Wilhelm Busch - Keine Zeit

 

Das ist doch eine merkwürdige Sache! Wer kann das er­klären? Wenn früher ein Mann aus Zürich ein Geschäft in New York tätigen wollte, dann brauchte er dazu furchtbar viel Zeit. Wenn er plötzlich hinreisen wollte, musste er tage­lang mit der Postkutsche reisen, bis er in eine Hafenstadt kam. Und dann war sein Schiff ein paar Wochen lang unter­wegs. Vielleicht konnte er die Sache auch brieflich erledi­gen. Dann griff er zum Gänsekiel und musste eine Stunde lang schreiben. Der Brief war wochenlang unterwegs.

 

Wie einfach haben wir es heute! Der Mann in Zürich meldet ein Telefongespräch an. Und in kurzer Zeit kann er mit dem Partner persönlich reden. Und wenn seine Anwesenheit in New York nötig ist, dann setzt er sich in Zürich in ein Flugzeug

und ist in ein paar Stunden in New York.

 

Der Mann hat also unheimlich viel Zeit gespart. Die Folge muss doch sein, dass der Mann Zeit übrig hat! Was ich aber nicht verstehe, ist nun dies: Dieser Kaufmann in Zürich hat viel weniger Zeit als sein Großvater. Er ist ein gehetzter und gejagter Mann und wird wohl bald an der Managerkrankheit sterben.

 

Wie ist das möglich?

 

Das ist doch ein Problem, das uns alle beschäftigen sollte.

Die Technik hat uns dazu verhelfen, dass wir alle Dinge, für die unsere Großväter unendlich viel Zeit brauchten, unheimlich schnell erledigen können. Da müssten wir doch Zeit in Hülle und Fülle haben. Aber seltsamerweise tritt das Gegenteil ein: kein Mensch hat Zeit.

 

Kürzlich wollte ich meinen Wagen aus der Garage fahren. Ein kleiner Junge von fünf Jahren schaute mir zu. Ich fragte ihn: „Willst Du mit herausfahren?" Da machte er ein ernstes Gesicht und sagte: „Wenn Sie schnell machen - ich habe nicht viel Zeit."

 

Wer kann mir das erklären, dass wir unablässig Zeit sparen und doch keine Zeit haben? Das ist ein so geheimnisvoller Vorgang, dass ich nur eine einzige Erklärung dafür finde: Es gibt tatsächlich einen Teufel, der die Menschen hetzt und jagt. Es gibt einen Teufel, der alles Interesse daran hat, dass wir nie Zeit finden, über uns selbst oder über die ewigen Dinge nachzudenken.

 

So ist es gekommen, dass wir Menschen des 20. Jahrhun­derts jeden inneren Halt verloren haben. Es gibt einige erschreckende Symptome dafür: die Selbstmorde nehmen unheimlich zu; die sexuelle Haltlosigkeit nimmt erschreckende Ausmaße an; immer mehr Menschen leiden an Schwermut, und die Schlaflosigkeit kann nur noch mit Pillen bekämpft werden.

 

Was sollen wir tun?

 

Wir müssen diesen schwindelhaften Betrieb einmal wirklich durchschauen und einige Richtlinien für unser Leben auf­stellen, die uns aus diesem Hexenkreis befreien können.

 

Ich möchte so ein paar Richtlinien hier nennen:

 

Nehmt Euch Zeit füreinander. Kürzlich saß ich mit einem füh­renden Mann der Industrie zusammen. Sein Sohn, ein junger Student, hatte sich aus unerfindlichen Gründen das Leben genommen. Der Industrielle sagte: „Dass ich einen Sohn hatte, habe ich erst gemerkt, als ich vor seiner Leiche stand. Meine Berufsaufgaben hatten mich so in Anspruch genom­men, dass ich nie Zeit für ihn fand." In seinen Worten schwang die erschütternde Erkenntnis mit: Wenn ich meinen Sohn zum Leben erwecken könnte, wollte ich es für die Folge wohl anders mit ihm halten. Aber es ist zu spät.

 

Ich kenne viele Eheleute, die äußerlich eine ganz normale Ehe führen. Aber im Grunde lebt man völlig unwissend

nebeneinanderher. Die Frau weiß nicht, was den Mann quält. Und der Mann weiß nicht, worunter seine Frau leidet.

 

Kürzlich sprach ich einen Jungen. Der sagte: „Mich versteht kein Mensch." Ich fragte ihn: „Hast Du denn keinen Freund?" - Er erwiderte: „Ich habe Kollegen und Kameraden. Aber ich habe keinen Freund, dem ich mein Herz ausschütten könnte." - „Und Deine Mutter?" - Er winkte ab: „Die hat so viel zu tun." - „Und Dein Vater?" - Er lachte: „Wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, dann schimpft er ein bisschen herum, und dann geht er wieder fort." Nehmt Euch doch Zeit füreinander!

 

Nehmt Euch Zeit für Gott! In der Bibel wird eine Geschichte erzählt von einem römischen Prokurator. Der hatte den Auf­trag, den gefangenen Apostel Paulus zu verhören. Das wurde ein sehr seltsames Verhör. Denn der Angeklagte redete auf einmal von dem zukünftigen Gericht Gottes, vor dem auch der Prokurator erscheinen müsse. Und dann sprach er von Jesus, dem gekreuzigten Gottessohn, der Sünder vom Gericht erretten kann.

 

Als der Prokurator das hörte, wurde er sehr unruhig und sagte: „Wenn ich gelegene Zeit habe, wollen wir weiterre­den." Und dann ließ er den Paulus wieder abführen.

 

Genauso könnte der Mensch von heute sprechen. Wir wissen genau, dass ein Gott lebt und dass er Richter ist über Leben­dige und Tote. Wir wissen genau, dass unser Leben nicht in Ordnung und mit viel Schuld beladen ist. Wir wissen genau, dass wir nichts nötiger haben als Vergebung der Sünden.

 

Sollten wir uns nicht aufmachen und uns Zeit nehmen, um den Jesus zu suchen, der allein Vergebung der Sünden und Frieden mit Gott schenken kann?

 

Wie anders würde unser Leben sein, wenn wir uns morgens Zeit nähmen, ein paar Verse ganz still in der Bibel zu lesen und unser Herz im Gebet vor Gott auszuschütten! Wie anders würden unsere Sonntage sein, wenn wir uns Zeit nähmen, mit der Gemeinde Gott zu loben und sein Wort zu hören! Ja, nehmen wir uns doch die Zeit für Gott!

 

Jetzt hat Gott noch Zeit für mich. Am Jüngsten Tag haben wir die Chance nicht mehr, mit Gott zu reden. Da geschieht nur eins: Gott schlägt das Buch unseres Lebens auf und sagt sein Urteil über uns. Jetzt aber ist die Zeit der Gnade. Weil der Teufel das weiß, darum sorgt er dafür, dass wir gehetzte und gejagte Leute sind. Wir sollten sein Spiel durchschauen und wissen - so sagt die Bibel -: „Jetzt ist die angenehme Zeit. Jetzt ist der Tag des Heils." Jetzt hat Gott ungeheuer viel Zeit für uns. Er wartet auf uns. Nutzen wir diese Zeit der Gnade aus!

 

 

Als Jesus an den Ort kam, blickte er auf und sah ihn und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilends herab; denn heute muss ich in deinem Hause einkehren! Und er stieg eilends herab und nahm ihn auf mit Freuden.  Lukas 19, 5-6

 

Jesus sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil wider­fahren, dieweil auch er ein Sohn Abrahams ist; denn des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist. Lukas 19, 9-10