Werteerziehung – ausgehend vom Gebot, Vater und Mutter zu ehren (5. Mose 5, 16)

 

Prof. Dr. Jacob Thiessen

 

Gliederung:

1. Allgemeine Trends und die gegenwärtige Wertekrise

2. Die biblische Grundlage für die Vermittlung von Werten

3. Wie können wir praktisch biblische Werte vermitteln?

 

Einleitung

In vielen Gesellschaften gibt es heute einen neuen Ruf nach Werten, und zwar nicht nur unter den alten, sondern auch unter den jungen Leuten. Daran allein schon erkennen wir, dass die Werte in einer Krise stecken. Doch in diesem neuen Suchen nach Werten stellen sich uns manche Fragen. Warum steckt die Welt und warum stecken selbst die christlichen Gemeinden heute in dieser Krise? Wie kommen wir daraus bzw. wie werden wir davor geschützt? Welches sind Werte, für die es sich zu leben lohnt? Woran messen wir unsere Werte? Und wie vermitteln wir Werte an unsere Kinder und Jugendliche?

All das sind Fragen, auf die wir heute klare Antworten brauchen. Wir brauchen Werte, die für alle verbindlich sind. Vor allem hat die christliche Gemeinde keine Überlebungschance, wenn sie keine allgemein verbindlichen Werte mehr vermittelt. Bei der Vermittlung dieser Werte spielen die Eltern eine entscheidende Rolle, aber auch die Gemeindearbeiter, und vor allem sicher die Kinder- und Jungendarbeiter der Gemeinde.

 

1. Allgemeine Trends und die gegenwärtige Wertekrise

Über viele Jahrhunderte ging der westliche Mensch davon aus, dass es eine verbindliche Wahrheit und damit auch verbindliche Werte für alle Menschen gibt. Viele Menschen, allen voran überzeugte Christen, sind für diese Werte und für diese Wahrheit in den Tod gegangen.

Doch in der Postmoderne ist der Mensch müde vom Kampf um die Wahrheit. Man geht davon aus, dass jede Überzeugung irgendwie wahr ist. Doch wenn alles wahr ist, dann gibt es die Wahrheit nicht mehr bzw. dann ist nichts mehr wahr. Man spricht in dieser Hinsicht heute vom „Pluralismus“. In einer pluralistischen Gesellschaft lässt man sich gegenseitig stehen, auch in seinen religiösen und ethischen Überzeugungen. Man spricht von Toleranz und meint, auf diese Weise eine heile Gesellschaft zu schaffen. Doch in Wirklichkeit steckt dahinter ein totaler Relativismus, der davon ausgeht, dass es die Wahrheit nicht gibt, sondern dass alles relativ, d. h. für mich wahr ist.[1] In Wirklichkeit bringt der Pluralismus zum Ausdruck, dass man keine Überzeugungen mehr hat, für die es sich einzutreten bzw. zu kämpfen lohnt. Eine Folge des Pluralismus ist auch ein religiöser Pluralismus, und aus „dem religiösen Meinungspluralismus entstehen ‚Meinungschristen’ ohne Überzeugungen“.[2] Die Folge davon ist ein unverbindlicher Glaube, der nicht mehr das Leben entscheidend prägt; d. h. in der Kirche wird zwar die Bibel gelehrt, aber das alltägliche Leben hat damit nicht viel gemeinsam.

Parallel zum Pluralismus prägt ein bezeichnender Individualismus die postmoderne Gesellschaft. Man lässt den anderen nicht nur stehen; jeder bestimmt für sich, was für ihn „richtig“ ist. Der Mensch, und zwar der Einzelne wird zum Maß aller Dinge. Er bestimmt, was richtig und falsch, gut und böse ist.[3] Der Einzelne sucht seine uneingeschränkte Freiheit. Er möchte das Leben voll genießen. Diese Gesinnung prägt auch mehr und mehr die christlichen Gemeinden und Jugendgruppen. Pragmatismus (was „funktioniert“) und Utilitarismus (was „nützt“) prägen das Gemeindeleben.[4]

Man meint, auf diese Art und Weise ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Jeder möchte das Leben in seinen vollen Zügen genießen. Jeder ist in erster Linie auf sein Glück bedacht. Man sucht das Glück „auf tausend Wegen. Es gibt geradezu eine Glücksindustrie, die sich des menschlichen Glücksverlangens bemächtigt und es zu befriedigen sucht: Lotto und Lotterie, die ‚Glücksspirale’ und der ‚Große Preis’, Glücksbriefe und Spielbanken, das große Los und der Supergewinn mit Glücksreisen und Millionengewinnen.“[5] Die Werbungsbranche nützt dieses Glücksstreben des postmodernen Menschen brutal aus, so unmenschlich, dass man stark den Eindruck hat, dass der Mensch, der das Leben „genießen“ möchte, in Wirklichkeit gelebt wird, so dass er zum Sklaven der Trends wird.

Holthaus betont mit Recht: „Was wir heute brauchen, sind verbindliche Normen für alle. Nur so ist ein friedliches Zusammenleben von Menschen überhaupt möglich.“[6] Der Individualismus führt in Wirklichkeit zur Vereinsamung der Menschen, und der Mensch, der nicht gelernt hat, aus Rücksicht dem Nächsten gegenüber zu verzichten, wird nicht zu einer echten Befriedigung seiner Wünsche gelangen. Außerdem hat der Pluralismus die Menschheit in eine tiefe Sinnkrise geführt. Der Sinn des Lebens kann nämlich nicht sein, dass der Mensch das Leben möglichst in vollen Zügen genießt.

Wer kann uns diese allgemein verbindlichen Normen und Werte geben, die uns ein sinnvolles Leben garantieren? Mit dieser Frage kommen wir zum nächsten Schwerpunkt.

 

2. Die biblische Grundlage für die Vermittlung von Werten

Treffend schreibt Holthaus: „Der eigentliche Grund für das Ethik-Dilemma [und damit auch Werte-Dilemma] ist … die Gottvergessenheit [auch in christlichen Kreisen]. Ethische Maßstäbe der Vergangenheit fanden ihre Begründung in Gott und seinen Geboten.“[7] Die Bibel zeigt uns deutlich, dass der einzig wahre Gott, der Gott der Bibel, die absolute Wahrheit ist. Er offenbart uns in seinem Wort absolute Maßstäbe und damit auch absolute Werte für unser Leben. Diese Werte müssen also nicht gefunden werden. Sie müssen auch nicht in einem Mehrheitskonsens, d. h. durch eine Vereinbarung der Mehrheit einer Gesellschaft festgelegt werden. Gott hat sie uns offenbart, und sie haben ihre Begründung im Wesen Gottes, dessen Ebenbild der Mensch ist. Diese Werte allein garantieren der Menschheit ein sinnvolles und hoffnungsvolles Zusammenleben. Das bedeutet für uns aber, dass wir nicht unsere angebliche Freiheit in den Mittelpunkt stellen. Der Mensch ist nur dann wirklich frei, wenn er durch Jesus aus dem Egoismus und aus der Macht der Sünde befreit wird (vgl. Johannes 8, 36). Außerdem sagt Jesus, dass die Wahrheit, also das Praktizieren des göttlichen Willens, wie er in der Bibel offenbart worden ist, uns frei macht (Johannes 8, 31-32).

Das Praktizieren der Wahrheit Gottes kommt aber nicht von alleine zustande, denn der Mensch in seinem sündigen und verdorbenen Zustand liebt grundsätzlich das Böse mehr als die Wahrheit, wie Jesus in Johannes 3, 19-21 klarstellt. Hier sind wir aufgefordert, uns nicht nur die Welt um uns herum untertan zu machen, sondern auch die eigenen Triebe, die egoistisch ausgerichtet sind. Richtig bemerkt Christa Meves: „Lassen wir die natürlichen Antriebe bereits schon während der Kindheit wuchern, so gerät der Mensch durch Triebsüchte in eine Gefangenschaft des jeweiligen Antriebs.“[8] Die Folge ist ein Suchtverhalten, das oft zu späteren Suchtproblemen führt. Lernt das Kind also nicht, seine Triebe zu kontrollieren, indem es sich den von Gott gesetzten Autoritäten unterordnet, dann wird es ein Sklave seiner Triebe. Der Mensch kann also nur durch autoritative Erziehung zu einer wahren Freiheit geführt werden. Dazu schreibt Christa Meves treffend:

„Es gibt keinen wirklich realisierbaren Wertekonsens [d. h. eine Vereinbarung in Bezug auf Werte, die auch durchführbar ist], der nicht final [d. h. durch eine höhere Autorität und mit einem klaren Ziel] bestimmt ist. Das heißt: Kein kleiner Egoist, was jedes Kind von der Entfaltungsphase seines Selbstbehauptungstriebes vom dritten Lebensjahr an ist, wird einsehen, warum es zu seinen Mitmenschen liebevoll und rücksichtsvoll, anständig oder gar hilfsbereit und dankbar sein soll, wenn das nicht einen erstrebenswerten Zweck haben würde. Für das kleine Kind in seiner konstitutionellen Abhängigkeit von den Eltern ist das der Konsens [d. h. Übereinkommen] mit ihnen, d. h. deren Anerkennung für sein Wohlverhalten; aber diese Verknüpfung entfällt spätestens mit der Pubertät des Kindes. Die Phase hat schließlich den Sinn, Loslösung von den Eltern und Befreiung zur Selbstständigkeit zu erwirken. Deshalb bedarf spätestens der Adoleszent [d. h. der Erwachsene] einer Erweiterung seiner Lebenszielvorstellungen. Diese können ihm nur aus seiner Einsicht in die Abhängigkeit des Geschöpfes Mensch vom Schöpfer aller Dinge und aus dem ihm von Gott persönlich gegebenen Lebensauftrag zuwachsen.“[9]

Die Grundlage für eine solche autoritative Vermittlung von absoluten Werten finden wir in den Zehn Geboten (siehe 2. Mose 20, 1ff.). Gott macht einen Vertrag mit dem Volk Israel, das er aus der Sklaverei geführt hat, damit sie seinen Willen tun. Wird sich Israel als Volk an diesen Vertrag halten, dann wird es ihnen gut gehen (vgl. 2. Mose 19, 5-6; 5. Mose 7, 9ff.). Mit anderen Worten: Wollen Völker oder Nationen sinnvoll und hoffnungsvoll überleben, dann ist das nur auf der Grundlage der Gebote Gottes und der Abhängigkeit Gott gegenüber möglich.

In der Einleitung (Präambel) zu den Zehn Geboten sagt Gott: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus herausgeführt habe“ (2. Mose 20, 2). Die Errettung durch Gott, dem Schöpfer aller Dinge, aus der Macht der Sünde ist überhaupt die Voraussetzung, um bleibende Werte vermitteln zu können. Errettung aus der Macht der Sünde bedeutet aber, dass der Erlöste sich nun ganz Gott und seinem Wort unterordnet. So lauten dann auch gleich das erste und das zweite Gebot: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Du sollst dir kein Götterbild machen, auch keinerlei Abbild …“ Gott ist für uns die absolute Autorität. Er legt in seinem Wort fest, welches für uns bleibende Werte sind. Keine anderen Götter neben dem einzig wahren Gott zu haben bedeutet auch, sich diesen Werten zu unterordnen.

Wie ist doch gerade der postmoderne Mensch geneigt, sich sein eigenes Gottesbild zurechtzubasteln, ein Gottesbild, das ihm passt. Vielleicht spricht man auch lieber von Jesus, der der liebe Freund ist und mir das gibt, was ich wünsche. Gott ist jedoch kein „Bedienungsautomat“, der auf „Knopfdruck“ meine Bedürfnisse befriedigt.[10] So bemerkt Holthaus treffend:

„Das Wichtigste ist …, daß wir Gott wieder Gott sein lassen. Gott ist nicht eine Marionette des Menschen. Er steht mir nicht einfach zur Verfügung … Gott ist der Herr und Gebieter des Universums, der Schöpfer der Welt, der alles in seiner Hand hält.“[11]

Gott hat sich in seinem Wort und in Jesus Christus offenbart. Er hat seinen absoluten Willen kundgetan, der die Grundlage für unser Heil ist. Durch die Erziehung sollen die Kinder und Jugendlichen lernen, Gott in seiner absoluten Autorität zu respektieren. Als wesentlicher Beitrag dazu dient der Respekt der elterlichen Autorität gegenüber. Die Eltern, Vater und Mutter, sind die ersten Stellvertreter Gottes in der Erziehungsarbeit. Deshalb hat das fünfte Gebot einen ganz wichtigen Platz in der Vermittlung von bleibenden Werten.

Gott sagt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit deine Tage lange währen [5. Mose 5, 16 ergänzt: ‚und es dir gut geht’] in dem Land, das Jahwe, dein Gott, dir gibt“ (2. Mose 20, 12). Dieses Gebot steht zweifellos nicht zufällig vor den Geboten wie „Du sollst nicht stehlen“ und „Du sollst nicht ehebrechen“. Wer zuhause lernt, Autoritäten zu respektieren, der wird auch in anderer Hinsicht Respekt zeigen. Dadurch spielen die Eltern allein schon durch ihr Elternsein im biblischen Sinn eine ganz wichtige Rolle in der Wertevermittlung. Noch mehr: Sie repräsentieren Gottes Autorität in der Familie. Kinder haben zuerst nicht direkt, sondern über ihre Eltern eine Beziehung zu Gott. Wie ihre Beziehung zu den Eltern ist, so wird sie später zu Gott sein. Lernen sie nicht, den Eltern zu gehorchen, werden sie Mühe haben, sich Gott ganz zu unterordnen. Und außerdem lernen sie dann nicht, sich anderen Autoritäten wie den Lehrern, Gemeindeleitern oder den staatlichen Autoritäten zu unterordnen. Damit fehlt ihnen ein wesentlicher Wert, denn wer gelernt hat, sich im positiven Sinn zu unterordnen bzw. sich einzuordnen, wird in mancher Hinsicht viel besser vorankommen. Auch die Ehe wird viel besser funktionieren als bei solchen, die immer ihren Kopf durchsetzen müssen. Und es wird ihnen leichter fallen, sich den göttlichen Geboten der Bibel zu unterordnen.

Das hebräische Verb kabad, das im fünften Gebot mit „ehren“ übersetzt wird, ist mit dem Wort kabod „Herrlichkeit“ verwandt. Dieses Wort bezeichnet im Alten Testament überwiegend die Herrlichkeit Gottes und bringt damit seine Majestät und Autorität zum Ausdruck. Eltern repräsentieren die Autorität Gottes in der Familie, und wenn Kinder sich in diesem Sinn den Eltern unterordnen, unterordnen sie sich Gott. Das bedeutet dann aber auch, dass Eltern diese Autorität nur unter den biblischen Bedingungen ausüben dürfen. Das ist möglich, wenn sie sich einerseits selbst ständig Gottes Autorität unterordnen und andererseits ständig bestrebt sind, so Autorität auszuüben, wie Gott es tut. Das heißt, dass wir am Beispiel Gottes lernen, Eltern zu sein bzw. Autorität auszuüben.

Der Werteverfall heute ist ohne Zweifel in erster Linie auf den Mangel an elterliche Autorität zurückzuführen. Dazu schreibt Holthaus: „Es gibt nicht mehr Mami und Papi, stellen Trendforscher fest, sondern nur noch die ‚Mappis’.“[12] Kindern brauchen jedoch sowohl die führende Rolle des Vaters als auch die pflegende Art der Mutter, um sich gesund entwickeln zu können. Sowohl der Papa als auch die Mama sollten bestrebt sein, ihre Rolle als Vater und Mutter im biblischen Sinn zu erfüllen.[13] Das geschieht aber nicht in erster Linie durch Strafe, sondern durch Beziehung. Erst bei einer gesunden Beziehung kann die Strafe ihre positive Wirkung haben und zur gesunden Entwicklung des Kindes beitragen.

Damit kommen wir zu der Frage, wie wir praktisch biblische Werte vermitteln können.

 

3. Wie können wir praktisch biblische Werte vermitteln?

Erzieher müssen sich heute mehr denn je bewusst sein, dass Menschen nicht als „Engel“ geboren werden und es auch nicht ohne eine intensive Erziehungsarbeit werden – auch nicht automatisch durch die Bekehrung. Gerade in unserer Zeit strömt so viel auf das Kind ein. Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Menschen in ihrem Denken und in ihrer Gesinnung vor allem durch die Medien geprägt werden. Um so bewusster müssen sich Eltern und Erzieher sein, dass sie die Verantwortung dafür tragen, dass die Kinder und Jugendliche, die eine Schöpfung Gottes sind, so erzogen werden sollen, dass sie Gottes brauchbares Werkzeug im Dienst für Menschen werden. Das ist heute aber schwierig, da nicht nur der Vater, sondern immer mehr auch die Mutter wenig Zeit hat, um wirklich intensiv auf das Kind einzuwirken. Dazu ein Zitat von Christa Meves: „Werteerziehung in der Familie? Wenn beide Eltern ganztägigen Berufen nachgehen müssen, um die Familie zu ernähren, haben sie keine Chance, die Kinder gegen die Schlammfluten von außen abzuschirmen.“[14]

Die Medien wie das Fernsehen sind heute keineswegs oder kaum Vermittler von biblischen Werten. Im Normalfall sind sie sogar das Gegenteil. Eltern müssen prüfen, wer ihr Kind erzieht, sie oder die Medien. Dazu ein weiteres Zitat von Meves: „Werteerziehung in der Familie kann heute nur mit kämpferischer Abschirmung gegen die negativen Einflüsse von außen zustande gebracht werden. Und das heißt z. B. pflegliche Beschränkung des Fernsehkonsums.“[15] Wenn Kinder fernsehen, dann bitte selektiv (Auswahl von Programmen) und unter Aufsicht und mit aufklärenden Kommentaren. In der Gemeinde sollten sowohl die Eltern als auch die Jugendlichen eine Hilfe im Umgang mit dem Fernseher erhalten.

Ein weiteres Problem ist heute das Internet. Nach Meves sollte den Kindern frühestens vom sechszehnten Lebensjahr ein Modem (und damit einen Internetzugang) zur Verfügung gestellt werden, „und zwar nach umfänglichen erzieherischen Bemühungen um einen maßvollen Umgang mit dem neuen Medium.“[16]

Wir sollten uns dafür einsetzen, dass Kinder und Jugendliche gute Bucher lesen, gute Kinder- und Jugendprogramme besuchen usw. Positive Werte können, wie Meves treffend formuliert, u.a. vermittelt werden durch

... tägliche Tischgemeinschaft mit ausführlichen Gesprächen und regelmäßigen Tischgebet, Anbieten von guten Jugendzeitschriften und von wertvoller Literatur, vom Grundschulalter ab Musizieren besonders von klassischer Musik, Praktisieren von Glauben durch die Einbindung in die Glaubensgemeinschaft sowie ein Bemühen um menschenwürdige und anständige Umgangsweisen miteinander.[17]

Werte werden vor allem durch das Vorbild der Erzieher, d. h. in erster Linie der Eltern, aber auch der Gemeinde-arbeiter, vermittelt. Wenn Kinder sehen, dass diese sich gegenseitig respektieren, sich nicht anschreien, aufopfernd füreinander da sind usw., dann werden sie bewusst oder unbewusst diese Werte übernehmen. Im Neuen Testament ist es vor allem Paulus, der die Christen immer wieder dazu ermutigt, Vorbild zu sein und selbst Christus als Vorbild zu nehmen. Einige Aspekte dieses Vorbildes erwähnt er in 1. Tim 4, 12, die ohne Zweifel auch für die Werteerziehung von großer Bedeutung sind. Dort schreibt der Apostel an seinen langjährigen Schüler und Mitarbeiter:

Niemand verachte deine Jugend, sondern sei ein Vorbild (typos = „Vorbild, Prägung, Muster, Modell“) der Gläubigen im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Keuschheit.

Hier werden die verschiedenen Bereiche des Lebens angesprochen, die auch für uns in der Vermittlung von biblischen Werten grundlegend sind. Wir wollen nun auf diese im Einzelnen eingehen.

Paulus erwähnt das Wort. Durch unser Wort soll Gott verherrlicht werden, und Menschen sollen dadurch ermutigt und erbaut werden. Wichtig ist, dass wir darauf achten, wie wir miteinander reden. Durch unser Wort soll Gott verherrlicht werden.

Weiter spricht Paulus den Wandel an. Unser Wort wird nicht viel bewirken, wenn wir es nicht mit dem praktischen Lebenswandel bestätigen. Auch unser Wandel soll in allem Gott herrlichen und den Menschen als nachahmenswert erscheinen. Gerade in unserer orientierungslosen Zeit brauchen die jungen Menschen solche Vorbilder.

Wenn Paulus die Liebe erwähnt, bezieht er sich offensichtlich in erster Linie auf die zwischenmenschlichen Bezie-hungen. Unsere Liebe zum Nächsten soll von der unermesslichen Liebe Gottes zu uns geprägt sein. Die Kinder und Jugendlichen sollen nicht ständig den Eindruck haben, dass sie sich unsere Liebe verdienen müssen. Eine solche „Liebe“ ist in Wirklichkeit keine Liebe. Die Weitergabe der göttlichen Liebe an die Kinder und Jugendlichen gehört zu den Grundwerten, die wir ihnen vermitteln können. Diese Liebe zeigt, ob unser Glaube tragfähig und lebendig ist.

Der Glaube bezieht sich auf unsere Beziehung zu Gott. Es ist ganz entscheidend, dass wir nicht nur von Gott reden, sondern auch im alltäglichen Leben die Beziehung zu Gott ausleben. Die Kinder und Jugendlichen sollen durch uns lernen, eine positive Beziehung zu Gott aufzubauen. Das ist möglich, wenn wir im festen Vertrauen auf Gott auch gerade in Schwierigkeiten vorwärts gehen und wenn sie bei uns den Schutz und die Geborgenheit erleben, die wir bei Gott erleben (vgl. z. B. Psalm 22, 10). Diese Beziehung zu Gott ist überhaupt der entscheidende Wert des Lebens! Sie wird sich auf unsere Beziehung zum Nächsten auswirken.

Das Wort Keuschheit beschreibt eine von Gott gewollte Beziehung zum anderen Geschlecht. Für Paulus ist diese Keuschheit wichtig, wie der nochmalige Hinweis in 1. Timotheus 5, 1 zeigt (vgl. auch 1. Thessalonicher 4, 3-8). Durch das Vorbild der Erzieher sollen Kinder und Jugendliche lernen, dass die Sexualität nicht ein Bedürfnis ist, dass einfach gestillt werden muss, sondern eine Gabe Gottes, die wir an den Ehepartner weiterschenken dürfen. Mit anderen Worten: Eine im biblischen Sinn ausgelebte Sexualität ist vom Verzicht aus Rücksicht dem Partner gegenüber geprägt. Die Möglichkeit, diesen Verzicht zu lernen, hat der Jugendliche schon vor der Ehe. Darin sollten wir ihm eine Hilfe sein. Diesen Verzicht müssen vor allem die Jungs lernen, und die verheirateten Männer sind gefragt, ihnen darin ein Vorbild zu sein. Sie sollen an ihnen lernen, wie man mit seiner Autorität nicht rücksichtslos und egoistisch umgeht, sondern sie für das Wohl des Partners einsetzt, und das bedeutet, Verzicht zu lernen und auch über die eigenen sexualen Triebe Autorität zu haben.

Wie gehen wir mit dem anderen Geschlecht um? Wie reden wir über Sexualität? Wie kleiden wir uns? In der Frage der Kleidung sind vor allem die Frauen gefragt, für die Mädchen ein Vorbild zu sein. Wenn die Erzieherin sehr „luftig“ gekleidet ist, warum sollte sich das junge Mädchen dann nicht noch etwas „luftiger“ kleiden? Ein Reiz für die Jungs, anzubeißen und dann davonzulaufen. Liebe Erzieher, dazu sind sie viel zu schade! Sie sollen lernen, sich aus Rücksicht und Respekt dem anderen Geschlecht gegenüber zu kleiden, wodurch sie selbst auch geschützter sind. Und das heißt konkret, nicht zu kurze Röcke oder Shorts anzuziehen, den Bauch ganz zu bedecken und auch oben nicht eine zu offene Bluse zu tragen. Es ist unverantwortlich, egoistisch und respektlos, zu sagen, dass die Jungs bzw. Männer halt selbst mit dem Problem ihrer sexuellen Triebe fertig werden sollen, und nicht in der Frage der Kleidung Rücksicht auf sie zu nehmen.

Heute wird u. a. durch das Fernsehen die Pornographie und damit die Schamlosigkeit stark gefördert. Das Schamgefühl soll jedoch unser Schutz sein. Die sexuelle Keuschheit wird das Leben der jungen Leute nicht einschränken, sondern vielmehr eine lebenslängliche glückliche Ehe fördern. „Ist die Scham, bzw. das Schamgefühl im Bereich des Körperlich-Sexuellen zerstört oder gar verschwunden, so ist alles möglich, aber auch alles zerstörerisch, weil es an dem vorbeigeht, was Erfüllung und anhaltendes sexuelles Glück bedeuten kann“, schreibt Berger treffend.[18]

 

Schluss

Paulus schreibt in 1. Thessalonicher 1, 6: „Und ihr seid unsere Nachahmer geworden und die des Herrn, indem ihr das Wort in viel Bedrängnis mit Freude des Heiligen Geistes aufgenommen habt.“ Lassen auch wir als Erzieher unser Leben in jeder Hinsicht von Christus prägen, damit die Menschen, die wir durch unsere Erziehung prägen, auch durch uns von Christus geprägt werden! Jeglicher Egoismus, der nur an sich denkt und nicht aus Rücksicht und Respekt dem Nächsten gegenüber handelt, ist Sünde und damit Zielverfehlung. Nur wenn wir biblische Werte ausleben und weitergeben, werden wir Gottes Ziel mit unserem Leben erfüllen. Das ist möglich, nicht nur, weil Jesus unser Vorbild ist, sondern vor allem auch, weil er durch den Glauben in unseren Herzen wohnt, wenn wir wiedergeboren sind, und weil er uns die Kraft dazu gibt (vgl. Epheser 3, 17; Galater 2, 20).

In Matthäus 5, 13-16 sagt Jesus, dass seine Jünger Licht und Satz der Welt sind. Wenn sie biblische Werte verwirklichen, werden sie ein mächtiges Zeugnis für die Welt sein.



[1] Holthaus betont mit Recht, dass Relativismus nicht mit Toleranz zu verwechseln ist (St. Holthaus, Trends 2000. Der Zeitgeist und die Christen, Gießen: Brunnen, 5. Aufl. 2001, S. 47).

[2] Ebd., S. 33.

[3] Vgl. ebd., S. 54.

[4] Nach John Court ist dieser Utilitarismus, d. h. die Nützlichkeitslehre, stark für die Liberalisierung der Pornographie verantwortlich (John Court, Pornographie. Anfang oder Ende der Freiheit?, Gießen/Basel: Brunnen, 1980, S. 31), doch sieht man gerade auf diesem Gebiet, wie schädlich dieser „Utilitarismus“ ist.

[5] G. Naujokat, Wider den Zeitgeist. Plädoyer für ein realistisches Christentum, Bielefeld: CLV, 2000, S. 15.

[6] Holthaus, Trends 2000, S. 83.

[7] Holthaus, Trends 2000, S. 95.

[8] Christa Meves, Familie und Werteerziehung im Medienzeitalter, in: Mit Werten in Führung gehen, hg. v. J. Knoblauch u. H. Marquardt, Gießen: Brunnen, 2001, S. 64.

[9] Ebd., S. 68.

[10] Vgl. Holthaus, Trends 2000, S. 188.

[11] Ebd., S. 187–188.

[12] Meves, Familie und Werteerziehung, S. 88.

[13] Vgl. dazu Jacob Thiessen, Mann und Frau in Ehe und Familie auf der Grundlage der Bibel, Loma Plata: Verlag der Bibelschule, 2002.

[14] Meves, Familie und Werteerziehung, S. 63

[15] Ebd., S. 67.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] K. R. Berger, Fernsehkonsum. Fenster zur Welt oder Droge?, Lage: Logos, 2000, S. 34-35; vgl. auch K. R. Berger, Pornographie. Verlust der Freiheit, Lage: Logos, 1999.