Bibelhilfe für die Gemeinde

Gustav Schloeßmanns Verlagsbuchhandlung (Gustav Fick), Leipzig

 

 

 

Anrede an den Leser 3

Zur Einführung in den Psalter 6

1.  Zwei Lebenswege                   PSALM 1 9

I. Vom Weg zum Heil 10

II. Der Weg zum Verderben (Vers 4 —6). 13

2. Preis der Majestät Gottes        Psalm 8 15

I. Der HErr in seiner Majestät als Schöpfer des Weltalls (Vers 2 Bis 4). 15

II.  Der Mensch  in seiner  Kleinheit als Glied der Schöpfung (Vers 4 bis 5). 18

III. den Menschen in seiner Größe als Herrn der  Erde (Vers 6 —9). 19

3. Das Geheimnis der Gottesgemeinschaft     Psalm 16 22

I.       vertraut mit des Sängers Glaubenshaltung zu Gott(Vers  1— 2). 24

II. sein Verbundensein mit den Heiligen (Vers 3 —4). 25

III. seine Freude am Erbteil (Vers 5 — 8). 26

IV. seine Erwartung für die Zukunft (Vers 9 — 11). 27

4.Der große Leidensweg                  Psalm 22 30

I.       Der Angstschrei der Seele (Vers 2 — 3). 32

II.     Der Gott der Väter (Vers 4 — 6). 33

5.       Auf dich vertrauten unsere Väter, 33

III.      DieAnfechtungen des Glaubens (Vers 7 — 12 ) 34

IV.     Im Banne der Feinde (Vers 13 — 19). 35

V.       Das  Ringen mit Gott (Vers 20 — 22). 36

VI.     dem Lobgesang des Erlösten (Vers 2 3 — 2 7). 37

VII.  Das Heil der Völker (Vers 2 8 — 3 2). 39

5.  Der Hirte Israels               Psalm 23 41

I.       von  einem Vertrauen zu Gott (1), 42

II.     vom Tun des Hirten (2-3) 43

III.      von den Tälern des Todes (4) 44

IV.     Im Angesicht der Feinde sprechen kann, 45

V.       von einer Zuversicht des Glaubens (6) 46

6. Zeugnis von der Sündenvergebung               Psalm 32 47

I. Das  Geheimnis der Sündenfrage (Vers1 — 2). 48

II.  Der Segen des Bekennens (Vers 3 — 7). 50

III. Der Weg zum Leben (Vers 8 — 9). 52

IV. Die Gnade des Vertrauens (Vers 10 — 11). 53

7. Vom Heimweh nach Gott                 Psalm 42/431) 55

I.       Seine verzehrende Sehnsucht (Vers 2 — 3). 57

II. ihre seelischen Leiden (Vers 4 — 6) zu deuten. 58

III. Sein heißer Gebetskampf (Vers 7 — 9; 13 —16). 61

IV. Seine errungene Glaubenszuversicht (Vers 6. 12. 17). 63

8. Ein feste Burg Psalm 46 65

I. die Zuversicht des Glaubens (2-4) 66

II. die Sicherheit der Gottesstadt (Vers 5 — 8). 68

III. Der Frieden der Endzeit (Vers 9 —12) 70

9. Das Dennoch des Glaubens Psalm 73 73

I. Die gewonnene Erkenntnis (Vers 1). 75

II. Die inneren Seelenkämpfe (Vers 2 — 15). 77

III. Sie rechte Wegweisung (Vers 16 — 22). 80

IV. Die höchste Lösung (Vers 23 — 28). 82

10. Des Glaubens Pilgerlied   Psalm 84 85

I. Gestillte  Sehnsucht (Vers 2 — 4) 86

II. Bleibende Gemeinschaft ( v. 5) 89

III. Erfahrungen der Pilgerreise (V.6-8) 90

IV. Das innige Gebet (V.9-13) 92

11. Des Glaubens Zuflucht für und für    Psalm 90 96

I. Das Zeugnis der Geschichte (Vers l). 98

II. Die Ewigkeit Gottes (V e r s  2  u n d 4). 99

III. Die Vergänglichkeit des Menschen (Vers 3. 5 — 6). 101

IV. Die Gründe des Gerichts (Vers 7 — 11). 102

V. Das Gebet des Glaubens (Vers 12 — 17). 104

12. Die Gerechten des Herrn      Psalm 92 106

I. von einer Anbetung des Höchsten (Vers 2 — 4), 107

II. von der Erhabenheit Gottes (Vers 5 — 7), 109

III. vom Vergehen der Gesetzlosen (Vers 8 —10). 110

IV. die Segnungen des HErrn ( Vers 11 — 13). 111

V. vom Geheimnis der Gerechten (Vers 14 16) 113

13.Der Begnadeten Lobgesang Psalm 103 114

I. Die großen Gottestaten ( Vers 3 — 5). 116

II. Die neugewonnene Gottesschau (Vers 6 — 14). 118

III. Die unvergängliche Gottesgnade (Vers 15 —18). 121

IV. Die weltumfassende Gottesherrschaft (Vers 19 — 2 2). 123

14. Vom Aufblick zum HErrn Psalm 121 125

1.von einer Zuversicht des Glaubens. 126

2. vom Wächter und Hüter Israels. 128

3. das Geheimnis der Bewahrung ist der Wächter Israels. 128

15. Licht nach dem Dunkel Psalm 126 130

1.       Die große Wendung (Vers 1-2). 130

2. Die gewaltige Wirkung (Vers 2 — 3). 132

3. Die gewonnene Zuversicht (Vers 4 — 6). 133

Was haben die Psalmen uns heute zu sagen? 135

 

 

 

Anrede an den Leser

 

Lieber Christenmensch! Es ist Dir nicht unbekannt, daß seit fast zweitausend Jahren die Theologen an der Arbeit sind, sich mit den großen Anliegen des christlichen Glaubens zu beschäftigen — Deines Glaubens! Ich weiß, daß Du etwas argwöhnisch ihr Treiben betrachtest; denn Du hast den Eindruck, daß hier Deine eigensten Angelegenheiten verhandelt werden, ohne daß Du doch diesen Verhandlungen folgen kannst.
   Nun weißt Du ja, daß vieles, was sie da treiben, allzu spitzfindig ist, als daß ein schlichter Christenmensch es verstehen könne. Du hast Dich darum damit abgefunden, daß es sich hier um eine Sache handelt, die wohl für die Kirche im Ganzen nötig sein mag, die aber unmittelbar mit dem Glauben des Christenmenschen nichts zu tun hat. Dafür hältst Du Dich an Deinen Katechismus und vermutest im stillen, daß auch ein gelehrter Theologe, wenn es schließlich mit ihm hart auf hart gehen wird, nichts Besseres tun kann als dieses.
   Und doch weiß ich, daß Du an einem Punkte voll heimlichen Neides auf die Arbeit des Theologen blickst, dort nämlich, wo es sich um D e i n e  B i b e l handelt. Du bist ja selbst ein Bibelleser — sonst  verdienst Du den Namen des Christen nicht und solltest es schleunigst beginnen! Du weißt, daß Deine Bibel aus fremden Sprachen verdeutscht wurde und daß ihre Urschrift vor vielen Jahrhunderten unter anderen Verhältnissen geschrieben wurde. Die Bibelwissenschaft, die sich mit alledem beschäftigt, müßte also doch eine Sache sein, von der Du als ein schlichter Christenmensch etwas für Dich haben könntest.

In der Tat ist es verwunderlich und ein arger Mißstand, daß es eine volkstümliche Auslegung der Bibel für den schlichten Bibelleser bis zum heutigen Tage noch nicht recht gibt. Man hat wohl schon mehrere Versuche gemacht, aber es hat sich noch keiner wirklich durchgesetzt. Das hat seinen Grund wohl nicht zuletzt darin, daß man es nicht recht wagte, dem Bibelleser zuzumuten, die einzelnen Abschnitte der Bibel aus ihrem Zusammenhang heraus zu verstehen.

Gerade darauf aber kommt es an, wenn wir uns in unserer Heiligen Schrift wirklich einhausen wollen. Wir müssen aufhören, sie als eine Spruchsammlung zu betrachten. Wie die Heilsgeschichte Gottes, von der uns das Bibelbuch erzählt, die Jahrtausende  umspannt, so erreicht uns auch das Wort Gottes in der Schrift mit einer Gewalt, die uns in unerhörte Tiefen und Höhen führt.
  Wenn wir deshalb mit dieser „Bibelhilfe" dem Bibelleser in schlichter, ungelehrter Sprache das geben wollen, was der Theologe einen „Kommentar" nennt, so haben wir grundsätzlich darauf verzichtet, hier die Schrift versweise auszulegen. Sicherlich wird schon eine zuverlässige Übersetzung aus der Ursprache dazu helfen, das einzelne Wort und den einzelnen Satz, in dem es steht, gewissenhaft zu hören; aber es kommt uns darauf an, die Zusammenhänge, in denen die Sätze stehen, klar herauszuarbeiten und darüber hinaus die innere Einheit der einzelnen biblischen Bücher, ja der Schrift als ganzes zu erfassen. Beginnt so die Schrift wieder, aus ihrem Innersten heraus zu uns zu reden, so wird das e i n e s e h r zeitgemäße Sprache sein — sonst wäre es ja nicht das Wort Gottes an uns!
  Nun versteht es sich von selbst, daß der Bibelleser auch manchmal bei einzelnen Worten oder bei Kleinigkeiten der geschichtlichen Umstände eine Erläuterung braucht. Obwohl uns das nicht die Hauptsache scheint, haben wir auch solche Einzelfragen bei unserer Auslegung nicht übersehen, sondern sie entweder schon in der Übersetzung des Urtextes berücksichtigt oder im Zusammenhang der Deutung größerer Abschnitte eingefügt. Was wir dagegen absichtlich vermieden haben, ist die Unart der meisten volkstümlichen Auslegungen, auch solche Gedankengänge der Schrift noch einmal mit anderen Worten zu umschreiben, die ein aufmerksamer Bibelleser ohne weiteres beim aufmerksamen Lesen der Bibel versteht.
  Das alles setzt freilich unerbittlich voraus, daß der Bibelleser, der unsere Auslegungen benutzen will, zunächst einmal den Bibeltext, wie wir ihn übersetzt haben, gründlich durchliest. Es wird nur gut sein, wenn er schon dabei den Bleistift in der Hand hat und sich Fragen aufschreibt, die ihm kamen. Er hat dann um so mehr Gewinn, wenn er hernach unsere Auslegung durchliest. Jenen Mißbrauch aber hoffen wir durch unsere Art von Bibelhilfe gründlich auszurotten, daß einer meint, er könnte etwas über die Schrift lesen, ohne die Schrift selber zu sich reden zu  lassen. Darum wird man auch unsere Auslegung nicht „erbaulich" im üblichen Sinne des Wortes finden, wohl aber als einen ernsthaften Beitrag zu dem Anliegen, Christenmenschen dazu zu verhelfen, daß sie wissen, woran sie glauben, und daß sie wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus.
                       
                       D. Erich Stange

 

     

       Ausgewählte Psalmen

 übersetzt und ausgelegt

           von

             Jakob Kroeker

Direktor des Missionsbundes „Licht im Osten"

                          *

                         Erste Auswahl

 

 


      
Gustav Schloeßmanns Verlagsbuchhandlung

       (Gustav Fick) Leipzig und Hamburg

 

        Diese Schrift gehört zu der Sammlung

     Bibelhilfe für die Gemeinde

eine volkstümliche Einführung für Bibelleser

unter Mitarbeit von

Lic. Dr. Wilhelm Herbst, Univ.=Prof. D. Hans Wilhelm Hertzberg, Missionsdirektor Jakob Kroeker, D. Paul LeSeur, Dr. theol. Hanns Lilje, Dr. theol. Wilhelm Schütz u.a.

heraus gegeben von

 
D. Erich Stange

Copyright 1936


by Gustav Schloeßmanns Verlagsbuchhandlung (Gustav Fick) Leipzig

 

Die biblischen Belegstellen werden in der üblichen Abkürzung wiedergegeben; ein Stellenhinweis ohne Angabe des biblischen Buches bezieht sich stets auf das vorliegende Buch. A. T. = Altes Testament; N.T. = Neues Testament.
Eine Versangabe ohne Hinzufügung des Kapitels bezieht sich auf das an der betreffenden Stelle ausgelegte Kapitel; a und b bezeichnen die erste oder zweite Hälfte eines Verses.
In der Übersetzung sind Ergänzungen, die zur Erläuterung des überlieferten Wortlauts dienen,

Sowie Quellenangaben bei Zitaten in [] gesetzt; erklärende Zusätze sind außerdem durch = gekennzeichnet.

 

 

 

  Zur Einführung in den Psalter

Mehr als irgendein anderes Buch des Alten Testamentes sind uns in ihrem Inhalt die Psalmen bekannt. Wie vertraut waren den Glaubenden zu allen Zeiten Psalmen wie 23: Vom guten Hirten, oder 84: „Wie lieblich sind deine Wohnungen", oder 103 mit: „Lobe den Herrn, meine Seele", oder auch 126: „Die mit Tränen säen" und andere mehr. Seit Calvin sind in den reformierten Gemeinden die Psalmen mit Melodien versehen und zum Gemeindelied erhoben worden. Und wie unendlich groß ist die Zahl jener Gläubigen, die im Laufe der christlichen zwei Jahrtausende das tiefste Seufzen ihrer Seele, den Inhalt ihrer Glaubenszuversicht oder den Ausdruck ihrer Gottesanbetung in den Psalmen gefunden haben.

Das ist einer der stärksten Beweise für den überzeitlichen Charakter, den die meisten Psalmen mit ihrem Inhalt haben. Je reiner von einem Menschen oder einem Volke das Göttliche in seiner Offenbarung und das rein Menschliche in seiner Wirklichkeit erlebt wird, desto heller spricht aus solch einem Erleben das, was überzeitlich und übervölkisch ist. Wie wahr sind daher Luthers Worte in seiner Vorrede auf den Psalter, wenn er sagt: „Wo findet man feinere Worte von Freuden, denn die Lobpsalmen oder Dankpsalmen haben? Da siehest du allen Heiligen ins Herze, wie in schöne, lustige Gärten, ja wie in den Himmel, wie feine, herzliche, lustige Blumen darinnen aufgehn von allerlei schönen, fröhlichen Gedanken gegen Gott und seine Wohltat. Wiederum wo findest du tiefere, kläglichere, jämmerlichere Worte von Traurigkeit, denn die Klagepsalmen haben? Da siehest du abermal allen Heiligen ins Herz wie in den Tod, ja wie in die Hölle. Wie finster und dunkel ist's da von allerlei betrübtem Anblick des Zornes Gottes... Und (wie gesagt) ist das das Allerbeste, daß sie solche Worte gegen Gott und mit Gott reden, welches macht, daß zwiefältiger Trost und Leben in den Worten sind. Denn wo man sonst gegen Menschen in solchen Sachen redet, gehet es nicht so stark von Herzen, brennet, lebet und dringet nicht so sehr. Daher kommt's  auch, daß der Psalter aller Heiligen Büchlein ist, und ein jeglicher in welcherlei Sachen er ist, Psalmen und Worte drinnen findet, die sich auf seine Sachen reimen und ihm ebenso sind, als wären sie allein um seinetwillen so gesetzt, daß er sie auch selbst nicht besser setzen noch finden kann noch wünschen mag..."

Man hat in der wissenschaftlichen Forschung nach dem Geheimnis dieser Eigenart der Psalmen gefragt. Hermann Gunkel lichtet dieses Geheimnis, indem er sagt: „Nicht was große Dichter mit all ihrer Kunst gebildet, sondern was schlichte Männer des Volkes gebetet, das ist im Psalter zusammengestellt." Die Psalmen wollen daher nicht bewundert, sondern nacherlebt, nicht gelesen, sondern gebetet werden. Es ist mithin verständlich, daß die Psalmen in ihren fünf nach und nach entstandenen Sammlungen mit der Zeit das Gebet- und Gesangbuch der israelitisch=jüdischen Gemeinde wurden. Wohl die wenigsten wurden zunächst etwa für diesen Zweck gedichtet. Was aber der einzelne als Heiligstes seiner Seele erlebte und in die Form eines Psalmes goß, wurde sehr bald die religiöse Sprache der Gemeinde. „Nicht geschrieben, sondern gesungen, nicht auf dem Papier, sondern im Leben haben wir uns diese Dichtungen vorzustellen" (Gunkel).

Tritt doch in vielen dieser alttestamentlichen Lieder und Gebete so stark das rein Persönliche oder Äußergewöhnliche zurück, daß man sehr oft, wo ein Psalm in der Ichform redet, fragen muß, ob der Sänger nur von sich persönlich spricht oder ob er unter dem redenden Ich die ganze Ge­meinde, sein Volk verstanden wissen will. Lieder aber, die so stark aus dem religiösen Gesamterleben des Volkes entstehen, werden sehr schnell auch Eigentum des Volkes.

Die Sammlung der in Israel lebenden Psalmen geschah daher auch nicht aus Privatinteressen. Sie wurde unternommen für den got­tesdienstlichen Gebrauch der Gemeinde. So lautet z.B. der große Lobgesang am Schluß der 4. Sammlung Psalm 106,48: „Gepriesen sei der HERR, der Gott Israels, von einem Äon zum anderen, und das ganze Volk sage: Amen. Halleluja!" Zwar ist nicht anzunehmen, daß die ganze Gemeinde die Psalmen sang. Sie wurden durch die Chöre der Leviten vorgetragen, und die Gesamtgemeinde fiel nur am Schluß mit Amen und Halleluja ein.

Dieses Gesangbuch der israelitischen Gemeinde hat den Namen Psalter erhalten. Es verdankt „seinen Namen der griechischen Bezeichnung für eine Handharfe", da der Psalter gleichsam „eine vielstimmige Harfe ist". Die griechische Übersetzung nennt die Lieder und Gebete des Psalters Psalmen, eine Benennung, die auch in die deutsche Sprache übergegangen ist. Nach dem Hebräischen heißen sie Lobgesänge. Diese Lobgesänge sind nach ihrem Entstehen in kleine Sammlungen vereinigt und für die Gemeinde aufbewahrt worden. Im Laufe von Jahrhunderten entstanden allmählich fünf Sammlungen oder Bücher, die heute den Inhalt des biblischen Psalters bilden. Buch I: Psalm 1—41, Buch II: Psalm 42—72, Buch III: Psalm 73-89, Buch IV: Psalm 90-106, Buch V: Psalm 107—150.

Wie diese fünf Bücher als Sammlungen entstanden sind, darüber gehen die Ansichten auseinander. Wahrscheinlich ist wohl, daß die Einteilung in fünf Bücher erst erfolgt ist, als bereits alle Psalmen in verschiedenen kleineren Sammlungen vorlagen. „Auf verschiedene Sammlungen", sagt Heinrich Wiese in seiner Psalmenübersetzung, „läßt auch der verschiedene Gebrauch des Gottesnamens schließen. In Ps. 1—41 steht der heilige Gottesname  Israels Jahve' (= der Seiende, Ewige; mit Luther dafür ,der HErr' gesetzt) 272 mal,  ,Gott' (Elohim) 15 mal; in Ps. 42—83 ,Jahve' 46 mal, ,Gott' 204 mal; in Ps. 84—150 ,Jabve' 362  mal, ,Gott' 13 mal. Ps. 14 und 53 Bieten wenig Verschiedenes; aber in Ps. 14 steht, Jahve, in Ps. 53 ,Gott. Aus Scheu vor Entheiligung des göttlichen Namens wurde seit etwa 300 v. Chr. das hebräische .Herr' (Adonai) für ,Jahve' gelesen. Sooft im hebräischen Text  ,Herr' vor ,Jahve' geschrieben steht, wurde ,Gott' (Elohim) für ,Jahve' gelesen."

Schwerer ist die Frage nach dem Verfasser, der Zeit der Entstehung und der geschichtlichen Veranlassung der einzelnen Psalmen. Wüßten wir darüber mehr, dann würde mancher Psalm noch viel eindrucksvoller zu uns sprechen. Zwar sind uns bei hundert Psalmen die Verfasser angegeben. 73 Psalmen werden David zugeschrieben, 2 gelten als Psalmen Salomos, 12 von Asaph, 11 von den Korachiten, je einer von Mose und von Ethan, dem Esrachiten, und 50 sind ohne Nennung der Verfasser. Die Forschung hat jedoch festgestellt, daß viele Psalmen erst längst, nach ihrer Entstehung eine Überschrift erhalten haben. Wir haben es mithin bei manchen Psalmen, wo uns der Verfasser auch genannt wird, dennoch mit einem unbekannten Sänger zu tun.

Leichter ist uns die Gliederung der Psalmen nach ihrem Inhalt. Wie stark die Psalmen in ihrem Inhalt oft voneinander abweichen, erkennt jeder Leser. Auch bewegen sich nicht alle auf derselben geistlichen Höhenlage. Die Verfasser standen oft auf verschiedenen Erkenntnisstufen. Bei tieferem Eindringen in den Inhalt läßt sich auch annähernd feststellen, welche Psalmen etwa vor der babylonischen Gefangenschaft, in derselben oder aber nach derselben entstanden sind. Entsprechend der Entstehungszeit spiegelt sich in ihnen auch die Glaubenswelt verschieden wider. Am stärksten spricht jedoch aus jedem Psalm zu uns das jeweilige persönliche Erleben des Verfassers oder der durch den Verfasser redenden Gemeinde. Innerhalb des Psalters haben wir daher Psalmen, die man als Gemeindehymnen bezeichnen kann.  Zu ihnen zählen alle jene Lieder, deren Inhalt eine anbetende Erhebung der Gemeinde zu Gott ist. Anbetung ist mehr als nur eine Äußerung des Dankes. Man huldigt in der Anbetung der Majestät, der Allmacht, der Weltregierung, der Größe Gottes, wie sie sich im Leben des Menschen, in der Geschichte und in der Schöpfung offenbaren. Ihr Grundton ist das so bekannte: „Halleluja", d. h. „Preiset Jahve". Sie wurden besonders an heiligen Tagen, bei festlichen Opfern und im Heiligtum während des Gottesdienstes gesungen. Verwandt sind den Hymnen die Dankespsalmen. Sie haben oft zum Inhalt ganz bestimmte Erlebnisse aus Nöten, Gefahren und Konflikten des Lebens. Trat in diesen Gottes Eingreifen und Durchhilfe besonders klar hervor, so löste sich die Freude über das Tun Gottes aus in besonderer Dankbarkeit. Die Dankpsalmen, zu denen sehr viele gehören, waren mithin entstanden aus dem Gotterleben einzelner oder aber auch des ganzen Volkes. Sie führen uns aber in jene Stunden und Zeiten, die ihnen vorangingen. Das zeigen uns besonders die Bußgebete. Wie oft ist der Inhalt vieler Psalmen oder ein wesentlicher Teil derselben tiefste Beugung vor Gott und der Schrei um Vergebung und Rettung. Sie reden mithin besonders stark davon, wie auch der israelitische Mensch und die Zeitalter vor Christus selbst nicht fertig zu werden vermochten mit ihrer Sündenfrage und ihren Niederlagen des Lebens. Die Barmherzigkeit Gottes mußte Fragen lösen, die kein Mensch zu lösen vermochte. Manche von diesen Liedern zählen zugleich zu den Klageliedern. Sie drücken besonders stark das Unglück, die Krankheit, die Enttäuschungen und Verzagtheit aus, die entweder der Sänger persönlich oder die das Volk durchlebte. Aus ihnen spricht in der Regel der ganze Schmerz einer menschlichen Seele und das ungeduldige Warten des Glaubens auf Gottes Eingreifen. Damit verbunden müssen auch die Hoffnungsgesänge genannt werden, deren Inhalt einen ausgesprochenen endgeschichtlichen Charakter trägt. Wenn wir auch die Quelle der großen Zukunftserwartungen Israels in den Propheten zu suchen haben, so sprechen im Anschluß an diese Männer mit ihrer prophetischen Schau doch auch manche Psalmen eine Erwartung auf den Messias und auf die Endvollendung aus, die weit über das allgemeine Hoffen des da­maligen Menschen hinausging. Hierher gehört u. a. Psalm 46.

Als messianissche  Psalmen im eigentlichen Sinne hat von jeher die christliche Gemeinde von der Erfüllung aus besonders folgende Psalmen gedeutet: Psalm 2, 20, 45, 72, 89, 110. In den messianischen Psalmen war zwar nicht immer alles gleichsam wie eine prophetische Schau in die ferne Heilszukunft. Zunächst wurde vom Beter nur ausgesprochen, was er persönlich in der Welt erlebte, was er von der Größe und Barmherzigkeit Gottes erwartete und welch eine Zukunft er zum Heil seines Volkes und der Welt herbeisehnte. Sein Erleben, seine Gebete und seine Erwartungen flossen aber so stark aus der Erleuchtung von oben her, daß sie prophetisch weit über den Sänger hinauswiesen, und zwar auf den Kommenden, der als der Gesalbte des HErrn die volle Erfüllung bringen könne.

Aus der Entstehungsgeschichte des Psalters ergibt sich mithin für die christliche Gemeinde die Notwendigkeit, zwischen Zeitlichem und Ewigem unter den Psalmen zu unterscheiden. Welch ein Unterschied zwischen einem Psalm wie dem 22., den Jesus am Kreuz zum Ausdruck seiner tiefsten Not und zugleich seines tiefsten Vertrauens machte — und einem der sogenannten Rachepsalmen, wobei zwar nicht übersehen werden darf, daß die „Feinde", von denen in diesen Psalmen die Rede ist, ihre Angriffe auch gegen den Gott Israels gerichtet hatten.

Zuletzt gibt es noch einzelne Psalmen, die einen ganz

besonderen Charakter tragen und die man als

 Gelegenheitspsalmen bezeichnen kann. Zu ihnen gehören z. B. die Wallfahrtslieder und andere, die sich auf eine ganz spezielle gottesdienstliche oder festliche Feier beziehen. Der ganze Psalter mit seinen Liedern bezeugt mithin, daß er inhaltlich eigentlich so reich und mannigfaltig ist, wie einst, das Leben und Erleben des israelitischen Volkes reich und mannigfaltig war. Aus ihnen spricht ja das Leben, nicht die Kunst.

Der Gott der Offenbarung, der einst den Betern und Sängern den Inhalt für ihre Lieder des Schmerzes und der Sehnsucht, des Gebetes und des Glaubens, des Dankes und der Anbetung gab, gebe auch uns erleuchtete Augen, um zu erkennen, welch ein Leben der Kraft und der Hoffnung, der Liebe und des Dienstes aus der Gemeinschaft mit ihm fließt.

Bei der Übersetzung und Auslegung dieser Psalmen sind besonders die Psalmenkommentare von Johann H. D. Moldenhauer, F. Hitzig, Bernh. Duhm, Samson R. Hirsch, Friedrich Baethgen, Josef Nobel, Franz Delitzsch, W. Staerk, Arnold B. Ehrlich, Rudolf Kittel, Edmund Kalt und schließlich A. Weiser berücksichtigt und benutzt worden. Als hebräischer Text diente hauptsächlich der von F. Buhl in der von Rudolf Kittel herausgegebenen Biblia Hebraica.

Auch in deutscher Übersetzung wollen die Psalmen als Lied gelesen werden, daher ist  zwar nicht die Metrik des hebräischen Textes, wohl aber nach Möglichkeit eine poetische Form in der Übersetzung gewahrt worden; die Erforschung des Sinnes stand aber über der Gestaltung der Form.  Die Erklärungen selbst erheben zwar nicht den Anspruch, wissenschaftlich zu sein, der Kundige jedoch wird merken, daß sie einer wissenschaftlichen Grundlage nicht entbehren. Um jede Störung beim Lesen des Büchleins zu vermeiden, sind Textanmerkungen und Quellenangaben stets an den Schluß der Auslegung verlegt worden. Die Psalmen 42, 43, 46, 73, 84 sind vor Jahren in dem vergriffenen Büchlein "Vom Heimweh der Seele" erschienen, nun aber gekürzt und neu bearbeitet mit in diese Sammlung aufgenommen.

 

1.  Zwei Lebenswege                   PSALM 1

Psalm 1 1)

1.  Heil2) dem Mann,

der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, der nicht tritt auf den Pfad der Sünder, noch Sitzet im Kreise der Spötter,

2.der vielmehr sich erfreut an der Offenbarung3) des HErrn und seine Unterweisung4) Tag und Nacht zu erforschen sucht.

3.Er gleicht einem Baum, verpflanzt5) an Wassergräben, der hinfort seine Frucht trägt zur rechten Zeit

und dessen Blätter niemals welken:

Denn alles, was er unternimmt, führt zu gutem Ende.  

4.wie anders sind die Gottlosen!

wie Spreu sind sie, die vom Winde verweht wird.

5.Daher bestehen die Gottlosen auch nicht im Gericht, noch bleiben die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.

6.Denn es kennt der HErr den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg führt ins Verderben.

Der erste Psalm ist eine kleine Menschheitsgeschichte. Er zeigt die zwei verschiedenen Grundhaltungen des Lebens, zu welchen der Mensch zu allen Zeiten fähig war. Entweder wandelt er im Lichte und in der Kraft der göttlichen Offenbarung. Alsdann wird sein Leben zu einem Wege, der zum Heile führt. Oder er läßt sich in seinen Handlungen bestimmen durch sündliche Neigungen und irregeleitete Stimmungen, und sein Leben wird ein Weg des Verderbens.

Der tiefe Grundgedanke, von dem der Psalm in seinen Ausführungen bestimmt wird, ist mithin nicht die pharisäische Vergeltungslehre, wie sie im späten Judentum so stark betont wurde. Nicht der „Schriftgelehrte" aus der Zeit Jesu und selbstgerechte Pharisäer spricht hier zu uns. Es geht um viel Tieferes, als nur um ein unausgesetztes  Studium des Gesetzes jener Schriftgelehrten. Es geht um Gott und um des Menschen lebendige Glaubenshaltung der göttlichen Offenbarung gegenüber. Wer diese Glaubenshaltung nicht findet und Sein Leben bestimmt ohne Gott, der wird im Gericht die Frucht seines Handelns ernten.

 

 

I. Vom Weg zum Heil

handelt der erste Teil (Vers 13). Er preist den Mann glücklich, dessen Leben jene Glaubenshaltung gewonnen hat, die nicht ins Verderben führt, ihn vielmehr wie Abraham zu einem Gesegneten und Segnenden macht.

 

1. Heil dem Mann,

der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, der nicht tritt auf den Pfad der Sünder, noch sitzet im Kreis  der Spötter.

Das hebräische Wort für „Heil" oder „glücklich" oder „selig" bedeutet hier mehr als nur einen frommen Wunsch: es ist die Aussage einer Erfahrungswirklichkeit. Es entspricht dem „selig" unseres HErrn und Heilands am Anfang so mancher seiner Reden in den Evangelien, besonders der Seligpreisungen.

Einen Weg zum Heil und einen Weg ins Verderben, die der Mensch gleichsam vor sich liegen sähe und den einen oder anderen erwählen könnte, gibt' es an sich eigentlich nicht. Der eine oder andere Weg ergibt sich immer erst aus der Haltung des Menschen, die er entweder Gott oder der Welt gegenüber einnimmt. Wer wie Noah mit Gott im Lichte seiner Offenbarung wandelt, dessen Leben wird zu einem Wege, auf dem er sich von Segen zu Segen, von Kraft zu Kraft, aus Erkenntnis in Erkenntnis geführt sieht. Auf sich und seine eigene Kraft eingestellt, den Trieben und den Lockungen des Lebens folgend, in allem Ringen und Dienen nur sich selbst suchend, endete der Mensch jedoch immer wieder wie der verlorene Sohn in der Fremde und zuletzt bei irgendeinem Trebertrog.

Daher stand der Mensch zu allen Zeiten dauernd vor der Entscheidung: mit Gott oder ohne Gott sein Leben zu bestimmen. Mit Gott wird zwar das Leben zu einem Wege, der einsam ist, der Opfer verlangt, der aber dennoch zum Heile führt. Jesus nennt ihn den schmalen Weg, den nicht viele gehen. Es ist der Weg heiliger Absonderung, der Weg des Gottverhaftetseins, der Weg des Glaubens eines Abraham, der Propheten und Apostel. Sie wurden alle aus der Welt in die Gemeinschaft mit Gott berufen, gelöst vom Geiste und den Strömungen ihrer Zeit und in ihrem Gehorsam und Dienst an Gott und dessen Offenbarung gebunden. Jesu Jünger sind zwar in der Welt, aber nicht mehr von der Welt.

 Es gehört zwar eine große Glaubensentscheidung dazu, seinen Wandel nicht durch den Rat der Gottlosen bestimmen zu lassen, nicht auf den Pfad der Sünder zu treten und sich nicht im Kreise der Spötter niederzulassen. Der Glaube muß hier sein heiliges Nein zu Menschen Sprechen, deren Leben nur sich selbst, die Welt und die Sünde bejaht, die aber die Abhängigkeit ihres Seins und Handelns von Gott verneinen. Wer sind die „Gottlosen", die „Sünder", die „Spötter"?

Wenn der Sänger hier von Gottlosen spricht, so charakterisiert er mit dem Ausdruck jene Gesetzlosen, die sich, wie der verlorene Sohn, jeder höheren Autorität oder Führung entzogen haben. Sie leben ohne Gesetz d. h. ohne Offenbarung Gottes, ihres Vaters, die zu ihnen sprechen, sie erleuchten und sie führen will. Auch die alttestamentliche Offenbarung wollte nie knechten, nie nur verpflichten. Auch sie wollte bringen, begnadigen und dem Volke, zu dem sie sprach, zur Erlösung werden. Wer sich jedoch der Offenbarung Gottes entzieht, läßt sich entweder durch seine persönlichen Neigungen oder durch den Einfluß anderer leiten. Ohne Offenbarung reift der Mensch entweder zur reinsten Selbstsucht oder zu einem Massenmenschen aus. Heilige Charaktere und starke Persönlichkeiten, die wie Philippus  anderen zu einem Führer zum Leben wurden (Apostelg. 8,29ff.), reiften im Umgang mit Gott und in der Abhängigkeit von dessen Offenbarung aus. Die dunkelste Zeit im alten Israel war daher jene Zeit der Richter, in welcher ein jeglicher tat, was er wollte.

Eine weitere Gruppe von Menschen sind die „Sünder", ein Wort, das man mit „Übertreter" übersetzen könnte. Denn es handelt sich bei ihnen nicht in dem Sinne um Sünder, wie wir alle Fehlgehende sind. Kein Mensch weiß von einem Leben, das nicht je und je ein Abweichen vom Wege der göttlichen Offenbarung gewesen wäre. Hier werden jedoch Menschen bezeichnet, denen ihr leichtsinniges Fehlgehen oder Sündigen zur Natur geworden ist. Ihr Abweichen von der göttlichen Offenbarung und ihre Hingabe an alles, was die Welt als Sünde zu bieten vermag, macht ihnen keine inneren Skrupel mehr. Das Sündigen berührt ihr Gewissen nicht mehr, denn in der Welt der Sünde wurden sie heimisch.

Eine dritte Gruppe sind die „Spötter". Ihnen ist Gott in seinem unumschränkten Walten, in seinem geoffenbarten Wort und in seiner vergebenden Liebe zum Inhalt ihres Spottes geworden. Ihre Zusammen­künfte benutzen sie, Propheten zu verhöhnen, die die ihnen gewordene Botschaft Gottes verkünden. Sie belächeln jene frommen, die wie einst Henoch, Noah, Abraham, Samuel versuchten, mit Gott zu wandeln. Sie ergossen ihren Spott über jene Offenbarungstreuen, die im Tempelbesuch, im Opferdienst und in der Sabbatheiligung immer noch den Ausdruck ihrer Glaubenshingabe an Gott fanden.

Es gehörten zu diesen Zirkeln zur Zeit des Psalmisten besonders jene Griechenfreunde, die aus der Aufklärung der Griechen eine völlig neue Weltanschauung" als Glaubensersatz  gewonnen hatten. Ihnen waren Kunst und Wissenschaft, Sport und Gesellschaft der neue Inhalt ihres Lebens geworden. In ihren Sitzungen wurde vielfach in bestechender Weise "Niedriges und Gemeines als etwas Hohes und Sittliches, dagegen geistig und Sittlich Hohes und Heiliges als Torheit und Wertloses dargestellt und geistreich verspottet". Es ist dies jene fluchwürdige Kunst der falschen Beredsamkeit und des Lächerlichmachens, durch welche Unbefestigte und Schwache so leicht ins Verderben geführt werden können.

Heil dem Menschen, der dieses Gehen — Stehen — Sitzen, diesen Rat der Gottlosen, diesen Weg der Sünder, diesen Sitz  der Spötter durch seine Glaubenshaltung zu Gott verneint. Denn diese Stufenleiter führt hinab ins Verderben. Es liegt im Wesen des Menschen, daß er durch sein Unabhängigsein von Gott zum Schwankenden und Leichtfertigen, zum Spottenden und Anbetenden des Gegenwärtigen wird. Wer die Abhängigkeit von Gott als seinem Vater verlor, endete noch immer in der Knechtschaft der Dinge dieser Erde.

Dieses Nein des Glaubens Gottlosen, Sündern und Spöttern gegenüber hat aber in Gott und in dessen Offenbarung seine Quelle.

2. der vielmehr sich erfreut an der Offenbarung des HErrn und seine Unterweisung Tag und Nacht zu erforschen sucht

Das ist das Geheimnis. Erst Menschen, die zu Gott und seinem Gesetz grundsätzlich ja sagen können, gewinnen auch die Kraft und den Mut, zur Welt nein zu sagen. Wenn der Psalmist hier vom Gesetz  spricht, so versteht er darunter die fünf Bücher Mose. Sie waren ihm die Zusammenfassung der göttlichen Offenbarung, wie sie von seinen Vätern und seinem Volke erlebt worden war. Im Lichte der Thora, d. h. des Gesetzes, hatten sie ihren Weg gefunden, in der Kraft der Offenbarung hatten sie die Welt überwunden. Das Gesetz als Unterweisung des Herrn hatte ihnen eine ganz neue Lebensordnung für Gegenwart und Zukunft gegeben.

Aus diesem Quell allein kann auch die Kraft für den Gerechten in den Tagen des Sängers fließen. Die Thora bleibt ihm Offenbarung, das Sprechen Gottes ist ihm jene Unterweisung, die ihm Tag und Nacht dienen soll. Damit sind hier nicht jene späteren Schriftgelehrten gemeint, die sich in ihren Lehrhäusern darüber den Kopf zerbrachen, „ob man ein am Sabbat gelegtes Ei essen dürfe". Wohl auch nicht jene gesetzlichen Frommen, die mitten in der Nacht in einsamer Zelle Gebete sprachen und Psalmen sangen. Wie es heute Menschen gibt, die im Geiste der Bibel leben, ohne sklavisch die Bibel zu lesen, so gab es damals Gottesfürchtige, denen das Gesetz als Wort Gottes lebendig geblieben war. Das wird hinfort ausgedrückt durch das Gleichnis vom Baum, verpflanzt an Wassergräben.

 

  3.Er gleicht einem Baum, verpflanzt; an Wassergräben, der

hinfort seine Frucht trägt: zur rechten Zeit und dessen Blätter niemals welken: Denn alles, was er unternimmt, führt zu gutem Ende.

Das Geheimnis, daß der Baum auch in Zeiten der Dürre grünt und Früchte trägt zur rechten Zeit, ist sein an Wassern ruhendes Wurzelgebiet. Denn Wasser ist für den Sänger hier Bild jener Lebenskräfte, die allein zur Auferstehung und zur Reife des Lebens führen können. Für das quellenarme Palästina ein sehr sprechendes Bild. Erst wenn der Regen über die steinigen Höhen und über die dürren Täler zieht, erwachen Gras und Blume wieder zu neuem Leben. Ziehen am Anfang der Sommerzeit erst die heißen Stürme von Südosten her über das Land, dann erstirbt alles an der Glut der Sonne. Auch alle Bäche vertrocknen, nur jene nicht, die von lebendigen Quellen gespeist werden. An den Ufern dieser Bäche und Wassergräben wechseln dauernd sich Frühling und Herbst ab.

Besonders anschaulich hat der Prophet Hesekiel in diesem Bilde von den Segnungen einer messianischen Heilszeit geredet (Kap. 47,1 ff.). Er spricht in seiner prophetischen Schau von einer Quelle, die vom Heiligtum zu Jerusalem ausgeht und als ein lebenspendender Strom durch das Land fließt. An seinen Ufern herrscht blühendes Leben und gelangt jede Frucht zur Reife. Das war das Geheimnis der göttlichen Gnade zu allen Zeiten, daß sie mit ihren schöpferischen Kräften je und je hinabstieg in das Leben auf Erden und jene Menschen schuf, die in der Schrift „Gerechte" und „Heilige" genannt werden. Sie waren es nicht von sich aus, nicht in sich, sondern auf Grund ihrer Gemeinschaft mit Gott, der seine Hand auf sie gelegt hatte.

Zwar kennen auch sie, wie jeder andere Mensch, die Glut der Leiden, die Härte der Prüfung, ja Stürme der Anfechtung und Versuchung, — oft noch mehr als andere. Anstatt aber in dunklen Stunden zu zerbrechen, wirkt sich in ihnen eine Kraft aus, die stärker ist als jene Kräfte des Todes, durch welche sie sich bedroht sehen. Welch eine Wolke von Zeugen enthält doch die Geschichte der Heiligen, die durch ihr Leben bewiesen haben, daß ihnen gerade in Zeiten schwerster Leiden und Prüfungen die höchsten Segnungen erschlossen wurden. „Wer seine Kraft aus den Quellen des Heiligtums schöpfte, dessen übernatürliches Leben stirbt niemals ab." Was mithin die Gerechten stark bleiben läßt, während andere sich in ihrer Kraft verbrauchen, was sie zum Segen werden läßt, während andere in ihrem Dienst versagen, das ist ihre lebendige Verbindung mit jenen höheren Kräften der Gnade, die sich nie verausgaben (vgl. Joh.15,1—8).

Daher enttäuschen die Gerechten auch nicht, wenn zur rechten Zeit von ihnen Frucht erwartet wird. An den „Thoraquellen" wachsen zwar keine Treibhauspflanzen, die vorzeitig blühen und Früchte tragen, aber Menschen gleich Bäumen, deren Blätter nicht welken und deren Früchte zur Reife gelangen. Auch zur Zeit der Fruchtreife haben sie die erforderliche Kraft, die Frucht bis zu  ihrer Reife auszutragen. So sieht   der Gerechte sich begnadet, bis zu Ende durchzuführen, was er unternimmt. Er schöpft aus den Kräften, die ihm aus der Offenbarung Gottes werden.

 

II. Der Weg zum Verderben (Vers 4 —6).

Das Leben an sich ist kein Verderben, es kann aber zu einem Weg des Verderbens werden. Entscheidend ist dafür wiederum die Grundeinstellung des Menschen.

 

4.  Wie anders sind die Gottlosen!

Wie Spreu sind sie, die vom Winde verweht wird.

Während der Baum an Wasserbächen auch zur Zeit der Fruchtreife sein vollsaftiges Leben behält, verliert die Hülse des Korns während der Sommerhitze ihr Leben. Die Frucht reift, sie selbst wird Spreu. Sie verliert die Verbindung mit dem Leben, und die Ernte wird ihr Gericht. Kommt sie auf die Tenne, wird sie nicht eingesammelt, sondern verweht.

 

5.  Daher bestehen die Gottlosen auch nicht im Gericht,
noch bleiben die  Sünder in der Gemeinde der Gerechten.

Das ist die Deutung des Bildes. So will der Psalmist es verstanden wissen. Während in Gerichtszeiten Gerechte offenbaren, was ihr Leben bisher an Trost, an Friede, an Kraft, an Hoffnung im Umgang mit Gott gewonnen hat, zerbricht das Leben der Gottlosen. Es schöpfte seine Kraft allein aus den Quellen der Welt, nun zerbricht es an der Härte der Welt. Den Gottlosen muß Gericht wirklich zum Gericht werden, während für die Gerechten es die Zeiten sind, wo sie ihre Frucht abgeben, damit sie zu neuem Leben für andere werde.

Welch eine klare Schau vom Leben des Menschen, gewonnen im Umgang mit Gott und im Lichte der Ewigkeit! Sie ist durch die Geschichte gerechtfertigt worden. Jedes Leben gelangt zur Reife, und dann offenbart sich, von welchen Kräften es sich nährte. Wer auf Fleisch baute, wird vom Fleisch Verderben ernten. Gottlose Bestehen nicht im Gericht, Sünder bleiben nicht in der Versammlung der Gerechten. Gerichte überdauert nur, wer über den Gerichten steht, in der Versammlung der Gerechten bleibt, wer in Glaubensgemeinschaft mit dem Gott der Gerechten lebt, mit dem Gott, der den Sünder gerecht spricht. Denn wer in seinem Leben sich selbst überlassen bleibt, der endet im Verderben. Gelöst vom Licht, muß es Nacht werden, getrennt von Gott, muß das Leben im Gerichte enden.

 

6. Denn es kennt der HErr  den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg führt ins Verderben.

Im Leben stehen Gerechte und Ungerechte nebeneinander. Hier kann sich der Mensch mit einer Maske, mit einem falschen Schein umgeben. Mancher redet wie ein Lamm und ist doch gleich einem Wolf im Schafpelze. Andere sind wie jene sieben Tausend in den Tagen des Propheten Elia, die ihre Knie nicht beugten vor Baal, nicht opferten auf den Altären der fremden Götter. Sie waren da als jene Stillen im Lande, die auch in dunkelster Zeit ihren verborgenen Umgang mit Gott pflegten. Dem HErrn sind aber Gerechte und Ungerechte offenbar. Und daß der HErr ihn und seinen Weg kennt, darin liegt für den Gerechten die Gewißbeit und Hoffnung, auch  im Gericht nicht zuschanden zu werden. Zwar wird im Feuer des Gerichts auch im Leben der Gerechten alles verbrennen, was nicht aus dem Glauben geboren wurde. So oft auch Gerechte auf Fleisch säten, mußten sie vom Fleisch das dem Fleisch entsprechende Verderben ernten. Der Gerechte lebt daher in dauernder Entscheidung, Früchte zu tragen, die durch die Kraft des Geistes in ihm gewirkt werden, oder aus eigenem Können Werte zu Schaffen, die die Feuerprobe nicht bestehen. Denn Gottes Gerichte sind gerecht. Nur Leben, das aus dem glaubensvollen Gottverbundensein floß, wird von Gott gerechtfertigt werden.

Untergehen muß aber der Gottlose, denn ihm wird sein Weg zum Gericht. Er liebte die Finsternis mehr als das Licht, nun endet sein Leben in Finsternis. Wo immer Gott in seiner Gegenwart und mit seinem Lichte fehlt, da herrscht die Nacht und nicht das Licht, da triumphiert der Tod und nicht das Leben. Das ist Verderben. Welcher Art dieses Verderben ist, ob es einen mehr seelischen oder physischen Untergang bedeutet, stellt der Psalmist hier nicht näher fest. Ihn erfüllt nur die ganze Schwere seiner Schau, daß sich ein Leben ohne Gott weder im Gericht noch im Tobe gerechtfertigt sieht.

Solch eine klare Beurteilung der zwei grundlegenden Lebenswege der Menschheit konnte zu allen Zeiten nur von Menschen gewonnen werden, die das Leben von Gott her zu sehen und einzuschätzen wagten. Nicht etwa der Mensch in seinen natürlichen Lebensenergien, auch nicht der fromme in seiner gesetzlichen Frömmigkeit ist ihnen das Geheimnis, daß es Gerechte gibt, um deren Weg sich Gott kümmert und der mithin nicht ins Verderben führt. Das Geheimnis ist ihnen Gott in seinem Gesetz und der Mensch in seiner Glau-benshingabe. Reden diese Gerechte vom Gesetz, so verstehen sie darunter nicht etwa eine veräußerlichte oder erstarrte Gesetzesreligion. Ihnen ist das Gesetz der sprachliche Ausdruck des geoffenbarten Willens Gottes, durch den das ganze Leben zu seinem Heile bestimmt werden soll. Und stellt ihr Glaube sich im Gehorsam auf den erkannten Willen Gottes ein, dann liegt für sie darin nichts Knechtendes, sie erleben vielmehr in dieser Hingabe die seligmachenden Kräfte der unvergänglichen Welt.

Gewiß haben später Jesus und die Apostel noch weit klarer über die zwei Wege unseres Psalms gesprochen. Entsprechend dem vermehrten Licht, das sie von Gott der Welt zu bringen hatten, waren auch ihr Wort und ihr Zeugnis weit klarer als das der alttestamentlichen Gottesknechte. Ihr Evangelium stand aber nicht im Gegensatz  zu jenen bleibenden Grundlagen jeglicher Glaubensgemeinschaft mit Gott, wie sie bereits auch durch den ersten Psalm in so schlichter Klarheit bezeugt worden ist.

Anmerkungen zu Psalm 1

1) Man nimmt an, daß der Dichtet des 1. Psalms ein Zeitgenosse des Jeremia war. Hieronymus sagt in seinem Kommentar, daß die Juden ihn auf den frommen König Josia deuteten. Sie bezogen die „Empfehlung des Studiums des Gesetzes" auf die im Jahre 622 erfolgte Auffindung des Gesetzes. Seit Basilius wird der 1. Psalm von vielen als Vorrede für den ganzen Psalter gehalten. In einzelnen hebräischen Handschriften wird er auch nicht gezählt, in ihnen ist der 2. Psalm der erste.

2) Das „Heil!" = „glückselig!" umfaßt hier sowohl das seelische als auch das körperliche und soziale Wohl des an das Gesetz des HErrn gebundenen Menschen.

3) In dem Begriff „Thora" liegt der Sinn sowohl von Offenbarung als auch  der Unterweisung.

4) Die Liebe zur Thora und das heiße Verlangen nach ihrer Unterweisung bezeichnet hier nicht die später so stark und gesetzlich betriebene Geistestätigkeit der Schriftgelehrten, sondern die Sehnsucht, daß die Offenbarung mit ihrem Licht das ganze Leben der Menschen durchdringen und bestimmen möchte.

5) Im Unterschied zum einfachen „pflanzen" ist hier bewußt das Wort für „verpflanzen" gebraucht, Bäume und Weinstöcke wurden zwecks Veredlung verpflanzt.

 

 

 

 

2. Preis der Majestät Gottes        Psalm 8

 

Überschrift: Dem Musikmeister bei den „Keltern" 1). Psalm Davids

2. HErr, unser Herrscher!

Wie erhaben ist dein Name 2) über der ganzen Erde 3), der du kund tust deine Majestät droben am Himmel!

3. Aus der Kinder und Säuglinge Mund hast du eine Macht 4) bereitet,
deinen Gegnern zum Trotz,

um zum Schweigen zu bringen 5) deine Feinde und Widersacher 6).

i.        Denn Schaue ich deine Himmel, deiner Hände Meisterwerk, Mond und Sterne, die du hast geschaffen

ii.        was ist dann der Mensch, daß du Seiner gedenkst,

und was des Menschen Sohn, daß du nach ihm siehst?

6.Und doch hast du nur weniges vom Göttlichen 7) ihm Versagt, du hast ihn gekrönt mit Herrlichkeit 8) und Würde.

7. Du Setzest ihn zum Herrscher über die Werke deiner Hände,

du hast ihm alles zu Füßen gelegt:

8.Sowohl Kleinvieh wie Rinder als auch das Wild des Feldes,

9.[selbst] die Vögel des Himmels, wie die Fische des

Meeres, ja was auch immer die Pfade der Meere durchzieht.

10. HErr, unser Herrscher!

Wie erhaben ist dein Name über der ganzen Erde!

Es bleibt das Gewaltige und Einzigartige der Bibel, daß sie von Anfang an nicht den Menschen, sondern Gott zu ihrem Mittelpunkt hat. Sie kann sich die Entstehung einer Schöpfung nicht ohne den entsprechenden Schöpfer denken. Den Untergang von Noahs Zeitalter begreift sie nur, indem sie Gott richtend hinter dem erschütternden Ereignis sieht. Den Auszug Abrahams, die Errettung der Söhne Jakobs aus dem ägyptischen Sklavenhause bringt sie aufs engste mit der Offenbarung und dem Handeln Gottes in Verbindung. Die Erlösung des Menschen durch Christus und eine letzte Endvoltendung ist  ihr letzthin  nichts anderes als die große Heilsbotschaft der Barmherzigkeit Gottes, die in ihrer Größe auch den vom Vaterhause Entferntesten erfassen soll. Nicht nur im Anfang, nicht nur in der Geschichte, bis in die Vollendung hinein sieht sie Gott. Wer sich daher mit den Geschichten und den Zeugnissen der Bibel beschäftigt, muß überall Gott begegnen. Nicht etwa nur, wie der Mensch der Vergangenheit sich Gott gedacht hat. Man lernt Gott sehen, wie er sich dem Menschen je und je in Gnade und Gericht offenbarte. So auch der Sänger unseres Psalmes. Er hat ein offenes Auge und ein tiefes Verständnis für die Herrlichkeit der Schöpfung, wie sie am Himmel, auf der Erde und schließlich am Menschen erscheint. Aber in dieser Herrlichkeit der Schöpfung sieht er nur die Offenbarung der Majestät des Schöpfers.

 

I. Der HErr in seiner Majestät als Schöpfer des Weltalls (Vers 2 Bis 4).

 

Der Psalmist beginnt mit einer anbetenden Bewunderung Gottes:

 

2.HErr, unser Herrscher!

Wie erhaben ist dein Name über der ganzen Erde, der du kund tust deine Majestät droben am Himmel!

 

Das ist es, was zunächst die Seele des Sängers ergriffen hat. Er wußte, nicht die Welt hat sich ihren Gott, sondern Gott hat sich seine Welt geschaffen und sie zum Schauplatz seines Wirkens und zur Offenbarung seiner einzigen Majestät und Erlösung gemacht. Wie einst Paulus im Antlitz Jesu Christi die Herrlichkeit Gottes leuchten sah (2. Kor. 4,6), so leuchtet dem Sänger in allem Geschaffenen die Hoheit und Erhabenheit des ewig Schaffenden und Herrschenden auf. Mit Recht heißt es in einer der neuesten Psalmenauslegungen: „Der achte Psalm ist ein Lied, das nie veralten kann, dessen Wahrheiten vielmehr um so tiefer erfaßt werden, je mehr die Naturwissenschaft die Unermeßlichkeit des Weltalls erforscht und aus ihr die Unendlichkeit ahnt, und je tiefer das christliche Denken in die Erhabenheit der übernatürlichen Gottes-ebenbildlichkeit des begnadeten Menschen einzudringen vermag9)."

Wenn eine Zeit wie die heutige, müde von allem knechtenden Menschenwerk, wieder so stark zur Natur und ihren Kräften, zur Schöpfung und ihrer Harmonie und Schönheit zurückzukehren sucht, so wird sich auch ihr um so mehr das Ewige enthüllen, je tiefer sie in allem Geschaffenen die Herrlichkeit und Herrschaft des Schöpfers schaut. Denn die Schöpfung verträgt keine Anbetung. Sie wird zum Tyrann, sobald sie den Schöpfer ersetzen soll und der Mensch vor ihr und ihrer Schönheit und ihren Kräften als vor seinen Göttern kniet. Völker der Vergangenheit gingen unter in ihrem Götterglauben und in ihrem Götzendienst, da sie zwar huldigend vor den Kräften der Schöpfung, aber nicht in hingebender Anbetung vor dem Herrn der Schöpfung knieten.

Kein Wunder, daß der große Naturforscher Newton, innerlich immer wieder ergriffen und überwältigt von dem Anblick der himmlischen Welten, jedesmal sein Haupt entblößte, wenn er den Namen Gottes aussprach. Denn wer auf den Schwingen des Lichts die Räume des Himmels durchschreitet, um seine Reiche zu messen, seine Ordnung zu durchforschen, der Harmonie seiner Gesetze   lauschen, den Takt seiner Kräfte und Bewegungen zu zählen, dem wird klar, daß dieser harmonische Bau der unendlichen Himmelswelten die schöpferischen Gedanken und den Reichtum des Geistes dessen rühmen will, der von Ewigkeit her sein Baumeister war. „Hebet  eure Äugen in die Höhe und sehet! Wer hat diese Welten geschaffen und führet ihr Heer bei der Zahl heraus und nennt sie alle mit Namen?" (Jes. 40, 26) ruft Jesaja seinem entmutigten Volke zu. Wahrlich, die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und ein Ozean des Lichts strömt vom Throne seiner Majestät!

Wenn es Tatsache ist, daß die Forscher in unserer himmlischen Lichtwelt schon so manchen glänzenden Stern verlöschen sahen und entdeckten, wie andere plötzlich aufleuchteten, so ist damit nur festgestellt, wie ein unendlicher Strom ewigen Werdens den Weltenraum durchzieht und beherrscht. Wo ist nun der Ursprung dieses Schöpferischen Lebensstromes, wo der Urquell dieses unerschöpflichen Lichtes? Wo suchen wir den Feuerherd, dem all  diese  Himmelsfunken entglommen sind und ewig neu entglimmen, wo ist die Kammer jener Urkraft, welche die Tausende und aber Tausend neuer Welten ins Dasein ruft? Darauf antwortet die Bibel für ewige Zeiten: „Am Anfang Schuf Gott die Himmel und die Erde!"

Unermeßlich sowohl nach Raum als auch nach Zeit bleibt für unsere menschliche Fassungskraft das kosmische Reich Gottes, das die Bibel mit den zwei kurzen Begriffen „die Himmel und die Erde" umschreibt. Bei all unserer verstandesgemäßen Überlegenheit über das Stoffliche und Kreatürliche, bei allem Fortschritt unserer Naturerkenntnis und unserer technischen Weltbeherrschung bleiben Himmel und Erde doch für uns ein Mysterium, ein Geheimnis. Unser bewaffnetes Auge mißt nicht seine Fernen. Unsere menschlichen Maße umspannen nicht seinen Raum. Unsere Zeit zählt nicht ihre Ewigkeiten. Keine Kraft kündet uns das Geheimnis ihrer Energien, kein Bild malt uns die Fülle ihrer Herrlichkeiten, kein Lied singt uns den vollen Psalm ihrer unendlichen Sphären.

Wenn in diesen Welten, „Himmel und Erde" genannt, nun alles Leben mit seinen ewigen Gesetzen und Ordnungen wie eine einheitliche große Symphonie wirkt, welche das große Halleluja wie in einem Tempel Gottes wiedergibt — ihn aber, Gott selbst, vermag die endliche Schöpfung doch nicht zu fassen. Denn bei aller scharfen Betonung der Entstehung des Geschöpfes vom Schöpfer läßt die Offenbarung doch nie den Schöpfer aufgehen in seinem Geschöpf. Sie stellt die geschaffene Welt in ihrem Dasein und Fortbestehen immer als selbständiges Objekt vor ihren Schöpfer und Meister, Erhalter und Regierer. Gott bleibt für die Schöpfung ewig das göttliche Ich, sie ist für Gott ewig nur das geschöpfliche Du.

Denn alles Geschaffene ist endlich, der Schöpfer jedoch unendlich. Alle Welten vermögen seine Majestät nicht zu fassen. Er wandelt sie alle wie ein Gewand. Für seine göttliche Allgegenwart gibt es keine Entfernung, für seine Allmacht kein Geheimnis der Kräfte. Sein heiliger Wille vermag jeden Augenblick der Zeit zu bestimmen, er herrscht im engsten Winkel wie in den entferntesten Welten seiner Schöpfung. Er wacht über die Geschehnisse der Weltgeschichte und antwortet auf die Seufzer der Gebeugten und das Flehen der Gerechten. „Der Erhabene, der ewig thront, dessen Name der Allmächtige, der Heilige ist, wohnt in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die demütigen Geistes sind, daß er den Geist der Demütigen und das Herz der Zerschlagenen erquicke" (Jes. 57,15).

Vor ihm gibt es auch kein Entrinnen der Gottlosen, selbst wenn man sich bewußt wie Kain vom Angesichte des Herrn zu entfernen sucht. Denn „nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußerten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen, und deine Rechte mich hal­ten". Alles Tun der Menschheit trägt sich vor ihm ein wie in ein Buch, und kein Fluch vermag sich vor ihm in Segen, keine Schandtat in Unschuld und keine Finsteres in Licht zu hüllen. Ihm entgeht aber auch nicht der leiseste Psalm der Schöpfung, das kleinste Lobopfer der Liebe, der tiefste Angstschrei der Seele und der verborgenste Seufzer der Gerechten (Ps. 139,9.10). Fürwahr: ein wunderbarer Gott, den der Mensch sich nicht aus denken, sich nicht vorstellen kann — der in einem Lichte wohnet, da niemand zukommen kann, und der uns dennoch nahe ist in seiner Offenbarung, Gnade und Erlösung!

Und doch sagt unser Psalm, daß Gott seine Feinde und Widersacher hat. Es sind jene, die über  den Segen der Erde nicht zum Segnenden gekommen sind. Sie bewundern das Meisterwerk, verschließen sich aber dem Geiste des Meisters. Sie erkennen nicht, daß im Uranfang Gottes Schöpfergedanken zu unendlichen Schöpfungsakten wurden. Denn vor der Schöpfung des Weltganzen war alles zu Schaffende zunächst nur in den Gedanken des Schöpfers vorhanden10).

Wie zahlreich Gottes Feinde in jedem Zeitalter waren, erzählt uns der Verlauf der Weltgeschichte. Gott war aber groß genug, sich zu jeder Zeit Bollwerke ihnen gegenüber zu schaffen. Unser Sänger nennt hier nur eins derselben:

3. Aus der Kinder  und Säuglinge Mund hast du eine Macht bereitet, deinen Gegnern zum Trotz, um zum Schweigen zu bringen deine Feinde und Widersacher.

Wenn wir auch nicht genau feststellen können, wen der Sänger unter „Kinder und Säuglinge" verstand, jedenfalls will er den Ton darauf legen, „daß schon aus Kindermund" dem HErrn Preis und Ruhm dargebracht werden. Da im biblischen Zeitalter Kinder von drei Jahren oft noch Säuglinge waren, so dürfen wir die beiden Begriffe nicht zu enge fassen. Schön ist die Bemerkung eines Auslegers zu dieser Stelle: „Der Vers bringt den schönen und ewig wahren Gedanken zum Ausdruck, daß der beim Anblick der Herrlichkeit Gottes in der Natur an Himmel und Erde vor Staunen lallende Mund eines Unmündigen oft die beredteste Verteidigung der Herrlichkeit und Größe Gottes gegenüber Zweiflern und Verächtern Gottes ist 11)."

Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie früh jede fromme Mutter in Israel das Kind auf und an ihrem Schoße einen Lobpreis Gottes lehrte, wie sie bemüht war, tiefe Ehrfurcht vor dem Gott Himmels und der Erde und vor dem Gott der Väter ihres Volkes in das Herz ihres Kindes zu pflanzen, dann wird uns dies Wort noch verständlicher. Was andere beim Anblick von Himmel und Erde nicht erfaßten, das wurde als eine Offenbarung vom Geiste frommer Mütter in das Seelen =und Geistesleben ihrer Kinder gelegt.

Damit stoßen wir aber auf eine Wirklichkeit, die in der Geschichte oft viel zu wenig erkannt worden ist. Die größte Erkenntnis Gottes und die tiefste Ehrfurcht vor dem Schöpfer wurde dem Menschen nicht durch die Schöpfung, sondern durch die Offenbarung. Das Zeugnis einer frommen Mutter, deren Herz von Gott erleuchtet wurde und deren Seele in Hingabe an den Herrn brennt, kann unter Umständen  viel lauter reden als tiefstes Erkennen mancher Natur= und Weltgesetze. Was Menschen durch Erleuchtung des Geistes, durch Offenbarung Gottes, durch das Zeugnis des Nächsten gegeben werden kann, kann durch einfache Naturbetrachtung oder bewußte Welt-bewunderung nicht gegeben werden (Röm. 1,22—25).

 

II.  Der Mensch  in seiner  Kleinheit als Glied der Schöpfung (Vers 4 bis 5).

 

Wer Gott durch Offenbarung und Erleuchtung kennen lernte, der bewundert sein Meisterwerk, die Schöpfung, um so mehr, je tiefer er sie mit seinem Geiste zu schauen vermag. Mit Anbetung muß er feststellen, daß die Größe der Schöpfung der Größe des Schöpfers entspricht.

4.  Denn schaue ich deine  Himmel, deiner Hände Meisterwerk,
Mond wie Sterne, die du hast geschaffen —

 

Mit dieser Bewunderung verbindet sich dann aber tiefste Selbstbesinnung  und Demut. Auch sich selbst entdeckt er als ein Glied dieser Schöpfung. Wie klein erscheint er sich aber im Vergleich zum Schöpfer und zu den anderen Schöpfungsgliedern innerhalb des großen Schöpfungswerkes.

 

5.  was ist dann der Mensch,
daß du seiner gedenkst,

und was des Menschen  Sohn, daß du nach ihm siehst?

 

 

Wahrlich, eine der tiefsten Fragen, die in der Brust eines Sterblichen aufbrechen können! Wer bin ich als Geschöpf dem Schöpfer gegenüber? Wer bin ich als menschliches Glied innerhalb der Gesamtschöpfung? Gott kann ja zu mir nur insoweit in Beziehung stehen, wie er als Herr seiner Schöpfung und Lenker der Geschichte in Beziehung zum Ganzen steht. Was bin ich und mit mir der Mensch schlechthin im Vergleich zu all jenen Welten, die in ihrem Lauf genau auf die Sekunde dem Gesetze folgen, dem sie untergeordnet sind? Lebe nicht auch ich nur insoweit, als ich mich von dem Gesetz der Natur und von den völkischen Bindungen und von dem Lauf der Geschichte abhängig mache? Seine eigenen Erfahrungen, die Geschichte seines Volkes und der Verlauf des Weltgeschehens sagten dem Dichter aber, daß Gott über das Ganze hinweg zum Menschen ein besonderes Verhältnis hat. Er gedenkt des Menschen und achtet auf des Menschen Sohn. Er tritt in Beziehung mit dem einzelnen wie bei Abraham und rettet ein seufzendes Volk wie Israel aus dem Sklavenhause Ägyptens. Er waltet in der Geschichte, denn er setzt  Könige ab und setzt Könige ein, läßt Völker untergehen und Völker auferstehen (Dan. 2,21), führt Lebende ins Gericht und Gerichtete ins Leben (Dan. 4,33). Er antwortet einer Hannah, als sie im Heiligtum zu Siloh um einen Sohn ringt (1. Sam. 1, 26), und er versorgt seinen Propheten am Bache Krith zur Zeit der Dürre (1. Kön. 17, 3). Was ist der Mensch, daß Gott ihn wie einst Mose so in sein Vertrauen zieht (2. Mos.33, 11), daß er mit ihm wie ein Freund mit seinem Freunde reden kann? (4. Mos. 32,7.) Was ist der Mensch, daß er als eine Vielheit, als ein Volk zu einem Königreich von Priestern, zum Volk des Eigentums werden soll? (2. Mos. 19,4 ff.)

Ja, wahrlich, Gott ist größer als seine Schöpfung. Er beistimmt über sie, nicht sie bestimmt ihn. In seiner Souveränität handelt er in ihr und durch sie, ohne sich von ihr abhängig zu machen. Er zieht Menschen in seinen Dienst, läßt aber auch Menschen im bewußten Widerspruch, ja in Auflehnung gegen ihn treten, ohne von seiner Majestät etwas zu verlieren. Er läßt Völker in ihrem Geiste und im Kampfe gegen ihn sich austoben und zwingt sie doch, mitzuwirken, daß sie dem Kommen seiner Königsherrschaft dienen müssen. Er steht jenseits der Naturgesetze, ohne sie aufzuheben, und tut Wunder, indem er einfach schöpferisch handelt. Denn alle Wunder, die von jeher von Menschen erlebt wurden, waren für ihn keine Wunder. Er kennt keine Wunder. Er kennt nur das Souveräne, schöpferische Handeln, um zu offenbaren, daß er in seiner Treue und Barmherzigkeit des Menschen Sohnes gedenkt.

Was ist es um diesen Menschen? Gerade, wo dem Beter seine Nichtigkeit, Kleinheit, Vergänglichkeit einerseits so stark zum Bewußtsein kommt, da sieht er in der Beziehung Gottes zum Menschen und in der Stellung des Menschen zur Schöpfung eine ganz neue Seite am Menschen. Er erkennt

III. den Menschen in seiner Größe als Herrn der  Erde (Vers 6 —9).

Er spricht von ihm „im Lichte seiner schöpferischen Bestimmung".

6. Und doch hast du nur weniges vom Göttlichen ihm versagt, du hast ihn gekrönt mit Herrlichkeit und Würde.

So hat einst am sechsten Schöpfungstage nur Gott vom Menschen gesprochen. Er sprach von ihm als seinem Ebenbilde. Als er ihn am Schluß des sechsten Schöpfungstages erschuf, gab er das Höchste als Offenbarung aus sich heraus, was er als Schöpfer in sich trug. Nicht das Letzte, denn Gott hat sich einst in seiner Offenbarung mit der Schöpfung noch lange nicht erschöpft. Seine Offenbarung ist unendlich, wie sein Leben und seine Liebe unendlich sind. Im Menschen gab Gott jedoch der Schöpfung die köstlichste und höchste Gabe, eine Gabe, die unendlich mehr ist als nur Geschöpf und die doch weniger ist als der Schöpfer. Denn als alles Geschaffene in seiner unendlichen Fülle an Schönheit und Kraft, Zweckmäßigkeit und Harmonie vor ihm stand, da suchte Gott nach einem Gleichnis zur Erschaffung des Menschen. Obgleich er im Blick auf sein ganzes Schöpfungswerk sagen konnte: „Es ist gut", so fand er dieses Gleichnis jedoch nicht in etwas bisher Geschaffenem, sondern allein in sich selbst, im Schaffenden.

7. Du setzest ihn zum Herrscher über die Werke deiner Hände,

 du hast ihm alles zu Füßen  gelegt:

 8. Sowohl  Kleinvieh wie Rinder als auch das Wild  des

    Feldes,

 9. [selbst] die Vögel des Himmels, wie die Fische des Meeres,

 ja was auch immer die Pfade der Meere durchzieht.

 

Daher hebt sich der Mensch in seinem tiefsten Wesen trotz aller seiner Verwandtschaft mit der Natur und Kreatur doch so wesentlich ab von allem Leben, das die Welt zu offenbaren vermag. Die Urgeschichte gibt die Erschaffung des Menschen mit den wunderbaren Worten wieder: „Wir wollen einen Adam (d. h. einen Menschen) machen, in einer unser würdigen Hülle, wie es unserm Ebenbild entspricht, und er soll seine Herrschaft üben an dem Fisch des Meeres und an dem Vogel des Himmels, und an dem Vieh und an allerlei Wild und an allem Kriechendem, das auf der Erde sich regt" (1. Mos. 1, 26 ff.).

Mit diesen Worten bezeugt Gott, daß seinem damaligen Schöpfungswerk zunächst der beherrschende Vertreter vor dem Schöpfer fehlte, und daß andererseits dem Schöpfer der seine Gemeinschaft und seine Offenbarung vermittelnde Dolmetscher und Träger fehlte. Denn so sehr alles Erschaffene in der Gesamtschöpfung auch der Ausdruck eines Gedankens Gottes war, Gemeinschaft des Geistes konnte Gott doch nur mit einem Geschöpf pflegen, das ihm geistesverwandt war. Dies ist der Mensch. Daher fand Gott das Bild für den Menschen auch nicht in dem bisher Geschaffenen, so reich das Leben der Schöpfung auch bereits war, in welcher Zweckmäßigkeit und Schönheit, Mannigfaltigkeit und Harmonie es auch im Verlauf von sechs Schöpfungstagen vor ihm als Schöpfer stand. Als Gott nach einem Gleichnis für den Menschen suchte, fand er es nur in sich selbst. Nicht das Tierbild, das Gottesbild sollte Ausdruck von dem inneren Wesen und der ewigen Berufung und Erwählung des Menschen sein.

„Es ist Gott so ernst damit, daß der Mensch sein Abbild, sein Du sein soll, daß der Mensch wirklich nur in diesem Gegenüber von Gott und zu Gott leben kann, nur als Du und in keinem Sinne als ich."

Daher ist alles im Menschen auch allein auf Gott hin angelegt. Vergeblich suchte der Mensch je und je in der Welt der Erscheinungen nach einem Ersatz für Gott. Hat er erst Gott verloren, dann irrt er in der ganzen Überfülle von Leben dennoch umher und sucht vergeblich Ruhe und Frieden. Mag auch vorübergehend irgend etwas Geschaffenes den Hunger seiner Seele stillen, eines Tages erwacht in ihm mit spontaner Kraft dennoch der nie schweigende Schrei nach Gott, dem lebendigen Gott. Alles muß den Menschen mithin enttäuschen, bis er nicht in Gott selbst zur Ruhe gekommen ist.

Daß der Mensch auf Gott hin geschaffen ist, darin liegt mithin entweder sein Himmel oder seine Hölle: sein Himmel, wenn er als Gottes Ebenbild mit seinem Leben in Gott ruht — aber seine Hölle, wenn er als Gottes Ebenbild mit seinem Leben sich von Gott entfernt und im Geschöpf das Höchste seiner Sehnsucht sucht. Wird der Mensch erst zu Kain, der eines Tages weggeht vom Angesicht des HErrn (1. Mos. 4,16), um sich eine Zukunft zu schaffen auch ohne Gott, dann ist bei aller Gemeinschaft innere Vereinsamung doch der Stempel und die 0ual  seiner Seele. Ruhelosigkeit und Unstetigkeit ist alsdann das Antlitz seines Wesens und das letzte Ergebnis seines Lebens und Wirkens.

Wir dürfen daher die Gottebenbildlichkeit des Menschen dahin fassen, daß sie die Sohnschaft bedeutet, für die der Mensch sich geschaffen sieht. Das Sohnesbild sollte sichtbar werden bereits durch den ersten Menschen. Daß der Mensch sehr bald zu einem verlorenen Sohne wurde, übergeht hier der Sänger. Er  sieht ihn allein in seiner göttlichen Bestimmung und in seiner Stellung zu der übrigen Schöpfung. Als Sohn des Schöpfers sollte der Mensch der Herr der Welt sein. Als  Fürst und Statthalter Gottes sollte er über all das „Heer" regieren, das der Schöpfer erschaffen hatte. Regieren ist leiten, nicht knechten. Der Knechtung bedarf nur der fremde. Selbst im Dienst Gottes stehend, Sollte der Mensch zugleich auch der Erde dienen und sie für jene göttlichen Zwecke in Anspruch nehmen und umwandeln, für die sie von Gott erschaffen worden war. Durch seine Herrschaft sollte sie in das Bereich der sittlichen Weltzwecke gezogen werden.

Wer Geschichte kennt, kann daher bis heute feststellen, daß da die Kultur immer am höchsten stand, wo Menschen Gott innerlich am nächsten Standen. Wessen Seele Gottes Bild in sich trägt, der gestaltet die Erde zu einem Bild seiner eigenen Seele. Nicht die Kultur schafft den Menschen, sondern Menschen schaffen die Kultur. Das Evangelium einer materialistischen Weltanschauung, nach welchem bessere Zustände auch bessere Menschen schaffen sollen, ist bisher durch die Menschheitsgeschichte nicht gerechtfertigt worden. Erst Menschen, die ihr verlorenes Sohnesbild oder ihre Erlösung wiederfanden, schufen auch ge­rechtere und menschenwürdigere Zustände12).

Von dieser „Herrlichkeit und Würde" des Menschen spricht hier der Sänger. Begnadigt mit derselben, setzte Gott ihn zum „Herrscher über die Werke seiner Hände". Wie der Mensch in seinen von Gott empfangenen Geistesvollmachten alles sich untertänig zu machen vermag, das zeigt die Geschichte. Daß der Mensch in seinem gefallenen Zustand jetzt weitgehendst diese seine Vollmachten mißbraucht, indem er alles in den Dienst seines eigenen Geistes stellt, ist eine andere Frage. Die Tatsache als solche zeigt uns aber, wie der gefallene Mensch einer Erlösung von seinem eigenen Geist bedarf. Diese kann ihm nur werden durch den, den wir als „den Sohn" schlechthin kennen. Das ist Christus! Durch ihn können wir zur verlorenen Sohnschaft wiederum erlöst werden. Paulus bezeugt das mit den wunderbaren Worten: „Als aber die Zeitfülle ge­kommen war, sandte Gott seinen Sohn, von einem Weibe geboren, dem Gesetz unterworfen, damit er die dem Gesetz Unterworfenen loskaufte, auf daß wir die Annahme an Sohnesstatt erlangten. Weil ihr aber Söhne seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, der da ruft: Abba, Vater!" (Gal.4,4—6.)

Der Schluß der Gedanken des Psalms entspricht wieder wörtlich dem des Anfangs.

10. HErr, unser Herrscher!

Wie erhaben ist dein Name über der ganzen Erde!

„Am Anfang des Liedes", sagt ein Ausleger treffend, „sind  diese Worte ein Ausruf des Staunens über die Herrlichkeit des Schöpfers, die sich am gestirnten Himmel offenbart, am Ende aber sind sie jubelnder Dank für die gnadenvolle Erhebung des Menschen über alle Kreatur. In dieses Tedeum einzustimmen, hat der Christ noch einen besonderen Grund. Denn weit mehr als der königliche Sänger ahnen konnte, hat Gott sich zu ihm herabgelassen, ihn mit Ehre und Hoheit gekrönt. Er hat ihn durch die heiligmachende Gnade der göttlichen Natur teilhaft gemacht, ihn durch die Christusgemeinschaft in den Stromkreis des göttlichen Lebens, der göttlichen Liebe und der göttlichen Seligkeit einbezogen und ihn so noch um ein Unermeßliches über alle sichtbare Schöpfung hinausgehoben 13)."

Es bleibt das Anbetungsvolle auch im Blick auf das verlorene Sohnesbild des Menschen, daß Gott in seiner in Christo  kundgewordenen Erlösung größer ist als der Mensch in seinem Fall. Konnte der Mensch tiefer fallen als irgendein Geschöpf, durch Gnade kann er zu weit Höherem erlöst werden als alles Geschaffene im Himmel und auf Erden.

Weder die Engelwelt noch Fürstentümer, noch Herrschaften, noch Ge-walten, wie Paulus sie uns im Kolosserbrief im ersten Kapitel nennt, werden trotz all ihrer Herrlichkeit und Dienste die Sohneswürde tragen. Sohn im Vaterhause kann nur der durch Christus erlöste Mensch werden.

Anmerkungen zu Psalm 8

1) Die eigentliche Überschrift lautet: Dem Sangmeister der Gittith, ein Psalm Davids. Da alle Psalmen (8, 81, 84) mit dieser Überschrift lobpreisenden Inhalts sind, so sah man im Worte „Gittith" ein Instrument fröhlichen Klangs oder einer fröhlichen Weise. Gittith wurde angesehen als philistäische Cither, wie es eine eigentümliche phönikisch=karische Adonienfestflöte und wie es eine ägyptische und eine phrygische Flöte gab. (Nach Frz. Delitzsch.) Nach R. Kittel handelt es sich aber „um ein Lied der Art", wie sie zum Keltertreten gesungen wurden.

2) „Der Name Gottes", sagt Frz. Delitzsch, „ist die in den Werken der Schöpfung und Taten des  Heils vorliegende Abprägung oder Kennzeichnung seines Wesens, welches sich nicht anders als  aus dieser sichtlichen und faßlichen Abbildung erkennen läßt."

3) Oder „in allen Landen".

4) Das Wort „Macht", das in der Septuaginta mit ainos übersetzt wird, hat nach Delitzsch gelegentlich den Sinn „Gott im Lobpreis zurückgegebener Gewalt", hier jedoch bedeutet es „Obmacht, Veste, Bollwerk".

5) Das hebräische Wort bedeutet: machen, „daß etwas  sich setzt, legt, feiert, es zum Schweigen bringen".

6) Unter den „Feinden und Widersachern" hat man wahrscheinlich ganz allgemein „die Heiden" zu verstehen.

7) Nach 1. Mos. 1,27 ist der Mensch nach „dem Bilde Gottes" geschaffen, mithin ein gottebenbildliches, d.h. nahezu göttliches Wesen. „Nur weil er sterblich ist, steht er den Engeln nach" (Ludwig Albrecht, Die Psalmen. Gotha 1927).

8) Die beiden Begriffe sind Benennung der göttlichen Herrlichkeit (Doxa), mit deren Abbild der Mensch wie mit einer Königskrone geschmückt ist.

9) Edm. Kalt, Psalmen in Herders Bibelkommentar 1935.

10) Vgl. die Ausführungen in Kroeker, Die erste  Schöpfung, S. 88-114.

11) R. Kittel, Psalmen S. 28.

12) Vgl. Kroeker, Die erste Schöpfung, S.25 I ff. 13) Edm. Kalt, Psalmen.

3. Das Geheimnis der Gottesgemeinschaft     Psalm 16

 

Überschrift: Ein Gedächnislied1) Davids

1. Gib acht auf mich2), o [starker] Gott3),

denn meine Bewahrung hab' ich in dir!

2. Ich spreche zum HErrn: „Mein Heil4) bist du!

Mein höchstes Gut hab' ich in dir!"

5. Von den Heiligen6), die im Lande sind, [sage ich]:

Das sind die Edlen, nach denen all meine Sehnsucht geht.

4. Es mehren sich die Oualen derer,
die andere [Götter] sich erwählen6).

Nicht spenden werd' ich ihre Trankopfer von Blut:, noch nehm' ich ihre Namen auf meine Lippen.

5.Der HErr ist mein Besitz7) und mein Freudenbecher, weit wirst du machen das Los [meines Erbteils].

6.Mir fiel ja die Maßschnur auf wonnigem Lande, drum gefällt mir das Erbteil gar wohl.

7.Ich segne den HErrn, der mich beraten,

auch in den Nächten, wo mein Gemüt mich mahnt.

8. Ich stelle den HErrn mir beständig vor Augen;

steht Er mir zur Rechten, dann wanke ich nicht8).

9.Darob freut sich mein Herz, es frohlockt meine

  Ehre9),auch mein Leib wird in Sicherheit ruhen.

10. Denn nicht dem Totenreich überläßt du mein Leben,

noch läßt du deinen Geweihten die Verwesung sehen. 11. Du tust mir kund den Weg zum Leben:

Freude die Fülle ist vor deinem Angesicht,

Wonne in deiner Rechten ewiglich.

Schon durch die Überschrift wird offenbar angedeutet, daß der Psalm dem Gedächtnis des Sängers gegenwärtig bleiben soll. Sein ganzes Leben soll fortan durch dessen Inhalt bestimmt werden. Vielleicht auf Grund ganz entscheidender Erfahrungen hat der Verfasser eine Glaubenshaltung zu Gott, zu den Heiligen, zum Leben und letzthin auch zu den Fragen der letzten Dinge gewonnen, die ihm durch nichts mehr genommen werden soll. Durch diese Glaubenshaltung hat sich ihm eine Gemeinschaft mit Gott erschlossen, welche sein Leben glücklich und seine Zukunft licht gemacht hat.

Weil der Sänger so klar und so tief von seiner Gottesgemeinschaft spricht, haben die Alten ihn ausschließlich messianisch gedeutet. Auch David habe nicht verwirklicht, was hier der Glaube bekennt, noch erlebt, daß er als Freund Gottes nicht die Verwesung sehe. Ein alter Ausleger sagt daher, daß dieser Psalm prophetisch „ganz allein von Jesus handle", was nicht nur aus dem Zeugnis eines Petrus (Apg. 2,25—31) und Paulus hervorgehe, sondern hier werden Aussprüche getan, die im Munde Davids nicht verstanden werden können.

Wie stark die Apostel den Psalm messianisch deuteten, zeigt z.B. die erste Pfingstpredigt des Petrus in Jerusalem: „David redete mit dem Blick in die Zukunft von der Auferstehung Christi: er werde nicht im Totenreich bleiben und sein Fleisch werde nicht die Verwesung sehen" (Apg. 2,31). Das war nicht die Deutung, die das allgemeine Judentum dem Psalm gab. Schriftgelehrte und Pharisäer sahen in ihm ein Zeugnis Davids. Petrus folgte in seiner Deutung aber seinem Herrn und Meister. „Kurz vor seiner Himmelfahrt mußte Christus die Apostel tadeln, daß sie die Schrift nicht verstanden, und wies ihnen aus ihr nach, daß er leiden und auferstehen müßte. Wenn nun Petrus bereits in seiner ersten Predigt, zehn Tage nach der Himmelfahrt des Herrn, aus dem 16. Psalm nachwies, daß der Messias auferstehen mußte, dann ging diese Erkenntnis ohne Zweifel auf die Belehrung Jesu zurück 10)."

Was aber von so manchen Stellen im Alten Testament von ihrem Hinweis auf Christus gesagt werden muß, das gilt auch von diesem Psalm. Manches Wort wurde nur insoweit eine Weissagung auf Christus, als dasselbe über die damaligen Ereignisse und Erlebnisse prophetisch hinaus wies. Es knüpfte zunächst an ganz bestimmte Personen oder Zeitgeschehnisse an, sollte der Zeit, als es gesprochen wurde, als Offenbarung Gottes dienen, fand seine volle Erfüllung jedoch erst in Jesus Christus, ganz ähnlich wie z. B. auch die Darbringung Jsaaks durch Abraham.

Auch unserem Psalm liegen ganz bestimmte Erfahrungen und Geschehnisse zugrunde. Man schreibt ihn David zur Zeit seiner letzten Flucht vor Saul zu. Man vermutet, daß er ihn nach seinen schweren Erfahrungen in Ziklag im Südlande und nach seinen großen Erfolgen im Kampf mit Amalek gedichtet habe. Wie groß damals Davids Nöte waren, und wie sichtbar Gott in die Ereignisse eingriff, das schildert uns das 1. Samuelisbuch im 30. Kapitel. Jedenfalls spricht hier einer zu uns, der aus großen Nöten gerettet wurde und hinfort in Gott allein seine Zuversicht, das Heil seines Lebens und eine Hoffnung über Tod und Grab hinaus fand.

Vom jüdischen Volk ist daher der Psalm auch zum Vorlesen in Häusern von Trauernden bestimmt worden. Sie sollen getröstet werden durch das Zeugnis eines Mannes, der selbst in der großen Vergangenheit von Gott getröstet worden ist. Das Lied macht uns

I.                    vertraut mit des Sängers Glaubenshaltung zu Gott(Vers  1— 2).

In einer direkten Anrede, verbunden mit der innigen Bitte und dem starken Bekenntnis findet diese Glaubenshaltung den wunderbaren Ausdruck:

1.  Gib acht auf mich, o [starker] Gott,

   denn meine Bewahrung hab' ich in dir!

 

Diese Sprache des Glaubens ist verständlich im Munde Davids. Durch wie viele Nöte und Ängste war sein Leben bisher geführt worden. Wie oft war er, von der Zeit an, wo er die Schafe seines Vaters Isai in der Wüste hütete, bis nach Ziklag, das im Mittagslande des Stammes Juda lag, in Nöten, in Ängsten und in Todesgefahr gewesen. In den Kämpfen mit den Philistern, auf seiner dauernden Flucht vor dem Könige Saul, in dem Mißtrauen der Obersten des Philisterkönigs Achis — in allem hatte David erkannt, von welchen Gefahren sein Leben bisher umgeben gewesen war.

Welch ein Wunder, daß er noch lebte!  Wollten doch zuletzt seine eigenen Freunde ihn Steinigen, als sie mit ihm vom König Achis zurückkamen und fanden, daß das kleine Zufluchtsstädtchen Ziklag von den Amalekitern überfallen, verbrannt und völlig ausgeraubt morden war. „Denn alle waren verzweifelt, ein jeder wegen seiner Söhne und wegen seiner Töchter. David aber faßte festes Vertrauen zum Herrn, seinem Gott" (1.Sam. 30,6). Ein Vertrauen, das zu sprechen vermag: „Meine Bewahrung hab' ich in dir!" ist nicht etwas selbstverständliches. Der Glaube gewinnt es erst, wenn dem Menschen zuvor alle Stützen genommen sind. Daß  David in den Tagen, wo ihm alles zusammenbrach, dies Vertrauen zu dem Herrn, seinem Gott, fand, das war seine und seines Volkes Ret-tung.

Er kann nun mit der Bitte um Bewahrung das Bekenntnis verbinden:

 

2.  Ich spreche zum HErrn:

„Mein Heil bist du!
Mein höchstes Gut hab' ich in dir!"

Auch er hatte zuvor die Welt und die Menschen abgetastet in der Hoffnung, irgendwo und bei irgendwem die Grundlage seines Heils zu finden. Zuletzt war er sogar mit seinem Gefolge zu dem Phi­listerfürsten Achis geflohen und hatte sich ihm zur Verfügung gestellt. Der sandte ihn auf den Rat seiner Obersten hin wieder heim nach Ziklag.

Das Städtchen selbst  als letzte Zufluchtsstätte fand er jedoch vernichtet. In solchen Stunden wird entweder ein ganz starker Glaube geboren, da der Mensch seinen letzten und alleinigen Halt hinfort nur noch in Gott findet, oder man zer-bricht an dem Leben, das in seiner Wirklichkeit  so unerbittlich hart sein kann.

Wenn der Mensch dann auch später, wie das Leben Davids es zeigt, nicht dauernd auf derselben Glaubenshöhe sich bewegt, so war solch ein Erleben Gottes doch von entscheidender Bedeutung für die Zukunft. Was sich dem Menschen in solchen Stunden an Erkenntnis Gottes, an Vertrauen und Hingabe des Glaubens erschloß, wurde ihm in der Zukunft stets neu zu einem Wege zu jenem Gott hin, den er in seiner Größe gesehen und in seiner Stärke erlebt hatte. Eine solche Seele schämt sich trotz ihrer menschlichen Schwäche nicht ihres Bekenntnisses, bezeugt vielmehr täglich neu: „HErr, mein Heil bist du!" Weiter bezeugt der Sänger

II. sein Verbundensein mit den Heiligen (Vers 3 —4).

Er sagt:

 

3.    Von den Heiligen, die im Lande sind, [sage ich]: „Das sind die Edlen, nach denen all meine Sehnsucht geht."

Sollte unsere Annahme richtig sein, daß dieser Psalm in der Seele Davids in Verbindung mit seinen schweren Erlebnissen im Zufluchtsstädtchen Ziklag entstanden ist, dann ist verständlich, wen der Sänger unter „den Heiligen, die im Lande sind", versteht. Im Gegensatz  zu den Philistern, bei denen er unterzukommen hoffte, sieht er „die Heiligen" in seinen eigenen Volks- und Stammesgenossen, die im Lande seiner Heimat und Väter wohnen. Es war nicht nur einst das Erlebnis Davids, daß man erst in der Fremde die Bedeutung der Verbundenheit mit den eigenen Glaubensgenossen und den Wert des Heimatlandes erkennt.

So schwer es auf der Seele eines Davids auch lasten mußte, daß er sich von Saul und dessen Gesinnungsgenossen um der empfangenen Salbung willen verfolgt sah, Geistesverwandtschaft, Glaubensgemeinschaft fand er nicht im Philisterlande. Sie lagen für ihn in seinem Volke, das in seiner Geschichte und in seinen Vätern Gott gesehen und erlebt hatte. So oft und so stark das Volk als Ganzes auch versagte und sein Verhältnis zu Gott und dessen Offenbarung verleugnete, nie konnte es so Skrupellos der Sünde und der Ungerechtigkeit leben, nie so blind vor toten Götzen huldigend knien, wie die heidnischen Nachbarvölker es taten. Von solchen, die es trotz besserer Erkenntnis dennoch taten, mußte er feststellen:

4.Es mehren sich du Oualen derer,
die andere [Götter] sich erwählen.

In der bilderreichen Sprache des Orients war es ein sehr oft gebrauchtes Gleichnis, das Glaubens- oder auch Bundesverhältnis zu Gott im Bilde einer Ehe zu sehen. Wie man sich auf Grund höherer Erkenntnis Gott zu eigen gab, so konnte man sich aber auch vom lebendigen Gott abwenden und sich mit den Göttern der heidnischen Nachbarvölker vermählen. Dem Psalmisten ist das unmöglich:

4.Nicht spenden werd' ich ihre Trankopfer von Blut, noch nehm' ich ihre Namen auf meine Lippen.

Das  ist jene Ausschließlichkeit des Glaubens, in der man nicht Gott und Baal, sondern allein nur noch Gott bezeugt. Denn wer erst Licht gesehen, kann Finsternis hinfort nicht mehr auch Licht nennen. Wer Gemeinschaft mit Gott gefunden, beteiligt sich nicht mehr an heidnischen Opferhandlungen, wie solche zu sehen der Dichter jedenfalls oft Gelegenheit hatte. Waren doch die Kultfeiern der heidnischen Nachbarvölker meistens mit groben Zaubereisünden, mit ausschweifenden Festfeiern unter heiligen Bäumen, mit allerlei Trankopfern, die auf Opfersteinen ausgegossen wurden, verbunden. Auch das Blut der Erschlagenen spielte hierbei oft eine geheimnisvolle Rolle. Diese Welt der Finsternis und des Aberglaubens kann dem Psalmisten unmöglich zur Verführung und zum Abfall von dem Gott der Offenbarung und seinem Walten in der Geschichte werden. Was ihn erfüllt, das ist:

III. seine Freude am Erbteil (Vers 5 — 8).

Solch ein innerliches Getrenntsein des Glaubens von der Welt des Heidentums und von der Gesinnung derer, die zu derselben neigen, macht ja den Menschen nicht arm und nimmt dem Leben nicht das Glück und die Freude.

5.Der HErr ist mein Besitz und mein Freudenbecher!
Weit wirst du machen das Los [meines Erdteils].

Das ist das Geheimnis jener Welt, die sich David erschlossen hat. Gott ist ihm der Inhalt seiner Freude. Er Sorgte dafür, daß ihm sein Besitztum in einem anmutigen Lande wurde. Was das Leben an wirklichen innerlichen oder aber auch an äußerlichen Gütern zu geben vermag, David sind sie geworden allein durch das Handeln Gottes. Er hadert daher nicht mit seinem bisherigen Schicksal. Alles ihm Gewordene ist ihm ein Erbe, an dem er sein Wohlgefallen hat und das ihm durch das Tun Gottes als ein Geschenk geworden ist. Mit den Worten:

6.Mir fiel ja die Maßschnur auf wonnigem Lande,
drum gefällt mir das Erbteil gar wohl —

drückt David aus, wie sein Leben unter dem Walten Gottes steht. Durch Los wurde in Israel entschieden, wo jeder seinen Erbbesitz haben sollte. Als ihm sein Erbe zugemessen wurde, fand er, daß es in einem überaus fruchtbaren Gebiete liege. Dies war dem Sänger eine sichtbare Bestätigung, daß Gott in seiner Führung und mit seinem Segen hinter ihm stehe. Wie verständlich wird dies alles, wenn wir annehmen dürfen, daß der Psalm die Frucht jener großen Erfahrungen war, die David bis Ziklag und unmittelbar darnach erlebte. Saul fiel in jener Zeit im Kampf mit den Philistern, und nicht lange danach sah sich David zum Führer seines Volkes berufen. Wie stark er all dies Geschehen und Erleben als eine Fügung Gottes ansah, geht aus seiner Geschichte hervor. Seine dankbare Seele mußte daher bezeugen:

7.Ich segne den HErrn, der mich beraten,

auch in den Nächten, da mein Gemüt mich mahnt.

Dazu war der Weg zu dunkel, die Erfahrungen zu hart, die Gefahren zu groß gewesen, um das ihm gewordene Erbteil als eine Frucht seines eigenen Handelns anzusehen. Wo er dem Tode entgangen war, die Nöte überwunden hatte — alles war eine Folge davon, daß er in entscheidender Stunde von Gott beraten worden war. Daher sieht er sich sogar nachts dazu gemahnt, seinen Gott zu  segnen oder zu preisen. Und damit sein Glück und seine Freude nicht erschüttert werden möchten, faßte er den Entschluß:

 

8.    Ich stelle den HErrn mir beständig vor Augen;
steht Er mir zur Rechten, dann  wanke ich nicht.

David wußte, das Leben ist hart genug, uns wieder zu nehmen, was mit Gott gewonnen wurde. Ihm hat sich jedoch jener Weg erschlossen, auf dem ihm bleiben muß, was ihm von Gott her werden konnte. Es ist seine Glaubenshaltung zu Gott, und es ist Gottes Beistand in seinem bewegten Leben. Wird sein Blick zu jeder Zeit auf Gott gerichtet sein und darf er Gottes Nähe und Handeln erleben, dann wird er auch in Zukunft nicht wanken und unterliegen. Das drückt er aus in

IV. seine Erwartung für die Zukunft (Vers 9 — 11).

Seine Freude erstirbt daher nicht im Blick auf die Zukunft, die noch so dunkel vor ihm liegen mag.

 

9. Darob freut sich mein Herz, es frohlockt meine Ehre, auch mein Leib ist sicher geborgen,

10. Denn nicht dem Totenreich  überläßt du mein Leben, noch läßt du deinen Geweihten die Verwesung sehen.

Von Gott her vermag der Glaube des Menschen nicht nur das Leben, sondern auch den Tod zu überwinden. Im Lichte Gottes verliert selbst die Finsternis des Todes und der Unterwelt ihre Schrecken. Er weiß sich verbunden mit dem Gott, der keinen Zwiespalt zwischen Tod und Leben, zwischen Finsternis und Licht kennt. Dem Herrn der Himmel und der Erde, der Vergangenheit und der Zukunft, der Vergänglichkeit und der Ewigkeit ist Tod nicht Tod, Finsternis nicht Finsternis, Vergänglichkeit nicht Vergänglichkeit. Als das Geheimnis des  L e b e n s  ruft er auch Leben aus dem Tode, als Quelle des Lichts muß auch Finsternis Licht werden, als Inhalt der Ewigkeit verwandelt er auch das Vergängliche in Ewiges. Ob Himmel oben, ob Unterwelt unten — sie haben letzthin nur einen Herrn, einen Eigner, eine Zukunft: Das große Vaterhaus derer zu werden, denen er zum Retter und Vater werden konnte. Wahrlich, ein seltener Lichtblick, der schon in jenen alten Tagen einem David von Gott wurde. Wie verständlich, daß darob seine Ehre, d. h. sein ganzes Sein frohlockte. Er wußte, daß sein Leben nicht dem Totenreich verfallen werde, denn es gehörte nicht dem Tode, sondern dem HErrn, der das Leben ist. Er ist der Inhalt seiner Hoffnung und Gewißheit:

11. Du tust mir kund den Weg zum Leben: Freude die Fülle ist vor deinem Angesicht, Wonne in deiner Rechten ewiglich.

David war das gottselige Geheimnis aufgegangen, daß Gottes jeweilige Offenbarung im Leben eines Menschen nie etwas anderes war als das Kundtun des Weges zum Leben. Wer sich von Gott beraten und leiten läßt, der entdeckt dann zu seinem Heil, daß Gottes Nähe und Gegenwart Freude die Fülle hat und Gottes Handeln ihm zur Wonne werden muß. Gott ist das Heil, daher ist vor seinem Angesicht Freude in Fülle, Gott ist Wonne, daher ist das Segnen seiner Hände die Quelle aller Segnungen, die einem Menschen werden können.

Wenn wir heute in der Sprache des Neuen Bundes und als Menschen in Christo auch manches viel klarer und bestimmter ausdrücken können, so war es doch etwas Gewaltiges, was sich schon damals einem David an Glaubenshingabe, an Glaubensgemeinschaft und an Glaubenserwartung im Umgang mit Gott erschloß. Zwar hat in Christo alles erst seine Erfüllung, seine volle Wirklichkeit erlangt. Er selbst ist uns zum Inhalt seines Evangeliums und zur Quelle unseres Heils und unserer Erwartung geworden. Seiner Jüngergemeinde bleibt aber die Sprache des Glaubens aus dem Erleben Davids ein lebendiges Zeugnis, durch das der Herr auch zu ihr fort und fort reden will, damit auch ihre Glaubenshaltung erstarke und in den Stürmen des Lebens sich bewähre.

Anmerkungen zu Psalm 16

1) Wie die Psalmen 56-60 hat der Psalm 16 ein Wort „miktam" als Überschrift, das in seiner Bedeutung unsicher ist. Wahrscheinlich handelt es sich in den Miktam-Psalmen um Ereignisse, die sich David zu immerwährendem Gedächtnis aufgezeichnet hatte.

2)Nach A. Ehrlich ist das hebräische Wort eigentlich mehr als „behüten", „bewahren", und soll hier ausdrücken: gib acht auf mich, d. h. auf mein ganzes Leben.

3)Der Gottesname „El" bezeichnet Gott als „Kraft", als „Stärke". Es ist der uralte semitische Name für die höchste Gottheit. Man leitet das Wort gewöhnlich von der Wurzel „stark, mächtig sein" ab.

4) Wörtlich: „Ich spreche zu Jahwe: Du bist mein Herr." Im Begriff „Adonai" = „mein Herr" liegt mehr als nur das Abhängigkeitsgefühl des Bekennenden. Es liegt darin zugleich die Gewißheit: „mein Hell".

5) Mit dem Wort „Heilige" wird nicht nur das sittliche Leben, sondern auch die innere Glaubenshaltung ausgedrückt. Es  sind Menschen, die sich Gott verhaftet wissen, weil Gott sie für seinen Dienst abgesondert und geweiht hat.

6) Nach Franz Delitzsch ist das Wort die allgemeine weitsinnigste Bezeichnung alles dessen, was nicht Gott ist, und was der Mensch neben Gott und wider Gott zu seinem Götzen macht. Nach 2. Mose 22,15 steht hier „das eigentliche Wort von Erwerbung einer Frau durch Erlegung des vom Vater verlangten Preises". Es hat aber hier den Nebensinn des Freiens, Buhlens mit einem unrechtmäßigen Herrn.

7) Das Wort umfaßt hier in seinem Sinn das ganze Lebensgeschick nach seinem inneren Gehalt an Freude oder Leid. Man muß es mit „Freuden= oder Leidenskelch" wiedergeben (nach Joseph Nobel).

8) S. R. Hirsch erkennt in diesen Worten den Sinn: „ich habe Gott jetzt als die mich haltende Rechte erkannt, von der lasse ich nimmer mehr, schwanke nie mehr von ihr ab".

9) „Meine Ehre" hat hier die Bedeutung von „meine gegenwärtige Lebensstellung, mein Ansehen innerhalb des Volkes".

10) J. H. V. Moldenhauer, um 1777 Pastor am Dom zu Hamburg.

 


4.Der große Leidensweg                  Psalm 22

Überschrift: Dem Musikmeister nach ,die Hinde1) des Morgenrots': ein Psalm Davids

2. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Sind fern von meiner Hilfe die Worte meines Angstgeschreis?

3.Mein Gott! Ich rufe des Tages, jedoch du antwortest mir nicht, [und ich rufe] des Nachts und gönne mir keine Ruh' 2).

4.Du bist doch der Heilige, der du thronst über den Lobgesängen Israels.

5.   Auf dich vertrauten unsere Väter, sie vertrauten und du machtest sie frei.

6.   Sie schrieen zu dir und wurden errettet, auf dich vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

7.   Ich aber — ein Wurm3) bin ich, aber kein Mensch mehr,
ein Hohn der Leute und verachtet vom Volk.

8. Alle, die mich sehen, spotten mein, sie reißen das Maul auf [und] schütteln das Haupt:

9. „Er wälze es auf den HErrn, der befreie ihn,

der reiße ihn heraus, er hat ja Gefallen an ihm 4)!"

10. [Ja] du, [HErr], bist es, der mich dem Mutterschoß entwand, der mich vertrauen hieß an der Mutter Brust.

11. Auf dich, [HErr], wurde ich geworfen von Geburt an,

vom Schoße meiner Mutter her bist du mein Gott

12. So sei nicht fern von mir, denn die Not ist nah und kein Helfer ist da - - -

13. Es umringen mich mächtige Stiere, die Starken Basans5) haben mich umschlossen,

14. sperren auf wider mich [ihr] Maul, gleich reißenden, brüllenden Löwen.

15. Wasser gleich bin ich hingegossen, und gelöst haben sich alle meine Gebeine; wie Wachs  ist mein Herz geworden, zerflossen in meinem Innern.

16. Gleich einer Scherbe ist trocken meine Kraft, meine Zunge klebt an meinem Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub6). 17. Denn Hunde7) umgeben mich, Bösewichter und Rotten umstellen mich, sie haben mir Hände und Füße durchgraben.

18. All  meine Gebeine kann ich zählen, sie sehen es und weiden sich an mir.

19. Meine Kleider mögen sie sich teilen, um mein Gewand das Los werfen,

20. jedoch du, o Gott, bleibe mir nicht fern, du meine Stärke, mir zu Hilfe eile!

21. Entreiße dem Schwert mein Leben, aus Hundesmacht mein Einziges.

22. Schaffe mir Heil aus der Löwen Rachen und gegen die Hörner der Büffel  erhöre mich.

23. Deinen Namen will ich meinen Brüdern kundtun, inmitten der Gemeinde will ich dich preisen:

24.„Die ihr den HErrn fürchtet, preiset ihn, alle vom Samen Jakobs, ehret ihn, ja fürchtet euch vor ihm, ihr alle vom Samen Israels!"

25.  Denn  nicht hat er verachtet, noch verschmäht das Elend des Elenden, noch ihm entzogen sein Angesicht, und als er zu ihm flehte, [alsbald] erhörte er ihn.

26. Von dir kommt mein Lobgesang in der großen Gemeinde, meine Gelübde will ich einlösen vor denen, die ihn fürchten.

27. Die Demütigen werden es aufnehmen und sich daran sättigen, den HErrn werden preisen, die nach ihm fragen; drum bleibe lebendig euer Herz bis hin zum ewigen Ziel.

28. Dessen8) werden gedenken und zu Gott zurückkehren alle Enden der Erde, und niederwerfen werden sich vor dir alle Geschlechter der Nationen.

29. Denn des HErrn ist das Reich, und er befiehlt den Völkern.    30. Es essen und werfen sich nieder alle Vornehmen9) der Erde, es beugen ihre Kniee vor ihm, die hinabsinken in den Staub, und wer nicht erhalten konnte sein Leben10).

30. Dienen wird ihm mein Same, [und] vom HErrn wird erzählt werden von Geschlecht zu Geschlecht

32.  Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit künden

dem Volke, das geboren wird: „Der HErr hat's vollbracht!"

Diesen Psalm könnte Jesus geschrieben haben. In ihm wird ein Leidensweg sichtbar, wie ihn nicht viele zu gehen haben. Jesus als Lamm Gottes ist ihn gegangen. Aber nicht Jesus, auch nicht einer seiner Apostel hat ihn geschrieben. Er ist uns erhalten von einem der alttestamentlichen Glaubensknechte. Offenbar waren es körperliche und seelische Leiden, die den Ringenden bis zum Gefühl des von Gott Verlassenseins kommen ließen. In dem Schmelztiegel seines Elends sieht er nur noch seinen Untergang.

Der Sänger wäre an seinen Leiden zerbrochen, wenn nicht Gott unsichtbar ihm gegenwärtig geblieben und ihn gehalten hätte. Wohl fühlte er sich von Gott verlassen, Gott jedoch hatte ihn nicht verlassen. Darum mußte der Psalmist an ihn denken, in seiner Verzweiflung ihn anrufen. So stark ihn sein Leid auch zermürbte und die Verzweiflung ihn packte, in seiner Seele blieben ein Glaube und eine Hoffnung wach, die sich trotz aller Umnachtung an Gott klammerten. Darum schweigt zuletzt die Klage, es triumphiert der Lobgesang.

Wer war dieser Ringende? Ein großer Bibelausleger der älteren Zeit11) antwortet: „Es ist David, welcher sich hier aus der finstersten Tiefe zu so lichter Höhe emporringt. Es ist ein davidischer Psalm der saulischen Verfolgungszeit." Ein neuerer bestreitet es und begründet es mit den Worten: „Daß es David nicht sein kann, leuchtet ein, denn seinem recht bekannten Leben läßt sich keine Lage nachweifen, die mit der im Psalm vorausgesetzten irgendwie übereinstimmte. Wichtiger noch ist, daß die echt messianische Hoffnung der Bekehrung aller Heiden zu Jahve erst Jahrhunderte später in der Geschichte auftritt12)."  Andere wiederum sehen in dem Leidenden des Psalms die Verbannten in der babylonischen Gefangenschaft, indem sie erklären: „Ein Mitleidender unter ihnen hat sich gefunden, der in dieser ergreifenden Sprache wiederzugeben vermag, was die ganze Gemeinde in ihrer Gefangenschaft seelisch und körperlich durchlitten hatte. Einer unter den nicht unbedeutenden Schriftauslegern hört in ihm die leidende Seele des Propheten Jeremia reden. Es ist ihm ein Klagelied des Propheten aus dem Gefängnis, in welches Jeremia als angeblicher Überläufer zu dem Heer Nebukadnezars geworfen wurde, bevor das endgültige Schicksal Judas eingetreten war3)."

So wertvoll es für uns auch wäre, wenn die Forschung  uns eine klare, letzte Antwort auf die Frage nach dem Verfasser geben könnte, weit wich­tiger ist uns, daß Jesus als der leidende Gottesknecht schlechthin so in dem Psalm lebte, daß er dessen einzelne Aussprüche zum Inhalt seines Gebets machte. Sein Leben, sein Dienst, seine Leiden, sein Sterben waren dieser große Leidensweg. Weder in David, noch in Jeremia, noch im gefangenen Israel hat sich vollendet das erfüllt, was der Psalm als seelisches und körperliches Leid zum Ausdruck bringt. Erst Jesus als Gotteslamm durchkostete einen Schmerz, eine Verwerfung, ein Gottverlassensein, ein Sterben, wie es kein Prophet vor ihm und kein Märtyrer nach ihm durchkostet hat.

Wir haben es hier also mit einem messianischen Psalm zu tun. Nicht etwa in dem Sinne, als ob sich eine große innerliche Persönlichkeit in Israel hingesetzt und den Leidensweg Jesu Christi beschrieben hätte. Ob David, ob Jeremia oder ob sonst jemand der Großen in der Geschichte Israels, hier beschreibt zunächst ein Mensch seinen eigenen schweren Leidensweg. Ob ihm selbst bewußt oder nicht bewußt, sein Weg, seine Klage, sein Rufen, sein Triumph weisen aber prophetisch über ihn selbst hinaus. Über Jahrhunderte hinweg weisen sie hin auf den Kommenden, der weit mehr war als David, als Israel oder als irgendeiner der Propheten.

I.                    Der Angstschrei der Seele (Vers 2 — 3).

Ergreifend sind die ersten Worte des Beters, durch die er sich an Gott wendet:

 

3.Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Sind fern von meiner Hilfe die Worte meines Angstgeschreis?

Sie sind mehr als nur ein Gebet, als ein Flehen aus tiefster Not. Wer je den Angstschrei eines Menschen vernommen, der sich plötzlich vom Tod umgeben sah, vermag die Tiefe der Worte zu ahnen. Es ist der letzte Aufschrei, weil alles Ringen um Rettung vergeblich geblieben. Der Sänger ruft am Tage, er fleht die Nächte hindurch, er gönnt sich in seinem Ringen keine Ruhe. Gott aber Schweigt.

Es handelt sich hier also nicht um einen innerlich gottfernen Menschen. Der Psalmist hat sich vielmehr mit seinen Leiden vertrauensvoll an den HErrn gewandt. Gott als Erhörer des Gebets war ihm nicht fremd. Nicht erst angesichts des Todes nahm er seine Zuflucht zu ihm. Im Bewußtsein seiner Ohnmacht und Hilflosigkeit hatte er sich zu ihm gewandt, getragen von der Gewißheit, daß ihm Rettung nur noch von Gott kommen könne. Er dachte mithin nicht nur heilig und groß von Gott, heilig und groß war ihm auch das Gebet, durch welches der Mensch seine Zuflucht zu Gott nimmt.

3. Mein Gott, ich rufe des Tages, jedoch du antwortest mir nicht, [und ich rufe] des Nachts und gönne mir keine Ruh'.

Vergeblich hat er aber auf eine Antwort von Gott gewartet. Da packt ihn innerlich die Verzweiflung. Er versteht seine Leiden nicht. Sind sie nur eine Prüfung, die zur Bewährung und zum Erleben der Kraft Gottes führen soll? Oder sind sie Gericht, durch das ihm Gott genommen worden ist? Er ist sich zwar keiner schweren Schuld bewußt, ein belastetes und anklagendes Gewissen kennt er nicht. Als Vergeltung für seine Sünden fühlt er seine Leiden nicht. Und dennoch sieht er sich von Gott verlassen und vom Tode erfaßt.

Das war im Leben der Glaubenden zu allen Zeiten das Schwerste, wenn sie riefen und Gott schwieg. Der Gedanke, von Gott verlassen zu sein, war für sie immer unerträglich. Gott ist für sie die letzte, die alleinige Quelle der Kraft. Tritt Gott aus ihrem Leben zurück, dann gibt es für sie kein Hoffen mehr. Am tiefsten hat Jesus dieses Schweigen Gottes durchkostet. Obgleich er der Sohn des Vaters war, durchlitt er am Kreuze, was es heißt, ein Mensch zu  sein, der sich in seiner Ohnmacht von Gott verlassen sieht. „Und um die, neunte Stunde schrie Jesus laut: ,Eli, Eli, lama sabachthani!' Das ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Matth. 27,46.) Jesus aber starb nicht am Schweigen Gottes, er starb in der Gewißheit, seinen Geist in die Hände des Vaters legen zu dürfen. Nicht die Gottverlassenheit soll das letzte Wort behalten, sondern Gottes Gegenwart und Kraft.

II.                  Der Gott der Väter (Vers 4 — 6).

So wenig der Psalmist von seinem Leben aus das Schweigen Gottes begreifen konnte, noch weniger begriff er es von Gott aus.

4.     Du bist doch der Heilige,

der du thronst über den Lobgesängen Israels.

Auf Grund seiner Gottesschau und Gotteserkenntnis ist ihm Gott dennoch der Heilige, der absolut Vollkommene: der Unbeschränkte in seinem Walten, der nie Versagende in seinem Erbarmen. Er ist dessen gewiß, Gott steigt hinab in das Elend der Gebeugten und wohnt bei denen, die zerschlagenen Herzens und gedemütigten Geistes sind. Sind doch die Lobgesänge Israels voll von dem Ruhm jener Taten und Wunder, die die Väter in ihrer Geschichte mit Gott erlebt haben. Von dem gewaltigen und starken Zeugnis dieser Lobgesänge wird Gott in seiner Majestät und Offenbarung wie von einem Throne inmitten seines Volkes getragen.

Dies Zeugnis ist aber aus der Geschichte geboren. Es ist nicht Dichtung, es ist gewonnene Schau auf Grund wirklicher Erlebnisse mit Gott.

 

5. Auf dich vertrauten unsere Väter,

sie vertrauten, und du machtest: sie frei.

Das Gotterleben Abrahams, das Eingreifen Gottes in Ägypten, die Erfahrungen in der Wüste, die Einnahme des heiligen Landes, die Überwindung der feindlichen Völker — in allem hatte sich Gott als „der Heilige Israels" erwiesen. Die Väter riefen, und Gott rettete sie. Sie vertrauten und wurden in ihren Erwartungen nicht enttäuscht.

 

6.    Sie schrien zu dir und wurden errettet,

auf dich vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

Weil der Sänger die Lobgesänge Israels als solch ein gewaltiges Zeugnis von dem Walten Gottes in der Geschichte seiner Väter kennt, ist ihm das Schweigen dieses Gottes in seinem persönlichen Leben um so unverständlicher. So mußte es zu jenen schweren

III.                DieAnfechtungen des Glaubens (Vers 7 — 12 )

kommen, an denen seine Seele zu zerbrechen drohte.

7.    Ich aber — ein Wurm bin ich, aber kein Mensch mehr,ein Hohn der Leute und verachtet vom Volk.

Wie schwer war diese Anfechtung! Im Lichte der Geschichte seiner Väter wankt ihm der Boden unter den Füßen: „sie gerettet — er ein Wurm, das elendeste und von allen getretene Geschöpf; sie nicht zuschanden — er das Gespött eines jeden". Das Zeugnis der Lobgesänge Israels hatte zwar in ihm ein unbedingtes Vertrauen zu Gott geweckt, das Wissen von dem Walten Gottes in der Geschichte seiner Väter ließ ihn gewiß sein: Auch mein Leben steht unter Gottes Führung und Bewahrung. Jedoch welch eine Enttäuschung! Das von Gott Verlassensein ist bei ihm so offenkundig, daß die Feinde den Mut finden, gerade sein Gottvertrauen zum Gegenstand ihres Spottes und Hohnes zu machen.

 

8.    Alle, die mich sehen, spotten mein,sie  reißen das Maul auf [und]schütteln das Haupt:

9.    „Er wälze es auf den HErrn, der befreie ihn,
der reiße  ihn heraus, er hat ja Gefallen an ihm."

Nicht Mitleid  führte diese Sprache — so redete der Hohn! Es gehört dies wieder mit zum Schwersten im Leben des Glaubens, wenn jemand sich gerade in seinem Heiligsten verhöhnt sieht. Der Sänger hatte seine Glaubenshaltung zum Heiligen Israels offen bekannt. Wie seinen Vätern, so sei auch ihm der Gott der Offenbarung die alleinige Zuflucht seiner Seele gewesen. Nun machen aber die Feinde gerade sein Bekenntnis zu einer Waffe gegen ihn. Nicht Verständnis für seine Leiden, nicht einen Ausweg aus seinen innerlichen Konflikten tragen sie in sein Leben. Sie kennen nur den Hohn über seine bisherige Glaubenshaltung. Und er kann sich nicht rechtfertigen. Sein schweres Ergehen spricht gegen sein bisheriges Bekenntnis. Seine Leiden beweisen, daß offenbar sein Gott ihn verlassen hat.

So rütteln seine schweren Erlebnisse an den Fundamenten seines Glaubens. Unmöglich kann er aber aus seinem Leben streichen, was Gott ihm gewesen ist. Die Wirklichkeit redet zu stark. Er muß antworten:

 

10. [Ja] du, [HErr], bist es, der mich dem Mutterschoß entwand, der mich vertrauen hieß an meiner Mutter Brust.

11. Auf dich, [HErr], ward ich geworfen von Geburt an,

vom Schoße meiner Mutter her bist du mein Gott.

„Die Worte des Dichters", sagt ein Ausleger, „erinnern an die uralte Sitte, daß das neugeborene Kind dem Vater gebracht wird, der zu bestimmen hat, ob man es aufziehen soll oder nicht; will er es erhalten, so nimmt er es auf die Knie und gibt es der Mutter an die Brust." So weiß sich der Psalmist von seiner Jugend an aufgenommen in die Arme seines Schöpfers und Gottes. Von Gott erschaffen als ein Geschenk für seine Mutter, von der Mutter geboren als eine Gabe für Gott (1.Sam. 1,27ff.) — diese Gewißheit gibt ihm den Mut zu der inhaltsvollen Bitte:

12. So sei nicht fern von mir, denn die Not ist nah und kein Helfer ist da ...

Denn er selbst wird weder mit seinen Leiden noch mit seinen Widersachern fertig. Er weiß sich ganz

IV.              Im Banne der Feinde (Vers 13 — 19).

Von ihnen redet er in Bildern seiner Zeit und Heimat, indem er klagt:

13. Es umringen mich mächtige Stiere,

die Starken Basans haben mich umschlossen,

Stiere waren damals ein gewöhnliches Bild für Völker=Größen. Mit den „Starken Basans" bezeichnete der Dichter mithin die Gewaltigen, die im Bewußtsein ihrer Stärke alle Schwachen niederrennen und zertreten. Basan war die überaus fette und weidenreiche Gegend im Nordosten des Jordanlandes. Unter den Herden Basans wuchsen besonders Starke Stiere auf, die von jedem Fremden gefürchtet werden mußten. Des Sängers Feinde sind gleich diesen Starken Basans. Ja, sie sind gleich einem reißenden, brüllenden Löwen, der im Begriff steht, sich auf seine Beute zu stürzen.

 

14. Sperren auf wider mich [ihr] Maul, gleich reißenden, brüllenden Löwen.

15. Wasser gleich bin ich hingegossen, und gelöst haben sich alle meine Gebeine; wie Wachs ist mein Herz geworden, zerflossen in meinem Innern.

Diese Lage hat völlig des Sängers Kraft gebrochen. Er kommt sich vor wie ",hingegossenes Wasser", das sein Dasein verloren hat, wie „zerschmolzenes Wachs", das in der Mittagssonne zerronnen ist. Sein Mund ist ihm trocken geworden wie eine Tonscherbe in der Wüste; er schmeckt bereits mit seinen Lippen den Todesstaub, d. h. er sieht sich bereits dem Tode preisgegeben. Dem Morgenländer sind das alles bekannte Bilder, durch welche er den völligen Zusammenbruch seiner Kräfte, ja seines Lebens auszudrücken pflegt.

Am tiefstem sind all diese Leiden von Jesus, als dem Lamme Gottes, durchkostet worden. Wie weiches Wachs alle Eindrücke aufnimmt, so blieb in seiner zarten Heilandsseele alle Feindschaft zurück, zu der seine Zeit ihm gegenüber fähig war. Er sah sich durch sein eigenes Volk in eine Leidensglut getaucht, in der alle seine Energien und Kräfte verzehrt wurden und er in seinem brennenden Durst ausrief: „Mich dürstet!" Als man ihn aufs Kreuz legte, da wurden seine Hände und Füße durchbohrt, wie nach der Auffassung der ältesten Kirche der siebzehnte Vers übersetzt wird. Er schmeckte in seiner Qual den „Staub des Todes", bevor er seinen Geist in die Hände des Vaters legte. Man kann daher verstehen, daß die Urgemeinde den Psalm rein messianisch deutete und in seinem Inhalt die große Leidensgeschichte Jesu Christi sah. Während das Judentum völlig verständnislos dem großen Geschehen des Karfreitags gegenüber blieb, ja, sich an den Leiden des Gekreuzigten weidete, sah nach Pfingsten die kleine Jüngerschar in allem eine letzte Erfüllung jenes Leidensweges, der uns in unserm Psalm mit so ergreifenden Worten geschildert wird. Wie nahe lag es, auch die weiteren Schilderungen auf die Leiden Jesu zu beziehen:

 

18. All meine Gebeine kann ich zählen; sie sehen es und weiden sich an mir.

19. Meine Kleider mögen sie sich teilen, um mein Gewand das Los werfen,

Leid wird aber zu doppeltem Leid, wenn der Mensch sich seelisch mit ihm allein gelassen sieht. Jedoch die Feinde haben nicht nur kein Verständnis für seine Leiden, sie weiden oder ergötzen sich sogar an seinem Elend. Die ganze Schilderung gewinnt noch an ungeheurem Ernst, wenn man sich stets vergegenwärtigt, daß es den Feinden zu gleicher Zeit um die große Frage ging, ob der Gott des Psalmisten groß und stark genug sein werde, den ihm vertrauenden Sänger vom Tode zu erretten oder nicht. Stirbt er, dann war alles Unsinn, was er in seinem Glauben Großes von dem Gott seiner Väter bezeugt hatte.

Der Psalmist macht sich sogar mit dem Gedanken vertraut, daß man seine Kleider als Beute unter sich verlosen werde. „Wie man des erschlagenen Feindes Rüstung ober des hingerichteten Verbrechers Habe teilt" — wie es auch nach der Kreuzigung Jesu geschah —, „so mögen sie bald auch über meine Habe verfügen." In Verbindung damit wirft ein Ausleger die Frage auf, ob wir es bei dem Leidenden hier nicht überhaupt mit einem Angeklagten Frommen zu tun haben, dem von seinen Widersachern ein ungerechter Prozeß gemacht worden sei. Er sagt: „Die Verteilung der Habe des Verstorbenen an beliebige Menschen, vollends an seine Feinde, wenn sie eben seine Widersacher sind und sonst nichts, war in Israel sicher nie Sitte. Wohl aber scheint die Regierung und wohl auch die Richter sich als Erben eines Verfemten betrachtet zu haben; oder es mögen die Henker das Recht gehabt haben, sich in den Raub zu teilen 14). Nur unter dieser Voraussetzung haben die Worte rechten Sinn. Dann aber fällt auch von ihnen ein Licht auf den Leidenden und seine Widersacher. Es scheint sich um einen Prozeß zu handeln, in dem er Angeklagter, sie die Ankläger sind. Er fürchtet das Äußerste, die Hinrichtung, und sieht sie vor Augen als sicheres Los, wenn nicht Hilfe kommt."

V.                Das  Ringen mit Gott (Vers 20 — 22).

So gewiß es den Fremden und den Widersachern auch erscheinen mußte, als habe Gott sich aus dem Leben des Leidenden völlig zurückgezogen oder als erweise sich Gott zu ohnmächtig, um ihn vom Tode erretten zu können, der Glaube des Sängers bleibt vor Gott stehen. Daß ihm diese Kraft des Vertrauens auch in dunkelster Stunde blieb, war das Geheimnis der unsichtbaren Nähe Gottes. So verhüllt sie den Widersachern auch blieb, sie wirkte sich im Leidenden darin aus, daß er sich trotz seines hoffnungslosen Zustandes an Gott klammerte. Es gehört zum Wesen des Glaubens, daß er von Gott Dinge zu erhoffen wagt, wo für Fremde nichts mehr zu erwarten ist. Er läßt Gott nicht, wenn alles auch dafür zu sprechen scheint, daß Gott ihn verlassen habe. Dies Vertrauen äußerte sich hier in einem letzten Ringen mit Gott.

 

20. jedoch du, o Gott, bleibe mir nicht fern,

du meine Stärke, mir zu Hilfe eile!

21. Entreiße dem Schwert mein Leben,

aus Hundesmacht mein Einziges.

22. Schaffe mir Heil aus der Löwen Rachen

und gegen die Hörner der Büffel erhöre  mich.

Ausdrücke „Schwert", „Hundesmacht", „Löwen Rachen", „Hörner der Büffel" waren eine Schilderung der Gefahr, in der sein Leben, Sein Einziges schwebte. Der Psalmist verfügte über keine Machtmittel, die stärker gewesen wären als die der Feinde. Er konnte nicht Macht gegen Macht setzen, um sein Leben zu retten. Seine Rettung lag allein im Gebet, in der Zuflucht zu dem Gott, den sein Glaube in seiner Stärke und in seinen Wundern gesehen hatte.

Dem Scheine nach ist es die ohnmächtigste Lebensäußerung eines Menschen, wenn er kniend und betend seine Hände zu Gott emporhebt. In Wirklichkeit ist es aber eine Macht, die zu allen Zeiten das Gewaltigste vollbrachte. Nicht als ob im Gebet als solchem weltüberwindende Kräfte lägen, in ihm liefert sich aber der Mensch in seiner Ohnmacht dem Handeln Gottes aus, so daß sich Gott hinfort in seiner Macht offenbaren kann. Gott in seinem Handeln schuf aber Wunder, sobald der Mensch im Gebet seine restlose Hingabe an ihn vollzog. Für Gottes Handeln war es mithin nie das Entscheidende, ob es große oder kleine Menschen waren. Das Entscheidende war immer die glaubensvolle Hingabe des Menschen. Wie oft hat Gott durch kleine Menschen gewaltige Dinge getan und sie zu Zeugen seiner Herrlichkeit und seiner Handlungen gemacht. Es liegt mithin nicht im Gebet als Gebet eine magische, zauberhafte Kraft. Das zu denken, wäre heidnisch. Die Macht liegt allein in Gott und in seinem Handeln: Er offenbart an dem betenden Menschen und durch denselben seine Herrlichkeit.

Leider wissen wir nicht, inwieweit der Psalmist von Gott erhört wurde und seine Leiden sich in Freude verwandelten. Eine gewaltige Wendung auf Grund des Eingreifens Gottes muß aber eingetreten sein. Denn nur so wird verständliche, daß auch dieser Psalm mit seinen ergreifenden Leidensschilderungen dennoch mit einer Anbetung Gottes schließen kann. Diese kommt zum Ausdruck in

VI.         dem Lobgesang des Erlösten (Vers 2 3 — 2 7).

Die Fortsetzung des Psalms läßt erkennen, welch eine Wendung von Gott her eingetreten ist. Die Klage schweigt, es spricht der Lobgesang. Der Übergang ist so überraschend und der Lobgesang inhaltlich so gewaltig, daß Forscher angenommen haben, der Schluß gehöre nicht zum ursprünglichen Psalm, er sei vielmehr ein späterer Nachtrag. Wer jedoch Gottes plötzliches und entscheidendes Eingreifen in die Leiden seines Lebens erlebt hat, versteht, daß entsprechend der Tiefe des Leidens nun auch entsprechend gewaltig der Lobgesang ist. Der Sänger hat in Gottes Eingreifen Gottes Herrlichkeit gesehen. Es ist ein Zug, der durch die ganze Heilige Schrift und durch die Erfahrungen aller Zeiten geht, daß die Lobgesänge des Glaubens stets aus dem Erleben der Herrlichkeit Gottes geboren werden.

23. Deinen Namen will ich meinen Brüdern kundtun, inmitten der Gemeinde will ich dich preisen:

Jede neue Erfahrung mit Gott machte den Menschen stets zu einem Zeugen für seine Brüder. Sobald Gott uns zu einer Offenbarung geworden ist, werden wir zu Zeugen dieser Offenbarung. Das Erleben Gottes wird zu einem Bekennen Gottes. Ob es die einzelnen Brüder sind, ob es die ganze zusammengerufene Gemeinde ist, sie sollen mit dem Namen, d. h. mit der ganzen Art und dem gewaltigen Handeln Gottes vertraut werden, wie sie der Psalmist auf dem Boden seiner Leiden neu geschaut hat. Denn „Name" ist hier nicht etwa nur Begriff, er ist Inhalt der gewonnenen Schau, die zusammenraffende Darstellung des gesamten Wesens seines Trägers. Abraham benannte Gott nach jedem neuen, großen Gotterleben mit einem entsprechend neuen Namen. Die vielen Gottesnamen in der Schrift sind daher nicht etwa ein Spiel der Jahrtausende mit dem Begriff „Gott", sie sind Ausdruck des fortschreitenden Erkennens Gottes auf Grund vorangegangener Offenbarung.

„Das Klagelied", sagt ein Deuter unseres Psalms, „singt der hebräische Dichter seinem Gott im stillen Kämmerlein, das Danklied aber in großer Gemeinde: denn es ist Pflicht des frommen, seine Erfahrung mit Gott nicht zu verschweigen, sondern zu Nutz und  Frommen aller zu verkündigen; und so geziemt es sich: Gottes Lob muß laut gesungen werden, daß ganz Israel, ja Himmel und Erde es hören und mit einstimmen." Das ist Gemeinschaft. Sie wirkte sich in der gemeinsamen  Freude zu allen Zeiten noch stärker aus als im gemeinsamen Leid. Der Leidensweg war — außer in großen Verfolgungszeiten — stets ein sehr einsamer. Am einsamsten war er für den, der auch von seinen Jüngern allein gelassen wurde, als er in Gethsemane mit dem Tode rang (Matth. 26,40 ff.).

Welche Glaubensstärkungen, innere Anregungen, rechtzeitige Tröstungen aber von der Pflege geistlicher Gemeinschaft mit Brüdern und dem ganzen Gottesvolke je und je im Laufe der Heilsgeschichte ausgegangen sind, weiß ein jeder, der etwas von dem Geheimnis „der Gemeinschaft der Heiligen" kennt. Auch unser Sänger will auf Grund seiner Erlebnisse Zeuge sein, damit andere ebenfalls die Beziehungen Gottes zum Menschen und des Menschen zu Gott kennenlernen möchten. Er weiß aber auch, daß es viele gibt, die gleich ihm den HErrn fürchten. Es sind jene, die zu dem wahren Samen Jakobs zählen, zum wahren Israel gehören. Von ihnen erwartet er, sowohl in seinen vorangegangenen Leiden als auch in seinem gegenwärtigen Lobgesang verstanden zu werden. Daher ruft er ihnen zu:

24. „Die ihr den HErrn fürchtet, preiset ihn,
alle vom Samen Jakobs, ehret ihn, ja fürchtet euch vor ihm, ihr alle vom Samen Israels!"

25. Denn nicht hat er verachtet, noch verschmäht des Elenden Elend, noch ihm entzogen sein Angesicht,

und als er zu ihm flehte, [alsbald] erhörte er ihn.

So machte der Psalmist sein großes Gotterleben zum Zeugnis für andere. Es soll nicht nur seiner Seele, sondern auch den anderen, die den HErrn fürchten, der Inhalt zu einem neuen Psalm werden. Der Psalm will aber nicht eine Verherrlichung etwa der Hilfe sein, die ihm geworden, sondern ein Ausdruck der Anbetung des HErrn, von dem die Hilfe kam. Er fährt daher fort und bekennt:

 

26.Von dir kommt mein Lobgesang in der großen Gemeinde, meine Gelübde will ich einlösen vor denen, die ihn fürchten.

27.Die Demütigen werden es aufnehmen und sich daran Sättigen, den HErrn werden  reisen, die nach ihm fragen;

Die innige Aufnahme einer Wahrheit, einer Verkündigung, einer Lehre zur geistigen Nahrung finden wir auch an anderen Stellen der Schrift durch „Essen" oder „Sättigen" ausgedrückt. Vielleicht redet der Psalmist hier aber auch von einer wirklichen Opfergabe, durch die er seine Gelübde dem HErrn einlösen will. An der Opfermahlzeit sollen dann die Elenden teilnehmen, das Zeugnis der Opfergabe zu sich reden lassen und mit ihm den Herrn für sein Tun preisen. Denn nach dem Gesetz (5. Mos. 16,11) sollen an den Gelübdeopfern gerade auch die Armen, Witwen, Waisen und Fremden teilnehmen. Und gilt nicht bis heute das Zeugnis von dem Erleben Gottes auch innerhalb der Kirche Jesu Christi in erster Linie den Armen im Geist, den Hungernden und Dürstenden nach der Gerechtigkeit, den Mühseligen und Beladenen an der Landstraße des Lebens!

So ist im Reiche Gottes alles auf Gemeinschaft angelegt: Gemeinsames Tragen der Leiden und gemeinsames Teilen der Freude. Was das einzelne Glied bedrückt oder empfängt, der ganze Körper nimmt daran Anteil. Was der ganze Körper erduldet oder erlebt, dem kann auch das einzelne Glied sich nicht entziehen. Das ist das Geheimnis der Kirche, das ist Gemeinschaft der Heiligen, das ist Auferbauung der Gemeinde. Der Getröstete ruft den Ringenden zu:

27. drum bleibe lebendig euer Herz bis bin zum ewigen Ziel.

VII.  Das Heil der Völker (Vers 2 8 — 3 2).

Die Kirche ist jedoch nicht Selbstzweck. Sie stirbt an sich selbst und an ihrem Reichtum, sobald sie zu einer Laodicäa= Kirche wird, wie sie in der Offenbarung Johannis (Kap. 3) beschrieben ist. Die Kirche will durch ihr Zeugnis Reich Gottes werden, will Völker durch ihre Lobgesänge erfassen, damit auch sie unter die Herrschaft Gottes kommen.

28. Dessen werden gedenken und zu Gott zurückkehren alle Enden der Erde, und niederwerfen werden sich vor dir alle Geschlechter der Nationen.

Das ist Endvollendung, das ist: Zukunftserwartung eines Menschen, der Gott in seinem Tun so gewaltig erlebt hat. Wie kühn wird doch der Glaube in seinen Erwartungen, wenn er in Gottes Handeln Gottes Herrlichkeit gesehen hat! Er schließt von sich auf andere, ja auf die Geschlechter der Erde. Würden sie Gott in seiner Majestät und in seinem Handeln sehen, wie er Gott gesehen hat, so würden auch sie als Verlorene und Verirrte zurückkehren ins Vaterhaus und dem in Hingabe und Demut huldigen, der der Herr ist über alles.

29.   Denn des HErrn ist das Reich, und er befiehlt den Völkern.

Sie würden nicht weiter zerbrechen an ihrem Widerstand gegen das souveräne Walten des Allmächtigen wie einst ein Pharao und ein Nebukadnezar, sondern sich beugen und mit ihren Völkern zu einem großen Bethaus Gottes werden. Denn es liegt in dem Geheimnis der Herrschaft und der Souveränität Gottes, daß man sich vor ihm entweder widerstrebend oder freiwillig beugen muß. Die Welt würde aus den Fugen gehen, die Völker würden zum Chaos werden, gäbe Gott seinen Herrschaftsanspruch an die Welt und ihre Völker auf. Wen er jedoch zur Unterwerfung zwingen muß, dem ist es Gericht. Wer ihm huldigt in Liebe und Hingabe, dem ist es aber Erlösung.

Die ganze Welt ist in ihrem tiefsten sein eigentlich angelegt auf freiwillige Huldigung Gottes, des rechtmäßigen Weltherrschers. Tut sie es nicht, dann fehlt ihr der Friede, dann sinkt sie in ihrem Widerspruch aus Katastrophe in Katastrophe. Wer Gott gesehen hat wie der Psalmist, erwartet jedoch, daß jene Zeitalter einmal kommen müssen:

 

30.   Es essen und werfen sich nieder alle Großen der Erde, es beugen ihre   Kniee vor ihm, die  hinabsinken  in den Staub, und wer nicht erhalten konnte sein Leben.

31. Dienen wird ihm mein Same,[und] vom HErrn wird erzählt  werden von Geschlecht zu Geschlecht.

Solch eine Eschatologie, d. h. solch eine Endvollendung entspricht der Größe Gottes. Sie entspricht der Größe Jesu Christi, nachdem der Vater ihm alles, was an Gewalten, Herrschaften, Fürstentümern, Mächten im Himmel, auf Erden und unter der Erde genannt werden mag, untertänig gemacht hat.

Je mehr der Mensch Gott sieht, lernt er Gottes Größe und Wirken entsprechend denken und hoffen. Er sieht im Geiste eine Zukunft nahen, in der das Reich Gottes Völker und Zeiten beherrschen wird. Denn „die Herrschaft Gottes drängt auf Vollendung", sagt ein jüngerer Ausleger. Da in ihr das Heil der Welt liegt, sucht Gott in seinem Erbarmen alle zu erfassen und in sein Heil hineinzuziehen. Zeugen dieses Heils werden jene sein, die Gott in seinen Taten gesehen und in seinem Erbarmen erlebt haben. Sie werden von Geschlecht zu Geschlecht die Künder der großen Taten Gottes und der verheißenen Heilsvollendung sein und in den harrenden Völkern Hingabe an die Herrschaft Gottes wecken. Dann erfüllt sich:

 

52. Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit künden

dem Volk, das geboren wird: „Der HErr hat's vollbracht!"

Von den Menschen oder von den Völkern und deren Geschichte aus vermag der Mensch nie die Erwartung der Verwirklichung solch einer Hoffnung zu gewinnen. Wen Gott jedoch wie einst seine Propheten und Apostel hineinziehen konnte in sein Vertrauen, der lernt auf eine Königsherrschaft Gottes warten, die mit ihrem Heil und in ihrer Macht keine Grenzen kennt. Gott kann auch da, wo der Mensch versagte, einen neuen Anfang geben. Die große Zukunftserwartung der Kirche Christi hatte daher immer Gott und dessen Königsherrschaft zum Heilen der Völkerwelt als Inhalt.

Anmerkungen zu Psalm 22

1) Mit Fr. Baethgen ist wohl anzunehmen, daß unter „die Hinde des Morgenrots" der Anfang eines uns nicht erhaltenen Liedes zu verstehen ist, nach dessen Tonart das Lied gesungen werden sollte.

2) Da das hebräische Wort eigentlich „Schweigen" und nicht „Beruhigung" bedeutet, so soll hier wohl gesagt werden, daß auch des Nachts die Klage des Dichters nicht schweigt.

3) Nach Jes. 41,14 wird Israel als Volk „Wurm" genannt.

4) Mit Fr. Baethgen fassen wir die Worte als Antwort des Sängers auf den Hohn der Spötter.

5) Unter „Starke Basans" sind nicht mehr die starten Stiere des Ostjordanlandes, sondern des Sängers Feinde zu verstehen.      6) Unter „Todesstaub" muß das Grab verstanden werden.

7) Es sind hier „die das Aas witternden Hunde" als Bild für den „niedrigsten Abschaum der Völkerklassen" verstanden.

8) F. Hitzig bemerkt, daß das hebräische Wort nicht „zur Besinnung kommen" heißt, sondern es wird das Objekt angegeben, dessen man sich erinnere; hier soll man all der großen Taten Gottes gedenken und zu  ihm zurückkehren.

9) Wörtlich heißt es: „Alle Fetten der Erde", womit die Wohlhabenden, die Besitzenden, Vornehmen bezeichnet werden, die sich dank ihres Wohlstandes gut pflegen und nähren können.

10) Wörtlich: „seine Seele", aber in der Regel ist  darunter einfach das „Leben" zu verstehen.

11) Franz Delitzsch.       12) Fr. Baethgen.      13) F. Hitzig      14)  Rudolf Kittel.

 

5.  Der Hirte Israels               Psalm 23

Überschrift: Psalm Davids

1.              Der HErr ist mein Hirte, [darum] entbehre ich nichts.

2.               Auf grünen Auen läßt er mich lagern, zu Wassern der Ruhe führet er mich.

3.Er bringt zurück1) meine Seele, auf Pfaden des Rechts will er mich leiten um seines Namens willen.

4.   Muß ich auch wandern im Tal der Todesschatten,
ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir; dein Stecken und dein Stab,[die sind's], die mich trösten.

5. Du deckest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Dränger.

Du salbest mein Haupt mit Öl, mein Becher fließt über.

6. Nur Gutes und Huld geleiten mich mein Lehen lang,

und wohnen werd' ich im Hause des Herrn bis an das Ende meiner Tage.

Es ist einer jener Psalmen, mit deren Inhalt auch die Jünger Jesu zu allen Zeiten am vertrautesten waren. Sprach einst der Dichter glaubensvoll zum HErrn: „Du bist mein Hirte", so spricht Jesus als das fleischgewordene Wort zu seinem Jünger: „Ich bin der gute Hirte." Sowohl der 23. Psalm als auch Ev. Johannes 10 sprechen mithin einerseits von der Glaubensstellung des Menschen zum HErrn, und andererseits von dem Verhältnis des HErrn zum Menschen.

Nun ist uns von Jugend an gerade dieser Hirtenpsalm als ein Lied Davids bekannt. Er ist so leicht mit dem Hirtenleben Davids vor seiner Salbung durch Samuel zum König über Israel in Verbindung zu bringen. Man hat aber längst erkannt, daß das nicht ganz so sicher ist, wie es allgemein angenommen wird. Auch jene Gelehrten, die annehmen wollen, daß er von David gedichtet worden sei, verlegen die Entstehung des Psalms in jene Zeit, wo David als König vor seinem sich empörenden Sohne Absalom fliehen mußte. Sie betonen, daß der Psalm ganz verwandt sei mit jenen anderen, die dieselbe Sehnsucht nach dem Hause Gottes zum Ausdruck bringen wie der 23. Psalm. David mit seinen Getreuen befindet sich bereits auf der Flucht über das Kidrontal und den Ölberg, um Deckung in den Einöden der Wüste Juda zu finden. Hier wird ihm von dem treugebliebenen Freund Husai die Nachricht, daß er mit seinem Gefolge, um der drohenden Gefahr zu entgehen, über den Jordan fliehen solle (2. Sam. 17,15 ff.). „Es ist allen diesen Psalmen", sagt ein begnadeter Gelehrter2), „eigen, daß sich David in ihnen nach dem Hause Gottes wie nach der eigentlichen Heimat seines Herzens zurücksehnt, und daß alle seine Wünsche sich in dem Wunsch vereinigen, in diesem Hause, an dem er mit der ganzen Liebe seines Herzens hängt, wieder heimisch zu werden."

Neuere Erklärungen sehen  mit manchen altrabbinischen Auslegern in dem Inhalt des Psalmes mehr den Ausdruck des Gefühls und der Freude, die die Verbannten auf ihrer Heimkehr aus Babel in die Heimat empfanden3). So wertvoll es uns auch wäre, genau zu wissen, wann der Psalm entstanden und durch wen er den Glaubenden aller Zeit geschenkt worden ist, entscheidend für uns bleibt der Geist und die Sprache seines Inhalts. Wie richtig urteilt ein neuerer Ausleger, wenn er sagt, daß hier die „innigen Töne eines gehaltenen, in Gott ruhenden Vertrauens" vernommen werden. Denn „hier ertönt nichts von Kampf oder von Klage oder Stürmischem Verlangen wie so manchmal. Und doch sind dem Dichter Kampf und Anfechtung nicht unbekannt. Der hier zu uns Redende hat das Große erreicht, daß er in seinem Gott zur Ruhe gekommen ist"4).

Menschen, die in Gott zur Ruche gekommen sind, hatten aber zu allen Zeiten denen etwas zu sagen und zu geben, die sich in ihrem Ringen und Dienen, in ihren Kämpfen und Leiden nach jenem Frieden Gottes sehnen, der höher ist als alle menschliche Vernunft. So redet auch unser Psalm

I.                    von  einem Vertrauen zu Gott (1), 

das auch, uns allein Ruhe und Frieden im Wechsel des Lebens geben kann.

1. Der Herr ist mein Hirte, [darum] entbehre ich nichts.

Es sind zwei bekannte Bilder, durch welche dieses Vertrauen zum Ausdruck kommt: das Bild vom Hirten und das Bild vom Gastgeber. Wenn der Sänger bekennt: „Der HErr ist mein Hirte" und zugleich bezeugt: „Darum entbehre ich nichts", so drückt sich durch beides einmal eine Haltung Gott gegenüber, dann aber auch eine Glaubenserfahrung aus, die beide nur aus kindlichem Vertrauen zu Gott fließen können. Wenn der HErr „der Hirt Israels" genannt wird, der „Joseph leitete wie eine Herde" (Pf. 80,2), und dem Israel als „Schafe seiner Weide" (Pf. 79,13) galten, so war das nur möglich, weil der HErr sich Israels als  seiner Herde selbst angenommen hatte und Israel in bewußter Glaubenshingabe an Gott stand.

Das war zu allen Zeiten das Geheimnis des wahren Ver­hältnisses zu Gott, daß Gott handelnd und segnend in das Leben eines Menschen treten konnte und daß wiederum der Mensch dann freiwillig und vertrauensvoll in die Abhängigkeit von Gott trat. „Als Pharao das Volk hatte ziehen lassen, führte es Gott auf dem Umweg durch die Wüste" (2. Mos. 13,17), heißt es beim Auszuge Israels aus Ägypten. Die Jünger fanden in Jesus erst dann ihren Herrn und Meister, als sie alles verließen und dem Propheten von Nazareth folgten. Solch einen Entschluß des Glaubens nennt die Schrift sehr oft Bekehrung oder auch' Wiedergeburt.

Warum der Psalmist unter dem HErrn als seinem Hirten nichts ent­behrt, begründet er, indem er spricht

II.                  vom Tun des Hirten (2-3)

Von diesem hat er Großes zu sagen:

2. Auf grünen Auen läßt er mich lagern,

zu Wassern der Ruhe führet er mich.

3. Er bringt zurück meine Seele,

auf Pfaden des Rechts will er mich leiten

um seines Namens willen.

Der vom Glauben erlebte Segen entspricht immer der Größe dessen, der mit seinem Segen hinter ihm steht. Ließen sich die Könige von Babel auch als „Völkerhirt" bezeichnen, hier ist mehr als der Großkönig einer Weltmacht. Der Sänger hat in keinem Geringeren als in Gott selbst den Hirten gefunden, der entsprechend seiner Größe und Ausschließlichkeit für grünende Auen sorgt, zu Wassern der Ruhe führt, aus jeder Verirrung Zurückbringt und auf Pfaden der Gerechtigkeit leiten will. Das sind alles Segnungen, die für einen Menschen ohne Gott nicht selbstverständlich sind. Dem Menschen ohne Gott wird das Leben zur Wüste, in der seine Seele verhungert. Wie ein Hirsch lechzt an Wasserbächen (Ps. 42,2), so lechzt seine Seele an löcherichten Brunnen, die er sich selbst  gegraben hat (Jer. 2,13). Israel unter der Führung falscher Propheten wird sein wie „Schafe, die keinen Hirten haben" (vgl. 1.Kön. 22,17).

Menschen jedoch, die unter dem Tun Gottes stehen, zerbrechen nicht am Leben. Sie finden mitten in allen Härten des Lebens dennoch jene Kräfte und Segnungen, durch die sie stark genug werden, die Welt zu überwinden. Spricht der Dichter hier von „Wassern der Ruhe", so versteht er darunter nicht „ruhig fließendes Wasser" im Gegensatz zu Strömen, sondern Wasserplätze, an welchen die Herde mittags und abends ruhen kann. Und all dies segnende Handeln Gottes in seinem Leben geschieht „um seines Namens willen". Gott will in seinem Tun sich selbst rechtfertigen im Leben derer, die den Mut aufbringen, ihn als alleinigen Hirten und Herrn zu erwählen.

Gottes Tun ändert zwar nicht die Welt. Sie bleibt voll von Einöden, Versuchungen, Leiden, Kämpfen, Todestälern. Und auch Menschen, die sich an Gott gebunden wissen, lernen sie kennen, wie auch jeder andere Mensch. Sprechen sie jedoch

III.                von den Tälern des Todes (4)

so tun sie es immer im Lichte des Hirten, der in ihr Leben getreten ist.

4. Muß ich auch wandern im Tal der Todesschatten,

ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir;

dein Stecken und dein Stab,[die sind's], die mich trösten.

Schon ein großer Theologe des vorigen Jahrhunderts hat erkannt, daß „die Zuversicht, die hier ausgesprochen wird, nicht die kindliche ist, nicht die eines solchen, der den Schmerzen und Nöten des Lebens, die er noch nicht erfahren hat, mit heiterer Freudigkeit entgegengeht; sie ist die eines erfahrenen Streiters, eines solchen, der aus vielen Trübsalen kommt, der weiß, was es mit ihnen auf sich hat, und wie der Herr in ihnen tröstet und aus ihnen hilft, reichlich erfuhr. Der Preis der Ruhe, welche der Herr gewährt, läßt uns in dem Sänger einen müden Pilgrim erkennen; der Dank für die Erquickung zeigt uns den Erschöpften; das ,wenn ich auch wandle im Tale des Todesdunkels' usw. einen solchen, der dunkle Lebenswege schon geführt ist und ihnen noch ent-gegengeht"5).

Wie in Palästina die schönsten Weideplätze oder die Wasser der Ruhe gar oft zwischen wilden Schluchten liegen, wo wilde Tiere und Räuberbanden auf ihre Beute warten, so sind die Segnungen und Höhepunkte des Lebens vielfach eingebettet zwischen Gefahren, Prüfungen, Nöte, die nur von Gott beherrscht werden können. Das Geheimnis aber, daß der Glaubende sich wie Joseph auch im Hause eines Potiphar bewährt (1.Mos. 39,8 ff.), daß Mose auch vor der Sprache eines Pharao nicht erschrickt (2. Mos. 10, 28 ff.), daß Luther auch vor dem Reichstag zu Worms zu erscheinen wagt — ist: „denn du bist bei mir"! Gott in seiner Gegenwart war aber stets groß genug, auch Fluch in Segen und Tod in Leben zu verwandeln. Pfade, die auch Glaubenden als Untergang erscheinen mußten, erwiesen sich nachher als Wege, die zu ungeahnten Segnungen und Aufgaben führten, weil Gott sie durch seine Gegenwart beherrschte.

Was mich daher auch angesichts der Todestäler „tröstet", d. h.  ruhig sein läßt, das sind „dein Stecken und dein Stab". Das war einst die Waffe des morgenländischen Hirten. Gott hatte zu allen Zeiten Waffen genug, um sich der Welt gegenüber zu behaupten. Er beherrschte noch immer Zeitalter, Völker und Geschichte. Will er Israel aus seiner Gefangenschaft erlösen, beruft er sich einen jungen Cyrus  zu seinem Knecht. Will er Luthers [Reformation vor dessen Feinden bewahren, stellt er sie unter die Gunst der Fürsten. Gottes Waffen erschöpfen sich nicht, die der Bewahrung derer dienen müssen, die Ihm vertrauen. Daher konnte sich der Glaube oft bis zu der ganz großen Zuversicht eines Paulus erheben: „Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Fährlichkeit oder Schwert?... In dem allen überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat" (Röm. 8,35 ff.).

Weit mehr noch als Täler des Todes können jedoch Menschen drücken, wenn sie dem Menschen zum Feinde werden. Wie stark jedoch unser Sänger in Gott zur Ruhe gekommen ist, zeigt sich ferner in dem, daß er

IV.              Im Angesicht der Feinde sprechen kann,

ohne seine Zuversicht erschüttern zu lassen. Er täuschte sich nicht über die Wirklichkeit des Lebens hinweg. Er nahm auch die Menschen, wie sie sind. Er wußte von deren Ränken und Härte, von deren Haß und Feindschaft. Aber auch ihr jeweiliges Verhalten sieht er nicht ohne Gott.

5. Du deckest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Dränger. Du salbest mein Haupt mit Öl, mein Becher fließt über.

Ob wir den Verfasser unseres Liedes in David oder aber in der aus der babylonischen Gefangenschaft heimkehrenden Gemeinde suchen, im Munde beider ist die Sprache von den Drängern oder Feinden verständlich.

Wie sich Gott als „Hirte Israels" aber größer erweist, auch als alle Feinde seiner Knechte und seines Volkes, davon redet dies zweite Bild. Ein guter Kenner des israelitischen Volkes und des morgenländischen Lebens sagt daher zu diesen Versen: „Ein neues Bild löst das erste ab. Wie  der ganze Zauber, aber auch alle Schrecken des judäischen Steppen= und Berglandes über jenes ausgegossen war, so über dieses die ganze Poesie des uralten und bis heute heilig gehaltenen Gastrechts. Kein Zelt, kein Haus, wo man nicht in alten Zeiten und vielfach heute noch, den des Weges kommenden Wanderer mit Freuden als Gast aufnahm, um ihm das Beste zu bieten, das man hatte. Noch heutigentags sieht  mancher seinen Stolz darin, durch reichliche Bewirtung anderer zum armen Manne zu werden. Wie man in des Sängers Zeit einen besonders werten Gast ehrte, sagt uns

5: man deckt ihm den Tisch zu reichlichem Mahle, schenkt ihm einen Becher köstlichen Weines um den andern ein und salbt ihm das Haupt festlich mit Öl6)."

Aber auch uns Kindern des Neuen Testaments ist das Bild nicht ganz fremd. Wir wissen nach dem Lukasevangelium von einer Tischgemeinschaft im Vaterhause. Wir wissen, daß Paulus Menschen, die durch den Sohn zum Vater gekommen sind, als „Hausgenossen" Gottes bezeichnet. Und doch ist alles nur ein bildlicher Ausdruck jenes genannten Geheimnisses von dem in Gott zur Ruhe gekommenen Leben. Was der Psalm uns sagen will, drückt Jesus mit den wunderbaren Worten aus: ,,Ich bin gekommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben sollen" (Ev. Joh. 10, 11. 28). Und das sagt er von seinen Jüngern, die ihm und seinem Ruf folgen.

Wie mannigfaltig die Art und Weise ist, in der Gott es im Leben der einzelnen verwirklicht, daß sie einen gedeckten Tisch auch im Angesichte der Feinde haben, daß sie sich im Zelte Gottes gedeckt sehen, wo Feinde sehnlichts auf eine Beute warten, daß sie sich mit frischem Öl, d. h. mit neuer Kraft und Vollmacht gesalbt wissen, bevor sie in neue Kämpfe und Aufgaben zu treten haben — das kann nicht geschildert, sondern nur erlebt werden. Gott hat Zelte genug, in die er uns aufnehmen, wo er uns decken, stärken und neu ausrüsten kann. Einem David mußte auf seiner Flucht vor Saul sogar der Philisterkönig Achis seine Zelte öffnen und ihn als einen Freund behandeln (1. Sam. 29,2. 9). Daniel erlebte es, daß die Feinde am Hofe Babels durch ihre heimtückischen Machenschaften jedesmal jenen Boden vorbereiten mußten, auf dem ihm nachher ein um so größeres Vertrauen vom König Darius entgegengebracht wurde (Dan. 6, 24 ff.). So zu handeln, entspricht der Größe Gottes.

Wer jedoch wie unser Psalmist sein Leben so unter das Tun Gottes gestellt weiß, der läßt sich in seiner Zuversicht auch nicht durch die Zukunft mit all ihren Dunkelheiten und Geheimnissen erschüttern. Er spricht

V.              von einer Zuversicht des Glaubens (6)

 die nur bei einem Menschen verständlich ist, der nichts von sich, wohl aber alles von Gott erwartet. Noch war nie ein Mensch, auch kein frommer Mensch groß genug, daß er seine Zukunft so gemeistert hätte, wie der Psalmist es hier mit den Worten beschreibt:

6. Nur Gutes und Huld geleiten mich mein Leben lang, und wohnen werd' ich im Hause des HErrn bis an das Ende meiner Tage.

Die tiefe und starke Sehnsucht der frommen in Israel nach dem Hause des HErrn wird immer wieder verständlich, da ihnen das Heiligtum die Stätte der Gegenwart und Offenbarung Gottes war. Hier sprachen sie durch ihre Gebete, Psalmen und Opfer zu Gott, hier sprach Gott durch die Thora (das Gesetz), durch die Festfeiern und durch  den Segen des Priesters zu ihnen. Je öfter sie in Gottes Gegenwart weilen können, desto gewisser ist ihnen auch, daß die von Gott ausgehenden Segnungen, Kräfte und Tröstungen ihnen in ihrem Leben werden müssen. Denn Gott gibt sich nicht aus.

Vielleicht liegt hier dem Gedanken vom Hause des HErrn, in dem der Sänger zu wohnen hofft selbst bis ans Ende seiner Tage, noch ein tieferer Gedanke zugrunde. Vielleicht denkt er hier bereits an die Heimkehr ins obere Vaterhaus. Ist der Lauf vollendet, der Kampf zu Ende geführt, die Pilgrimschaft abgeschlossen, dann erfolgt das Bleiben für immer in dem oberen Gottestempel, von dem alle Heiligtümer der Zeit nur ein Abbild und Gleichnis sind. So eine lebendige Hoffnung, die den Tod überwunden hat, bevor er dem Menschen des Glaubens zur Rückkehr in das große weite Vaterhaus wird, läßt sich in der Seele eines Frommen denken, wie wir ihn in dem Sänger unseres Psalms gesehen haben.

In einem Leben, das in Gott zur Ruhe gekommen ist und das in seinen letzten Hoffnungen auf Gottes Tun und Segen geht, gestaltet sich letzthin alles zu einem Übergang zur Heimat. Selbst wenn vieles im wechselvollen Leben auch unverständlich bleibt oder in seinen letzten Zielen nicht gesehen werden kann, Gott ist groß genug, daß denen, die ihn liebhaben, alles zum Guten mitwirken muß. Glaubende stehen mithin nicht nur in einem starken Erleben Gottes in der Gegenwart, sie sehen sich von einer nicht weniger starken Hoffnung getragen auch im Blick auf die Zukunft. Ihnen war das Leben ein Weg zu Gott, ihnen wird das Sterben zu einem Übergang in die Heimat.

Anmerkungen zu  Psalm 23

1) Das hebräische Wort bedeutet hier: „in einen früheren Zustand zurückführen", also das Wiederbringen der Seele, wenn sie sich wie ein Schaf in der Wüste verirrt hat.

2) Nach Frz. Delitzsch, vgl. Ps. 27,4 und 63,2 ff.

3) Nach Fr. Baethgen wird der Psalm vom Targum (jüd.=aram. Übersetzung) und vom Midrasch (Auslegung oder Untersuchung von Erklärungen des Gesetzes) auf Israels Wüstenwanderung und auf die Gefangenschaft in Babel gedeutet.

4) R. Kittel, Die Psalmen S.96.

5) Nach Fr. Baethgen, Psalmenkommentar S. 67.

6)  R. Kittel, Psalmen S. 97.

57

6. Zeugnis von der Sündenvergebung               Psalm 32

 

Überschrift: Von David; eine Belehrung1)

 

1. Heil dem, dessen Übertretung vergeben, dessen Sünde bedeckt ist!

2.Heil dem Menschen, dem der HErr nicht anrechnet die Missetat, in dessen Geist kein Selbstbetrug ist.

3.Da ich's verschwieg, verfiel mein Gebein ob meines  stündlichen Stöhnens.

4.Denn Tag und Nacht lag schwer auf mir deine Hand,

wie unter Gluten des Sommers vertrocknete meine Lebenskraft2). Sela3).

5.   Da tat ich dir kund meine Sünde, und meine Missetat verhelte ich dir nicht. Ich sprach: „Bekennen will ich meine Übertretungen  dem HErrn"; da vergabst du die Missetat meiner Sünde. Sela.

6. Darum bete zu dir jeder Fromme, sobald er sich ihrer [= seiner Sünden] bewußt4), daß sie nicht auf ihn stürzen wie Fluten mächtiger Wasser.

7. Du [selbst] bist mir Schirm, du bewahrst mich vor Drangsal Mit Rettungsjubel umgibst du mich. Sela.

8. Ich will dich unterweisen und dich belehren über den Weg, den du zu geben hast, ich will dich mit meinen Augen leiten6).

9.   Seid nicht dem Roß, dem Maultier gleich, die ohne Einsicht sind, nur Zaum und Gebiß bändigen sie,

sonst kommen sie nicht zu dir.

10. Viel sind die Plagen der Gottlosen. Doch wer dem HErrn vertraut, den umgibt er mit Huld.

11. Freuet euch des HErrn und frohlocket, ihr Gerechten, und jubelt alle, die ihr aufrichtigen Herzens seid!

In einzelnen seiner Gedankengänge ein schwer zu übersetzender Psalm. In seinem Gesamtinhalt berührt er jedoch eine der wichtigsten Fragen unseres inneren Lebens. Es  ist die Sündenfrage. Wie ein Mensch der Vergebung seiner Sünden gewiß werden kann, davon will er Zeugnis ablegen. Man kann verstehen, daß er der Lieblingspsalm Augustins war und bis heute innerhalb der Kirche als der zweite Bußpsalm gilt.

Augustin hatte das Pauluswort besonders stark erlebt: „Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da hat sich  die Gnade als weit mächtiger erwiesen" (Röm. 5,20).

Mit einigen Auslegern darf wohl angenommen werden, daß David den Psalm schrieb, nachdem er nach seiner Ehebruchssünde mit der Bathseba und dem damit verbundenen Meuchelmord an deren Gatten Uria den inneren Frieden wiedergefunden hatte. Ein ganzes Jahr lang war er nach seinem schweren Fall „wie ein Verdammter in der Hölle" gewesen. In dieser Hölle wurde der 51. Psalm gedichtet. Der 32. entstand nach diesem schweren Erlebnis. Wie schwer die erwachte Schuldfrage zu allen Zeiten vom Menschen erlebt wurde und wie der Mensch durch Vergebung allein den Frieden der Seele wiedergewinnen konnte, das bezeugt dieser Psalm. Auch wir sind bei allem kulturellem, wissenschaftlichem und auch weltanschaulichem Fortschritt noch nicht über das Bekenntnis unseres Beters hinausgekommen.

I. Das  Geheimnis der Sündenfrage (Vers1 — 2).

1.Heil dem, dessen Übertretung vergeben, dessen Sünde bedeckt ist!

2.Heil dem Menschen, dem der HErr nicht anrechnet die Missetat, in dessen Geist kein Selbstbetrug ist.

Sie findet in den ersten Versen eine eigenartige Beleuchtung. David nennt Menschen glücklich, denen Übertretungen vergeben, Sünden zugedeckt und Missetaten nicht mehr angerechnet werden. Mithin erklärt er alle für unglücklich, die diese Tat Gottes nicht kennen. Denn daß es hier um ein Tun Gottes geht, ist klar. Kein Mensch kann Sünden vergeben oder Verbrechen wie die eines David zudecken. Das ging bisher in der Geschichte über das Können des Menschen. In wem eines Tages die Schuldfrage erwachte und bei wem sie wie bei David durch das Wort des Propheten Nathan geweckt wurde, der wurde sie nicht mehr los. Ob er auch durch die Flucht von ihr loszukommen suchte, er nahm die Qual mit sich, die in ihm aufgebrochen war.

Es ist ja bekannt, wie Verbrecher sich oft jahrzehntelang nach ihrer verbrecherischen Tat schließlich doch freiwillig dem Gericht Stellen. Sie hatten Gelegenheit, sich der weltlichen Gerechtigkeit zu entziehen. Sie glaubten, damit ihr Leben und ihre Zukunft gerettet zu haben. Aber je länger, desto mehr wurde ihnen das Leben unter dem Druck ihrer Schuld unerträglich. Schließlich kam ihnen die Sühne derselben weit leichter vor als das weitere Leben in der Freiheit. Sie kamen und erklärten sich bereit, jede Strafe auf sich zu nehmen.

Kann dies gesagt werden, wo es sich im  Leben eines Menschen um schwerste Verbrechen handelt, d.h. wie bei David um Ehebruch, so gehört es letzthin zum Geheimnis jeder Sünde. In der Seelsorge kann man es oft erleben, daß auch die kleinste Sünde den Menschen fast bis zur Verzweiflung bringen kann, wenn die Erkenntnis der Schuld in ihm erwacht und nicht von Gott her die Lösung im Glauben gesucht wird.

Auch von David werden hier die Sünden in verschiedenen Graden genannt: Übertretungen, Sünde, Missetaten oder auch Verbrechen. Auch die Sünde kennt Steigerungen, Fortschritt, höchste Entfaltung ihrer Energien. Sie kann ausreifen bis zur Lästerung des Heiligen Geistes und bis zum bewußten Kampf wider Gott. Je mehr sie sich selbst behauptet, desto frecher wird sie. Entsprechend mehrt sie aber auch die Qual derer, die sie in ihren Bann und Sklavendienst ziehen konnte.

Wenn heute die Sünde als Schwäche erklärt wird, Schwäche von uns aber überwunden werden kann, so darf uns über den letzten Ausgang solch einer Lösung der Sündenfrage nicht bange sein. Nicht selten mußten solche Menschen mit am schwersten in ihrem Leben durchkosten, was Sündenknechtschaft und erwachtes Schuldbewußtsein ist. Auf diesem Wege gibt es keine Lösung.

Und es ist psychologisch verständlich, daß die Schuldfrage um so stärker aufbricht, je mehr Gott in das Leben eines Menschen treten kann. Finsternis wird als Finsternis erst erkannt, wenn Licht in sie hineingetragen wird. Verirrungen erhalten ihre Beleuchtung am stärksten durch Menschen, die ihre Tritte in die Fußtapfen Gottes setzen und im Glaubensgehorsam mit Gott wandeln. Jede Unsittlichkeit sieht sich durch ein keusches Leben gerichtet. Daher wird auch verständlich, daß Kinder gläubiger Eltern viel größere Not haben, wenn sie vor Versuchungen stehen, als jene, die auch in ihrem Elternhause nur ein zügelloses Sündenleben kennenlernten. Welch ein Gewissenskampf muß von solchen Kindern erst überwunden werden, bevor auch sie sich hemmungslos dem Sündenleben hinzugeben wagen, in dem andere stehen. Und welche Qualen erlebten sie nach jeder Tat neu, da sie viel tiefer erfaßten, was ihnen durch die Sünde genommen worden war.

Es gibt aber eine Lösung der Sünden- und Schuldfrage. Das ist die Vergebung. Sie kann nur ausgehen von dem, der größer ist als die Schuld. Das ist Gott. Daher kennt die Heilige Schrift Sünden-Vergebung auch nur als eine Tat Gottes und als eine Tat dessen, der als Menschensohn Vollmacht hatte, auf Erden Sünden zu vergeben. Er ist in seiner Person, in seiner Sendung und in seinem gegenwärtigen Dienst die Vergebung des Vaters.

Christus konnte daher je und je im Leben eines Menschen ein Neues aufbauen, und zwar auf dem Boden der Vergebung. Bevor dem verlorenen Sohn sich wieder die Tischgemeinschaft im Vaterhause erschloß, bevor er den Siegelring wiedergewonnener Sohneswürde empfing, bevor er die Kleider des Kindes im Unterschied zu den Kleidern der Knechte trug, hatte er vom Vater den Kuß der Vergebung empfangen. Ein Recht auf die Sohneswürde hatte er nicht mehr, nachdem er in der Fremde das ganze Erbe von seinem Vater vergeudet hatte. Auf dem Boden des Rechts gab es für ihn keinen Weg zurück ins Vaterhaus und zur Sohnesstellung. Der Vater in seiner Barmherzigkeit ging aber über das Recht hinweg und schuf den Boden der Vergebung. Das ist aber das Geheimnis von Golgatha. Vom Kreuz spricht nicht das Recht, sondern die Vergebung, jene Tat Gottes, die den eingeborenen Sohn hingab, „auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben" (Ev. Joh. 3,15).

Die Gewißheit der Sündenvergebung ist mithin nicht nur als ein psychologischer Vorgang verständlich. Wer sie nur als einen rein innerlichen Seelenvorgang auffaßt, der kann sich in seinem Gefühl sehr leicht einer ungeheuren Täuschung hingeben, der eines Tages ein erschütterndes Erwachen folgt. Sündenvergebung beruht auf dem einmaligen Vergebungsakt Gottes in und durch Christus.  Sie ist Wirkung seines Geistes, die in uns als Frucht Gewißheit und Friede auslöst. Menschen, die sich auf Grund der handelnden Barmherzigkeit Gottes ihrer Vergebung bewußt wurden, konnten später, so unbegreiflich es auch sein mag, durch keine Macht der Erde und durch keine Redekünste der Menschen in ihrem Frieden erschüttert werden. Sie wußten hinfort von einer Wirklichkeit, die keine Täuschung zuließ. Sie bezeugten mit Paulus: ,,Da wir nun aus Glaube gerecht gesprochen sind, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus" (Röm. 5,1).

II.  Der Segen des Bekennens (Vers 3 — 7).

Nicht zu stark haben wir das Tun der göttlichen Barmherzigkeit in der Gewißheit der Sünden-Vergebung betont. Nie kann man Menschen mit dem Frieden Gottes im Herzen begegnen, die im Blick auf ihre Vergebung sich selbst etwas zuschreiben würden. Nur in Anbetung Gottes können sie davon sprechen. Wo es anders ist, da ist die Stellung zur Sünde und zu den Missetaten eine Täuschung oder ein Selbstbetrug. Entweder setz man sich viel zu leicht über die Schwere seiner Schuld hinweg, oder man vergibt sich selbst seine Sünden.

Nie erlebte der Mensch aber bewußt seine Vergebung, ohne daß er mitbeteiligt war. David beschreibt dieses Mitbeteiligtsein mit den ergreifenden Worten:

5. Da ich's verschwieg, verfiel mein Gebein, ob meines stündlichen Stöhnens.

Es  ist wiederum ganz menschlich, daß der in seiner Schuld Erwachte zunächst selbst mit seinen Sünden fertig zu werden sucht. Zu allem nimmt er seine Zuflucht, nur nicht zu Gott. Er rettet sich ins Verschweigen. Er fährt zur Erholung. Er berauscht sich durch Vergnügungen. Er philosophiert über den unsinnigen Begriff Sünde. Er entschuldigt sich durch seine Veranlagung. Er sucht alles in Verbindung mit den Schöpfungsordnungen Gottes zu bringen. Er redet sich ein, daß er letzthin durch andere verführt worden sei. Die Lösung fand er jedoch nicht. Sein physisches Leben fing an, unter der inneren Qual mitzuleiden. Gott schwieg nicht, daher schwieg auch sein Innerstes nicht.

 

4.    Denn Tag und Nacht lag schwer auf mir deine Hand, wie unter Gluten des Sommers vertrocknete meine Lebenskraft.

Psychologisch nur allzu verständlich; es entspricht der Erfahrung aller Zeiten, eines jeden Volkes und der Menschen jeden Ranges. Auch der Körper verfällt, wenn die Seele leidet. Manches Leiden wird verständlich, sobald das Leiden der Seele erkannt ist. So mancher Arzt würde unendlich mehr Erfolge haben, wenn er zugleich ein von Gott begnadeter Seelsorger wäre. David bezeugt, daß die Lösung erst kam, als er in seiner Not den Entschluß faßte:

 

5.    Da tat ich dir kund meine Sünde, und meine Missetat verhehlte ich dir nicht. Ich sprach: „Bekennen will ich meine Übertretungen dem HErrn"; da vergabst: du die Missetat meiner Sünde.

Liegt nun die Vergebung letzthin dennoch im Bekennen? Welch eine Bedeutung hat das Bekennen in der Verbindung mit der Gewißheit der Vergebung? Im Bekennen selbst liegt nicht die Vergebung. Diese bleibt eine Tat Gottes. Das Bekennen ist im Inneren des Menschen aber die Grundlage, auf der Gottes Handeln geschehen kann. Buße und Bekenntnis werden zu jenem Vorgang der Seele, durch den der Mensch im Glauben nimmt, was Gott in seiner vergebenden Liebe schenkt. Daher läßt Gott den Menschen in seine Sündennot kommen. Er läßt ihn alle Künste ausprobieren, sich selbst die Sünden zu vergeben, bis der Mensch in seiner Not bekennend die Zuflucht zu Ihm nimmt.

Gott tut das nicht um seinetwillen. Er in seiner Barmherzigkeit bedarf es nicht, daß ihm die Vergebung abgerungen werde. Der Mensch erkauft sich seine Vergebung nicht durch sein Bekenntnis. Wenn Gott Menschen im Gebet ringen läßt um Vergebung, so ist es weit mehr ein Ringen Gottes mit dem Menschen. Um des Heils des Menschen willen läßt er ihn so lange ringen, bis er die Vergebung wirklich als ein Geschenk der Liebe und als einen Akt der Gnade Gottes empfängt und dafür zu danken beginnt.

Daß der Mensch innerlich für den Empfang der Vergebung von Gott zubereitet worden ist, zeigt sich sehr oft alsdann darin, daß er auch bereit ist, Menschen gegenüber seine Sünden zu bekennen. Die Beichte sollte aber immer nur zu Seelsorgern ober Freunden geschehen, von denen man weiß, sie werden heilig mit dem heiligen Bekenntnis der Seele umgehen. Im Bekenntnis handelt es sich um Dinge, die allein im Kämmerlein und in der Gegenwart Gottes behandelt werden müssen. Mancher hat sich und andere verdorben, wenn er mit seinem Schuldbekenntnis vor eine unberufene Öffentlichkeit trat.

Auf Grund seines Erlebens gibt nun David allen frommen den Rat, daß sie sich an Gott mit ihrer Sünde wenden sollen, damit die erwachte Schuld sie nicht erdrücke. Der hebräische Text in Vers 6 ist nicht leicht zu übersetzen, vielleicht gibt aber folgende Übersetzung den eigentlichen Sinn wieder:

 

6. Darum bete zu dir jeder Fromme, sobald er sich ihrer [= seiner: Sünden] bewußt, daß sie nicht auf ihn stürzen wie Fluten mächtiger Wasser.

Was es bedeutet, wenn Schuld auf Schuld sich häufen und eines Tages wie eine mächtige Wasserflut über alles Seelenleben sich ergießen, hatte David ein Jahr lang erlebt. Daher kann er anderen zum Seelsorger werden und mit Freuden die Rettung bezeugen, die ihm von Gott durch die empfangene Vergebung geworden ist. Vielleicht bezieht sich der Inhalt des Verses aber auch nicht auf die Sünde, sondern allgemein auf Drangsale, Versuchungen und Leiden, die gleich einer starken Wasserflut über die Frommen hereinbrechen können. Nachdem David sich der Vergebung seiner Sünden bewußt geworden, fürchtet er sich, von Kräften, die Stärker sind als er, ins Verderben gerissen zu werden. Ein neuerer Schriftforscher sagt zu dem Verse: „Es entspricht dem Gesamttenor des Psalms, daß das Bild von den gewaltigen Wasserfluten, die an den Beter nicht heranreichen, weniger im Sinne der Bewahrung vor äußerem Unglück, als vielmehr im Sinne einer inneren Unantastbarkeit durch Not und Gefahr gemeint ist."

Worauf wir das Bild von den mächtigen Wasserfluten auch immer beziehen mögen, klar ist, daß der Psalmist die Kraft seiner Bewahrung nicht in sich sucht. Auch sie findet er allein in seinem Gott.

7. Du [selbst] bist mir Schirm, du bewahrst mich vor Drangsal. Mit Rettungsjubel umgibst du mich.           

Psalmen wurden stets aus dem Erleben Gottes geboren. Ihr Inhalt entsprach immer der Größe der Rettung, die dem Menschen in seiner Not von Gott her wurde. Der Beter unseres Psalms hatte die ganze Schwere seiner unvergebenen Sünden durchkostet. Gottes Barmherzigkeit war jedoch groß und stark genug gewesen, ihn in ihre Vergebung hineinzuziehen. Aus dieser Tat Gottes floß nun sein Rettungsjubel. Er war der Ausdruck der Freude und des Dankes, der sein Innerstes ob der empfangenen Vergebung erfüllte.

III. Der Weg zum Leben (Vers 8 — 9).

Menschen, die sich durch Gnade ihrer Vergebung gewiß geworden sind, gehen damit aber nicht auf die Straße. Sie machen damit keine Propaganda, erheben die Vergebung zu keiner Reklame. Ihr Erleben ist ihnen zu groß, zu heilig, um es von Spöttern zertreten zu lassen. Sie wissen, daß durch Propaganda zwar politische Ideen, nicht aber die Gewißheit der Sündenvergebung weitergegeben werden kann. Nicht jenen Schaulustigen gilt ihr Zeugnis von der Vergebung, die sich durch jede Reklame anziehen lassen. Es gilt aber Menschen, die unsagbar unter ihren Sünden und Missetaten leiden. Auf sie ist ihr Auge gerichtet, wenn sie von ihrer Vergebung reden, um ihnen mit ihrer eigenen Erfahrung zu dienen. Ihnen zeigen sie den Weg zum Leben, indem sie sprechen:

8. Ich will dich unterweisen und dich belehren über den Weg, den du zu gehen hast, ich will dich mit meinen Augen leiten.

Das ist Verantwortungsbewußtsein der Geretteten denen gegenüber, die unter dem Druck ihrer Sünde unterzugehen drohen. Sie haben den Weg zur Vergebung gefunden, nun wollen sie alle Schuldbeladenen unterweisen, wie auch sie den Weg finden können. Sie möchten durch ihren Rat anderen die bitteren Kämpfe ersparen, durch die sie selbst gegangen sind. Ihr Auge ist auf jeden gerichtet, der aus der Verirrung heim ins Vaterhaus möchte. Wir haben die alte Übersetzung: „Ich will dich mit meinen Äugen leiten", festgehalten, weil sie uns so geläufig ist. Sie ist aber immer auf Gott und dessen Leitung bezogen worden, während mit dem Satz  nur gesagt wer-den soll, daß der Beter sein Auge auf den gerichtet hat, dem er mit seiner Unterweisung dienen möchte.

Weiß doch David aus eigener Erfahrung, wie schwer auch die Frommen sich rechtzeitig warnen und durch die Wahrheit leiten lassen. Daher ruft er ihnen zu:

9. Seid nicht dem Roß, dem Maultier gleich, die ohne Einsicht sind, nur Zaum und Gebiß bändigen sie, sonst kommen sie nicht zu dir.

Ein ungemein anschauliches Bild. Es redet von dem innerlichen Widerstreben des Menschen, in seiner Sündenfrage den Weg des Lebens zu gehen. Roß und Maultier bleiben in Zucht und werden dienstbar, wenn sie durch Zaum und Gebiß gezwungen werden, sich dem Wollen des Menschen unterzuordnen. David sagt: Ich zeige euch einen anderen Weg. Wartet nicht, mit eurer Sünde zu Gott zu kommen, um den Frieden eurer Seele zu finden, bis Gott durch Leiden, Schicksalsschläge, Gerichte euch dazu zu bringen sucht.

Gottes Barmherzigkeit schreitet letzthin auch zu diesen Mitteln, falls die Mahnungen des Geistes, das Zeugnis des Nächsten, die Predigt des Wortes, die Tränen der Eltern dich nicht zu bewegen vermögen, die Vergebung zu suchen. Es ist nicht Härte, wenn Gott zu diesen Mitteln greift, sondern der Versuch seiner Barmherzigkeit, durch Zaum und Gebiß zu erreichen, was er ohne Leiden und Gerichte nicht mehr er-reichen konnte. Hiskia bekennt nach seiner Genesung von schwerer Krankheit: „Fürwahr, zum Heile ward mir bitteres Leid, denn du hast meine Seele bewahrt vor der Grube der Vernichtung; denn du hast alle meine Sünden hinter dich geworfen!" (Jes. 38,17.) Auch sehr viele Gerichte in der Geschichte Israels erwiesen sich später als ein Gericht zum Leben. Vielleicht werden alle Gerichte auch in unserer Zeit noch weit mehr in diesem Lichte gesehen werden müssen.

Wieviel leichter aber für den einzelnen Menschen und auch für Völker, wenn sie ohne Gericht den Weg zur Gewißheit der Vergebung und damit zurück in die Gemeinschaft mit Gott finden. Im Lichte der Ewigkeit gesehen, ist es aber letzthin immer noch besser, durch Gericht den Weg zum Leben zu finden als ohne Gericht verloren zu gehen.

IV. Die Gnade des Vertrauens (Vers 10 — 11).

David schließt sein Zeugnis noch mit einer scharfen Beobachtung des menschlichen Lebens. Wenn er das Leben nimmt, wie es ist, dann muß er feststellen:

10. Viel sind die Plagen der Gottlosen, jedoch wer dem HErrn vertraut, den umgibt er mit Huld.

Unter „Gottlosen" versteht er hier einfach jeden Menschen, der fortfährt, selbst mit seiner Sündenfrage fertig zu werden. Es können diese Gottlosen auch sehr anständige und edle Menschen sein. Sie leiden aber alle, die einen mehr, die anderen vielleicht weniger unter all jenen Künsten, durch welche sie vergeblich ihrer Seele den Frieden zurückzugewinnen suchen. Zu Jesu Zeiten gab es viele Mühselige und Beladene. Es waren Menschen, die sich religiös und selbstquälerisch abmühten, um die Aufsätze der Synagoge und die Vorschriften der Ältesten zu erfüllen, in der Hoffnung, dadurch ihrer Vergebung und ihres Heils gewiß zu werden. Sie suchten vergeblich.

Am meisten leiden jedoch jene, zu denen Gott bereits durch Trübsale, Nöte und Gerichte zu reden suchte. Durch ihr Widersprechen vermehren sie ihre Schmerzen. Der Widerspruch kann sich zuletzt  wie bei einem Pharao bis zur Verstockung Steigern. Welche Gerichtswehen erlebte aber ein Pharao infolge seines Widersprechens! Verstockung ist letzte Verneinung der Versuche Gottes, uns durch Vergebung zum Leben und ins Vaterhaus zu führen.

Wer sich jedoch begnadigen läßt, Gott auch in der schwersten Frage des Lebens, in der Schuldfrage zu vertrauen, den wird die Huld Gottes umfangen. Er weiß dann von jenem Geheimnis im Christuszeugnis des Paulus: „Er hat uns aus der Nacht der Finsternis errettet und in das Reich des Sohnes seiner Liebe versetzt, in dem wir die Erlösung haben, (nämlich) die Vergebung der Sünden" (Kol. 1,13ff.).

Auch David läßt sein Zeugnis über die Gewißheit der Vergebung ausklingen in die Aufforderung, daß die Gerechten sich freuen sollen des HErrn und daß alle frohlocken sollen, die aufrichtigen Herzens sind.

11. Freuet euch des HErrn und frohlocket, ihr Gerechten, und jubelt alle, die ihr aufrichtigen Herzens seid!

Unter „Gerechten" versteht hier der Beter jedenfalls jene, die gleich wie er eine letzte Lösung ihrer schwersten Lebensfrage erlebt haben. Sie kennen eine Gnade, die größer ist als ihre Schuld. Sie haben in Gott den Vater gefunden, der über das verlorene Recht hinweg allein auf dem Boden der Vergebung den Verlorenen wieder als Sohn aufnimmt in seine Tischgemeinschaft. Sie wissen von dem neuen Fröhlichsein im Vaterhause mit allen Heimgefundenen, denn sie sind „vom Tode zum Leben hindurchgedrungen". —

Anmerkungen zu Psalm 32

1) Außer 32 haben noch die Psalmen 42, 44, 45, 52-55, 74, 78, 88, 89 und 142 die Überschrift: „eine Belehrung". Die eigentliche Bedeutung des Wortes ist „intelligent", d. h. einsichtig, kundig, unterrichtet, und wird „immer nur als Attribut von Personen gebraucht". Nach W. Gesenius hat man die Maskil=Psalmen als Lehrgedichte bezeichnet.  Fr. Baethgen macht jedoch darauf aufmerksam, daß eigentlich nur Psalm 32 und 78 einen wirklich lehrhaften Inhalt haben. Der Talmud zählt die Maskil= Psalmen zu jenen, welche dem Volke durch einen Übersetzer oder Ausleger übermittelt und klargemacht zu werden pflegten. Vgl. Anmerkung 2 zu Psalm 42/43.

2) Das hebräische Wort, sagt Baethgen, „ist von den alten Übersetzungen meist nicht verstanden worden und wurde zuerst vom Targum mit ,mein Lebenssaft' erklärt".

s) Das  Wort „Sela" kommt 71 mal in 39 Psalmen vor. In der Regel steht es am Versende, nur selten in der Mitte eines Verses, und es wurde ebenso wie der Text selbst gesungen. Wahrscheinlich ist die eigentliche Bedeutung des Wortes: „zur Höh«", „hinauf", d. h.  „laut", „deutlich", also ein Zeichen für die Musik oder für den Gesang, „laut einzufallen".

5) Der Text dieses Verses wird von den Übersetzern sehr verschieden wiedergegeben. Am verständlichsten scheinen die Textbemerkungen von Ehrlich zu sein, nach welchen der Sinn des Verses nach unserer Übersetzung vielleicht am richtigsten wiedergegeben ist; vgl. Arnold B. Ehrlich, Die Psalmen, S. 68.

6) A.B. Ehrlich nimmt eine kleine Textkorrektur vor und übersetzt: „Ich will dir raten, mein Sohn", indem er für „meine Augen" „mein Sohn" liest. Er sagt: „Daß der Herr in einer väterlichen Ermahnung des Frommen ihn seinen Sohn nennt, ist ganz natürlich."

 

 7. Vom Heimweh nach Gott                 Psalm 42/431)

Überschrift: Dem Chorleiter. Ein maskil2) den Söhnen Korahs

2. Wie ein Hirsch3), der lechzt an Wasserbächen, so lechzt meine Seele, o Gott, nach dir!

3. Meine Seele dürstet nach dem HErrn, dem lebendigen Gott. Wann werd' ich kommen und vor Gottes Antlitz erscheinen?

4. Meine Tränen wurden  zur Speise mir bei Tag und bei Nacht, da man beständig mir zuruft: „Wo ist nun dein Gott?"

5. Daran will  ich gedenken und kundtun4) den Kummer meiner  Seele: Wie einst ich hinaufzog im Kreise der Edlen zum Hause des HErrn beim Schalle des jubelnden Dankes inmitten der feiernden Menge.

6. Was bist du so gebeugt, meine Seele, und warum stürmst du in mir? Harre auf Gott! Einst werd' ich ihm danken, meines Antlitzes Hilfe, ihm, meinem Gott!

7. Meine Seele  ist gebeugt in mir, dieweil ich dein gedenke vom Jordanlande und vom Hormon, vom Berge Mizar5) her.

8. Flut ruft der Flut beim Rauschen deiner Sturzbäche6): Alle deine Wogen und Wellen sind über mich gegangen!

9. Tagsüber seufze ich: es entbiete der HErr seine Gnade7)! Und bei Nacht ist sein Lied bei mir: ein Gebet zu dem Gott meines Lehens.

10. Ich spreche zu Gott, meinem Fels: warum vergaßest du mein? Warum muß ich trauernd einhergehen unter Feindesdruck,

11. mit tödlicher Wunde8) in meinen Gebeinen, die mir meine Widersacher höhnend schlagen? Da sie beständig mir zurufen: „Wo ist nun dein Gott?"

12. Warum bist du so gebeugt, meine Seele, und was stürmst du in mir? Harre auf Gott! Einst werd' ich ihm danken, meines Antlitzes Hilfe, ihm, meinem Gott!

13. Schaffe mir Recht, o Gott! Und führe meine Sache wider ein liebloses Volk; von Menschen des Truges und Frevels errette mich.

14. Denn du bist der Gott, der mich schützt, warum hast du mich verworfen? Warum muß ich trauernd einhergehen unter Feindesdruck?

15. Entsende dein Licht und deine Treue, daß sie mich geleiten, mich bringen zu deinem heiligen Berg und zu deinen Wohnungen,

16. damit ich komme zu Gottes Altar, zum Gott meiner Freude und dir danke auf der Zither, o HErr, mein Gott!

17. Was bist du so gebeugt, meine Seele, und warum stürmst du in mir? Harre  auf Gott! Einst werd' ich ihm danken, meines Antlitzes Hilfe, ihm, meinem Gott!

In Trübsalszeiten kommen die höchsten Güter zur Reife, die eine Seele in sich trägt. Mag auch in solchen Zeiten, wie es gar oft geschieht, das Gefäß selbst zusammenbrechen, der Schatz, den es in sich trägt, ist unzerstörbar. Denn die im Leiden ausgereiften Werte einer Seele vergehen nicht. Sie sind das unvergängliche Erbe, durch welches eine sterbende oder längst entschwundene Vergangenheit immer wieder die neue Zukunft segnet. Auch unser Psalm ist solch eine reife Frucht einer leidenden Seele. Leider wissen wir auch von ihm nicht bestimmt, wann er entstanden ist und wer ihn uns gegeben hat. Wüßten wir es, so würden wir manches, was der Sänger uns in diesem ergreifenden Heimwehliede seiner Seele hinterlassen hat, noch weit tiefer verstehen. Es sind zwar schon seit den Tagen des ersten Kirchenhistorikers Eusebius immer wieder die verschiedensten Versuche gemacht worden, die Entstehungszeit des Liedes genauer festzustellen. Eusebius selbst und manche Rabbiner aus den Tagen Aben Esras hörten aus den Klangen dieses Liedes die heiße Sehnsucht der jüdischen, in der babylonischen Gefangenschaft schmachtenden Gemeinde nach ihrer Heimat heraus. Der Sänger war hier nur der Mund, der wiedergab, was die Seele des ganzen Volkes unter dem Druck und der Schmach seiner jahrzehntelangen Knechtung erduldete und herbeisehnte. Man hat aber längst erkannt, daß diese Annahme sich doch nicht aufrechterhalten läßt. Neuere Forscher haben nun unseren Sänger im zweiten Jahrhundert vor Christus finden wollen. Sie vermuten in ihm jenen Hohenpriester Onias den Dritten, der seit 199 vor Christus vierundzwanzig Jahre lang die höchste geistliche Würde im jüdischen Volke bekleidete. In jene Zeit fiel der Feldzug der Ägypter, den sie unter Führung ihres Feldherrn Skopas gegen die syrische Macht unternahmen. Da das jüdische Volk es damals mit Syrien hielt, so wurde mit anderen Städten auch Jerusalem von den anfänglich siegreichen Heeren der Ägypter erobert. Man ging aber noch über Jerusalem hinaus und drang bis zu den Jordanquellen am Fuße des Hermon vor, wo der Feldzug alsdann sein Ende erreichte. Denn im nächsten Jahre wurde das Ptolemäerheer mit Skopas von der syrischen Macht unter Antiochus dem Großen geschlagen. Damit brach aber auch zugleich die Vorherrschaft Ägyptens über Palästina zusammen.

Man nimmt nun an, daß der Hohepriester Onias von den Ägyptern vielleicht als Geisel mitgeschleppt worden sei, als diese siegreich durch Jerusalem nach dem Norden zogen. Oben im Quellgebiet des Jordan lag die alte und größte Festung des ganzen Landes, die Burg von Paneas mit einem uralten Heiligtum9). In dieses sei Onias gesteckt worden, und hier habe seine einsame Seele jene wundervollen Klänge gefunden, die spätere Jahrtausende nicht mehr auslöschen konnten.

So wertvoll es auch für die Auslegung wäre, in dem Psalmisten diesen leidenden Hohenpriester Onias den Dritten zu  sehen, volle Gewißheit haben wir darüber jedoch nicht. Alles, was sich daher mit einiger Bestimmtheit über den Verfasser des Psalms sagen läßt, ist dies: Jedenfalls dürfen wir in ihm einen Mann des Glaubens sehen, der im jüdischen Volke eine führende Stellung einnahm und der sich rege und mit wahrer Herzensfrömmigkeit an dem kultischen Leben seines Volkes beteiligte. Vielleicht war er wirklich Priester oder Hohenpriester. Aus uns unbekannten Gründen hatte er seinen Feinden weichen müssen und saß nun in der Nähe der Stromschnellen des jungen Jordan, und seine einsame Seele sang daselbst dieses ergreifende Heimwehlied.

I.        Seine verzehrende Sehnsucht (Vers 2 — 3).

 

Das Lied macht uns zunächst vertraut mit der tiefen Sehnsucht, unter der die Seele des Sängers in ihrer Einsamkeit litt. Und er hat verstanden, seiner Sehnsucht in einem Bilde einen ergreifenden Ausdruck zu geben. Aus der düsteren, kalten Felsengrotte einer sterbenden Kultstätte sandte er jene unsterblichen Worte in die Welt hinaus:

2.    Wie ein Hirsch, der lechzt an Wasserbächen,
so lechzt meine Seele, 0 Gott, nach dir!

Offenbar hatte das Leben ihm oft Gelegenheit geboten, zu beobachten, wie der Hirsch in der Zeit der Sommerdürre an den ausgetrockneten Wasserrinnen steht und nach kühlem Wasser lechzt. „Den Schrei der Hindin kann man weithin hören." Jetzt, wo seine Seele so einsam geworden und er sich so fern von dem Gott seines Volkes weiß und kein Opferduft des Heiligtums und kein Festgesang einer anbetenden Gemeinde ihn umgeben, da taucht in ihm dieses Bild vom dürstenden Wild auf. Es dient ihm nun als Ausdruck jener Sehnsucht, die gegenwärtig so stark seine Seele verzehrt.

Zwar stand er an einer alten Kultstätte. Er sah jene Pilger, die aus den Syrischen, phönizischen und südöstlichen Tälern und Städten zu der geweihten Stätte, zum uralten Heiligtum der Quellgottheit des jungen Jordan zogen. Offenbar aus Rücksicht auf seine priesterliche Stellung hatte man ihn in das Heiligtum der daselbst verehrten Naturgottheit gebracht. Es war wohl der Ouellgott des wasserreichen Jordanflusses, der an den Südabhängen des Hermon seine drei Quellen hat und hier in mächtigen Wasserfällen seine Wassermassen hinunter ins Tal Sendet.

Allein nicht nach irgendeinem Gott, sondern nach dem lebendigen Gott sehnt sich seine Seele: nach dem Gott, den er als Hilfe so oft erlebt, dem er als Priester immer wieder in der Mitte einer opfernden und feiernden Gemeinde gedient hatte.

3. Meine Seele dürstet nach dem HErrn, dem lebendigen Gott. Wann werd` ich kommen und vor Gottes Antlitz erscheinen?

Unmöglich konnte ihm eine andere Gottheit Ersatz bieten für diesen Gott seines Lebens. Ihn hat er kennengelernt in der Geschichte der Väter. Seine Nähe hat er verspürt an den Altären des Heiligtums. Seine Kraft hat er gesehen in denen, die ihm vertrauten. Gott selbst ist es, der ihm fehlt; daher fühlt sich seine Seele so einsam trotz der Menschen, die ihn umgeben, und trotz des Heiligtums, in dem er sich wahrscheinlich befand.

Der Sänger hat Höheres kennengelernt als das, was ihn umgab; er hatte Besseres gefunden, als ein Sterbendes Heidentum ihm bieten konnte. Hatte eine alte Vergangenheit auch geglaubt, in den gewaltigen Naturkräften die Gottheit selbst zu sehen, der Sänger wußte: Naturkräfte sind wohl Gesetze Gottes, nie aber die Persönlichkeit Gottes. So gewaltig und majestätisch diese Gesetze auch sind, sosehr auch eine frühere Menschheit je und je bei ihrem Anblick innerlich erschauerte und in knechtische Furcht und Anbetung geriet, weil sie in „dem geheimnisvollen Weben und Leben der Natur die Nähe göttlicher Gewalten verspürte", ihm, der die Gemeinschaft mit Gott selbst kennen-gelernt hatte, konnten keine Naturgesetze Ersatz bieten für Gott selbst. Seelische Einsamkeit ist aber das Tiefste und Schwerste, was eine Seele zu durchkosten vermag. Sie liegt auf jener Linie, wo der Größte von allen einst rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!"

Auch unsere Zeit hat viel heimwehkranke Seelen. Was dem Sänger einst fehlte, das sucht heute unsere Zeit: Nicht Kult mit Kräften, sondern Gemeinschaft mit der Person! Diese Gemeinschaft war dem Sänger genommen worden, diese Gemeinschaft ersehnt unsere Zeit. Man kann uralte Kultstätten besitzen, durch heilige Handlungen die Kräfte der Natur bewundern und doch vor Durst nach Gott verschmachten. Heute dämmert es in vielen, daß Leben nur gefunden werden kann durch Gemeinschaft von Person zu Person, daß göttliche Kräfte und Segnungen uns nur werden können durch persönlichen Umgang mit Gott. Das tiefste Sehnen unserer Zeit will daher mehr als äußere Frömmigkeit: sie sehnt sich nach Gemeinschaft. Sie will mehr als nur Überlieferung: sie sehnt sich nach persönlichem Erlebnis. Sie will mehr als nur einen Gott der Geschichte: sie sehnt sich nach einem Gott der Gegenwart, der sich wieder offenbart und neue Geschichte zu machen vermag. Mehr als je legt sich daher heute die Verantwortung auf die Kirche, allen Sehnenden

II. ihre seelischen Leiden (Vers 4 — 6) zu deuten.

Außer seiner Sehnsucht litt der Sänger innerlich besonders auch unter dem feindlichen Spott, den er täglich um seiner Glaubenshaltung willen zu ertragen hatte.

4. Meine Tränen wurden zur Speise mir bei Tag und hei Nacht, da man beständig mir zuruft: „Wo ist nun dein Gott?"

 

Der Sänger kommt in seinem Liede nachher noch einmal auf diese seine Seelenleiden zurück und fragt:

 

10. Ich spreche zu Gott, meinem Fels: warum vergaßest du mein? Warum muß ich trauend einhergehen unter Feindesdruck,

11. mit tödlicher Wunde in meinen Gebeinen, die mir meine Widersacher höhnend schlagen, da sie beständig mir zurufen: „Wo ist nun dein Gott?"

Dieser Spott seiner Feinde war ihm in seinen Gebeinen wie eine tödliche Wunde, wie eine „brennende Lauge", wie „Fraß", wie „ein Mordstoß ins Herz" — wie andere übersetzen. Worte können schärfer sein als Schwerter, tiefer schneiden als Stahl und Eisen. Sie sind es, die der Seele Wunden schlagen. Das durchlebte auch unser Sänger. Und scheinbar gaben ihm sein persönliches Ergehen und das Geschehen in der Geschichte seines Volkes keinen greifbaren Anhalt, um den Hohn der Feinde entkräften zu können. Was er behauptet hatte, war offenbar — zunächst wenigstens — nicht eingetroffen, seine persönliche Frömmigkeit hatte ihn nicht geschützt, sein Bekenntnis zum Gesetz ihm keinen Lohn seines Gottes eingetragen. Er sah sich in Leiden getaucht, der Ungerechtigkeit ausgeliefert, und war nicht nur von Menschen, sondern scheinbar auch von Gott verlassen.

Sollte es wirklich der erwähnte Hohepriester Onias der Dritte sein, wie einige annehmen wollen, so wären die hier genannten Spötter und Feinde nicht nur in dem damals herrschenden Griechentum, sondern auch in bestimmten Verwaltungs= und Priesterkreisen seines eigenen Volkes in Jerusalem zu suchen. So untergrub z.B. ein gewisser Simon, der Vorsteher der Tempelverwaltung war, aus Feindschaft gegen Onias das Vertrauen der griechischen Regierung zu dem Hohenpriester. Er begab sich zu dem Statthalter von Zölesyrien und Phönizien und teilte ihm mit, daß der Tempelschatz in Jerusalem so unermeßliche Reichtümer enthielte, daß man die Menge des Goldes nicht zählen könne. Der Statthalter meldete es weiter, und es kam dazu, daß König Seleukus seinem Reichskanzler Heliodorus den Befehl gab, nach Jerusalem zu gehen, um den Tempelschatz mit Beschlag zu belegen. Nur durch ein Wunder soll die Tempelschändung und der Raub des Tempelschatzes abgewendet worden sein, wie die Geschichte jener Tage erzählt. Später stellte derselbe Simon es so hin, als ob der Hohepriester den Kanzler mißhandelt hatte, ja, er erfrechte sich sogar, ihn einen Gegner der Regierung zu nennen.

Als dann mit dem Tode Seleukus' ein Regierungswechsel eintrat und Antiochus der Erlauchte die Reichsleitung übernahm, da nutzte Onias' leiblicher Bruder Jason die Gelegenheit aus und erschlich sich beim Könige für 360 Talente Silber und einige andere Versprechungen die Hohepriesterwürde. So verdrängte Jason seinen Bruder aus dem geistlichen Amte, nicht um wirklich priesterlich seinem Volke dienen zu können, sondern um die jüdische Volkspolitik in einem anderen Geiste zu führen, als sein frommer Bruder Onias es getan hatte. Jason hatte unter der herrschenden Zeitströmung und den politischen Ereignissen völlig sein jüdisches Gewissen verloren. Er orientierte sich nicht mehr am Gesetz und an den Propheten. Seine Seele wurde beherrscht von fremdländischer Orientierung: von griechischer Politik, Kunst und Bildung.

Als er sich erst die höchste geistliche Würde erschlichen hatte, verschaffte er in seiner Machtstellung für angesehene Summen den Bürgern Jerusalems das antiochenische, also griechische Bürgerrecht, weil es neben vielen Vorrechten auch das Recht gewährte, an den griechischen Kampf- und Wettspielen teilzunehmen. Er erbaute auch eine Ringschule und verband mit derselben einen Übungsplatz für Jünglinge, errichtete unter der Tempelburg ein Gymnasium und verleitete die edelsten Jünglinge zum Tragen des griechischen Hutes. Ja, so stark steigerte sich die Vorliebe für das Griechentum, daß sogar die Priester, anstatt des Altars zu pflegen und Opfer darzubringen, nach den Ringplätzen liefen, um dem Kampf und Spiel der griechischen Welt beizuwohnen.

Das war unter Jason der herrschende Geist der Zeit. Man verließ bewußt den Boden des Gesetzes und der Propheten und erschloß sich griechischen Sitten und Sünden. Man betrachtete sich nicht mehr als ein abgesondertes Priestervolk, als eine heilige Nation. Opferdienst pflegte man nur noch als einen traditionellen, religiösen Kult ohne Bekenntnis zur Schuld, ohne Seelenhingabe an Gott, ohne Anbetung für erlebte Gotteshilfe. Der öffentliche Gottesdienst des jüdischen Volkes hatte seine Seele verloren. Die Propheten Israels hatten weichen müssen vor den Philosophen Griechenlands.

Sollte der Verfasser des Psalms auch nicht der Hohepriester Onias sein, so darf aber doch mit einiger Gewißheit angenommen werden, daß der Sänger in einer Zeitperiode lebte, wo sich ganz ähnliche Kämpfe und Erlebnisse auf dem Boden seines Volkes abspielten. In seinen Tagen rang jüdische Frömmigkeit mit dem Geist der Zeit: er sah, griechische Sitten siegen über das Offenbarungsgesetz vom Sinai, griechische Philosophen siegen über die großen Propheten seines Volkes, griechische Weltanschauung siegen über die Heilsanschauung der Väter, griechische Weltfrömmigkeit und Weltoffenheit siegen über die völlige Absonderung und sittliche Reinheit des berufenen Gottesvolkes.

Wir können es ihm nachfühlen, wie tief es ihn in die Seele schnitt, wenn man in diesem Siegesbewußtsein der griechischen Kultur über die damalige Frömmigkeit ihn immer wieder fragte: „Wo ist nun dein Gott?"

Mit all diesem Spott und Hohn verband sich für den Psalmisten eine wehmütige Erinnerung an frühere Zeiten. Er gibt derselben einen Ausdruck mit den Worten:

 

5. Daran will ich gedenken und kundtun den Kummer meiner Seele: Wie einst ich hinaufzog im Kreise der Edlen zum Hause des HErrn beim Schalle des jubelnden Dankes inmitten der feiernden Menge.

Wie wenig deckte sich  das Bild und das Leben seiner gegenwärtigen Umgebung mit dem, was er in der Gemeinschaft seines Volkes, im Hause des HErrn zu Jerusalem erlebt hatte. Die Erhebung zu Gott inmitten einer feiernden und anbetenden Gemeinde suchte er hier vergeblich. Wie hatte seine Seele einst diese Erhebung mit erlebt, diese Freude mitgenossen, wenn das Volk an den wöchentlichen Sabbattagen und bei den großen Festfeiern dem HErrn sich nahte. Er hatte kennengelernt die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott und mit denen, die Gott fürchten, ehren und lieben. Darum mußte jede Erinnerung an dieselbe seine Einsamkeit umso schmerzlicher machen. Gepackt von innerlichem Weh, fließen dem starken Mann die Tränen über die Wangen. Sollen dieser Schmerz und diese Einsamkeit das Letzte seines Lebens sein? Das kann sein Glaube nicht fassen, das wagt er seinem Gott nicht zuzutrauen. Er ruft daher seiner zagenden Seele zu:

6. Was bist du so gebeugt, meine Seele, und warum stürmst du in mir? harre auf Gott! Einst werd' ich ihm danken, meines Antlitzes Hilfe, ihm, meinem Gott.

Wie wahr ist es bis heute, was ein Ausleger zu dieser Psalmstelle sagt: „Der Weg aus dem Dunkel zum Licht heißt: Harre auf Gott!" Wird der Mensch im Blick auf den HErrn erst innerlich stille, dann fängt sein Vertrauen an, stärker zu werden als die ungeheuren Spannungen, die seine Seele durchlebt. Anstatt an seinem Weh und an seiner Einsamkeit zu zerbrechen, erweist er sich größer als sie. Im Harren auf den HErrn gewinnt er neue Kraft und wartet ergeben auf die Stunde, wo Gott mit seiner Hilfe eingreifen und den Schmerz in Freude verwandeln wird. Durch welche Seelennöte gerade aber Glaubende sich zuvor hindurchringen müssen, um vor dem HErrn stille zu werden, davon reden zunächst die weiteren Verse unseres Psalms.

III. Sein heißer Gebetskampf (Vers 7 — 9; 13 —16).

Der einzige Weg, jenen Trost zu finden, der sich stärker erwies als das Leid, war auch für unseren Psalmisten allein das Gebet, der unmittelbare Umgang mit Gott. Er täuschte sich nicht über seine seelische Verfassung hinweg. Was ihn umgab: heidnische Kultstätte, opfernde Menschen, Schönheit der Natur, das alles hob ihn nicht, sondern drückte ihn, nahm ihm nicht den Schmerz, sondern vermehrte ihn. Beim Anblick der wilden Sturzbäche des Jordan überfällt ihn der Schmerz mit fast erdrückender Gewalt. In ihrer rauschenden Sprache künden auch sie ihm nur Elend und rufen in seiner Seele alle Leiden wach, die über ihn gekommen sind.

7. Meine Seele ist gebeugt in mir, dieweil ich dein gedenke vom Jordanlande und vom Hermon, vom Berge Mizar her.

8. Flut ruft der Flut beim Rauschen deiner Sturzbäche: Alle deine Wogen und Wellen sind über mich gegangen!

Ja, wie war das Leben einst doch so anders gewesen, als er im Kreise der Edlen, beim Schall des Jubels und Dankes einer feiernden Festgemeinde hatte hinaufziehen können zum Hause Gottes! Wie war es seine Wonne gewesen, an den großen Festen opfernd und betend vor Gott zu treten und alsdann jene zu sengen, die mit ihm den Weg zur heiligen Stätte der Anbetung gefunden hatten! Ihm war der Opferdienst am Altar, ihm war das Gebet im Heiligtum, ihm waren Waschungen und Festlichkeiten nie bloß äußerliche, abergläubische Kulthandlungen, ihm waren sie immer die Sprache seiner Seele zu Gott g e w e s e n.

Zwar war dem Sänger die Gegenwart des HErrn noch gebunden an Tempel und Altar. Er vermochte sein Schuldbekenntnis, seine Herzenshingabe, sein Dankgebet nur durch jene sichtbaren Opfer zu äußern, die er in heiliger Einfalt und Ehrfurcht auf die Altäre des Heiligtums niederlegte. Darin erwies er sich noch als ein Kind seiner Zeit. Das Licht des Evangeliums über unsere Kindesstellung zu Gott als unserem Vater in Christo Jesu fehlte ihm noch. Den Segen wahrer Gottesgemeinschaft fand er daher nur in erhebenden Feiern einer jubelnden Festgemeinde. Das Fernsein vom Gottesdienst bedeutete für ihn ebensoviel wie das Fernsein von Gott selbst. Daher flehte seine Seele:

 

15. Entsende dein Licht und deine Treue, daß sie mich geleiten, mich bringen zu deinem heiligen Berg und zu deinen Wohnungen,

16. damit ich komme zu Gottes Altar, zum Gott meiner Freude, und dir danke auf der Zither, o HErr, mein Gott!

Wenn also des Sängers Frömmigkeit auch keine kultlose war, so waren seine Kulthandlungen aber auch nie seelenlos und inhaltsleer. Seine Seele bedurfte zwar der gesetzlichen Formen und der heiligen Orte, um im Umgang mit Gott zu stehen und die Kraft Gottes zu erleben. Er pflegte die Gottesdienste aber nicht um ihrer selbst willen, auch nicht, um mit denselben Gott Genüge zu leisten. Mit ihnen verband sich sein innerstes Sehnen und Erleben; in ihnen äußerte sich das Heiligste, was er empfand und in sich trug.

Nur unter dieser Voraussetzung wird verständlich, wenn er fleht:

9. Tagsüber Seufze ich: es entbiete der HErr seine Gnade! Und bei Nacht ist sein Lied bei mir: ein Gebet zu dem Gott meines Lebens.

Es ist nicht das Recht, auf das er betend Anspruch erhebt und von dem er eine Zurückversetzung in die ihm verlorengegangene Lebensstellung erwartet. Er wendet sich an die Gnade. Sie ist größer als das Recht. Sie kann in ihrer Vergebung auch da ein Neues schaffen, wo der Mensch in seiner Schuld sein Recht auf ein Eingreifen Gottes verloren hat. Wenn der Psalmist seine Verschleppung und Verbannung in das Paneas=Heiligtum am Fuße des Hermon auch nicht als ein Gericht über schwere Schuld seines Lebens ansah, so wendet er sich dennoch an die Gnade. Es liegt in der Grundhaltung aller Glaubenden, daß sie sich nicht an das Recht, sondern an die Gnade Gottes wenden. Sie haben zu tief sich selbst erkannt, um selbstgerecht vor Gott zu treten. Auch jede Rettung aus unverschuldeten Gerichten und Leidenstiefen ist ihnen Gnade.

Damit ist aber nicht gesagt, daß sie sich nicht darnach sehnen, vor aller Welt gerechtfertigt zu werden. Sie leiden unnennbar unter dem Unrecht, das ihnen zugefügt worden ist.

 

13. Schaffe mir Recht, o Gott!

Und führe meine Sache wider ein liebloses Volk. Von Menschen des Truges und Frevels errette mich!

So flehte der Psalmist und bezeugte damit, wie stark seine Seele unter dem Unrecht litt, das Menschen des Frevels und des Truges skrupellos ihm angetan hatten. Es will ihm sogar erscheinen, als ob Gott ihn verworfen hätte. Vergeblich rang er bisher um eine letzte Antwort auf die Frage nach dem Grunde seines leidvollen Weges.

14. Denn du bist der Gott, der mich schützt, warum hast du mich verworfen? Warum muß ich trauernd eihergehen unter Feindesdruck?

Auch als Diener des Heiligtums wurde der Sänger nicht in eigener Kraft fertig mit allem, was so schwer auf seiner Seele lag. Wie jedem Ringenden konnte auch ihm eine letzte Lösung nur von Gott her kommen. Daher suchte er sie im Gebet. Nur Gottes Licht könne hineinleuchten in sein Dunkel, nur Gottes Treue ihm wiederschenken, was er verloren hatte. In dieser Gewißheit erhebt er sich zu Gott und betet:

15. Entsende dein Licht und deine Treue, daß sie mich geleiten, mich bringen zu deinem heiligen Berg und zu deinen Wohnungen.

Denn nicht allein Befreiung von Verbannung und Leid ersehnt er, sondern die Zurückversetzung in den Dienst am Heiligtum und in die Gemeinschaft einer anbetenden Gemeinde. Sie hatten einst seinem Leben einen wahren Inhalt gegeben, sie waren ihm das Geheimnis seiner tiefsten Sehnsucht geblieben.

IV. Seine errungene Glaubenszuversicht (Vers 6. 12. 17).

Nachdem der Psalmist seinen Schmerz dem HErrn geklagt, den Kummer seiner Seele im Gebet vor Gott ausgegossen hat, ringt er sich zum drittenmal zu jener köstlichen Glaubenszuversicht hindurch, die ihren Ausdruck in den Worten findet:

17. Was bist du so gebeugt, meine Seele, und warum stürmst du in mir? Harre auf Gott! Einst werd' ich ihm danken, meines Antlitzes Hilfe, ihm, meinem Gott!

Zweimal hatte sich  der Psalmist in seinem Ringen diese Worte zugerufen. Aber die Spannungen seiner Seele blieben Stärker als die Glau­benszuversicht, die in ihm zum Siege zu gelangen suchte. Zuletzt aber triumphierte sie dennoch in der Seele des Sängers. Denn das letzte Wort des Glaubens ist nie Klage, sondern Anbetung, nie Verzagtheit, sondern Siegesgewißheit. Der Glaube hat die Sonne gesehen, und er weiß, daß auch hinter dem dunkelsten Gewölk der Gegenwart jene Siegende Macht des Lichtes waltet, die zuletzt über jedes Dunkel zu triumphieren vermag. Denn die Wahrheit ist Stärker als die Lüge, das Leben mächtiger als der Tod.

Das ist das Eigenartige bei aller wahren Herzensfrömmigkeit, daß sie immer wieder in allen Stürmen des Lebens und in allen Wogen und Leiden jenen festen Punkt findet, von dem aus sie im Glauben ihre Zeit und die Welt ihrer Umgebung überwindet. Ist die Gegenwart auch in Nacht getaucht, der Glaube wartet auf das Morgenrot eines neuen Tages. Bei allem Leid der Gegenwart hat er doch nicht die Zukunft verloren. Denn der Gott, der einst ordnend in die sich bekämpfenden Kräfte des Urzustandes eingriff und Licht und Harmonie in seine Schöpfung brachte, läßt auch heute noch aus Abend und Morgen einen neuen Tag entstehen.

Zu diesem Vertrauen rang auch der Psalmist sich zwar nur allmählich, aber dennoch endgültig durch. Nicht sogleich vermochte er diesen festen Punkt zu finden. Erst als er alles, was seine Seele an Leid und Weh in sich trug, ausgeschüttet hatte, fand sie dauernd ihren Halt in Gott. Es liegt ein unberechenbarer Segen darin, wenn eine leidbewegte Seele im Gebet einmal alles an Gott abgibt, was sie an Kummer und Sorge, an Leid und Weh in sich trägt. Sie wird finden, daß Abgegebenes nicht mehr so stark drückt. Sie wird hinfort leichter den Blick von der Not zum Retter finden. Wo die Wogen im Sehfeld der Seele bleiben, da sinkt auch der Fuß eines Jüngers (Matth. 14,30). Auf Wogen wandelt nur ein Glaube, der den Retter sieht.

Wie schnell oder ob überhaupt der Sänger erfüllt sah, wonach er sich sehnte, auch das wissen wir nicht. Vielleicht ist er sogar unter dem Druck der Leiden zusammengebrochen. Das „Einst", von dem er spricht, hat vielleicht erst in der Vollendung seine Erfüllung gefunden. Es gibt Leiden, die über die Tragkraft unseres Körpers zuletzt doch hinausgehen. Sie zerstören das Gefäß, welches das Leben und die Kräfte der ewigen Welt in sich trug. Sie zerstören aber nicht den Inhalt. Derselbe erlangt gerade in solchen Zeiten seine Reife. Mag auch der äußere Mensch zerfallen, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert, schreibt Paulus im 2. Korintherbriefe (2. Kor. 4,16).

So wurde aus des Sängers Klage ein Gebet, aus dem Gebet ein Lobgesang der Erlösten. Sein Heimwelied nach Gott ist seitdem nicht mehr verstummt. Zu allen Zeiten klang es wider in heimwehkranken Seelen. Es schweigt auch nicht in unseren Tagen. Mitten aus all dem Leid der Zeit, aus allem Zusammenbruch vergänglicher Werte, aus allem Suchen und Tasten irregeleiteter Völker hört man den Schrei unzähliger heimwehkranker Seelen:

Wie ein Hirsch, der lechzt an Wasserbächen, so lechzt meine Seele, o Gott, nach dir!

Und diese Sehnsucht wird nicht verstummen, bis auch die letzte Seele ihre Ruhe gefunden hat in Gott. Ja: „Selig sind, die das Heimweh haben, denn sie sollen nach Hause kommen" (Jung Stilling).

Anmerkungen zu Psalm 42/43

1) Obgleich auch die LXX, die griechische Übersetzung, diesen Psalm in zwei Teile zerlegte, erkannte jedoch bereits Eusebius, daß auf Grund des inneren Zusammenhangs und des dreimal gleichmäßig wiederkehrenden Kehrreims in Vers 6,12,17 ursprünglich beide Psalmen ein Ganzes bildeten.

2) Den Ausdruck „maskil", der nach König „Einsicht verleihend" bedeutet, kann man vielleicht mit „Lehrgedicht" wiedergeben. Die LXX übersetzen es mit „Synesis" = Einsicht, Klugheit, Verstand. Vgl. auch Anmerkung 1 zu Psalm 32.

3) Das weibliche Prädikat in diesem Satze erfordert eigentlich auch ein entsprechendes Subjekt; daher übersetzen die meisten neueren Ausleger „Hindin" statt „Hirsch". Ehrlich jedoch erklärt, daß das Wort „Hirsch" im Hebräischen auch sehr gut das weibliche Tier bezeichnen kann.

4) Das hebräische Wort bedeutet eigentlich „ausschütten, hingießen", daher: „die Seele, das Herz ausschütten", womit man die Kundgebungen der Gefühle bezeichnete.

5) Den Ausdruck Mizar hat man wohl als Eigennamen eines bestimmten Bergrückens im Hochlande des Hermon aufzufassen, der in der Nähe des Quellengebiets des Jordan zu suchen ist (vgl. G. Dalman, Orte und Wege Jesu, S. 218).

6) Wunderschön übersetzen die LXX das Wort, das hier mit „Sturzbäche" wiedergegeben ist, mit „Katarakte": bei der Stimme, d. h. bei dem Rauschen deiner Katarakte.

7) Dieser Satz macht allen Übersetzern Schwierigkeiten. Wörtlich lautet er: „Am Tage Jahve seine Gnade ..." Dieser Anfang paßt aber nicht zu dem unmittelbar Vorangehenden und dem Nachfolgenden, daher haben manche den Satz einfach gestrichen. Richtiger scheint jedoch, wie es einzelne Übersetzer tun, den ganzen Vers als Beschreibung der inneren Gebetsstimmung aufzufassen, von der der Sänger sich in seiner Not und seelischen Einsamkeit beherrscht sah.

8) Nach A. B. Ehrlich: Die Psalmen. Siehe daselbst die sprachlichen Anmerkung zu Vers 11 dieses Psalmes.

9) Die offene große Felsgrotte etwas oberhalb der Benijas=Quelle, der schönsten der drei Jordanquellen, hat heute noch in den Felswänden drei in länglicher Muschelform gut erhaltene Opfernischen, auf denen noch vor einigen Jahrzehnten von Drusensekten der Quellgottheiten geopfert wurde.

 

 

 

8. Ein feste Burg Psalm 46

Überschrift: Dem Musikmeister. Von den Söhnen Korahs. Ein Lied im Sopran1)

2. Gott ist uns Zuflucht und Stärke, als Hilfe in Nöten gewaltig2) erfunden.

3. Drum fürchten wir nichts, ob die Erde auch wiche, ob die Berge [auch] wankten im Herzen des Meeres.

4. Mögen tosen, mögen schäumen seine Wasser, bei seinem Ungestüm die Berge erbeben. Der HErr der Heerscharen ist mit uns3) — ein' feste Burg4) ist uns der Gott Jakobs! Sela.

5. Eines Stromes Arme erfreuen die Gottesstadt. „Geheiligt hat seine Wohnung der Höchste6)." (Anm. Offenbarung)

6. Gott ist in ihrer Mitte, drum wankt sie nicht, der HErr hilft ihr beim Einbruch des Morgens.

7. Es toben Völker, es wanken Reiche — er ließ seine Stimme hören: Da verging die Erde!

8. Der HErr der Heerscharen ist mit uns — ein‘ feste Burg ist uns der Gott Jakobs! Sela.

9. Kommet und schauet die Taten des HErrn,

der Erstaunliches auf Erden vollbringt:

10.der zur Ruhe bringt die Kriege bis ans Ende der Welt,

der Bogen zerbricht, die Lanzen entspitzt und die Streitwagen6) verbrennt mit Feuer.

11. „Lasset ab und erkennet, daß Ich Gott bin, erhaben unter den Völkern, erhaben auf Erden!"

12. Der HErr der Heerscharen ist mit uns — ein' feste Burg ist uns der Gott Jakobs! Sela.

Man hat dem Inhalt dieses Psalms die Überschrift gegeben: Das hohe Lied des Glaubens. Und gewiß gehört es mit zum Tiefsten und Gewaltigsten, was auf alttestamentlichem Boden vom Glauben gesungen worden ist. Um ihn in seiner Tiefe zu verstehen, haben manche Ausleger an die Errettung Jerusalems vor Sanherib gedacht (Jes. 36, 36 ff.). Ob nun dieses oder ein verwandtes Ereignis der  Geschichte dem Sänger den Anlaß zu diesem Liede geboten hat, eins steht fest, daß hier einer zu uns spricht, dessen Glaube in Gott wurzelte und der aus der Erfahrung heraus bezeugen konnte, daß ihn sein Gottvertrauen nicht enttäuscht hatte. Eine so reife Form setzt auch eine reife Erfahrung voraus. Hohes der Welt zu künden vermag nur, wer Hohes mit Gott durchlebt hat. Was des Sängers Vertrauen in sturmbewegten Tagen mit Gott erlebt hatte, gab ihm nun die Vollmacht zu seinem gewaltigen Glaubenszeugnis.

Diese Sprache des Glaubens verstand einst auch Luther. In diesem Psalm rauschten für ihn Töne, die auch die Saiten seiner Seele berührten. Er schuf in den Nöten und Kämpfen seiner Tage auf Grund dieses Psalms jenes machtvolle Glaubenslied: Ein' feste Burg ist unser Gott! Und je und je hat die Gemeinde Christi, wenn ihr Glaube durch schwere Nöte und Kämpfe erprobt wurde, in diesem Psalm das gefunden, was auch ihrem Leben weltüberwindende Kraft gewährte.

Jedoch der Psalm enthält noch weit mehr als nur das Zeugnis einer persönlich erlebten Glaubenserfahrung. Sein Hauptcharakter weist hin auf die Endvollendung, auf das Ende der Geschichte, auf die volle Verwirklichung der Herrschaft Gottes. Die von ihm erlebte Gotteshilfe wurde dem Sänger auch zu einer Offenbarung für das Kommende. In dem, was geschah, sah er die großen Lebensgesetze von dem, was zukünftig geschehen würde. Sein Blick reicht daher bis zum Frieden der Endzeit, wo Gott erhaben sein wird unter den Völkern, erhaben auf Erden! Im prophetischen Geiste überblickt sein Glaube den geschichtlichen Gang des Reiches Gottes. Er läßt die kommenden Wehen und Weltkatastrophen an seinem Geiste vorüberziehen, und am Ende von allem schaut er das Morgenrot des neuen Tages: die Gottesherrschaft auf dem Boden einer neugeborenen Weltordnung.

 

I. die Zuversicht des Glaubens (2-4)

I.   In der ersten Strophe (V e r s  2 — 4) dieses Glaubensliedes legt der Sänger zunächst ein Zeugnis ab von der Zuversicht des Glaubens, die seine Seele erfüllt, und zwar zuerst zum Herrn der Heerscharen.

 

2.    Gott ist uns Zuflucht und Stärke,

als Hilfe in Nöten gewaltig erfunden.

 

So beginnt er sein Zeugnis und schließt es mit jenem dreimaligen Bekenntnis in den Versen 4, 6 und 12:

 

Der HErr der Heerscharen ist mit uns — ein' feste Burg ist uns der Gott Jakobs!

Zwar fehlt nach Vers 4 dieser Kehrreim, der ganze poetische Aufbau dieses dreistrophigen Liedes läßt aber darauf schließen, daß er ursprünglich auch hier gestanden haben muß.

Das ist das Große, das der Sänger uns und aller Welt zu sagen hat, nämlich, daß der Glaube seine Garantien, seine Sicherheiten in Gott hat und nicht in Rüstungen und Bündnissen, nicht in Volkskraft und Volkswillen. Auf diese Machtmittel verließen sich die Nationen, die das Vertrauen zu dem Allmächtigen und dessen Handeln nicht kannten. Wie oft sind aber ihre Garantien ihnen zum Gericht geworden. Anders steht bis heute vor uns jenes Volk, das einst in seiner Geschichte im Glauben immer wieder mit Gott rechnete. Wohl hat es gegenwärtig, wie einst Simson, seine Locken verloren. Es steht im Diensthause der Welt, vielfach obdachlos und heimatlos. Wie Schafe ohne Hirten irrt es in der Wüste der Völkerwelt herum: Gottes Gerichte tragend, Liebe und Heimat suchend.

Worin bestand einst das Geheimnis der Geschichte dieses Volkes? Israel ist seinerzeit zum Volk geworden und ein Volk geblieben „durch seinen Gott und dessen geschichtliche Tat", sagt ein kürzlich heimgegangener Forscher. Durch Vertrauen zu Gott wurde es ein Volk, und durch Vertrauen zu Gott blieb es ein Volk. Solange und sooft Israel auf dieser seiner geistlichen Höhe stand, auf die es seit den Tagen Abrahams und Mose von Gott gestellt wurde, war seine Geschichte eine Glaubensgeschichte. Aber seitdem dieses Volk in seiner Gesamtheit in Blindheit und Trotz den Herrn der Herrlichkeit abgewiesen hat, seitdem es, gegen das Evangelium verstockt, haßerfüllt den Gekreuzigten und Auferstandenen schmäht, ward seine dem weltlichen Auge unerklärliche Geschichte zu einer Geschichte des Unglaubens.

Der lebendige Glaube sieht sich zwar nicht anders geführt, als auch die allgemeine Welt geführt wird. Auch er kennt Nöte und Schwierigkeiten, kommt in Kämpfe und Prüfungen, trägt Leiden und Verbannungen. Gott führte einst auch sein Glaubensvolk auf dem Umwege durch die Wüste. Aber hier erlebte Israel seinen Gott wie nie zuvor. Sooft es in seiner Not die Zuflucht zu Gott nahm, sah es das Eingreifen Gottes so großartig, so gewaltig, daß jedes Herz später bekennen mußte: Das hat Gott getan! (Jes.12,4.)

Und Israel wird es wieder erleben trotz der Gerichte, die es jetzt trägt. Ist erst Gottes Stunde für sein altes Offenbarungsvolk gekommen, dann setzen die Gerichte der Vergangenheit der Hand Gottes keine Schranken mehr, um dem Volke eine neue Zukunft zu schaffen. Dann wird ganz neu die Seele des Volkes erfüllen, was auch unsern Sänger bewegte:

2. Gott ist uns Zuflucht und Stärke, als Hilfe in Nöten gewaltig erfunden!

Und dieser Gott ist dem Glaubensblick unseres Sängers auch die Garantie in den kommenden Gerichtswehen der Völkerwelt. Mit prophetischem Blick sieht er in der Zukunft die große Abrechnung Gottes mit den Sünden der Völker nahen. Er weiß, Umwälzungen und Katastrophen werden damit verbunden sein. Sein Glaube aber spricht:

 

3. Drum fürchten wir nichts, ob die Erde auch wiche und du Berge wankten im Herzen des Meeres.

4. Mögen tosen, mögen schäumen seine Wasser, bei seinem Ungestüm die Berge erbeben.

 

Der HErr der Heerscharen ist mit uns — ein1 feste Bug ist uns der Gott Jakobs!

In dieser Bildersprache faßte der Dichter das große Geschehen zusammen, welches er in der Zukunft liegen und am Ende der Tage kommen sah. Die Erde weicht — die Wasser rauschen — die Berge taumeln mitten im Meer vor dem Ungestüm seiner tosenden Gewässer: alles Bilder aus dem großen Gemälde der Endzeit. Es wird die große Stunde der Zukunft sein, wo Gott Abrechnung halten wird über eine bisherige widergöttliche Weltordnung.

Dann ist der Tag gekommen, wo Gott Gericht halten wird über alles, was vom Fleisch in seiner Kraft und in seiner widergöttlichen Gesinnung aufgebaut worden ist. Durch Gericht wird Gott dann aufräumen mit dem, was untauglich geworden für den Dienst in der Zukunft. Denn hinfort soll die Gerechtigkeit herrschen (vgl. Jes. 42,1—4), wo die Ungerechtigkeit solange geknechtet hat. Das ist das Heil, das der Sänger auf dem Wege der zukünftigen Gerichte für die ganze Welt kommen sieht. Das durch göttliche Offenbarung erzogene Gewissen des Psalmisten wußte, daß nur da Raum ist fürs Göttliche und Ewige, wo zuvor das Fleischliche und Vergängliche in seinen Grundsätzen gerichtet worden ist. Wirklichkeit kann die vom Glauben herbeigesehnte Gottesherrschaft nur auf dem Boden einer neuen Weltordnung werden.

 

II. die Sicherheit der Gottesstadt (Vers 5 — 8).

II. Nachdem der Sänger in der ersten Strophe seines Liedes ein so klares Zeugnis von der Zuversicht seines Glaubens abgelegt hat, schildert er uns nun in der zweiten die Sicherheit der Gottesstadt (Vers 5 — 8).

5.    Eines Stromes Arme erfreuen die Gottesstadt.

                                                Vgl.Off.22,1

Dem Glauben Israels galt sein diesseitiges Jerusalem mit seinem Thron und Heiligtum als Schattenbild und Gleichnis der zukünftigen Gottesstadt, die nach den Endgerichten herniederkommen wird auf die neue Erde. Sie wurde geschaut und geweissagt auch von den Propheten und ist uns beschrieben in der Offenbarung. War auch der  Paradieseszustand des Anfangs für immer verloren, aus Not und Gericht heraus erwartete man am Ende der Tage eine neue Schöpfung mit der Hütte Gottes mitten unter den Menschenkindern: das neue Jerusalem. Jeder Schatten trägt immer die großen Umrisse des nahenden Wesens. Was die zukünftige Gottesstadt vollendet einmal sein wird, das war dem frommen Israeliten unvollendet sein gegenwärtiges Jerusalem.

Was ist es aber, das die Gottesstadt so sicher macht, daß sie nicht erschüttert werden kann, während doch die Erde bebt, die Völker toben und Königreiche wanken? Der Sänger nennt uns als Prophet zunächst, daß eines Stromes Arme, d.h. seine Kanäle und Bäche, die Gottesstadt erfreuen. Der Strom ist das Bild der Lebensfülle. Seine lebenspendende Kraft wird uns in besonders anschaulicher Weise vom Propheten Hesekiel beschrieben (Hes.47, 1.8.12). Und jedem Morgenländer war das ein vertrautes Bild. Denn im Orient kennt man die Bedeutung lebendiger, unversiegbarer Ströme. Wohin die reichen, da blühen die Gärten und grünen die Felder. Ist auch anderswo das Land von der Sonne des Südens zur Wüste geworden, hier stehen die Bäume an den Wasserbächen in Blüte und Frucht. So liegen in Gottes Gnadenfülle die verborgenen Lebensquellen der Gerechten, sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft. Was die Gottesstadt nie zur Wüste werden läßt, das ist der Gnadenstrom, der seine verborgenen Quellen in Gott hat.

Auch unserm Glauben ist das eine vertraute Sprache. Wie der Gläubige in Israel haben auch wir erkannt, daß die Kräfte des neuen Lebens für uns allein in Gott liegen. Denn ob gegenwärtig oder zukünftig, die Segensfülle Gottes, geoffenbaret in Christo, bleibt die Kraft- und Lebensquelle Zions und der Erlösten in ihr. Weiter besteht die ewige Sicherheit der Gottesstadt in dem, daß

 

5. „Geheiligt hat seine Wohnung der Höchste."

6. Gott ist in ihrer Mitte, drum wankt sie nicht. Der HErr hilft ihr beim Anbruch des Morgens.

Was Gott geheiligt, d. h. für sich abgesondert hat, bleibt unverletzlich. Nun aber stand jedem gläubigen Israeliten fest, daß Jerusalem die Stadt sei, die Gott sich zur Wohnung auf Erden, zum Zelten unter seinem Volke geheiligt hätte. Nicht Zions Zinnen und Paläste, nicht Jerusalems Glanz und Schätze, nicht seine Burgen und Festungsmauern waren es, die das Herz der frommen mit tiefer Ehrfurcht erfüllten, es war vielmehr die Überzeugung, daß Gott in ihrer Mitte wohnte. In Jerusalem, dem Herzen des ganzen staatlichen und politischen Lebens Israels, da wohnte der HErr. Hier regierte er sein Volk.

Was aber auf dem Boden seiner Regierung und der Gemeinschaft mit ihm erwachsen ist, kann nicht wanken und dem Feinde unterliegen. Je doch was in Jerusalem war, so hoffte man, soll einmal auf der ganzen Erde werden. Wie sich in Israel jedes Knie allein vor dem lebendigen Gott beugte und Gottes Herrschaft anerkannte, so sollten auch die Nationen zu wahrer Gotteserkenntnis und unter das Zepter des HErrn geführt werden. Was der Glaube des frommen Israeliten herbeisehnte, war mithin die Gottesherrschaft über die ganze Erde und die sie bewohnende Völkerwelt.

Daß diese aber nicht ohne Kampf kommen könne, sah man sehr klar. Mag der Kampf aber auch die ganze Nacht hindurch währen und die ganze Kraft der Geduld und des Ausharrens des bedrängten Volkes herausfordern, die Sonne des kommenden Tages soll den Kampf nicht mehr bescheinen. Gott hilft der Stadt um die Wende, wörtlich im Angesichte des Morgens. Das erlebte Israel, als Sanherib ums Jahr 701 Jerusalem belagerte (Jes. 36, 1 ff.). Mit diesem Ausgang des Kampfes rechnete man auch in dem letzten Ringen, das der Glaube in der Zukunft kommen sah.

Es ist jedoch manches anders gekommen. Gott hat nicht dauernd verhindert, das Jerusalem nicht dem Ansturm der Feinde unterlag. Und doch hat Israel die Kraft seines Gottvertrauens erlebt. Zwar hat das Volk seit seinem endgültigen Zusammenbruch in den Tagen Barkochbas7) nie mehr seine nationale Selbständigkeit gefunden. Es ist aber dennoch nicht untergegangen. Hatte man einst geglaubt, daß die Existenz des Volkes abhängig sei von der Heimat seiner Väter, das der Untergang des nationalen Staates auch den Untergang des Volkes bedeute, so sah man später aus der eigenen Leidensgeschichte der Jahrhunderte, daß es noch etwas weit Höheres gibt, was ein Volk verbindet, als seine nationale Grundlage und der heimatliche Herd: Das unüberwindliche Gottvertrauen.

Was daher Israels Geschichte auch uns als Glieder der Kirche Christi bedeutet, und wie sehr die prophetische Schau unseres Sängers sich deckt mit dem, was auch unser Glaube ersehnt und erwartet, das kann hier nur in zwei großen Zügen angedeutet werden. Auch alle unsere Gerichtszeiten werden sich weit mehr als Segenszeiten für uns erweisen, als wir es zu ahnen vermögen. Nicht gebundener, sondern gelöster sollen uns die Gerichte an die Zukunft abgeben.

Und der zweite Zug ist, daß auch uns das Bleibende für die Gegenwart und Zukunft sich aufbaut allein auf dem Grunde der Herrschaft Gottes und der Gemeinschaft mit ihm. Auf dieser Grundlage wird auch einmal die Vollendung ruhen. Selbst das in der Offenbarung uns verheißene neue Jerusalem würde mit seinen Toren von Perlen und seinen Gassen von Gold dem neuen Leben ein ewiger Kerker sein, wenn es in ihm nicht den Stuhl Gottes und des Lammes fände: Die Gemeinschaft mit dem, der durch seine Gegenwart und mit seinem Leben das Ganze beherrscht.

III. Der Frieden der Endzeit (Vers 9 —12)

III. Die letzte Strophe unseres Glaubensliedes (Vers 9 —12) spricht nun noch von dem Frieden der Endzeit, den der Psalmist in der Zukunft für die Welt kommen sieht.

 

9. Kommet und schauet die Taten des HErrn,

der Erstaunliches auf Erden vollbringt:

10. der zur Ruhe bringt die Kriege bis ans Ende der Welt: der Bogen zerbricht, die Lanzen entspitzte

und die' Streitwagen verbrennt mit Feuer.

11. „Lasset ab und erkennet, daß Ich Gott bin,

erhaben unter den Völkern, erhaben auf Erden!"

12. Der HErr der Heerscharen ist mit uns —

ein' feste Burg ist uns der Gott Jakobs!

Es ist wie eine verhüllte Gottesverheißung, daß die Sehnsucht nach dem ewigen Frieden in allen Völkern lebt. Nicht Kampf, Friede ist die tiefste Sehnsucht der Menschheit. Aber so Tiefes, Reines und Wahres auf dem Gebiete der Zukunftshoffnungen auch von einzelnen aus den Nationen8) überliefert worden ist, das Schönste und Höchste haben wir doch in der Schau der biblischen Propheten (vgl. Jes. 9, 6; 60, 17—19; Hes. 34,25; Sach. 9,10). Sie täuschten sich nicht über jene Mächte der Finsternis, die das Kommen des Gottesreiches würden zu verhindern suchen. Sie wußten aber, daß hinter den letzten Kämpfen der ewige Friede liege. Von diesem Völkerfrieden redet hier auch der Psalmist. Er überblickt noch einmal die großen Kämpfe der Vergangenheit und sieht das Erstaunliche, das Gott gewirkt, und die große Friedenszeit, die Gott vorbereitet hat. Denn Gott „bringt zur Ruhe die Kriege bis ans Ende der Erde". Er „zerbricht die Bogen und entspitzt die Lanzen und läßt die Streitwagen im Feuer verbrennen". Das wird das große Mene, Mene, Tekel Upharsin sein, das Gott einst über die Rüstungen der Völkerwelt schreiben wird.

Das hebräische Wort, das hier dem Begriff „zur Ruhe bringen" zugrunde liegt, ist dieselbe Wortwurzel, die auch in dem Worte Sabbat enthalten ist. Gott kann auch die Völkerkriege in einen Friedenssabbat verwandeln. Warum konnte Gott die erste Schöpfung am siebenten Tage zur Ruhe bringen? Sie war im Laufe der sechs Tage durch sein Schaffen und Wirken in Harmonie gebracht mit ihrem Schöpfer. Alles Geschaffene nahm seinen bestimmten Platz ein und diente als Glied dem Ganzen in dem großen einheitlichen Weltorganismus, den Gott aus den Urfluten hatte entstehen lassen. Das ist die Grundlage des Sabbats. Gottes Sabbat beginnt, wo es keinen Widerspruch mehr gibt gegen Ihn. Daher singt auch die wartende Gemeinde Gottes mit ihrem Dichter:

„Es kann nicht Friede werden, bis Jesu Liebe siegt, bis dieser Kreis der Erden zu seinen Füßen liegt!"

Das ist heute noch nicht der Fall. Bis heute stehen all die großen Werte der Menschheit, sowohl auf materiellem als geistigem Gebiete, noch nicht in Harmonie mit Gott. Bricht aber erst der große Sabbat Gottes auch auf dem Boden der Völkerwelt an, wird Christus erst das Zepter führen über die Nationen der Erde, dann werden auch die großen Werte, über die das Leben verfügt, nicht mehr eine Waffe gegen den Bruder, sondern eine Segensquelle für den Bruder sein.

Man kann verstehen, wie die gläubige Gemeinde Israels in ihren großen Drangsalszeiten ausgeschaut hat nach dem Anbruch dieses großen Sabbats für die Völkerwelt. Ja, Gott selbst sehnt diesen Sabbat seiner erlösten Neuschöpfung herbei. Der Psalmist läßt Gott selbst sprechen:

11. „Lasset ab und erkennet, daß Ich Gott bin, erhaben unter den Völkern, erhaben auf Erden!"

So ruft er den Völkern zu. Nicht etwa knechtische Furcht, sondern kindliche Ehrfurcht vor Gott soll die Völker erfüllen. Was Gott erreichen will, ist nicht etwa Unterwerfung unter seine Macht, vielmehr freiwillige Hingabe an seine Liebe. Diese fließt aber allein aus wahrer Gotteserkenntnis. Verkehrte Gottesbegriffe führten noch immer zu einem verkehrten Verhältnis zu Gott. Das beweist die Religionsgeschichte der hinter uns liegenden Jahrtausende. Man hatte Vorstellungen über Gott, die sich nie mit seinem Wesen deckten. Darum ist das Flehen der Gemeinde Gottes, daß der Herr den Geist der Erkenntnis ausgießen möge über alles Fleisch.

Darum sehnen auch wir uns nach den kommenden Zeitaltern der Vollendung. Es ist uns dies Gemälde der Zukunft keine tote Hoffnung, die sich nie verwirklichen könnte. So fern es unserm Glauben auch liegt, im einzelnen zu bestimmen, wie Gott das machen wird, so steht uns das doch fest, daß Gott es machen wird.

Noch schreibt die Welt ihre Geschichte mit Blut und Tränen. Das „Friede auf Erden!" der himmlischen Heerscharen wird noch übertönt von den Schlachtgesängen kämpfender Völker. Aber trotz allem Weh, das gegenwärtig vielfach das Herz der Völker zerreißt, trotz all der Schrecken, von denen die Welt umgeben ist, leuchte aus unserem Dienst und unserem Leben die Gewißheit des Glaubens:

Endlich muß doch Friede werden, Friede auf Erden!

 

Anmerkungen zu Psalm 46

1) „Von den Söhnen Korahs." Korah, ein Urenkel Levis und ein Enkel Kahats, kam durch ein göttliches Strafgericht wegen seiner Empörung gegen Moses und Aaron ums Leben, während seine Söhne nicht mitbetroffen wurden (4. Mos. 16; 26, II). In der Familie Korahs fand David treue Anhänger. Aus ihrer Mitte kamen einige zu ihm nach Ziklag, um ihm in seinem Kampfe für sein Königsrecht zu helfen (1. Chron. 12,7). Nachkommen Korahs dienten nicht nur als Torhüter des Heiligtums auf Zion (1. Chron. 26,1-19), sondern auch als Sangmeister und Musiker. Der Sangmeister Heman stammte aus der Familie Kahats; er war also ein Korahit (1. Chron. 6,18), und Hemans 14 Söhne waren unter der Leitung ihres Vaters beim Gesang im Heiligtum tätig mit Zimbeln, Harfen und Zithern (1. Chron. 25, 5, 6). Die Psalmen der Söhne Korahs preisen Gott als den in Jerusalem thronenden König und sprechen eine innige Freude an den Gottesdiensten des Heiligtums aus (Ludwig Albrecht, Die Psalmen S.77).

Das hebräische Wort, das mit „im Sopran" übersetzt ist, bedeutet gewöhnlich: nach der Stimmlage junger Mädchen.

2) „Gewaltig" nach Herrm. Gunkel, der das hebr. Wort, das „gar sehr", „im höchsten Grade", „in seiner ganzen Fülle" ausdrückt, mit „gewaltig" wiedergibt, Fr. Baethgen übersetzt: „Als Hilfe in Nöten reichlich zu finden." Rud. Kittel: „Gute Hilfe in Nöten, gar wohl bewährt." Ehrlich: „Hilfe in Nöten, gar leicht zu finden."

3) In unseren hebr. Texten fehlt am Schlusse von Vers 4 dieser Kehrreim; aber alle Kenner des Hebräischen sind der Ansicht, daß nach dem ganzen metrischen Aufbau dieses dreistrophigen Liedes derselbe auch hier nach dem 4. Verse, wie nach Vers 7 und 11, gestanden haben muß.

4) Wörtlich: „eine steile, vom Feinde nicht zu erreichende Felshöle, ein Zufluchtsort, wo man vor den Nachstellungen des Feindes Schutz gefunden", eine „feste Burg" (Luther).

5) Wie die meisten Ausleger, habe auch ich hier die Übersetzung der L X X wiedergegeben. Der hebr. Text hat: „Die Heilige unter den Wohnungen des Höchsten." Der Psalmist wollte aber offenbar bezeichnen, welche Gefahren der Stadt von Seiten der Feinde gedroht hatten. Gott hatte deren Ansinnen aber zuschanden gemacht.

6) Das Textwort bezeichnet sonst nur Lastwagen der Bauern. Von der LXX wird das Wort mit „thyreoi", viereckige Langschilde, wiedergegeben. Duhm nimmt an, daß es vielleicht Trainwagen gewesen sind, auf denen die schweren Wurfmaschinen befördert wurden. Waren es mithin auch nicht eigentliche Streitwagen, so standen sie doch wohl zur Kriegsrüstung in irgendwelcher Beziehung.

 7) Der Aufstand des Simon bar Kochbas fand von 132-135 statt. Es war der letzte Versuch, die zusammengebrochene nationale Selbständigkeit wiederzuerlangen, aber er führte nur das Ende des jüdischen Staates herbei.

8) Mit das Schönste auf diesem Gebiete finden wir wohl bei den Stoikern. Ihre sittliche Lebensweisheit beruhte auf einer religiösen Weltanschauung. Die moralische Schätzung der Würde der menschlichen Persönlichkeit fand bei ihnen einen reinen Ausdruck. Dies zeigen besonders klar die Aussprüche Senekas. Vgl. O. Pfleiderer, Das Urchristentum Bd. I, S. 35ff.

 

9. Das Dennoch des Glaubens Psalm 73

 

Überschrift: Ein Psalm für Asaph1)

1. Ja, gütig ist Gott gegen Israel, gegen die, so reinen Herzens sind.

2. Ich aber — fast strauchelten meine Füße, beinahe glitten aus meine Tritte,

3. denn Eifer ergriff mich wider die Prahler, da ich sah der Gottlosen Wohlergehen.

4. Denn Sorgen haben sie nicht, vollkräftig und wohlgenährt ist ihr Leib2).

5.In menschliche Mühsal geraten sie nicht:, wie andere werden sie nicht geplagt.

6. Darum ist Hochmut ihr Halsschmuck, Gewalttat umhüllt sie wie ein Gewand.

7. Es glotzen aus Fett ihre Augen3), maßlos sind die Lüste; ihres Herzens.

8. Sie höhnen und reden in Bosheit, Bedrückung reden sie von oben herab.

9. Gen Himmel erheben sie [lästernd] den Mund, vor ihrer Zunge ist nichts siecher auf Erden4).

10. Deshalb wendet das Volk sich dorthin und schlürft ihre Worte wie Wasser.

11.Sie sprechen: „Wie könnte Gott es wissen? Wie sollte Kenntnis sein beim Höchsten?"

12.Siehe, das sind die Gottlosen, als ewig Glückliche häufen sie sich Reichtum an.

13.Ach — umsonst hielt rein ich mein Herz und wusch meine Hände in Unschuld.

14.Ward ich doch geplagt jeden Tag und hatte meine Züchtigung jeden Morgen.

15. Wenn ich gesagt hätte: „So will auch ich reden!"

siehe, das Geschlecht deiner Söhne hätt' ich verraten, 16. Da sann ich dem nach, um es zu verstehen: Ein zwecklos Mühen war's in meinen Augen!

17.Bis daß ich einging in Gottes Heiligtümer6) und zu begreifen suchte [der Gottlosen] Ende.

18.Ach, auf schlüpfrigen Grund hast du sie gestellt, sie fallen lassen in Täuschungen!

19.Unerwartet sind sie ein Entsetzen geworden, sind fortgerafft, nehmen ein Ende mit Schrecken!

20.Wie ein Traumbild zerfließt nach dem Erwachen, so vernichtest du, HErr, in der Stadt ihr Bild.

21. Wenn nun noch bitter würde mein Herz,

sich erregen wollte mein Innerstes —

22. da wär' ich ein Tor und ohne Einsicht, wie ein dummes Vieh wär' ich vor dir.

25. Dennoch bleibe ich stets hei dir, denn du hast erfaßt meine rechte Hand.

24.Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst hernach mich in Ehren auf.

25.Wen hab' ich im Himmel [außer dir]? Und neben dir hab' ich kein Verlangen auf Erden!

26.Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten,

so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil

27.Denn siehe, die von dir sich entfernen, kommen um, du vertilgst den, der treulos dir wird. —

28.Mir aber   - mir ist Gottes Nähe köstlich,

ich setze meine Zuversicht auf Gott den HErrn und tue kund all deine Taten.

Viel Verwandtes hat unser Psalm mit drei anderen Büchern jener Zeit: mit Hiob, mit dem Prediger Salomonis und mit einem Buche der nicht biblischen Literatur: dem vierten Esrabuch. Die Seele dieser Verfasser war durch so vieles von dem, was sie von der Wirklichkeit des Lebens gesehen hatten, in schwere innere Konflikte geraten. So viele Erscheinungen des Lebens standen ihnen im Widerspruch mit jener Lebens- und Weltanschauung, die ihnen von Ihren Vätern übermittelt worden war. In ihnen waren Fragen geweckt worden, die sie nicht zu lösen wußten.

Hiob beschäftigte die Frage nach dem Sinn der Leiden. Unmöglich kann er sein entsetzliches Leidensgeschick in Einklang bringen mit der Gerechtigkeit Gottes. Er bleibt vor der Frage stehen: „Ist Gott wirklich gerecht?" Denn nur ein gerechter Gott kann ein wirklicher Gott sein. Unmöglich könnten seine Leiden eine Vergeltung, eine Strafe von dem Gott sein, vor dem er gerecht und unsträflich gewandelt hatte. Seine Freunde gaben ihm die Antwort nicht. Gott aber gab sie ihm. Nicht „warum", sondern „wozu" soll er fragen lernen in seiner so leidvollen Lebensführung.

Den Prediger Salomonis bewegte der eigentliche Zweck des Lebens. Seine Seele bestürmen so viele Rätsel, daß er zu der Frage gelangt: „Hat dieses ganze Leben überhaupt einen Zweck?" Mit unerbittlicher Schärfe deckt er die Schattenseiten und Nichtigkeiten des menschlichen Daseins auf, und mit rückhaltloser Offenheit legt er uns seine Seelenkämpfe dar. Eine wirkliche Lösung all seiner Fragen weiß er uns aber nicht zu geben. Er ist in der Verachtung dieses Lebens und der Menschen steckengeblieben, wie so viele nach ihm, die ihr Licht und ihren Trost nicht in Gott zu finden suchten. Nicht den siegesfrohen Ausblick des Glaubens, sondern lähmende Hoffnungslosigkeit hat er uns als Frucht seiner Kämpfe zurückgelassen. Sein Glaube vermag sich nicht über die Leiden und Nichtigkeiten der Gegenwart zu erheben. Er gewann nicht jene Hoffnung, die stark bleibt im Tragen der Widersprüche der Gegenwart und warten lernt auf die Vollendung der Erlösung in der Zukunft. Er hat den Wert der Gegenwart verloren und eine neue Zukunft nicht gefunden. Was er uns als höchste Weisheit zu künden hat, ist: Alles ist eitel!

Ähnlich leidet der Verfasser des vierten Esrabuches unter dem Verzug der Gerichte Gottes. Auch ihm ist die Welt voller Rät -sel. Esra konnte das Ausbleiben der so sehnsüchtig erwarteten messianischen Gerichts- und Heilszeit nicht verstehen. In seiner Ungeduld fragt er: „Wie lange noch?" Wann wird das Verheißene geschehen? Unser Leben ist ja so kurz und elend. Darauf wird ihm vom Engel des Lichtes die göttliche Antwort: „Du willst doch nicht mehr eilen als der Höchste? Denn du eilst um deiner selbst willen, der Höchste aber wartet um der vielen willen6)." Auch Gottes Warten in der Geschichte, der Verzug mit dem Kommen seiner Königsherrschaft steht unter der Geduld und Langmut Gottes, da er nicht will, daß jemand verloren gehe, sondern daß alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen möchten.

Ganz verwandte Seelenkämpfe hat auch der Verfasser des 73. Psalms durchlebt. Ihm bewegt die Frage: Warum es dem Frevler so wohl ergeht, während der Gerechte leiden muß. Schier war er gestrauchelt, und beinahe hätte er im Glauben Schiffbruch erlitten. Erst im Heiligtum Gottes oder richtiger erst beim Eindringen in „Gottes Geheimnisse" fand er jene Lösung, die ihm Antwort gab auf seine Fragen, eine Antwort, die seine Seele völlig stille werden ließ auch unter den Widersprüchen des Lebens.

I. Die gewonnene Erkenntnis (Vers 1).

Der Psalmist eröffnet sein Glaubenszeugnis mit der Feststellung:

1. Ja, gütig ist Gott gegen Israel, gegen die, so reinen Herzens sind.

Damit drückt er zunächst jene Erkenntnis aus, die ihm in seinen schweren Seelenkämpfen geworden war. Zwar war sie ihm ebenso neu wie vielen seines Volkes. Denn sie ging weit hinaus über eine Annahme, die jahrhundertelang dem Glauben seiner Väter gedient hatte. Es war die Vorstellung von der göttlichen Vergeltung. Nach dieser sollte jeder, ob gut oder böse, den Lohn seiner Taten in diesem Leben empfangen. Nach den Schicksalen des Lebens beurteilte man daher die Stellung des einzelnen zu Gott. Nur dem Frommen könne es in diesem Leben wohlergehen. Jedes Unglück, jede schwere Lebensführung war daher ein Beweis eingetretener Gottlosigkeit, mithin ein Gericht für den innerlichen Abfall von Gott.

Diese allgemeingültige Vergeltungslehre litt aber schwer unter der alltäglichen Wirklichkeit. Wie oft war das Gegenteil der Fall. Es schien, als ob Gott so oft völlig seines Amtes gerechter Vergeltung vergessen hätte. Denn der Frevler sah sich gesegnet, der Fromme dagegen litt. „Da gab es Schurken, die ein langes Leben hindurch eine Schlechtigkeit nach der anderen ungestraft verübt hatten und zuletzt noch im stattlichen Erbbegräbnis über dem Kidrontal ehrenvoll beigesetzt wurden. Andererseits hatten fromme und angesehene Leute mit Weib und Kind aus Jerusalem in Elend und Vergessenheit hinauswandern müssen. Wie stimmte das zur Gerechtigkeit Gottes7)?"

Solche Erfahrungen brachten manche, und zwar nicht die schlechtesten des Volkes in schwere, innere Glaubensnöte. Die Frage, wie sich das Leiden der frommen und das Glück der Gottlosen mit dem Glauben an eine göttliche und somit absolut gerechte Weltregierung vereinigen lasse, konnte man nicht mehr lösen. Leider fehlen uns die Anhaltspunkte, um feststellen zu können, welche tatsächlichen Ereignisse im Leben des Psalmisten oder in der Geschichte seines Volkes die Unterlagen seiner Erfahrungen bildeten. Offenbar redet er aber vom unmittelbar Erlebten. Sehr klar sehen wir jedoch die Frucht, die er aus seinen Kämpfen gewann. Sie ist eine der schönsten und reinsten, die „dem Ringen des Glaubens im Alten Testament beschieden war". Es war ihm gelungen, sich von jener herrschenden Anschauung zu lösen, daß Unglück, Trübsal, Leiden, dunkle Lebensführung in jedem Fall Gericht für Schuld und Sünde bedeuten müsse. Vielmehr stand ihm hinfort fest: Es kann auch leidende Gerechte geben. Die Leiden und Trübsale eines frommen bedeuten ihm hinfort nicht mehr, daß der HErr demselben seine Güte entzogen hätte.

Wie sehr die Erfahrungen des Psalmisten sich mit so manchem Erleben unserer Tage berühren, ist nicht schwer zu finden. Glücklich jedoch jene, die auch heute in ihrem Schmerz nicht zusammenbrechen und die in ihren Kämpfen und Fragen nicht den Weg zu Gott verlieren! Denn am Herzen Gottes wird man auf jene Glaubenshöhe geführt, von der aus man mit Paulus auch seine schwersten Erlebnisse in jenem göttlichen Lichte zu sehen vermag, daß denen, die Gott liebhaben, alle Dinge zum Guten mitwirken müssen (Röm. 8, 28). Wem sein Leid zu einem Weg zu Gott hin geworben ist, wen die inneren Seelenkämpfe zu neuer Klarheit führen konnten, dem ist auch Vollmacht geworden, denen zu dienen, die leiden, wie man selbst gelitten hat. Das ist alsdann Samariterdienst, wie ihn Jesus geübt hat, und wie ihn auch jene üben, die etwas vom Geiste Christi in sich tragen. Ihr Erlebnis wird zum „Ereignis für viele". Sie befruchten ihre Zeit, so daß es in der Geschichte immer von neuem zu einer Geburtsstunde neuen Lebens kommen kann.

II. Die inneren Seelenkämpfe (Vers 2 — 15).

Nachdem der Sänger uns seine neu gewonnene Glaubensüberzeugung genannt hat, macht er uns in den nächsten Versen mit der schweren Glaubenskrise vertraut, die dieser Überzeugung vorangegangen war. Fast war er in diesen Kämpfen gestrauchelt. Er muß offen bekennen:

 

2.Ich aber — fast straucheln meine Füße, beinahe glitten aus meine Tritte,

3.denn Eifer ergriff mich wider die Prahler, da ich sah der Gottlosen Wohlergehen.

Es waren aber nicht die Gottlosen, Ruhmredigen aus den Nationen, die ihn in diese Schweren Konflikte des Glaubens gebracht hatten. Sie kamen aus jenen Kreisen seines Volkes, die dem Einfluß ihrer heidnischen Umgebung erlegen waren, sich innerlich mehr und mehr von dem Glauben ihrer Väter und den Vorschriften des Gesetzes gelöst hatten: Juden, die aufgehört hatten, gesetzestreue Juden zu sein. Und nun die merkwürdige Erscheinung: Anstatt daß diese sich von Gott um ihrer Untreue dem Gesetz gegenüber gerichtet sahen, mußte der Psalmist feststellen, daß sie ein Wohlleben führten und ein Segen scheinbar auf ihnen ruhte, wie es die Gerechten in jenen Tagen selten erlebten.

Dies brachte ihn in Gefahr. Der Fortbestand seiner bisherigen Glaubenshaltung zu Gott stand auf dem Spiel. Er beneidete diese Gottlosen um ihres Wohlergehens und um ihrer gesellschaftlichen Stellung willen im griechischen Volksleben. Auf ihnen lag nicht die Schmach jener Fremdlinge aus Juda, die auch in der Ferne die Satzungen des Herrn beobachteten. Ihr Gewissen war weit genug, sich auch auf griechischem Boden und

unter fremdem Volke zu Hause zu fühlen. Ohne inneren Druck schloß man sich griechischer Sitte und griechischen Sünden an. Man hörte auf, nur geduldeter Fremdling zu sein, man wurde angesehener Bürger und Würdenträger im griechischen Staatsleben. Und doch blieb man ohne entsprechende Vergeltung und Gericht.

Als der Psalmist so nach dem Wohlleben dieser Gottlosen gaffte — denn das will hier offenbar das hebräische Worte „sehen" zum Ausdruck bringen —, da wäre er beinahe der Versuchung unterlegen und zu der Ansicht gekommen, daß zuletzt der Gerechte doch umsonst in Treue und Hingabe Gemeinschaft mit Gott pflegt. Das Glück dieser Gesetzlosen schien ohne Schatten zu sein.

4.  Denn Sorgen haben sie nicht, vollkräftig und

   wohlgenährt ist ihr Leib.

         5. In menschliche Mühsal geraten sie nicht,

  wie andere  werden sie nicht geplagt.

Während die Gerechten schwer unter dem Druck der Verhältnisse, unter der Rechtlosigkeit eines Fremdlings und unter der Willkür despotischer Beamten zu leiden und den Weg der Not und der Entsagung zu gehen hatten, da pflegten diese Gottlosen ihr Wohlleben ohne Sorgen, Nöte und Entbehrungen.

6.Darum ist Hochmut ihr Halsschmuck,
  Gewalttat umhüllt sie wie ein Gewand.

Bereits in jenen Tagen erlebte der Sänger, wie selten äußerliches Wohlergehen den Menschen innerlich beugt und ihn in jene dankbare Stellung vor Gott bringt, in der er sich freut, mit seinem Überfluß an Kraft und Mitteln ein Segen für andere zu werden. Anstatt mit dem leidenden Bruder zu leiden und den Nächsten zu segnen, sind diese Gottlosen unersättlich in ihrem Begehr und sinnen nur auf neuen Gewinn. Ihr Gewissen zieht ihnen keine Schranken. Recht ist nur noch das, was ihrem Gewinn dient.

7.    Es glotzen aus Fett ihre Augen,
      maßlos sind die Lüste
ihres Herzens.

Allen Morgenländern ein sehr vertrautes Bild: jene Reichen und Sorglosen, die ihre täglichen Gewinne und ihre herrschende Stellung nur in den Dienst ihres Wohllebens stellen. Ihr wohlgenährter Leib, ihr stolzes Verhalten, ihre Ausübung von Gewalt, sobald ihre Interessen auf dem Spiele stehen, werden öffentlich zur Schau getragen, um das Volk in Furcht und Unterwerfung zu erhalten. Denn erhebt sich dann und wann einmal eine warnende Prophetenstimme, klagt und seufzt das Volk unter den Härten und [Rücksichtslosigkeiten dieser Wohllebenden, so

 

8.  höhnen sie und reden in Bosheit, Bedrückung reden

sie von oben herab.

9.  Gen Himmel erheben sie [lästernd] den Mund, vor

  ihrer Zunge ist nichts sicher auf Erden.

Es gab für sie weder etwas Hohes auf Erden noch Heiliges im Himmel, vor dem ihre übermütige Gesinnung sich ehrfurchtsvoll beugte. Sie konnten spotten über das stille Gottvertrauen der Frommen und über die Tränen und die Beugung der Gerechten. Sie höhnten über die Erwartung derer, die Tag für Tag ausschauten, ob nicht doch der Augenblick der so sehnsüchtig erwarteten Gerichts- und Heilszeit nahe sei, die Israel erlösen würde aus seiner Schmach und Not.

Offenbar waren es nicht selten besonders die geistigen Führer jener Zeit, die so redeten. Viele unterlagen deren Einfluß und ließen sich ihr Vertrauen zu der göttlichen Lebensführung und den Glauben an Gottes Zielbewußte Weltregierung rauben. Hatten sie auch eine Zeitlang widerstanden, jetzt gingen sie jedoch mit dem Strom. Denn das will der Psalmist offenbar mit den Worten sagen:

 

 

10. Deshalb wendet das Volk sich dorthin und schlürft ihre Worte wie Wasser.

Der vorhandene hebräische Text ist hier von einer Beschaffenheit, daß es nur ein Versuch sein kann, den Sinn aus dem Zusammenhang des Ganzen herzustellen. Die Übersetzungen dieser Stelle weichen daher auch in ihrem Inhalt sehr voneinander ab. So gibt ein Übersetzer diese Stelle mit den Worten wieder:

Wahrlich, dahin hat er sein Volk gebracht, daß sie auch nicht Wasser genug haben8).

Dies gibt der Stelle zwar einen ganz anderen Sinn, der aber auch vorzüglich mit dem vorangehenden verbunden werden kann. Während sie, die den Mut gehabt hatten, sich von den gesetzlichen Kultübungen und priesterlichen Gesetzesvorschriften des Gottes Israels loszusagen, Brots die Fülle hatten und keine Not kannten, hatte der Gesetzestreue nicht einmal Wasser genug. So arm und entrechtet stand er da. So wenig hatte Gott vermocht, seine Getreuen zu segnen und zu decken. Und suchte der Fromme sich damit zu trösten, daß Gott das Elend seines Volkes sähe, so spottete man über diese „naive", „simple" Gottesvorstellung der Armen.      

11. Sie sprechen: „Wie könnte Gott es wissen? Wie sollte Kenntnis sein beim Höchsten?"

Gibt es noch einen Gott, dann kann man ihn sich nur denken als eine „allwaltende Weltvernunft", nicht aber als einen Vater, der über das Ergehen des einzelnen wacht und die Geschicke seines Volkes mit sicherer Hand lenkt. In dieser wörtlich angeführten Frage der Gottfernen zeigte sich die ungeheure Gefahr, in die der Mensch kommen muß, sobald er sich Gott nur noch als eine „unpersönliche ferne Weltmacht" oder als eine höchste Weltvernunft denkt. Dann hört hinfort jedes Glaubensverhältnis des Menschen zu Gott auf, dann trägt der Mensch der göttlichen Offenbarung und Gerechtigkeit gegenüber keine Verantwortung mehr.

 

12. Siehe, das sind die Gottlosen,

als ewig Glückliche häufen sie sich Reichtum an.

Verglich der Psalmist nun diese Gottlosen und Wohllebenden, die allezeit ihren Wohlstand mehrten, mit seinem persönlichen Ergehen, dann kam er in jene Spannungen und Nöte, die ihn sprechen ließen:

 

13. Ach — umsonst hielt rein ich mein Herz

und wusch meine Hände in Unschuld,

14. ward ich doch geplagt jeden Tag

und hatte meine Züchtigung jeden Morgen.

Während jene ohne Gericht und innerliche Gewissensqual lebten, sah er sich von der züchtigenden Hand Gottes heimgesucht. Da überfällt ihn der Zweifel. Nur eins hielt ihn zurück, sich ganz dieser inneren Stimmung und Zerrissenheit hinzugeben: die Geschichte seiner Väter. Diese hatten doch nicht umsonst ihrem Gott vertraut. Was seine Väter geworben waren, das waren sie allein mit Gott geworden. Was sein Volk in der Vergangenheit so hoch über die anderen Nationen hinausgehoben hatte, das war doch das Licht gewesen, in dem man wandelte: Gesetz und Prophetenwort, die ihm als göttliche Offenbarung gedient hatten. Daher kommt der Psalmist zu dem Schluß:

15. Wenn ich gesagt hätte: „So will auch ich reden!" — siehe, das Geschlecht deiner Söhne hätt' ich verraten.

„Ich hätte damit die Gemeinschaft der Kinder Gottes treulos verlassen!" So bewahrte der Rückblick in die Vergangenheit den Sänger vor dem folgenschweren Schritt: vor dem völligen Aufgeben seiner bisherigen Glaubenshaltung Gott gegenüber.

III. Sie rechte Wegweisung (Vers 16 — 22).

Eine wirkliche Lösung seiner Fragen brachte ihm aber auch die Geschichte seiner Väter noch nicht. Er fand sie erst im Lichte der Ewigkeit. Wenn der Psalmist hier das Bekenntnis ablegt, daß er nahe daran stand, sich der Überzeugung hinzugeben:

13. Ach — umsonst hielt rein ich mein Herz, wusch meint Hände in Unschuld

so hatte mit diesem Zweifel seine innere Zerrissenheit ihren Tiefpunkt erreicht. Gott ließ aber den Ringenden hier nicht enden. Er zeigte ihm jenen Ausweg, wo sein Glaube die rechte Wegweisung finden konnte. Dieser wurde ihm im Heiligtum Gottes, d. h. in der Gegenwart Gottes oder durch das Eindringen in die Geheimnisse Gottes.

16. Da sann ich dem nach, um es zu verstehen: Ein zwecklos Mühen war's in meinen Augen!

„Das Denken allein gibt weder das rechte Licht noch die wahre Seligkeit. Beides wird nur im Glauben gefunden. Der Psalmist hat deshalb auch den Glaubensweg eingeschlagen und dadurch Licht und Ruhe gefunden 9)."

17. Bis daß ich einging in Gottes Heiligtümer und zu begreifen suchte [der Gottlosen] Ende.

Wir wissen nun nicht, was der Verfasser mit dem Eingehen in Gottes Heiligtümer gemeint hat. Jedenfalls lag ihm fern, ein rein kultisches Erscheinen im äußerlichen Heiligtum als das zu bezeichnen, was ihn zu jenem wunderbaren Lichte führte, das er uns zu künden hat. Das hatten Tausende vor ihm getan und waren doch ohne jenes Glaubenslicht geblieben, das nun seine Seele fand. Zwar sagt er, daß er in die „mikdaschim", in die „Heiligtümer Gottes" eingetreten sei. Mikdasch war das äußere Heiligtum, besonderes die Anbetungsstätte. Nun wird aber das Wort in seiner Mehrzahl sonst nirgends als Bezeichnung des einzigen Heiligtums Israels verwendet. Israel hatte nicht Heiligtümer, sondern nur den Tempel. Manche Übersetzer haben daher das Wort mikdaschim mit „Geheimnisse" wiedergegeben, womit die verborgenen Ratschlüsse, die Offenbarungen Gottes bezeichnet werden sollen. Und höchst wahrscheinlich entspricht dies dem inneren Zusammenhang des Textes.

Denn nicht das äußere Betreten des Tempels zu Jerusalem hatte ihm die Lösung gebracht. Sie wurde ihm durch das innerliche Erscheinen vor Gott und das Vertrautwerden mit den Geheimnissen, den verborgenen Gedanken und Ratschlüsse Gottes. Als erst göttliches Licht auf die Fragen und Spannungen seiner Seele fiel, da lösten sich Rätsel, Zweifel und Spannungen. Alsbald erkannte er, wie sehr er das Leben des Menschen nur nach vorübergehenden Erscheinungen, nicht aber als Ganzes im Lichte der Ewigkeit beurteilt hatte. Er war bei dem augenblicklichen Glück der Gottlosen stehen geblieben, hatte aber nicht auf deren Ende gemerkt. Von dem trügerischen Schein dieses Glückes, das doch nie dauerhaft sein konnte, hatte er sich blenden lassen. Seinem innersten Wesen nach muß dieses Glück eines Tages jäh zusammenbrechen. Wenn nicht früher, dann am Tage des Todes. Dem Glück der Gottlosen fehlt der Ewigkeitscharakter, es besteht nur aus Gütern, die der Vergänglichkeit angehören.

Ja, der Psalmist erkennt, wie dieses äußerliche Wohlergehen der Gottlosen unter Umständen bereits ein Gottesgericht sein kann. Weil Gott sie preisgegeben hat, daher gilt von ihnen:

 

18.Ach, auf schlüpfrigen Grund hast du sie gestellt,

   sie fallen lassen in Täuschungen!

Während Gott durch schwere Heimsuchungen und dunkle Lebensführungen den Frommen aus seiner falschen Sicherheit und Verirrung aufzuwecken sucht, läßt er diese Gottlosen sich immer tiefer in ihre trügerische Lebenshaltung verlieren. Darin liegt aber ihr Gericht. Ihr Wohlergehen ist nicht ein Beweis der Gottesnähe, es ist vielmehr bereits die eingetretene Zurückhaltung Gottes. Gott hat sich aus ihrem Leben zurück-gezogen. Er läßt sie „auf breitem Wege" ihrem endgültigen Zusammenbruch entgegeneilen. Nun sah der Psalmist: Glück, Wohlergehen, Gelingen muß nicht unter allen Umständen ein Zeichen göttlichen Segens, es kann auch ein Zeichen göttlichen Gerichts sein. Das war eine Beobachtung, die seitdem so oft durch den Gang der Geschichte ihre Rechtfertigung gefunden hat.

Wie ganz anders erschien hinfort dem gläubigen Sänger von der göttlichen Warte aus nun die Stellung der Gottlosen! Mit dem Fernblick des Glaubens sieht er im göttlichen Lichte für sie kommen, was mit innerlicher Notwendigkeit kommen muß:

 

19.   Unerwartet sind sie ein Entsetzen geworden,

sind fortgerafft, nehmen ein Ende mit Schrecken.

20.   Wie ein Traumbild zerfließt nach dem Erwachen,
so vernichtest du, HErr, in der Stadt ihr Bild.

 

Ein treffendes Bild, wie das Leben der Gottlosen mit seinem Glück nichtig und vergänglich sein kann. Leiden, Geschichtskatastrophen, Gerichtszeiten lassen plötzlich zusammenbrechen, was bisher in blendendem Glanz, in stolzer Sicherheit, in menschlichem Selbstruhm dastand. Es fehlten dem Leben jene höheren Kräfte, die auch im Gericht nicht versagen. Wo sich der innere Gehalt eines Lebens nur aus Werten zusammensetzt, die durch Sünde und Ungerechtigkeit gewonnen und zusammengehalten worden sind, da nimmt es eines Tages ein Ende mit Schrecken. Und mit dem zusammengebrochenen Glück wird auch das Bild ihrer Träger wie ein Traum vergessen. Nicht weil sie geliebt und geachtet wurden, hatte man diese plötzlich hinweggerafften Wohllebenden einst gefürchtet und geehrt, sondern weil sie herrschten und knechteten.

So fand der Psalmist in seinen Spannungen und Nöten eine Lösung, als er nicht mehr vom menschlichen Leben aus Gott zu verstehen suchte, sondern von der Wirklichkeit Gottes aus das oft so rätselvolle Geschehen im Leben der Menschen sah. Nicht das Sichtbare mit seinem äußeren Glanz und der innerlichen Nichtigkeit können ihm das Fundament seines Lebens und der Inhalt seiner Glaubenshaltung sein, beides kann er nur in der Wirklichkeit Gottes finden. Nicht gleich hatte der Psalmist zu Gott, als der letzten und höchsten Wirklichkeit seine Zuflucht genommen. Zunächst hatte er geglaubt, durch eigenes Grübeln und Denken die in ihm aufgebrochenen Rätsel lösen zu können. Seine eigenen Anstrengungen waren aber fruchtlos geblieben. Denn göttliche Lösungen können nur im göttlichen Licht gefunden werden. Richtige Orientierung findet der Mensch nur im Heiligtum, d. h. in der Gegenwart und im Lichte Gottes.

Wie stark das dem Psalmisten aufgegangen, beweist das Urteil, das er von der Wirklichkeit Gottes aus nun auf seine Zweifel und Konflikte fallen läßt; jetzt schämt er sich seines Unglaubens in der Vergangenheit, jetzt hat er Licht für die Zukunft. Deshalb bekennt er:

21. Wenn [nun noch] bitter würde mein Herz,

   sich erregen wollte mein Innerstes –

22. da wär' ich wie ein Tor und ohne Einsicht,

    wie ein dummes Vieh wär' ich vor dir.

Verbitterung war stets die bittere Frucht innerlicher Unzufriedenheit. Auch der Psalmist hatte offenbar die Bitterkeit derselben geschmeckt. Nun aber hat er erkannt, daß er in diesem Zustande ohne Einsicht gelebt hatte. Er hatte das Wohlleben der Gottlosen mit einem falschen Maß bemessen, seine Leiden und Nöte nicht im Lichte Gottes gesehen. Nicht nach göttlicher, allein nach menschlicher Art hatte er sich ein Urteil gebildet. Wie töricht er handeln würde, wenn er nun nach der Erfahrung im Heiligtum wieder diesen falschen Maßstab anwenden würde, spricht er offen aus. Sein Glaube erträgt diese offene Wahrhaftigkeit seinem eigenen Grübeln und Denken gegenüber. Anstatt daß er an den Zweifeln und Spannungen zerbricht, ringt er sich zur höchsten Klarheit und Schau hindurch.

 

IV. Die höchste Lösung (Vers 23 — 28).

 

Ginge hier der Psalm zu Ende, so wäre auch dieser Sänger in seiner Glaubenshaltung nicht über so manche seiner frommen Zeitgenossen hinausgekommen. Daß Gott trotz aller scheinbaren Widersprüche des Lebens in seiner göttlichen Weltregierung dennoch gerecht bleibt und in der Lebensführung der einzelnen keine Fehler macht, das hatten auch manche vor ihm schon erkannt. In den Schlußversen seines Psalmes macht er uns jedoch mit jener höchsten Lösung vertraut, die sein Glaube von der Wirklichkeit Gottes aus gefunden hat: mit dem „Dennoch!" des Glaubens. Im Vergleich zu jenen Gottlosen kam er sich wie ein Wunder der Gnade vor, denn er weiß sich jetzt geführt von einer starken Hand.

 

23.   Dennoch bleibe ich stets bei dir,

denn du hast erfaßt meine rechte Hand.

 

Daß nicht auch er sich den Trugbildern hingegeben und den Weg der innerlichen Gottentfremdung betreten hat, das schreibt er in tiefem Bewußtsein seiner Ohnmacht der Bewahrung seines Gottes zu. „Hand, die nicht läßt, halte mich fest" so beten wir mit ihm.

So entdeckt der lebendige Glaube immer wieder, worin das Wesen wahren Segens besteht, wo die Garantien seiner Bewahrung liegen. Nicht in sich, im Tun Gottes findet er sie. Der HErr war es, der seinem Leben Weg und Richtung gab.

 

24.   Du leitest mich nach deinem Rat

und nimmst hernach mich in Ehren auf.

 

Unter göttlicher Leitung ist es auch dem Menschen in seiner  Schwachheit  möglich, göttliche Ziele zu finden. Denn von Gottes Hand durchs Leben geleitet, erwartet der Psalmist zuletzt auch „in Ehren", oder richtiger wohl: „zur Herrlichkeit" aufgenommen zu werden. Denn dieses Aufgenommenwerden hat hier jedenfalls zukünftige Bedeutung. Es kann darunter nur das Eingehen des Sängers zu der göttlichen Herrlichkeit im Jenseits verstanden werden.

Das war eine Hoffnung10), wie sie damals erst in wenigen auch der Gläubigen Israels lebte. Mit derselben hatte er die bisherige allgemeingültige Anschauung von dem traurigen Schattenleben der Verstorbenen im Totenreich überwunden. Der Tod kann der Gemeinschaft mit Gott keine Grenze setzen. Gott kann den Tod in einen Weg zur Herrlichkeit verwandeln. Damit gab der Psalmist seinem Volke einen Fernblick des Glaubens, der die Zukunftserwartungen der Gerechten mit neuem Inhalt und Leben erfüllte. Und nachdem er sich zu dieser lebendigen Hoffnung durchgerungen, ersteigt sein Glaube eine Höhe und legt ein Bekenntnis ab, das ihn in die Reihe der größten Zeugen von der Gemeinschaft mit Gott erhebt, die die Geschichte je gekannt hat.

 

25.   Wen hab' ich im Himmel [außer dir]?

Und neben dir hab' ich kein Verlangen auf Erden!

Luther hat zum Trost von ungezählten Kindern Gottes aus eigener Glaubenserfahrung diesen Vers in die wundervollen Worte gefaßt:

26.   Wenn ich nur dich habe,

so frage ich nichts nach Himmel und Erde!

 

Über diese Wertschäzung der Gemeinschaft mit Gott ist — außer Jesus — bis heute noch kein Mensch hinausgekommen. So spricht nur eines Menschen Glaube, der in ihr „das einzige, das ganze Leben erfüllende Gut, nicht nur höchstes Gut neben anderen Gütern" gefunden hat. Ob Erde, ob Himmel, ob Gegenwärtiges, ob Zukünftiges für ihn besteht das Höchste nicht mehr im Besitz einer Sache, sondern in der Gemeinschaft mit der Person. Was Himmel und Erde auch alles an Herrlichkeiten, an Segnungen, an Reichtümern, an Kostbarkeiten und Wonnen bieten mögen, arm und heimatlos würde alles seine Seele lassen, wenn sie in allem die Gemeinschaft mit Gott nicht fände. Das ist mehr als nur Sehnsucht nach Himmel und Vollendung. Der Sänger pflegte hinfort nicht Gemeinschaft mit Gott, um einst in den Himmel zu kommen, er pflegte sie, weil es für ihn weder im Himmel noch auf Erden etwas Höheres und Köstlicheres geben konnte.

Nun macht ihm auch sein eigener Leidensweg keine inneren Nöte mehr. Nicht daß er sich berauschte an der Glaubensschau, die ihm geworden war, oder daß er sich in seelischer Stimmung über seine schweren Lebenswege hinwegtäuschte. Sein Weg blieb im Vergleich zu dem so vieler Gottloser dunkel und einsam wie zuvor. Die Gemeinschaft mit Gott hebt die Leiden des Lebens nicht auf, aber überwindet sie, täuscht nicht über sie hinweg, sondern macht sie zur Grundlage, täglich neu Gottes Tröstungen und Kräfte zu erwarten. Mag auch das Schwerste eintreten, er weiß sich nicht dem Schicksal des Leides und des Todes preisgegeben:

 

26.   Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten,

so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Tros

und mein Teil.

 

Wie später Jesus einmal zu Petrus auf sein Christusbekenntnis hin sagte: „Simon, Jonas Sohn, Fleisch und Blut haben dir das nicht geoffenbart", so muß dasselbe gesagt werden von der Wucht und der Lebensmächtigkeit des Glaubensbekenntnisses unseres Psalmisten. Und sein „Dennoch des Glaubens" ist bis heute durch die Geschichte derer gerechtfertigt worden, die wie er in der Gemeinschaft mit Gott das Gut ihres Lebens fanden.

Über den Ausgang der Gottlosen ist er nicht mehr im Zweifel. Er wird bestimmt durch den Tod, den ihr Leben in sich trägt. In ihrem Leben, Genießen, Trachten liegt verhüllt bereits das Gericht.

 

27.   Denn siehe, die von dir sich entfernen, kommen um, du vertilgst den, der treulos dir wird.

 

Wenn das Wahrheit ist, daß allein in der Glaubensgemeinschaft mit Gott das Leben ist, so wird das Leben ohne Gott vom Tode beherrscht. Wer den Weg der Gottesverächter geht, muß erfahren, daß der Abstand zwischen ihnen und dem einzigen, wahren Glück nur noch immer größer wird. Von sich bekennt der Psalmist aber noch einmal in unzweideutiger Klarheit:

 

28.   Mir aber - mir ist Gottes Nähe köstlich,

ich setze meine Zuversicht auf Gott den HErrn;

 

Mit dieser Wertschätzung der Gemeinschaft mit Gott läßt er sein Glaubensbekenntnis ausklingen. Tausende von Jahren sind darüber vergangen, seine Töne sind aber noch nicht verklungen. Unzählige Werte sind durch die Vergangenheit vernichtet und begraben worden, des Sängers Hohelied von der Gottesgemeinschaft überdauert die Zeiten. Es ist aus der Ewigkeit geboren, daher gehört es den Ewigkeiten. Gesegnet waren daher stets jene dunklen Zeiten, die der Welt solche Männer schenkten! Sie wurden die Träger einer neuen Geschichte, denn das ist das Verheißungsvolle solcher dunklen Zeiten mit ihren schweren Glaubensnöten und Seelenkonflikten, daß unter ihren Wehen stets jenes Licht geboren wurde, das kommenden Geschlechtern neue Einblicke in die unendlichen Heilspläne Gottes zu geben vermochte. Durch das Leben solcher Glaubenden würbe verwirklicht, was der Sänger sich vorgenommen: „Alle deine Taten will ich erzählen!" Die von ihnen erlebten Gottestaten wurden jene großen Zeugnisse in der Geschichte, die später so gewaltig von dem gerechten Walten und Wirken Gottes redeten.

 

Anmerkungen zu Psalm 73

 

1) Dem Leviten Asaph, der nach dem Bericht der Chronik unter David an der Spitze der Tempelmusik stand, werden die Palmen 50, 73-83 zugeschrieben. Die meisten gehören zweifellos aber der nachexilischen Zeit an, wie das auch aus dem Inhalt des 73. Psalms hervorgeht. Andere fallen mehr in die Zeit der vorexilischen Propheten.

2) Andere übersetzen „ihre Kraft" oder „ihre Stärke".

3) Der hebr. Text ist stark verderbt. Wörtlich würde es heißen: „Es treten hervor aus Fett ihre Augen." Heinrich Wiese übersetzt: „Ihr Auge tritt aus Fett hervor, es laufen über ihres Herzens Gedanken."

4) Wörtlich übersetzt: „Ihre Zunge ergeht sich auf Erden."

5) Obgleich manche bei den Worten „Heiligtümer Gottes" an den Tempel denken, in welchem der Dichter seine Orientierung suchte, so dürfen wir mit Hitzig wohl richtiger die „Geheimnisse Gottes" (griech. : mysteria theou) oder mit Ehrlich „die heiligen Pläne Gottes" annehmen.

6) Vgl. IV. Buch Esra in den „Apokryphen und Pseudoepigraphen des Alten Testaments". Übersetzt von E. Kautzsch, Tübingen 1900.

7) M. Löhe, Seelenkämpfe und Glaubensnöte vor 2000 Jahren. Religionsgeschichtliche Volksbücher, Tübingen 1906.

8) „Das Ganze bildet", sagt Ehrlich in seinem Psalmenkommentar S. 171, „die im vorherg. erwähnte freche Rede der Gottlosen, die bis an den Himmel sich versteigt. Israels Gott, sagen sie, sei es, der es in solche dürftige Lage gebracht, daß es nicht einmal Wasser genug hat, geschweige denn Brot - welcher Gegensatz zu ihrer eigenen Lage, die nach V. 7 ihnen erlaubt, mehr als das Beste des Landes zu haben, und all diese Herrlichkeit, weil sie sich eben von diesem Gotte losgesagt hätten!"

9) Ludwig Albrecht, Die Psalmen in die Sprache der Gegenwatt übersetzt und kurz erläutert. Gotha 1927.

10) Erst in der prophetischen und nachexilischen Zeit gewann das israelitisch-jüdische Volk mehr und mehr eine klarere Vorstellung vom Zustande der Menschen nach dem Tode. Man vgl. die einschlägige Literatur über die Religion und Geschichte des israelitisch=jüdischen Volkes.

 

10. Des Glaubens Pilgerlied   Psalm 84

Psalm 84

Überschrift: Dem Musikmeister bei den Keltern1). Von den Söhnen Korahs. Ein Psalm

2. Wie lieblich ist deine Wohnung, HErr der Heerscharen2)!

3. Meine Seele sehnte sich, ja schmachtete nach den Vorhöfen des HErrn. Nun jubeln3) mein Herz und mein Leib dem lebendigen Gotte zu.

4. Auch der Sperling hat ein Haus gefunden und die Wildtaube ein Nest4), wo sie ihre Jungen birgt: Deine Altäre, HErr der Heerscharen, mein König und mein Gott!

5. Heil denen, die in deinem Hause wohnen, die beständig5) dich preisen! Sela.

6. Heil dem, der seine Stärke in dir findet, wenn sein Herz auf Wallfahrten6) sinnt.

7. Wandeln sie durchs Baka=Tal7), zum Ouellort macht Er8) es,

ja, der Frühregen hüllt es in Segen.

8. Sie schreiten von Kraft zu Kraft9), bis vor Gott sie erscheinen in Zion.

9. O HErr, Gott der Heerscharen, hör' mein Gebet; vernimm es, du Gott Jakobs! Sela.

10. Du unser Schild, schau her, o Gott,

und blick auf das Antlitz deines Gesalbten Sela!

11. Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Lieber kauern an der Schwelle im Hause meines Gottes

als wohnen in den Zelten des Frevels.

12. Denn Zinne und Schild ist der HErr, unser Gott,

Gnade und Ehre verleiht er.

Der HErr versagt nicht Gutes denen, die rechtschaffen wandeln. 13. HErr der Heerscharen! Heil dem Mann10), der dir vertraut!

 

Jede große Zeit in der Geschichte schuf sich ihr Lied. Auch der 84. Psalm ist aus besonderen Verhältnissen heraus entstanden. Wir haben ihm, seinem Inhalt entsprechend, die Überschrift gegeben: Des Glaubens Pilgerlied. Denn er gehört mit zu jener Gruppe von Psalmen, die von den Festpilgern auf ihrer Reise hinauf gen Jerusalem gesungen wur­den. Man kann zwar nicht mehr feststellen, ob er aus der Mitte jener Kreise entstanden ist, die aus den Provinzen und Grenzgebieten des Heiligen Landes alljährlich gen Jerusalem zur Anbetung hinaufzogen, oder ob er nicht vielmehr der Ausdruck jener zerstreut unter den Völkern wohnenden Juden ist, die, aus der Ferne und Fremde kommend, alle Schwierigkeiten einer langen Pilgerreife überwanden und es sich nicht nehmen ließen, an den großen Festen mit ihren Brüdern zusammen an heiliger Stätte den Gott ihrer Väter anzubeten!11). Wahrscheinlich ist er aus diesen Kreisen hervorgegangen. Denn sowohl die tiefe Sehnsucht, sodann die jubelnde Freude und auch die ganze Beschreibung des Weges lassen auf Seelenerlebnisse schließen, wie sie in dieser Tiefe und Kraft erst in einem frommen Juden „aus der Zerstreuung" (Diaspora) gedacht werden können.

 

I. Gestillte  Sehnsucht (Vers 2 — 4)

I. Das kommt zunächst einmal in der ergreifenden Schilderung der gestillte  Sehnsucht zum Ausdruck, wie sie im ersten Teil dieses Psalms vor uns liegt (Vers 2 — 4).

2. Wie lieblich, ist deine Wohnung, HErr der Heerscharen! so beginnt der alttestamentliche Sänger sein Lied. Man muß sich in die Seelenstimmung eines solchen frommen Diaspora=Juden hineinversetzen, und man wird seine Sehnsucht nach dem Höchsten, das seine Seele kannte, Verstehen. So sehr er sich in der Fremde auch gesegnet sah, so sehr er auch verstanden hatte, sich daselbst eine Existenz und eine Zukunft zu sichern, wirklich zu Hause war er dort doch nie geworden. Er konnte es nicht werden. Denn was ihn in der Fremde umgab, entsprach so wenig seinem Innersten Bedürfnis und Verlangen, daß kein Land ihm wirklich zu einer inneren Heimat werden konnte. Selbst da, wo man ihm äußerlich auch das Bürgerrecht einräumte, blieb er innerlich dennoch ein Fremdling. Wohl fand er daselbst Kultur und Reichtum, wohl erschloß sich ihm daselbst Glanz und Wissen, aber seinen Gott fand er nicht.

Was ihm in dem heiligen Kultus der Griechen und Römer, der Assyrer und Babylonier, der Ägypter und sonstiger Völker auch als Gottesverehrung und Gottesnähe entgegentrat, unmöglich konnte es ihm Ersatzbieten für jene Gottesgemeinschaft und Gottesanbetung, nach der sich seine Seele sehnte. Welchen Gottheiten er auch immer in der Fremde begegnete, nie konnten diese Götter ihm Ersatz sein für den Gott, den seine Väter so wunderbar als den allein wahren und lebendigen Gott, als den Gott ihrer Geschichte, als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs erlebt hatten. Und ganz unmöglich konnte der religiöse Aberglaube und das lasterhafte Kultleben dieser Völker ihm Ersatz bieten für die Sittlichkeit, die seine Seele in dem heiligen Gesetz und in den großen Propheten seines Volkes gefunden hatte. Daher konnte auch kein Land dem frommen Juden innerlich zur Heimat werden. Er blieb ein Fremdling und Pilgrim außerhalb des Landes seiner Väter auf jedem Boden. Er sprach daher mit den Worten:

3. Meine Seele sehnte sich, ja schmachtete nach den Vorhöfen des HErrn. Nun jubeln mein Herz und mein Leib dem lebendigen Gotte zu

eines der tiefsten Seelenerlebnisse aus, die er in der Fremde innerlich durchlebt hatte.

Wenn nun die einzelnen Karawanen von Festpilgern sich auf dem Wege gen Jerusalem zusammenfanden, die alle innerlich dasselbe durchlitten hatten und alle der einen Sehnsucht voll waren, vor Gott in Zion zu erscheinen — wenn dann endlich, endlich nach mühevoller Wanderschaft die ersten Zinnen der heiligen Gottesstadt in Sicht traten — dann kann man verstehen, welch einen Jubel das in der Seele dieser Festpilger auslöste. Je näher man nun der heiligen Stadt kam, je mehr das ganze Heiligtum in seiner Ausdehnung und Herrlichkeit zu überblicken war, desto lauter jauchzte die fromme Pilgerschar:

2. Wie lieblich ist deine Wohnung, HErr der Heerscharen!

Hatte man dann erst das Ziel seiner Sehnsucht erreicht, stand man endlich vor den Altären Gottes, dann empfand man, daß man einem Vogel gleiche, der zurück zu seinem Haus gefunden, einer Wildtaube, die wußte, wo sie ihre junge Brut wieder bergen könne. Kehrt doch der Vogel jährlich zu demselben Hause, ja zu demselben Neste zurück, es zieht ihn die Sehnsucht und läßt ihn dieselben Stätten finden, wo er sein Liebstes gezeugt und geboren, gehegt, geschützt und gepflegt hatte. So zog es auch die Festpilger zu den Altären des Heiligtums hin, in denen sie die Geburts= und Pflegestätten alles dessen sahen, was sie geistig und sittlich an Großem und Edlem empfangen hatten. Mithin bekundete das Pilgern der Frommen gen Jerusalem jene heilige Sehnsucht, daß in ihnen durch den an den Altären gepflegten Umgang mit Gott neues Leben geweckt und gepflegt werden möchte. Denn alle Gleichnisse vom Vogel und von seinen Jungen, vom Nest und von den Altären des Herrn waren ja nur Bilder für jene Ruhe, die die Seele des Gerechten so oft in der Gegenwart Gottes gefunden hatte und wiederzufinden suchte.

Denn nicht etwa der Tempel und die Altäre als solche waren es, die seine Sehnsucht gefüllt hatten. Es war die Nähe und die Gegenwart des lebendigen Gottes. An den Altären vollzog sich nur der äußerliche Verkehr, den man innerlich mit dem Allmächtigen, der im Allerheiligsten des Tempels zeltete, pflegte. Hier brachte man seine Opfer und Anbetung dar und schüttete sein Herz vor dem HErrn aus. Hier erlebte die anbetende Schar die Nähe Gottes, daher jubelte auch ihre Seele:

4. Auch der Sperling hat ein Haus gefunden                                           und die Wildtaube ein Nest, wo sie ihre Jungen birgt: Deine Altäre, HErr der Heerscharen, mein König und mein Gott!

Das ist Glaubenssehnsucht und Glaubensheimweh aus längst verflossenen Vergangenheiten. Sie leben aber fort in ungeschwächter Kraft auch in unserer Seele. In der Geschichte der Brüdergemeine hat dieses  Wort bei Gründung von Herrnhut seine besondere Bedeutung gehabt; dieses Wort war der Grundstein. Wer sich auch in unseren Tagen wieder als ein Fremdging auf Erden weiß, weil er sich seines Bürgerrechtes im Himmel durch Gottes Gnade bewußt ist (Phil. 3,20), der versteht jene Sprache der Sehnsucht. Denn wer wirklich von oben geboren ist, kann hier unten nie mehr dauernd heimisch werden. Nicht weil die Welt an sich nicht Raum für die Nähe Gottes hätte, sondern weil hier zunächst ein Leben und eine Gesinnung, Grundsätze und Anschauungen, Bestimmungen und Machtverhältnisse die Herrschaft haben, die ihrem innersten Wesen nach der Herrschaft Gottes völlig fremd sind12).

Aber nicht allein darin wirkt sich die Sehnsucht der Gerechten aus, daß sie auf ihr letztes Ziel, auf die Heimkehr in die obere Heimat gerichtet ist. Menschen, die dem Umgang mit Gott die Kraft und den Inhalt ihres Lebens verdanken, sehnen sich mitten in ihrer Alltäglichkeit, in ihrem Kampf mit Sünde und Schuld, in ihrem Suchen nach Wahrheit und Gerechtigkeit, in ihrem Erdulden von Not und Leid, da zu weilen, wo Gott sich in seiner Gegenwart und mit den Kräften der ewigen Welt zu offen-baren vermag. Ob sie diese Stätte seiner Offenbarung in jenen zwei ober drei finden, die im Namen Jesu Christi zusammenkommen, oder in der großen Gemeinde, wenn sie sich zu ihren Gottesdiensten, Konferenzen oder Festfeiern versammelt, sie möchten Anteil nehmen an dem Leben, das sich von Gott her in der Gemeinschaft der Heiligen auswirkt. Hier finden sie jenen zweiten Lebensraum in der Geschichte, wo Gott in seinem Geiste weilen, durch sein Wort sprechen, durch seine Gegenwart segnen, stärken und trösten kann.

Zwar ist auch die Welt nicht religionslos. Sie war es nie und wird es auch nie sein. Sie ist aber ohne Gemeinschaft mit Gott. Das macht aber einer Seele, die aus Gott geboren, diese Welt trotz ihres bewegten Lebens und ihrer geistigen Strömungen und ihrer vielen Idole zur Fremde. Daher sehnt sie sich in der Welt nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Sie möchte zu Ihm zurück, der ihr allein Ruhe und Heimat sein kann. In ihr klingt trotz aller Irrungen wider, was G. Scherer so schön mit den Worten besingt:

„Schied auch die Muschel lange schon vom Meer, das ihre Heimat war, in ihrer Tiefe rauscht ein Ton wie Meeresheimweh immerdar!"

Mit allen wahren Jesusjüngern weiß daher jeder Glaubende sich eins in der Sehnsucht des Apostels Paulus nach dem Offenbarwerden der Söhne Gottes (vgl. Röm. 8,19 ff.) und versteht ihn in seinem Geiste, wenn er an die Gläubigen in Kolossä schreibt: „Darum, wenn ihr mit Christus auferweckt seid, so sucht das, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur rechten Gottes" (Kol. 3,1).

Denn ob gegenwärtig oder zukünftig, Heimat der Seele kann nur ein Leben sein, das auf göttlichen Grundlagen ruht und von göttlicher Liebe beherrscht und genährt wird. Jesusjünger können sich nur in einem Jesusleben und unter einer Jesusherrschaft zu Hause fühlen. Daß unter dieser Sehnsucht der Kirche Christi und ihrer Glieder, nicht eine mönchische Weltflucht oder schwärmerische Kulturverachtung oder schlechthin eine Verleugnung des eigenen Volkstums zu verstehen ist, geht ungemein klar aus dem Gesamtinhalt der biblischen Offenbarung hervor. Es muß vielmehr festgestellt werden, daß gerade jene Persönlichkeiten, die in ihrem Leben am stärksten um einen bewußten Umgang mit Gott rangen, am treuesten auch ihrem Volke und seiner Kultur, ihrem Staate und seinem Aufbau dienten. Völker, die sich am stärksten unter den Einfluß der göttlichen Offenbarung stellten, haben stets am meisten dazu beigetragen, daß auch die Welt aus barbarischen Sitten und Zuständen in gerechtere Ordnungen und Verhältnisse geführt wurde. Was ihnen die Welt aber oft so fremd werden läßt, das ist der Geist, von dem sie als Schöpfung Gottes beherrscht wird. Je weniger ein Zeitalter Raum hatte für den Geist Jesu Christi, desto lauter rief die Kirche in ihrer Sehnsucht: „Sein Reich komme!" „Dein Wille geschehe auch auf Erden, wie er geschieht in den Himmeln!"

 

II. Bleibende Gemeinschaft ( v. 5)

II. Nach dem Jubel über die Sehnsucht, die an den Altären des Herrn endlich gestillt worden ist, preist das Pilgerlied nun weiter die bleibende Gemeinschaft, die jene erleben dürfen, die dauernd im Hause Gottes „wohnen". Dies waren offenbar die Priester, die in heiliger Ordnung und Ablösung ununterbrochen Priesterdienst im Heiligtum pflegten. Wenn es bereits soviel Freude bringt, so sagte sich der Festpilger, vorübergehend hier an den Altären dem HErrn zu begegnen, was müssen dann erst jene erleben, die im Heiligtum wohnen, die unaufhörlichen Priesterdienst vor dem Angesichte des Allmächtigen pflegen dürfen! Daher singt er:

5. Heil denen, die in deinem Hause wohnen, die beständig dich preisen!

Auch dies sind Töne, die wunderbar im Innern aller Glaubenden widerklingen. So sehr sie sich einst in ihrer Schuld und Gebundenheit sehnten nach einer Zuflucht zu Gott, so sehr sehnen sie sich jetzt  nach einer bleibenden Gemeinschaft mit Gott: nach einem Zustand, wo der Umgang mit Gott nicht nur etwas Festliches oder nur Sonntägliches ist, sondern eine Wirklichkeit wird, die durch kein Alltagsleben, durch keine Pflichten und Berufsaufgaben, durch keine Einsamkeit und Entbehrungen unterbrochen werden kann.

Durch die Erfahrungen, die sie gemacht haben, durch die Enttäuschungen, die sie erlebten, durch die Niederlagen, die sie kennen lernten, ist es ihnen zum Bewußtsein gekommen, daß sie nur dann dauernd glücklich sein können, wenn sie in jener Gemeinschaft mit dem Vater bleiben, in die sie durch die Tat Gottes hineinversetzt worden sind. Und sie wissen, daß es solch eine bleibende Gemeinschaft, solch ein Wohnen im Hause Gottes gibt, daß ihre Sehnsucht Erfüllung werden kann. Denn Petrus schreibt: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, auf daß ihr öffentlich verkündigt die Tugenden des, der euch aus Finsternis berufen hat zu einem wunderbaren Licht" (1. Petr. 2,9 ff.).

Auf neutestamentlichem Boden ist somit auch das kleinste und schwächste Glied der großen Gottesfamilie berufen zu einem „Wohnen im Hause des HErrn". Wer durch die Geburt von oben in die Familie Gottes hineingeboren, dem kann die im Wort verheißene Gemeinschaft im Vaterhause auch eine in der Erfahrung erlebte werden. Lieder wie das von Gerhard Tersteegen: „Gott ist gegenwärtig" bezeugen, wie stark und bewußt Glieder der Kirche Jesu Christi dies Bleiben im Hause des Herrn erlebt haben. Wie manchen Glaubenszeugen haben selbst Kerker und Verbannung dies Bleiben in Gottes Nähe nicht nehmen können.

III. Erfahrungen der Pilgerreise (V.6-8)

III. Nun wendet sich das Pilgerlied jenen Seelenkämpfen und Erlebnissen zu, die der einzelne Festpilger vor seinem Aufbruch in der Fremde und auf dem Wege zur heiligen Stätte der Anbetung durchlebte. — Es besingt die Erfahrungen der Pilgerreise mit den Worten:

6. Heil dem, der seine Stärke in dir findet, wenn sein Herz auf Wallfahrten sinnt.

Nach dem Zeugnis eines jüdischen Schriftgelehrten namens Aben Esra mußten die Wallfahrten zu den drei großen Festen in Jerusalem von den Männern und Festpilgern zu Fuß zurückgelegt werden. Man schloß sich mit seinem Lasttier, wenn man ein solches mitführte, an andere Festpilger an, bildete mit ihnen zusammen eine Karawane oder Pilgergruppe und zog so zur heiligen Stätte. Ob man nun aus den nördlichen Städten Kleinasiens oder aus den Provinzen Syriens kam, oder ob man seine Reise aus den Niederungen der Stromgebiete des Euphrat und Tigris antrat, oder ob man vom Süden her aus den reichen Kolonien der Nilheimat zu der heiligen Gottesstadt im Lande Juda zog, immer waren diese Pilgerreisen für den einzelnen mit einem großen Kraftaufwand und mit manchen Fährlichkeiten verbunden. Sie waren nicht leicht zu nehmen, besonders nicht für die Schwächlichen und Jugendlichen, und alle Bedenken mußten zuvor innerlich im Glauben überwunden werden.

Nun aber, am Ziel der Sehnsucht, angesichts der Wohnung des HErrn, preist das Lied jene glücklich, die sich durch keine Beschwerden und Nöte von der Wallfahrt zur heiligen Stätte abhalten ließen. Sie hatten in Gott ihre Stärke gefunden und so lange in ihrem Herzen auf die Ausführung der Pilgerreise gesonnen, bis diese ihre Erfüllung finden konnte. Ein starkes Zeugnis von der Kraft des Glaubens, wie man einst im Aufblick zum HErrn alle Bedenken überwand und zu Entschlüssen und Handlungen fähig wurde, die Seele das finden zu lassen, was ihr das Köstlichste und Heiligste auf Erben war! Das lag aber im Wesen das Glaubens zu allen Zeiten. Er stellte sich auf den Boden der Kraft Gottes und überwand die Welt, die zwischen dem Menschen und dem Ziel seiner tiefsten Sehnsucht lag. Eine Seele, die die Quelle ihrer Kraft in Gott gefunden hat, wird mithin immer wieder jene Welt überwinden, die sich ihr auf dem Wege zu Gott und in ihrer Gemeinschaft mit Gott als ein Hindernis entgegenzustellen suchte.

Nun wendet sich das Lied dem Wege selbst zu und bezeugt:

7. Wandeln sie durchs Baka-Tal, zum Quellort macht Er es, ja, der Frühregen hüllt es in Segen.

Die alten Übersetzungen deuten alle das Baka=Tal bildlich. Sie übersetzen es mit „Tränen= ober Jammertal". Daß der Ausdruck „Baka=Tal" Eigenname war und mit demselben ein ganz bestimmtes Tal bezeichnet werden sollte, kann mit Sicherheit wohl nicht festgestellt werden. Da die Baka=Staude eine Art Balsampflanze ist, die nur auf dürrem Boden wächst, so ist aber anzunehmen, daß mit den Baka=Tälern ganz allgemein jene öden Gegenden bezeichnet werden sollten, die besonders der vom Süden kommende Festpilger auf seinem Wege zur Stätte seiner Sehn-sucht zu durchpilgern hatte. Diese Täler waren nicht ohne Grund für alle Pilger ein Gegenstand der Furcht. In ihnen fehlten alle natürlichen Vorbedingungen für die Erfrischung und Erquickung der müden Wallfahrer.

Jedoch der Psalmist will offenbar sagen: wenn auch solche öden Baka=Täler auf dem Wege nach dem Heiligtum in Zion liegen mögen, werden sie von denen durchschritten, die ihrem Gott begegnen wollen, dann macht der HErr sie zu einem Quellort. Der Text unserer heutigen hebräischen Bibelausgaben hat zwar: so machen „sie" es zu einem Quellort. Es gibt jedoch einige alte Handschriften, die das Zeitwort „machen" nicht in der Mehrzahl, sondern in der Einzahl gebrauchen und es „Gott" zuschreiben, daß Er das Baka-Tal zu einem Quellort macht.

Da auch die griechische Übersetzung „macht" liest, so ist wohl anzunehmen, daß in der Annahme, daß Gott das Beka-Tal zu einem Quellort macht, der ursprüngliche Sinn erhalten geblieben ist. Nicht sich traute der Glaube des jüdischen Volkes das Vermögen zu, das Baka-Tal zu einem Quellort machen zu können, wohl aber seinem Gott. Der Gott, der sich in den Zeiten Abrahams als der Allmächtige erwies und der Sarah in ihren alten Tagen in dem Isaak ein Lachen bereitete, der Gott, der Ägyptens Ketten sprengte und sein gefangenes Volk mit mächtiger Hand aus der Knechtschaft in die Freiheit führte, der Gott, der das junge Volk in die Abhängigkeit von seiner gnadenvollen Gegenwart erhob, es am Tage durch die Wolkensäule und nachts durch die Feuersäule leitete, der trockene Pfade durch Wasserfluten und gebahnte Wege durch Wüsten gab, der Gott vermag auch solche Baka-Täler für seine Pilger zum Quellort zu machen.

Denn Gott ist es ein Geringes, den Frühregen zu senden, der das Tal in kürzester Frist in Segen zu hüllen vermag. Und anstatt eines Baka-Tales findet der Pilger alsdann fließende Wasserbäche und erfrischendes Grün auch auf dürrem Boden. Sollte obige Annahme den Tatsachen entsprechen, so ist es nicht schwer, in den Baka-Tälern ein wunderbares Bild von dem Glaubensweg der Gerechten aller Zeiten zu sehen. Zu jeder Zeit führte der Weg zum Vaterhause durch manche Wüste. Wer das Leben mit seinen äußeren und inneren Kämpfen, mit seinen Enttäuschungen und Entbehrungen, mit seinen Ungerechtigkeiten und Bedrückungen, mit seiner Kälte und Rücksichtslosigkeit, mit seinen Nöten und Leiden kennt, der weiß, wie öde solch ein Baka-Tal sein kann. Wie manches Baka-Tal ist öde und schaurig genug, um den Menschen in seinem Ringen und Warten zusammenbrechen zu lassen, wenn Gott es nicht auch für ihn zu einem Quellort machen würde.

Er aber vermag es. Man darf nicht fragen, wie er das machen wird, man vertraue ihm aber, daß er es kann (Röm. 8,28). Wie er es macht, daß unsere Tränen getrocknet, unsere Lücken ausgefüllt, unsere zusammengebrochenen Stützen ersetzt, unsere Leiden uns zur Segensquelle werden, das muß innerlich erlebt werden. Denn es gibt ein verklärtes Leid, und es gibt Tränen, aus denen der erlebte Trost Gottes glänzt. Wem Gott das Baka-Tal hat zum Quellort machen können, der erlebt Tröstungen und Erquickungen, so daß wahr wird:

8. Sie schreiten von Kraft  zu Kraft, bis vor Gott sie erscheinen in Zion.

Nicht gebrochen soll ihre Kraft in den Baka-Tälern werden, von Gott gestärkt, soll sie sich vielmehr verjüngen, daß man läuft und nicht matt, daß man wandelt und nicht müde wird. Ein Glaube, der auch in den Baka-Tälern des Lebens sich von Gott erquickt und gestärkt sieht, wird immer wieder die Welt überwinden, die zwischen ihm und seinem Gott liegt. Er wird das Ziel seiner Sehnsucht erreichen, Gott zu schauen in Zion. Luthers Übersetzung wird hier zu einer allen Glaubenden verständlichen Auslegung: „Sie erhalten einen Sieg nach dem andern, daß man sehen muß: der rechte Gott sei zu Zion."

IV. Das innige Gebet (V.9-13)

IV. Der letzte Teil des Psalms enthält nun noch das innige Gebet, das damals aus der Seele eines solchen zum Feste erschienenen Diaspora-Juden floß. Es war das, was damals als das Höchste seine Seele bewegte. Wahre Gebete sind immer zeitlich und sehr persönlich. Sie bewegen sich in der Regel nicht in Allgemeinheiten, sondern in dem, was die Seele augenblicklich ersehnt und erleidet, augenblicklich drückt und bewegt. Hier bewegte die Festpilger vornehmlich das Wohl des Volkes und seines Gesalbten:

 

9. O HErr, Gott der Heerscharen, hör' mein Gebet; vernimm es, du Gott Jakobs!

10. Du unser Schild, schau her, o Gott, und blick' auf das Antlitz deines Gesalbten!

Wen verstand man aber unter dem Gesalbten? Auf diese Frage ist von den Auslegern sehr verschieden geantwortet worden. Einige nehmen an, daß darunter der Hohepriester zu verstehen sei; andere glauben, daß dem Sänger das israelitische Volk in seiner Gesamtheit, wie z. B. der Prophet Habakuk von ihm spricht, als der „Gesalbte" gegolten habe (Kap. 3,13). Am wahrscheinlichsten aber bleibt wohl, daß mit dem Gesalbten der König verstanden wurde. Dieser war der von Gott berufene Vertreter des Volkes. Für ihn erflehte man nun den gnädigen Anblick des Allmächtigen. Ruht das Auge Gottes mit Wohlgefallen auf dem Gesalbten, dann muß es mit ihm auch dem ganzen Lande wohlergehen. Mit dem Königswohl war auch das Volkswohl aufs engste verbunden. Das Gebet für den Gesalbten war mithin zugleich auch ein Gebet für das ganze Volk.

In diesem Flehen der Pilgergemeinde lag ein ungemein starkes Bekenntnis zu jener Volks- und Glaubensgemeinschaft, mit der sie sich durch natürliche Blutsbande und durch den Geist der göttlichen Offenbarung verbunden wußte. Keine Fremde, keine Zeiten, Entfernungen hatten ihr diese innere Haltung nehmen können. Sehr treffend ist daher die Bemerkung eines neueren Auslegers, wenn er zu diesen Versen schreibt: „Glaube und Heimat gehören für den Beter zusammen, darum ist ihm ein Tag im Tempel mehr wert als tausend andere; lieber im Sonnenbrand an der Schwelle des Gotteshauses flehen wie ein Bettler, als im kühlen Schatten der Zelte wohnen bei den gottlosen Heiden! In der Fremde fühlt er sich einsam, ein Fremder unter Fremden, hier ist jeder Schritt heimatlicher Boden, der ihn in die Gemeinschaft hineinstellt mit seinem Volk, seinem Glauben, seinem Gott. Der Dichter weiß etwas von jenen geheimnisvollen urgründigen Zusammenhängen zwischen Heimaterde, Volkstum und Glaubensgemeinschaft, die wir nicht abtun können mit dem Bemerken, es sei eine Beschränkung und Verquickung der Religion mit irdischen Dingen; sie sind der gottgewollte Wurzelboden jeglicher menschlichen Existenz und darum auch nicht ohne Bedeutung für den Glauben13)."

Allein von dieser Glaubenshaltung aus ist mithin verständlich, wenn die betende Gemeinde bekennt:

11. Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Lieber kauern an der Schwelle im Hause meines Gottes als wohnen in den Zelten des Frevels.

Dem Volke war zwar das Betreten des Inneren vom alttestamentlichen Heiligtum verboten. Es durfte nur bis zur Schwelle des Heiligtums nahen. Das Weilen an der Schwelle des Heiligtums bietet aber dem Pilger unendlich mehr als das Wohnen in den reichen Zelten der Fremden. In diesen gab es nichts, was den Segen ersetzen ober aufwiegen konnte, der sich ihm neu im Umgang mit Gott und in der Gemeinschaft mit einer opfernden und anbetenden Festgemeinde erschlossen hatte. Der innere Ertrag eines einzigen Tages in den Vorhöfen des Tempels ist unvergleichlich höher als aller Gewinn, der in der Welt im Geiste der Frevler gewonnen werden könnte. Denn Ewigkeitswert hatten zu allen Zeiten nur jene Güter, die im Umgang mit Gott gewonnen wurden.

Unmöglich konnte aber das Heiligtum zu Jerusalem die Tausende von Festpilgern fFesthalten. Beruf und Pflicht führten die Gekommenen nach der gepflegten Glaubensgemeinschaft wieder zurück in die Fremde. Sie gehen in dieselbe wieder zurück, aber nicht ohne Gewinn für die Zukunft. Wie stark sie eine neue Glaubenszuversicht zu Gott gefunden haben, bezeugen sie mit den Worten:

12. Denn Zinne und Schild ist der HErr, unser Gott, Gnade und Ehre verleiht er. Der HErr versagt nicht Gutes denen, die rechtschaffen wandeln.

Sie wissen, das Leben und der Dienst in der Fremde sind nicht ohne Gefahr. Die Zukunft birgt weiter Kämpfe und Prüfungen, Härten und Nöte in sich. Sie bleibt innerlich schwanger von Katastrophen und Gerichten, jeder Tag in ihr wird weiterhin mit einem Abend enden. Aber die Gerechten sind nicht ohne Hoffnung, sie wissen sich geborgen durch den Gott, der größer ist als alle Gefahren und Gerichte der Welt. Er bleibt ihnen auch in der Fremde die zinnengekrönte Burg, in die sie fliehen können, der Schild, der sie deckt vor den listigen Angriffen der Feinde. Nur diese Gewißheit konnte dem alttestamentlichen Frommen die Freude am Leben erhalten, das Leben auch in der Fremde lebenswert machen.

Mag der Inhalt und Aufbau des Psalmes anfänglich auch den Gedanken nahelegen, daß es dem frommen Pilger in seiner Sehnsucht doch letzthin nur sehr stark um den äußeren Kultus im Heiligtum zu Jerusalem gehe, so zeigt der Ausklang, daß es nicht der Kultus an sich ist, in dem der Glaube und die Sehnsucht ihre letzte Befriedigung fand. Die gottesdienstlichen Festfeiern zu Zion mit ihren kultischen Formen waren nur das zeitliche Strombett, in welchem dem Glauben die Wasser der Ewigkeit rauschten. Den Kultus mußte die Pilgergemeinde in Jerusalem zurücklassen, der Gott der Offenbarung aber, den sie im Kultus neu geschaut und in seiner Gegenwart erlebt hatte, zog mit ihr hinaus in die Fremde. Von Ihm erwartete sie, daß Er ihr auch in der Ferne nicht das Gute, d.h. die Segnungen versagen wird, in denen ihr Heil zu jeder Zeit allein liegen kann.

Noch einmal wendet sich der Lobgesang in einer Anrede an Gott selbst und preist jeden selig, der Ihm vertraut.

13. HErr der Heerscharen! Heil dem Mann, der dir vertraut!

Es ist, als ob die Gemeinde noch einmal in einem Satz zusammenfassen möchte, wer ihr Gott ist. Ihre Worte sind zu klein, um es ganz sagen zu können. Sie findet nur die Worte „Heil" und „Vertrauen".

Aber wieviel hat sie bis heute der Welt durch beides gesagt. Gott in seiner Offenbarung ist der Inbegriff alles Heils. Wem Er zum Quell des Lebens geworden, schöpft aus seiner Fülle Gnade um Gnade. Und Menschen, die auf Gottes Gnade und Offenbarung mit entsprechendem Vertrauen antworten, werden immer wieder aller Welt bezeugen, daß erst Gott ihrem Leben einen bleibenden Inhalt gegeben hat.

Alle anderen Werte enttäuschten. Sie führten den Menschen über ihren eigenen Ursprung nicht hinaus. Was hülfe es dem Menschen, sagte einst Jesus, wenn er auch die ganze Welt gewönne und nehme doch Schaden an seiner Seele. Wer auf der Welt Güter seine Hoffnung setzt, wird zum Sklaven ihrer Güter. Wer jedoch rechtschaffen, d.h. in einem richtigen Vertrauensverhältnis zu Gott wandelt, dem erschließt sich auch mitten in der Welt das Gute, das trotz aller Vergänglichkeit dennoch nicht vergeht. Er wird von Gott her mit Gnade und Ehre begnadet. Denn wem Gott das Leben zu Segnungen verwandeln kann, die zu Ihm selbst führen, dem erschließt sich die Ewigkeit bereits inmitten der Vergänglichkeit. Dieses Geheimnis eines von Gott begnadeten Lebens hatte sich bereits einer alttestamentlichen Gemeinde erschlossen. Sie preist daher jeden Menschen selig, der sein Vertrauen allein auf den HErrn setzt.

Wenn die alttestamentlichen  Gottesknechte, wie es auch in unserem Psalm geschieht, so stark das Gottvertrauen im Leben des Menschen betonen, so bezeichneten sie damit jenen Glauben, der die Welt überwindet. Solch ein Glaube fließt aber immer aus einer vorangegangenen erlebten Selbstoffenbarung Gottes. Sie ist die Quelle und Inhalt des Glaubens. Denn Vertrauen ist nicht eine geheimnisvolle Macht, durch die der Mensch die Konflikte und Widerwärtigkeiten des Lebens überwinden könnte. Wirklichkeit sowohl im Leben als auch in der Geschichte des Menschen kann immer wieder nur das werden, was auf der Grundlage des Gottgewollten und Gottgewirkten liegt. Gottvertrauen ist daher ein freiwilliges Einswerden mit Gott, ein Sicheinstellen auf Gottes Verheißung, auf Gottes Pläne und Absichten. Es ist die Antwort auf eine empfangene Offenbarung Gottes, der Widerklang des Herzens, sobald ein Ton aus der oberen Welt in ein menschliches Leben fällt. So können wir alle Entscheidungen und Schritte der alttestamentlichen Glaubenszeugen, die einst durch ihr Gottvertrauen die damalige Welt überwanden, an unserem Geiste vorüberziehen lassen, und bei allen werden wir finden, daß ihr Glaube immer aus einer erlebten Selbstoffenbarung Gottes floß. Die Wege und Mittel, die Gott benutzte, um sich dem Menschen zu offenbaren, waren vielfach sehr verschieden. Ob aber Volk, ob Priester, ob Prophet, ob alttestamentliche oder neutestamentliche Gemeinde: wahres Gottvertrauen hatte zu allen Zeiten in Gott seine Quelle, aus der es seine Kraft, sein Handeln, seine Richtung und seine Ziele Schöpfte.

Anmerkungen zu Psalm 84

1) Vgl. Ps. 8, Anm. 1, und Ps. 46, Anm. 1.

2) Von den L X X  werden die Worte „HErr der Heerscharen" immer mit „HErr der Mächte" (griech.: kyrios tön dynameön) übersetzt. Offenbar sah man in Jahve aber nicht so sehr den unsichtbaren Führer der Heere Israels, als vielmehr den Herrn der himmlischen Mächte.

3) Wir haben, wie auch die meisten Ausleger, das hebr. Wort mit „zujubeln, zujauchzen" übersetzt.

4) Noch heute gestatten die Mohammedaner den Vögeln, bei der Kaaba in Mekka und in anderen Moscheen zu nisten; ähnliches kann man in unseren Großstädten beobachten.

5) Von den L X X wird das hebr. Wort mit „von Äonen zu Äonen" übersetzt. Nach Fr. Baethgen besagt das Wort jedoch nur, daß das Halleluja auch weiterhin anhalten soll.

6) Wenn wir die hebr. Textworte mit „wenn sein Herz auf Wallfahrten sinnt" wiedergegeben haben, so scheint es uns aus dem ganzen Zusammenhang der eigentliche Sinn des Textes zu sein. Man hat das Wort „Hochstraßen" nur bildlich verstehen wollen und sie als „Wege Gottes, d. h. als seine Anforderungen" gedeutet, was aber nicht dem Zusammenhang des ganzen Textes entspricht. Es   handelt sich hier um Festreisen nach Jerusalem, und das Lied preist jene glücklich, die in ihrem Herzen über solche Pilgerfahrten sinnen.

7) Von den Alten wird Baka-Tal fast übereinstimmend als „Tal des Weinens" übersetzt und bildlich gebeutet. Es ist jedoch wohl das Tal der Bakastauden, einer Art Balsampflanzen, gemeint. Diese wuchsen vorwiegend in sehr dürren, wasserarmen Gegenden, und jeder Pilger wußte, wenn er solchen Bakastauden begegnete, daß er hier mit den Beschwerden einer ganz besonders öden Gegend zu rechnen hatte.

8) Der vorliegende hebr. Text heißt in der Übersetzung: „zum Quellort machen sie es". Einige alte Handschriften und die LX X haben jedoch statt des Plurals den Singular „Er macht es zum Quellort", was das Ursprüngliche zu sein scheint.

9) Manche neuere Kommentare übersetzen: „Sie ziehen von Mauer zu Mauer; geschaut wird Gott in Zion" - indem sie den hebr. Text anders vokalisieren. Fr. Baethgen bemerkt dazu: „Die Pilger scheinen, wie es noch heute im Orient vielfach Brauch ist, in ihren mitgebrachten Zelten vor der Mauer übernachtet zu haben." So sehr manches auch für die Übersetzung von „Mauer" spricht, der ganze Zusammenhang des Psalmes läßt jedoch die Übersetzung „von Kraft zu Kraft" als das Richtigere erscheinen. Auch die LXX haben: „Sie werden von Kraft zu Kraft gehen,"

10) Wörtlich: „Heil dem Mann", aber das hebr. Wort ist hier wohl kollektivische Bezeichnung jener Personen, die im Blick auf die Kraft des Herrn in der Fremde den Mut fanden, die Wallfahrt nach Jerusalem anzutreten.

11) Durch diese Festreisen wurde das Band zwischen der Diaspora und dem Mutterlande aufrechterhalten. Aus Philos Schriften geht hervor, daß es sich nicht um einzelne Wallfahrten handelte, sondern daß aus allen Weltgegenden „viele Tausende aus viel tausend Städten zu jedem Fests nach dem Tempel wallfahrteten, die einen zu Lande, die anderen zur See, aus Osten und Westen, Norden und Süden". Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes Bd. 3, S. 149.

12)Paulus schreibt Phil. 3,20: „Denn unsere Staatsbürgerrecht liegt im Himmel." Vgl. E. Preuschen, Handwörterbuch zum Griechischen Neuen Testament: „Und wir sind im Himmel zu Hause, woher wir als Retter den Herrn Jesus Christus erwarten", usw.

13) Artur Weiser, Die Psalmen S. 161. Göttingen 1935.

 

11. Des Glaubens Zuflucht für und für    Psalm 90

 

Psalm 90

Überschrift: Gebet von Mose, dem Manne Gottes

1.  O Herr, du warst uns Zuflucht von Geschlecht zu Geschlecht.

2. Bevor die Berge wurden, bevor du kreißen ließest Erde und Welt, bist du, Gott [der Allmächtige], von Ewigkeit zu Ewigkeit.

4.1) Denn tausend Jahre sind vor deinen Augen gleich einem Tag, der gestern [schnell] vergangen, gleich einer Wache in der Nacht.

3.   Zurückkehren läßt du den Menschen zum Staub,
du sprichst: Kehrt wieder, ihr Menschenkinder!

5.   Ihre Jahre läßt du dahinströmen; den sie sind gleich dem sprossende Gras:

6. Am Morgen geht es auf und wächst, am Abend welkt es und verdorrt

7. Denn wir vergeben durch deinen Zorn, ja, wir erschrecken vor deinem Grimm.

8. Unsere Missetaten stellst du vor dich, unsere geheimen Fehler ins Licht deines Angesichts.

9. So eilen all unsre Tage dahin, sie vergeben durch deinen Grimm, unsre Jahre entschwinden wie ein Gedanke,

10. Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, und was ihr Stolz war — ist Mühsal und Elend, denn es fähret schnell dahin — als flögen wir davon.

11. Doch wer erkennt die Wucht deines Zorns,und wer fürchtet sich vor deinem Grimm?

12. Lehre uns zählen unsere Tage, auf daß wir gewinnen ein weises Herz!

13. Kehre [doch] wieder, o HErr, — wie lange noch? - hab' Erbarmen mit deinen Knechten!

14.  Sättige uns frühe mit deinem Heil, daß wir jubeln und uns freu'n unser Leben lang.

15.  Gib uns Freude, wie du uns gebeugt — soviel Tage, soviel Jahre, wie Unglück wir sahen.

16. Laß deine Knechte dein Wirken sehen und ihre Söhne deine Herrlichkeit!

17. Die Huld des HErrn unseres Gottes, sie walte über uns.

Das Werk unserer Hände lasse gelingen,ja, HErr, fördere das Werk unserer Hände!

So redet nur ein Mensch, der das Leben in seinem Ernst und in seiner Härte gesehen. Denn aus dem Liede spricht in seltener Tiefe und Klarheit die Reife eines bewegten Lebens, die Frucht gewonnener Erkenntnis, der Segen einer reichen Erfahrung, das Ringen eines bewährten Glaubens. Zwei Welten hat der Sänger geschaut: Gott und seine Ewigkeit, den Menschen und sein Vergehen. Er zerbricht aber innerlich nicht an der Vergänglichkeit des Menschen. Die Grundhaltung seiner Seele ist nicht Mutlosigkeit. Nicht die Verzweiflung bestimmt sein Leben, er hat eine Haltung zum Leben gewonnen, die aus der lebendigen Hoffnung zu Gott geboren ist. Er weiß zwar, daß alles Unheil aus der Schuld fließt. Die Schuld ist ihm aber nicht größer als Gott. Die Zuflucht seiner Väter zu Gott enthüllte ihm, daß die Barmherzigkeit zu triumphieren vermag über das Gericht.

Es ist verständlich, daß im jüdischen Volke von alters her der Psalm als von M o s e s  geschrieben angesehen wurde. Man glaubte offenbar, daß nur ihr größter Prophet begnadet gewesen sein könne, solche Worte auf Grund seiner Lebens- und Glaubenserfahrungen zu schreiben. Seitdem lebte der Inhalt des Psalms als Gebet, Bekenntnis und Hoffnung auch über das jüdische Volk hinaus in allen denen fort, die eine verwandte Glaubenshaltung zu Gott inmitten der Vergänglichkeit ihres Lebens zu gewinnen vermochten. Was mithin dem Psalm einen ewigen Charakter gegeben hat, das ist die Ewigkeit, die einst ein Mensch im Ringen mit der Vergänglichkeit als Offenbarung Gottes erlebte. Wer auch immer zum erstenmal den Psalm in alten Zeiten gesungen hat, auch die Kirche Jesu Christi hat sich niemals geschämt, ihn zum Inhalt auch ihres Gebets zu machen.

I. Das Zeugnis der Geschichte (Vers l).

 In seinem Zusammenhang wird der Psalm von fünf großen Lebensfragen beherrscht. Zuerst redet er vom Zeugnis der Geschichte:

1. Herr, du warst uns Zuflucht von Geschlecht zu Geschlecht.

Der Psalmist lebte nicht geschichtslos. Er wußte von dem großen Gotterleben seiner Väter. Die Vergangenheit mit ihren vielen Ereignissen war ihm zu einer Zeugin von der Offenbarung Gottes geworden. Zu stark war das Erleben seines Volkes gewesen, um in demselben nicht Gott in seiner Antwort und Hilfe zu sehen. Wie die Väter einst ein Volk wurden und wie sie trotz aller Widerwärtigkeiten der Zeit und trotz aller Katastrophen der Geschichte dennoch ein Volk geblieben, dafür gab es für ihn nur die eine Lösung: Gott!

Also nicht vom Standpunkt der allgemeinen Geschichte aus sah er die Vergangenheit seines Volkes. Er bewunderte nicht die Kräfte, die in seinem Volke lagen, nicht die Stärke, durch welche es sich in der Geschichte behauptet hatte. Das einzig Große, das er im Geschichtsbilde seines Volkes fand, war, daß es stets in seinen Nöten seine Zuflucht zu Gott genommen hatte. Und Gott in seiner Allmacht und Huld hatte es nicht enttäuscht. Die Geschichte seines Volkes setzte sich ihm aus einer unnennbaren Fülle von Taten Gottes zusammen. Und entsprechend dem Handeln Gottes war das Vertrauen des Volkes gewachsen. Und so oft eine Antwort Gottes erfolgte, pries man Gott in seiner Offenbarung: Du warst uns Zuflucht von Geschlecht zu Geschlecht! Sobald dies Vertrauen zu Gott jedoch erlosch, verriet das Volk seinen eingetretenen Abfall von jener Erwählung, für welche es von Gott berufen worden war.

Das ist eine Geschichts = und Lebensbetrachtung, in der es um weit Höheres geht als nur um ein Wissen der Geschichte. Hier ist die Geschichte der Väter nicht einfach eine Schilderung ihrer Selbstbehauptung. Hier sucht man nicht nach den natürlichen Gesetzen einer Volkswerdung. Hier steht alles Erleben und Geschehen unter dem Walten Gottes. Und je reicher und stärker dies Erleben und Geschehen war, desto mehr sieht man Gottes Herrlichkeit in seiner mannigfaltigen Offenbarung. So wird ein Glaube geboren, der zu seinem Inhalt das Können und Handeln Gottes hat.

Wer so Gott sehen lernte in der Geschichte der Vergangenheit, der findet Gott auch im Geschehen seiner Gegenwart. Ihm ist die Geschichte hinfort nicht das blinde Spiel unberechenbarer Kräfte. Sein Leben steht ihm nicht unter der Macht eines geheimen Schicksals. Die Ereignisse des Lebens werden in der Verbindung mit Gottes Handeln und Leitung geschaut. Hat doch die Geschichte der Völker es je und je erlebt, daß gerade jene Männer auch in den dunkelsten Zeiten eine starke Hoffnung für ihr Volk gewannen, denen gegenwärtig blieb, was in der Vergangenheit ihr Volk an Durchhilfe und Gnade erlebt hatte. Wie oft wurden in der Kirchengeschichte gerade jene Gottesknechte zu Propheten einer neuen Zeit, die auf Grund der Gottesoffenbarung in der Vergangenheit wußten, Gott kann auch die Totengebeine wieder lebendig machen und eine neue Auferstehung erstorbenen Gemeinden schenken. Daher ist auch der Kirche Christi das Alte Testament mit seiner Offenbarung so wertvoll. Sie lernt da an dem israelitisch­jüdischen Volk, besonders auch an dessen Vätern und Propheten, erkennen, was der einzelne oder ein ganzes Volk zu seinem Heile an Durchhilfe und Rettung, an Erbarmen und Erleuchtung, an Segen und Führung, aber auch an Gericht und Heimsuchung von Gott her erleben kann.

Wir können uns ja den Aufbau des Abendlandes mit seinen wertvollsten Kräften und mit seiner Starken Hoffnung für die Zukunft überhaupt nicht denken ohne das Sprechen Gottes auch durch die alttestamentliche Offenbarung. Geschichtslos denken und entsprechend brutal handeln konnten immer nur Menschen, die sich wie der russische Kulturbolschiwismus skrupellos über alles Heilige und Bleibende der großen Vergangenheit hinwegsetzten. Sie suchten die Kräfte zur Gewinnung einer lichteren und besseren Zukunft allein in sich selbst.

II. Die Ewigkeit Gottes (V e r s  2  u n d 4).

 

Da die große Vergangenheit mit ihrer Geschichte dem Sänger zu einer Offenbarung geworden war, so konnte er auch reden von der Ewigkeit Gottes. Nicht die Welt als Schöpfung, nicht die Geschichte in ihren Wandlungen, auch nicht der Mensch in seiner Vergänglichkeit konnte ihm das Letzte, das Höchste sein. Unmöglich konnte ihm Gott mit der Welt und durch deren Geschichte geworden sein. Dann trüge auch Gott nur das Bild der Welt, dann wäre auch Er dem Gesetz der Vergänglichkeit unterworfen. Ist alles Geschaffene auch ein Abglanz göttlicher Macht und Herrlichkeit, ein Ausdruck göttlichen Schaffens und Könnens, so kann doch nichts Geschaffene zugleich Gott sein! Er bleibt allem Geschaffenen und aller Geschichte gegenüber das göttliche Ich. Die Schöpfung ist Gott gegenüber nur das geschöpfliche Du. Es ist daher einzig groß auch in unserer Bibel, daß ihr erstes handelndes Ich Gott ist und nicht der Mensch: „Am Anfang schuf Gott, und am Anfang sprach Gott!"

Wo der Mensch und die Geschichte sich ihren Gott schufen, da ent-standen immer nur Götter. Diese Götter trugen das Bild ihrer Schöpfer. So wurden sie „artgemäß". Sollten Götzenbilder angeblich auch nur ein Abbild der verehrten höheren Gottheit sein, so stellte ihre fratzenhafte Gestalt dennoch dar, wie man sich das eigentliche Wesen seiner Gottheit dachte. Alle menschlichen Sünden und Roheiten wurden auch mit dem Leben der Götter verbunden. Der Mensch teilte auch seine Laster mit denen seiner Götterwelt. Nicht Erlösung von Sünde und Schuld er-wartete daher der Mensch von den Göttern; allein Furcht vor der unheimlichen Gewalt derselben erfüllte ihn. Was der Mensch von ihnen erwartete und durch Opfer zu erlangen hoffte, war äußerliches Gedeihen und Sieg im Kampfe.

In welch einem Gegensatz zu allen Göttern steht dagegen der lebendige Gott, der Gott der Offenbarung! Wie ist sein Walten von unumschränkter Macht! Wie heilig und gerecht ist sein Tun! Wie stark ist sein

 

 

Arm! Wie neuschaffend ist seine Erlösung! Wie unendlich sind die Ziele seines Heils! Ihn hätte der Mensch bei all seiner geschichtlichen und geistigen Entwicklung nie gefunden — auch nie erfinden können! Der Mensch wäre immer bei irgendeinem Götterbild hängengeblieben. Gott aber kam zum Menschen. Er stieg hinab in dessen Schuld, Gebundenheit und Vergänglichkeit und enthüllte sich ihm. Das nennen wir Offenbarung. Sie ist uns die Selbstmitteilung Gottes im Laufe der Heils-geschichte.

Diesen Gott der Offenbarung sieht der Psalmist in seiner Ewigkeit. Ihn sieht er in seinem urzeitlichen Gestern:

2. Bevor die Berge wurden, bevor du kreißen ließest Erde und Welt, bist du, Gott [der Allmächtige]2), von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Zu allen Zeiten war auffallend klar und die Wirklichkeit erfassend die Schau derer, die nicht von der Welt her Gott zu verstehen suchten, sondern die von Gott aus die Welt und deren Geschichte sahen. Unser Psalmist hat eine verwandte Schau  

gewonnen, wie sie uns in dem Bericht der Schöpfungsgeschichte gegeben ist; er ist gleichsam Zeuge der Geburtswehen der Schöpfung. Wenn der Sänger auch nicht sagt, daß Berge, Erde und Welt zunächst als Urstoff von Gott geschaffen worden sind, um alsdann das zu werden, was sie wurden, so will er aber betonen, daß Gottes urzeitliches Gestern weit über das Entstehen unserer sichtbaren Schöpfung hinausgeht. Sie hat nicht Ihn gebildet, Er war da, bevor sie gebildet wurde und Er sie zum Schauplatz der Offenbarung seiner Herrlichkeit und Erlösung machen konnte. Er war da als El, d. h. als Gott der Stärke, der Allmacht, der da spricht, und es geschieht, der gebietet, und es steht da.

Zu dieser Ewigkeit Gottes gehört dem Sänger auch das gewaltige Heute. Welch ein Geschichtsbild es auch immer trägt, welche Ereignisse sich in ihm auch auswirken, welche Katastrophen mit demselben auch verbunden sind, Gott ist größer als das gewaltigste Heute der Geschichte. Denn mit dem Begriff „von Ewigkeit zu Ewigkeit" soll mehr gesagt werden, als daß Gott einst war, heute ist und in Zukunft sein wird. „Nicht nur die Zeitfülle umfaßt das göttliche Sein, das ,Du bist Gott' bedeutet zugleich unbegrenzte Machtfülle." In seiner unbeschränkten Unabhängigkeit und Allmacht steht Gott jenseits alles Weltgeschehens; und dennoch lenkt Er alle Ereignisse der Geschichte, daß sie dem Kommen seines Reiches dienen müssen. Denn Er ist der Herr der Geschichte.

Dies Geheimnis wurde einst einem Daniel erschlossen, als er im Kämmerlein mit Gott rang, um Nebukadnezar den vergessenen Traum und auch dessen Deutung sagen zu können. Nach der Erhörung pries er Gott und sprach: „Es sei der Name Gottes gepriesen von Ewigkeit zu Ewigkeit! Denn sein ist beides: Weisheit und Macht! Er führt andere Zeiten und Stunden herbei. Er setzt Könige ab und setzt Könige ein. Er gibt den Weisen ihre Weisheit und den Verständigen ihren Verstand! Er offenbart, was tief und verborgen ist. Er weiß, was in der Finsteres ist, und bei Ihm wohnt das Licht" (Dan. 2, 20 ff.). Hinfort wußte der Prophet: im Weltgeschehen waltet nicht nur ein wildes Spiel unberechenbarer Mächte, da ernten nicht nur Sünde und Schuld ihr schweres Gericht, da bauen nicht nur die Nationen dauernd an dem Turmbau ihrer Kultur, da eifert nicht nur der Mensch in seiner Feindschaft wider Gott, hinter allem steht vielmehr ein Wille, der nicht gebrochen werden kann, und es waltet ein Arm, der stark genug bleibt, Zeiten kommen und Zeiten gehen zu lassen, Könige einzusetzen und abzusetzen, Weltreiche zu rufen und zu stürzen. Dieser Wille benützt Kriege und Revolutionen, Machtbestrebungen der Könige und Empörungen der Völker, Blütezeiten der Kultur und nationale Nöte, um durch alles hindurch „seine Stunde" kommen zu lassen, wo er ein Reich      aufrichten kann, dessen Grundfeste Gerechtigkeit, dessen Antlitz Friede und dessen König der Menschensohn sein wird3).

Was sind Gott Raum und Zeiten, der in seinem Schaffen die Welten beherrscht, in seinem Walten die Völker regiert und durch sein Erbarmen den Menschen erlösen will?

4. Denn tausend Jahre sind vor deinen Augen gleich einem Tag, der gestern [schnell] vergangen, gleich einer Wache in der Nacht

Jede Zeit soll Gott als Gott erleben, jeder Raum soll ihm zum Tempel werden, jedes Volk soll in ihm seine Erlösung und Zukunft finden. War groß sein Gestern, war groß sein Heute, nicht weniger groß wird sein Morgen sein, der einst am herrlichsten enthüllen wird, wer Gott ist.

III. Die Vergänglichkeit des Menschen (Vers 3. 5 — 6).

Es ist verständlich, daß dem Psalmisten, nachdem er Gott gesehen, um so tiefer die Vergänglichkeit des Menschen zum Bewußtsein kam. Treffend ist die Bemerkung eines neueren Auslegers: „Dem Blick auf Gott öffnet sich so erst das ganze Verständnis für die Vergänglichkeit des Menschen; und umgekehrt an dem Blick auf den Tod geht dem Menschen im Rahmen seiner eigenen Existenz etwas davon auf, was Ewigkeit und Macht Gottes eigentlich zu bedeuten haben."

 

3. Zurückehren läßt du den Menschen zum Staub, du sprichst: Kehrt wieder, ihr Menschenkinder!

5. Ihre Jahre läßt du dahinströmen; denn sie sind gleich dem sprossenden Gras:

6.   Am Morgen gebt es auf und wächst, am Abend welkt es und verdorrt.

Nach dem Maß der Ewigkeit gemessen, was bedeutet dann die kurze Zeitspanne eines Menschenlebens! Es kann groß und stark, schön und glücklich, voll Ruhm und Ehre sein, es gleicht aber dem so schnell vergänglichen Grase, das morgens noch blüht, abends aber welkt und verdorrt. Dieses Bild der Vergänglichkeit ist besonders auch dem Morgenländer verständlich. Er kennt den Glutwind, der plötzlich von Südosten auftreten und alles in Sterben verwandeln kann, was morgens auf steinigten Höhen noch grünte und blühte. Unmöglich kann daher der zu höherer Erkenntnis gelangte Mensch den Menschen zum Inhalt seiner höchsten Bewunderung und Verkündigung machen. Wer immer etwas von der ewigen Majestät und Herrlichkeit Gottes vernommen hat, der berauscht sich nicht am Tun und an der Herrlichkeit des Menschen. Seine Psalmen haben einen andern Ton, seine Lobgesänge haben einen höheren Inhalt als jene Hymnen, in welchen der von sich selbst berauschte Mensch seinen eigenen Ruhm besingt.

Solch eine Glaubenshaltung fließt eben nicht aus einer düsteren Verneinung des Lebens, nicht aus Schwermut und Verzweiflung eines am Leben zerbrochenen Menschen. Den Mut, das Leben in seinem Wert und in seiner Vergänglichkeit richtig einzuschätzen, gewannen immer am ersten jene Menschen, die etwas von der Ewigkeit und Macht Gottes gesehen hatten. Auch unserem Sänger steht die Vergänglichkeit des Menschen, dessen Leben und Sterben in engster Verbindung mit Gottes Reden und Walten. Gott ruft, und der Mensch kehrt wieder. Nicht früher und auch nicht Später. Am stärksten und vollendetsten hat Jesus dies betont, wenn er im Blick auf seine Jünger sagte, daß auch jedes Haar auf ihrem Haupt gezählt sei. Ober wenn er vor Pilatus erklärt: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben herab gegeben wäre" (Joh. 19,11).

IV. Die Gründe des Gerichts (Vers 7 — 11).

In diesem Lichte wird verständlich, warum die großen Gottesmänner des Alten Testaments so nüchterne Wirklichkeitsmenschen waren. Von Gott erleuchtet, gewannen sie für alles: für den Menschen und die Geschichte ein sehr nüchternes Urteil. Sie sahen mehr als nur die glanzvolle oder nur die düstere Außenseite des Lebens. Auch begnüg­ten sie sich nicht mit einer stumpfen Ergebung in die Tatsachen des Lebens. Sie forschten nach den Hintergründen, also nach dem, was hinter allem sichtbaren Geschehen liegt und geschieht, auch hinter der Vergänglichkeit des Menschen.

 

7. Denn wir vergehen durch deinen Zorn, ja, wir erschrecken durch deinem Grimm.

8. Unsere Missetaten stellst du vor dich, unsere geheimen Fehler ins Licht deines Angesichts.

Hier wird die Vergänglichkeit des Menschen tiefer erfaßt, als jene alten Naturschwärmer und Philosophen es taten, die im Vergehen des Menschen nichts anderes sahen als das Sterben der Natur bei eintretender Winterzeit. Dem Sänger ist der Tod eine Auswirkung des Gerichts, des Zornes Gottes. Dieser Zorn muß handeln, weil der Mensch mit seinen Missetaten und seinen geheimsten Fehlern vor Gott steht. Das Wesen menschlicher Missetaten und Fehler war stets mehr als nur Ungehorsam, Übertretung: in ihrer Reife waren sie immer eine Verneinung Gottes, bewußte Auflehnung gegen Gott. Jeder Mensch ist angelegt auf einen Antichristen. Wenn er ein solcher nicht wurde, so lag es an den Hemmungen und an der Hinfälligkeit, denen er unterworfen blieb. Sein Wollen widerstand dem Wollen Gottes, er bejahte im Leben, was Gott verneinte, er widersetzte sich dem, was Gott bejahte.

Gott konnte aber nie ein Wollen und Handeln rechtfertigen, was ihn auszuschalten suchte und dem Menschen selbst zum ewigen Untergang werden mußte. Gott setzte daher seinen Willen stets dem Willen des Menschen gegenüber. Hinfort begann die Spannung zwischen Mensch und Gott. Was Gott zum Heile des Menschen offenbarte, dem widersetzte sich der Mensch. Gott stellte ihn aber durch seine Offenbarung von Fall zu Fall neu vor eine Entscheidung, vor die Wahl zwischen Leben und Tod. Erst wenn der Mensch zur Erkenntnis seiner Sünde, seines Widerstrebens gegen Gott erwachte, erkannte er, wie sein Leben selbst mit den geheimsten Fehlern unter dem Gerichte steht und all sein Tun zu einem letzten Gericht führen muß. Denn ein Leben, das mit seinem Wollen und Wirken gegen Gott eingestellt bleibt, muß am Wollen und Handeln Gottes zerbrechen. Sich gegen Gott nicht durchsetzen zu können, sein Eigenleben um der Vergänglichkeit willen nicht verewigen zu können, das muß der Mensch als „Zorn", als „Grimm" Gottes ansehen.

Daß es sich bei Gott nicht um einen „Grimm" und um einen „Zorn" nach Menschenart handeln kann, das ist klar. Gott ist auch in seinem Zürnen heilig und in seinen Gerichten gerecht. Seine Gerichte sind immer sittlich begründet. In seiner Liebe fand er auch bei all seiner Heiligkeit dennoch über die Sünde hinweg zum Sünder. Neutestamentlich geredet: Es gibt keine Brücke zwischen unserm Ja zur Welt und Gottes Nein zur Welt, zwischen unserer Verwerfung des Christus und Gottes Rechtfertigung seines Christus. Wir fanden über unsere Sünde hinweg nie zurück zu Gott. Sie schied uns von ihm. Durch Erlösung vermag aber Gott unser Ja in ein Nein, unsere Verwerfung in Anbetung zu verwandeln. Die Grundlage, auf der dies Wunder aller Wunder sich vollzieht, ist die Vergebung. Ist Golgatha das größte Menetekel, das über allen Schöpfungen der Welt und ihres Geistes steht, so ist der Gekreuzigte die größte Vergebungsbotschaft, die der Welt gebracht werden kann.

Kehren wir zurück zu den Gedankengängen des Verfassers, so wird verständlich, daß ihm das Leben auch in seinem Köstlichsten nur als Mühsal und Elend erscheinen mußte. Solange er es nur in der Verbindung mit dem Zürnen Gottes sah, konnte er nicht anders als sprechen:

 

9. So eilen all unsere Tage dahin, sie vergehen durch deinen Grimm, unsere Jahre entschwinden wie ein Gedanke.

10. Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, und was ihr Stolz war — ist Mühe und Elend, denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.

„Kein Wunder", sagt ein neuerer Ausleger, „daß der Mensch, der seinen Willen und seine Lust am Leben sucht, in dieser Enttäuschung enden muß, denn, alle Lust will Ewigkeit'. Von Gott her ist diesem Menschenstreben im Tode die Grenze gesetzt." Diese mit dem Tode verbundene Grenze empfindet der Mensch als Gericht. Auch sein Leben ringt um Ewigkeit. Alles, was dieses Ringen hemmt ober zerbrechen läßt, erscheint ihm als Gericht, mit dem er hadert, das er aber doch nicht aus seinem Leben zu streichen vermag.

Daß der Psalmist aber seinen Psalm nicht in einer letzten Verzweiflung ausklingen läßt, das hat er jener Glaubenshaltung zu verdanken, zu der er sich zuletzt durchringen konnte. Sie konnte ihm von Gott her werden, da er die engsten Zusammenhänge von Sünde und Vergänglichkeit, menschlicher Schuld und göttlichem Gerichte gefunden hatte. Daß diese Entdeckung nicht einfach für jeden Menschen selbstverständlich ist, drückt er mit den Sätzen aus:

11. Doch wer erkennt die Wucht deines Zorns, und wer fürchtet sich vor deinem Grimm?

Schon die Erkenntnis der Sünde und die Furcht vor dem Gericht erweisen sich mithin bereits als Gnade. Als der Sohn in der Ferne erst in sich schlug, da war die Zeit nicht mehr ferne, wo er in den Armen seines Vaters den Kuß der Vergebung empfing. Nur Menschen, denen die Nichtigkeit und Vergänglichkeit des Lebens ohne jegliche Beziehung zu Gott und dessen Gerichten aufgeht, sind fähig, in ihrer Enttäuschung und Verzweiflung ihr Leben skrupellos von sich zu werfen. Daß es aber einen andern Weg gibt, der trotz der tiefsten Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen Sünde und Gericht zu einer völlig neuen Glaubenshaltung zu Gott und zu einer neuen Einstellung zum Leben führt, das bezeugt der wunderbare Schluß des Psalms.

V. Das Gebet des Glaubens (Vers 12 — 17).

Gerade in seinem tiefsten Ringen mit Schuld und Gericht, Sünde und Vergänglichkeit zeigte sich, von welch entscheidender Bedeutung es war, daß der Psalmist nicht das Zeugnis von dem großen Gotterleben seiner Väter verloren hatte. Wie sie gewinnt auch er nun in seiner dunkelsten Nacht den Mut, sich einfach auf Gott zu werfen. Im Gebet findet auch er seine Zuflucht zu Gott.

 

12. Lehre uns zählen unsere Tage, auf daß wir gewinnen ein weises Herz!                                            

 

Wer in seiner Enttäuschung und Verzweiflung nicht Gott und dessen Erbarmen zum Inhalt seines Glaubens macht und daraus die Kraft gewinnt, um von Ihm eine Lösung seiner inneren Spannungen zu erflehen, der endet in der Nacht. Denn vom Menschen und seiner Kraft aus ist keine Lösung zu erwarten. Die Furcht vor dem Gericht kann nur durch Vergebung genommen, eine neue Einstellung zum Leben nur durch Gnade gewonnen werden. Ein weises, in der Bedeutung ein von höherer Erkenntnis begnadetes Herz, das die Tage des Lebens richtig zu bewerten vermag, gilt es zu „gewinnen", wörtlich: „einzubringen", gleichsam als Ernteertrag in die ewigen Scheuer. Ein solches Herz gewinnt man nur durch göttliche Unterweisung, im Lichte göttlicher Offenbarung. „Gott selbst muß die Fähigkeit zur neuen Schau und die Kraft zum neuen Leben geben." Und wo immer Menschen in diesem Vertrauen zu Gott lebten und dienten, litten und kämpften, lernten sie jenen Sieg des Glaubens kennen, der die Welt überwindet. An­statt am Leben mit all seinen Rätseln und Geheimnissen zu zerbrechen, reiften sie zuletzt zu Persönlichkeiten aus, die mit dem Apostel Paulus bezeugen konnten: „Ich habe Glauben gehalten!" In ihrem Leben siegte die Gnade über die Schuld, die Kraft Gottes über die Schwachheit des Menschen, die Ewigkeit über die Vergänglichkeit. Sie lebten ein Leben, das auch am Tode nicht zerbricht, sondern vom Glauben zum Schauen gelangt.

Die weiteren Verse halten manche Ausleger für einen späteren Nachtrag. Es ist nicht zu verkennen, daß einige Gedankengänge im weiteren Gebet solch eine Annahme zulassen würden. Wir glauben jedoch, daß sie sich nicht schwer mit dem ganzen Glaubensgebet unseres Psalmisten verbinden lassen. So z. B. gleich die anschließende Bitte:

 

13. Kehre [doch] wieder, o HErr, — wie lange noch? —

hab' Erbarmen mit deinen Knechten!

14. Sättige uns frühe mit: deinem Heil, daß wir jubeln und  uns freu'n unser Lehen lang.

Auch diese Bitte verrät, wie bewußt der Psalmist sein Leben und das seines Volkes von Gott abhängig gemacht wissen möchte. Heil ist ihm der Inbegriff all jener Segnungen, die dem Menschen nur von Gott aus werden können. Es ist ihm mehr als nur Gesundheit und Wohlergehen. Und er bittet nicht nur um ein spärliches Maß aus der Fülle göttlicher Gnade, sondern daß das Leben mit Heil gesättigt werden möchte. Wie der durch gesundes Brot gesättigte Körper täglich neue Kraft gewinnt, so wächst der Mensch des Glaubens, wenn er erlebt, was Jeremia mit den Worten bezeugt: „Ich tränke die ermattete Seele, jede schmachtende Seele sättige ich" (31,25). Dann beherrscht den Menschen nicht die Verzweiflung, jeder Tag bringt vielmehr ein neues Erleben der Gnade und Kraft Gottes. Anstatt vom Untergang „singt man mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten" (Ps. 118,15).

Daß es anders sein kann, hat der Sänger selbst erlebt. Er kennt Jahre, die unter dem Gericht standen.

 

15. Gib uns Freude, wie du uns gebeugt —

soviel Tage, soviel Jahre, wie wir Unglück sahen.

Es ist wahrscheinlich nicht der Sinn dieser Bitte, daß Gott wieder gut machen soll, was durch die Jahre des Gerichts dem Menschen genommen ist, d. h. daß entsprechend den Jahren des Unheils Jahre des Wohlergehens kommen möchten. Das Gebet fließt aus einer ganz anderen Schau und Glaubenshaltung. Der Psalmist kennt Zeiten der Heimsuchung und Gerichte, die ihm zur Beugung und zum Leben dienen sollten. Solange er sich der Gnade widersetzte, die ihm durch dieselben werden sollte, erlebte er Unheil und Qual. Das Leben erschien auch ihm nicht mehr wert, gelebt zu werden. Nun bittet er aber um ein neues Werk der Barmherzigkeit. Gottes Gnade soll durch ihre Hand jene Wunden heilen, die sie geschlagen hat (Hos. 6, 1). Sein Ende soll Gottes Anfang werden. Dann wird sein Leben trotz aller Vergänglichkeit die Kraft und den Glanz der Ewigkeit tragen. Und will der Mut im Alltag des Lebens, im Stimmengewirr der Zeit, im Ringen um ewige Werte sinken, dann fleht er:

16. Laß deine Knechte dein Wirken sehen und ihre Söhne deine Herrlichkeit!

Gottes Herrlichkeit wurde in der Geschichte immer nur sichtbar in Gottes Handlungen. Wird der Glaube zu schwach, vertrauen zu können, ohne zu sehen, dann soll Gott ihm das Auge schärfen für sein Wirken. Aus dem Wirken Gottes soll der Glaube neue Kraft gewinnen. In demselben sollen die Söhne die Herrlichkeit Gottes sehen, damit auch sie eine entsprechende Glaubenshaltung zu Gott gewinnen. Ob Gegenwart, ob Zukunft, ob die Sterbenden, ob die Kommenden, sie sollen unter jener Gnade stehen, in welcher der Mensch inmitten der Vergänglichkeit doch die Ewigkeit, inmitten aller Gerichte doch den Weg zum Leben, inmitten aller Irrungen doch zurück zur Gemeinschaft mit Gott zu finden vermag. All sein Sehnen faßt der Psalmist daher noch in die Bitten zusammen:

17. Die Huld des HErrn, unseres Gottes, sie walte über uns. Das Werk unsrer Hände lasse gelingen, ja, HErr, fördere das Werk unsrer Hände!

Kein Wunder, daß Menschen aller Jahrhunderte und Jahrtausende den Psalm zum Inhalt auch ihres Gebets machten, wenn ihre Seele mit den Widersprüchen des Lebens rang, wenn sie in sich vergeblich die Kraft suchen, aus eigenem Können das Leben zu meistern, wenn ihre Sünden erwachten und sie unter der Schuld ihres Lebens zusammenzubrechen drohten. Wurde ihnen aber ihr Ende zu einem Erleben der Gnade und des Heils, dann sangen auch sie ein neues Lied und bezeugten mit dem Psalmisten:

O Herr, du warst uns Zuflucht von Geschlecht zu Geschlecht!

Anmerkungen zu Psalm 90

1) Mit neueren Übersetzern nehmen wir an, daß ursprünglich wohl der Inhalt von Vers 4 sich unmittelbar an Vers 2 anschloß. Der Gedankengang von Vers 3 steht bereits im engen Zusammenhang mit der nachfolgenden Schilderung der Vergänglichkeit des Menschen.

2) Im Hebräischen steht der Gottesname „El". Vgl. Psalm 16, Anm. 3.

3) Vgl. Jakob Kroeker, Das lebendige Wort, Bd. II: der Prophet Daniel, S. 123f.

 

 

12. Die Gerechten des Herrn      Psalm 92

 

Überschrift: Ein Lobgesang für den Sabbat=Tag

 

2.   [Wie] gut ist es, dem HErrn zu huldigen, zu lobsingen deinem Namen, du Höchster!

3.   [Ja], kundzutun am Morgen deine Güte und deine Treue in nächtlichen Stunden,

4.   mit zehnsaitiger Laute und zur [zwölfsaitigen] Harfe, zum sinnigen Spiel auf der Zither!

5.   Denn du machst  mir Freude, o HErr, mit: deinem Tun1),ob der Werke deiner Hände frohlocke ich.

6. Wie gewaltig sind deine Taten, o HErr,wie unendlich tief deine Gedanken!

7. Ein Unvernünftiger2) erkennt es nicht, nur wer töricht ist3), beachtet es nicht.

8. Wenn auch Gesetzlose sprossen wie Gras und die Übeltäter [gar üppig] erblühen, dennoch werden sie vertilgt für immer. 9. Du aber, HErr, bist erhaben4), du bleibest ewiglich Gott! 10. Denn siehe, deine Feinde, o HErr, denn siehe, deine Feinde gehen zugrunde, alle, die Unheil verüben, zerstreuen sich.

11. Mein Horn aber erhöhst du wie das der Stiere, mit frischem6) Öle salbest du mich.

12. Mein Auge wird sich weiden an denen, die mir auflauern,

meiner Feinde Vernichtung wird mein Ohr mit Frohlocken vernehmen.

13. Der Gerechte6) grünet7) wie ein Palmbaum, wie eine Zeder im Libanon wächst er empor.

14.  Verpflanzt8) im Heiligtum des HErrn, treiben sie Blüten in den Vorhöfen unseres Gottes.

15.  Noch im Greisenalter9) tragen sie Frucht, denn saftvoll bleiben sie, frisch und voll Laub,

16. um kundzutun: Gerecht ist der HErr, mein Fels, und an ihm ist kein Falsch!

Die Glaubenssprache auch dieses Psalmes weist weit über den ursprünglichen Sänger hinaus. Einen selten tiefen Ton weckt er in jeder menschlichen Seele, deren Sehnsucht auf Gott und dessen Offenbarung geht.

Es ist daher verständlich, daß er auch besonders im Geistesleben der Gemeinde einen so weiten Raum gefunden hat. So wissen wir z. B. aus einer Bemerkung des Kirchenvaters Johannes Chrysostomos10), daß die Worte des 5.Verses:

Denn du machst mir Freude, o HErr, durch dein Tun, ob der Werke deiner Hände frohlocke ich!

als Dankgebet nach dem Tische in den damaligen Gemeinden verwendet wurden. Was spricht nun so stark und überzeugend aus ihm, daß er auch uns heute noch ein Bestandteil des unvergänglichen alttestamentlichen Offenbarungsgutes geblieben ist? Er redet

I. von einer Anbetung des Höchsten (Vers 2 — 4),

wie sie ein Bedürfnis auch unserer Seele ist. Daß einst im Leben des einzelnen die Not zum Gebet, das Flehen zur Erhörung, das Erleben der Taten Gottes zur Anbetung Gottes wurden, ist einer der schönsten Wesenszüge in der Geschichte jenes Volkes, das sich Gott in Abraham berief, durch Mose aus der Knechtschaft erlöste und durch Josua in sein Erbe führen ließ. Ein Zeugnis davon ist auch unser Psalm. Er wurde als Anbetungsspalm von der jüdischen Gemeinde nach der babylonischen Gefangenschaft an jedem Sabbatmorgen in den Gottesdiensten gesungen. Nachdem das ständige11) Opferlamm dem HErrn dargebracht worden war, sang die Gemeinde in Verbindung mit dem Speis- und Trankopfer:

 

2. [Wie] gut ist es, dem HErrn zu huldigen, zu lobsingen deinem Namen, du Höchster!

3.[Ja], kundzutun am Morgen deine Güte und deine Treue in nächtlichen Stunden,mit zehnsaitiger Laute und zur [zwölfsaitigen] Harfe, zum sinnigen Spiel auf der Zither!

Mit diesen Worten begann die innere Erhebung der jüdischen Gemeinde zu Gott. Es liegt im innersten Bedürfnis des Menschen, nicht nur Gott durch sein Tun zu sich reden zu lassen, sondern auch seine Liebe, Hingabe und Anbetung Gott gegenüber zum Ausdruck zu bringen. In solchem feierlichen Lobpreis Gottes empfängt die Seele alsdann mehr, als sie gibt. Im innerlichen Stehenbleiben vor Gott wird ihr am tiefsten erschlossen, daß niemand so sehr der Verherrlichung durch den Menschen würdig ist wie Gott allein, der Allerhöchste. Er ist in seiner Güte so groß, daß der Mensch jeden Morgen sie kundtun sollte; seine Treue ist so unerschütterlich, daß sie in nächtlichen Stunden die Seele bewegen und stille machen sollte. Kann dann in einem gemeinsamen Gottesdienst zum Ausdruck kommen, was die einzelne Seele an Liebe und Hingabe an Gott in sich trägt, so gehören solch Feierstunden mit zu den weihevollsten und erhebendsten des menschlichen Lebens.

Für die aus der Knechtschaft Babels heimgekehrte jüdische Gemeinde bildete jeder Sabbatmorgen solch eine gemeinsame Feierstunde vor Gott. Mußten auch in den Wochentagen das persönliche Erleben und die tiefen Eindrücke von Gottes Handeln und Regieren vor den Mühen und Sorgen des Alltags zurücktreten, am Sabbatmorgen wollte die Gemeinde Gott in seinem unumschränkten Walten, in der Offenbarung seiner täglichen Gnade und in dem Wirken seiner segnenden Hände ungehindert sehen und gemeinsam anbetend Geist und Seele zu ihm erheben. Man denke dabei besonders auch an „die gottesdienstlichen Feiern im Tempel an den großen Festen, bei denen die Hallen und Höfe des heiligen Raumes von dem Klang der Preisgesänge wiederhalten. Nicht nur der Tag vom frühen Morgen an mit seinen Morgenopfern, sondern auch die Festnacht war dem Dank und der Freude geweiht"12).

In einer Zeit, wo nicht jeder Fromme Gesetzesrollen, d. h. Teile der Bibel, wie es heute möglich ist, in seinem Gewande trug, hatten solch Sabbatfeiern mit ihrer Schriftverlesung und ihren Lobgesängen noch eine viel entscheidendere Bedeutung für die Gemeinde als in unseren Tagen. Hier erlebte man die Gegenwart Gottes, hier gewann man Erkenntnis des Herrn, hier fand man Kraft zur Anbetung des Höchsten, hier klärten sich die Rätsel des Lebens (Ps. 73,17 und Hab. 2,1). Solch ein Lobgesang wie der des 92. Psalms war daher auch unendlich mehr als nur eine gesangliche Verschönerung und liturgische Bereicherung der kultischen Sabbatfeier. Er war das Sprechen der anbetenden Gemeinde zu Gott und zugleich ein Zeugnis für alle, die um eine vermehrte Erkenntnis des Herrn rangen. Selbst das Spiel der Harfen und den Klang der Zithern zog der Glaube der Gemeinde mit hinein in die Feier ihrer anbetenden Erhebung zu Gott. So wurde jeder Sabbat zu einer vierund-zwanzigstündigen Gotteshuldigung, indem die Gemeinde sich selbst und ihre Welt zu den Füßen des Höchsten niederlegte.

Die Kraft zu einer wahren Erhebung zu Gott und den Inhalt der Anbetung gewinnt der Mensch aber immer erst aus der Schau der Majestät und aus dem Erleben der Offenbarung Gottes. Daher redet ferner dieser Psalm auch

II. von der Erhabenheit Gottes (Vers 5 — 7),

wie sie von der anbetenden Gemeinde geschaut worden war. Sie war die Quelle, aus der die Freude und der Lobgesang der Gemeinde floß. Freudig bezeugte sie:

5.   Denn du machst mir Freude, o HErr, mit deinem Tun,
ob der Werke deiner Hände frohlocke ich

Man hat Gott in den Werken seiner Hände, im Walten der Geschichte und in der Führung des eigenen Lebens gesehen. Denn Gottes Majestät und Herrlichkeit wurden Sterblichen immer erst sichtbar auf Grund von Gottes Handlungen. Erst an den zurückgelassenen Fußspuren merkte je und je der Glaube, daß der HErr in seiner Gnade und mit seinem Segen am Menschen vorübergegangen sei. Erst als Jesaja den Herrn der Herrlichkeit fragen hörte: „Wer will mein Bote sein?", antwortete er: „Hier bin ich, HErr, sende mich!" Erst als Saulus auf dem Wege gen Damaskus vom Auferstandenen gestellt wurde und das gewaltige Wort vernahm: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?", erfaßte er, daß Christus der Herr sei, und wurde sein Apostel.

Nun würden wir wieder noch viel tiefer den Inhalt auch dieses Psalmes erkennen, wenn uns die geschichtlichen Begebenheiten bekannter wären, durch die der Sänger die Anregung und die Erleuchtung für seinen Lobgesang gewonnen hat. Uns Menschen erschließt sich in der Regel erst dann mehr und mehr der Blick für das Walten Gottes im Weltgeschehen und für Gottes Tun im Leben der einzelnen, wenn wir es zunächst sehen lernen an ganz bestimmten Ereignissen der Zeit. Erst die Erkenntnis fürs Einzelne erschließt uns allmählich auch die Schau fürs Ganze.

Um diese Geschichtsbegebenheiten zu erfassen, haben Ausleger sie besonders auch in den großen Vorgängen der ersten Makkabäerzeit zu finden gesucht. Aber nicht nur die kleine Zeitspanne der Makkabäerzeit, nein, wahrscheinlich war jener Rahmen des Geschichtsbildes weit größer, in dem der Glaube der heimgekehrten Gemeinde Gottes wunderbares Walten in der Geschichte und den Segen seines Handelns sah. Babels Zusammenbruch, das Auftreten des jungen Cyrus, die Heimkehr der Verbannten aus dem Exil unter der Führung Esras und Nehemias, das Wiedererstehen der Mauern Jerusalems, der Aufbau des neuen Tempels unter dem Statthalter Serubabel und dem Hohenpriester Josua, die Tröstungen des Volkes in seinen Enttäuschungen, die es nach der Rückkehr bei der Wiederherstellung seiner Heimat erlebte — wie mußte die Gemeinde in allem Gottes Herrschaft über die Mächtigen der Erde und Gottes Führung im Leben seines vielfach so müden und zagenden Volkes sehen! Was Wunder, wenn die Gemeinde da ehrfurchtsvoll vor Gott stehenblieb und sprach:

6.   Wie gewaltig sind deine Taten, o HErr, wie unendlich tief deine Gedanken!

Nun gab es aber Menschen, wahrscheinlich in der Gemeinde selbst und dann unter den Feinden des Volkes, die für solch eine Erhebung zu Gott und für solch eine Beurteilung der großen Geschichtsereignisse kein Verständnis hatten. Wo man aber erst die Glaubensschau für Gottes Handeln und Offenbarung verloren hat, da schweigt die Anbetung. Der Mensch kniet hinfort nur noch vor sich selbst und bewundert die große Babel, die er sich als die Schöpfung seines eigenen Geistes erbaut hat. Der Psalmist nennt solche Menschen trotz all ihrem Wissen doch Vernunftlose. Sie haben sich dem Erkennen Gottes und der Schau für die letzten Wirklichkeiten verschlossen.

7.   Ein Unvernünftiger erkennt es nicht nur wer töricht ist, beachtet es nicht.

Wer jedoch ohne Verständnis für die Herrschaft Gottes in der Geschichte lebt und sein Leben ohne Hingabe an Gottes Offenbarung und Führung zu meistern und zu gestalten sucht, der steht in dauernder Täuschung und vor unzähligen Rätseln. Seine Bewertung der Dinge ist falsch; daher sind auch sein Urteil und seine Erwartung falsch. Ihn trügt der Schein, weil er das Wesen nicht erfaßte. Er sucht das Ewige im Vergänglichen, das Göttliche im Eigenen, in dem von der Geschichte Gerichteten das Leben und die Zukunft. Unser Psalm muß daher auch reden

III. vom Vergehen der Gesetzlosen (Vers 8 —10).

Was den von Gott unabhängig handelnden Menschen falsch in seinem Urteil und töricht in seinem Handeln macht, das ist sein Leben ohne das Licht der göttlichen Offenbarung. Das ist ja des Menschen Gericht, daß er ohne Erleuchtung von Gott nie ein richtiges Urteil über das Handeln Gottes, über sich selbst und die Welt zu gewinnen vermag. Wie oft hielt er für Leben, was sein Gericht werden mußte. Für die jüdische Gemeinde war damals die in der Geschichte des Volkes erlebte Offenbarung Gottes in der Thora, d. h. in dem Gesetz zusammengefaßt worden. Menschen, die im eigenen Licht handelten und ohne Gott ihr Leben zu gestalten suchten, galten daher als Gesetzlose. Nun konnte man sich aber der Tatsache nicht verschließen, daß auch die Gesetzlosen und Frevler leben und gedeihen. Sie sprießen wie das Gras und blühen wie die Blumen. Sobald jedoch der Glutwind der Wüste kommt, knickt er ihr Leben und läßt sie vergehen. Wie erschütternd sind daher die Worte des Psalmisten:

8.   Wenn auch Gesetzlose sprossen wie Gras und die Übeltäter [gar üppig] erblühen, dennoch werden sie vertilgt für immer.

Auch in unseren Zeiten darf von der glaubenden Gemeinde angesichts solcher Geschichtsereignisse wie in Rußland nie vergessen werden, daß auch Menschen ohne Gott oder sogar wider Gott groß in ihren Plänen, stark in ihrem Schaffen und gewaltig in ihren Zielen sein kön­nen. Sanherib von Assur, Nebukabnezar von Babel, Antiochus IV. von Syrien, Nero von Rom konnten in ihrer Stärke und in ihrem Glanz Jahrzehnte hindurch Antichristen für die Glaubenden ihrer Zeit sein. Sie gaben der Geschichte eine ihrem Geiste entsprechende widergöttliche Entwicklung, ohne daß sie sich gleich von Gott gerichtet sahen. Der Glaube der Gemeinde darf daher nicht Irrewerden, wenn in der Geschichte immer wieder der Gesetzlose herrscht und der Gerechte leidet, wenn Weltgeschichte gemacht wird von Menschen ohne Gott und nicht von den Begnadeten des Herrn. Und doch vergehen die Gesetzlosen, sobald sie ihre Aufgabe in der Geschichte erfüllt haben. Auch ihr Handeln wird bestimmt von dem, der größer ist als der Mensch und seine Geschichte.

9.   Du aber, HErr, bist erhaben, du bleibest ewiglich Gott!

Das ist ja das Erschütternde für alle Gesetzlosen, daß sie zwar handeln wider Gott, ohne daß sie selbst je von Gott loskommen können, fragen sie auch nicht nach dem Lichte seiner Offenbarung, Gott jedoch fragt sie in ihrem Gewissen: „Kain, wo ist dein Bruder Abel?" Denn auch darin erweist sich Gott als Gott, daß Er der Herr über seine Feinde bleibt. Er in seiner unbeschränkten Machtfülle bestimmt ihr Kommen und Gehen und setzt die Grenzen ihres Könnens und Handelns. Dauerte es den leidenden Frommen oft auch zu lange, bis Gott in den Gang der Geschichte eingriff, plötzlich kam doch die Stunde, da die Feinde zugrunde gingen und jene sich zerstreuten, die sich, um Unheil zu üben, zusammengeschlossen hatten. Unbeirrt bekennt daher der Sänger:

10.  Denn siehe, deine Feinde, O HErr, denn siehe, deine Feinde gehen zugrunde, alle, die Unheil verüben, zerstreuen sich.

Es wäre aber falsch, auf Grund solch eines Psalmwortes nun einfach menschliche Vergeltungsgedanken auf Gott übertragen zu wollen. Es handelt sich beim Untergang der Gesetzlosen streng genommen ja nicht um ein handelndes Eingreifen Gottes, es geht um die letzten Folgen der Handlungen des Menschen wider Gott. Es liegt in der  von Gott geschaffenen sittlichen Weltordnung, daß der Gewalttätige stirbt an der Gewalt, der Offenbarungslose zugrunde geht an seinem Irrtum, der verlorene Sohn in der Ferne vom Vaterhause verderben muß am Trebertrog. Der Mensch stirbt an sich selbst, sobald er sich erst löst von Gott als seinem Schöpfer und Vater, auf den hin er geschaffen wurde, und für den er durch Christus wieder erlöst werden soll.

Das ist unsere Freiheit, daß wir uns für das Leben oder für den Tod entscheiden können. Unmittelbar mit dem Vergehen der Gesetzlosen verbindet unser Psalm daher auch

 

IV. die Segnungen des HErrn ( Vers 11 — 13).

 

Inwieweit hier der Sänger in der Ich-Form nur von sich persönlich ober in seiner Person von dem Segen der ganzen Gemeinde spricht, ist nicht klar ersichtlich. Wahrscheinlich steht vor seiner Seele doch mehr der Segen der Gesamtgemeinde. Von ihr redet er in vier gleichnisartigen Bildern seiner Heimat. Er spricht vom Horn, vom Öl, vom Palmbaum und von der Zeder.

 

11. Mein Horn aber erhöhst du wie das der Stiere, mit frischem Öle salbest du mich.

 

Jedes Bild ist das Gleichnis eines besonderen Segens. Das

H o r n des Wildochsen (Büffels) ist „das Bild wehrhafter Macht und zugleich stattlicher Zier, das frische grüne Öl Bild des siegesfreudigen Wohl= und Hochgefühls" 13). „Der Palmbaum wiederum ist das Bild der Fruchtbarkeit und des langen Lebens, und die Zeder gilt auf Grund ihres hohen, stattlichen Wuchses und der Schönheit ihrer Krone als die Königin  der morgenländischen Bäume14).

Dieses Bewußtsein der Stärke und diese Siegesgewißheit des Glaubens floß jedoch aus einer ganz anderen Quelle, war mithin auch ganz anderen Inhalts als das stolze Machtbewußtsein und das Gedeihen der Gesetz= und Gottlosen. Der Riese aus dem Heere der Philister sprach einst zum Hirtenknaben: „Komm her zu mir, ich will dein Fleisch geben den Vögeln unter dem Himmel und den Tieren auf dem Felde." Das war Machtbewußtsein eines Starken ohne Gott. David aber antwortete dem Philister: „Du kommst zu mir mit Speer, Spieß und Schild; ich aber komme zu dir im Namen des Herrn Zebaoth, des Gottes des Heeres Israels, das du verhöhnt hast" (1.Sam. 17,44 ff.). Das war Siegeszuversicht eines Schwachen im Bewußtsein seiner Abhängigkeit von Gott. Das war ja der ungeheure Kampf der Propheten mit ihrem Volke vor der Fortführung in die babylonische Gefangenschaft, daß auch Israel=Juda wie die Heiden „Fleisch für ihren Arm" halten wollte. Am schönsten und stärksten ist aber von Paulus bezeichnet worden, worin die eigentliche Stärke der Glieder des Reiches Gottes liegt, wenn er an die Gemeinde in Korinth schreibt: „Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf daß die Kraft Christi bei mir wohne."

Daß sich aber die Starken und Widergötttichen dauernd in ihren Handlungen nicht gerechtfertigt sehen, vielmehr oft überraschend schnell ihren Untergang erleben, das empfindet der Sänger als eine gewisse Genugtuung innerhalb der Geschichte. Daher spricht er:

 

12. Mein Auge wird sich weiden an denen, die mir auflauern,

meiner Feinde Vernichtung wird mein Ohr mit Fortlocken

vernehmen.

 

So redet er im Geiste des Alten Bundes. Jesus jedoch antwortete den beiden Jüngern, als sie, wie auch Elia einst getan, Feuer vom Himmel auf die Samariter fallen lassen wollten: „Wisset ihr denn nicht, wes Geistes Kinder ihr seid?" (Luk. 9,55.) In der Mission Jesu Christi und seiner Jüngergemeinde handelt es sich nicht mehr um die Vernichtung der Bösen, sondern daß auch sie durch Erlösung zu Söhnen Gottes werden.

Der Psalmist greift aber noch zu zwei anderen Bildern seiner Heimat, um die verborgene Kraft und das gesegnete Leben der Gerechten zu schildern. Gerechte sind mit ihrem Leben und Dienen gleich einer Dattelpalme mit ihrer Frucht und gleich einer Zeder Libanons in ihrem Wachstum und ihrer Widerstandskraft.

 

13. Der Gerechte grünet wie ein Palmbaum, wie eine Zeder im Libanon wächst er empor.

 

Wie reich der Blütenstand der Dattelpalme sein kann, beschreibt uns ein Kenner des Morgenlandes, indem er sagt: „Wenn sie ihre volle Größe erlangt hat, trägt sie 300 bis 400, ja gelegentlich sogar 600 Pfund Früchte." Und wer je durch den nahen Orient gegangen ist, hat gefunden, daß „die Palme der Oase, diese Fürstin unter den Bäumen der Ebene mit ihrem stolz emporgehobenen Blätterdiadem, ihrer weit zur Ferne ausblickenden und der Sonne frei ins Antlitz schauenden Stellung, ihrem unsterblichen Grün und ihrer immerfort aus der Wurzel sich verjüngenden Triebkraft" — ein Bild des Lebens mitten in der Welt des Todes ist. Es ist verständlich, daß die Palme, diese „Schwester des Menschen", wie sie von den Arabern genannt wird, Vergleichspunkte mit den Gerechten in großer Fülle bietet.

Neben der Palme  steht die Zeder, „die Fürstin der Bäume" des

Libanongebirges. Sie ist nicht weniger ein Gleichnis für das Leben der Gerechten, und zwar „mit ihrem stattlichen, hohen Wuchs, mit der Stärke ihrer wachstümlichen Kraft", mit ihren ewig grünen Nabeln und ihrem lieblichen Duft, den sie ausströmt. Die tiefste Erklärung dieser Bilder gibt uns aber der Sänger in seinem Liede selbst, wenn er zuletzt noch

 

V. vom Geheimnis der Gerechten (Vers 14 16)

 spricht.

 

14. Verpflanzt im Heiligtum des HErrn, treiben sie Blüten in den Vorhöfen unseres Gottes.

 

Daß Menschen in dieser Welt der Schuld und Sünde verpflanzt sein können in das Haus des HErrn, das Wurzelgebiet ihres Lebens in der Gegenwart Gottes haben, das ist letzthin doch das tiefste Geheimnis des Lebens, der Kraft, des Dienstes und der Hoffnung der Gerechten. Nicht etwa das Haus des HErrn an sich ist es, was das Geheimnis ausmacht. Das Geheimnis ist der HErr, der in seinem Heiligtum zeltet. Er wohnt aber in seinem Hause, um mit denen Gemeinschaft zu pflegen, die ebenfalls mit ihrem Leben im Heiligtum wurzeln. Neutestamentlich würden wir sagen: Gerechte sind Jünger, die im Glaubensumgang mit Christus stehen, sind Kinder, die

Gemeinschaft des Geistes mit Gott als ihrem Vater pflegen.

So klar nun der Psalmist auch bezeugt, daß die Gerechten im Gotteshause wohnen, die Frucht ihres Lebens erblüht jedoch nicht im Heiligtum. Ihr Blütentragen und Fruchtbringen erfolgt in den Vorhöfen, d. h. im Umkreis des Heiligtums, also in ihrem täglichen Leben und in der Mitte ihrer Umgebung. Früchte des Geistes reifen in der Welt und nicht im Gotteshause; denn nur den Wurzeln gehört das Heiligtum, das Leben mit seiner Frucht gehört der Welt mit ihrer Not, mit ihrem Ringen und ihrem Sterben.

Ein Leben aber, das mit den Wurzeln seines Glaubens im Umgang mit Gott steht, gibt sich hinfort in seinem Wachstum und in seinem Fruchttragen nicht mehr aus. Es zehrt nicht vom Eigenen, es dient mit dem Empfangenen. Die Energien seiner Kraft fließen nicht aus dem eigenen Besitz, sie sind das Geheimnis der Wirksamkeit des Geistes Gottes, durch die der Gerechte in seiner Schwachheit sich begnadet sieht. Daher kann auch unser Sänger bezeugen:

 

15. Noch im Greisenalter tragen sie Frucht, denn saftvoll bleiben sie, frisch und voll Laub,

16. um kundzutun: Gerecht ist der Herr, mein Fels, und an ihm ist kein falsch!

 

Wie reich war je und je auch die Kirche Christi an Persönlichkeiten, d. h. an solchen Vätern und Müttern in Christo, deren physische Kraft zwar im Alter mehr und mehr zusammenbrach, deren Früchte des Geistes jedoch bekundeten, daß im Umgang mit Gott das unvergängliche Leben bereits hier in der Vergänglichkeit seinen Anfang genommen hat und nicht mehr stirbt. Und je älter solch ein im Umgang mit Gott stehendes Leben wird, desto mehr reift es aus zu jenem großen Zeugnis, daß der HErr gerecht ist in all seinem Walten, Tun und Wirken. Ob es sich um Völker, um das Weltgeschehen oder um die Lebensführung der einzelnen handelt, der Glaube hat weder in der Offenbarung der Gnade noch in den Gerichten Gottes je ein Unrecht gefunden. Gott erwies sich ohne Falsch.

Zwar kommt auch der Gerechte auf Grund der vielen Rätsel des Weltgeschehens oder aber infolge persönlicher unverstandener Lebensführung in schwerste Konflikte des Glaubens. Wie wenig konnte ein Hiob seine Leiden, der Sänger von Psalm 73 das Wohlergehen der Gottlosen oder eine Martha und Maria den Tod ihres Bruders Lazarus verstehen! Im göttlichen Lichte wurde aber eines Tages licht, was bisher so rätselvoll und dunkel erscheinen mußte. So oft nun der Glaube der Gerechten Gott in seiner Güte und Treue erlebte, gewann er um so größeres Vertrauen zu dem HErrn, der bisher der alleinige Hort seines Lebens war und es auch allein in allen wechselvollen Geschehnissen der Zukunft sein kann und bleiben wird.

 

 

Anmerkungen zu Psalm 92

1) Mit dem Wort „Tun" wird gewöhnlich das geschichtliche Walten Gottes bezeichnet. Mit „Werke deiner Hände" jedoch die Werke Gottes in der Weltschöpfung. Hier sind darunter jedoch nicht die Schöpfungswerke zu verstehen, sondern „die Betätigung der göttlichen Regierung, deren tief durchdachte Werke und Pläne nur der Tor nicht begreift".

2) Unter dem hebr. Wort ist eigentlich ein „Tiermensch" zu verstehen, „dessen Fleischlichkeit seine Geistigkeit überwiegt".

3) Das hebr. Wort bedeutet: „ein geistig Schwerfälliger" oder auch „Dünkelhafter".

4) Der HErr ist in seinem Wesen und Walten stets „Höhe auf ewig", d. h. er ist „in Verhältnis zur Kreatur und den Trieben hinieden immer gleich absolute Jenseitigkeit, schlechthin unnahbar dem hinieden dummstolz sich aufblähenden und titanisch sich erhebenden Widergöttlichen". Fr. Delitzsch.

5) Wörtlich: „grünes" Öl als bestes, wirksamstes Öl ist ein Bild der Freude.

6) Der Dichter faßt hier das Wort „der Gerechte" kollektiv und versteht darunter Israel.

7) Die Verben „grünen" und „wachsen" beziehen sich auf den Gerechten, denn im Tempelbezirk haben wohl kaum Palmenbäume und Zedern gestanden.

8) Im hebr. Wort liegt der Gedanke zugrunde, daß es sich hier nicht um Gras handelt, das von selbst wächst, sondern um Palmen und Zedern, die verpflanzt worden sind.

9) Vgl. Jes. 65,22: „Denn wie das Alter des Baumes soll das Alter meines Volkes sein."

10) Geboren 347 in Antiochia, gestorben 407 am Schwarzen Meer. Er lebte eine Zeitlang als Einsiedler in der Wüste und empfing 370 die Taufe, 380 die Priesterweihe, und von 397 ab war er Bischof und Patriarch von Konstantinopel.

11) D.h. das täglich darzubringende Opferlamm.                                                                             12) Rud. Kittel, Die Psalmen.

I3)Franz Delitzsch, Psalmenkommentar.     

14) Ludwig Albrecht, Die Psalmen.

 

 

13.Der Begnadeten Lobgesang Psalm 103

 

Überschrift: Von David

1. Lobe den HErrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2. Lobe den HErrn, meine Seele, und vergiß nicht das Gute, das Er dir getan!

3. Der dir all deine Sünden vergibt und heilet all deine Gebrechen,

4.der dein Lehen vom Verderben1) erlöst, der dich krönt mit Liebe und Erbarmen.

5.Der mit Segen2) stillt dein Verlangen, daß deine Jugend sich erneut wie eines Adlers3) Gefieder.

6. Gerechtigkeit übet der Herr und [schafft] Recht für alle Bedrückten.

7. Er tat kund seine Wege einem Mose, Israels Söhnen seine Taten. 8. Barmherzig und gnädig ist der HErr, langmütig und reich an Güte.

9. Nicht für immer hadert Er und trägt nicht ewig nach.

10. Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden, und vergilt uns nicht nach unserer Schuld:

11.Denn so hoch der Himmel über der Erde, so mächtig ist seine Liebe über denen, die ihn fürchten.

12. So fern der Morgen ist vom Abend, so weit entfernt Er von uns unsre Sünden.

13. Wie sich ein Vater seiner Kinder erbarmt, so erbarmt der HErr sich derer, die ihn fürchten.

14. Denn er weiß, was für ein Gemächte wir sind, er ist eingedenk, daß wir aus Staub geschaffen.

15. Des Menschen Tage sind wie das Gras, wie eine Blume des Feldes, so sproßt er:

16. Weht der Wind darüber, ist sie nicht mehr, und nicht mehr kennt man ihre Stätte.

17. Doch die Gnade des HErrn bleibt in alle Ewigkeit auf denen, die ihn fürchten, und seine Treue auf Kindeskindern,

18. auf denen, die seinen Bund bewahren, die seiner Gebote gedenken, um sie zu halten.

19.Der HErr, im Himmel hat er seinen Thron errichtet, und seine Herrschaft waltet über dem Weltall.

20.Lobet den HErrn, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die sein Gebot ihr ausrichtet, gehorsam dem Ruf ,seines Wortes.

21.Lobet den HErrn, all seine Heerscharen, ihr seine Diener, die seinen Willen ihr vollbringt!

22.  Lobet den HErrn, all seine Werke an allen Stätten seiner Herrschaft! Lobe den HErrn, meine Seele!

 

Gleich dem Propheten Hosea hat der Psalmist  Gott in seiner vergebenden und erlösenden Liebe geschaut. Sie ist der Inhalt des Psalms.

Zwar konnte der alttestamentliche Gerechte noch nicht so tief in die unermeßliche Höhe und Tiefe, Länge und Breite der Barmherzigkeit Gottes schauen, wie sie von der neutestamentlichen Gemeinde im Antlitz  Jesu Christi geschaut wird. Denn erst mit dem Kommen Jesu und dessen Botschaft vom Vater wurde die Liebe Gottes der untergehenden Welt noch ganz anders erschlossen. Dennoch fand auch sein Glaube bereits eine Innigkeit und Sprache für den Lobpreis der Liebe, wie sie nur von einem Begnadeten gefunden werben kann. Nachdem er sie gesehen, und zwar in ihrer Offenbarung im eigenen Leben und in der  G e s c h i c h t e  seines Volkes, hat er den Inhalt für einen Lobgesang, die Kraft zur Gestaltung eines Psalmes gefunden, in dem die Begnadeten aller Zeitalter die Sprache ihrer eigenen Seele wiederfanden.

Eine „besondere persönliche Note" erhält der Psalm dadurch, daß der Sänger sich mit einer Ermutigung an seine eigene Seele wendet. Er weiß offenbar aus schmerzlicher Erfahrung, wie auch der Begnadete und Gerechte sich in seiner Anbetung und Erhebung zu Gott hemmen lassen kann. Er wendet sich mit seiner Aufforderung daher nicht, wie dies wohl meistens geschah, an die feiernde Gemeinde, sondern an sich selbst. Der Dank seines Herzens, die Liebe zu Gott, die Kraft seines Glaubens sollen sich stärker erweisen als das Gesetz der Trägheit in seinen Gliedern. Mit dem wiederholten Zuspruch ruft er daher seiner Seele zu:

 

1. Lobe den HErrn, meine Seele,und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2. Lobe den HErrn, meine Seele, und vergiß nicht das Gute, das Er dir getan!

 

Mit dem Ausdruck „was in mir ist" bezeichnet der Sänger seine ganze Persönlichkeit, alle Kräfte, Regungen und Gefühle seines Lebens. Von der dankbaren Erhebung zu Gott soll der ganze Mensch erfaßt werden. Ein neutestamentlicher Sänger hat derselben Sehnsucht mit den Worten Ausdruck gegeben: „Ach wär' ein jeder Puls ein Dank und jeder Odem ein Gesang." Und die dankbare Erhebung hat nur ein Ziel: zu Gott selbst! Denn unter dem „heiligen Namen" ist nicht nur der Name Gottes zu verstehen, sondern die Offenbarung Gottes, wie sie dem Sänger geworden ist. Er hat Gott in seinem Tun erlebt, er weiß von den Wirkungen, die von der Gnade ausgehen. Sie sind das Geheimnis, daß ihm so viel „Gutes" zuteil wurde, daß sein Leben einen völlig neuen Inhalt und eine neue Schau gewonnen hat.

 

I. Die großen Gottestaten ( Vers 3 — 5).

 

Gott kann vom Menschen nicht gesehen, wohl aber in seinem Wirken erlebt werden. So entsteht die innere schau des Glaubens für Gottes wunderbares Tun. Aus diesem flossen dem Sänger auch die Kräfte für seinen Lobgesang. Es war mithin unendlich mehr als nur eine weihevolle Stimmung, die den Begnadeten seine Erhebung zu Gott finden läßt. Er hat Gott in seiner Barmherzigkeit gesehen. In ihren verschiedenen Wirkungen ist sie ihm zur Rettung geworden. Im Blickfeld seiner Seele steht daher Gott. Er in seiner Gnade ist der Inhalt seines Lobgesanges. Seine ganze Liebe und Hingabe gelten dem, der ihn zuvor geliebt und sich seiner angenommen hat. Nicht nur eine allgemeine Dankespflicht bewegt ihn. Sein Dank fließt aus einer Fülle erlebter Gottestaten. Sie lassen sein Herz überströmen in Freude und Dankbarkeit:

 

 3. Der dir all deine Sünden vergibt und heilet all deine Gebrechen.

 

Damit berührt der Psalmist gleich die schwerste Frage des menschlichen Lebens. Die Sündenfrage ist schwerer als alle anderen. Bricht sie auf, dann kann der Mensch an ihr zerbrechen. Und noch sind keine Mittel und keine Weltanschauungen erfunden worden, die den Menschen vor dem Aufbruch derselben in seinem Leben schützen könnten. Sie bricht aber unbedingt auf, sobald Gott mit seinem Licht und seiner Wahrheit in das Leben eines Menschen treten konnte. Im Leben Davids benutze Gott den Propheten Nathan, um dem Könige seine Blutschuld und seinen Ehebruch zum Bewußtsein zu bringen. Gott vermag jedoch letzthin alles zu einem Weg zum Menschen zu machen: Menschen, Leiden, Nöte und Gerichte. Mit Gott kommt aber das Licht und damit verbunden das Erwachen.

Mit der erwachten Sündenfrage wurde aber noch nie ein Mensch selbst fertig. Zwar konnte er sich ihr entziehen und die Sünde weiter bewußt bejahen, die Gott mit seinem Lichte verneinte. Dann war es aber immer nur noch eine Frage der Zeit, und der Mensch ging an der Sünde zugrunde, von der Gott ihn zu erlösen suchte. Die Lösung konnte immer nur von Gott selbst kommen, der in seiner Liebe zu triumphieren vermag über die Schuld. Die größte Stärke der Liebe war stets die Vergebung. In ihr allein ist auch der Psalmist angesichts all seiner Sünden zur Ruhe gekommen. In seinem Innern schweigt der Kläger, es spricht die Gnade, es triumphiert die Barmherzigkeit über die Vergeltung.

Mit der Vergebung war in der Geschichte seines Lebens aber noch ein Weiteres verbunden. Die Offenbarung der Liebe Gottes heilte ihn auch von seinen Gebrechen. Ob der Psalmist unter „Gebrechen" leibliche Schwachheit ober eine verzehrende Krankheit versteht, oder ob er in ihnen die sittlichen Schwächen als folgen der Sünde sieht, Gott in seinem Erbarmen war groß genug, ihn auch von Gebrechen zu heilen. „Mit der Sünde heilt er auch deren Folgen; er schenkt ein neues Herz und legt einen neuen Sinn in das Innere des Menschen. Der HErr vergibt alle Schuld, mag sie noch so schwer sein; er heilt alle sittlichen Schwächen, denn es gibt keine, die er nicht heilen könnte und wollte. Das Leben des Leibes und der Seele ist in Gottes Obhut geborgen4)."

 

 4.  Der dein Leben vom Verben erlöst, der dich krönet mit Liehe und Erbarmen.

 

Mit diesen Worten preist der Psalmist weiter Gottes Taten. Die Worte „vom Verberben" lassen darauf schließen, daß er sich wie einst der König Hiskias und der heimgesuchte Hiob durch Gottes Hand von einer tödlichen Krankheit errettet sah. Seine Genesung ist ihm wie ein Siegel der in der Vergebung ihm zuteil gewordenen Gnade. Nun sieht er sein Leben wie gekrönt, und zwar mit Liebe und Erbarmen. Durch sie wird seine Zukunft bestimmt werden, in ihnen wird er die Kraft zu neuem Dienst und neuem Segen finden. Sie haben in ihm die Glaubenszuversicht geweckt:

 

5.   Der mit Segen stillt dein Verhangen, daß deine Jugend  sich erneut wie eines Adlers Gefieder.

 

Mit Gott und der Offenbarung seiner Vergebung sind ihm eine ganz neue Hoffnung und neue Lebensenergien geworden. Er erlebt das große Jesajawort: „Die auf den Herrn harren, gewinnen neue Kraft, sie lassen Schwingen wachsen wie die Adler"  (Jes. 40,31). So durfte bereits ein alttestamentlicher Gerechter erleben, daß es mit Gott immer zu einem neuen Anfang im Leben eines Menschen kam. Dies große Geheimnis in seiner Wirklichkeit und in seiner ganzen Tiefe ist erst der Kirche Jesu Christi erschlossen worden. Ihre Glieder wissen von der neuen Kraft, die ihnen in Christo als dem Auferstandenen wird. Sie können bezeugen, daß dieselben Gotteskräfte, die sich bei der Auferstehung Jesu Christi auswirkten, auch in ihnen wirksam sind (Ephes. 1,19 ff.). Sie rühmen sich, aber sie rühmen sich nicht ihrer Kraft, sondern ihrer Schwachheit, damit die Kraft Christi in ihnen wirksam sei.

 

II. Die neugewonnene Gottesschau (Vers 6 — 14).

 

Nachdem er Gott in seinem gewaltigen Tun in seinem eigenen Leben gesehen, ist dem Psalmisten eine ganz neue Schau auch für Gottes Walten in der Geschichte seines Volkes aufgegangen. Ist dem Menschen erst in seiner eigenen Geschichte der Blick für Gottes Liebe und Wirken geöffnet worden, dann findet er Gott auch im Leben und in der Geschichte anderer. So erklärt sich's, daß in der Regel erst dann Menschen die Bibel mit ihren gewaltigen Zeugnissen von den Taten Gottes liebgewinnen, wenn ihr Leben selbst erst im Wirken Gottes steht.

Auch der Sänger unseres Psalms erkennt, daß er ja ein Glied jenes Volkes ist, das in seiner Geschichte von derselben Gottesliebe durchflutet und von derselben Gotteskraft getragen wurde. Das große Erleben seines Volkes wird ihm zu einer neuen Schau Gottes. Nun begreift er:

 

6.   Gerechtigkeit übet der Herr und [schafft] Recht für alle Bedrückten.

 

Schon Isaak hatte darunter gelitten, daß die Philister immer wieder kamen und seinen Herden die Brunnen raubten, die seine Knechte gegraben hatten. Unvergeßlich und lebendig war es in der Geschichte geblieben, wie sich das Weilen der Söhne Jakobs in Ägypten zu einem Sklavendienst entwickelt hatte. Der HErr in seiner Gerechtigkeit hatte über sein seufzendes Volk gewacht und zu seiner Stunde demselben einen Propheten und Retter gesandt. Diese großen Zusammenhänge deutet der Psalmist nun mit den Worten:

 

 7.  Er tat kund seine Wege einem Mose, Israels Söhnen seine Taten.

 

Moses Berufung zum Propheten, die Rettung der Söhne Jakobs aus dem Sklavenhause, Israels Bewahrung vor der Vernichtung am Sinai, des Volkes Erlebnisse auf seiner Wüstenwanderung, wie hatten sich in allem die Taten Gottes geoffenbart! Wie war Gott in seiner Gnade und in seinem Gericht in der Geschichte seines Volkes sichtbar geworben. Zwang Israels Verhalten und Untreue, wie beim Tanz ums goldene Kalb, den HErrn auch immer wieder, das Volk sich selbst zu überlassen, damit es in seinen eigenen Wegen sein Gericht finde, so bewies der ganze Verlauf der Geschichte seiner Väter dennoch:

 

8. Barmherzig und gnädig ist der HErr, langmütig und reich an Güte.

9. Nicht für immer Hadert Er und trägt, nicht ewig nach.

 

Diese Erkenntnis hatte bereits Mose auf Grund seiner schweren Erlebnisse mit seinem Volke überwältigt. Sobald sein Volk sich beugte und wieder bereit war, sich der Gnade und Leitung Gottes zu unterstellen, dann triumphierte die Barmherzigkeit über das Schwerste Gericht. Angesichts solch einer Macht der Liebe mußte bereits Mose ausrufen: „HErr, HErr, Gott, barmherzig und gnädige und von großer Gnade und Treue" (2. Mos. 34, 6)! Zwar ist Gottes Liebe nicht Schwäche. Sie züchtigt und straft, aber immer auf der Grundlage, um zu erlösen. Daher wurden gerade auf dem dunkelsten Hintergrunde der Gerichte Israels nicht selten die gewaltigsten Taten der Barmherzigkeit Gottes sichtbar. Denn auch in seinem Vergeben erweist sich Gott wirklich als Gott.

 

  10. Er handelt nicht mit uns nach unsren Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.

 

Würde Gottes Heiligkeit Gottes Liebe aufheben, stünden beide nicht in gegenseitigem Dienste, dann hätte die Vergeltung gesiegt in der Geschichte Israels. Wie oft wuchsen des Volkes Trotz und Untreue von Geschlecht zu Geschlecht. Das Volk vergaß seinen Bund mit Gott. Gott jedoch vergaß nicht seinen Bund mit seinem Volke. Gott ist Vergebung: daher läßt sich seine Vergebung auch nicht messen.

 

11. Denn so hoch der Himmel über der Erde, so mächtig ist seine Liebe über denen, die ihn fürchten.

12. So fern der Morgen ist vom Abend, so weit entfernt Er von uns unsre Sünden.

 

Die Spanne von Sonnenaufgang zu Sonnenuntergang, von Osten zu Westen, ist zu weit, als daß sie vom menschlichen Auge überschaut werden könnte. So will die Vergebung die Schuld aus den Augen Gottes entrücken. Denn Vergebung ist für Gott wirklich Vergebung. Er kennt keine Schuld, die vor ihm steht, sobald die Vergebung den Verlorenen in ihre Arme schloß. Nur so wird verständlich, daß der Begnadete nach seiner Vergebung einen so freimütigen Umgang mit Gott als seinem Vater haben kann. Stand einst seine Schuld zwischen ihm und Gott, erschien ihm einst jedes Handeln Gottes als eine Auswirkung des göttlichen Zornes, nun weiß er, daß denen, die den Herrn fürchten, alles zu deren Heil mitwirken muß (Röm.8,28). Hinfort spricht auch im Gericht zu ihm die Liebe, die nur nimmt, um zu geben, die zwar demütigt, um erheben zu können.

Das zu sehen, war der Sänger begnadigt. Er kann daher jenen ganz großen Satz prägen:

 

13.  Wie sich ein Vater seiner Kinder erbarmt, so erbarmt der HErr sich derer, so ihn fürchten.

 

Wüßten wir nicht, von wem dies Wort gesprochen, wir würden es Jesus, dem großen Propheten von Nazareth, zuschreiben. Es darf daher niemanden wundernehmen, daß von solchen fundamentalen Sätzen des Psalmisten Kräfte und Glaubensstärkungen auch in die Kirche Jesu Christi ausgegangen sind, die zu den tiefsten Erlebnissen ihrer Glieder mit Gott führten. Nie kann die Kirche sich daher dazu hergeben, Gott in dieser Geschichte seiner Liebe und in dieser Größe seiner Vergebung zu verleugnen, indem sie das Alte Testament mit seiner Wolke von Zeugen kreuzigt. Wie sie in Christo und seiner Gemeinde Gott in seinem großen Heute sieht, so schaut sie in der Geschichte des Offenbarungsvolkes sein großes Gestern. Gerade auch an der Geschichte Israels lernt sie ihre eigenen Gerichte, aber auch ihre eigene Vergebung verstehen, zu der sie sich im Glauben bekennen darf. Auch die Kirche müßte in ihrer Hoffnung zerbrechen, wenn nicht auch sie sich sagen könnte:

 

     14.  Denn er weiß, was für ein Gemachte wir sind, er ist eingedenk, daß wir aus Staub geschaffen.

 

Daß damit der Psalmist sich nicht leicht über seine Irrungen und Sünden hinwegzusetzen suchte, geht aus dem ganzen Zusammenhang seines Psalmes hervor. In den Worten liegt keine Entschuldigung für ihn, aber sein Glaube spricht so von der Größe Gottes. Ist bei Menschen erst die Grundhaltung des Lebens Ehrfurcht vor Gott geworden, dann sieht er sich von Gott als seinem Vater auch in seiner Schwachheit und Nichtigkeit verstanden. Nicht das hindert Gott, in dem Menschen und durch den Menschen seine Herrlichkeit zu offenbaren, daß er nur ein geschöpfliches Gebilde ist und aus Staub gemacht wurde. Ist seine Glaubenshaltung erst              eine an Gott gebundene, dann sieht der Mensch sich zu seinem Heil in Gottes Gnade, Kraft und Wirken mit hineingezogen. Er wird ein Glied des Gottesreiches, gehört mit zu dem großen Lebensraum im Weltgeschehen, in dem sich am innigsten und tiefsten die Herrschaft Gottes offenbaren will. Wie tief das später von Paulus verstanden wurde, geht aus seinem gewaltigen Zeugnis von der Gemeinde hervor, wenn er sagt: „Mir, dem Allergeringsten unter den Heiligen, ist dieses Gnadenamt verliehen worden, den Heiden die Heilsbotschaft von dem unergründlichen Reichtum Christi zu verkündigen und allen Aufklärung darüber zu geben, welche Bewandtnis es mit der Verwirklichung des Geheimnisses habe, das seit ewigen Zeiten in Gott, dem Schöpfer aller Dinge, verborgen gewesen ist, damit jetzt den Fürstentümern und den Gewalten in der Himmelswelt durch die Gemeinde die vielgestaltige Weisheit Gottes kundgetan werde. Diesen Vorsatz, den er vor aller Zeit gefaßt hatte, hat er zur Ausführung gebracht in Christus Jesus, unserm Herrn" (Ephes. 3,8—11).

 

III. Die unvergängliche Gottesgnade (Vers 15 —18).

 

Der Psalmist hat von dem Wissen um die Sünde geredet, daher konnte er auch als Begnadeter von dem Geheimnis der Vergebung reden. Dies Thema läßt ihn zunächst nicht los. Noch einmal kommt er auf die Gnade zu sprechen, aus der alle Vergebung fließt. Er sieht sie in ihrer Ewigkeit auf dem Hintergrund der menschlichen Vergänglichkeit. Sie ist dem geschichtlichen Vergehen nicht unterworfen, sie hat ihre Quelle in Gott.

 

15. Des Menschen Tage sind wie das Gras, wie eine Blume des Feldes, so sproßt er:

16. Weht der Wind darüber hin, ist sie nicht mehr, und nicht mehr kennt man ihre Stätte.

 

Ein ergreifendes Bild, der Mensch und seine Vergänglichkeit! Wer Gott gesehen und dessen Ewigkeit geahnt hat, vermag nie mehr huldigend vor dem Menschen und dessen Bild zu knien. In seinem Munde erstickt das Wort, das den Ruhm des Menschen verkündigen will. Bei aller Ehrfurcht vor dem Menschen als Gottes Geschöpf gehen seine Hoffnungen nie mehr vom Menschen aus. Denn mit göttlichem Maß gemessen, ist der Mensch ja doch nur gleich dem Grase des Feldes und der Blume auf dem Anger. Solange Tau und Regen ihren Boden feuchten, Wind und Sonnenschein ihr Gedeihen fördern, sprossen sie und blühen in Schönheit und Farbenpracht. Stellt sich nach dem Winterregen aber erst wieder der Glutwind der Wüste versengend ein, dann welken und sterben sie, daß kaum noch eine Spur von ihnen zu finden ist.

Diese tiefe Erkenntnis von der Vergänglichkeit des Menschen beruht auf einer rauhen Wirklichkeit. Wer sich ihr verschloß, lebte stets in einer ungeheuren Selbsttäuschung. Was der Mensch auch an Kraft, Blüte, Frucht und Schönheit entfalten konnte, eines Tages erlag er Mächten, die Stärker waren als sein Leben und Schaffen. Von solcher Vergänglichkeit ist aber nicht das Wesen, die Geschichte und das Tun der Liebe Gottes.

 

17. Doch die Gnade des HErrn bleibt in alle Ewigkeit auf denen, so ihn fürchten, und seine Treue auf Kindeskindern.

 

Wiederum findet der Psalmist eine Bestätigung in der Geschichte seines Volkes. „Seine eigene Erfahrung mischt sich mit der der Väter vor Zeiten und klingt so in den vollsten und erhabensten Tönen aus zu einem der höchsten Ergüsse dankbarer Freude über Gottes Gnade, die je aus menschlicher Feder geflossen sind, einem wahren Hohenliede eines Begnadeten auf die vergebende Vaterliebe Gottes5)." Auch sein Volk wäre längst an seinen Sünden zerbrochen und von den Katastrophen der Geschichte vernichtet worden, wenn Gottes Gnade nicht über allen Zeiten gestanden und sich den Gottesfürchtigen geoffenbart hätte. Sie kann mithin nicht mit dem Maß der Vergänglichkeit gemessen werden, sondern ist in ihrem Wirken ewig wie Gott selbst. Und je mehr die Hinfälligkeit des Menschen zu einer lähmenden und erdrückenden Macht werden will, um so heller leuchtet dem Begnadeten die Gewißheit, daß die Gnade als Quelle und Inhalt seines Lebens überzeitlich und ewig ist. In ihrer Ewigkeit liegt verbürgt auch seine Ewigkeit. Das zu wissen ist ihm höchste Glaubensgewißheit.

Es mag scheinen, wenn der Psalmist davon spricht, daß die Gnade nur auf jenen bleibe, die den HErrn fürchten, als ob auch er den einseitigen Vergeltungsgedanken der alten Zeit noch nicht überwunden hätte. Er berührt mit seiner Feststellung aber wohl weniger die Vergeltungslehre, sondern vielmehr die große bedeutungsvolle Frage der menschlichen Empfänglichkeit, der Aufnahmewilligkeit der göttlichen Gnade. Wem die Grundhaltung der Ehrfurcht vor Gott fehlt, der verneint in seinem Leben den Glauben, der die Gnade in ihrer Vergebung und mit ihrem Wirken zum Inhalt seiner Kraft macht. Er meidet die Stellung eines von Gott Begnadeten. Was der Begnadete vertrauend in Gott sucht, sucht der Ehrfurchtslose selbstvertrauend in sich selbst. Die Gnade in ihrer Offenbarung wirkt vergeblich, solange der Mensch sie bewußt verneint. Es war daher auch in der Geschichte Israels nur jener „heilige Rest" der Gottesfürchtigen, der sich von Gott begnaden ließ und die Kraft gewann, das Volk vor seinem völligen Untergang zu retten.

In diesem Sinne sind auch die weiteren Worte des Psalmisten zu verstehen, wenn er fortfährt und sagt:

 

18. auf denen, die seinen Bund bewahren, die seiner Gebote gedenken, um sie zu halten.

 

Wenn spätere Zeiten im Judentum das Gebotehalten zum Verdienst vor Gott erhoben, so zeigte sich darin, wie weit man sich innerlich von dem Geist der Propheten und Gerechten entfernt hatte. Wenn man im Glaubensgehorsam Gott gegenüber dessen Gebote hält, so liegt darin nicht ein Verdienst, sondern nur ein Finden jener Kräfte und Segnungen, die in der freiwilligen Hingabe an die göttliche Offenbarung liegen. Wie oft teilten nachkommende Geschlechter das Erbe ihrer Väter, das diese auf Grund ihres Glaubensgehorsams dem HErrn gegenüber gewonnen hatten. An der Glaubenshaltung der Väter, die in deren Bekenntnissen fest-gehalten wurde, fanden später oft Kindeskinder den Weg zu derselben Glaubenshaltung und Glaubenshingabe.

 

IV. Die weltumfassende Gottesherrschaft (Vers 19 — 2 2).

 

Wer Gott gesehen, bleibt nicht stehen bei sich selbst, auch nicht bei der Geschichte seines Volkes, auch nicht bei den einzelnen Wirkungen der göttlichen Gnade. An dem erkannten Tun Gottes geht ihm mehr und mehr das Walten Gottes auf, in dem Er über Zeit und Ewigkeit, über Gegenwärtiges und Zukünftiges, über Tod und Leben herrscht.

 

19. Der HErr, im Himmel hat er seinen Thron errichtet, und seine Herrschaft waltet über dem Weltall.

 

Des Psalmisten Worte über Gottes Thron und Walten zeigen, wie verwandte Erlebnisse mit Gott auch zu verwandten Erkenntnissen führen. Denn wie stark deckt sich des Sängers Schau mit der des Propheten Jesaja, die zu dessen Berufung führte (Jes. 6,1—4). Wie der Prophet, so sah auch der Psalmist den HErrn als höchste Majestät über alles, was im Himmel, auf Erden und unter der Erde an Herrschaften, Mächten, Kräften und Fürstentümern genannt werden mag. Menschen mit solcher Schau geht der Thron Gottes nicht verloren, sie sehen Gottes Herrschaft auch mitten im Untergang der Geschichte. Wie einem Daniel hören ihnen der einzelne und auch die Völker auf, das blinde Spiel eines Schicksals zu sein. Hinter allem Weltgeschehen steht ihnen vielmehr ein Wille, der nicht gebrochen werden kann, ein Arm, der stark genug bleibt, Zeiten kommen und Zeiten vergehen zu lassen, Könige einzusetzen und abzusetzen, Weltreiche zu rufen und zu stürzen. Sie sehen mit Luther all die „großen" Männer der Geschichte nur als „Masken Gottes" an, durch die Er seine Ziele wirkt, sie wissen mit E. M. Arndt: „Geschichten macht der Mensch — Geschichte macht der HErr!" Gott in seiner Herrschaft benutzt Kriege und Revolutionen, Machtbestrebungen von Fürsten und Empörungen der Völker, Blütezeiten der Kultur und soziale Nöte, um durch alles seine Stunde kommen zu lassen, wo Er ein Reich aufrichten kann, dessen Grundfeste Gerechtigkeit, dessen Antlitz Friede und dessen König der Menschensohn sein wird.

Es ist daher verständlich, daß der Psalmist Himmel und Erde, Engel und Menschheit mit in die anbetende Erhebung zu Gott hineinziehen will, in der er als Begnadeter vor Gott steht. Der Mensch kam noch immer von seinem kleinen Ich zu dem großen Wir der Schöpfung, sobald sich ihm im Tun Gottes das Bild Gottes erschloß. Hinfort begann sein Sehnen und Hoffen sich zu bilden nach der Größe und Barmherzigkeit Gottes. Der Begnadete will teilen mit Menschen und Engeln, was seine Seele Gott gegenüber erfüllt.

 

20. Lobet den HErrn, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die sein Gebot ihr ausrichtet, gehorsam dem Ruf seines Wortes.

21. Lobet den HErrn, all seine Heerscharen, ihr seine Diener, die seinen Willen ihr vollbringt!

 

Die Engel sind dem Sänger jene himmlischen Boten, die, ausgerüstet mit göttlicher Kraft und Vollmacht, begnadet sind, Gottes Befehle in der ganzen Welt zu erfüllen. Hören und gehorchen, gehorchen und ausführen — das ist bei ihnen eins. Ähnlich den Seraphen beim Propheten Jesaja sollen sie den Schöpfer der Welt und den König der Völker mit dem gewaltigen Choral ehren: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen und alle Welt eine Fülle seiner Herrlichkeit!" Es darf in der großen Schöpfung der Majestät Gottes gegenüber keine innere Zurückhaltung geben, selbst die einzelnen Schöpfungswerke sollen die großen Taten ihres großen Meisters rühmen. Eine ungeheuer kühne Erwartung eines Begnadeten! Er weiß aber, der Gott, der in seiner Gnade groß genug war, ihm die Sünden zu vergeben, ihn von seinen Gebrechen zu heilen und seinem Leben ein Lied der Anbetung auf die Lippen zu legen, derselbe ist groß genug, auch die ganze Schöpfung so in sein Heil hineinzuziehen, daß sie voll seiner Gnade und Herrlichkeit Ihm lobsingen wird mit dem Psalm einer vollendeten Neuschöpfung. Solche Erwartungen erschließen sich dem Begnadeten, den Gott in die Tiefen seiner Gnade hineinschauen ließ. Überwältigt von Gott ruft er Menschen, Völker, Himmel und Erde an:

 

22. Lobet den HErrn, all seine Werke an allen Stätten seiner Herrschaft! Lohe den HErrn, meine Seele!

 

So schließt der Sänger seinen Lobgesang mit den Worten, mit denen er ihn begonnen hat. Es genügt ihm nicht, daß sich allein seine Seele betend zu Gott erhebt. Wie verständlich blieb diese Sehnsucht, daß die gesamte Schöpfung an der Huldigung Gottes freudigen Anteil nehmen möchte, zu allen Zeiten besonders auch der lebendigen Kirche Jesu Christ. War sie mit dem Leben ihrer Glieder doch in besonderer Weise die Stätte seiner Herrschaft. Sie weiß auf Grund des Wortes und persönlicher Erlebnisse, welche Lebenskräfte und Segnungen mit der Herrschaft Gottes verbunden sind. So oft sie sich vertrauensvoll derselben hingab, erlebte sie das Herrschen Gottes als eine Freiheit und Erlösung, wie die Welt ihr ähnliches niemals bieten konnte. Gott, nicht aber die Welt, war daher der Inhalt ihrer Anbetung und Lobgesänge. Je tiefer ihr Glaube die Herrschaft Gottes in ihrer Mitte erlebte, desto inhaltsvoller waren die Psalmen, die sie in tiefer Anbetung und heiliger Ehrfurcht dem HErrn sang.

 

 

Anmerkungen zu Psalm 103

1) Wörtlich: „Grube", „Gruft", in welcher der Leib der Verwesung verfällt.

2) Wörtlich: „mit Gutem". Das Wort ist hier objektiv: als das absolut Gute, oder Subjektiv: als die absolute Gottesgüte zu fassen.

3) Der Adler wirft seine Federn ab, wenn sie alt geworben sind, und bekleidet sich mit neuem Gefieder.

4) E. Kalt, Die Psalmen.

5) R. Kittel, Die Psalmen.

 

 

14. Vom Aufblick zum HErrn Psalm 121

 

Überschrift: Ein Wallfahrtslied1)

 1.Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: „Woher wird mir Hilfe kommen?"

2. Meine Hilfe kommt von dem HErrn, der Himmel und Erde gemacht hat!

3.Er läßt deinen Fuß nicht gleiten, und der dich behütet, Schläft nicht.

  4.Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht!

5. Ist der HErr dein Wächter, der HErr dir Schatten zu deiner

Rechten2):

6.So wird dich am Tage die Sonne nicht stechen, noch [Schaden dir] des Nachts der Mond.

7.Der HErr wird dich behüten vor jedem Übel, behüten wird er deine Seele.

8.Der HErr wird behüten deinen Ausgang und Eingang, von nun an bis in Ewigkeit.

 

Nicht groß im Umfang, nicht reich an Worten, aber tief im Inhalt und schön in der Form ist dieses kleine Lied. Es gehört zu jenen fünfzehn sogenannten Wallfahrts- oder auch Stufenliedern, die mit dem 120. Psalm beginnen und eine selbständige Gruppe innerhalb des Psalter bilden. Man hat Sie „ein wahres Volkslieberbuch" genannt, weil in ihnen nach Inhalt und Sprache mit am natürlichsten und verständlichsten wiedergegeben wird, was das Volk sowohl in seinem religiösen als auch in seinem bürgerlichen Leben empfand, dachte und erlebte. Alte Ausleger haben diese Psalmengruppe als Reiselieder aufgefaßt, welche die jüdische Gemeinde auf ihrer Heimkehr aus der babylonischen Gefangenschaft nach Jerusalem gesungen habe. Auf Grund ihrer Forschungen haben neuere Ausleger angenommen, daß es sich hier offenbar um jene „Wallfahrts- oder Festpilgerlieder" handle, „die auf der Festreise und im Angesicht der heiligen Stadt gesungen wurden" 3).

 

Spätere jüdische Ausleger bringen die Überschrift dieser fünfzehn Psalmen zusammen mit den fünfzehn Tempelstufen, die die halbkreisförmige Treppe hatte, welche aus dem Vorhof der israelitischen Männer hinab zu dem Vorhof der Frauen führte. An den großen Festtagen, wie z.B. am ersten Tage des Laubhüttenfestes, seien bei der Feier des Wasserschöpfens auf diesen Stufen einzelne Psalmen von den Chören der Leviten gesungen worden. Bei manchen dieser fünfzehn Stufenlieder sind diese historischen Hintergründe aber ganz fraglich, und wir können nicht von ihnen aus das Verständnis für den Inhalt der einzelnen Psalmen gewinnen. Wir verstehen auch unseren 121.Psalm noch am tiefsten, wenn unser Glaube horcht, was aus seinem Inhalt einst einmal so schlicht und doch so tief zu Gott und auch zu seinem Volke sprach.

Vielleicht haben wir in ihm das Zwiegespräch einer gläubigen Seele, und zwar, wie ein großer Kenner des Alten Testamente annimmt, in liturgischer Dichtung, „in der Priester und Gemeinde oder die Priester und der Andächtige Rede und Gegenrede führen in der Art, daß der Priester im Namen Gottes die erhörende Antwort auf die bittende Frage erteilt. Hier zeigt der Inhalt, daß das Lied fern vom Tempel gebetet ist, die Wechselrede also nicht wirklich vollzogen werden kann. Es handelt sich also um ein Selbstgespräch des Beters mit seiner eigenen Seele. Die liturgische Gestalt ist nur noch Form. Aber das Wesentliche ist, daß sie ihren Ertrag geliefert hat. Ihre Frucht ist nicht gering. Was sonst der Priester spricht und tut, redet und tut hier der Betende selbst: er ist sein eigener Priester geworden. Sein Glaube gibt ihm die Antwort auf die bangen Fragen seiner zweifelnden oder geängsteten Seele"4).

Wenn wir mithin auch nicht wissen, von welchem Standort der Beter seine zuversichtlichen Blicke nach den Bergen Zions in seiner Heimat richtete, ob es geschah von der Tiefebene zwischen den beiden Strömen Euphrat und Tigris ober vom Nildelta in Ägypten aus, jedenfalls will er damit einen geistigen, innerlichen Vorgang ausdrücken. Er spricht

 

1.von einer Zuversicht des Glaubens.

 

1. Ich hebe meine Aufgaben auf zu den Bergen: „Woher wird mir Hilfe kommen?"

2. Meine Hilfe kommt von dem HErrn, der Himmel und Erde gemacht hat!

 

Es ist nicht allgemein die Sehnsucht nach Gott, die hier, ähnlich wie in anderen Psalmen, spricht. Der Sänger befindet sich persönlich oder verbunden mit seiner Gemeinde in Nöten und Bedrängnissen, die groß genug waren, daß vom Menschen her keine Hilfe zu erwarten war. Vielleicht hatte der Psalmist es bereits bitter genug durchkostet, daß verflucht ist, wer Fleisch für seinen Arm, d. h. für seine Stärke und Rettung hält. Die Ereignisse waren offenbar schwer genug, die Bedrückungen hart genug gewesen, daß er wie Luther hatte sagen können: „Mit unsrer

Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren." Denn es ist menschlich, daß wir uns in unseren Nöten und Schwierigkeiten nach Hilfe von Menschen, Zuständen oder Geschichtsereignissen umsehen. Bevor der Glaube sprechen lernt: „Meine Hilfe kommt von dem HErrn", hat auch der fromme Mensch nicht selten und oft genug in Ungeduld und in Mutlosigkeit gefragt: „Woher wird mir Hilfe kommen?"

Denn eine Glaubenszuversicht, wie sie auch aus diesem Psalm spricht, ist nicht eine Selbstverständlichkeit. Sie muß auch vom Glaubenden in neuen Lebenslagen immer wieder neu erworben werden. Martha und Maria waren stark genug in ihrem Vertrauen, daß Jesus ihren kranken Bruder Lazarus gesund machen könne. Daher ließen sie ihm sagen, daß er krank sei. Als aber Jesus erwartete, daß die beiden Schwestern ihm vertrauen sollten, als es sich darum handelte, daß Er ihn auferwecken werde, da versagten sie (Joh. 11,20.32. 39). Auch die Glaubenszuversicht derer, die den HErrn liebhaben, versagt, sobald sie Hilfe zu erwarten haben, die jenseits aller ihrer bis­herigen Erfahrungen liegt. Da muß das Vertrauen neu von Gott erbeten und geschenkt werden.

Und der HErr rechnet mit dieser unserer Schwachheit. Als man einst dem Jairus, der ebenfalls in dunkler Stunde seine Zuflucht zu Jesus genommen hatte, sagte: „Deine Tochter ist bereits gestorben, was bemühst du den Meister noch?", da sah Jesus, wie diese Kunde größer war als das Vertrauen des Synagogenvorstehers

Jairus. Darum griff Jesus unmittelbar danach ein und sprach: „Fürchte dich nicht, glaube nur!" (Mark. 5,35 ff.). Auch Glaubende haben ihr Gottvertrauen nicht wie einen Besitz; immer wieder müssen sie es neu gewinnen allein durch den Aufblickt zum HErrn und durch das Wort, das ihnen vom HErrn wird.

Vielleicht hatte auch unser Sänger angesichts seiner Lage ober seiner Verhältnisse schon oft Gefragt: „Wie soll mir hier der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs helfen?" Er zweifelte jedenfalls nicht daran, daß Gott seine Größe und Majestät in der

Geschichte seiner Väter kundgetan hatte. Um aber Gott vertrauen zu können auch in seiner gegenwärtigen dunklen Lage, mußte er Gott neu in einem noch größeren Lichte sehen als nur in der reichen Geschichte seines Volkes und seiner großen Ahnen. Er mußte ihn sehen als den Schöpfer Himmels und der Erden. Da erfaßte sein Glaube: dieser Schöpfer ist größer als mein Leid, als meine Not. „Meine Hilfe kommt von dem HErrn, der Himmel und Erbe gemacht hat."

Nachdem der Psalmist diese Gottesschau als Grundlage und Inhalt seines neuen Vertrauens gewonnen hatte, da erfaßt er neu, wie sich dieser Schöpfer Himmels und der Erde innerhalb der Geschichte seines Volkes kundgegeben hat. Er spricht von ihm als

 

2. vom Wächter und Hüter Israels.

 

3. Er läßt deinen Fuß nicht gleiten, und der dich behütet, schläft nicht.

4. Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht!

 

Gott ist nicht nur ein Gott der Urgeschichte. Gott ist auch nicht nur ein Gott der großen Glaubensväter. Er überwacht auch deinen Fuß, daß er nicht wankt. Diese Unmittelbarkeit in der gegenseitigen Beziehung, dieses Eingreifen Gottes in den persönlichen Lebenslauf gibt dem Glauben jene Stärke, durch welche er die Welt überwindet. Wie oft nahm er in dieser Zuversicht vorweg, was erst nach weiterem Warten Wirklichkeit, Geschichte werden konnte. Das noch zu Geschehende sehend, überwand er das zunächst Bestehende in seiner Härte und wartete in Geduld auf die Stunde, wo Gott handelnd in die Geschichte treten konnte. Das ist der Glaube, wie ihn in seinem Charakter der Hebräerbrief mit den Worten beschreibt: „Der Glaube ist das feste Vertrauen auf das, was man erhofft, die Überzeugung (von der Verwirklichung) dessen, was man noch nicht sieht" (Hebr. 11,1). Der Glaubende lebt von der Wirklichkeit des Verheißenen.

Ist Gott wirklich Gott, dann ist er auch der Herr der Zeiten. Er hat sich dann in seinem großen Gestern nicht erschöpft. Dann wacht Er immer noch und schläft nicht, sondern wirkt und handelt, um sein größeres Heute zu schaffen. Und was er schafft, ist ihm wertvoll genug, um es auch als seine Schöpfung vor jenem Untergang zu bewahren. Konnte einst bereits ein alttestamentlicher Sänger sich dieser Gewißheit erfreuen, wieviel mehr dürfen es heute jene, die sich als lebendige Glieder einer Neuschöpfung Gottes, als lebendige Steine des neutestamentlichen Gottestempels wissen. „Sei ohne Furcht, du kleine Herde", ruft Jesus seiner kleinen, zagenden Jüngergemeinde zu, die er gleichsam „wie Schafe unter die Wölfe" in die Welt sendet. Er weiß, daß alles Wirken und Regieren seines Vaters darauf angelegt ist, sie in seine Königsherrschaft zu führen (vgl. Luk. 12, 32; Joh. 17,14f.). Dem mag unendlich viel entgegenstehen, es mag durch manche Wehen und Nöte hindurchgehen, Gott als Hüter seines Werkes schlummert und schläft nicht. Er überwacht die Seinigen auch im Ofen des Elends, steigt mit ihnen hinab in den Glutofen Babels. Er sendet seinem Knechte einen Engel in den Löwengroben (vgl. Dan.  Kap. 3 u. 6) und läßt dessen Bewahrung zu einem gewaltigen Zeugnis werden. Denn

 

3. das Geheimnis der Bewahrung ist der Wächter Israels.

 

5.   Ist der HErr dein Wächter, der HErr dir Schatten zu deiner Rechten:
6. So wird dich am Tage die Sonne nicht stechen, noch [schaden dir] des Nachts der Mond.

 

Das war zu allen Zeiten das Große bei den Glaubenden, daß sie nie von ihrem Glauben etwas erwarteten, wohl aber von dem, der Inhalt ihres Glaubens war. Ist aber der HErr selbst in solch ein persönliches Verhältnis zu deinem Leben getreten, daß Er dein Wächter, Er dir Schatten zu deiner Rechten sein kann, dann schaden dir weder die Sonne am Tage noch der Mond des Nachts. Der Psalmist kannte die schädlichen Einwirkungen der südlichen Sonne am Tage und auch die des Mondes in den hellen Nächten. Bekannt sind die gefährlichen Sonnenstiche, wogegen sich die Araber durch ihre Nackenschleier zu schützen suchen. Er kennt auch die schädlichen Folgen von den starken Einflüssen des Mondes auf die Schläfer, die auf freiem Felde ruhen5).

Der Sänger braucht jedoch diese Bilder von dem schädigenden Einfluß der beiden Himmelslichter, um auf das Grundsätzliche zu