnadigter Paulus als ein Fluch, Fegopfer und Geringster dastehen, während die mangelhaften Corinther herrschen wie Könige. Jedoch pflegt diese Finsterniß ein Kind Gottes zu überfallen, wenn es in irgend eine grobe Sünde fällt, und sich selbst dadurch gleichsam ein Bein verreckt und Andern zum Anstoß wird, wenn es gar im Ganzen einen trägen, weltförmigen, irdischen und leichtsinnigen Lebenswandel führt, wenn es sich sogar leichtfertig darüber hinwegmacht, sich nicht will zurechtweisen, bestrafen lassen – dann fährt Gott am Ende desto schärfer zu, und handelt dem gemäß, was er im 50. Ps. sagt: das thust du und ich schweige, aber ich will dich strafen, und will dir’s unter die Augen stellen. Er kann unartige Seelen, die sich nicht wollen sagen lassen, in einen innerlichen Bann thun, wo sie weder Licht noch Trost, weder Kraft noch Muth behalten, er kann sie schelten und schlagen und mit ihnen zürnen, als wolle er in Ewigkeit nichts mehr von ihnen wissen, er kann sie an den Satan übergeben, und sie in einen finstern Kerker werfen, und ihnen noch obendrein sagen lassen: es ist deiner Bosheit Schuld, daß du so gestäupet wirst, und du sollst es erfahren, was für Herzeleid es bringt, wider den Herrn, seinen Gott zu sündigen, und was es sei, wenn er die Hand abzieht. Dann findet sich’s schon von selbst, daß man fleißig wird, um Buße zu thun. – Finsterniß pflegt ein Kind Gottes zu überfallen, wegen fleischlichen Vertrauens, wie geistlich es auch scheinen mag. Gerathen wir auf die Gedanken, unser Trost und unsere Gnadengabe sei so fest in uns gewurzelt, und wir hätten sie gleichsam so von dem Herrn weg und in Besitz bekommen, daß wir nun selbst damit schalten könnten, und Gott wegen der Unterhaltung, Vermehrung und Uebung derselben vorbeigehen; dann entzieht er gemeiniglich dieses Licht, damit wir lernen, uns zu der eigentlichen Quelle zu halten, und uns nichts als das Unsrige anzumaßen. War Petri Vertrauen auf die Kraft seiner Anhänglichkeit an Jesum die Ursache, warum Jesus ihn an die Macht der Sünde übergab, so kann auch ein ungedemüthigtes Vertrauen auf die Kraft der Gnade, ein Anlaß sein, daß Gott uns übergibt an die Schuld der Sünde und die Schrecken derselben. Sei nirgend stolz, erhebe dich nicht, sondern sei demüthig und halte dich herunter zu den Niedrigen, damit dich Gott nicht also zurichte, daß du eher ein Wurm seist, als ein Mensch. Betrübe den heiligen Geist nicht, dämpfe ihn nicht, er wird dich anders wieder dämpfen und betrüben. Ihn laß deine Furcht und Schrecken sein, auch ehe du zu Harada einquartirt wirst. –

 

Nun zum Schluß noch einige Bemerkungen über die Zwecke und Absichten, warum Gott einige seiner Kinder in solche betrübte Umstände kommen läßt. Sie sind ein kräftiges Mittel, den Menschen zu demüthigen. In dieser Schule wird man klein, wie Petrus davon einen Beweis liefert, da vergeht aller eigene Ruhm. Man darf sich keiner natürlichen, noch geistlichen Gaben rühmen, sondern gleich einem leeren Gefäß, in welches alles gelegt werden muß, ist wie ein zerbrochenes Gefäß, das sich selbst nicht an einander halten kann. Da vergeht alles Selbstvertrauen und alle Hülfe stehet da und ist zusammengefaßt in dem Namen des Herrn, der Himmel und Erde geschaffen hat. Man sieht sich genöthigt, lediglich auf Gott und zwar auf einen Gott zu hoffen, welcher die Todten lebendig, welcher die Gottlosen gerecht macht, und der dem rufet, das nicht ist, daß es sei. Man verliert sein eigenes Leben, damit Christus unser Leben und Alles sei. Ja, in dieser theuern Schule, wo man sein Alles zum Schulgeld darlegen muß, wird man für alles verdorben, was nicht die lautere Milch des Evangelii ist. Gott wird allein weise, allein groß, allein heilig, er wird es gar und allein. Und ist das nicht ein wichtiger, ist das nicht der letzte und höchste Zweck Gottes? – Ferner. Diese innere Leiden beabsichtigen eine Gleichförmigkeit zwischen der Seele und Christo. Gibt es ein Leiden um Christi willen: so gibt es auch ein Leiden Christi, und nicht selten macht Er die Seinigen beider theilhaftig – von Außen Streit, von Innen Furcht, wovon auch Christi Seele überfallen wurde, weswegen von ihm gesagt wird, er sei von der Furcht erhört worden, Hebr. 5,7. Seine Seele war betrübt bis in den Tod, und was für ein Angstgeschrei erhub er am Kreuz! Hat nun Christus äußerlich und innerlich gelitten, so werden auch einige berufen, sich mit der nemlichen Taufe taufen lassen, und aus demselben Kelch trinken zu müssen. Die Ehre ist groß. So lernt man auch in etwa verstehn, was Christus für uns gelitten hat, und wir sollen mit zur Herrlichkeit erhoben werden, so wir anders mitleiden. Letzteres ist ein Unterpfand des erstern, und die Herrlichkeit wird so viel größer sein, je tiefere Leiden ihr vorhergingen. Getrost denn! – Du sollst auch den großen Unterschied zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen der Wüste und Canaan, zwischen Erde und Himmel machen, und dich schicken lernen. Du begehrst große Dinge, begehre sie nicht. Du wohnest aus von dem Herrn und in der Fremde. 2. Cor. 5,7. Du mußt seine Gegenwart entbehren. Obschon er nach der Wahrheit bei uns ist alle Tage, bis an der Welt Ende, so ist er’s doch nicht immer nach dem Genuß, sondern im Glauben. Hier ist die Zeit noch nicht, satt zu werden von seiner Gestalt – und ihn von Angesicht zu sehen. Erleide hier die verdunkelnden Wolken, dort sind keine mehr. Erleide die Abwechselung von Tag und Nacht, denn es dauert nicht lange, so ist keine Nacht mehr! – Dies widerfährt dir, dich in dem geduldigen Warten zu üben. Denn Geduld ist auch noth, auf daß ihr den Willen Gottes thut und die Verheißung empfahet, und ob er verzeucht, so harre sein, denn er wird gewißlich kommen und nicht verziehen. Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Habt ihr denn nicht gehört von der Geduld Hiobs, ja, wer hat größere Geduld bewiesen, als der Herr selbst? Heißet nicht Gott selbst, ein Gott der Geduld, und wie ist die Kirche von jeher im Harren geübt worden! Welch ein langer Zeitraum verfloß, von dem Ausruf unserer Mutter Eva: „ich habe den Mann, den Herrn!“ bis zu der Botschaft der Engel: euch ist heute der Heiland geboren. Was geschah in diesem, 40 Jahrhunderte langen Zeitraum nicht alles, was das Ziel nicht näher zu rücken, sondern ganz zu verkehren schien! Und du wollest dich nicht zur Geduld anschicken, und dich so verhalten, als ob die vielfachen Aufforderungen zum Harren nicht auch für dich daständen? Das wird dir nicht gelingen. Das Haupt sollte unter der Geißel bluten, und du wolltest ein Glied an demselben sein, und ganz verschont bleiben? - Diese Wege lehren uns, einen ungemein hohen Werth auf Gott, seinen Beistand, Gnade und Trost zu setzen. Es geht im Natürlichen so, daß Entbehrungen erst auf den Werth der Dinge aufmerksam machen, die man außerdem wenig beachtet. Die Gesundheit, ein schmerzloser Zustand, wird von denen nicht hoch angeschlagen, die ihn fortwährend genießen, sondern die schätzen ihn hoch, welche ihn entbehren. Eine satte Seele zertritt wohl Honigseim, aber einer hungrigen Seele, ist auch das Bittere süß, sagt Salomo. Und so findets sich auch im Gnadenreich. O wie schätzbar werden Brosamen, die von des Herrn Tische fallen, solchen Seelen, die sich zu den Hündlein rechnen müssen. Es kann Jemand wohl so arm sein, daß er einen Pfennig mit Danksagung empfängt, und so elend, daß schon ein Schimmer der Hoffnung erquickt. Gott will, wir sollen jedes Gnadenbröcklein gar hoch, und uns dessen für ganz unwürdig achten, und dies lernen wir auf ungemächlichen Wegen. Er kann uns in den Koth tunken, uns eine Zeitlang allein lassen, daß wir inne werden müssen, was wir sind, können, wissen, haben, und so klein werden, wie ein Wurm. – Da lernen wir aus der Tiefe der Noth zu Gott schreien. – Und die Leidenswege sind auch rechte Schulen und Uebungen des Gebets. Es ist wahr, in den dunkeln Wegen scheint auch der Geist des Gebets von der armen Seele gewichen zu sein; aber es scheint nur so. Mag die gepreßte Seele auch nur selten in einem ausführlichen Flehen Luft schöpfen, und ihr anliegen vor Gott kund werden lassen können, so daß es ihr nach dem Ausdrucke Davids ist, wie ein Mord in den Beinen, so sind der unaussprechlichen Seufzer desto mehr. Obschon Moses am rothen Meer kein Wort sprach, sagte doch der Herr zu ihm: was schreiest du zu mir? Wie einem Mutterherzen jeder Blick, ja jeder schwere Athemzug, eine vernehmliche Rede ist, so dem, der sich auch über ein Mutterherz erhebt, jedes Stöhnen bedrängter Seelen. – Wie mitleidig werden auch diejenigen, mit anderer Seelen Bedrängnissen, welche selbst in diesem Mörser zerstampft worden sind, wie ja unser Herr selbst eben durch seine Leiden zu einem mitleidigen Hohenpriester geworden ist, welcher Mitleiden haben kann mit unserer Schwachheit. Eben darum waren Hiobs Freunde so hart, weil sie nie in Leiden gewesen. Gesunde wissen nicht, wie Kranken, und wer nie gedarbt hat, wie armen Leuten zu Muth ist. Gott will aber, daß wir auch herzliches Erbarmen anziehen sollen, und lehrt es durch eigene Erfahrung. – Endlich bemerken wir noch, daß sich der Herr durch diese Bande, Schlachtung und Flammen ein desto schöneres und vollständigeres Lobopfer bereitet. Sieht er das Elend seiner Magd, seines Knechts an, wie er bei Maria that: so erhebet ihre Seele den Herrn auf eine sonderliche Weise. Der Weihrauch muß erst auf der Glut zerschmelzen, dann dampft er wohlriechend empor. Nie ist der Dank inniger, nie ehrfurchtsvoller, heiliger und seliger, als wenn er aus einem ganz zerknirschten und zerbrochenen Herzen, das nun wieder von dem Herrn getröstet wird, hinaufwallet. Das ist dann ein überflüssiger Lohn. Und endlich werden die, welche aus großen Trübsalen kommen, erfahren, daß ihre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schaffet eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit. –

 

So seid denn geduldig, lieben Brüder, und weinet das euch bestimmte Maaß voll. Wer ist unter euch, der den Herrn fürchtet und der Stimme seines Knechts gehorchet, der im Finstern wandelt, und scheinet ihm nicht, der lasse sich dadurch nicht abschrecken, sondern vielmehr anspornen, zu hoffen auf den Namen des Herrn und sich zu verlassen auf seinen Gott. Das ist nichts Geringes, sondern etwas Großes, das alle Kräfte der Natur übersteigt. Aber auch in dieser Finsterniß wohnt der Herr, und ist nahe, obschon er fern zu sein scheint. Wie finster sich auch alles gestaltet: so ist’s doch gar nicht nöthig, oder räthlich, daß ihr euch dem Unglauben überlaßt. Kämpfet vielmehr dagegen aus aller Macht. Sagt mit Hiob: wenn er mich tödten wollte, sollte ich nicht auf ihn hoffen? Entschließt euch mit Assaph und sprecht: dennoch bleibe ich stets an dir, und glaubt mit Abraham auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen ist. Der Gott, der euch in’s Finstere gelegt hat, wird zur rechten Zeit einen hellen Schein in eure Herzen geben und über die, so im Dunkeln wohnen, wird es helle scheinen. Laß denn leuchten dein Angesicht, so genesen wir. Amen.

 

Quelle:

 

Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan In Beziehung auf die innern Führungen der Gläubigen, beleuchtet in einer Reihe von Frühpredigten von G. D. Krummacher, reformirtem Prediger in Elberfeld. Erstes Heft. Zweite Auflage. Elberfeld. Hassel’sche Buchhandlung. 1832.

 

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