Habe ich eigentlich den Heiligen Geist?

von Helmut Matthies

 

PFINGSTEN Am kommenden Wochenende feiert die weltweite Christenheit den „Sonntag des Heiligen Geistes“: Pfingsten. Das aus dem Griechischen stammende Wort leitet sich ab von „Pentekoste“, auf Deutsch 50. Seit dem 4. Jahrhundert wird Pfingsten sieben Wochen nach Ostern – der Auferstehung Jesu – begangen. Ein Beitrag von idea-Leiter Helmut Matthies (Wetzlar).

 

Was geschah eigentlich vor 2000 Jahren? Pfingsten kam der Heilige Geist über etwa 120 Nachfolger Jesu, was der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte 2, 1–18 spannend beschrieben hat: „Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an, zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen …“ Wer Gottesdienste an Pfingsten besucht, wird dort vermutlich nur wenige begeisterte Gesichter sehen. Vor 2.000 Jahren ging dagegen, wie man in der jüngeren Generation sagt, „die Post ab“. Manche Christen mögen sich fragen: Warum passiert das eigentlich heute nicht? Warum geschieht es nicht wenigstens einmal in meiner Gemeinde? Ein verständlicher Wunsch!

 

Das schwierigste Fest der Christenheit?

Nach Umfragen können die Bürger mit keinem kirchlichen Fest so wenig anfangen wie mit Pfingsten, obwohl es sich immerhin um den Geburtstag aller Kirchen handelt. Die Geburt Jesu – also Weihnachten zu verstehen, erscheint nicht als Problem. Karfreitag – da denken schon viele: Es ist zwar schade, dass es so endete, aber das ist ja bekannt. Ostern – da wird es schon viel problematischer, denn außer Jesus ist eben keiner auferstanden. Himmelfahrt – das läuft in den Medien nur noch als „Vatertag“. Wenn überhaupt, können das Fest viele nur noch nach dem Motto verstehen „Wo sollte Jesus denn anders hin als in den Himmel?“. Aber Pfingsten – das gilt auch unter Christen als ein schwieriges Fest.

 

Pfingsten und die Pfingst-Bewegung

 Pfingsten ist in der Kirchengeschichte nie groß begangen worden. Das änderte sich erst etwas, als vor mehr als 100 Jahren Pfingsten durch eine Bewegung an Bedeutung gewann, die den Namen des Festes als ihr Charakteristikum übernahm: die Pfingstbewegung. 1906 gab es in der US Metropole Los Angeles eine mehr als drei Jahre anhaltende Erweckung. Sie gilt als Beginn der Pfingstbewegung: Menschen werden ergriffen, außergewöhnliche Heilungen geschehen, verbunden mit Prophetien und Zungenreden. Heute ist die Pfingst- und die ihr verwandte, in den 60er Jahren entstandene charismatische Bewegung nach der katholischen Kirche die zahlenmäßig stärkste christliche Konfession. Zu ihr zählen sich über 600 Millionen Menschen.

 

Die dreigeteilt betende Christenheit

Aber trotz des Aufkommens der Pfingstbewegung wird zumindest im deutschsprachigen Raum das Thema Heiliger Geist meist gemieden. Man kann geradezu die Christenheit so einteilen: Die Liberalen betonen meist Gott, den Vater und den Schöpfer. Für die Pietisten gibt es eigentlich nur Jesus. Viele verstehen gar nicht, warum man da noch den Heiligen Geist braucht. Für die Charismatiker und Pfingstler schließlich ist der Heilige Geist die entscheidende Kraft.

 

Wie erhalte ich den Heiligen Geist?

Laut Neuem Testament hat jeder Christ den Heiligen Geist in sich. Und wie erhalte ich ihn? In der Apostelgeschichte heißt es: „Tut Buße und lasst euch taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden. So werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen“ (Apostelgeschichte 2, 38). Wenn ein Mensch eine Lebenswende vollzieht, sich also abkehrt von einem gottlosen Leben und hinwendet zu Christus, empfängt er den Heiligen Geist (Römer 8, 9). Es bedarf hier keiner spektakulärer Aktionen. Christen sollten sich deshalb nicht selbstquälerisch die Frage stellen: Habe ich nun den Heiligen Geist oder nicht? Wenn ich mich zu Jesus Christus bekehrt habe, habe ich ihn!

 

Was passiert durch den Heiligen Geist?

Durch ihn erhalte ich eine neue Identität. Ich bin jetzt nicht mehr nur wie alle Menschen ein Geschöpf Gottes, sondern ein Kind Gottes. Im Neuen Testament wird das als Wiedergeburt bezeichnet (Galater 3, 2; Galater 3, 14; Epheser 1, 13). Jesus sagt seinen Jüngern: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein“ (Apostelgeschichte 1, 8). Der Heilige Geist bewirkt also Mitarbeiter in unseren Gemeinden. Denn als Christen sind wir Zeugen dafür, dass Gott existiert. Da ist übrigens mit keinem Wort von zuvor notwendiger theologischer Ausbildung die Rede. Es heißt schlicht: „Ihr werdet sein“. Auch von Erfolg wird da nicht gesprochen. Jesus sagt nicht: werdet Christenmacher“, sondern etwa so: „Werdet Zeugen, sprecht von mir! Der Heilige Geist kann dann etwas daraus machen.“ Er ist es, der zum Glauben führt – nicht unsere Predigt, unser missionarisches Gespräch usw. Auch nicht unsere Gemeinde. Das ist erst einmal eine große Entlastung für uns. Nach evangelistischen Veranstaltungen sagen Mitarbeiter oft enttäuscht: „Es ist niemand Christ geworden!“. Das klingt wie eine Selbstanklage nach dem Motto: „Was haben wir wohl falsch gemacht?“. Vermutlich nichts. Denn niemand ist imstande zu bekennen: „Jesus ist der Herr!“ – außer durch den Heiligen Geist (1. Korinther 12, 3, Johannes 3, 27).

 

Der Heilige Geist erklärt die Bibel

Es ist auch der Heilige Geist, der mir das Wort Gottes erklärt. Ohne den Heiligen Geist könnte ich zwar viel Wissen über die Bibel zusammentragen, aber ich würde oft nicht verstehen, was Gott mir damit sagen will. Manche Christen wundern sich, dass Nichtchristen einfach nicht erkennen wollen, dass sie Sünder sind, obwohl sie es ihnen doch manchmal massiv vorgehalten haben. Doch auch diese Erkenntnis muss jedem der Heilige Geist deutlich machen: Es gibt etwas, was mich von Gott trennt.

 

Die christliche Botschaft ist unbegreiflich

Christen denken oft, ihre Botschaft sei so einleuchtend, dass sie eigentlich jeder schnell kapieren müsste. Doch das können wir nur deshalb sagen, weil wir schon mit Gott Erfahrungen gemacht haben. Tatsächlich aber ist unsere Botschaft für Heiden logisch nicht erklärbar. Wer kann schon begreifen, dass Gottes Sohn für unsere Schuld am Kreuz elendiglich sterben musste? Deshalb schreibt ja Paulus: „Das Wort vom Kreuz ist für Heiden eine Torheit“ (1. Korinther 1, 18). Das im Griechischen hier gebrauchte Wort kann auf Deutsch auch heißen: einfältig oder dumm. Es klingt hart, aber es stimmt: Das, was wir vertreten, klingt für Nichtchristen einfältig oder dumm. Unsere Botschaft stößt deshalb oft auf Unverständnis, ja Ablehnung. Nur der Heilige Geist kann eben die Herzen unserer Mitmenschen für das Evangelium öffnen. Wir aber können sie dafür durch unsere Worte und unser ganzes Leben „erwärmen“!

 

Wie wird man „voll“ des Heiligen Geistes?

Reicht nun für unsere Aufgaben als Christen der Heilige Geist, den wir bei unserer Entscheidung für Christus bekommen haben? Es scheint ja ein „Mehr“ zu geben. Denn Paulus schreibt: „Lasst euch vom Geist erfüllen!“ (Epheser 5, 18). Wie aber werde ich denn noch mehr vom Geist erfüllt? Durch intensives Gebet! Das zeigen die Berichte der Apostelgeschichte. Und die Auswirkungen werden auch geschildert. Der zuvor feige Petrus stellt sich nach Gebet öffentlich auf den Marktplatz von Jerusalem und bezeugt seinen Glauben. Eine andere Möglichkeit ist, Buße zu tun, wovon die Offenbarung des Johannes (3, 19) berichtet.

 

Eine Wirkung des Geistes

Damit wir als Christen unseren Glauben bestmöglich leben können, will der Heilige Geist aus Einzelkämpfern eine Mannschaft – beispielsweise ein Mitarbeiterteam in einer Gemeinde – machen. Anders ausgedrückt: Gottes Geist kann aus einer Handvoll Schrauben und ein paar Brettern ein stabiles Regal machen. Bleibt es bei Schrauben und ein paar Brettern, liegt es manchmal daran, dass wir uns über einzelne Aspekte des Heiligen Geistes zerstreiten.

 

Und wie ist es mit der sogenannten „Geistestaufe“?

Brauche ich nun die sogenannte Geistestaufe, also ein zweites Erlebnis nach der Bekehrung? Benötige – wie es in vielen Pfingstkreisen gefordert wird – ich sie, um erfüllt zu werden mit dem Geist Gottes? Die Antwort kann nur lauten: „Ich brauche nicht nur ein zweites Erlebnis, sondern viele, denn ich muss immer wieder neu erfüllt werden mit Gottes Geist.“ Darum muss ich jeden Tag bitten. Deshalb lautet eines der ältesten Gebete der Christenheit: „Komm, Heiliger Geist, erfüll’ die Herzen deiner Gläubigen!“.

 

Und das heiße Thema „Zungenrede“?

Ein weiteres Streitthema ist die „Zungenrede“ – das Reden in fremden Sprachen. Es ist im Neuen Testament kein zentrales Thema. Die Glossolalie – wie die Zungenrede genauer bezeichnet wird – wurde in einer neutestamentlichen Gemeinde geübt, in anderen nicht. Sie ist also keineswegs ein Muss. Wer sie hat, soll sich freuen – wer sie nicht hat, darf ebenfalls fröhlich sein. Kann man den Heiligen Geist auch verlieren? Kann man nun den Heiligen Geist auch verlieren? Viele Christen vertreten ja die Meinung: „Einmal gerettet – immer gerettet!“. Zunächst: Jesus verheißt, dass niemand seine Leute aus seiner Hand reißen kann. Aber nur, wenn wir das auch wollen! Denn es gibt Gottes Kinder, die wollen nicht mehr Gottes Kinder sein. Und hier findet sich ja das harte Wort von der Lästerung gegen den Heiligen Geist, die nicht vergeben werden kann (Matthäus 12,31– 32). Es ist die Sünde, dass ich mich bewusst gegen Gott entscheide, obwohl ich ihn bereits erfahren habe. Nicht irgendein Versagen, keine Einzelsünde vermag uns also von Gott zu trennen, sondern nur ein Widerstand gegen Gott an sich!

 

Pfingsten gibt es nichts weniger als Dynamit

Es gibt kein größeres Geschenk als den Heiligen Geist. Er ist die „Kraft aus der Höhe“, im Griechischen dynamis. Davon kommt auch das Wort Dynamit. Und ein kleines Quantum Dynamit kann Felsen sprengen. Je mehr wir uns in die Nähe Gottes begeben (Jakobus 4,8), desto mehr werden wir auch die Kraft aus der Höhe erleben. Und deshalb dürfen wir uns an Pfingsten in besonderer Weise freuen, weil wir wissen dürfen: Der Heilige Geist ist stärker als alle anderen Geister dieser Welt, die uns bedrängen – stärker als jeder Zeitgeist.

 

Helmut Matthies


Erschienen am: 11.05.2016 (idea spektrum)